Der Rio-Platz war bunt, so viele Leute waren da

Umbenennung des Heinrichplatzes wird zum Fest für den Kiez

Viele Personen stehen vor einer Bühne auf dem Rio-Reiser-Platz, auf der »Ton Steine Scherben« spielen. Davor ein Transparent »Keine Macht für niemand«Keine Macht für Niemand: Rio-Reiser-Platz passend eingeweiht. Foto: psk

Für die Hardcore-Fans von »Ton Steine Scherben« wurde es ein richtig langes Wochenende. Freitag und Samstag tuckerte, wie jedes Jahr, der Scherben-Musikdampfer über Spree und Landwehrkanal und am Sonntag dann wurde der Heinrichplatz in Rio-Reiser-Platz umbenannt.

Im Vorfeld hatte das für reichlich Diskussionsstoff gesorgt, seit der damalige Fraktionsvorsitzende der Linken, Oliver Nöll, seine Idee in die Bezirksverordnetenversammlung eingebracht hatte.

Hauptkritikpunkt in der Debatte war, dass die BVV mit dieser Entscheidung ihren eigenen Beschluss von 2005 über Bord geworfen habe, Straßen und Plätze solange nur noch nach Frauen zu benennen, bis eine Parität bei den Namen erreicht sei. Die Befürworter des Rio-Reiser-Platzes verwiesen dagegen auf die Ausnahmeregelung, die der Beschluss schon damals vorgesehen hatte.

Geht man von den Gäs­ten aus, die zur Einweihung geströmt sind, scheint die BVV mit ihrer Entscheidung für Rio Reiser voll ins Schwarze getroffen zu haben. Grob geschätzt 5000 bis 6000 Menschen waren gekommen, um den Heinrichplatz zu verabschieden und den Rio-Reiser-Platz willkommen zu heißen.

Moderiert wurde die Veranstaltung von der Dragqueen Gloria Viagra, die aber zunächst den Rest-Scherben die Bühne für ein gut eineinhalbstündiges Konzert überließ. Die beglückten die Fans mit den hymnischen Songs der Hausbesetzerzeit wie »Macht kaputt, was euch kaputt macht« oder »Keine Macht für niemand«.

Mit »Sklavenhändler« gab es einen Song mit direktem Bezug auf den umbenannten Platz. In Sichtweite des Bethanien durfte natürlich auch der »Rauchhaussong« nicht fehlen.

Doch zu einer Einweihung gehören auch Reden. Den Auftakt machte Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann.

Schwerer Stand für Claudia Roth

Sie schlug eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart, als sie daran erinnerte, dass auch die Scherben mit Rio Reiser ihren Anteil daran hatten, dass es heute an diesem Platz eben keine Autobahn gebe, wie ursprünglich einmal ge­plant. Auch heute gehe es wieder darum, eine Autobahn zu verhindern. Sie meinte damit der A 100, deren nächste geplante Ausbaustufe durch Friedrichshain führen soll.

Wurde die Bezirksbürgermeisterin noch einigermaßen freundlich empfangen, hatte es ihre Parteifreundin, die Kulturstaatssekretärin Claudia Roth, deutlich schwerer. Die einstige Managerin von »Ton Steine Scherben« wurde mit Pfiffen und Buhrufen empfangen. Sichtlich angefasst wehrte sie sich gegen die Zwischenrufer mit einem energischen »Ich haue nicht ab«, was dann der größte Teil der Besucher mit heftigem Applaus quittierte. Fortan wurde sie nur noch durch lauten Beifall unterbrochen, etwa, als sie daran erinnerte, dass sich Rio Reiser als einer der ersten Sänger offen zu seiner Homosexualität bekannt hatte und dadurch zu einem Wegbereiter der LGBTQ+-Bewegung wurde.

»Für Rio war das Private auch immer politisch«, rief sie mit Blick auf jene, die dem späten Rio Reiser seine Songs vorwarfen, in denen seine Aussagen eher poetisch als politisch erschienen.

So fand die Einweihung am Ende doch ein versöhnliches Ende.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2022.

Die Vielfalt am Mehringplatz

Stadtteilzentrum F1 wird neu aufgestellt

Marie Hosten im Garten des Stadtteilzentrums am Mehringplatz.Marie Hosten im Garten des Stadtteilzentrums am Mehringplatz. Foto: rsp

Jeden Tag wird etwas geboten, von der Frauentischtennis-Gruppe am Montag, über den Eltern-Kindertreff  der Stadtteilmütter dienstags, den Proben des Kiez-Krähen-Kabaretts tags darauf, der offenen Nähgruppe am Donnerstag oder dem freitäglichen Erzählcafé. Im inklusiven Stadtteilzentrum F1 am Mehring­platz ist immer etwas los.

Wenn es nach Marie Hosten vom neuen Träger Unionhilfswerk geht, dann sollen es sogar noch deutlich mehr Angebote werden. Sie versucht seit Januar, Gruppen und Initiativen dazu zu ermuntern, das Stadtteilzentrum zu nutzen und neue Aktivitäten zu entfalten.

Dazu stehen acht Räume zur Verfügung, die kostenfrei genutzt werden können und im Prinzip jedem offenstehen, der sich für den Kiez und seine Bewohner engagieren will.

Was allerdings nicht geht, sind Co-Working-Space-Plätze.

Dagegen können Räume auch für private Feiern genutzt werden. Das kostet dann allerdings Geld.

Während der Führung durch das Haus wird Marie von einer Mutter angesprochen. Sie möchte einen Raum für einen Kindergeburtstag in drei Tagen. Doch da muss Marie passen. Kurz­fris­tig geht da nichts. Drei Wochen Vorlauf braucht das Bezirksamt dann schon. Denn die Miete muss über die Behörde abgewickelt werden.

Dem zuständigen Amt steht Bezirksstadtrat Oliver Nöll vor. In seinen Aufgabenbereich ist das inklusive Stadtteilzentrum Anfang des Jahres gefallen. Er weiß um die wichtige Aufgabe des Zentrums gerade an einem sozialen Brennpunkt wie dem Mehringplatz. »Als wir es übernommen haben, wurden wir gleich damit konfrontiert, dass Teile des Gebäudes aus Brandschutz- oder baulichen Gründen nicht nutzbar sind.« Für ihn heißt es, nun mit Hochdruck die Mittel aufzutreiben, um möglichst bald mit der Sanierung des Gebäudes beginnen zu können. »Ich will nicht bis in die 30er Jahre warten, ehe wir hier anfangen.« Allerdings muss er sich dafür mit den Senatsverwaltungen für Soziales und für Stadtentwicklung auseinandersetzen. Zudem gibt es auch im Bezirksamt verschiedene Begehrlichkeiten. Auch das Rathaus in der Yorckstraße und die Bibliothek in der Glogauer Straße leiden unter ähnlichen Problemen.

Trotzdem sichert Oliver Nöll dem Stadtteilzentrum am Mehring­platz seine uneingeschränkte Unterstützung zu. Er weiß, wie wichtig die Arbeit dort ist.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2022.

Welle der Hilfsbereitschaft

Giffey rechnet berlinweit mit bis zu 100.000 Geflüchteten

Seit über einem Monat herrscht Krieg in Eu­ro­pa, und ein Ende der russischen Invasion der Ukra­ine ist derzeit nicht in Sicht. Rund eine Viertelmillion Menschen sind seit Kriegsbeginn aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet. Allein in Berlin kommen derzeit täglich über tausend Geflüchtete dazu. Mittelfristig geht die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey von 50.000 bis 100.000 Geflüchteten aus, die vorübergehend in Berlin aufgenommen werden.

Es sind vor allem Frauen, Kinder und ältere Männer, denn wehrfähige Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen – zumindest, wenn sie ukrainische Staatsbürger sind. Doch auch viele Personen ohne ukrainischen Pass flüchten aus dem Land, beispielsweise Studierende, insbesondere aus afrikanischen Ländern.

Erfreulicherweise stoßen die Kriegsflüchtlinge auf eine Welle der Hilfsbereitschaft: Freiwillige nehmen Geflüchtete am Hauptbahnhof in Empfang, sammeln und sortieren Spenden für die Erstversorgung, aber auch für Hilfstransporte in die Ukraine.

Für alle, die ebenfalls helfen möchten, aber noch nicht genau wissen, was sie am besten tun können, haben wir hier und auf den Mittelseiten der April-KuK eine Übersicht von Initiativen und Hilfsorganisationen zusammengestellt.

Geld spenden

Wer die Möglichkeit hat, Geld zu spenden, kann eigentlich kaum etwas falsch machen.

Neben den einschlägigen großen nationalen und internationalen Hilfsorganisationen gibt es auch mannigfaltige kleinere Initiativen, teilweise sogar direkt hier im Kiez, die mit unterschiedlichen Schwerpunkten vor Ort in der Ukraine, an der polnisch-ukrainischen Grenze und in Deutschland humanitäre Hilfe für vom Krieg betroffene Menschen leisten.

Der Verein Ukraine-Hilfe Berlin e.V. organisiert u.a. Hilfstransporte an die ukrainisch-polnische Grenze, die Verletzten, Kindern, Reservisten und Familien auf der Flucht zugutekommen.

PLAST – der Ukrainische Pfadfinderbund in Berlin e.V. sammelt Spenden, um Erste-Hilfe-Kästen, Verbände und Medikamente für die Versorgung von Menschen in der Ukraine zu kaufen.

Die Kirchengemeinde Heiligkreuz-Passion bittet um Spenden für Hygieneartikel, Windeln, Babynahrung und Essen, um die von ihnen aufgenommenen Familien versorgen zu können.

Auch die meisten der in den weiteren Artikeln auf dieser Seite genannten Projekte können Geldspenden gut für ihre Arbeit gebrauchen.

Ukraine-Hilfe Berlin e.V.

Empfänger: Ukraine-Hilfe Berlin e.V.
Konto: Deutsche Skatbank
IBAN: DE24 8306 5408 0004 8722 15
BIC: GENODEF1SLR
Paypal: ukraine.hilfe@gmail.com

PLAST – Ukrainischer Pfadfinderbund in Berlin e.V.

Kontoinhaber: PLAST Ukrainischer Pfadfinderbund in Berlin e.V. Bank: Deutsche Skatbank
IBAN: DE88 8306 5408 0004 2640 37
BIC: GENODEF1SLR
Verwendungszweck: Spende Nothilfe Ukraine

Evangelische Kirchengemeinde Heiligkreuz-Passion

Empfänger: Ev. KKV Berlin Mitte-Nord
IBAN: DE51 1005 0000 4955 1922 41
Berliner Sparkasse, BIC: BELADEBEXXX
Verwendungszweck: Flüchtlingshilfe Ukraine

Dinge spenden

Für Sachspenden gibt es bei den meisten Hilfsorganisationen und -initiativen Bedarf, allerdings sollte man sich im Vorfeld zeitnah informieren, was wo genau benötigt wird.

Eine kieznahe Annahmestelle für Sachspenden betreibt die Spendenbrücke Ukraine im Hangar1 des Flughafens Tempelhof. Stand Redaktionsschluss wurden hier unter anderem Hygieneartikel, haltbare Lebensmittel, Tierfutter, Decken und Schlafsäcke benötigt.

Ebenfalls im Flughafen Tempelhof ansässig ist der THFwelcome e.V., der eine Fahrradwerkstatt betreibt und zur Zeit insbesondere Frauen- und Kinderfahrräder sucht – auch defekte Räder und einzelne Fahrradteile werden gerne genommen, da in der Werkstatt nach dem Aus-zwei-mach-eins-Prinzip gearbeitet wird.

Das Pilecki- Institut sammelt am Pariser Platz in Zusammenarbeit mit der Allianz Ukrainischer Organisationen Hilfsgüter für die Ukraine, mit denen unter anderem zivile Freiwillige, die ihre Städte verteidigen, unterstützt werden sollen. Insbesondere medizinisches Material und Medikamente werden dafür benötigt, aber auch Powerbanks, Gasmasken und Dieselgeneratoren.

Bei mog61 e.V. werden Lesebrillen, nicht rezeptpflichtige Medikamente und Hygieneartikel gesammelt und weitergegeben. Außerdem vermittelt der Verein die Weitergabe von Gehhilfen und Rollstühlen.

Zeit spenden

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, den Ankommenden aus der Ukraine durch persönliches Engagement zu helfen.

So freut sich zum Beispiel die Stadtmission, die die Willkommenshalle am Hauptbahnhof betreibt, über Unterstützung.

»Wir helfen Berlin« ist ein Zusammenschluss von DRK, DLRG, ASB, Maltesern und Johannitern und organisiert das Ankunftszentrum TXL in Tegel, auch hier ist Hilfe willkommen. 

Wer über ein Auto verfügt und Menschen von den Bahnhöfen und dem ZOB zu ihren Unterkünften bringen möchte, kann sich bei Arrival Support Berlin melden.

Das Unionhilfswerk sucht für die von ihnen betriebene Flüchtlingsunterkunft in Friedrichshain Freiwillige für unter anderem Kinderbetreuung, die Annahme und Sortierung von Sachspenden und Essensausgabe. 

Freiwillige Helferinnen und Helfer mit russischen oder gar ukrainischen Sprachkenntnissen sind aus naheliegenden Gründen überall besonders begehrt, es gibt aber auch genug Gelegenheiten, mit anzupacken, wenn man »nur« deutsch und/oder englisch spricht.

In jedem Fall ist eine vorherige Registrierung bei einem Freiwilligenportal wie zum Beispiel dem Volunteer Planner oder GoVolunteer eine gute Idee. Dort kann man einsehen, wo gerade welche Hilfe benötigt wird und sich in Schichtpläne eintragen.

Außerdem:

Berlin Wecome Team

Netzwerk Berlin hilft

Wohnraum anbieten

Wohnraum in Kreuzberg ist bekanntlich ein rares Gut, aber vielleicht hat ja doch jemand ein Gästezimmer übrig, um Menschen für ein paar Tage oder längerfristig bei sich aufzunehmen.

Dann bitte nicht einfach zum nächsten Bahnhof fahren und ein Pappschild hochhalten. Es gibt mehrere Portale, auf denen man sich registrieren kann, wenn man Wohnraum zur Verfügung stellen möchte, zum Beispiel Unterkunft Ukraine, Host4Ukraine oder hometogo.

Aus der Ukraine Geflüchtete ohne ukrainischen Pass – etwa Studierende aus afrikanischen Ländern – haben es häufig schwerer, einen privaten Platz zum Wohnen zu finden.

Wer eine Unterkunft für Menschen aus dieser Personengruppe anbieten möchte, kann sich beim tubman.network melden, einem Bündnis Schwarzer Organisationen und Verbündeter.

Sprachbarrieren überwinden

Der von der VHS Friedrichshain-Kreuzberg angebotene Sprachkurs Ukrainisch war innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. Bei anderen Berliner Volkshochschulen gab es zu Redaktionsschluss noch vereinzelte Plätze in ähnlichen Kursen.

Die Anbieter etablierter Sprachlern-Apps wie duolingo und 50languages haben schnell auf den Bedarf reagiert und ihr Angebot um Ukrainisch erweitert, teils kostenlos zumindest für die ersten Lektionen.

Für die erste Unterhaltung können Bildwörterbücher helfen, wie zum Beispiel das der Tüftelakademie, oder auch Übersetzungsapps für gesprochene Sprache wie SayHi von Amazon.

Die eBooks »Ukrainisch Wort für Wort« und »Deutsch als Fremdsprache Ausgangssprache Russisch« aus der beliebten Kauderwelsch-Reihe sind derzeit für nur 1 Cent zu haben.

Die Lehrerin Katia Tangian hat in ihrem Blog ARTSetc eine Linkliste zusammengestellt, die ihren Fokus vor allem auf ukrainische Kinder und Jugendliche und deren Start an deutschen Schulen richtet, aber zum Thema Sprachelernen und Verständigung eine Menge Hilfreiches enthält.

Außerdem:

Linksammlung Ukrainisch lernen bei weltsprachen.net
Artikel über Übersetzungs-Apps bei ntv

Sonstiges und Linksammlungen

Wer sich direkt im Kiez vernetzen möchte, um Hilfe aller Art zu leisten, kann sich auf der Nachbarschaftsplattform nebenan.de registrieren, den Telegram-Channel von Kreuzberg hilft abonnieren oder mit der Freiwilligenagentur WILLMA Kontakt aufnehmen.

Weitere nützliche Linksammlungen und Webseiten:

Projektportal #LeaveNoOneBehind
Artikel und Linksammlung taz
Artikel und Linksammlung tip
Artikel und Linksammlung Tagesspiegel
Infoseite des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg
Infoseite Land Berlin
Infoseite Bundesinnenministerium
Hilfebörse der Caritas
Initiative Moabit Hilft

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2022.

Das biografische Kreuzbergrätsel

Langeweile über Ostern? Beschäftigungsbedürftige Besserwisser im Bekanntenkreis? Dann haben wir was für Euch: unser biografisches Kreuzbergrätsel für Kiezkundige und solche, die es werden wollen. Alle Personen unseres Rätsels haben mehr oder weniger Kreuzberg in ihrer Biografie. Aber wer sind sie?

Google und Wikipedia sind natürlich erlaubt, und in den Kommentaren unter diesem Artikel und via Facebook beantworten wir Ja-Nein-Fragen.

Unter allen, die bis 30. April die richtigen Lösungen an info@kiezundkneipe.de schicken (Betreff »Kreuzbergrätsel«), verlosen wir eine Tasse aus unserem KuK-Shop. Der Rechtsweg ist natürlich ausgeschlossen.

Wappen Kreuzberg mit Fragezeichen drumherum1. Ein perfektionistischer Parodist

Er war ein waschechter Kreuzberger, hier geboren, aber schon früh an die Rummelsburger Bucht verschleppt. Schon in der Schule hatte er allerlei Dummheiten im Kopf, die ihn auf seinem späteren Lebensweg zwar immer wieder in Schwierigkeiten bringen sollten, letztlich aber auch zu seinem Erfolg beitrugen. So entwickelte er ein unglaubliches Talent dafür, seine Lehrer zu parodieren. Doch ehe er in seinem späteren Fach reüssierte, verdingte er sich erst einmal in der Hasenheide in der Werbebranche.

Er musste, wie viele seines Alters, in den Krieg ziehen, den er beinahe unbeschadet überstanden hätte. Kurz vor Kriegsende erlitt er jedoch einen Fußdurchschuss. Der Militärarzt wollte amputieren, doch es gelang dem jungen Mann durch einen Kartentrick, den Arzt davon abzuhalten. Nach dem Krieg verließ er Berlin und machte in einer anderen Branche Karriere, in der er für viele seiner nachfolgenden Kollegen Maßstäbe setzte. Er galt im Umgang als schwierig, weil er ein absoluter Perfektionist war. Ein auffälliges Kleidungsstück wurde zu seinem herausragenden Markenzeichen. So gut er auch in seinem Fach war, so schlecht war er als Geschäftsmann. Als er plötzlich mit 80.000 D-Mark beim Finanzamt in der Kreide stand, fürchtete er den Ruin. Aber auch aus dieser Krise arbeitete er sich wieder zäh heraus. Im übrigen machte er auch einen Postboten berühmt, der ihm das ein Leben lang dankte. (psk)

2. Geküsst von der leichten Muse

So richtig bekannt wurde die gebürtige Kreuzbergerin, die auch den Großteil ihres Lebens hier verbrachte, erst im hohen Alter, nach dem Tod ihres Mannes. Ihren Traumjob hatte sie da schon jahrzehntelang nicht mehr ausgeübt, auch weil ihr Mann das nicht wollte. Gegen den Job hatte zuvor schon schon ihr Vater Vorbehalte gehabt, wohl schon wegen seines eigenen Berufs und weil der Tätigkeit eine gewisse Anrüchigkeit nicht abzusprechen war.

Doch der väterliche Versuch, ihre berufliche Zukunft in andere Bahnen zu lenken, scheiterte – auch weil sie dabei die Bekanntschaft mit einer anderen jungen Frau machte, die später weltweite Berühmtheit erlangen sollte. Am Ende konnte sie sich doch gegen den Vater durchsetzen und ergatterte eine Stelle in einem inzwischen traditionsreichen Etablissement.

Über große Teile ihres langen Lebens ist außer einer zwölfjährigen Arbeit im größtenteils sitzenden Gewerbe wenig bekannt. Doch dann war es wieder eine Zufallsbekanntschaft, die sie zurück ins Rampenlicht brachte. Und als weitere 14 Jahre später jene Institution, in der sie als junge Frau gegen den väterlichen Widerstand ihre Berufung gefunden hatte, nach langer Pause neu eröffnete, war sie natürlich als Ehrengast dabei, gewissermaßen als letzte ihrer Art.

Anders als nach mehreren ihrer berühmten Weggefährten sind bislang keine Straßen oder Plätze nach ihr benannt. Aber das kann sich ja vielleicht noch ändern. (rsp)

3. Ein streitbarer Reformer

Schon sein Vater eckte an und musste einen anderen Beruf ergreifen, als er eigentlich vorhatte. Für den wiederum zeigte der Gesuchte keinerlei Begabung und strebte eine akademische Ausbildung an, die ihn vielleicht das erste Mal in Kontakt mit linken Gedanken brachte.

Nach seinem Studium ließ er sich nieder in einer Stadt, die in dieser Form heute nicht mehr existiert, und setzte sich dort für die Rechte von Menschen ein, die es aus ökonomischen oder politischen Gründen schwer hatten. Auch seine politische Karriere, die von den Querelen jener Zeit gekennzeichnet war, nahm dort ihren Anfang.

Schnell erreichte er überregionale Bekanntheit, doch einen Ruf nach Berlin lehnte er zunächst ab.

Es folgte eine Zeit des Umbruchs, in der er zwar nicht die Seiten, aber die Stoßrichtung seines Engagements wechselte.

Wie er dann schließlich, 15 Jahre später, doch noch nach Berlin und schließlich nach Kreuzberg kam, ist nicht so ganz klar, sein gewaltsamer Abgang zwölf Jahre später ist dafür umso besser dokumentiert.

Ein paar Jahre noch blieb er, doch dann verließ er Berlin für immer, kämpfte aber weiter für seine Überzeugung. Weitere 12 Jahre später verstarb er am Mittelmeer.

In Kreuzberg wird an mehreren Orten an ihn erinnert. Einer davon befindet sich in unmittelbarer Nähe zu seiner damaligen Wirkungsstätte, auch wenn es dort baulich inzwischen etwas anders aussieht. (rsp)

4. Sarg mit Fenstern

Sie wollte auf Nummer sicher gehen und verfügte, dass ihr Leichnam zunächst mal nicht bestattet wurde. Sie hätte ja auch scheintot sein können, und deshalb sollte ihr Doppelsarg auch mit Fenstern ausgestattet werden. 20 Jahre wollte sie im Kolumbarium des Dreifaltigkeitsfriedhofs aufgebahrt werden, ehe sie unter die Erde gebracht würde. Es wurden am Ende 36, ehe sie mit ihrem Mann dann doch noch die letzte Ruhe auf dem Friedhof am Halleschen Tor fand.

So ungewöhnlich die Umstände ihrer Beisetzung waren, so ungewöhnlich war sie auch zu ihren Lebzeiten. So war sie für ihre Zeit eine ungewöhnlich gebildete Frau, die vier Sprachen sprach. Illuster war der Kreis, den sie um sich versammelte: Dichter, Philosophen, Naturwissenschaftler und sogar gekrönte Häupter. Erstaunlich ist, dass all diese Gäste samt und sonders damals recht unbekannt waren, aber in späteren Jahren zu wahren Popstars in ihren Fächern werden sollten.

Ihre erste Liebe endete unglücklich, eine weitere im Streit, und ein paar Liebschaften später heiratete sie einen Mann, der um die Kleinigkeit von 14 Jahren jünger war als sie. Auch das war für die damalige Zeit ausgesprochen ungewöhnlich. Aber die Heirat machte sie zu eine Frau von Adel. Nicht, dass das für sie von größerem Interesse gewesen wäre, aber aufgrund der Zeitläufte brachte der Titel, vor allem für ihren jungen Mann, einen gewissen Schutz.

Sie starb 25 Jahre vor ihrem Mann. Doch der wurde gleich in die Erde des Dreifaltigkeitsfriedhofes versenkt. Erst neun Jahre später wurde sie neben ihm bestattet. (psk)

5. Mit Drumsticks und Häkelnadel

Wenige Jahre vor dem Mauerfall verschlug es die studierte Lehrerin aus der westeuropäischen Provinz der Liebe wegen nach West-Berlin. Dort verdingte sie sich zunächst bei einer Tageszeitung als Layouterin, trieb sich in der Hausbesetzerszene herum und gründete eine Band mit, in der sie nicht nur mit dem charakteristischen Akzent sang, den sie bis zu ihrem Lebensende nicht ablegte, sondern auch das Schlagzeug spielte. Einige Jahre später gründete sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dessen Künstlernamen vorne an ein süddeutsches Backwerk erinnert, eine weitere Formation, die in eingeweihten Kreisen eine gewisse internationale Bekanntheit erlangte.

Doch nicht nur mit ihren Drumsticks schuf sie avantgardistische Popkultur, sondern auch mit der Häkelnadel. Unerwartete Aufmerksamkeit der hauptstädtischen Boulevardpresse erregte ein von ihr gefertigtes textiles Kunstwerk, das im Bethanien als Teil einer Ausstellung zu sehen war. Dort gleich um die Ecke, am Oranienplatz, hatte sie jahrzehntelang ihren Lebensmittelpunkt, musizierte jenseits aber auch in der Tradition aller Konventionen des 20. Jahrhunderts, schrieb Bücher und produzierte Hörspiele.

In den letzten Jahren vor ihrem recht plötzlichen Tod moderierte sie eine regelmäßige Radiosendung, in der sie konsequent nur Vinylplatten auflegte und mit ihrem profunden Wissen »nicht nur über Autos, Sex, Tiere, Frauen, Männer und Tanzen« kommentierte, wie eine Radiokollegin in einem Nachruf sehr treffend subsummierte. (cs)

6. Ein Mann mit Hut

Geboren wurde der Gesuchte auf der Reise. Aufgewachsen ist er in einer Berliner Laubenkolonie. Vielleicht hatte ja bereits da seine spätere Affinität zu Keramikfiguren ihren Ursprung – insbesondere zu denen mit Mütze. Eine nicht ganz unauffällige Kopfbedeckung hat er selbst stets gerne getragen, sie wurde für ihn zu einer Art Markenzeichen.

Dreimal eingezogen zum Kriegsdienst wurde er jedes Mal teils schwer verwundet. Die körperlichen und seelischen Verletzungen prägten ihn sein Leben lang. Dennoch verlor er nicht den Lebensmut und den positiven Blick auf die Dinge, auch nicht auf die auf den ersten Blick weniger schönen. Wenn er sich seiner Motive annahm, wurden sie schön, oder zumindest authentisch, berührend und wichtig.

Die akademische Ausbildung zu der Profession, mit der er in seiner zweiten Lebenshälfte dann doch seinen Lebensunterhalt verdienen konnte, führte er nicht zu Ende. Der Vorwurf eines seiner Lehrer, er verstehe nicht, mit Farben umzugehen, traf ihn tief. Er verdingte sich fortan als Händler von Tieren, Bieren und Dingen, die andere nicht mehr haben wollten. Wurde zu einem Nabel einer Welt von Gleichgesinnten, die Kunst im Alltag schufen.

Er starb an einem Ostersonntag. Begraben liegt er hier in Kreuzberg, unweit seiner früheren gastronomischen Wirkungsstätte in einem von ihm selbst gestaltenen Familiengrab. (cs)

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2021.

Urbane Mitte macht mobil

Widerstand gegen Hochhausprojekt am Gleisdreieckpark

Gleisdreieckpark mit 3D-Modell der geplanten HochhäuserEinschüchternde Skyline: So sehen die Gegner das Projekt. Fotomontage: KJD/Gleisdreieck-Blog

Ein Gespenst geistert um den Gleisdreieckpark, ein ziemlich großes sogar. Fast 100 Meter soll es messen. Sein Name: Urbane Mitte. Zwischen Park und Technikmuseum sollen insgesamt sieben Gebäude entstehen. Zwei von ihnen sollen die stattliche Höhe von 90 Metern erreichen, und am Ende stehen 100.000 Quadratmeter zur Verfügung – für Büros. Wohnungen sind nicht geplant.

Dagegen formiert sich inzwischen ein breiter und massiver Widerstand. Die Bauten, so fürchten viele Kritiker, könnten die Lebensqualität im Park nachhaltig beeinträchtigen.

Das Aufbegehren kommt allerdings ziemlich spät. Denn an den Plänen wird seit Jahren gebastelt. Bereits 2014 begann das Werkstattverfahren. 2018 wurde das ganze Projekt in einen nördlichen und einen südlichen Teil getrennt.

Spätestens mit der Einweihung des temporären Labs B-Part vor knapp zwei Jahren war im Grunde klar, wohin die Reise geht. Doch richtigen Protest hatte es in den letzten Jahren kaum gegeben. Der artikulierte sich erst in den letzten Wochen, als die Pläne für das Baufeld Süd ausgelegt wurden.

Das Areal im heutigen, unbebauten Zustand. Foto: KJD/Gleisdreieck-Blog

Entsprechend zurückhaltend ist denn auch der Baustadrat von Friedsrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt, wenn es darum geht, ob das Bauvorhaben noch gekippt werden kann. Gegenüber dem Berliner Tagesspiegel erklärte er: »Wer das grundsätzlich in Frage stellt, muss sich mit erheblichen Entschädigungen auseinandersetzen, die vom Land Berlin aufzubringen wären.«

Dennoch verweisen die Kritiker auf eine ganze Menge Argumente, die gegen das Vorhaben sprechen. Dass zum Beispiel die typische Kreuzberger Mischung, die ortsnahes Arbeiten und Wohnen miteinander verbindet, bei dem großen Projekt keine Rolle spielt, ärgert viele Kritiker, ebenso wie die Tatsache, dass für den Bauherrn elementare baurechtliche Regeln keine Rolle spielen, wie etwa die Traufhöhe von 22 Metern.

Neues Quartier rund um einen Verkehrsknotenpunkt

Doch die eigentliche Empörung wird durch das Bauvolumen entfacht. Die Hochhäuser würden einen Teil des Parks verschatten, ihre schiere Größe die Landschaft verschandeln. Hinzu kommen die üblichen Bedenken in Sachen Naturschutz: Bäume verschwinden, der Vogelwelt gehen Nistplätze verloren, und es gibt Befürchtungen, dass sich das Mikroklima verändern könnte.

Die Bauherren halten dagegen, dass hier Raum für 3000 Arbeitsplätze geschaffen werde. In einem dreieinhalbminütigen Präsentationsvideo weisen sie gleich eingangs darauf hin, dass das Projekt zusammen mit der Stadt und der Nachbarschaft entwickelt worden sei. Von einem »Lebendigen Brückenkopf mitten in der Stadt« ist die Rede, der die Innenstadtbezirke miteinander verbinde.

Viel wird in dem Video über Natur und Mobilität gesprochen. Tatsächlich gruppieren sich die Gebäude des neuen Quartiers um ein Verkehrskreuz des öffentlichen Personen-Nahverkehrs. So soll hier auch ein S-Bahnhof für die geplante S-Bahn 21 enststehen, die dadurch an die U-Bahnlinien 1, 2 und 3 angeschlossen wird.

Als »Stadtquartier der Zukunft« bezeichnen die Planer ihr Projekt in ihrer Präsentation. Doch bis zur Zukunft ist es noch ein paar Jährchen hin. Zunächst sollen die beiden Gebäude im Baufeld Süd errichtet werden. Mit der Fertigstellung wird in den Jahren 2025 oder 2026 gerechnet.

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2021.

Unterschiedliche Perspektiven auf ein komplexes Problem Raumnutzungskonflikte am Südstern und im Graefe-Kiez / von Veit Hannemann

Nach einer Informationsveranstaltung zum Drogenkonsum rund um den Südstern mit der Berliner Polizei im August wurden am 27. Oktober andere Perspektiven des Themas beleuchtet. Unter dem Titel »Drogenkonsum, Obdachlosigkeit und Raumnutzungskonflikte« stellten Mitarbeiterinnen von Fixpunkt und Gangway ihre Arbeit vor. Die Suchthilfekoordinatorin des Bezirks, Romy Kistmacher, schilderte ihre Zuständigkeiten und aktuelle Veränderungen bei Unterstützungsleistungen für Dro­gen­kon­su­ment*innen.

Eingeladen hatten das Nachbarschaftshaus Urbanstraße und die BürgerGenossenschaft Südstern e.V. anlässlich zunehmender Raumnutzungskonflikte und des Wunsches vieler Bewohner*innen, besser zu verstehen, wer mit welchen Zuständigkeiten agiert und wie sie selbst in ihrer Nachbarschaft unterstützend wirken können. Anhand der Ausstellung »Die ideale Stadt«, die im Oktober im NHU und zuvor im Aquarium gezeigt wurde, erläuterte Francesca Guarascio vom Projekt NUDRA (Netzwerk zum Umgang mit Drogen und Alkoholkonsum und den Begleiterscheinungen im öffentlichen Raum)der Fixpunkt gGmbH die Wahrnehmungen und Erfahrungen der Dro­genkonsument*innen. Da sie ganz überwiegend keinen Wohnsitz oder zumindest temporäre Rückzugsräume haben, sind sie gezwungen, im öffentlichen Raum zu konsumieren. Das bringt sie selbst in unsichere und stressbelastete Situationen. Ebenso oft haben sie keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung, keine Möglichkeit, eine Toilette zu nutzen oder sich die Hände zu waschen. Leider umso mehr Erfahrung haben sie dagegen mit Misstrauen oder Gewalt auf der Straße. Hätten sie die Möglichkeit, selbst ihre idealen Stadträume zu gestalten, fänden sich hier all die Kriterien, die auch andere Kiezbewohner*innen für wichtig hielten: Sichere, saubere und warme Rückzugsorte, eine berufliche Aufgabe, der Zugang zu eigentlich selbstverständlichen sozialen Leistungen, in guter Nachbarschaft mit anderen leben und respektiert werden.

Unterstützung im Alltag erfahren Dro­gen­ge­brau­cher*innen durch Fixpunkt, die in der Reichenberger Str. 131 eine Kontaktstelle mit Drogenkonsumraum betreiben. In die Diskussion wurde eingebracht, auch ein Drogenmobil auf den Südstern zu stellen. Da jedoch an anderen Orten weit mehr konsumiert wird und auch die Konfliktlagen wesentlich intensiver sind, ist davon auszugehen, dass dies wohl nicht finanzier-und durchsetzbar wäre. Für die Straßensozialarbeit im Gebiet sind die Straßensozialarbeiter*innen von Gangway (Drop-out XHain) zuständig. Deren Team wurde kürzlich auf vier Personen aufgestockt. Sie fahren Plätze in Kreuzberg ab, an denen sich Dro­genge­­braucher*innen und obdachlose Menschen aufhalten. Im Lastenrad haben sie warme Getränke und Hygieneartikel dabei. Sie versuchen, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, damit sie Schritt für Schritt bei der Lösung von Problemen bei Wohnungssuche, Krankenversicherung oder Jobsuche helfen können.

Die verschiedenen Hilfen für Dro­gen­ge­brau­cher*innen im Bezirk zu koordinieren, gehört zu den Aufgaben der seit Beginn dieses Jahres zuständigen Suchthilfekoordinatorin, Romy Kistmacher. Sie informiert, dass die Mittel für Drogenkonsumräume sowie Straßensozialarbeit auf Landes- und Bezirksebenen aufgestockt worden seien. Auf Nachfrage aus dem Publikum weist sie darauf hin, dass es aber derzeit schwierig sei, diese Mittel rasch einzusetzen, weil ausreichend qualifizierte Be­­wer­­ber­*in­­nen für die herausfordernde Tätigkeit fehlten. Ein weiteres Problem bestehe darin, Immobilien für Konsum- und Aufenthaltsräume zu finden – entweder, weil die Mieten zu hoch seien, oder weil Vermieter*innen solche Nutzungen nicht akzeptierten.

Nach Kistmachers Erfahrung ist ein respektvoller Umgang und offene Kommunikation mit Betroffenen wichtig. Mit vielen Dro­gen­kon­su­ment*innen ebenso wie mit obdachlosen Menschen könne man ganz normal ins Gespräch kommen. Nachbar*innen, die helfen wollen, wird empfohlen, vorab nachzufragen, welche Unterstützung gewünscht sei. Andererseits müsse nicht jedes Verhalten akzeptiert, sondern solle auch Kritik geäußert werden. Die Stadtgesellschaft müsse lernen, darin sind sich die drei Fachfrauen weitgehend auch mit dem Publikum einig, Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum zu führen, statt ihnen aus dem Weg zu gehen. Verdrängung durch polizeiliche Maßnahmen sei keine Lösung, sondern verschiebe die Drogenszene nur von einem Platz zum anderen.

Veit Hannemann (v.hannemann@nachbarschaftshaus.de)

Für die Kiezkultur wird’s wieder eng

Gastronomen bekommen 75 Prozent vom letztjährigen Novemberumsatz

Die Lichter gehen wieder aus in der Gastronomie. Für einen Monat ist alles zu. Foto: psk

Jetzt ist es doch passiert: Auf die zweite Corona-Welle, die sich in den letzten Wochen durch stetig steigende Inzidenzzahlen bemerkbar gemacht hat, folgt der zweite Lockdown. Anders als beim ersten Lockdown sind Schulen, Kitas und der Einzelhandel diesmal nicht von Schließungen betroffen, sondern »nur« Theater, Museen, Kinos, Konzerthäuser, Sporteinrichtungen und die gesamte Gastronomie und Hotellerie. Oder wie es extra3-Satiriker Chris­tian Ehring zusammenfasste: »Alles, was Spaß macht, geht nicht, halt nur Arbeit und Schule.«

Für Gastronomen und Kulturschaffende stellt sich die Situation indessen weitaus weniger amüsant dar als für Otto-Normal-Konsumenten, die lediglich für voraussichtlich vier Wochen auf liebgewonnene Freizeitbeschäftigungen verzichten müssen und dabei am Ende noch Geld sparen. Die letzten Monate haben sowohl der Gastronomie, als auch der Kulturbranche arg zugesetzt. Die Abstandsregeln haben auch nach der Wiedereröffnung der Kneipen für eine Reduzierung des Umsatzes gesorgt, ebenso wie die im Oktober verordnete Sperrstunde, die eigentlich nur bis Ende des Monats hätte gelten sollen. Veranstalter im Kulturbereich haben teilweise erhebliche Investitionen in die Umsetzung von Hygienekonzepten getätigt, staatliche Hilfsgelder konnten die Verluste kaum ausgleichen.

Zumindest für den aktuellen November-Lockdown soll das anders aussehen. Bis zu 75 Prozent des Vorjahres-November-Umsatzes sollen von Schließungen betroffene Unternehmen erhalten können. Im Einzelfall mag das rentabler sein als der eingeschränkte Betrieb der letzten Wochen.

Details über das Förderprogramm, das nicht mit der »Überbrückungshilfe II« zu verwechseln ist, aber wohl ebenfalls über www.ueberbrueckungshilfe-unternehmen.de zu beantragen sein wird, standen zum Redaktionsschluss allerdings noch nicht fest.

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2020.

Das Bergmann-Labyrinth

Planungen für die Umgestaltung von Bergmann- und Chamissokiez

Der Entwurf des Bezirksamtes zur Verkehrsplanung in Bergmann- und Chamissokiez lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Möglichst keine Autos.

Wenn die Planungen so umgesetzt werden, dann darf das Areal zwischen Columbia- und Mehringdamm, Gneisenau- und Lilienthalstraße mit Autos und LKW künftig nur noch von Anliegern befahren werden. In der Bergmannstraße wird ab der Nostitzstraße und bis einschließlich Marheinekeplatz eine Fußgängerzone eingerichtet, die nur zu bestimmten Zeiten für den Lieferverkehr offen steht und bis zur nächsten Kreuzung in Solms- und Schenkendorfstraße hineinreicht. Die Zufahrt zum Ärztehaus bleibt frei. So kann auch die Nostitzstraße erreicht werden, die wegen der vielen neuen Einbahnstraßen neben der Zufahrt Friesenstraße am Colum­bia­damm die einzige Möglichkeit ist, motorisiert in den westlichen Chamissokiez zu gelangen. Da der Chamissoplatz selbst samt den angrenzenden Abschnitten von Arndt- und Willibald-Alexis-Straße ebenfalls zur Fußgängerzone wird, gilt das nicht für die Blöcke östlich des Platzes, die mit dem Auto nur vom Columbiadamm angefahren werden dürfen.

Auch die »Abkürzung« zwischen Columbiadamm und Südstern über Golßener, Züllichauer und Lilienthalstraße fällt der Einbahnstraßenregelung zum Opfer.

Von allen Einschränkungen ausgenommen sind lediglich Radfahrer, für die keine der Einbahnstraßenregelungen gilt und die auch die Fußgängerzonen befahren dürfen sollen. In der Bergmannstraße wird für sie vermutlich ein separater zweispuriger Radweg eingerichtet, der räumlich von den Wegen für Fußgänger getrennt wird.

 

Entwurf Verkehrsplan BergmannkiezGrafik: raumscript

Auf der Webseite zum »Modellprojekt Bergmannstraße« kann man den Plan in voller Auflösung herunterladen.

Themenschwerpunkt: Bergmannstraße

Die Zeit des Autos ist vorbei
Bezirk setzt klares Zeichen gegen motorisierten Verkehr
Was lange währt, wird autofrei
Die unendliche Geschichte um die Bergmannstraßen-Neugestaltung neigt sich dem Ende zu
Wo Bächlein durch Straßen fließen
Kreuzberger Konzept funktioniert in Freiburg seit 1000 Jahren
Zukunft Bergmannkiez
Ausstellung zur Neugestaltung
Das Bergmann-Labyrinth
Planungen für die Umgestaltung von Bergmann- und Chamissokiez
Das Ende der Begegnungszone
Kommentar

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2020.

Karstadt wird Pop-up-Kaufhaus

Dritter Stock bietet ein halbes Jahr Gebrauchtwaren an

Karstadt am HermannplatzEin halbes Jahr lang gibt es im dritten Stockwerk vom Karstadt am Hermannplatz Gebrauchtwaren. Foto: rsp (Archiv)

Ist Signa ein Segen oder ein Fluch für den Karstadt am Hermannplatz? Für die Fraktion der Grünen, der Linken und der PARTEI in der BVV ist das eine klare Angelegenheit. Sie wollen nicht, dass das Unternehmen Signa den Bau am Hermannplatz abreißt und nach historischem Vorbild wieder neu baut.

Der Einfluss der Bezirksverordnetenversammlung ist indes sehr beschränkt, denn seit der Senat das Verfahren an sich gerissen hat, bleibt nicht viel mehr als eine Resolution zu verabschieden. Und die wurde mit 17 zu 11 Stimmen noch nicht einmal mit einer überwältigenden Mehrheit angenommen.

Derweil arbeitet das Unternehmen des österreichischen Investors René Benko unbeirrt weiter an einer Charmeoffensive, die im vergangenen Jahr ihren Anfang nahm. Damals wurde durch den Hinterhof des Kaufhauses eine Radstraße als Verbindung zwischen Hasenheide und Ur­ban­stra­ße angelegt. Hinzu kamen Radparkplätze und eine Fahrradwerkstatt. Signa signalisierte damit, dass es hinter der Verkehrswende steht.

Am 9. September folgt eine weitere Neuerung. Das dritte Stockwerk wird für ein halbes Jahr für eine ziemlich ungewöhnliche Aktion freigeräumt. Zum ersten Mal bietet dann ein Kaufhaus in Deutschland auf einer ganzen Etage Gebrauchtwaren an.

Federführend ist bei dieser Aktion der neugegründete Verein Re-Use Berlin. Es werden nicht nur gebrauchte Dinge verkauft, es wird auch Workshops geben, ein Repaircafé und ein Reparaturnetzwerk unterstützt.

Verkauft werden kann aber nur, was da ist. Die Initiatoren sammeln in der ganzen Stadt auf Ökomärkten Geschirr, Bücher, CDs, LPs, Modeschmuck, Kleidung und Textilien, Spiele und Spielsachen. In guten Zustand muss alles allerdings noch sein, ehe es an die Frau oder den Mann gebracht wird.

Umweltsenatorin Günther freut sich über die Aktion: »Mit dem Pop-up-Store werden wir gut erhaltene Gebrauchtwaren für noch mehr Menschen einfach zugänglich machen. Deshalb gehen wir dorthin, wo die Menschen einkaufen: ins Kaufhaus. So kann jeder schnell prüfen, ob das Gesuchte auch gebraucht erhältlich ist. Das lohnt sich doppelt, weil es Geld spart und die Umwelt schützt. Mit dem Begleitprogramm zum Pop-up-Store wollen wir das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum und umweltfreundliches Einkaufen stärken.«

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Siggi mit der Hupe

Peter S. Kaspar denkt zurück an den KuK-Mitarbeiter Siegfried von Trzebiatowski

Und dann war er eines Tages da – unüberhörbar. Die drei Stufen zur Eingangstür der Redaktion waren für Siggi und seinen E-Rolli eigentlich unüberwindbar. Doch er wusste sich bemerkbar zu machen. Seine durchdringende Ballonhupe am Rollstuhl war sein akustisches Markenzeichen im ganzen Kiez. Schon von Ferne war klar: Jetzt kommt Siggi.

Siggi (rechts) beim Sommerfest der KuK in der Ritterburg Foto: phils

Sein Besuch vor der Redaktion hatte einen bestimmten Grund: »Warum berichtet die KuK nie über die Friedrichstadt?« Und er hatte recht. Im Grunde endete die Welt für uns am Kanal. Die Betonwüsten hinter dem Halleschen Tor hatten sicher nichts zu bieten, was für Kiez und Kneipe in irgendeiner Weise interessant wäre.
Da hat uns dann Siggi eines Besseren belehrt. Er hatte nämlich ganz und gar nicht vor, es bei dieser Rüge zu belassen. Er erbot sich auch, den Mangel zu beheben. Und so wurde Siggi praktisch zum Statthalter von Kiez und Kneipe in der Friedrichstadt. Sein Revier reichte von der Stresemannstraße bis zur Prinzenstraße, vom Checkpoint Charlie bis zum Halleschen Tor und darüber hinaus. Und das allumfassend. Er wollte nicht einfach nur Berichterstatter sein, sondern kümmerte sich auch um Anzeigen und sogar um den Vertrieb in seinem Reich.
Doch das war noch nicht alles. Jahrelang hatte Siggi, stets auf Seite sieben, seine eigene Kolumne. »So sieht’s Siggi« hieß sie und sollte ursprünglich unseren Lesern einen Blick auf die Welt vermitteln, den die meisten von uns nicht haben: Wie sieht die Welt für jemanden aus, der im Rollstuhl sitzt?
Siggi hat das oft sehr eindrücklich, manchmal auch beklemmend beschrieben. Es passierte auch immer wieder, dass manche Leser die kalte Wut packte, wenn sie durch Siggis Artikel erfuhren, wie schlampig oft geplant wurde und manches Etikett, auf dem »barrierefrei« stand, nichts anderes als ein Schwindel oder vielleicht die pure Unwissenheit war.
Und so entwickelte er die Kolumne weiter, über den Rollstuhl hinaus, und wurde zu einer Art Kummerkasten für seine Nachbarschaft. Er gab dem sprichwörtlichen »kleinen Mann« rund um das Hallesche Tor eine Stimme.
Mit dem »kleinen Mann« identifizierte er sich, zählte sich selbst dazu, obwohl er einst nicht schlecht verdient hatte. Nachdem er aus Nauen in den Westen gekommen war, arbeitete er erst als Kellner, dann als Koch, zuerst in Süddeutschland, auf der Alb, rund um Stuttgart und in der Baar. Er kam wieder nach Berlin und machte nun selbst Läden auf. Privat hatte er weniger Glück. Eine erste Ehe endete schon nach kurzer Zeit mit der Scheidung, die zweite, als seine Frau 1993 bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückte. Sie stammte aus Thailand, und er selbst hatte das einstige Siam ins Herz geschlossen. Er betrachtete es als zweite Heimat.
Doch dann kamen die Krankheiten, die ihn schließlich an den Rollstuhl fesselten. Reisen kam nicht mehr in Frage, seiner Arbeit konnte er auch nicht mehr nachgehen. Doch unterkriegen ließ er sich nicht. Er machte immer einen fröhlichen Eindruck und fast immer hatte er etwas dabei, was auch andere fröhlich machen sollte. »Hol mal da aus der Tasche …« war ein stehender Spruch, und wenn man dann in der Tasche an der Rollstuhllehne kram­te, hatte man schnell zwei kleine Schnapsfläschchen in der Hand.
Markant war auch seine raue Stimme. Stimmbänder und Kehlkopf hatten ihm schon lange Probleme bereitet. Und dann kam der Kehlkopfkrebs. Es folgten immer wieder Operationen. Im Juni hätte die nächste folgen sollen, doch das war dem ewigen Optimisten am Ende zu viel. Er verzichtete auf eine weitere Behandlung und zog ins heimische Nauen ins Hospiz. Dort starb er am 5. Juli im Alter von 76 Jahren.
Wir von der KuK werden ihn vermissen.

Viel zu viele sind kaputt

Der legendäre KuK-Schwengelpumpen-Test geht online

Fahrradfahrer mit besonders ausgeprägter Sozialkompetenz schließen ihr Rad direkt an den Schwengel an. Dann ist die Pumpe sowieso tot. Foto: ksk

Sie steht direkt vor dem Puff in der Mittenwalder Straße 43, schaut wegen der vielen Aufkleber etwas vergammelt aus und wenn man nach dem Schwengel greift, merkt man gleich, dass da etwas nicht stimmt. Das ist Schwengelpumpe KB 092. Alteingesessene erinnern sich, dass sie beim ersten Straßenfest von mog 61 e.V. 2013 noch Wasser spendete. Aber das ist lange her.

Auch diesen Sommer hat Kiez und Kneipe wieder 34 Straßenbrunnen im Kiez untersucht. Drei Brunnen waren ganz abgebaut, von den verbliebenen 31 lieferten immerhin 15 Wasser, die restlichen 16 nicht.

Das ist ernüchternd, gegenüber dem August 2019 aber sogar ein gewisser Fortschritt: Damals waren 21 Pumpen defekt. Vor allem Land beziehungsweise Bezirk haben Hausaufgaben ge­macht: Drei Brunnen wurden in Ordnung gebracht – einer in der Grimmstraße allerdings komplett abgebaut.

Von den 2070 historischen Straßenbrunnen in Berlin gehört etwa die Hälfte dem Land, die andere dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn. Sie dienen der Notwasserversorgung, lassen sich aber auch als Geheimwaffe gegen trockene Straßenbäume einsetzen. Deshalb sind die unauffälligen Stadtmöbel am Straßenrand ein ausgeprochenes Politikum. Wenn der Bezirk schon im März um Hilfe ruft: »Jeder Eimer zählt!« – gleichzeitig aber niemand die kaputten Pumpen repariert, kommt das nicht wirklich gut.

Besonders das Bundesamt nervt dabei als lästiger Bremser. 2018 wurden gar keine Mittel zur Instandsetzung überwiesen, dieses Jahr bekam der Bezirk statt der benötigten 300.000 Euro nur karge 52.000 Euro. Das führt dazu, dass laut Bezirksamt von den 84 Bundesschwengelpumpen in Friedrichshain-Kreuzberg 52 nicht funktionieren.

Aber auch die Senatsverwaltung für Umwelt befindet sich nicht auf der Höhe der Zeit. Während der Bezirk ins­gesamt 75 kaputte Pumpen auflistet, sind es laut Umweltsenatorin Regine Günther nur 34. Diese Zahl ist überholt und dürfte falsch sein.

Bei Gieß den Kiez und auf OpenStreetMap sind die Pumpen eingezeichnet. Aber nirgends finden sich Informationen, welche wirklich geht. Die KuK springt in die Bresche – mit der weltweit ersten Schwengelpumpen-App für unseren Kiez.

> Pumpentest vom August 2019

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Kisch & Co kämpft gegen Verdrängung

Auch nGbK e.V. und Museum der Dinge sind mittelfristig bedroht

Kundgebung vor der Oranienstraße 25 in KreuzbergGut 150 Menschen demonstrierten Ende Juni für den Erhalt der Buchhandlung Kisch & Co. Foto: rsp

Gut 150 Menschen kamen Ende Juni zu einer Kundgebung vor der Oranienstraße 25 zusammen. Die dort seit 23 Jahren ansässige Buchhandlung Kisch & Co ist akut von Verdrängung bedroht. Nachdem Verhandlungen über eine Mietvertragsverlängerung mit dem neuen Hausbesitzer, einem anonymen luxemburger Immobilienfonds, gescheitert waren, steht der Buchladen seit Anfang Juni ohne Mietvertrag, aber dafür mit Räumungsaufforderung da.

Schon nach dem letzen Eigentümerwechsel hatten Buchhändler Thorsten Willenbrock und sein Kompagnon Frank Martens das Ende vor drei Jahren nur durch eine Mieterhöhung auf 20 Euro pro Quadratmeter abwenden können. Eine Verlängerung zu gleichen oder gar besseren Konditionen kam für den neuen Eigentümer offenbar nicht infrage. Dem ebenfalls im Haus ansässigen Architekturbüro kleyer.koblitz wurde jedenfalls eine Quadratmetermiete von 38 Euro angeboten.

Tatsächlich hatte man der Buchhandlung zwar eine leicht reduzierte Miete angeboten, verbunden aber mit dem definitiven Aus zum 31. Dezember – und einer Verschwiegenheitsklausel sowie der Verpflichtung, auf YouTube und gegenüber Politik und Presse Positives über das Entgegenkommen zu berichten – ein Ansinnen, das bei der Kundgebung für amüsiertes Kopfschütteln sorgte, als Willenbrock die Klausel verlas.

»Wir wollen uns nicht vertreiben lassen, wir wollen hierbleiben«, erklärte er unter Applaus und rief auch andere von Verdrängung akut bedrohte Gewerbemieter dazu auf, dem Beispiel der Buchhandlung nachzueifern.

Kommentar: Hauptsache nicht in aller Stille

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

„Miteinander, füreinander, gemeinsam gegen Corona!“

Marie Hoepfner erklärt, wie mog61 für Zusammenhalt in schwierigen Zeiten kämpft

Wirkt inzwischen sehr fremd, ist aber noch gar nicht so lange her. Dieses Jahr wird es wohl kein mog61-Straßenfest in der MIttenwalder geben. Foto: mog61

Durch die Corona-Pandemie hat sich unser Alltag drastisch verändert. Auch der Verein mog61 – Miteinander ohne Grenzen e.V. ist in seiner Tätigkeit stark eingeschränkt. Alle unsere Aktivitäten sind derzeit bis auf Widerruf ausgesetzt. Aber unser Motto »Miteinander sind wir stark« gilt natürlich umso mehr in Zeiten von Covid-19. Wir möchten in dieser herausfordernden Situation zu einem solidarischen Miteinander und einer verlangsamten Ausbreitung des Virus sichtbar beitragen.

Helfen bedeutet im Moment, auf soziale Aktivitäten zu verzichten. Aber helfen kann man auch kontaktlos:

  • Wir sammeln auf unserer Webseite unter »Miteinander, füreinander, gemeinsam gegen Corona!« gute Beispiele, wie man sich gegenseitig beistehen kann.
  • Durch unser Netzwerk bieten wir Hilfen für Einkauf, Gassi gehen, Müll runterbringen und ähnliches an.
  • Wir koordinieren die Unterstützung im Kiez im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Bei uns melden sich viele Menschen, die sich engagieren wollen.
  • Wie beim Straßenfest bieten wir kleine Fahr-ad-Reparaturen kostenlos an. Fahrräder sind im Moment das Fortbewegungsmittel der Wahl.
  • Wir haben »Gabenzäune« eingerichtet für Spenden an Obdachlose und Bedürftige.

Mund-Nasen-Masken, bunt und kostenlos

In der Corona-Krise gibt es einen großen Bedarf an Atemschutzmasken. Wir starten deshalb ein neues Projekt: Mit dem Stoff, den wir freundlicherweise von dem Geschäft »Die WollLust« in der Mittenwalder Straße erhalten haben, näht Marianne kostenlose Mund-Nasen-Masken.

Um mehr und schneller Masken zu produzieren, suchen wir freiwillige Näher*innen und Helfer*innen, die bei der Herstellung Aufgaben übernehmen können. Folgende Arbeitsteilung ist vorgesehen: Maske zuschneiden, falten, bügeln und Maske fertig nähen. Marianne, die für mog61 das Projekt »Nähen ohne Grenzen« geleitet hat, ist gelernte Schneiderin und begleitet euch bis zu der fertigen Maske.

Achtung: Unsere Masken sind weder geprüft noch zertifiziert. Sie bieten keinen Schutz gegen Covid-19, können aber die Verbreitung von Tröpfchen reduzieren und das Risiko einer Schmierinfektion durch Berührung des Gesichts mit den Händen min-dern. Sie entbinden nicht von der Einhaltung der empfohlenen Hygieneregeln wie Abstand halten und sorgfältiges Händewaschen.

Wem es schon im normalen Leben schwer fällt, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, hat es angesichts von Isolation und Ausgangsbeschränkungen nicht leichter. Außerdem vermissen viele sicherlich auch das tägliche Abend-Bierchen in der Eckkneipe.

Mehrmals die Woche online plaudern

Deshalb wollen wir ohne Körperkontakt zusammenrücken und bieten regelmäßig mehrmals pro Woche online eine Video- oder Audio-konferenz an, bei der die Teilnehmer*innen sich unterhalten, Tipps zu Online-Kulturangeboten oder einfach nur Ratschläge gegen die Langeweile austauschen können. Wir wollen damit den Zusammenhalt fördern, die Nachbarschaftshilfe unterstützen und für Unterhaltung sorgen.

Wir sind füreinander da, wir gestalten und sehen nicht nur zu! Wer Unterstützung anbieten will, selbst benötigt oder einen kennt, der welche braucht, meldet sich bitte unter info@mog61ev.de

→ Zum mog61-Maskenprojekt

→ Zum mog61-Online-Kieztreffpunkt

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Bloß keine Langeweile

Online-Plattformen können helfen

Der beste Weg, die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen, ist die Vermeidung von Kontakten, das sogenannte »Social Distancing«. Für Menschen, die wenig verlässliche Freunde haben und Hilfe brauchen, gibt es viele Angebote:

  • Über die Online-Plattform nebenan.de können sich Nachbar*innen recht einfach vernetzen.
  • Bei der Telegram-Gruppe Corona Kreuzberg wird ebenfalls Un-terstützung koordiniert.
  • Wir gegen Corona bringt Hilfsbedürftige und Helfer aus der Nachbarschaft zusammen.
  • Über KreuzbergHilftbeiCorona bei Twitter lassen sich Informationen austauschen.
  • Wer selbst etwas tun will, findet vielleicht bei Vostel eine passende Organisation für sein Online-Volunteering.
  • Ein überaus lebendiger Austausch zu allen Corona-Themen und -Problemen herrscht in der Facebook-Gruppe Corona Help Team Berlin.

»Social Distancing« kann oft auch schlechte Stimmung bedeuten. Irgendwann ist die Wohnung aufgeräumt und dann fällt einem leicht die Decke auf den Kopf. Vor allem für kranke Menschen ist das besonders in diesen schwierigen Zeiten eine Herausforderung.

Wen am Ende dann doch die Langeweile plagt, dem hilft im Netz zum Beispiel

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.