Archiv des Ressorts ‘Im Kiez getroffen’

Im Kiez getroffen

3. Juni 2016 (15:50)

Von Ruanda bis Kurdistan

Robert S. Plaul sprach mit Verleger und Bunkerbetreiber Enno Lenze

»Wenn viele Leute etwas wollen, ist es ein Geschäft«, sagt Enno Lenze. Das, was die Leute 2009 wollten, waren iPhones, doch die gab es in Deutschland nur zusammen mit einem Telekom-Vertrag. Also gründete er zusammen mit Randolf Jorberg kurzerhand die 3Gstore.de GmbH und importierte die Smartphones mit dem Apfel im großen Stil aus anderen EU-Ländern.

Doch das ist schon eine gefühlte Ewigkeit her, und das Smartphone, das jetzt bei unserem Gespräch vor ihm liegt, ist kein iPhone. Dafür ist es wasserdicht, sand- und stoßgeschützt und sieht ein bisschen aus wie ein Nothammer. Wofür man sowas braucht? Für Kriegsberichtserstattung von der IS-Front zum Beispiel.

Verleger, Bunkerbetreiber und Hobby-Kriegsberichterstatter Enno Lenze.

Foto: rspVerleger, Bunkerbetreiber und Hobby-Kriegsberichterstatter Enno Lenze. Foto: rsp

Über den Grünen-Politiker Siggi Martsch kam Enno 2010 das erste Mal als Urlauber in die Autonome Region Kurdistan im Irak. Er lernte neue Freunde kennen – doch die standen wegen des ISIS-Kriegs wenig später an der Front und kämpften bei den Peschmerga gegen den Islamischen Staat. Plötzlich hatte der Krieg Einzug in seine Facebook-Timeline gehalten. Doch während die Schrecken des Krieges für ihn auf diese Weise ganz nah waren, hatten westliche Medien noch nicht einmal Korrespondenten vor Ort.

Und so kehrte Enno Lenze immer wieder zurück nach Kurdistan, um selbst zu erfahren, wie die Situation vor Ort ist, und vor allem, um darüber zu berichten. Als Gast der kurdischen Regionalregierung ist er die gesamte Front zu den IS-Gebieten abgefahren und hat sich auch angesehen, wie Kurdistan mit der Flüchtlingssituation umgeht.

Auf fünfeinhalb Millionen Einwohner kommen dort nochmal zweieinhalb Millionen syrische und irakische Flüchtlinge. Das wird dort aber nicht etwa als soziales Problem angesehen, erzählt Enno, sondern nur als wirtschaftliche Herausforderung. »Irgendwo müssen die ja hin«, hat man ihm gesagt, als er fragte, wieso man so viele Menschen aufnähme. Tatsächlich bekommen sogar alle eine unbefristete Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Denn wer weiß, dass er im Notfall wiederkommen kann, geht auch freiwillig in seine Heimat zurück, so das Kalkül.

Die winzige Schramme an dem eigentlich unzerstörbaren Smartphone, das während unserer Unterhaltung mehrfach klingelt – es ist ein russischer Fernsehsender, der ein Interview will – stammt allerdings nicht aus dem IS-Krieg, sondern von einem Sturz in »seinem« Bunker.

Der Berlin Story Bunker ist sein jüngstes Projekt. Anfang 2014 – da hatte er gerade den Berlin Story Verlag, der Sachbücher über Berlin und seine Geschichte publiziert, ins E-Book-Zeitalter gebracht – übernahm er den Weltkriegsbunker am Anhalter Bahnhof. 17 Jahre lang hatte dort lediglich das »Berliner Gruselkabinett« residiert. Enno fing an zu entrümpeln und umzubauen. Vor einem Jahr zog das Berlin Story Museum dort ein, das einen kompakten Überblick über die Geschichte Berlins bietet. Demnächst soll noch eine Ausstellung über den Bunker selbst dazukommen.

Darum, Geschichte erlebbar zu machen, ging es auch beim Geschichtsfestival »Historiale« des gleichnamigen Vereins, bei dem Enno sich seit 1997 engagiert. Irgendwo in seinen Unterlagen, erzählt er grinsend, hat er aus jener Zeit noch die Genehmigung des Bezirks Mitte zur »Veranstaltung einer Märzrevolution«.

Ennos eigene Geschichte begann 1982 – mit fünf Jahren Aufenthalt in Ruanda, wo seine Eltern als Entwicklungshelfer tätig waren. Als er 1987 zurück in sein Geburtsland Deutschland kam, fand er die anderen Kinder im Kindergarten eigenartig unselbständig und dumm. »Die konnten nur eine Sprache sprechen, und die noch nicht mal richtig. Bei uns im Dorf gab es vier«, erzählt er von seiner Verwunderung.

Die »schlauen Kinder« traf er dann rund zehn Jahre später beim Chaos Computer Club (CCC), bei dem er schon wenig später zahlreiche Veranstaltungen mitorganisierte. »Niemand hat sich dort dafür interessiert, wie alt du bist, oder wie du aussiehst«, sagt Enno. »Das hat sich richtig angefühlt, anders als die Welt da draußen.«

Im Kiez getroffen

10. Oktober 2013 (14:03)

Für einen Kofferraum voll Enten

Peter S. Kaspar trifft sich mit Bernd Knümann

Einen Tag nachdem wir die Oktober-Ausgabe, in der dieses Porträt erschienen ist, fertiggestellt hatten, ist Bernd Knümann völlig überraschend gestorben. Wir sind tief betroffen und geschockt über seinen plötzlichen Tod, und wir sind sehr traurig darüber, dass aus dem Porträt jetzt gewissermaßen ein Nachruf geworden ist. Leider hatten wir keine Möglichkeit mehr, noch etwas an der gedruckten Ausgabe zu ändern. Das KuK-Team

Bernd Knümann: Technischer Zeichner, Entenhändler Fremdenführer.

Foto: privatBernd Knümann: Technischer Zeichner, Entenhändler Fremdenführer. Foto: privat

Allzu lange ist er noch kein Kreuzberger. Seit zweieinhalb Jahren wohnt er in der Solmsstraße. Doch der Weg, den Bernd Knümann genommen hat, um dahinzukommen, war schon ein etwas abenteuerlicher.

Im Münsterland wurde er geboren, wurde technischer Zeichner, arbeitete in einem Ingenieurbüro, heiratete, wurde in Reken in der Nähe von Münster Gemeinderat für die Grünen und Vater von zwei Kindern. Bis hierhin war das alles ganz normal, abgesehen davon vielleicht, dass er im Münsterland einer der ersten Männer überhaupt war, die Erziehungsurlaub nahmen. Doch dann veränderte ein ganz normaler Urlaub in Ägypten so ziemlich alles.

Bei einem Abstecher in das nördlich von Hur­gha­da gelegene El Gouna, jener jungen Stadt am Roten Meer, die inzwischen auch einen Campus der Technischen Universität Berlin beherbergt, verpassten er und seine damalige Frau einen Abzweig und landeten nicht in der mondänen Hotelstadt, sondern in dem Ortsteil El Bustan, der eigentlich für die einheimischen Bediensteten errichtet wurde. Und dort standen sie plötzlich vor der deutschen Hotelfachschule.

»Wäre das nicht was für dich?«, fragte er seine Frau, die Berufsschullehrerin war. Und so blieben sie in Ägypten hängen. Die Frage war nun allerdings, wie Bernd Knümann selbst seinen Lebensunterhalt verdienen sollte.

Kurz vor Weihnachten klagte ihm ein Hotelier, dass er keine Enten fürs Fest habe. Er setzte sich ins Auto, fuhr 500 Kilometer nach Kairo und tat dort einen Entenhändler auf. Er füllte den Kofferraum mit dem tiefgekühlten Federvieh und bot die Tiere in verschiedenen Hotels in Hurghada und El Gouna an.

Das ging so eine ganze Zeit lang gut, aber die ganze Sache war, wie er heute einräumt, irgendwie ein wenig grenzlegal. Da kam das Angebot der Firma Interwater gerade recht. Dort sollte er technischer Leiter werden – und wurde zum Experten für Umkehrosmose. Während dieses Verfahren in Deutschland bestenfalls für die Herstellung von alkoholfreiem Bier wichtig ist, spielt es in einem notorisch wasserarmen Land wie Ägypten eine überragende Rolle. Damit lässt sich aus Salzwasser Trinkwasser herstellen.

Dass etwas in der Luft lag, bemerkte er schon im Herbst 2010. Nach zehn Jahren brach er seine Zelte in Ägypten ab, rechtzeitig, ehe dort die Revolution ausbrach. Nach einem Abstecher in die Schweiz landete er in Berlin. Er machte eine Ausbildung zum Stadtführer, hat sich selbständig gemacht und inzwischen sein eigenes Unternehmen. Da bietet er beispielsweise so ausgefallene Dinge an, wie die »Poor but Sexy-Tour«, frei nach Klaus Wowereit.

Und was hat er aus seinen Jahren in der Wüste mitgebracht? »Ich habe in Ägypten Demut gelernt – und, dass Wasser viel kostbarer ist, als Benzin.«

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