Tragödie im Viktoriapark

Wildes Kreuzberg: Grasfrosch (Rana temporaria) / Nun fällt eine ganze Generation von Amphibien aus

Ein Grasfrosch trauert um seine ungeborenen Kinder. Foto: ksk

Normalerweise überwiegen in dieser Rubrik die guten Nachrichten. Vom ausufernden Liebesleben des Marienkäfers, von nied­lichen Eichhörnchen oder hungrigen Gartenrotschwänzen. In diesem Heft allerdings müssen wir eine Umwelttragödie beklagen – und das ausgerechnet im idyllischen Viktoria­park mitten in Kreuzberg.

Am Anfang der Geschichte steht ein Zettel, den ein neunjähriges Mädchen dort Mitte April aufgehängt hat. »Der Wasserfall im Viktoriapark ist immer noch nicht an«, schrieb sie verzweifelt. »Ein sehr großes Problem für Frösche, denn Kaulquappen brauchen Wasser!«

Sie hatte völlig recht. Im Viktoriapark hausen Grasfrösche und Erdkröten. Der Bezirk ist so stolz auf die Amphibien, dass er ihnen in seiner Stadtnaturkarte ein eigenes Kapitel widmet. Die beiden künstlich angelegten Tümpel am Fuße des Wasserfalls nutzen sie als Laichgewässer und suchen sie jedes Jahr von Neuem auf. Die Laichzeit beginnt Mitte März, dabei sind die Erdkröten deutlich früher dran.

Doch dieses Jahr waren die Teiche noch im April völlig leer – weil die beiden 57 Jahre alten Pumpen des Wasserfalls ausgebaut und repariert werden mussten. Erst am 19. Mai wurden sie zurückgebracht und erst eine Woche später rauschte der Wasserfall.

Der Kreuzberger Stadtnatur-Ranger Toni Becker fürchtet nun, dass es für Grasfrösche und Erdkröten »dieses Jahr keinen Nachwuchs geben wird«. Das bestätigt der Augen­schein. Keine Kaulquappen, kein Froschregen, nichts. In der Wolfsschlucht entdeckte eine mitternächtliche Expedition immerhin einen ausgewachsenen Grasfrosch, der auf dem Asphalt Wärme suchte.

»Das ist gründlich schiefgelau­fen«, sagt Becker und spricht von ei­ner »mittelschweren Unpässlichkeit«. Doch sei es bei den Arten »eingebaut, dass sie mal einen Totalausfall haben«.

Aber oberpeinlich ist es schon. Da setzt sich der Bezirk für »biologische Vielfalt« ein, eröffnet eine »temporäre Klimastraße« – und dann wird eine Generation Amphibien einfach so plattgemacht. Boah!

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

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