Wasser marsch!

mog61 sitzt nicht auf dem Trockenen

Der Verein »Miteinander ohne Grenzen – mog61 e.V.« veranstaltet nicht nur das jährliche Straßenfest in der Mittenwalder Straße und organisiert im Sommer eine Bühne zur »Fête de la Musique«. Schon vor Jahren sah mog61 mit Blick auf den Klimawandel auch nach Baumscheiben und anderem Straßenbegleitgrün.

In diesem Sommer beteiligte sich der Verein an der Aktion »Jede Wiese zählt!« des Netzwerks Nachbarschaft und nahm sich besonders der Stockrosen am U-Bahnhof Gneisenaustraße an. Einziges Problem – zumal in einem so heißen, trockenen Sommer: Woher kommt das Wasser zum Gießen?

Die Schwengelpumpe K092 vor der Hausnummer 44 könnte es liefern, die ist aber leider kaputt. Die Lösung kam in Gestalt von Felix Weisbrich, dem Chef des Straßen- und Grünflächenamts des Bezirks: Der stellte unbürokratisch ein Standrohr zur Verfügung, mit dem Wasser aus Hydranten am Straßenrand entnommen werden kann. Die Stockrosen sind gerettet und Vereinschefin Marie Hoepfner sagt: »Wir sind dem Bezirk ganz besonders dankbar, dass er uns geholfen und uns nicht auf dem Trockenen sitzen gelassen hat!«

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

»A one, two, three, four …«

Kreuzberger Klarinettenkollektiv lässt die Gesichter glänzen

Die neueste CD des Kreuzberger Klarinettenkollektivs.

Sieben Klarinetten sind schon da. Die achte macht gerade draußen ein Selfie vor dem Kirchenportal. Sieben weibliche und eine männliche Klarinette, dazu noch Bassklarinette, Schlagzeug und Kontrabass. Dann kommt von links ein Geräusch aus dem Nebenraum. Es klingt wie Wasser, das silbrig und glitzernd über Steine springt, mit vielen geheimnisvollen, bunten Dingen drin. Das ist Jürgen Kupke.

Das Kreuzberger Klarinettenkollektiv probt in der Heilig-Kreuz-Kirche für das Konzert am Abend. Das Ensemble existiert seit zehn Jahren, es besteht vor allem aus derzeitigen oder ehemaligen Schülern von Kupkes Klarinettenklassen. Kupke selbst ist ein bekannter Jazz-Klarinettist und unterrichtet an zwei Musikschulen.

Zuerst geht es um die Akustik. »Na ja, man hört schon was. Aber es ist etwas matschig«, heißt es. Also ein paar Schritte vor – oder doch wieder zurück, wegen der Beleuchtung? Die Gruppe probiert. »One, two, a one, two, three, four …«, sagt Kupke. Füße tippen im Takt auf den Boden. Mal der Absatz, mal die Fußspitze, mal die ganze Sohle. Bei ihm wippt jedes Mal der ganze Körper mit. »Wunderbar, genau so«, sagt er. »Aber etwas zusammenrücken, damit wir mehr Kontakt zueinander haben!«

So eine Klarinette hat mächtig Wumms. Immerhin ist sie lose mit dem antiken Aulos verwandt, der dem Dionysos zugerechnet wird und damals immer dabei war, wenn getanzt, gefeiert oder getrunken wurde. Neun Klarinetten haben noch viel mehr Wumms. Sie jammern, seufzen, stöhnen, klagen, schreien oder jubilieren – manchmal sogar alles gleichzeitig. Und wenn dann noch ein wilder Rhythmus die Verhältnisse zum Tanzen bringt, brechen alle Dämme.

Der Veranstaltungstechniker ordnet letztmals die Kabel, die Herbstsonne wirft freundliche helle Flecke auf die roten Backsteinpfeiler, das Kollektiv probt »All Together«, übt den »Säbeltanz« und Ravels »Bolero«. Kupke springt mit dem Instrument in der Hand auf und ab wie ein Kobold. Am Ende hat man den Eindruck, dass die Musik gar nicht aus den Klarinetten kommt, sondern anderswoher. Alle strahlen und haben glänzende Gesichter.

Nachher beim Konzert wird das, was während der Probe so leicht schien, doch etwas schwerer. Freunde und Verwandte im Publikum machen erwartungsvolle Mienen und bewegen zur Musik kaum eine Zehenspitze. Aber dafür können die tapferen Klarinettist*innen nichts. Sie fahren jetzt erst mal zu einer Konzertreise nach Israel. Der nächste feste Termin in Berlin ist erst wieder am 17. Dezember 2020 im Musikinstrumenten-Museum.

Update: Aktuelle Konzerttermine

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Mit Feuerwehr und Fahrradcheck

In der Mittenwalder ist am 7. September zum siebten Mal großes Straßenfest

Ausgelassene Stimmung in der Mittenwalder Straße beim Fest im vergangenen Jahr. Foto: mog 61

Das Fest ist ganz bewusst nicht-kommerziell – das heißt, die Rostbratwurst ist erschwinglich und die anderswo üblichen Billigprodukte aus Fernost fehlen sowieso. Am Samstag, 7. September, von 12 bis 22 Uhr ist wieder Straßenfest in der Mittenwalder Straße. Zum siebten Mal übrigens – schon eine kleine Tradition.

Organisiert wird das Fest vom Verein »mog 61 – Miteinander ohne Grenzen«. Einer der Höhepunkte ist ein knallrotes Feuerwehrauto der  Wache Urban, an dem vor allem Kinder ihr Vergnügen haben dürften. Es gibt Bachi-Ki-Do-, Aikido- und Capoeira-Vorführungen, ein Kinderprogramm mit Clowndame Julchen und andere spannende Mitmachaktionen. Außerdem den fast schon traditionellen kostenlosen Fahrradcheck.

Dazu natürlich eine große Bühne mit Live-Musik, auf der in diesem Jahr unter anderem die Musikschule BKMZ Musik aus Anatolien präsentieren wird. Das Lesezelt, das letztes Jahr so großen Anklang fand, wird es ebenfalls wieder geben. Die Künstlerinnen Maria M. Hahmann  und Kerstin Zobus stellen im Rahmen der ART Kreuzberg auf dem Fest ihre Werke vor.

Und Essen und Trinken? Erstmals werden in diesem Jahr äthiopische Speisen angeboten. Singhalesisch, italienisch, türkisch, Rostbratwürste sowieso. Bier auch.

Zum siebten Mal

Marie Hoepfner ist Vorsitzende des Vereins mog 61 e.V., der das Straßenfest zum siebten Mal veranstaltet. Foto: ksk

Marie Hoepfner ist Vorsitzende des mog 61 e.V., der das Mittenwalder Straßenfest organisiert.

KuK: Was ist das Besondere am diesjährigen Straßenfest?

Marie: Wir haben zum ersten Mal äthiopisches Essen. Darauf freue ich mich ganz besonders.  Insgesamt sind wir sehr multikulturell aufgestellt: Die türkische Musikschule ist mit dabei. An einem Stand wird ein Friseur die Haare schneiden. Er ist ein Geflüchteter, und wir wollen so zeigen, dass Integration funktioniert.

Was war diesmal am schwierigsten?

Weil die Standgebühren so niedrig sind, melden sich immer wieder Leute an und springen dann in letzter Minute ab. Das ist für uns schwierig zu koordinieren. Außerdem gibt es eine große Baustelle in der Straße. An einer anderen Stelle waren Tiefbauarbeiten geplant, die wurden glücklicherweise verschoben.

Funktionierte der Kontakt mit dem Ordnungsamt?

Seit 2013 werden wir vom Ordnungsamt Friedrichshain-Kreuzberg immer, immer unterstützt. Ohne diese Hilfestellung wäre so ein Fest nicht zu machen.

Wie wird das Straßenfest überhaupt finanziert?

Wir bekommen keine institutionelle Förderung und sind komplett auf Spenden angewiesen. Wichtigster Baustein dabei ist die kräftige Unterstützung durch »Aktion Mensch«. Von Stromnetz Berlin bekommen wir nicht nur den elektrischen Strom, sondern auch den Anschluss umsonst. Das wären sonst mehr als 2000 Euro. Dafür bedanken wir uns sehr.

Gibt es auch wieder den legendären Fahrradcheck?

Ja. Die Idee ist, dass die Leute ihr Fahrrad mitbringen. Wir gucken dann, ob alles in Ordnung ist. Kleine Reparaturen können kostenlos vor Ort erledigt werden, bei größeren Sachen gibt es eine Empfehlung fürs Fachgeschäft.

Kannst du in der Nacht vor dem Fest überhaupt schlafen?

Ja, das geht schon. Es ist ja mittlerweile das siebte Straßenfest, das wir organisieren, und vieles ist inzwischen Routine geworden. Obwohl im letzten Moment immer wieder Probleme entstehen, wo man sie vorher am wenigsten erwartet hat.

Nicht nur für Kinder

»Es geht darum, sich selbst zu finden«, sagt Ralf Bartzsch. Foto: ksk

Wer glaubt, Bachi-Ki-Do sei nur eine Sache von Muskelkraft und von roher Gewalt, liegt ganz falsch. »Es geht darum, sich selbst zu finden«, erklärt Ralf Bartzsch. »Um Fragen wie: Wer bin ich? Bin ich stark? Durch das Training soll Selbstbewusstsein entstehen und

Ausstrahlung, damit man gar nicht erst in schwierige Situationen kommt.«

Der 65-Jährige hat Bachi-Ki-Do begründet und aus anderen chinesischen Kampfkünsten für moderne Zeiten weiterentwickelt. Auf dem Straßenfest gibt seine Kampfsportschule Proben ihres Könnens. 

Gleich daneben breitet der Kranich Dojo vom Mehringdamm seine Matte aus und demonstriert Aikido – eine  traditionelle japanische Kampfkunst, bei der ebenfalls Konzentration, Disziplin und Selbstbehauptung im Mittelpunkt stehen. Und der Capoeira Angola e.V. ist mit einer Kampftanz-Show vertreten. Capoeira stammt aus Brasilien und wurde dort während der Kolonialzeit von aus Afrika verschleppten Sklaven praktiziert.

Außerdem gibt es auf dem mog-Straßenfest wieder viele spannende Mitmachspiele für Kinder mit Clowndame Julchen, Kinder­yoga und einen kreativenTextildruck-Workshop – der ist aber auch für interessierte Erwachsene.

Essen & Trinken

Ethiopia Mandefro  serviert leckere Speisen auf Injera. Foto: privat

Zum ersten Mal ist auf diesem Straßenfest ein Stand mit original äthiopischem Essen vertreten. Ethiopia Mandefro  vom »Little Ethiopia« in der Gneisenaustraße 63 serviert leckere Speisen auf Injera, dem leicht säuerlich schmeckenden  Fladenbrot, das in Afrika traditionell auf einem heißen Stein  gebacken wird. Vegan mit Linsensoße, Grünkohl, Weißkohl, Karotten und Kartoffeln oder mit scharfem Rindfleisch und mildem Hüttenkäse. 

Aber das ist nicht alles: Außerdem gibt es leckere  Gemüse- und Fleischgerichte aus Sri Lanka, gut gewürzte türkische Köfte direkt vom Grill, italienische Kleinigkeiten und natürlich die klassische Rostbratwurst im Brötchen mit Ketchup oder Senf. Und »ganz, ganz viel Kuchen«, wie mog-Chefin Marie Hoepfner versichert.

Und zu trinken? Fassbier ohne Ende, spanische Weine von »Wein & Vinos«, Cocktails, Raki, die üblichen Softdrinks und selbstverständlich Kaffee.

Knallrote Feuerwehr

Das Lösch- und Hilfsfahrzeug (LHF) 16/12 wurde speziell für die Großstadt  entwickelt. Foto: ksk

Auf der Feuerwache Urban in der Wilmsstraße ist neben der  Berufsfeuerwehr auch eine Abteilung der Freiwilligen Feuerwehr stationiert. Mit ihren 19 Mann und einer Frau rückt sie immer aus, wenn die hauptberuflichen Kollegen Unterstützung brauchen. Deshalb müssen Ausbildung und  Qualifikation genauso gut sein wie bei der Berufsfeuerwehr. Die freiwilligen Feuerwehrleute haben ständig einen Piepser dabei und im Alarmfall sind sie innerhalb von 30 Minuten einsatzbereit.

Ihr Schmuckstück und Hauptarbeitsmittel ist ein Lösch- und Hilfsfahrzeug (LHF) 16/12, das speziell für die Großstadt  entwickelt wurde. Es hat einen Löschwassertank mit 1200 Litern, Pumpe, Schaummittel und  jede Menge technische Geräte an Bord. Das knallrote Feuerwehrauto ist eine der Hauptattraktionen dieses Straßenfestes. Kinder können sich die Technik erklären lassen und auch darin herumklettern.

»Natürlich kann es bei so einem Einsatz auch mal gefährlich werden«, gibt der stellvertretende Wachleiter Dominique Schimo Auskunft. »Aber aufgrund unserer Ausbildung ist das ein kalkuliertes Risiko. Im Grunde leben wir hier den Traum jedes kleinen Jungen aus.«

Kultur im Lesezelt

Carpathia-Verleger Robert S. Plaul will Literatur auf die Straße bringen. Foto: ksk

Auch diesmal gibt es auf dem Straßenfest wieder ein Lesezelt. Die Idee stammt vom Carpathia Verlag und stieß im vergangenen Jahr auf große Resonanz. Autoren und Autorinnen von Kleinverlagen im Kiez und anderswo lesen zwischen 15 und 20 Uhr aus ihren Werken, jeder eine halbe Stunde lang. »Wir wollen damit Kultur auf die Straße bringen und gleichzeitig die Vielfalt des Programms unabhängiger Verlage zeigen«, so Carpathia-Chef Robert S. Plaul. Das Programm:

15:00 Nadire Biskin: »Flexen. Flâneusen* schreiben Städte« (Verbrecher Verlag)

15:45 Carsten Zehm: »Operation Romulus« (acabus Verlag)

16:30 Maik Gereckes: »Zerschlagen« (VHV-Verlag)

17:15 Kathrin Wildenberger: »ZwischenLand« (Verlag duotincta)

18:00 Thilo Bock: »Der Berliner ist dem Pfannkuchen sein Tod« (Satyr Verlag)

18:45 Tibor Baumann: »Was du nie siehst« (Carpathia Verlag)

19:30 Marion Alexa Müller: »Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren« (Periplaneta Verlag).

Und weil wir schon bei der Kultur und beim Lesen sind: Natürlich ist auch die KuK-Redaktion auf dem Fest mit einem eigenen Stand vertreten.

Musikprogramm

13:30 Barny and the Pale Blue Dot Arkestra 

(Jazz / Soul / R&B / Rap)

Barny ist ein alter Bekannter, der schon auf früheren Straßenfesten mit dabei war. Jetzt hat er sich eine Band zugelegt. Neben Gesang und Keyboards gibt es nun auch Gitarre, Schlagzeug und Bass.

15:00 Bildung Kultur Musik Zentrum e.V.

(Musik aus Anatolien)

Das BKMZ von Müzik Okulu ist eine Musikschule in der Mittenwalder Straße 15. Es treten Kinder, Jugendliche und Frauen auf und natürlich darf auch getanzt werden!

17:00 Melodi

(Pop und Balladen)

Melodi ist 17 Jahre alt und macht eine Ausbildung als Altenpflegerin. Sie singt auf Englisch – zum Beispiel den berühmten Song »Hallelujah«.

17:30 DJ Mixanthrope

(Afrikanische Musik zum Tanzen)

DJ Mixanthrope kommt aus Frankreich und legt afrikanische Musik auf, die er auf ausgesprochen kreative Weise verändert. Kenner der Szene sagen über ihn: »He loves shaking dancefloors with african voices, electronic beats and tropical grooves.«

19:30 Pirilampos Experimental Flights

(Musik mit südafrikanisch-brasilianischen Wurzeln)

Pirilampos spielten diesen Sommer beim »Karneval der Kulturen«. Meditative Gedichte treffen auf heiße Rhythmen, traditionelle afrikanische Instrumente auf modernen Pop. 

21:00 Orquesta Randalera

(Swing / Latin / Rock / Jazz / Funk)

Das Orquesta Randalera beweist, dass Humor und Musik zusammengehören. Die witzigen spanischen Texte machen sich über das nicht immer einfache moderne Leben lustig, und die Musik reißt selbst den mit, der nicht besonders gut Spanisch versteht.

Die komplette Themenseite mit Plan vom Straßenfest gibt es hier als PDF zum Downloaden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Über den Wolken

Anja Spranglewski trinkt mit Klaus Stark Bier und erzählt vom Fliegen

Anja Spranglewski Foto: ksk

Es ist nicht einfach, ein Date mit Anja Spranglewski zu haben. Beim ersten Versuch hatte sie am Tag zuvor ausgiebig ihren 36. Geburtstag gefeiert und war unpässlich. Beim zweiten lag sie mit Angina im Bett. Heute kommt sie direkt aus Norditalien, erst vor zwei Stunden ist der Flieger gelandet. »Ryanair«, sagt sie abfällig und rümpft die Nase.

Am Vormittag ist Anja noch auf der Piazza San Marco in Venedig herumspaziert. »Tauben ohne Ende. Ich hasse Tauben! Aber, boah, ey, was für ein geiles Wetter!« Den fauligen Geruch von Wasser in der Nase, die Ponte di Rialto vor Augen, Tausende von Touristen, die Gondolieri. »Eine Stunde in der Gondel kostet 80 Euro. Das ist echt happig!«

Anja hat es mit dem Fliegen, so viel sei verraten. Im Flugzeug kommt man viel in der Welt herum, hat nicht jederzeit festen Boden unter den Füßen und manchmal gerät der Passagier in Turbulenzen oder plumpst in ein Luftloch. Anja kann Karussells auf dem Jahrmarkt gar nicht leiden, aber diese Luftlöcher liebt sie. »Je heftiger, desto besser«, sagt sie und strahlt.

Vielleicht ist das Fliegen so etwas wie ein Gegenprogramm zur Kindheit im ländlichen Rathenow. Das liegt nicht ganz am Rande der Welt, aber nicht weit davon entfernt. Viel Natur, ein bisschen Havel. Anja nippt am Bier und erzählt den Witz von den drei Meeren: »Waldmeer, Sandmeer, gar nichts mehr.« Brandenburg halt.

Sie war viel mit dem Opa fischen und kennt heute noch Barsch, Zander, Hecht, Aal und Rotfeder. Und sonst? Abitur am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium. Schon damals war Berlin glücklicherweise zum Party-Machen nur eine Stunde entfernt. Freiwilliges ökologisches Jahr. Ausbildung zur Raumausstatterin. Der erste Aufbruch ins Ausland: Praktikum bei einem Möbelrestaurator in Vicenza. Dann Bachelor of Arts in Marketing. Ein paar Jobs in irgendwelchen Start-Ups. Weil dort wenig zu verdienen ist, kellnert Anja nebenbei in der »Roten Beete« in Schöneberg.

Plötzlich das große Los. »Es war reiner Zufall«, sagt sie. Bei Facebook stieß sie auf ein Casting im Hotel Riu Plaza. Flugbegleiterin bei Germania. Ein paar Tests, Allgemeinwissen, Englisch. Sie wird genommen. Sechs Wochen Schnellkurs in Prieros. Und dann hob Anja Spranglewski ab. Sie flog Kurz- und Mittelstrecken, Heimatbasis war erst Schönefeld, dann Tegel. Lanzarote, Teneriffa, auf die Balearen. Direktflüge nach Beirut und Tel Aviv. Gute Bezahlung, nette Kollegen, schicke Uniform. Das volle, pralle Leben.

Freundinnen mäkelten, sie sei doch viel zu intelligent, um nur zu fliegen. Aber sie meint: »Ich war angekommen! Entweder ist es ein Job oder eine Berufung – und für mich war es das Letztere.« Sie mag es, beobachtet zu werden und im Mittelpunkt zu stehen. Den Umgang mit Menschen, wenn Erwachsene zum ersten Mal fliegen und vor Begeisterung glänzende Augen wie kleine Kinder bekommen.

Aber Frau Spranglewski, ist Fliegen nicht gefährlich? Ja gut, ein paar Mal musste der Pilot durchstarten, in Madeira mit seinen heiklen Auf- und Abwinden. »Aber Fliegen ist safe. Radfahren ist viel gefährlicher! Deshalb habe ich zum Geburtstag auch einen Helm bekommen!«

Haben Flugbegleiterinnen tatsächlich Sex mit Piloten oder Passagieren? »Nein. Ich war voll anständig.« Was natürlich nicht ausschließt, dass man nach dem Flug so einen coolen Kerl daten kann. Anja nippt vielsagend an ihrem Bier.

Es waren die besten zwei Jahre ihres Lebens. Doch am 5. Februar 2019 ging die Fluggesellschaft Germania pleite. »Es war furchtbar. Vor allem am Anfang war es richtig, richtig hart.« Anja verlor ihren Job, sie verlor viele Freunde. Sie verlor ihren Lebensinhalt, ihr Glück. Jetzt kellnert sie wieder in der »Roten Beete« oder im »UnterRock« und wird ganz sentimental, wenn ihr irgendwo das satte Germania-Grün in die Augen fällt.

Und ist auf der Suche nach Plan B. Mit Ryanair will sie nicht fliegen, Easyjet ist dicht. Swissair vielleicht. Die fliegen Langstrecke. São Paolo, Johannesburg, Singapur, Peking. Aber dann müsste sie aus Berlin weg nach Zürich. »Schaun wir mal«, sagt sie. Am Wochenende will Anja erst mal zum Chillen nach Sardinien. Gerade sucht sie noch den passenden Flug. »Wenn es unter 100 Euro ist, mach ich’s«, sagt sie.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Bald sind die Parklets weg

Bergmannstraße: Bürgerbeteiligung geht in die Endphase

Neue Schautafeln an den Parklets in der Bergmannstraße stehen schon bereit. Foto: ksk

Den ganzen Sommer über erhitzten sie die Gemüter, jetzt werden sie doch abgebaut – die umstrittenen Parklets in der Bergmannstraße. Die leicht verblassten grünen Punkte verschwinden gleich mit. Ab 9. September werden im Rahmen einer »Open-Air-Gallery« noch die Ergebnisse von zwei Bürgerwerkstätten auf den Parklets präsentiert. Aber Ende September sind sie dann weg.

Die Bürgerbeteiligung zur Begegnungszone geht in die Endphase. Im Mai gab es eine gut besuchte Werkstatt im Columbiatheater. Es folgte eine Befragung, von 4000 Haushalten, immerhin ein Viertel hat darauf geantwortet.

Eine Mehrheit wünschte sich »massive verkehrliche Veränderungen in der Bergmannstraße«, so das Bezirksamt. Der Großteil der Befragten habe sich für eine weitergehende Verkehrsberuhigung ausgesprochen und für bessere Bedingungen für Fußgänger und Radfahrer. Die Parklets seien hingegen »kontrovers gesehen« worden.

Die Ergebnisse flossen in zwei Bürgerwerkstätten am 13. und 15. August mit insgesamt 100 per Zufallsstichprobe geladenen Teilnehmern ein. Diese erarbeiteten dort »vier Planungsperspektiven«, die nun auf den Parklets vorgestellt und gleichzeitig online bewertet werden können. Zudem werden sie am Freitag, 20. September, vor Ort einen Tag lang exemplarisch demonstriert – um auszuprobieren, wie diese Ideen im Alltag aussehen.

Die Parklets werden eingelagert, im ersten Halbjahr 2020 soll dann die BVV über die endgültige Gestaltung der Bergmannstraße entscheiden. Währenddessen sind in der benachbarten Friesenstraße die Bauarbeiten längst beendet: Seit Anfang August fließt dort wieder der Autoverkehr. Jetzt auf Asphalt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Ampeln am Unfallschwerpunkt

Mittenwalder Straße bis Oktober gesperrt

Labyrinthische Plastikabsperrungen an der Mittenwalder Straße. Fotos: ksk

Das erste Labyrinth der Geschichte, das König Minos auf Kreta anlegen ließ, war so kompliziert, dass man nur mit Hilfe von Ariadnes Faden wieder herausfand. So einen Faden hätte man jetzt gerne zwischen all den komplizierten Schranken und Hinweisschildern an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße. Nun ist das aber gar kein Labyrinth.

Vielleicht der neue Lagerplatz für alle hässlichen orangen Plastikabsperrungen in Berlin? Auch falsch. Nur eine simple Baustelle. Weil es an der Kreuzung immer wieder zu Unfällen kommt, erhält sie eine behindertengerecht ausgebaute Ampelanlage, Kosten: 380 000 Euro.

Mittenwalder Straße gesperrt, Brachvogelstraße gesperrt, mindestens bis Ende Oktober. Fehlen nur noch ein paar große Findlinge.

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Die KuK berichtete …

Mal zu viel, mal zu wenig Wasser

In der August-Ausgabe hatte sich die KuK mit den Schwengelpumpen im Kiez beschäftigt. Bei einem großen Test haben von 32 Straßenbrunnen lediglich elf funktioniert. Während die beiden Plumpen in der Baruther und der Fürbringerstraße munter Wasser spenden, liegen die beiden Brunnen in der Mittenwalder Straße seit Jahren brach.

Das ist besonders misslich, weil die Pumpen in trockenen Sommern eine wertvolle Hilfe beim Gießen von Straßenbäumen darstellen könnten. Jetzt hat auch die SPD das Thema entdeckt. Sie fordert das Bezirksamt auf, dafür zu sorgen, dass die Brunnen funktionieren oder eben durch neue ersetzt werden.

Generell solle »die AnwohnerInnenschaft beim Gießen unbürokratisch unterstützt« werden, heißt es in dem SPD-Antrag. Der wurde inzwischen im Umweltausschuss beraten und zur Annahme empfohlen.

Gute Nachrichten gibt es auch vom Gewobag-Hochhaus in der Friedrichstraße 4. Nachdem Alexander Gustov in der KuK darüber klagte, dass in der Wohnung seiner Eltern das Wasser auf den Balkonen nicht abfließt, waren inzwischen mehrfach die Handwerker da und alles ist paletti.

Der Kinderzirkus Cabuwazi, über den die KuK im August-Heft berichtete, bangt hingegen immer noch um seine weitere Zukunft auf dem Tempelhofer Feld. Eine Gruppe von Eltern und Kindern hat deshalb jetzt eine Petition an den Berliner Senat für den Erhalt des kreativen Freizeitangebots gestartet.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Heftiger Streit im Wrangelkiez

Online-Petition gegen Autofreiheit

Wenn es um das Thema Verkehr geht und das Wort »Wrangelkiez« fällt, folgt fast zwangsläufig das Adjektiv »autofrei« – so sehr hat sich der Slogan »Autofreier Wrangelkiez« der Initiative vor Ort inzwischen eingeprägt. Sie will den Autoverkehr verringern und den Straßenraum insgesamt gerechter aufteilen. Durchgangsverkehr und Raser sollen ausgebremst und stattdessen mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer geschaffen werden.

Der Senat finanziert eine Machbarkeitsstudie, Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann freut sich über ein »Pilotprojekt für Autofreiheit in der Innenstadt«, das sogar zu einem »Vorreiter für moderne Mobilität« werden könnte.

Bezirksstadtrat Florian Schmidt hat erst vor Kurzem Poller für eine Diagonalsperre an der Kreuzung Wrangel- / Falckensteinstraße gesetzt. Er wusste sich dabei einig mit Anwohnern und Wrangelkiezrat.

Jetzt aber erhebt sich plötzlich heftiger Gegenwind. Eine Online-Petition spricht sich entschieden gegen einen autofreien Kiez aus. Um mehr Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer zu schaffen, würden Tempolimits genügen, heißt es. Gewerbetreibenden sei der Aufwand nicht zumutbar. Vor allem aber könnte die Aufwertung durch die Autofreiheit Mieten auf Höhen steigen lassen, die sich »alteingesessene Kreuzberger nicht leisten können«. Bei Redaktionsschluss hatten schon 701 Kreuzberger unterschrieben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Mehr Grün im Kiez

Wildblumenwiese in der Baerwaldstraße wird erweitert

Friedrichshain-Kreuzberg ist der am dichtesten besiedelte Bezirk Berlins. Entsprechend eng bebaut sind die Flächen. Zumal im Sommer glüht oft die Betonwüste, es wird immer heißer, die Menschen schwitzen.

Mit einer Studie will das Bezirksamt jetzt herausfinden, wo es Freiräume für mehr Grün geben könnte. Bei einer Auftaktveranstaltung am 20. August mit dem Titel »Mehr Grün im Kiez« stellten Initiativen ihre Projekte vor. Darunter die Waldkümmerin Katja Frenz aus dem Robinienwäldchen, das Aktionsbündnis »Lebenswertes Wohnen in Friedrichshain-West« und Markus Schega von der Nürtingen-Grundschule in Kreuzberg. Er unterstrich das Potenzial von Schulhöfen.

Außerdem will das Bezirksamt weitere Wildblumenwiesen anlegen. So soll die schöne kleine Wiese am Mittelstreifen der Baerwaldstraße deutlich erweitert werden. Geplant sind »krautige Blühpflanzen«, heißt es, die Flächen würden »demnächst für die Aussaat vorbereitet«.

Die kleine Wildblumenwiese an der Baerwaldstraße ist ein Refugium für in der Großstadt selten gewordene Blütenpflanzen – hier eine Windblumen-Königskerze (Verbascum phlomoides). Foto: ksk

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Die meisten Brunnen sind kaputt

Mitten in der Jahrhunderthitze macht Kiez und Kneipe den großen Schwengelpumpentest

Seltene Glücksmomente für Bienenschützer und die Freunde von Straßenbäumen: Das Wasser fließt! Hier an der Ecke Schleiermacher- / Blücherstraße. Foto: ksk

Unauffällig stehen sie am Gehsteigrand. Wer nicht bewusst auf sie achtet, sieht sie oft gar nicht. Wahre Kunstwerke sind darunter, zum Beispiel die alten Lauchhammerpumpen aus dem 19. Jahrhundert mit dem Fischkopf, dem Drachenkopf oder dem Pelikan. Berlin hat einen großen Schatz: Es sind an die 2000 von der öffentlichen Wasserversorgung unabhängige Straßenbrunnen.

Die Idee mit den Pumpen geht auf den Großen Kurfürsten zurück, der 1666 »für Berlin und Cölln die Ordnung feststellte, welche bei der Benutzung und Unterhaltung der öffentlichen Straßenbrunnen beobachtet werden sollte«, wie der Historiker Ernst Fidicin später berichtete. Heute existieren in Kreuzberg noch rund 100 und in Friedrichshain knapp 50 davon.

Sie heißen im Volksmund »Plumpe«, liefern nur Brauchwasser und dienen in Zeiten, in denen das Trinkwasser auf Knopfdruck sprudelt, als eine Art Notwasserversorgung für Krisenfälle. Etwa die Hälfte gehört dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die andere dem Land.

Natürlich können Kinder an so einer Pumpe auch wunderbar herumplanschen. Und sie könnten die Geheimwaffe gegen trockene Sommer, gegen dürstende Straßenbäume und dahinwelkende Wildblumen sein. Wenn, ja wenn die wunderbaren Pumpen nur funktionieren würden. Denn das tun sie häufig nicht.

Mitten in der Jahrhunderthitze hat die KuKden großen Plumpentest gemacht. Im engeren Verbreitungsgebiet existieren laut Plan 34 solcher Pumpen. Zwei davon wurden ohnehin entfernt. Von den übrigen 32 Straßenbrunnen spenden lediglich elf frisches Wasser. Die restlichen 21 sind versiegt.

Wie Pumpe Nummer 4 am Marheinekeplatz. »Die ist schon lange kaputt«, klagt eine Frau, die auf dem Flohmarkt einen Stand mit Playmobilfiguren betreibt. »Wenn Touristen kommen, sag ich immer: Pass auf, sonst fällt dir der Schwengel noch auf den Kopf!« Nummer 52 am Chamissoplatz war ein Jahr lang tot, jetzt geht sie wieder. »Aber die ist so schwergängig, dass ich immer Leute zum Helfen brauche«, beschwert sich eine Frau, die dort Blumen einpflanzt.

Der Pumpentyp »Lauchhammer I« von 1895 mit dem berühmten Fischmaul. Hier vor der Nostitzstraße 49. Foto: ksk

Laut Bezirksamt kostet die Reparatur einer Pumpe nur zwischen 2000 und 10 000 Euro. Warum werden sie nicht flächendeckend alle wieder in Gang gebracht? Vor allem der Bund lässt sich damit Zeit. Tatsächlich haben beim KuK-Test von den 18 Landesbrunnen im Kiez immerhin acht, von den 14 Bundesbrunnen aber nur drei funktioniert.

Es sei in den letzten Jahren ein »erheblicher Investitionsstau« entstanden, gibt das Bonner Bundesamt für Bevölkerungsschutz zu. Gegen das Wässern von Straßenbäumen hat man dort nichts einzuwenden. Allerdings bestehe kein Anspruch auf eine »irgendwie geartete Lieferleistung«.

Derweil hat der Bezirk wieder alle Bürger dazu aufgerufen, angesichts der herrschenden Trockenheit bei der Rettung der Straßenbäume mitzuhelfen. »Jeder Liter zählt«, so Stadtrat Florian Schmidt. Zwei bis drei Eimer pro Baum und Tag sollten es mindestens sein. Woher das Wasser kommen soll, erklärt er nicht. Notfalls eben von der Rentnerin aus dem fünften Stock.

Letzten Sommer wurde noch eine Karte der Schwengelpumpen publiziert. Traut man sich offenbar gar nicht mehr. Hülfe auch wenig genug – die meisten sind ohnehin außer Betrieb.

 

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2019.

Mit Steinen gegen Falschparker

Bezirksamt greift an der Marheineke-Markthalle zu ungewöhnlichen Methoden

Findlinge und rot-weiße Baken sollen Raum für Begegnung schaffen. Foto: ksk

Sie wirken ein wenig, als wären sie gerade vom Himmel gefallen. Sind sie aber natürlich nicht: Wieder einmal ist das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg an allem schuld. Seit Mitte vergangener Woche zieren an die 21 massive Feldsteine und einige rot-weiß-gestreifte Baken den Platz südlich der Marheinekehalle. Damit sollen die zahlreichen Falschparker vertrieben werden.

Weil die Friesenstraße wegen Bauarbeiten bis Ende Juli komplett gesperrt ist, hatte die Initiative »Leiser Bergmannkiez« die Idee, die breite Straßenfläche solange zu einem »Begegnungplatz« umzufunktionieren. Das Bezirksamt stieg darauf ein und ließ tatsächlich einige der Gitter entfernen, welche das Überqueren der Straße verhindern. Doch die Resonanz fiel eher bescheiden aus – nicht zuletzt wegen der vielen Falschparker, die sich vor der Bio Company breitmachten.

Auch beim »Leisen Bergmannkiez« war man zunächst nicht sonderlich glücklich, verlangte zusätzliche verkehrslenkende Maßnahmen und wollte niemandem empfehlen, den Platz in dieser Form zu benutzen.

Darauf hat das Bezirksamt jetzt mit den Steinbrocken reagiert. »Mal schauen, was das bringt«, sagt Hans-Peter Hubert von der Initiative abwartend. Viele Passanten vor Ort reagieren überrascht. »Wer hat das gemacht?«, fragt ein älterer Mann ganz empört. Eine Frau mag die grünen Punkte in der Bergmannstraße und sie mag auch die neuen Findlinge: »Hier bewegt sich wenigstens was«, sagt sie.

Kommentar: Noch kein Begegnungsplatz

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2019.

Noch kein Begegnungsplatz

Zunächst muss man ja alle loben. Die Leute vom »Leisen Bergmannkiez«, weil sie auf die lustige Idee mit dem Begegnungsplatz kamen. Das Bezirksamt, weil es – entgegen dem üblichen Beharrungsvermögen von Behörden – bereitwillig darauf einstieg und jetzt sogar noch kreativ nachgelegt hat.

Allerdings waren die Falschparker nie das große Problem für den Begegnungsplatz. Es sind die Fahrradfahrer: Sie sausen die Friesenstraße hinauf und hinab, was derzeit verboten ist. Sie nutzen die Fahrbahn, wenn sie auf den Radweg gehören, und radeln auf der einen Richtungsspur, wenn sie auf der anderen unterwegs sein müssten.

Für Fußgänger bedeutet das, dass sie nirgendwo sicher sind. Hier liegen rätselhafte Wackersteine im Weg, dort tobt bedrohlich der Fahrradverkehr. Ein Platz, der zum Verweilen einlädt, auf dem man sich gern und ungefährdet begegnen kann, ist das nicht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2019.

Weine nicht, wenn der Regen fällt …

Auf einigen Balkonen im Gewobag-Hochhaus in der Friedrichstraße kommt es dann zu Problemen

Alexander Gustov ist mit dem Service des kommunalen Wohnungsunternehmens sehr unzufrieden. Foto: ksk

Ortstermin in der Friedrichstraße 4. Es ist heiß, seit zwei Wochen hat es nicht mehr geregnet. Trotzdem sind auf dem Balkon von Frau Melnikowa noch die Spuren zu sehen, die das Wasser hinterlassen hat. Auf dem Balkon einer Nachbarwohnung steht es sogar jetzt noch zentimeterhoch. Die Frau vom Gesundheitsamt legt die Stirn in sehr kritische Falten. »Das ist ja nicht schön«, sagt sie. »Wir kümmern uns darum.«

Das markante Hochhaus am Mehringplatz gehört der Gewobag, einem von sechs kommunalen Wohnungs-unternehmen in Berlin. In Zeiten steigender Mieten und drohender Gentrifizierung erscheinen kommunale Gesellschaften vielen als eine Art Paradies, das Schutz bietet vor dem Angriff geldgieriger Immobilienspekulanten. Dass das Wohnen bei der Gewobag nicht immer so paradiesisch ist, erfahren gerade einige Mieter in der Friedrichstraße.

»Es geht um die Balkone«, sagt Alexander Gustov. »Jedes Mal wenn es regnet, stehen sie voller Wasser. Das ist richtig schmutzig und steht dort tagelang, bis es verdunstet.« Er vermutet, dass bei der umfangreichen Sanierung des Hochhauses die Abwasserrohre verstopft worden sind. Die Eltern des 41-Jährigen wohnen im fünften Stock, weil sie wenig Deutsch sprechen, hat er sich der Sache angenommen.

• Nach dem Wolkenbruch vom 6. Juni gibt Gustov im Gewobag-Callcenter eine Mängelanzeige auf. Einen Handwerkertermin bekommt er nicht.

• Ein paar Tage später regnet es erneut, der Balkon steht komplett unter Wasser. Gustov ruft wieder an: »Das ist praktisch ein Notfall!« Er sei nicht der einzige, habe man ihm gesagt, berichtet er. Er solle warten, bis er an der Reihe sei. Gustov wendet sich an das übergeordnete Service-Center. »Es ist eine Überflutung im Gang«, sagt er. Nichts geschieht.

• Dienstag nach Pfingsten verlangt Gustov erneut einen Handwerkertermin. Statt immer nur im Call-Center abgefertigt zu werden, will er jetzt einen Mitarbeiter der Firma sprechen. Vergeblich. Man habe ihm versprochen, der Zuständige werde zurückrufen, erzählt er. Aber Gustov wartet umsonst.

• Nach einer Woche ist Gustov richtig sauer. Er fährt schweres Geschütz auf, alarmiert den zentralen sowie den örtlichen Mieterbeirat und regt dort an, am besten gleich den Berliner Senat einzuschalten. Er macht eine Anzeige beim Gesundheitsamt und bei der Wohnungsaufsicht.

Plötzlich entsteht Bewegung: Zwei Gewobag-Leute inspizieren den Balkon. Handwerker machen einen Termin. Endlich! »Zwei Wochen lang ist nichts passiert«, schimpft Gustov. »Man ruft an und wird immer nur vertröstet. Das kann doch nicht sein!«

Die Gewobag selbst gibt auf Nachfrage zu, dass es »durch den Starkregen der letzten Wochen im Ablaufsystem einiger Balkone der Friedrichstraße zu Problemen kam«. Inzwischen sei eine Rohrreinigungsfirma mit der Reparatur beauftragt worden. Dass es so lange dauerte, sei auch Schuld der Mieter. Diese hätten »verschiedene Wege zur Klärung des Problems genutzt«, heißt es, ‚»wodurch es zu Informations- und Zeitverlusten kam«.

Alexander Gustov sieht das natürlich anders. Er hält die Gewobag für hoffnungslos überfordert. »Vom Allgemeinwohl haben die sich in meinen Augen längst verabschiedet. Das ist sozialer Wohnungsbau, da wohnen Menschen, die sich nicht viel leisten können. Das nutzen die schamlos aus!« Dass über das Vorkaufsrecht noch mehr Wohnungen an die Gewobag fallen, findet er keine gute Idee – »wenn man bedenkt, welche chaotischen Zustände von dieser Firma verursacht werden«.

Und das Wasser? Gustov glaubt nicht, dass die Handwerksfirma das Problem wirklich lösen konnte. Jetzt warten er und seine Eltern gespannt darauf, dass wieder Regen fällt.

Update in der September-Ausgabe: Die KuK berichtete …

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2019.

Der »Begegnungsplatz« kommt

Start der Bürgerbeteiligung in der Bergmannstraße

Diese Absperrgitter an der Marheinekehalle sollen demnächst für eine Weile verschwinden. Foto: ksk

Die seltsamen grünen Punkte verlieren langsam an Farbe und die umstrittenen Parklets wirken trotz guten Wetters immer noch kaum frequentiert. Aber der Schein trügt: Die Begegnungszone in der Bergmannstraße gewinnt an Fahrt – zumindest die Bürgerbeteiligung.

Bei einer »Öffentlichen Werkstatt« kamen am 21. Mai weit mehr als 300 Besucher in das Columbiatheater, um sich zu informieren und in mehreren Workshops über die dauerhafte Gestaltung der Straße zu diskutieren. Eine beeindruckende Veranstaltung mit Unmengen von grünen, gelben und pinkfarbenen Post-its, auf denen die Teilnehmer Lob, Kritik, Wünsche und Vorschläge notierten.

Bezirksstadtrat Florian Schmidt gab zu, dass in der Vergangenheit einiges »nicht gut gelaufen« sei und rief dazu auf, »das Kriegsbeil zu begraben«. Und Verkehrssenatorin Regine Günther versprach: »Alles wird zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern gemacht, nicht top down!«, was im Publikum jedoch dezentes Gelächter auslöste.

Felix Weisbrich vom Straßen- und Grünflächenamt erläuterte die »Evaluationsphase«, die im Prinzip mit dem Austausch im Columbiatheater begann. Dazu gehört auch der von der Initiative »Leiser Bergmannkiez« angeregte »Begegnungplatz«: Während der Totalsperrung der Friesenstraße bis Ende Juli fallen die Absperrgitter an der Marheinekehalle, um Fußgängern das Überqueren zu erleichtern.

Offen ist bisher noch der Konflikt zwischen Bezirksamt und BVV: Anfang Mai hatte die Mehrheit dort nicht nur die Amtsführung von Florian Schmidt offiziell missbilligt, sondern auch beschlossen, dass die grünen Punkte unverzüglich und die Parklets bis Ende Juli entfernt werden müssen. Derzeit schaut es nicht so aus, als ob das Bezirksamt sich daran hält.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2019.