Für Kinder und Erwachsene

Panzerartige SUVs haben auf Spielstraßen keine Chance

Temporäre Spielstraße an einem verregneten Sonntagnachmittag am Kreuzberger Chamissoplatz. Foto: ksk

Gerade erst hat es kräftig geregnet. Der lang ersehnte Schauer nach wochenlanger Trockenheit. Das Kopfsteinpflaster auf der Arndtstraße glänzt nass und silbrig. Kein Mensch ist bei dem Wetter unterwegs. Aber stimmt gar nicht: Ganz da vorne steht einsam eine Frau in türkisgrüner Warnweste. Das ist eine Ordnerin für die temporäre Spielstraße.

Spielstraße? Braucht man das, wenn es doch gleich daneben den Spielplatz auf dem Chamissoplatz gibt? »Die Kinder gehen zu den Spielgeräten, die wollen nicht auf der Straße spielen«, moniert eine ältere Frau, die sich an der Absperrung herumdrückt. »Die verstehen das nicht, am Sonntag dürfen sie auf die Straße und unter der Woche nicht.«

Aber dann steht man eine Weile herum und plaudert, die Sonne wagt sich hervor. Alle paar Minuten kommt ein protziger Daimler oder ein hässliches, panzerartiges SUV die Nostitzstraße hochgeschlichen, bleibt eine Weile auffordernd stehen und dreht dann ratlos wieder um.

Irgendwie ist das ziemlich lustig. »Jawohl«, denkt man bei sich, »hier kommst du nicht durch! Hier ist heute Verkehrswende, hast du verstanden, und überhaupt könntest du deine blöde, lächerliche Angeberkarre mal stehen lassen und aufs Fahrrad umsteigen!« Eigentlich ist so eine temporäre Spielstraße doch eine coole Sache.

Inzwischen bevölkern kleine Grüppchen die immer noch sehr breite Straße, mit und ohne Kinder. Sprachfetzen sind zu hören: »Die probieren wenigstens was!« – »Du glaubst gar nicht, wie schnell das aufgebaut wurde!« – »Erst gestern habe ich mit meiner Nachbarin darüber diskutiert!«

Knapp 20 solcher Spielstraßen hat der Bezirk inzwischen mit Unterstützung von Anwohnern eingerichtet. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um die Kinder, denkt man noch, die sind auf den Spielplätzen gut aufgehoben. Viel­leicht geht es viel mehr um die Erwachsenen, die auf einmal miteinander zu reden beginnen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Könnte es bitte eine Scharlach-Kastanie sein?

Der Bezirk bekommt im Herbst 155 neue Bäume – wenn die Bürger kräftig in die Tasche greifen

Straßenbaum … Foto: ksk

In der Großstadt gibt es drei Arten von Bäumen. Die Straßenbäume: Platanen, Linden, die im Sommer süßlich duften, Baumhaseln, über die sich Eichhörnchen freuen. Und natürlich Kastanien. Wenn ihre Früchte im Herbst auf die Autodächer prasseln, klingt es wie Gewehrschüsse und überall heulen die Alarmanlagen auf.

Dann gibt es die Straßenbäumchen, Chinesische Wildbirne etwa. Im Frühjahr blüht sie ein bisschen rot, ab und zu werden Äste dürr und wenn ein etwas heftigeres Lüftchen weht, fällt so ein Bäumchen schon mal mit einem leisen Seufzer um.

… und Straßenbaum-Attrappe. Foto: ksk

In der Mittenwalder Straße ist das vor ein paar Jahren passiert, da konnte man dann sehen, wie flach der Wurzelballen eigentlich ist. Ohnehin fragt man sich, wie sie in ihrer Mini-Baumscheibe überhaupt leben können. Außerdem existieren noch Straßenbaum-Attrappen in hässlichen Pflanzkübeln. Die sind häufig dürr und könnten genauso aus Plastik sein.

Jedes Jahr müssen Bäume gefällt werden. Allein in Friedrichshain-Kreuzberg sind es in diesem Jahr 622 Stück – aber da zählen auch die Anlagenbäume mit. Zum Ausgleich sollen immerhin 155 neue Bäume gepflanzt werden. Aber so wenig der Bezirk im Sommer Wasser zum Gießen hat, so wenig Geld hat die Senatsverwaltung für Umwelt für die neuen Bäume. Von den 2000 Euro, die ein Bäumchen in den ersten zwei Jahren kostet, sollen deshalb Anwohner 500 Euro übernehmen.

Entlang der Mittenwalder Straße werden noch für die Hausnummern 34, 37, 39, 41, 47, 49 und 50 Baumpaten gesucht, für den schönen Platz vor dem »Zweiten Büro« an der Fürbringer / Zossener wurden offenbar schon Spender gefunden. Aber bitte, könnte es statt der vorgesehenen Wildbirne vielleicht eine gegen Miniermotten resistente Scharlach-Kastanie sein?

Hier kann man die Kampagne verfolgen; hier ist die Liste der Bäume und hier wird jeder einzelne Baum aufgeführt. Nur dass viele der dort eingezeichneten Schwengelpumpen leider gar nicht funktionieren.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Ein ganz einzigartiges Projekt

Das House of Life leistete Pionierarbeit – macht jetzt aber leider dicht

Dank der Aktivitäten des ehrenamtlichen Fördervereins ging es im House of Life hoch her: Fest der Inklusion mit Fanfare Gertrude. Foto: ksk

Wenn man vor dem House of Life in der Blücherstraße 26B steht, wirkt es nicht besonders einladend. Eine graue, etwas heruntergekommene Betonburg, düster und unnahbar – auch die bunten Wandmalereien von Sergej Dott helfen wenig. Aber nach ein paar Schritten ins Innere ändert sich der Eindruck: Im »Café Bohne« gibt es leckeren Kuchen, im Garten lässt sich wunderbar in der Sonne sitzen und nach einer Weile wird klar, dass diese Menschen im Rollstuhl nicht einfach Menschen im Rollstuhl sind, sondern dass man mit ihnen reden kann.

Jahreskalender 2020. Zeichnung: Hardo

Als das House of Life 2006 gegründet wurde, war es ein ganz einzigartiges Projekt. Den Hintergrund bildete die wachsende Anzahl an schwer AIDS-Kranken, die intensive Betreuung benötigten, aber so gar nicht in ein übliches Seniorenheim mit einem Durchschnittsalter von 85 Jahren passten. Also entstand in langjähriger Kooperation der Berliner Aids-Hilfe mit der FSE Pflegeeinrichtungen gGmbH unter dem Dach der AWO die Idee, ein Pflegeheim nur für Jüngere einzurichten.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann bekommt den „Prize of Life“. Foto: privat

Das war das eine Bein des neuen Konzepts. Das andere bestand darin, dieses Heim nicht zu verstecken, sondern mitten hinein in das bunte, vielfältige Kreuzberg zu setzen. Die Bewohner*innen sollten ihr Gesicht nicht verlieren, sie sollten es zeigen, auch »draußen«, Brücken sollten geschlagen werden. »Das größte Geschenk, das man den Bewohner*innen machen kann«, hieß es damals, »ist eine starke und vitale Verbindung zum Leben der Stadt.«

Das ist 14 Jahre her. Viele sind im House of Life gestorben. Neben AIDS stehen inzwischen andere schwere Krankheiten im Vordergrund. In diesen 14 Jahren hat der ehrenamtliche Förderverein ein unglaubliches Feuerwerk an Veranstaltungen und anderen kreativen Ideen abgebrannt (s. rechte Seite). Aber jetzt ist damit Schluss: Nachdem es ursprünglich hieß, das House of Life werde zum 30. Juni geschlossen, ist es nun bereits seit dem 31. Mai dicht.

Der damalige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (mit Cello) beim Herbstfest 2008 mit Una Gonschorr. Foto: privat

»Die Bausubstanz des Gebäudes lässt ein weiteres Betreiben der Einrichtung durch uns leider nicht mehr zu«, schreibt die Geschäftsführung zur Begründung. Alle zuletzt 80 Bewohner*innen haben inzwischen eine neue Unterkunft gefunden, einige davon offenbar im Goldenherz in der Maxstraße. Die 65 Beschäftigten würden weiterbeschäftigt, heißt es.

Während der Träger FSE in seiner Stellungnahme geltend macht, der Entscheidung sei »ein intensiver Beratungsprozess« vorausgegangen, kam die Schließung für viele Betroffene doch sehr überraschend. Von »vollendeten Tatsachen« ist die Rede, Bekanntschaften seien zerrissen und vieles, was im Lauf der Jahre mühsam geschaffen wurde, mit einem Schlag zerstört worden. »Jetzt gehen sie wieder zurück ins Seniorenheim«, klagt einer.

Beim Träger FSE bemüht man sich hingegen um optimistischere Töne. Das House of Life habe mit der Idee der Teilhabe »wichtige Pionierarbeit geleistet«, heißt es. Und man verspricht: »Das Konzept der Jungen Pflege wird von der FSE weiter verfolgt. Wir sind auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie.«

Aufregende Zeit

Nicole Katschewitz. Foto: privat

Nicole Katschewitz ist Vorsitzende des Fördervereins House of Life e.V . Mit ihr sprach Klaus Stark.

KuK: Nicole, seit wann weißt du, dass das House of Life geschlossen wird?

Nicole Katschewitz: Das haben wir in einem persönlichen Gespräch am 5. März erfahren.

Wie habt ihr im Förderverein darauf reagiert?

Wir hätten nie gedacht, in welcher kurzen Zeitspanne das Haus geschlossen wird. Wir wollten bis zum Ende alle ehrenamtlichen Angebote weiter anbieten, aber wegen Corona herrschte seit 13. März offizielles Hausverbot.

Ist das House of Life am Ende gescheitert?

Das Konzept einer Pflegeeinrichtung für Jüngere ist nicht gescheitert. Alle Beteiligten haben immer wieder betont, dass dies wichtig und richtig war. Es war eine spannende und aufregende Zeit, die ich im House of Life verbringen durfte, wofür ich sehr dankbar bin.

Löst sich der Verein jetzt auf oder macht ihr weiter?

Das entscheidet die Mitgliederversammlung. We­gen Corona konnten wir die noch nicht durchführen.

 

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Feuerwerk an Ideen und Engagement

Eineinhalb Jahrzehnte stand der Förderverein den Bewohner*innen des House of Life zur Seite

Fragt man Marie Hoepfner nach den Höhepunkten der vergangenen Jahre, muss sie erst ein wenig nachdenken. Aber dann sprudelt es nur so aus ihr heraus: »Der Tag der Inklusion im Mai 2014. Der große Saal war proppenvoll! Jocelyn B. Smith, die hat hier 2017 einen Workshop gegeben! Oder der erste Kalender mit Fotos der Bewohner*innen, toll gestylt und im Abendkleid. Das Motto damals war: Ich bin schön! Das hat mich sehr stolz gemacht!«

Marie hat für den Förderverein House of Life e.V. die kulturellen Veranstaltungen organisiert. Der gemeinnützige Förderverein stand dem House of Life von Anfang an zur Seite, war vom Träger unabhängig und arbeitete komplett ehrenamtlich. Sein Ziel war, wie es ein Mitglied einmal formulierte, »in erster Linie das Leben der Bewohner*innen so schön und angenehm wie möglich zu gestalten«. Sein Zeichen ist die rot-grüne Schleife, die Solidarität mit HIV-Positiven symbolisiert, aber auch an die Hoffnung und das Leben erinnern möchte.

Wichtiges Werkzeug dabei war der große Speisesaal mit seiner guten Akustik, der zu einem einzigartigen Ort der Begegnung wurde, einer Schnittstelle zwischen der Innenwelt des House of Life und der Welt draußen. Aber auch ohne die Zeitschenker*innen wäre nichts gegangen – so hießen die zeitweise bis zu 20 Ehrenamtler, die im Pflegeheim für Abwechslung sorgten.

Und was hat sich der Förderverein in diesen 14 Jahren nicht alles einfallen lassen:
• Das Café Bohne öffnete jeden Samstag und Sonntag die Pforten und servierte Kaffee, Tee und Kuchen.
• Im Computerraum wurden die Bewohner*innen beim Surfen angeleitet.
• Mit Hilfe des Restkartenangebots von KulturLeben e.V. besuchten Bewohner*innen Konzerte, Theateraufführungen und Sportveranstaltungen.
• Im Freizeitraum gab es Billard, Dart, Kicker, Wii-Konsole, im Garten Kräuter-Hochbeet und Naschgarten.
• Der Verein mog61 e.V. veranstaltete im Garten des House of Life jedes Jahr Anfang Mai ein Fest der Inklusion mit Livemusik.

• Im Rahmen der Fête de la Musique am 21. Juni fand jedes Jahr das Sommerfest des House of Life statt, wo auch der »Prize of Life« verliehen wurde.
• Im Juli gab es ein Kennenlern-Picknick und im Herbst zusammen mit mog61 e.V. einen Jahreskalender mit schönen Fotos oder Zeichnungen von Bewohner*innen.
• Ganz viel los war zwischen 2015 und 2018 bei der von »Aktion Mensch« geförderten »Kiez Community« – einem Inklusionsprojekt, das ein lebendiges Netzwerk im Kiez knüpfte. Mit vielen Konzerten, Rikscha-Fahren, Mobilitätswerkstatt, Theatergruppe, Ukulele-Unterricht, Blasorchestergruppe, Kiez-Atlas und Fest der Nachbarn am »European Neighbours’ Day«.
• Insgesamt drei Bücher hat der Förderverein herausgebracht mit Biografien von Bewohner*innen und Interviews mit Pflegekräften, Ehrenamtlichen und mit Angehörigen.

• Das Projekt »Kultur am Mittag« sorgt dafür, dass Kulturveranstaltungen künftig vermehrt auch tagsüber und nicht immer nur abends stattfinden.
Was für ein Feuerwerk von Ideen und Engagement! Das alles ist jetzt vorbei. Der Förderverein hat sein Büro bereits räumen müssen. »Es war etwas Besonderes und das Konzept ist auch aufgegangen«, sagt Marie. »Dass es jetzt so hat enden müssen, ist wirklich traurig.«

Immerhin gibt es einen kleinen Lichtblick, berichtet Antje Lange, die sich von Anfang an intensiv für den Verein eingesetzt hat: Möglicherweise werden die Konzerte und andere inklusive Veranstal­tungen, für die das House of Life bekannt geworden ist, unter dem Dach des Nachbarschaftshauses in der Urbanstraße fortgeführt.

 

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Ein ganz einzigartiges Projekt

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Für Bedürftige

Neue Corona-Aktion von mog61

Auch wenn jetzt die Kneipen wieder öffnen, ist Corona noch längst nicht vorbei. Der Verein »mog61 – Miteinander ohne Grenzen« hat sich in der Corona-Pandemie bereits stark engagiert, jetzt startet er eine neue Initiative: Noch im Juni sollen an die 300 Care-Pakete an Bedürftige und Obdachlose verteilt werden. Gedacht ist an eine kleine Textiltasche mit Überlebenshilfen in dieser schwierigen Zeit: Haltbare Lebensmittel wie abgepacktes Brot, Wurst und Käse, Schokolade, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Toilettenpapier, Desinfektionsmittel – das alles könnte sehr nützlich sein.

Um die Taschen zu füllen, ist der Verein auf großzügige Spender angewiesen. Vor allem Gewerbetreibende dürfen sich angesprochen fühlen, aber auch andere Menschen werden gebeten, die Aktion zu unterstützen. Eine Spendenquittung wird gerne erstellt.

»Die Corona-Pandemie bedroht viele Menschen in ihrer Gesundheit und Existenz und stellt unsere Gesellschaft vor neue Herausforderungen«, sagt mog61-Vorsitzende Marie Hoepfner. »Besonders Menschen mit sozialen Schwierigkeiten sind gefährdet, wie Straßenkinder, Obdachlose und Bedürftige.«

Der Verein, der in Nicht-Corona-Zeiten vor allem durch sein jährliches Straßenfest in der Mittenwalder Straße bekannt geworden ist, hat gleich zu Beginn der Pandemie als Ersatz für physischen Kontakt einen Online-Treffpunkt eingerichtet und inzwischen mehr als 800 Mund-Nasen-Masken genäht, die an soziale Einrichtungen verteilt wurden. Kontakt: 0176 99 743 624 oder info@mog61ev.de

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Geschenk der Gottesmutter

Wildes Kreuzberg: Marienkäfer (Coccinella septempunctata) / Was für ein Leben: Leckere Blattläuse und jede Menge Sex

Das kann jetzt eine ganze Weile dauern – bis zu 18 Stunden. Foto: ksk

Mit dem Marienkäfer werfen wir nun endlich den versprochenen Blick auf die heimische Insektenwelt. Er heißt mit vollem Namen »Siebenpunkt-Marienkäfer«, aber das hat oben in die Überschrift nicht mehr hineingepasst. Mit seinen roten Deckflügeln und den schwarzen Punkten drauf schaut ein Marienkäfer ziemlich lustig aus.

Wahrscheinlich deshalb sind sie ausgesprochene Sympathieträger. Bauern hielten sie früher für ein Geschenk der Jungfrau Maria, auf Französisch heißen sie »bête à bon Dieu«, »Gottes Tier«, und in Berlin »Mariechenkäfer«. Manche Leute glauben, dass sie bald heiraten werden, wenn ein Käfer auf ihnen landet. Aber das ist natürlich Quatsch.

Die sieben Punkte haben übrigens nichts mit dem Alter zu tun, sondern sind sozusagen angeboren. Es gibt andere Arten mit zwei oder fünf oder 13 Punkten – aber der Siebenpunkt-Marienkäfer ist hierzulande mit am häufigsten. Das beste an ihm ist, dass er Blattläuse frisst. Sogar ziemlich viele, bis zu 100 am Tag – und das erfreut das Herz jedes Gärtners. Die Larve des Käfers, die wie ein kleines außerirdisches Monster aussieht, vertilgt ebenfalls welche. Das ist gar nicht so unheikel, denn die Blattläuse werden oft von Ameisen bewacht, die sich die Läuse wegen des von ihnen ausgeschiedenen Honigtaus als Haustiere halten. Und natürlich sind sie nicht gerade amüsiert, wenn sich plötzlich ein Marienkäfer über ihren wertvollen Viehbestand hermacht.

Außer Läusen mögen Marienkäfer vor allem Sex. Der Akt an sich sei eher unspektakulär, hört man, könne sich aber bis zu 18 Stunden hinziehen. Ist das Weibchen mit einem fertig, sucht sie gleich den nächsten, bis zu 20 hintereinander. Dieser ungezügelte Geschlechtsverkehr fördert die Übertragung von Milben, welche die Weibchen unfruchtbar machen. Zum Glück aber erst nach ein paar Wochen, so dass noch genug Zeit für die Eiablage bleibt. Sonst wären die hübschen, sexsüchtigen Mariechenkäfer vielleicht längst ausgestorben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Buntes Kreuzberg: Blau

Auch der UnterRock hat schon einmal bessere Tage gesehen

Foto: ksk

Kreuzberg ist bekannt für seine Vielfalt und Farbigkeit in jeder Hinsicht. Nun erscheint die gedruckte KIEZ UND KNEIPE leider nur in klassischem Schwarz-Weiß – was in der heutigen, reizüberfluteten Zeit aber schon fast wieder als stilbildendes Alleinstellungsmerkmal gelten kann. Unser Internet-Auftritt hingegen kennt die Farbe sehr wohl.

Deshalb gibt es dort künftig eine neue Rubrik „Buntes Kreuzberg“, immer so ungefähr zur Monatsmitte, wenn die gedruckte KuK ausgelesen ist. Ohne viel Text, mit einem Foto, das jeweils eine bestimmte Farbe in den Vordergrund rückt. „Schmuckbild“ hieß das früher. Der große Dichter Arthur Rimbaud wies den Vokalen bestimmte Farben zu, der polnische Regisseur Krzysztof Kieślowski schuf eine Trilogie mit den Farben Blau, Weiß, Rot. So anspruchsvoll sind wir nicht. Die KuK will nur ein bisschen mithelfen, die Augen dafür zu öffnen, wie bunt unser Kiez wirklich ist.

Maskenpflicht jetzt auch im Einzelhandel

Berliner Senat folgt Empfehlung von KIEZ UND KNEIPE

Schlagzeilen von rbb24, Berliner Zeitung, BZ, Tagesspiegel, Berliner Kurier.

Es kommt nicht allzuoft vor, dass der Berliner Senat sich an die Ratschläge unseres kleinen Stadtteilmagazins KIEZ UND KNEIPE hält. Aber genau das ist jetzt passiert!

Am 21. April hatte der Senat im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie beschlossen, dass im Berliner ÖPNV künftig eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden muss. In Einzelhandelsgeschäften hingegen wurde das lediglich „empfohlen“. Damit gab es in ganz Deutschland nur in Berlin in den Geschäften keine Maskenpflicht.

Die KuK berichtet darüber in ihrer Mai-Ausgabe unter dem Titel „Maskenpflicht nur im ÖPNV“ und deutet im Kommentar „Fauler Kompromiss“ vorsichtig an, dass die Redaktion diese Beschränkung auf den Nahverkehr für einen Fehler hält. Und kaum waren die Texte am Wochenende produziert, kam Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) schon ins Grübeln. „Ich habe mir das sehr genau angeschaut und war wirklich erschrocken, dass nur ungefähr ein Fünftel der einkaufenden Menschen eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen haben“, sagte sie prompt am Sonntagabend einer Nachrichtenagentur. „Ich halte deshalb auch dort eine Verpflichtung für unumgänglich.“ Und sieh an, die kritischen Stimmen mehrten sich von Tag zu Tag. Schließlich war am Dienstag nach einer erneuten Sitzung des Senats auch die Maskenpflicht in den Läden – wie von der KuK angeregt – unter Dach und Fach.

Wir fühlen uns in unserer Funktion als kritische Kiez-Presse verstanden und natürlich sehr geehrt! Allerdings hatte das nun den Nachteil, dass die Schlagzeile der gedruckten Mai-Ausgabe schon bei Erscheinen zumindest ergänzungsbedürftig war. Gerade in Corona-Zeiten ändern sich die Verhältnisse eben ziemlich schnell und auch als Monats-Publikation kann man sich nicht auf Dinge beschränken, die garantiert 30 Tage lang so bleiben, wir sie sind. Wenn es der Verbesserung der Welt dient, nehmen wir eine gewisse Unschärfe ohnehin gern in Kauf.

Apropos, da die KuK ja im Moment das Ohr des Regierenden Bürgermeisters zu besitzen scheint: Lieber Herr Müller, wäre es nicht sinnvoll, wenn in den Geschäften außer den Kunden auch alle Beschäftigten einen solchen Mundschutz tragen würden?

Maskenpflicht nur im ÖPNV

Berlin macht es wieder einmal anders als alle anderen

Die KuK-Redaktion produziert aktuell ausschließlich im Home-Office, trotzdem sind Mund-Nasen-Masken natürlich Ehrensache! Foto: kuk

Blicken wir ein paar Tage in die Zukunft? Die U 7 morgens im Stoßverkehr, die Leute drängen sich dicht an dicht und jeder hat so ein Stück Stoff im Gesicht. Das wäre für Kreuzberg wohl ein sehr ungewöhnliches Bild! Wie viele werden sich an die Maskenpflicht halten? Im Voraus kann das keiner wissen. Bei Erscheinen der Mai-Ausgabe von Kiez und Kneipe lässt sich die Frage wahrscheinlich besser beantworten.

Über eine verpflichtende Mund-Nasen-Maske im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie war lange gestritten worden. Die Bundeskanzlerin mischte sich ein, die Bundesländer stritten erneut und dann verkündete der Berliner Senat: »Bei der Nutzung des ÖPNV ist ab 27. April eine textile Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.« Ein Schal oder ein Tuch tut es also auch.

Berlin ist bei Redaktionsschluss (Stand: 26. April) das einzige Bundesland, das einen Mund-Nasen-Schutz zwar im ÖPNV, jedoch nicht in Einzelhandelsgeschäften vorschreibt. Dort wird er lediglich »dringend empfohlen«. Das Tragen von Masken in Bussen und U-Bahn wird von der BVG nicht kontrolliert. »Wir sind ein Verkehrsunternehmen, keine Ordnungsmacht«, heißt es. Bußgelder bei Verstößen sind laut dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller ebenfalls nicht vorgesehen.

Ohnehin scheint es in Teilen der rot-rot-grünen Koalition Widerstände gegeben zu haben. Die Linken befürchten offenbar, dass die Maske zu einer »Virenfalle« wird. Bei den Grünen hört man, Masken könnten »auch in falscher Sicherheit wiegen«. Die SPD hingegen will nun nachbessern und die Maskenpflicht wie in anderen Bundesländern auf die Geschäfte ausweiten.

Immer mehr Initiativen im Kiez versuchen sich an der Nähmaschine

Wo man solche behelfsmäßigen Mund-Nasen-Masken tragen muss, ist die eine Frage. Die andere: Wo bekommt man so ein Teil überhaupt her? Die Senatsverwaltung für Wirtschaft verweist auf ein Portal, wo sich Anbieter und Nutzer vernetzen können. Der Senat will diese Woche außerdem 147.000 Masken kostenlos an Bedürftige verteilen. Schon am Montag, 27. April, sollen die meisten davon den Bezirken zugestellt werden. Die Masken sind für diejenigen bestimmt, die keine Möglichkeit haben, sich eigene Masken zu besorgen. Laut Senat können Bürger die Masken bei den örtlichen Rathäusern abholen. Details sind dazu aber noch unklar.

Im Kiez gibt es inzwischen viele Ini­­tiativen, die solche Behelfsmasken aus Stoff selbst herstellen. Dabei gilt, dass sie den Träger nicht vor dem Corona-Virus schützen, unter Umständen aber das Risiko vermindern, dass er andere ungewollt infiziert.

  • mog61 Miteinander oh­ne Grenzen e.V. hat früh begonnen, Masken zu nähen. Sie kommen sozialen Organisationen, Mitgliedern von Risikogruppen, Men­schen mit systemrelevanten Berufen und Geflüchteten zugute und sind kostenlos. Wer noch mithelfen möchte, ist herzlich willkommen. Der Verein freut sich auch sehr über Stoffspenden (vgl. Interview auf Seite 10).
  • Auch das Nachbarschaftshaus Urban­straße will nach mog61-Vorbild G­e­­sichts­masken nähen und sucht Stoffe aus reiner Baumwolle.
  • Bei der WollLust in der Mittenwalder Straße werden ebenfalls hübsche Masken genäht. Der Erlös geht an Kneipen, die wegen Corona schließen mussten, etwa an den UnterRock, an Backbord und Dodo.

Insgesamt entsteht derzeit der Eindruck, dass Masken nicht mehr ausverkauft, sondern hier und da zu kriegen sind. Wenn es nicht um eine Spende geht, sollte man sich aber vor überhöhten Preisen hüten. Als eine fliegende Händlerin am Marheinekeplatz kürzlich das Geschäft ihres Lebens machen wollte, wurde sie prompt als »Krisengewinnlerin« beschimpft.

Kommentar: Fauler Kompromiss

Update: Maskenpflicht jetzt auch im Einzelhandel



Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Fauler Kompromiss

Die Berliner Politik hinterlässt einmal mehr Ratlosigkeit. Wenn die behelfsmäßigen Mund-Nasen-Masken, von denen jetzt überall die Rede ist, tatsächlich sinnvoll sind – warum werden sie dann um alles in der Welt nur im ÖPNV, aber nicht im Einzelhandel vorgeschrieben?

Die Antwort ist relativ einfach. In Berlin hat derzeit niemand vor, das Tragen von Masken in Bus und Bahn zu kontrollieren oder Verstöße zu ahnden. Deshalb ist die Maskenpflicht dort im Grunde gar keine Maskenpflicht, sondern auch nicht viel mehr als eine Empfehlung. In den Geschäften hingegen wären die Händler dafür verantwortlich gewesen, dass die Regeln beachtet werden.

Politisch gesehen ist es ein fauler Kompromiss. Wer die Maskenpflicht haben wollte, bekommt sie. Und wer sie nicht haben wollte, kann sich damit trösten, dass es in Wirklichkeit gar keine ist. In der Sache – mit Blick auf das längst noch nicht besiegte Virus – macht Berlin vermutlich gerade einen Fehler.

Siehe auch: Maskenpflicht nur im ÖPNV

Update: Maskenpflicht jetzt auch im Einzelhandel

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Autos fahren hier künftig einspurig

Pop-up-Radweg am Kottbusser Damm lässt Radler jubeln

Pressetermin am Kottbusser Damm: Kein Mundschutz, nirgends. Abstand eher fragwürdig. Foto: ksk

Es geht um temporäre Radwege oder »Pop-up-Radwege«, wie sie inzwischen heißen. Der Bezirk fing Ende März damit an, zusätzliche Radspuren anzulegen. Begründet wurde das mit der Corona-Krise. Die »existente Radinfrastruktur«, hieß es damals, sei »nicht umfassend geeignet«, die nun geltenden Abstandsvorschriften für Radfahrer einzuhalten und sie auf diese Weise vor dem Virus zu schützen.

Rund zwölf Kilometer neue Radwege wurden bereits angelegt, letzte Woche ein besonders spektakulärer Abschnitt am Kottbusser Damm. Hier fahren Autos künftig nur noch einspurig. Denn am Rande enthüllte Weisbrich die eigentliche Nachricht: Fast alle neuen Radwege werden bleiben, da sie ohnehin vom Mobilitätsgesetz gefordert würden.

Linken-Fraktionschef Oliver Nöll findet das Handeln des Bezirks gut und richtig Der ADAC wittert »Partialinteressen«, Fahrradaktivisten sind begeistert: »Ein Traum wird wahr!«, twittert einer. Würde man sich als Fußgänger nur wünschen, dass mit der gleichen Argumentation endlich die lästigen Leihfahrräder und Elektroroller von den Trottoirs verschwinden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Wie sich der Kiez verändert hat (Teil 2)

Klaus Stark berichtet von seinen Erfahrungen während der Corona-Pandemie

Der wolkenlose, blaue Himmel, die Sonne und der kalte Ostwind werden in Erinnerung bleiben. Menschen in Supermärkten, die seltsame Tänze aufführen. Als wäre überraschend die Choreographie geändert worden und sie fänden sich noch nicht ganz zurecht. Wenn sie dann einen falschen Schritt machen, lächeln sie unsicher und ein bisschen entschuldigend.

Manche sagen, die Leute rücken in der Krise näher zusammen. Mir scheint der Kiez genau so bruchstückhaft wie zuvor. »Liebe Bedürftige«, schreiben da manche an Leute, denen sie vorher niemals die Hand gedrückt hätten, und hängen Lebensmittel an einen Gabenzaun, über die sich am Ende vermutlich die Ratten freuen. In einer Edelboutique werden schon wieder Kleiderständer auf die Straße gestellt – und ja, wenn man genau hinsieht, kann man in den Augen die Euro-Zeichen blinken sehen.

Krankenschwestern rackern für einen Hungerlohn, ein Rentnerpaar mit Mundschutz schlurft verängstigt und seltsam zukunftslos übers Trottoir. Gegenüber beim Späti klumpen Männer mit braunen Gesichtern und schwarzen Bärten zusammen. Breite Ellbogen, große Gesten. Kontaktverbot? Abstand zueinander? Nie gehört. Mir doch egal!

Ein großes Ganzes oder auch nur ein Gemeinsames ist nirgends in Sicht. Stattdessen treten im grellen Licht der Ge-ahr die Unterschiede nur umso plastischer hervor: Der Mundschutz verbirgt nicht, er macht sichtbar. Früher war das schwieriger. Jetzt braucht man nur kurz hinzusehen, um zu erkennen, ob einer sozial kompatibel ist oder nicht.

Ohnehin verläuft es sich. Die menschenleeren Straßen, die geschlossenen Spielplätze gaben der Pandemie ein Stück weit ein Gesicht. Jetzt tobt auf der Zossener wieder der übliche Stau, alle atmen auf und gehen den gewohnten, lieb gewordenen Fetischen nach. Die Katastrophe hat sich in häusliche Quarantäne zurückgezogen, in die Krankenhäuser und Altenheime. Dort wartet sie.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Fast wie in der Kneipe

Online-Treffpunkt bei mog61

Marie Hoepfner. Foto: ksk

Marie Hoepfner ist Vorsitzende des Vereins mog61 Miteinander oh­ne Grenzen e.V. Mit ihr sprach Klaus Stark.

KuK: Schick schaust du aus mit Maske! Hast du die selbst gemacht?

Marie: Danke, danke! Ja, das ist eine von den fast 600 Stück, die mog61 inzwischen hergestellt hat. Wir sind zwölf Leute, darunter zwei Jugendliche. Die einen schneiden den Stoff zu, andere bügeln die Falten rein, nähen die Bänder oder machen die Masken fertig.

Für wen sind die Masken bestimmt?

Große Posten gingen an das Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße, die Sozialstation der Diakonie und an die Caritas. Weitere Masken sind für Kitas und Menschen, die Risikogruppen angehören oder in systemrelevanten Berufen arbeiten wie Krankenschwestern und Ehrenamtliche.

Warum macht ihr das?

Mund-Nasen-Masken von mog61. Foto: mog61

Es ist uns wichtig, in Zeiten von Corona unseren Teil beizutragen – auch wenn es nur ein kleiner Beitrag ist. Wir wollen uns solidarisch zeigen und helfen.

mog61 hat wegen Corona auch einen Online-Treffpunkt eingerichtet.

Ja, es geht darum, bei aller sozialer Distanz so etwas wie Nähe zu behalten. Es gibt verschiedene Themen. Mittwochs kann man mit Maike über Dinge reden, die einen belasten, und sich Mut zusprechen lassen. Donnerstags liest Gabi lustige und ernste Geschichten vor. Freitags ist Plauder­ecke mit Hilfsangeboten in der Nachbarschaft.

Kommt der virtuelle Treffpunkt gut an?

Wir machen das ja erst seit drei Wochen, so etwas muss sich etablieren. Aber wir hatten schon viele sehr gute Unterhaltungen. Simone etwa stammt aus Wien und hat erzählt, wie das mit Corona in Österreich läuft. Es ist ein wenig wie in der Kneipe, nur dass jeder sein Bier alleine trinkt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Wunderbarer Gesang

Wildes Kreuzberg: Nachtigall (Luscinia megarhynchos) / Um Mitternacht auf einer Bank am Landwehrkanal

Optisch eher unscheinbar – die Nachtigall vom Böcklerpark. Foto: ksk

In diesem Heft sollte eigentlich ein sehr besonderes Insekt gewürdigt werden. Aber das müssen wir leider verschieben, denn es ist etwas Außerordentliches passiert: Die Nachtigall vom Böcklerpark ist aus Afrika zurückgekehrt!

Mit den Nachtigallen ist es ganz ähnlich wie mit Glühwürmchen: Jeder hat von ihnen gehört, aber tatsächlich gesehen haben sie bisher nur wenige. Es sind gleichsam mystische Lebewesen. So hielten manche Leuchtkäfer sogar schon für ausgestorben, was aber gar nicht stimmt. Sie werden nur immer weniger.

Nachtigallen hingegen gibt es ausgerechnet in Berlin eine Menge – so viele, dass Berlin als »Hauptstadt der Nachtigallen« gilt. Experten zählen bis zu 1700 Brutpaare, angeblich mehr als in ganz Bayern. Als Bodenbrüter lieben sie ungepflegte Grünflächen, verwilderte Parks und verwahrlostes Straßenbegleitgrün. Ungefähr in der zweiten Aprilhälfte kehren sie aus dem tropischen Afrika zurück und errichten ihr Territorium. Während die Weibchen die Klappe halten und schweigen, stimmen die Männchen den wunderbaren, hochkomplexen Gesang an, der sie berühmt gemacht hat und seit Jahrhunderten Literatur wie Musik inspiriert.

Dabei sind es scheue, unauffällige Vögel, die man tagsüber kaum zu Gesicht bekommt. Was für ein Glück, als mittags im Böcklerpark plötzlich so ein graubraunes Vögel­chen auf einem Ast sitzt und unüberhörbar zu schmettern beginnt!

Tagsüber markieren sie nur ihr Revier, aber nachts locken sie mit schmelzenden Tönen die Geliebte an. Also lädt man jemanden ein, den man gerne hat, verspricht eine »Überraschung« und setzt sich mitten in der Nacht auf eine Bank am Landwehrkanal. Enten knarzen herum, Schwäne gleiten lautlos Richtung Spree. Es dauert lange. Aber dann, genau um 23.54 Uhr, fängt die Nachtigall tatsächlich zu singen an.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.