Es gibt nicht immer ein Happy End

Klaus Stark spricht mit Antje Lange vom Förderverein des House of Life

Antje Lange Foto: ksk

Wer erklären will, womit sich Antje Lange beschäftigt, muss zuerst über das House of Life reden. Das ist eine Pflegeeinrichtung für junge Erwachsene in der Blücherstraße. Hier landen Menschen, die zu jung für ein Seniorenheim sind und zu krank für betreutes Wohnen. Meist nach schweren Schicksalsschlägen: einem Unfall, einem Schlaganfall, einer langen Suchtproblematik oder chronischen Krankheiten – wie der furchtbaren Chorea Huntington, wo man nur zusehen kann, wie ein Mensch allmählich die Kontrolle über sich verliert.

Antje Lange ist 77 Jahre alt und engagiert sich seit zwölf Jahren im Förderverein. Die Einrichtung selbst ist für die Pflege der Patienten zuständig, der ehrenamtlich tätige Verein kümmert sich um ergänzende Angebote. »Projekte«, sagt sie. »Wir hatten schon so viele Projekte!« Da ist das »Café Bohne«, das am Wochenende geöffnet hat. Der Computerraum. Drei Bücher haben sie herausgegeben, über Bewohner, über Pflegekräfte und Angehörige, über den Kontakt mit Geflüchteten. Konzerte gibt es, jedes Jahr einen Kalender, die »Kiez-Community« knüpfte ein Netz mit der Nachbarschaft.

»Ziel ist immer, dass es ein Happy End gibt«, sagt sie. Doch in einer Einrichtung wie dem House of Life gibt es nur selten ein Happy End. Selbst zu einem Konzert unten auf der großen Bühne kommen von den mehr als hundert Bewohnern oft nur wenige herunter. »Aber wenn auch nur zwei, drei richtig begeistert sind, ist das schon ein sehr schönes Gefühl!«

Als sie damals in Rente ging, hatte sie nach einer neuen Herausforderung gesucht: »Ich hab immer bei irgendwas mitgemacht.« Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sie als Kriegskind noch die Flucht aus dem heimatlichen Danzig miterleben musste. Da saß sie als dreieinhalbjähriges Mädchen hinten im DKW, der von Pferden gezogen wurde, weil es keinen Sprit mehr gab. »Jedes Kind durfte ein Spielzeug mitnehmen, ich hab meinen Puppenwagen genommen und alles hineingestopft, aber das ging natürlich nicht.« Sie erinnert sich noch heute an Tieffliegerangriffe, bei denen alle in die Straßengräben sprangen: »Ich dachte, wir spielen Verstecken!«

Hamburg, eine kurze Episode in Bayern, dann Köln. Antje ging aufs Mädchengymnasium und hatte in der Oberstufe Dorothee Sölle als Religionslehrerin. Die große, unkonventionelle Theologin, die den christlichen Glauben von Auschwitz her neu interpretierte und Sätze prägte wie: »Am Ende der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.« Wenn sie an diese Zeit zurückdenkt, sagt Antje Lange: »Dadurch ist das alles gekommen.«

Das alles war erst einmal ein Studium der Germanistik, Philosophie und evangelischen Theologie, eine Stelle am Institut für Deutsche Sprache, dann in der Bundestagsverwaltung – zunächst in der Parlamentsdokumentation und die letzten 16 Jahre ihrer Berufstätigkeit als Gleichstellungsbeauftragte der Bundestagsverwaltung. Dort setzte sie sich für die Rechte der Frauen ein. Rita Süßmuth hat sie erlebt, Wolfgang Thierse, kurz noch Norbert Lammert.

An der Pforte saßen damals überwiegend Herren in Dienstkleidung, selbst die Bundestagsdrucksachen durften nur von gestandenen Männern verteilt werden. »Das entstand ja aus dem Nichts und musste alles neu aufgebaut werden. Da waren ein paar harte Bretter zu bohren!« Nun kann Lange schon eine Position vertreten, aber verbissen ist sie nicht. Nur in einer Sache kennt sie keinen Kompromiss: »In den Parlamenten sollten gleich viele Frauen wie Männer sitzen. Das fällt so auf bei der EU: Da ist nur Frau Merkel, ab und zu ein blauer oder roter Punkt, das ist doch unmöglich, wenn 50 Prozent der Einwohner Frauen sind!«

Aber darum sollen sich jetzt bitte Frau Barley und Frau Giffey kümmern. Antje Lange hat im House of Life zu tun. Ihr neuestes Projekt dort heißt »Kultur am Mittag«. Die Idee ist, dass große Konzertsäle und Theaterbühnen auch nachmittags öffnen, damit Menschen mit Behinderung besser daran teilnehmen können. »Das alles ist noch ganz am Anfang«, sagt sie eifrig, »aber Berlin hat den Auftrag, gemäß der UN-Behindertenkonvention.« Und die 77-Jährige strahlt, als ob sie gerade erst 50 geworden wäre.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2019.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.