Wunderbarer Gesang

Wildes Kreuzberg: Nachtigall (Luscinia megarhynchos) / Um Mitternacht auf einer Bank am Landwehrkanal

Optisch eher unscheinbar – die Nachtigall vom Böcklerpark. Foto: ksk

In diesem Heft sollte eigentlich ein sehr besonderes Insekt gewürdigt werden. Aber das müssen wir leider verschieben, denn es ist etwas Außerordentliches passiert: Die Nachtigall vom Böcklerpark ist aus Afrika zurückgekehrt!

Mit den Nachtigallen ist es ganz ähnlich wie mit Glühwürmchen: Jeder hat von ihnen gehört, aber tatsächlich gesehen haben sie bisher nur wenige. Es sind gleichsam mystische Lebewesen. So hielten manche Leuchtkäfer sogar schon für ausgestorben, was aber gar nicht stimmt. Sie werden nur immer weniger.

Nachtigallen hingegen gibt es ausgerechnet in Berlin eine Menge – so viele, dass Berlin als »Hauptstadt der Nachtigallen« gilt. Experten zählen bis zu 1700 Brutpaare, angeblich mehr als in ganz Bayern. Als Bodenbrüter lieben sie ungepflegte Grünflächen, verwilderte Parks und verwahrlostes Straßenbegleitgrün. Ungefähr in der zweiten Aprilhälfte kehren sie aus dem tropischen Afrika zurück und errichten ihr Territorium. Während die Weibchen die Klappe halten und schweigen, stimmen die Männchen den wunderbaren, hochkomplexen Gesang an, der sie berühmt gemacht hat und seit Jahrhunderten Literatur wie Musik inspiriert.

Dabei sind es scheue, unauffällige Vögel, die man tagsüber kaum zu Gesicht bekommt. Was für ein Glück, als mittags im Böcklerpark plötzlich so ein graubraunes Vögel­chen auf einem Ast sitzt und unüberhörbar zu schmettern beginnt!

Tagsüber markieren sie nur ihr Revier, aber nachts locken sie mit schmelzenden Tönen die Geliebte an. Also lädt man jemanden ein, den man gerne hat, verspricht eine »Überraschung« und setzt sich mitten in der Nacht auf eine Bank am Landwehrkanal. Enten knarzen herum, Schwäne gleiten lautlos Richtung Spree. Es dauert lange. Aber dann, genau um 23.54 Uhr, fängt die Nachtigall tatsächlich zu singen an.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

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