Buntes Kreuzberg: Blau

Auch der UnterRock hat schon einmal bessere Tage gesehen

   Foto: ksk

Kreuzberg ist bekannt für seine Vielfalt und Farbigkeit in jeder Hinsicht. Nun erscheint die gedruckte KIEZ UND KNEIPE leider nur in klassischem Schwarz-Weiß – was in der heutigen, reizüberfluteten Zeit aber schon fast wieder als stilbildendes Alleinstellungsmerkmal gelten kann. Unser Internet-Auftritt hingegen kennt die Farbe sehr wohl.

Deshalb gibt es dort künftig eine neue Rubrik „Buntes Kreuzberg“, immer so ungefähr zur Monatsmitte, wenn die gedruckte KuK ausgelesen ist. Ohne viel Text, mit einem Foto, das jeweils eine bestimmte Farbe in den Vordergrund rückt. „Schmuckbild“ hieß das früher. Der große Dichter Arthur Rimbaud wies den Vokalen bestimmte Farben zu, der polnische Regisseur Krzysztof Kieślowski schuf eine Trilogie mit den Farben Blau, Weiß, Rot. So anspruchsvoll sind wir nicht. Die KuK will nur ein bisschen mithelfen, die Augen dafür zu öffnen, wie bunt unser Kiez wirklich ist.

Schafe, Nebel & Sherlock Holmes

Broken English ist wieder da – jetzt in der Arndtstraße

Antje Blank, die neue Inhaberin von Broken English, zusammen mit ihren Lieblingskeksen. Foto: ksk

Links vom Eingang liegen die Kekse. »Walkers Pure Butter Shortbread Highlanders« zum Beispiel oder »Tunnock‘s Milk Chocolate Coated Caramel Wafer Biscuits«. Daneben »Duke & Duchess of Sussex English Breakfast Tea« und natürlich »Frank Cooper‘s Original Oxford Marmalade«. Was für eine Fundgrube für Freunde des Vereinigten Königreichs!

Broken English ist wieder da. Aus Sorge vor dem bevorstehenden Brexit hatte Dale Carr ihren legendären Laden für englische Spezialitäten in der Körtestraße schließen müssen. Aber jetzt hat sie eine Nachfolgerin gefunden und seit Oktober ist der neue Laden in der Arndtstraße 29 geöffnet.

Ein schönes, helles, liebevoll eingerichtetes Geschäft. Die neue Inhaberin Antje Blank ist eigentlich studierte Anglistin und hat über radikale Schriftstellerinnen im 18. Jahrhundert promoviert. Mit ihrem Mann lebte sie 15 Jahre lang in Großbritannien. Noch heute schwärmt sie davon: »Die Landschaft, die Berge, oft stehen Schafe an der Straße, es ist neblig und man kommt sich vor wie bei Sherlock Holmes.« Auch vermisst sie den lockeren britischen Umgang, »diese geflissentlich leicht witzige Sprache, mit der man sich sehr geschickt durch den Alltag manövrieren kann«.

Seit 2007 wohnt sie in Berlin und ging fleißig bei Dale Carr einkaufen. »Eines Morgens lag ich im Bett und habe bei Spiegel Online gesehen, dass Frau Carr ihren Laden zumacht. Das hat mich schockiert! Da hab ich einfach eine E-Mail geschrieben.«

Die beiden Frauen haben verhandelt, sich mehrfach getroffen und am Ende war nicht nur eine Nachfolgerin, sondern auch ein neuer Standort in Sicht. Und der Brexit? Wenigstens sei mit dem Wahlsieg von Boris Johnson jetzt die Ungewissheit beseitigt, ob er kommt. Aber ein No-Deal wäre schon schwierig. »Wir haben viele kleine Familienunternehmen. Ich glaube nicht, dass die für jedes Päckchen einen Exportschein ausfüllen.«

Broken English: mo-fr 11-18, sa 11-16 Uhr.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Was ist wichtig im Leben?

Buddha-Bärchen von mindsweets helfen beim Nachdenken

Meditierende Buddha-Bärchen in der Mittenwalder Straße mit Arne Schaefer. Foto: ksk

Sie sehen auf den ersten Blick aus wie Gummibärchen. Aber es sind gar keine Gummibärchen, sondern Buddha-Bärchen. Erstens erkennt man das natürlich sofort an ihrer meditativen Haltung. Zweitens sind sie nicht aus Gelatine, sondern von Kopf bis Fuß vegan, gluten- und lactosefrei und ohne künstliche Aromen.

Und drittens meditieren nicht nur die Bärchen selbst, sondern auch der Konsument sollte oder könnte das zumindest tun, wenn er sie sich auf der Zunge zergehen lässt. Arne Schaefer, der Gründer der mindsweets GmbH, hat dafür ein eigenes Wort erfunden: »Naschdenken«. Das bedeutet: Süßigkeiten genießen und dabei über das wirklich Wichtige im Leben nachdenken.

Mindsweets entstand 2010 in Kreuzberg und stellt vegane Bio-Süßigkeiten her. Vor allem für den Großhandel, wo sie dann an Supermärkte wie Bio Company oder LPG verteilt werden, oder für den Online-Shop. Im April zog das Büro von der Arndtstraße in die Mittenwalder Straße und natürlich kann man auch dort ein paar Bärchen bekommen.

Im Sommer sitzen Marketingfrau Elisabeth Illgen und ihre Kollegen gerne vor der Tür in der Sonne und basteln an neuen Ideen. Neben Buddha- gibt es inzwischen freche Berlin-Bärchen, die sich über den nicht existenten Flughafen lustig machen. Pro Tütchen gehen zehn Cent an Kinder und Jugendliche in Not.

Denn die Bärchen sind nicht nur ökologisch, sondern auch sozial: »Sie werden in einer Behindertenwerkstatt in Berlin von Hand konfektioniert«, sagt Illgen. Tatsächlich balanciert die Bärchen-Firma mutig zwischen Kapitalismus und Buddhismus. Natürlich geht es ums Geldverdienen. Andererseits sind alle vier Beschäftigten aktive Buddhisten und »Naschdenken« ist im Prinzip die buddhistische Achtsamkeitsübung in Form einer Ess-Meditation.

Deshalb sollte der »Schoko-Schamane«, der große Bruder der Buddha-Bärchen, auch nicht einfach so, sondern besser nach dem in der aufwendigen Verpackung genau beschriebenen Ritual verzehrt werden.

Zum mindsweets-Shop

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Endlich wieder Schlange stehen

Mustafa’s Gemüse Kebap hat den Brand überlebt

Das Ziel aller Träume – Mustafa’s Gemüse Kebap, jetzt direkt neben dem Finanzamt. Foto: ksk

Ein Döner ist ein Döner, könnte man meinen, aber bei näherer Betrachtung ist das gar nicht so. Neben Dönern, die einfach nur Döner sind, existiert nämlich Mustafa’s Gemüse Kebap. Der ist etwas Besonderes und weil das nicht nur so ist, sondern auch in vielen Reiseführern steht, gibt es dort außer Kebap fast immer eine unglaublich lange Schlange.

Gab es jedenfalls bis Anfang Oktober. Damals brannte am Mehring­damm ei­ne Fri­­teuse, glück­licherweise wurde keiner verletzt, aber seitdem war Schluss mit dem Kebap und mit der Schlange, wo Touristen ein schönes Selfie hätten schießen können.

Jetzt sind sie wieder da! Zwar nicht am alten Standort, das war »aus Gründen der Behinderung des Fuß- und Radverkehrs nicht möglich«, so mäkelte das Bezirksamt. Aber ein paar Meter weiter, in ei­nem Imbisswagen, Richtung Finanzamt. Kebap wieder da, Schlange wie­der da. Die KuK wünscht Guten Appetit!

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Richtig geiler Stoff

Von Knippenbergs Käsestand direkt ins Paradies

Alles Käse bei Knippenbergs in der Markthalle am Marheinekeplatz. Foto: ksk

Firmenchef Ivo Knippenberg hat fast jeden Tag einen anderen Lieblingskäse. Heute schwärmt er vom Wrångebäck, einem schwedischen Hartkäse vom Westufer des Vättern-Sees, der nach einem Rezept von 1889 hergestellt wird. »Der hat eine Creme, dass das im Mund zum Orgasmus wird«, sagt er begeistert. »Das ist richtig geiler Stoff !«

Wer glaubt, die rechteckigen Plastikpäckchen, die in den Regalen der Discounter liegen, hätten etwas mit Käse zu tun, sollte dem Knippenberg-Stand in der Marheineke-Markthalle einen Besuch abstatten. »Käse muss immer gut sein«, philosophiert Knippenberg. »Aber manchmal öffnet er einen bestimmten Kanal. Du legst ihn auf die Zunge und er verschmilzt. Das sind Momente …«

Der 47-Jährige hat vor Jahrzehnten mit dem Markthandel angefangen. Noch heute konzentriert er sich mit seinen rund 25 Beschäftigten auf Wochenmärkte: »Das ist Abenteuer. Da ist jeder Tag anders.« An der Markthalle schätzt er die vielen Kunden: »Wir haben ja nur ein Produkt. Wo finden Sie sonst so viele Fachgeschäfte?« Im Vergleich zum Discounter ist Knippenbergs Käse natürlich teuer, ziemlich teuer sogar. Aber ganz umsonst ist das Paradies eben nicht zu haben.

Dann erzählt der Firmenchef vom L‘Etivaz Alpage – wohl einem der besten Käse der Welt. Er stammt aus den Waadtländer Alpen, hergestellt wird er im Kupferkessel über offenem Feuer, im Sommer, auf über 1000 Metern Höhe: »Das sind ganz einfache Hütten, da gibt es nur eine Holzbank, keine Couch, und geschlafen wird auf einem Matratzenlager.« Wenn alles gut geht, bekommt der Käse aus der Schweiz kein Plastik zu sehen. Nach langer Reise liegt der gelbe Laib in der Markthalle und darf probiert werden. Während er im Mund sein würziges Aroma entfaltet, denkt man: So ein richtig guter Käse ist ein bisschen wie der erste Kuss: Man vergisst ihn nie.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2019.

Empanadas, ganz original

Lalo lockt mit leckeren chilenischen Spezialitäten

»El Chilenito« heißt unter Freunden Lalo und lebt seit 1975 in Berlin. Foto: ksk

Besonders stolz ist Eduardo Estrada (Spitzname: Lalo) auf seine Empanadas. Das sind leckere Teigtaschen, gefüllt mit Rinderhack, einer Olive, drei Rosinen und zu Würfeln geschnittenen Zwiebeln, gewürzt mit Salz, ein bisschen Kreuzkümmel und einer Prise Merkén. »In anderen Teilen Südamerikas machen sie das mit allem Möglichen, mit Yucca zum Beispiel, aber in Chile gibt es keine anderen«, berichtet er und lächelt dabei vergnügt.

Seit mehr als einem Jahr betreibt Lalo einen Imbissstand in der Bergmannstraße, im Innenhof beim Drogeriemarkt, wo es hinten zum Ballhaus geht. Man merkt gleich, dass er mit viel Liebe bei der Sache ist. Draußen auf dem Trottoir wirbt ein Aufsteller, über dem Stand ein großes Schild mit der Aufschrift »El Chilenito« und chilenischen Fähnchen. Ein paar Stühle und Tische, chilenische Comics zum Angucken, ein Behälter mit Wasser – und im Hintergrund läuft Radio Corazón aus Pudahuel, einem Vorort von Santiago de Chile.

Der Imbiss ist montags bis samstags von 11 bis 20.30 Uhr geöffnet. Man kann hier typisch chilenische Hot Dogs verspeisen, sogenannte »Completos«, oder Sandwiches – etwa das berühmte »Churrasco Italiano«, das natürlich auch aus Chile kommt, aber so heißt, weil die roten Tomaten, die grünen Avocados und die weiße Mayonnaise an die italienischen Farben erinnern. Neben der klassischen Variante mit Hüftsteak steht auch eine vegetarische Version auf der Speisekarte. Und danach vielleicht Alfajores, das sind süße Doppelkekse, gefüllt mit Dulce de Leche und verziert mit Kokosstreuseln.

Lalo lebt seit 1975 in Berlin. Zusammen mit seinen Eltern floh er vor der Pinochet-Diktatur und spricht fließend Spanisch. An seinem Stand kommen viele junge Chilenen aus dem »Working-Holiday«-Programm vorbei, aber auch Landsleute aus der älteren Generation, erzählt er. Dann schimpfen wir noch ein bisschen über die neuen Sitzmöbel in der Bergmannstraße und trinken gemütlich einen heißen Kaffee.

facebook.com/elchilenito-berlin

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2019.

Unterwegs zum Heiligen Gral

»Oh Madriz« lockt mit Tapas und Schinken aus Eichelmast

Nach zu vielen Cocktails kommt einem manches Gerade ziemlich schräg vor. Foto: ksk

An den Wänden hängen Bilder von spanischen Künstlern wie Ceesepe und Ouka Leele, Stierkampfplakate und der Don Quijote von Pablo Picasso. Das Türkis der Wände spielt auf das Mittelmeer an, eine dekorative Sammlung von High Heels soll Flamenco-Atmosphäre verbreiten.

»Wir haben die Bude komplett renoviert, damit sie unseren Vorstellungen entspricht«, berichtet Bar-Chefin Lisa. Wo vor Jahren der legendäre Pony Saloon in der Dieffenbachstraße mit Plüschsesseln zu Dart und Billard einlud, hat jetzt eine ziemlich schnieke Tapas-Bar eröff net.

Das neue Etablissement heißt »Oh Madriz«, was – wie man auf Nachfrage erfährt – die originale Aussprache der Madrilenen für die spanische Hauptstadt ist. Vorbild ist das unkonventionelle Szeneviertel Malasaña, das mit seiner Kreativität und Originalität an Kreuzberg erinnert. Mobiliar, Spiegel und ein altes Klavier sollen die Stimmung der 1980er Jahre wiedergeben. Lisa hat selbst einige Jahre in Spanien gelebt, Betreiber Miguel Angel Olivera Diaz ist tief in den Handel mit spanischen Gourmetprodukten verstrickt. Dafür gründeten er und Lisa die »Wie Gott GbR«, was schon einen gewissen Ehrgeiz verrät.

Im September öffnete das »Oh Madriz« seine Tore – derzeit ist es täglich außer sonntags ab 18 Uhr offen, bis 22 Uhr kann man die Küche genießen. Auf der Speisekarte stehen mehr als 20 verschiedene Tapas sowie einige Cocas (Flammkuchen); zu trinken gibt es reichlich Cocktails sowie 17 Gin-Tonic-Variationen. Wer zum Beispiel ein »Madriz Plato« bestellt, bekommt eine Auswahl mit scharfer Wurst, Käse, gefüllten Paprikas, All-i-oli und Oliven. Das schmeckt schon mal ausgesprochen lecker.

Absolute Spezialität ist ein spanischer Schinken aus der Extremadura von Schweinen, die nur mit Eicheln gefüttert wurden. Bei den Rotweinen wetteifern Viña Puebla und Heiliger Gral, wer der beste ist – wobei der Gral nach Ansicht unabhängiger Beobachter im Moment wegen der erotisch gestalteten Etiketten deutlich vorne liegt.

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Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2018.