Ein Schiff wird kommen …

Klaus Stark wartet um Mitternacht am Kreuzberger Landwehrkanal auf die MS »Rudolf Kloos«

Das Belüftungsschiff auf nächtlicher Tour im Urbanhafen … Foto: ksk

Tagsüber war es heiß und auch jetzt hat es noch mehr als 20 Grad. Straßenlaternen malen orange-gelbe Streifen auf das tintenschwarze Wasser. Ein Flaschensammler scheppert aufdringlich mit seinem Einkaufswagen, irgendwo dunkle Bässe einer Coronaparty. Rechts kauert ein Pärchen. »Al­so weißt du, ich meine ja nur, manchmal den­ke ich …«, sagt sie. Er: »Ich verstehe dich schon.« Schweigen.

Kurz vor Mitternacht am Kreuzberger Urbanhafen. Wir warten auf ein Schiff. Ein ganz besonderes Schiff, wie Derk Ehlert von der Senatsverwaltung für Umwelt versichert hat. Es heißt »Rudolf Kloos« und es ist ein Belüftungsschiff.

Um zu verstehen, was es so treibt, muss man ein wenig über Hydrologie reden. Im Vergleich zu Flüssen wie Elbe oder Rhein fließen die Berliner Gewässer sehr langsam. Dies gilt besonders für die Kanäle, wo das Wasser praktisch steht.

So steigt im Sommer die Temperatur im Landwehrkanal schon mal auf 26 Grad. Dann ist der Sauerstoff im Wasser ziemlich knapp. »Wenn dann noch ein Starkregen viel organische Substanz von den Straßen ins Wasser spült, brauchen die Bakterien, die das zersetzen, noch mehr Sauerstoff und da kann es sein, dass es zu wenig für die Fische gibt«, resümiert Fachmann Ehlert.

Damit Plötze, Blei, Zan­der, Hecht und Aal nicht sterben und das Öko­sys­tem komplett aus den Fugen gerät, ist die »Rudolf Kloos« unterwegs und bläst Sauerstoff in die schmutzige Brühe. Von Mai bis September, montags bis freitags, bei Bedarf sogar jede Nacht. Gegen 22 Uhr legt sie im Oberhafen Neukölln ab, dreht ihre Runde durch den Neuköllner Schifffahrtskanal und den Landwehrkanal und ist dann bis 4 Uhr morgens wieder zurück.

Berlin ist die einzige Stadt mit einem Belüftungsschiff. Es wurde für 1,7 Millionen Euro entwickelt, ist seit 1995 im Einsatz und kostet jährlich rund 500 000 Euro. Am Bug nehmen sechs Pumpen Wasser auf, reichern es mit Flüssigsauerstoff an – pro Nacht mit bis zu 1600 Litern – und blasen es am Heck wieder in den Kanal. Nachts auch deshalb, weil da ein Fahrverbot gilt und nichts anderes entgegenkommen kann.

Leider darf niemand mitfahren. Ehlert hat es einmal geschafft: »Da sind viele Maschinen, es ist wenig Platz, man kriegt gar nicht so viel mit. Am tollsten sind die vielen Bläschen im Wasser, die das Schiff hinterlässt.« Und natürlich die Biber am Ufer, die Wasservögel und die vielen Fledermäuse unter den Brückenbogen.

… und tagsüber im Oberhafen Neukölln. Foto: ksk

Jetzt wissen wir eigentlich alles. Und prompt kommt das seltsame Schiff. Ein heller Scheinwerfer, grü­­nes und rotes Licht. Ganz langsam und breit gleitet es heran: überraschend recht­eckig der Bug. Tanks, Sauerstoffflaschen, Rettungsboot, gedämpftes Maschinengeräusch. Und wie versprochen lustige Luftbläschen am Heck!

Gleich hat das Schiff die Baer­wald­brücke passiert. Wie eine Erscheinung verschwindet es allmählich in der dunklen Nacht. Ein einsamer Fahrradfahrer, Polizei tutet über die Brücke. In der Luft hängt noch ein leichter Geruch nach Kanalisation.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Mit mog-Mobil

Jens Walter von »Saitenreiter« hilft

mog-Vorsitzende Marie Hoepfner (li.), Jens Walter (r.) mit Kollege und das mog-Mobil. Foto: ksk

mog61 e.V. hat ein mog-Mobil geschenkt bekommen. Was das ist? Nun ja, ein einachsiger kleiner Karren, den man praktischerweise ans Fahrrad anhängen, aber auch wunderbar mit der Hand ziehen kann. Und glücklicherweise passen genau vier Gießkannen drauf.

Das hat alles damit zu tun, dass mog61 einige Blumenbeete in der Gneisenaustraße pflegt, dass es diesen Sommer ziemlich trocken war und dass der Straßenbrunnen Kr092 in der Mittenwalder Straße nach wie vor nicht funktioniert.

Also musste das Wasser zum Gießen vom Marheinekeplatz geholt werden. Ganz schön langer Weg, mit zwei schweren Gießkannen in der Hand! Das sah Jens Walter von der Gitarrenbau-Werkstatt »Saitenreiter«, hatte Mitleid und schenkte mog 61 spontan sein von ihm selbst nicht mehr benötigtes Wägelchen. mog61 freut sich. Seither ist das mit dem Gießen viel einfacher!

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Mehr los als am Flughafen Tegel

Wildes Kreuzberg: Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris) / Kontrollierte Abstürze ins Mauseloch

Dunkle Erdhummel im Landeanflug auf ihren Heimat-Airport. Foto: ksk

Sie machen es im Prinzip so wie ein großes, viermotoriges Passagierflugzeug. Erst drehen sie ein paar Platzrunden, um sicher zu sein, dass es wirklich ihr Heimatflughafen ist. Dann nehmen sie das Gas weg, gehen in den Gleitflug und stellen zur Erhöhung des Luftwiderstandes die Flügel schräg.

Nun ist so eine Punktlandung mitten im Nirgendwo nicht viel mehr als ein kontrollierter Absturz. Das gilt für einen Flugzeugträger auf hoher See genauso wie für ein Hummelnest. Manche fallen bei der Landung kräftig auf die Nase, gucken verwirrt und purzeln dann eher unkontrolliert in ihr Erdloch hinein.

Genauer: In das ehemalige Mauseloch, das jetzt die neue Heimat der Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris) ist. Das ist hierzulande die häufigste Hummelart. Wer schon gelernt hat, Bienen, Wespen und Hornissen zu unterscheiden, kann mit ihr ganz gut die Erforschung der mehr als 40 verschiedenen heimischen Hummelvarianten beginnen.

Man erkennt sie leicht an ihrem weißen Hinterteil. Dazu kommen zwei dunkelgelbe Querstreifen auf dem ersten Brust- und dem zweiten Hinterleibssegment. Hummeln können zwar stechen, sind aber ausgesprochen friedliche Zeitgenossen. Und außerdem Vegetarier: Sie ernähren sich vollständig von Pollen und Nektar.

Die Dunkle Erdhummel lebt in Völkern von bis zu 500 Tieren unter Steinen oder in unterirdischen Höhlen. Im Frühjahr sucht sich die Jungkönigin ein solches Nest und beginnt mit der Eiablage. Nach wenigen Tagen schlüpfen die ersten Arbeiterinnen, ab September auch Drohnen und neue Königinnen. Nach der Begattung stirbt außer den Königinnen dann das gesamte Hummelvolk.

Aber noch lebt es. Über dem Mauseloch ist mehr los als am Flughafen Tegel, ganz zu schweigen vom nie fertigen BER. Alle paar Sekunden kommt eine Hummel mit ihrer reichen Pollenlast angeflogen. Der Start ist übrigens ganz unproblematisch: Ein kräftiger Sprung in die Luft – und weg ist sie.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Buntes Kreuzberg: Weiß

Es schaut aus wie Waschpulver, ist aber tatsächlich nur schäumendes Wasser

Foto: ksk

Ohne dieses Wasser aus dem Brunnen am Marheinekeplatz hätten die Beete von mog61 – Miteinander ohne Grenzen e.V. an der Gneisenaustraße diesen trockenen, windigen Sommer nicht überlebt. Der hässliche Trinkwasserspender ein paar Meter weiter ist nur ein Touristen-Gimmick und taugt zu gar nichts; die beiden Schwengelpumpen in der Mittenwalder Straße, die helfen könnten, sind nach wie vor defekt und werden nicht repariert

Aber der Marheinekeplatz ist im Sommer ein guter Ort, um jede Menge Wasser zu schöpfen, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, sich über protzige SUVs aufzuregen, die in falscher Richtung durch die Einbahnstraße rasen, oder einfach nur spielenden Kindern zuzusehen. Ja, und hausgemachte schwäbische Spätzle mit Pfifferlingen gab es dort auch.  .

 

Neue Pop-up-Fahrradstraße

Auf der Körtestraße dürfen jetzt nur noch Anlieger mit dem Auto unterwegs sein

Ein Eimer weiße Farbe – und schon ist eine neue Fahrradstraße geboren. Foto: ksk

Es sind nur ein paar Schilder, aber sie bewirken eine Menge. Autofahrer gucken irritiert, ein paar Radler zögern. Eine Anwohnerin freut sich ganz ungeniert. »Ich arbeite seit 30 Jahren in dieser Straße, ich fahre Fahrrad und das ist ein historischer Tag!«

Seit Juli ist die Körtestraße eine ausgewiesene Fahrradstraße. Das bedeutet, dass Radler Vorrang haben, nebeneinander fahren dürfen und Autos nur gestattet sind, wenn es Zusatzschilder erlauben. In der Körtestraße werden Anlieger geduldet, der Durchgangsverkehr soll gefälligst draußen bleiben.

»Wir fangen jetzt an, das erste Schild ist schon da, alles steht in den Startlöchern«, rief Bürgermeisterin Monika Herrmann fröhlich, als sie zur Eröffnung am 14. Juli mit grünem Helm und grüner Brille angeradelt kam. Da gossen Bauarbeiter gerade schwungvoll weiße Farbe in die hübschen Markierungen auf dem Asphalt.

Vier Tage später war die Fahrradstraße bereits fertig. Die Körtestraße ist nur das letzte Stück einer neuen Nord-Süd-Trasse vom Mariannenplatz über Mariannen-, Grimm- und Körtestraße bis zum Südstern. Dort wiederum gibt es eine Anbindung an die bereits bestehende Bergmann-Fahrradstraße.

Herrmann lobte die »attraktive Radverbindung zwischen dem westlichen Teil des Bezirks und Friedrichshain bzw. Mitte«. Natürlich ist die Trasse bisher nur ein Provisorium, das von nicht viel mehr als einer Handvoll Verkehrszeichen lebt. Aber schon allein dadurch befeuert sie die Fantasie.

Große Bäume, Tische, Bänke, Blumenbeete und vielleicht ein Teich

Schilder, Schilder, Schilder. Foto: ksk

Was könnte man mit der jetzt schon sehr einladend, fast französisch wirkenden Körtestraße mit ihrem Kopfsteinpflaster und den breiten Trottoirs nicht anfangen, wenn dort die Autos verschwänden? Ein paar wirklich große Bäume? Darunter Tische, Bänke, Blumenbeete, ein kleiner Teich? Mitten auf der Straße ein neues Café? Das findet Herrmann keine gute Idee: Sie hält nichts von der »Durchkommerzialisierung des öffentlichen Raumes«.

Auch die Grimmstraße mit ihrem Mittelstreifen hat Potenzial. Nördlich davon verläuft sich die neue Fahrradstraße eher. Das Planufer ist verkehrsberuhigter Bereich mit Schrittgeschwindigkeit und die Mariannenstraße ein Gewirr aus Einbahnstraßen und Tempo-30-Zonen.

Ohnehin ist die Frage, wer den Autoverkehr wie oft kontrolliert. Wir sind schließlich in Berlin. »Wenn wir Regeln haben, müssen wir diese Regeln auch durchsetzen«, mahnt die Bezirksbürgermeisterin.

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Viel zu viele sind kaputt

Der legendäre KuK-Schwengelpumpen-Test geht online

Fahrradfahrer mit besonders ausgeprägter Sozialkompetenz schließen ihr Rad direkt an den Schwengel an. Dann ist die Pumpe sowieso tot. Foto: ksk

Sie steht direkt vor dem Puff in der Mittenwalder Straße 43, schaut wegen der vielen Aufkleber etwas vergammelt aus und wenn man nach dem Schwengel greift, merkt man gleich, dass da etwas nicht stimmt. Das ist Schwengelpumpe KB 092. Alteingesessene erinnern sich, dass sie beim ersten Straßenfest von mog 61 e.V. 2013 noch Wasser spendete. Aber das ist lange her.

Auch diesen Sommer hat Kiez und Kneipe wieder 34 Straßenbrunnen im Kiez untersucht. Drei Brunnen waren ganz abgebaut, von den verbliebenen 31 lieferten immerhin 15 Wasser, die restlichen 16 nicht.

Das ist ernüchternd, gegenüber dem August 2019 aber sogar ein gewisser Fortschritt: Damals waren 21 Pumpen defekt. Vor allem Land beziehungsweise Bezirk haben Hausaufgaben ge­macht: Drei Brunnen wurden in Ordnung gebracht – einer in der Grimmstraße allerdings komplett abgebaut.

Von den 2070 historischen Straßenbrunnen in Berlin gehört etwa die Hälfte dem Land, die andere dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn. Sie dienen der Notwasserversorgung, lassen sich aber auch als Geheimwaffe gegen trockene Straßenbäume einsetzen. Deshalb sind die unauffälligen Stadtmöbel am Straßenrand ein ausgeprochenes Politikum. Wenn der Bezirk schon im März um Hilfe ruft: »Jeder Eimer zählt!« – gleichzeitig aber niemand die kaputten Pumpen repariert, kommt das nicht wirklich gut.

Besonders das Bundesamt nervt dabei als lästiger Bremser. 2018 wurden gar keine Mittel zur Instandsetzung überwiesen, dieses Jahr bekam der Bezirk statt der benötigten 300.000 Euro nur karge 52.000 Euro. Das führt dazu, dass laut Bezirksamt von den 84 Bundesschwengelpumpen in Friedrichshain-Kreuzberg 52 nicht funktionieren.

Aber auch die Senatsverwaltung für Umwelt befindet sich nicht auf der Höhe der Zeit. Während der Bezirk ins­gesamt 75 kaputte Pumpen auflistet, sind es laut Umweltsenatorin Regine Günther nur 34. Diese Zahl ist überholt und dürfte falsch sein.

Bei Gieß den Kiez und auf OpenStreetMap sind die Pumpen eingezeichnet. Aber nirgends finden sich Informationen, welche wirklich geht. Die KuK springt in die Bresche – mit der weltweit ersten Schwengelpumpen-App für unseren Kiez.

> Pumpentest vom August 2019

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Tragödie im Viktoriapark

Wildes Kreuzberg: Grasfrosch (Rana temporaria) / Nun fällt eine ganze Generation von Amphibien aus

Ein Grasfrosch trauert um seine ungeborenen Kinder. Foto: ksk

Normalerweise überwiegen in dieser Rubrik die guten Nachrichten. Vom ausufernden Liebesleben des Marienkäfers, von nied­lichen Eichhörnchen oder hungrigen Gartenrotschwänzen. In diesem Heft allerdings müssen wir eine Umwelttragödie beklagen – und das ausgerechnet im idyllischen Viktoria­park mitten in Kreuzberg.

Am Anfang der Geschichte steht ein Zettel, den ein neunjähriges Mädchen dort Mitte April aufgehängt hat. »Der Wasserfall im Viktoriapark ist immer noch nicht an«, schrieb sie verzweifelt. »Ein sehr großes Problem für Frösche, denn Kaulquappen brauchen Wasser!«

Sie hatte völlig recht. Im Viktoriapark hausen Grasfrösche und Erdkröten. Der Bezirk ist so stolz auf die Amphibien, dass er ihnen in seiner Stadtnaturkarte ein eigenes Kapitel widmet. Die beiden künstlich angelegten Tümpel am Fuße des Wasserfalls nutzen sie als Laichgewässer und suchen sie jedes Jahr von Neuem auf. Die Laichzeit beginnt Mitte März, dabei sind die Erdkröten deutlich früher dran.

Doch dieses Jahr waren die Teiche noch im April völlig leer – weil die beiden 57 Jahre alten Pumpen des Wasserfalls ausgebaut und repariert werden mussten. Erst am 19. Mai wurden sie zurückgebracht und erst eine Woche später rauschte der Wasserfall.

Der Kreuzberger Stadtnatur-Ranger Toni Becker fürchtet nun, dass es für Grasfrösche und Erdkröten »dieses Jahr keinen Nachwuchs geben wird«. Das bestätigt der Augen­schein. Keine Kaulquappen, kein Froschregen, nichts. In der Wolfsschlucht entdeckte eine mitternächtliche Expedition immerhin einen ausgewachsenen Grasfrosch, der auf dem Asphalt Wärme suchte.

»Das ist gründlich schiefgelau­fen«, sagt Becker und spricht von ei­ner »mittelschweren Unpässlichkeit«. Doch sei es bei den Arten »eingebaut, dass sie mal einen Totalausfall haben«.

Aber oberpeinlich ist es schon. Da setzt sich der Bezirk für »biologische Vielfalt« ein, eröffnet eine »temporäre Klimastraße« – und dann wird eine Generation Amphibien einfach so plattgemacht. Boah!

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Durstige Straßenbäume …

… würden Bewässerungssäcke ausleihen (wenn sie könnten)

Bewässerungssack wartet auf Wasser. Foto: ksk

So ein Bewässerungssack ist eine nützliche Sache. Im Prinzip ist es nur ein großer Plastikbeutel, in den man 75 Liter Wasser hineinschütten kann. Aber weil er unten viele kleine Löcher hat, gibt er das Wasser nur langsam wieder ab und wirkt wie eine Betropfungsanlage, erklärt Christian Hönig vom BUND.

Das mögen die Bäume und es ist viel besser, als wenn man mit dem Schlauch herumhantiert und das meiste Wasser im Gully landet.

Solche Bewässerungssäcke, dazu aber auch Standrohre für Hydranten, Handhacken und Eimer, kann sich jetzt jeder am Werkhof an der Wiener Straße, gegenüber Ecke Ratiborstraße, ausleihen (Mi 14-16, Fr 16-18 Uhr). Damit will das Bezirksamt engagierte Anwohner unterstützen und das Gießen von Straßenbäumen erleichtern.

Umweltstadträtin Clara Herrmann griff letzte Woche selbst demonstrativ zur Gießkanne und stellte gleich fest: »Die ist aber schwer!« Außerdem will sie mithelfen, versprach sie, dass die kaputte Schwengelpumpe 92 in der Mittenwalder Straße bald wieder funktioniert.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Die Sprache der Vögel

Wildes Kreuzberg: Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus) / Hotel Mama auf den Friedhöfen am Halleschen Tor

Kleiner Gartenrotschwanz hat großen Hunger. Foto: ksk

Die Sprache der Vögel zu verstehen, ist eine schwierige, nicht leicht zu erlernende Kunst. Der heilige Franziskus hat sie beherrscht, von dem Filmemacher Pier Paolo Pasolini gibt es in »Uccellacci e uccellini« einen hinreißenden Kommentar dazu. Die Friedhöfe am Halleschen Tor sind ein sehr guter Ort, um ein wenig zu üben.

Am besten setzt man sich irgendwo auf eine Bank und macht sich möglichst unsichtbar. Bewundert vielleicht die schönen Bäume, ärgert sich über das viel zu kurz geschnittene gelbe Gras. Vorne am Mehringdamm fechten Nebelkrähen mit rauen Stimmen Revierkämpfe aus. Amseln flöten, eine Herde Spatzen tschilpt.

Plötzlich kommt ein Gartenrotschwanz angeflogen, ein braunes Weibchen. Auf den ersten Blick sehen sie ein bisschen wie Spatzen aus, sind aber viel schlanker und graziler. Sie sitzen gerne gut sichtbar auf Ästen oder Büschen, inspizieren von dort aus das Gelände und zittern dabei auffallend mit ihrem rostroten Schwanz.

Das Weibchen stößt lockende Laute aus und tatsächlich sitzt da noch so ein kleines Federbällchen herum, die Mutter fliegt hin und blitzschnell wird das Junge von ihr gefüttert. Das dauert keine Sekunde, erst auf dem Foto ist zu beobachten, wie das hungrige Kleine den Schnabel aufsperrt. Boah ey, denkt man überrascht, das ist jetzt aber ziemlich intim!

Die Erklärung: Anfang Juni sind die Jungen zwar flügge, kennen sich aber mit Käfern und Spinnen noch nicht so gut aus und werden von der Mama deshalb eine Woche länger ernährt.

Am nächsten Tag erkennt das Weibchen den merkwürdigen Besucher mit rotem Sweatshirt und Knipse gleich wie­der und kommt neugierig angeflattert. Auch das prächtige, bunt gefärbte Männchen taucht auf, um den Gast zu besichtigen. Ein wenig fühlt man sich schon als Teil der Vogelfamilie. In ein paar Tagen sind die Jungen selbstständig, die Eltern brüten vielleicht noch ein zweites Mal und im September machen sich die kleinen Vögel dann auf die gefährliche Reise nach Zentralafrika.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Buntes Kreuzberg: Gelb

Warum ein „farbenfroher Blühaspekt“ noch keine biologische Vielfalt garantiert

Foto: ksk

Es schaut auf den ersten Blick aus wie ein Rapsfeld, ist aber Weißer Senf (Sinapis alba) und noch ein wenig Kleinfrüchtiger Leindotter (Camelina microcarpa). Der breite Mittelstreifen in der Baer­waldstraße leuchtete Ende Mai in grellem Gelb. Im Zeichen der »biologischen Vielfalt« hat das Bezirksamt dort eine 1200 Quadratmeter große Blühwiese für Wildbienen, Hummeln und andere Insekten angelegt.

Jetzt kann man natürlich fragen, was so eine Senf-Monokultur mit biologischer Vielfalt zu tun hat. Tatsächlich sei das nur eine »Akzeptanzart«, heißt es dazu bei der Deutschen Wildtier Stiftung, die einen »farbenfohen Blühaspekt« erzeugen soll, bevor sie als einjährige Pflanze dann wieder verschwindet. Die meisten der 40 ausgesäten Wildblumenarten blühen nämlich erst 2021.

Für Kinder und Erwachsene

Panzerartige SUVs haben auf Spielstraßen keine Chance

Temporäre Spielstraße an einem verregneten Sonntagnachmittag am Kreuzberger Chamissoplatz. Foto: ksk

Gerade erst hat es kräftig geregnet. Der lang ersehnte Schauer nach wochenlanger Trockenheit. Das Kopfsteinpflaster auf der Arndtstraße glänzt nass und silbrig. Kein Mensch ist bei dem Wetter unterwegs. Aber stimmt gar nicht: Ganz da vorne steht einsam eine Frau in türkisgrüner Warnweste. Das ist eine Ordnerin für die temporäre Spielstraße.

Spielstraße? Braucht man das, wenn es doch gleich daneben den Spielplatz auf dem Chamissoplatz gibt? »Die Kinder gehen zu den Spielgeräten, die wollen nicht auf der Straße spielen«, moniert eine ältere Frau, die sich an der Absperrung herumdrückt. »Die verstehen das nicht, am Sonntag dürfen sie auf die Straße und unter der Woche nicht.«

Aber dann steht man eine Weile herum und plaudert, die Sonne wagt sich hervor. Alle paar Minuten kommt ein protziger Daimler oder ein hässliches, panzerartiges SUV die Nostitzstraße hochgeschlichen, bleibt eine Weile auffordernd stehen und dreht dann ratlos wieder um.

Irgendwie ist das ziemlich lustig. »Jawohl«, denkt man bei sich, »hier kommst du nicht durch! Hier ist heute Verkehrswende, hast du verstanden, und überhaupt könntest du deine blöde, lächerliche Angeberkarre mal stehen lassen und aufs Fahrrad umsteigen!« Eigentlich ist so eine temporäre Spielstraße doch eine coole Sache.

Inzwischen bevölkern kleine Grüppchen die immer noch sehr breite Straße, mit und ohne Kinder. Sprachfetzen sind zu hören: »Die probieren wenigstens was!« – »Du glaubst gar nicht, wie schnell das aufgebaut wurde!« – »Erst gestern habe ich mit meiner Nachbarin darüber diskutiert!«

Knapp 20 solcher Spielstraßen hat der Bezirk inzwischen mit Unterstützung von Anwohnern eingerichtet. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um die Kinder, denkt man noch, die sind auf den Spielplätzen gut aufgehoben. Viel­leicht geht es viel mehr um die Erwachsenen, die auf einmal miteinander zu reden beginnen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Könnte es bitte eine Scharlach-Kastanie sein?

Der Bezirk bekommt im Herbst 155 neue Bäume – wenn die Bürger kräftig in die Tasche greifen

Straßenbaum … Foto: ksk

In der Großstadt gibt es drei Arten von Bäumen. Die Straßenbäume: Platanen, Linden, die im Sommer süßlich duften, Baumhaseln, über die sich Eichhörnchen freuen. Und natürlich Kastanien. Wenn ihre Früchte im Herbst auf die Autodächer prasseln, klingt es wie Gewehrschüsse und überall heulen die Alarmanlagen auf.

Dann gibt es die Straßenbäumchen, Chinesische Wildbirne etwa. Im Frühjahr blüht sie ein bisschen rot, ab und zu werden Äste dürr und wenn ein etwas heftigeres Lüftchen weht, fällt so ein Bäumchen schon mal mit einem leisen Seufzer um.

… und Straßenbaum-Attrappe. Foto: ksk

In der Mittenwalder Straße ist das vor ein paar Jahren passiert, da konnte man dann sehen, wie flach der Wurzelballen eigentlich ist. Ohnehin fragt man sich, wie sie in ihrer Mini-Baumscheibe überhaupt leben können. Außerdem existieren noch Straßenbaum-Attrappen in hässlichen Pflanzkübeln. Die sind häufig dürr und könnten genauso aus Plastik sein.

Jedes Jahr müssen Bäume gefällt werden. Allein in Friedrichshain-Kreuzberg sind es in diesem Jahr 622 Stück – aber da zählen auch die Anlagenbäume mit. Zum Ausgleich sollen immerhin 155 neue Bäume gepflanzt werden. Aber so wenig der Bezirk im Sommer Wasser zum Gießen hat, so wenig Geld hat die Senatsverwaltung für Umwelt für die neuen Bäume. Von den 2000 Euro, die ein Bäumchen in den ersten zwei Jahren kostet, sollen deshalb Anwohner 500 Euro übernehmen.

Entlang der Mittenwalder Straße werden noch für die Hausnummern 34, 37, 39, 41, 47, 49 und 50 Baumpaten gesucht, für den schönen Platz vor dem »Zweiten Büro« an der Fürbringer / Zossener wurden offenbar schon Spender gefunden. Aber bitte, könnte es statt der vorgesehenen Wildbirne vielleicht eine gegen Miniermotten resistente Scharlach-Kastanie sein?

Hier kann man die Kampagne verfolgen; hier ist die Liste der Bäume und hier wird jeder einzelne Baum aufgeführt. Nur dass viele der dort eingezeichneten Schwengelpumpen leider gar nicht funktionieren.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Mein Freund, der Baum, lebt!

Anfang März gehen an der Mittenwalder / Blücherstraße endlich die Lichter an

Trotz neuer Ampeln dürfen an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße alle Bäume stehen bleiben. Foto: ksk

Uns erreichen immer mehr Anfragen, ja sogar Beschwerden, was es mit den Ampeln an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße auf sich hat. Nicht eigentlich zu den Ampeln, die sind ja noch gar nicht da, sondern gerade deswegen: Warum sie nämlich so lange auf sich warten lassen. Seit Ende August wird an der Kreuzung herumgebastelt. Es wurden wundervolle Linksabbiegerspuren eingerichtet, ein aufwändiges Blindenleitsystem, sogar Tempo 30 gibt es dort im Moment – allerdings nur vorläufig, wie man erfährt. Nur die versprochenen Ampeln fehlen noch. Die stählernen Masten existieren schon, wären sie lebendig, würde man vielleicht sagen, sie strecken „anklagend die Hände zum grauen Winterhimmel“ empor, aber statt dessen stehen sie nur etwas ratlos in der Gegend herum und das tun viele verunsicherte Anwohner auch.

Da hat die KuK natürlich nachgefragt. Die gute Nachricht: Es liegt nicht am üblichen Berliner Schlendrian, den böse Zungen gern unterstellen, dass der harmlose Umbau einer Kreuzung nicht Ende Oktober 2019 fertig geworden ist, wie ursprünglich angekündigt, sondern immer noch nicht. Es liegt an einem Baum! Tatsächlich stehen direkt an der Kreuzung ein paar Bäume herum, vermutlich Platanen, und da musste erst umfänglich geklärt werden, ob angesichts der „neuen Lichtsignalanlage“ speziell „der Standort eines Baumes so bleiben kann“. Bei der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr heißt es nun: „Diese Klärung ist abgeschlossen, der Baum kann stehen bleiben.“ Das ist die zweite gute Nachricht.

Die dritte gute Nachricht ist, dass die Ampeln jetzt endlich – Ende Februar, Anfang März – doch kommen sollen, wie die zuständige Alliander Stadtlicht GmbH versichert. Die vierte: Der Umbau sollte mit Stand August 380.000 Euro kosten, inzwischen ist von 385.000 Euro die Rede. Und über so eine geringe Steigerung muss sich nun wirklich niemand aufregen.

 

Alles Müll, oder was?

Kreuzberg wird Zero-Waste-Bezirk

Stört ungemein: Müll im öffentlichen Raum. Foto: ksk

Freunde des »Karnevals der Kulturen« wissen, dass die eigentlichen Höhepunkte der Veranstaltung erst am späteren Abend zu besichtigen sind. Dann schieben sich die Kehrmaschinen der BSR wie Mähdrescher aus dem amerikanischen Mittelwesten über die vierspurigen Straßen, saugen alles ein, was ihnen nur vor die gefräßigen Rüssel kommt, und arbeiten wie von unsichtbaren Händen gesteuert perfekt mit den Radladern und Straßenfegern zusammen, die alle nichts anderes im Sinn haben, als die gigantischen Mülllawinen zu beseitigen.

Diesem Müll im öffentlichen Raum hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg nun den Kampf angesagt. Dabei geht es gar nicht um die Sofas, die versifften Matratzen, lädierten Drehstühle, Regalreste oder kaputten Fernsehapparate, die immer häufiger die Trottoirs schmücken. Diese Art Abfall einzusammeln, das machte Umweltstadträtin Clara Herrmann bei der Präsentation des neuen Konzeptes klar, sei »nur Symptombekämpfung: Abfall soll gar nicht erst entstehen!«

»Fair-Trade-Bezirk« ist Kreuzberg schon, jetzt soll es auch noch »Zero-Waste-Bezirk« werden. Dazu wurde für 60.000 Euro ein umfangreiches Konzept erstellt mit einer Analyse des Ist-Zustandes, Best-Practice-Beispielen und Handlungsempfehlungen. So will der Bezirk noch in diesem Jahr Einweggrills verbieten, Zigarettenkippen-Mülleimer installieren und »Bibliotheken der Dinge« ausbauen. 2021 sollen dann alle Großveranstaltungen ein Abfallvermeidungskonzept vorlegen. Ob das wirklich hilft, bleibt abzuwarten. Liebhaber der großen Müllschlacht am Ende des Karnevals der Kulturen müssen sich vermutlich vorerst keine Sorgen machen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.