Kreuzberg war immer sein Sehnsuchtsort

Der Maler und Poet Kurt Mühlenhaupt hat nun in der Fidicinstraße 40 ein eigenes Museum

Ein Suchbild: Christina Schulz (li.) und Hannelore Mühlenhaupt (re). Aber ist das wirklich die Arndt- mit Blick auf die Friesenstraße? Und wer ist der kleine Mann links unten mit der roten Zipfelmütze? Fotos: ksk

Erst einmal gibt es ein herzhaftes Frühstück mit frischen Brötchen und leckerem Käse, und Christina Schulz berichtet schon mal ein wenig über den Umzug: »Wir hatten nie ein festes Datum, das hat so vor zwölf, vierzehn Monaten angefangen.« Kiste um Kiste wurde von Bergsdorf in die Fidicinstraße geschleppt. »Wir sind ja in der Regel da, und wenn jemand vorbeikommt, dann schließen wir die Tür auf und kochen Kaffee«, heißt es.

Ein paar Veranstaltungen fanden schon statt. Aber jetzt, Anfang März, geht es ganz offiziell los. Der bekannte Kreuzberger Milieumaler, Bildhauer, Trödler und Poet Kurt Mühlenhaupt ist nach Berlin zurückgekehrt und hat jetzt dort ein eigenes Museum bekommen.

Schulz selbst ist künstlerische Leiterin und so etwas wie die rechte Hand von Hannelore Mühlenhaupt. Zusammen mit Hund »Othello« sitzen sie inmitten all der bunten Bilder, Porträts, Straßenszenen, Stilleben und erzählen Geschichten.

Noch kurz vor der Wende hatten die Mühlenhaupts den urigen Hinterhof erworben. Das Theater Thikwa ist dort untergebracht, das englische Theater, ein Puppenspieltheater – und jetzt eben das neue Kurt-Mühlenhaupt-Museum. »Dreimal wurde der Kurt wegsaniert in Kreuzberg – in der Blücherstraße, am Chamissoplatz und letztendlich auch im Leierkasten«, sagt seine Frau. »Mein Mann hatte ungern jemanden über sich, er hatte viele Visionen und es hat ihn ganz toll gefuchst, dass jemand stärker ist als er und ihn einfach rauswerfen kann.«

Eigentlich sollten die Höfe in der Fidicinstraße schon damals zum neuen Lebensmittelpunkt werden. Aber das hatte seine Tücken: Bald saßen alle möglichen Lebenskünstler und Schluckspechte mit Kurt im Atelier, Hannelore spielte den Zerberus und verbannte allen Alkohol. »Das hat nichts genützt, da gab es morgens um zehn schon das erste Bier.« Schließlich zogen die beiden nach Bergsdorf bei Zehdenick im schönen Brandenburg und erkundeten dort den Osten – wo der Maler 2006 im Alter von 85 Jahren starb.

Hannelore stammt von einem Einödhof, zehn Einwohner, hundert Kühe, aus dem Fränkischen. Sie glaubt, dass dieses West-Ost-Ding eigentlich »ein Stadt-Land-Ding« ist, und kann wunderbare Geschichten aus Bergsdorf erzählen, wie der Ex-LPG-Vorsitzende »mit dem Jeep vorfuhr« und »Uschi und Sandra« beim Kuchen backen halfen.

Aber »das Kurtchen« war eben doch Kreuzberger, wo er die kleinen Leute, die Handwerker, Putzfrauen, Kellner und Straßenkehrer porträtiert hatte. Deshalb wurde der Gutshof nun an Chinesen verkauft, Hannelore stapft jeden Morgen den Kreuzberg hinauf und sagt: »Wir sind ganz glücklich hier. Die Fidicinstraße ist ja auch eine Art Dorf.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der KuK vom Januar 2020: Kurt Mühlenhaupt kehrt nach Kreuzberg zurück

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Mein Freund, der Baum, lebt!

Anfang März gehen an der Mittenwalder / Blücherstraße endlich die Lichter an

Trotz neuer Ampeln dürfen an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße alle Bäume stehen bleiben. Foto: ksk

Uns erreichen immer mehr Anfragen, ja sogar Beschwerden, was es mit den Ampeln an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße auf sich hat. Nicht eigentlich zu den Ampeln, die sind ja noch gar nicht da, sondern gerade deswegen: Warum sie nämlich so lange auf sich warten lassen. Seit Ende August wird an der Kreuzung herumgebastelt. Es wurden wundervolle Linksabbiegerspuren eingerichtet, ein aufwändiges Blindenleitsystem, sogar Tempo 30 gibt es dort im Moment – allerdings nur vorläufig, wie man erfährt. Nur die versprochenen Ampeln fehlen noch. Die stählernen Masten existieren schon, wären sie lebendig, würde man vielleicht sagen, sie strecken „anklagend die Hände zum grauen Winterhimmel“ empor, aber statt dessen stehen sie nur etwas ratlos in der Gegend herum und das tun viele verunsicherte Anwohner auch.

Da hat die KuK natürlich nachgefragt. Die gute Nachricht: Es liegt nicht am üblichen Berliner Schlendrian, den böse Zungen gern unterstellen, dass der harmlose Umbau einer Kreuzung nicht Ende Oktober 2019 fertig geworden ist, wie ursprünglich angekündigt, sondern immer noch nicht. Es liegt an einem Baum! Tatsächlich stehen direkt an der Kreuzung ein paar Bäume herum, vermutlich Platanen, und da musste erst umfänglich geklärt werden, ob angesichts der „neuen Lichtsignalanlage“ speziell „der Standort eines Baumes so bleiben kann“. Bei der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr heißt es nun: „Diese Klärung ist abgeschlossen, der Baum kann stehen bleiben.“ Das ist die zweite gute Nachricht.

Die dritte gute Nachricht ist, dass die Ampeln jetzt endlich – Ende Februar, Anfang März – doch kommen sollen, wie die zuständige Alliander Stadtlicht GmbH versichert. Die vierte: Der Umbau sollte mit Stand August 380.000 Euro kosten, inzwischen ist von 385.000 Euro die Rede. Und über so eine geringe Steigerung muss sich nun wirklich niemand aufregen.

 

Nur von den Obdachlosen ist keiner da

Der Wind bläst kalt ins Gesicht und die Strecke zieht sich: »Nacht der Solidarität« mit mog61 e.V.

Um halb zehn zieht der erste Trupp los. Mit hellblauen Warnwesten, die Taschenlampen griffbereit und – glaubt man den entschlossenen Gesichtern – für alles gerüstet, was da in dunkler Nacht auf einen zukommen mag. Nein, keine Polarexpedition, nur die »Nacht der Solidarität«.

In ganz Berlin wollten 2600 Freiwillige mithelfen, erstmals obdachlose Menschen zu zählen. Mehr als 100 sind im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße versammelt, das als Zählbüro dient. Vom Verein »mog61 – Miteinander ohne Grenzen« ist Marie dabei, als Teamleiterin.

In gewohnter Großzügigkeit gibt es erst mal tonnenweise Butterbrezeln, Kekse und Getränke. Erneut werden wichtige Regeln verkündet: Wir machen keine Fotos! Wir wecken niemanden auf! Wir sprechen sanft und leise!

Zu Maries Team gehören acht Leute, viele kommen aus dem sozialen Bereich. Sie machen sich flüchtig bekannt, Aufgaben werden verteilt. Wer bestimmt den Weg? Wer hält das Licht? Gewissenhaft wird geprobt: »Möchten Sie mit uns sprechen? Schlafen Sie auf der Straße?

«Draußen regnet es glücklicherweise nicht. Es ist eher mild, aber der Wind bläst kalt ins Gesicht. Gute Idee, das mit dem zusätzlichen Pulli. Busse fahren, auf den Straßen ist kaum jemand unterwegs. Ein ganz normaler Wochentag, zwei Stunden vor Mitternacht. Der Zählbezirk südlich des Landwehrkanals zieht sich, wenn man jede, aber auch jede Straße abläuft. Eine Passantin sagt: »Gut, dass ihr das macht!«

Nach zwei Stunden tun tatsächlich die Beine weh. Das Ergebnis: Team »Kreuzberg 8« hat keinen einzigen Obdachlosen entdeckt, nur drei verlassene Schlafstellen, die vielleicht im Sommer benutzt werden. Marie macht das nichts: »Das war nur der Anfang. Mit dem Thema Obdachlosigkeit wollen wir uns künftig intensiver beschäftigen.«

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Bis zu 500 Millionen Euro

Entwürfe für neue Bibliothek am Blücherplatz vorgestellt

Wer im Kiez um die Mittenwalder Straße wohnt, hat das große Glück, dass es bis zur Amerika-Gedenkbibliothek nur ein paar Schritte sind. Hingegen nervt der lange Anmarsch zur Stadtbibliothek in der Breiten Straße. Doch das wird sich ändern – zwar nicht sofort, aber vielleicht in 15 oder 20 Jahren.

Dann werden die beiden bisher getrennten Standorte der Zentral- und Landesbibliothek am Blücherplatz zusammengelegt. Nun ist auch klar, wie das ungefähr aussehen soll: Mitte Januar wurden die Ergebnisse einer Machbarkeitsstu-die präsentiert.

Der Neubau mit einer Nutzfläche von 38.000 Quadratmetern soll spätestens 2026 beginnen und darf bis zu 500 Millionen Euro kosten. Nur zur Erinnerung: Als Ex-Regierender Klaus Wowereit am Rande des Tempelhofer Feldes 270 Millionen Euro ausgeben wollte, war er bald darauf seinen Job los.

Konkret sind derzeit drei Varianten im Gespräch, zwischen denen ein Architekturwettbewerb entscheiden soll. Geplant sind monumentale Baukörper von bis zu 50 Metern Höhe, neben denen die Heilig-Kreuz-Kirche eher wie ein Spielzeug aussieht:

  • Variante 1: zwei Gebäude rechts und links der bisherigen AGB
  • Variante 2: ein einziger riesiger Würfelbau
  • Variante 3: ein u-förmiger Riegel an der Ostseite des Platzes

Zusätzlich soll die Blücherstraße zwischen Mehringdamm und Zossener Straße für den Autoverkehr gesperrt werden und es könnte auch eine Straßenbahnverbindung zum Potsdamer Platz geschaffen werden. Der kleine Park am Waterloo-Ufer mit den hohen Bäumen wird in der gegenwärtigen Form nicht überleben. Auch ist unklar, ob im Zusammenspiel mit den von einer Mauer umgebenen Friedhöfen so etwas wie eine einheitliche Grünfläche entsteht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Alles Müll, oder was?

Kreuzberg wird Zero-Waste-Bezirk

Stört ungemein: Müll im öffentlichen Raum. Foto: ksk

Freunde des »Karnevals der Kulturen« wissen, dass die eigentlichen Höhepunkte der Veranstaltung erst am späteren Abend zu besichtigen sind. Dann schieben sich die Kehrmaschinen der BSR wie Mähdrescher aus dem amerikanischen Mittelwesten über die vierspurigen Straßen, saugen alles ein, was ihnen nur vor die gefräßigen Rüssel kommt, und arbeiten wie von unsichtbaren Händen gesteuert perfekt mit den Radladern und Straßenfegern zusammen, die alle nichts anderes im Sinn haben, als die gigantischen Mülllawinen zu beseitigen.

Diesem Müll im öffentlichen Raum hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg nun den Kampf angesagt. Dabei geht es gar nicht um die Sofas, die versifften Matratzen, lädierten Drehstühle, Regalreste oder kaputten Fernsehapparate, die immer häufiger die Trottoirs schmücken. Diese Art Abfall einzusammeln, das machte Umweltstadträtin Clara Herrmann bei der Präsentation des neuen Konzeptes klar, sei »nur Symptombekämpfung: Abfall soll gar nicht erst entstehen!«

»Fair-Trade-Bezirk« ist Kreuzberg schon, jetzt soll es auch noch »Zero-Waste-Bezirk« werden. Dazu wurde für 60.000 Euro ein umfangreiches Konzept erstellt mit einer Analyse des Ist-Zustandes, Best-Practice-Beispielen und Handlungsempfehlungen. So will der Bezirk noch in diesem Jahr Einweggrills verbieten, Zigarettenkippen-Mülleimer installieren und »Bibliotheken der Dinge« ausbauen. 2021 sollen dann alle Großveranstaltungen ein Abfallvermeidungskonzept vorlegen. Ob das wirklich hilft, bleibt abzuwarten. Liebhaber der großen Müllschlacht am Ende des Karnevals der Kulturen müssen sich vermutlich vorerst keine Sorgen machen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Was ist wichtig im Leben?

Buddha-Bärchen von mindsweets helfen beim Nachdenken

Meditierende Buddha-Bärchen in der Mittenwalder Straße mit Arne Schaefer. Foto: ksk

Sie sehen auf den ersten Blick aus wie Gummibärchen. Aber es sind gar keine Gummibärchen, sondern Buddha-Bärchen. Erstens erkennt man das natürlich sofort an ihrer meditativen Haltung. Zweitens sind sie nicht aus Gelatine, sondern von Kopf bis Fuß vegan, gluten- und lactosefrei und ohne künstliche Aromen.

Und drittens meditieren nicht nur die Bärchen selbst, sondern auch der Konsument sollte oder könnte das zumindest tun, wenn er sie sich auf der Zunge zergehen lässt. Arne Schaefer, der Gründer der mindsweets GmbH, hat dafür ein eigenes Wort erfunden: »Naschdenken«. Das bedeutet: Süßigkeiten genießen und dabei über das wirklich Wichtige im Leben nachdenken.

Mindsweets entstand 2010 in Kreuzberg und stellt vegane Bio-Süßigkeiten her. Vor allem für den Großhandel, wo sie dann an Supermärkte wie Bio Company oder LPG verteilt werden, oder für den Online-Shop. Im April zog das Büro von der Arndtstraße in die Mittenwalder Straße und natürlich kann man auch dort ein paar Bärchen bekommen.

Im Sommer sitzen Marketingfrau Elisabeth Illgen und ihre Kollegen gerne vor der Tür in der Sonne und basteln an neuen Ideen. Neben Buddha- gibt es inzwischen freche Berlin-Bärchen, die sich über den nicht existenten Flughafen lustig machen. Pro Tütchen gehen zehn Cent an Kinder und Jugendliche in Not.

Denn die Bärchen sind nicht nur ökologisch, sondern auch sozial: »Sie werden in einer Behindertenwerkstatt in Berlin von Hand konfektioniert«, sagt Illgen. Tatsächlich balanciert die Bärchen-Firma mutig zwischen Kapitalismus und Buddhismus. Natürlich geht es ums Geldverdienen. Andererseits sind alle vier Beschäftigten aktive Buddhisten und »Naschdenken« ist im Prinzip die buddhistische Achtsamkeitsübung in Form einer Ess-Meditation.

Deshalb sollte der »Schoko-Schamane«, der große Bruder der Buddha-Bärchen, auch nicht einfach so, sondern besser nach dem in der aufwendigen Verpackung genau beschriebenen Ritual verzehrt werden.

Zum mindsweets-Shop

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

15 Jahre Kiezgeschichten

In 15 Jahren Kiez und Kneipe hat sich nicht nur die Zeitung weiterentwickelt, sondern auch der Kiez. Wir haben einige Schlaglichter aus 15 Jahren Lokaljournalismus aus dem Archiv geholt.

2004/2005

Nach der Erstausgabe im Dezember 2004 bleibt der Einzugsbereich der Kiez und Kneipe im ersten Jahr noch überschaubar. So geht es auch inhaltlich meist um Ereignisse aus dem »Kiez ohne Namen« nördlich der Gneisenaustraße. Ausgiebig berichtet das junge Kiezblatt über Partys, Konzerte und Kneipenjubiläen, die damals in der Tat mit merklich mehr Verve zelebriert wurden. Doch auch Themen, die größer sind als der Kiez, finden ihren Niederschlag in der Zeitung: Nach der Tsunamikatastrophe in Asien Ende 2004 begleitet die KuK die private Hilfsinitiative »Khao Lak Friends« medial und rührt die Spendentrommel. Zur Bundestagswahl werden die Direktkandidaten des Wahlkreises zu öffentlichen Gesprächen eingeladen.

2006

Jubel bei der Fußball-WMZum einjährigen Bestehen dehnt die KuK ihr Verbreitungsgebiet auf den Bergmannkiez aus – und der liefert prompt berichtenswerten Gesprächsstoff: Das umstrittene Projekt Ärzte­haus wird trotz enormer Widerstände von der BVV beschlossen, und bei der Marheineke-Markthalle stehen Veränderungen ins Haus. Das Lieblingsthema des Sommers aber ist die Fußball-WM im eigenen Land, die mehr denn je auch Fußball-Muffel vor die Leinwände der Kiezgastronomie lockt.

2007

FichtebunkerWährend die Markthalle am Marheinekeplatz rund zehn Monate lang aufwändig saniert wird, zeichnen sich bereits Anfang des Jahres weitere Veränderungen im Kiez und der Nachbarschaft ab. Große Uneinigkeit herrscht über die im Raum stehende Schließung des Flughafens Tempelhof. Die Pläne zur Überbauung des Fichtebunkers mit Eigentumswohnungen stoßen auf überwiegend kritische Stimmen. Nach einem Brand in der KuK-Redaktion ist die Zeitung für zwei Monate obdachlos, bevor die jetzigen Räume in der Fürbringerstraße bezogen werden.

2008

Zigaretten im Aschenbecher2007 geht und das Rauchverbot kommt, zumindest in gastronomischen Betrieben, die auch »zubereitete Speisen« anbieten – was auch immer unter diese Definition fallen mag. Lokalpolitisch stehen die Media­spree und die Zukunft von THF zur Abstimmung – mit dem bekannten Ergebnis.

2009

Menschen auf der AdmiralbrückeDas Thema Nichtraucherschutzgesetz ist noch nicht ausgestanden, aber auch lärmempfindliche Nachbarn werden für manchen Wirt zur Bedrohung. Die gibt es auch an der Admiralbrücke, die sich im Sommer eines regen Zulaufs durch laute Touristengruppen erfreut. Die Kleingärtner im Gleisdreieckpark bangen um ihre Existenz, und dann ist ja auch mal wieder Bundestagswahl.

2010

Tempelhofer Feld mit FlughafengebäudeWas lange währt wird endlich gut: Das Tempelhofer Feld wird für die Öffentlichkeit geöffnet. Im heißesten Sommer seit Jahren bevorzugen viele trotzdem ein kühles Bier zum Public Viewing der WM. Und im Nachbarbezirk gründet sich die Kiez und Kneipe Neukölln.

2011

Mitglieder der PiratenparteiIn der Mittenwalder Straße, also quasi im Zentrum von KuK-Land, gründet sich der Nachbarschaftsverein mog61 e.V., von dem man noch viel hören und lesen wird. Ende September sorgt der Papstbesuch für Verkehrschaos am Südstern. Bei der Berlinwahl überraschen die Piraten in Kreuzberg mit einem deutlich zweistelligen Ergebnis und zu wenig Abgeordneten für die gewonnenen BVV-Sitze.

2012

Schüler und Künstler bemalen TelefonkastenEs ist nicht die erste Kneipe, die dicht macht, und es wird auch nicht die letzte sein. Trotzdem trauern viele dem Mrs. Lovell hinterher. Im Graefekiez üben sich mehrere Wirte in Selbstbeschränkung, was den abendlichen Außenausschank angeht. Am Südstern eröffnet ein neuer Wochenmarkt, und mog61 bemalt Stromkästen.

2013

Gleisdreieckpark (Westgelände)Schon wieder mog61: Der Verein veranstaltet das erste Straßenfest in der Mittenwalder. Monika Herrmann löst Franz Schulz als Bezirksbürgermeisterin ab und »erbt« nicht nur einen eröffnungsreifen Gleisdreieckpark, sondern auch eine besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule (GHS). Neuer Ärger bei den Wirten: Der Bundesliga-Pay-TV-Sender SKY wird erheblich teurer.

2014

Bettie Berlin mit Kiez und KneipeNicht nur die GHS, sondern auch die Dealer im Görli schlagen hohe Wellen im Bezirk und darüber hinaus. Kiez-und-Kneipe-Chef Peter lädt das erste Mal zum Pub-Quiz ins TooDark, das, kurz nach einem rauschenden KuK-Fest zum Zehnjährigen, zwecks Umfirmierung und Inhaberwechsel seine Pforten schließt.

2015

Gemüseladen »Bizim Bakkal«Das Jahr steht im Zeichen der Ini­tiativen: Kreuzberg hilft sammelt Spenden für Geflüchtete, in der Schleiermacherstraße organisiert sich Widerstand gegen eine Verlegung des Spielplatzes an der Ecke Fürbringerstraße, und Bizim Kiez kämpft in SO36 gegen Verdrängung von Mietern – mit gewissem Erfolg: Im Dezember nimmt der Bezirk erstmals sein Vorkaufsrecht wahr, um ein Haus der Spekulation zu entziehen.

2016

Kottbusser TorManchmal schreiben auch andere die Schlagzeilen: Im Frühjahr jedenfalls erklären mehrere bundesdeutsche Medien den Kotti zur No-Go-Area. Ob da was dran ist? Unklar ebenfalls: die Zukunft der Cuvry-Brache. Nur zwei von vielen Problemen, mit denen sich die insgesamt acht in die BVV gewählten Parteien beschäftigen dürfen.

2017

Canan Bayram mit KuK-Redakteurin Manuela Albicker.Der Bericht über Methadonpatienten am U-Bahnhof Gneisenaustraße und zwei gegenläufige Initiativen beschert der Kiez und Kneipe einen kostspieligen Rechtsstreit. Bei der Bundestagswahl im September beerbt Canan Bayram den langjährigen grünen Direktkandidaten Christian Ströbele.

2018

MöckernkiezMan mochte schon gar nicht mehr dran glauben: Nach Finanzierungsproblemen und Baustopp sind die Mietwohnungen im Möckernkiez nun doch noch fertig geworden. In der Friesenstraße hingegen gehen die Bauarbeiten am Straßenbelag erst los.

2019

Elektro-Tretroller mitten auf dem BürgersteigZum Dauerthema entwickelt sich die geplante Begegnungszone in der Bergmannstraße mit ihren Parklets, Findlingen und farbigen Punkten. Der Kiez wird derweil von Elektro-Tretrollern überflutet, die auch von der Redaktion mutig getestet werden. Neue Hoffnung für Gentrifizierungsbedrohte: Der Mietendeckel kommt.

 

Fotos: Hoepfner (2012), Hungerbühler (2010), Kaspar (2007, 2008, 2015, 2016), Plaul (2009, 2011, 2013, 2017, 2018), Stark (2019), Tiesel (2014), Vierjahn (2006)

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Engagement fast bis zum Umfallen

Der Möckernkiez e.V. kümmert sich um Kultur, sozialen Zusammenhalt und mischt sich ein

Im Möckernkiez e.V. aktiv: Eva Zimmermann, Meike von Appen, Anja Koeller, Thomas Fues (v.li.). Foto: ksk

An der Wand hängen ganz viele Zettel. Da steht mit buntem Filzstift geschrieben: »AG Mobilität«, »AG Barrierefreiheit«, »AG Kommunikation« und »AG Grüner Daumen«. Wer im Netz den Terminkalender des Möckernkiez e.V. studiert, gewinnt vollends den Eindruck, es handle sich um eine ausgewachsene Volkshochschule.

Anderswo leben Menschen häufig nebeneinander her und wissen kaum voneinander. Im Möckernkiez soll das anders sein. »Ich bin hergezogen mit dem Gedanken: Hier kann man sich engagieren, bis man tot umfällt. Hier gibt es soziale Treffpunkte«, sagt Meike von Appen von der AG Kultur.

Heute Vormittag zum Beispiel einen Kurs zum »Sicheren Umgang mit dem Smartphone«. Danach tagt die Öko AG zum Dragonerareal, später ist »Yoga am Mittag« angesagt. Am Nachmittag Kindercafé, Malgruppe und noch ein Hausgruppentreffen.

Die 471 Wohnungen im Möckernkiez gehören alle einer Genossenschaft. Vor einigen Jahren geriet das ehrgeizige Projekt wegen Geldproblemen in die Schlagzeilen. Doch inzwischen sind alle Wohnungen bezogen und es ist Ruhe eingekehrt.

Gewiss, die Mieten liegen nicht eben niedrig. Andererseits muss niemand fürchten, von Spekulanten herausgeklagt zu werden. Es ist ein ökologisches und vor allem ein soziales Modellprojekt. Besonders wichtig sind die Gemeinschaftsräume – der schöne »Multifunktionsraum«, die Werkstatt, der Cafébereich »Möca«.

Dort treffen sich Arbeitsgruppen, dort wird der 14-tägige Newsletter erstellt, dort tagen die Hausgruppen. Heute zie­hen Eva Zimmermann, Meike von Appen, Anja Koeller und Thomas Fues vom Moeckernkiez e.V. dort eine Bilanz.

Treffpunkt Möca. Foto: ksk

Tatsächlich ist der Verein sogar älter als die Genossenschaft selbst und so etwas wie ihre Keimzelle gewesen. Aber mit den vielen Angeboten richtig in Fahrt gekommen ist er erst jetzt. Ein Jahr lang haben die Aktiven Erfahrungen gesammelt. Jetzt wollen sie »noch mehr nach außen gehen«, sagen sie, »und klarmachen, dass Menschen aus der Umgebung auch eingeladen sind«.

Denn der Verein betreibt nicht nur Nabelschau, sondern mischt sich ein. Zu einem Vortrag des Verbands der Wohnungsunternehmen kamen mehr als 100 Zuhörer. Spitzenpolitiker von Linken und Grünen sprachen vor, und weil der Möckernkiez eine »Genossenschaft von unten« ist, so Thomas Fues, gehen Mitglieder auch mal demonstrieren, wenn es gegen hohe Mieten geht.

Im Möckernkiez ist mächtig viel los. Von Appen erinnert an den Vortrag eines Bestatters: »Nachher konnte ich mit meiner 98-jährigen Mutter über das Thema sprechen.« Eva Zimmermann stellt Fotos aus und hat einen eigenen Film mit dem Titel »Zeitzeugen« gezeigt.

Jetzt muss sich das reiche kulturelle und soziale Leben hinter der eher abschreckend wirkenden Front an der Yorckstraße nur noch mehr herumsprechen. Zimmermann hat schon Leute getroffen, die sagten: »Dass hinter diesem Block da Menschen wohnen – da wäre ich nie drauf gekommen.«

Hier der aktuelle Veranstaltungskalender des Möckernkiez e.V.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Endlich wieder Schlange stehen

Mustafa’s Gemüse Kebap hat den Brand überlebt

Das Ziel aller Träume – Mustafa’s Gemüse Kebap, jetzt direkt neben dem Finanzamt. Foto: ksk

Ein Döner ist ein Döner, könnte man meinen, aber bei näherer Betrachtung ist das gar nicht so. Neben Dönern, die einfach nur Döner sind, existiert nämlich Mustafa’s Gemüse Kebap. Der ist etwas Besonderes und weil das nicht nur so ist, sondern auch in vielen Reiseführern steht, gibt es dort außer Kebap fast immer eine unglaublich lange Schlange.

Gab es jedenfalls bis Anfang Oktober. Damals brannte am Mehring­damm ei­ne Fri­­teuse, glück­licherweise wurde keiner verletzt, aber seitdem war Schluss mit dem Kebap und mit der Schlange, wo Touristen ein schönes Selfie hätten schießen können.

Jetzt sind sie wieder da! Zwar nicht am alten Standort, das war »aus Gründen der Behinderung des Fuß- und Radverkehrs nicht möglich«, so mäkelte das Bezirksamt. Aber ein paar Meter weiter, in ei­nem Imbisswagen, Richtung Finanzamt. Kebap wieder da, Schlange wie­der da. Die KuK wünscht Guten Appetit!

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Rio-Reiser-Platz

Der Heinrichplatz bekommt bald einen neuen Namen

Ich bin nicht frei und kann nur wählen, / welche Diebe mich bestehlen.

So fängt einer der berühmtesten Songs der Band »Ton Steine Scherben an«, Texter war der im Jahr 1996 verstorbene Rio Reiser und nach ihm soll jetzt im Herbst 2020 der bisherige Heinrichplatz in Kreuzberg benannt werden.

Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen. / Kommt zusammen, Leute. Lernt euch kennen.

Das beschloss die BVV letzte Woche mit 27 gegen acht Stimmen bei zwölf Enthaltungen. Für die Umbenennung hatten sich die Linken stark gemacht und die Berliner Geschichtswerkstatt.

Komm rüber Bruder, reih dich ein, / komm rüber Schwester, du bist nicht allein.

Witzigerweise waren viele linksalternative Aktivisten und auch Anhänger Reisers dagegen. Sie fürchten eine Aufwertung der Amüsiermeile Oranienstraße und noch mehr Gentrifizierung. Pascal Striebel (Grüne) erinnerte daran, dass nur Frauen als Namensgeber in Frage kämen.

Mach ne Faust aus deiner Hand. / Keine Macht für Niemand!

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Hausbesetzer im Gegenlicht

Klaus Stark betrachtet Bilder des verstorbenen Fotografen Wolfgang Krolow

Die Fotos lassen einen nicht mehr los. Das müde Gesicht einer alten Frau, das aus dem Fenster einer Jugendstilfassade blickt. Neben ihr blättert der Putz und man erkennt noch Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg. Oder ein riesiger Platz mit Kopfsteinpflaster, darauf sehr allein und verletzlich eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn.

Viele Punks mit Irokesenfrisur, das war ja die Zeit damals. Und Hausbesetzer natürlich: »Wir sind die Terroristen und grüßen die Touristen. Aber hallo!« steht auf einem Transparent. Davor eine Gruppe Kinder mit Migrationshintergrund, wie man heute sagen würde, die lustig in die Kamera winkt.

Es sind Fotografien aus dem Kreuzberg der 70er und 80er Jahre, sie sind alle in klassischem Schwarz-Weiß und Wolfgang Krolow hat sie gemacht. Die Mauer steht noch, West-Berlin ist eine Insel, und in Kreuzberg treffen links-alternative Lebensentwürfe, die gegen das »Schweinesystem« mobil machen, auf deutsche Rentner und türkische und arabische Immigranten der ersten Generation. Krolow hat diese Welt, die längst nicht mehr existiert, mit scharfem Auge und großem Einfühlungsvermögen porträtiert.

Auf seinen Fotos ist viel Raum für Menschen und ihre Gefühle – für Hoffnung und Trauer, Freude und Einsamkeit. Auf das chaotische, schier unbeherrschbare Leben um ihn herum antwortet der Fotograf mit strengen Formen, harten Kontrasten und einem sorgsam komponierten Bildaufbau. So gelingen ihm wahre Kunstwerke. Da humpelt ein Rentner mit Stock eine Mauer entlang. Krolow fotografiert ihn von hinten im Gegenlicht mit langen Schatten – und im Gegensatz der gebeugten Haltung des Mannes zum regelmäßigen, mitleidslosen Muster der Mauer hinter ihm spiegelt sich ein ganzes Leben. Und eine Welt.

Krolow selbst wurde 1950 im Pfälzer Wald geboren. Wie manch anderer verzichtete er auf Abitur und Bundeswehr und brach stattdessen 1968 in Richtung Indien auf. Nach einer kurzen Episode in Mannheim kam er 1970 nach Berlin, jobbte als Verputzer und Lagerarbeiter und studierte ab 1975 an der Hochschule der Künste Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Fotografie und Grafikdesign.

Zwei Jahre später zog Krolow an den Chamissoplatz und jetzt wurde Kreuzberg zum beherrschenden Thema. Er arbeitete als freier Mitarbeiter für Zeitungen und Verlage. 1979 erschien sein erster Bildband: »Kinder in Kreuzberg«. Es folgten das »Instandbesetzer Bilderbuch«, »Seiltänze« mit Texten von Peter-Paul Zahl, weitere Bildbände und viele Ausstellungen. Später unternahm Krolow Fotoreisen nach Albanien und Wolgograd.

Ende September ist Wolfgang Krolow im Alter von 69 Jahren überraschend gestorben. KuK-Mitarbeiter Lothar Eberhardt ist einer von vielen Freunden, die um ihn trauern. »Er war immer zum Schwatz und inhaltsreichen Gespräch aufgelegt«, sagt er. »Sein pralles, mit Schöpfungskraft angereichertes Leben bleibt uns in seiner Bilderwelt erhalten.«

Wolfgang Krolows Webseite

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Riesendrachen unterwegs

Seltsame fliegende Wesen über dem Tempelhofer Feld

Dass Schmetterlinge fliegen können, ist jetzt nicht so ungewöhnlich. Aber bei Teddybären und Haifischen wundert es einen schon. Dazu muss man hinzufügen, dass sie im Prinzip zwar fliegen können, aber beim »Festival der Riesendrachen« am 21. September auf dem Tempelhofer Feld nur hin und wieder ein wenig abhoben, weil es häufig am Aufwind fehlte. Und ohne den geht für so einen Drachen natürlich nichts.

Aber der Himmel war strahlend blau. Zehntausende tranken Bier, vertilgten Rostbratwürste und warfen immer wieder hoff nungsvoll ihre kleinen selbstgebastelten bunten Drachen in die Luft. Oft vergeblich, aber manchmal stiegen sie hoch empor, spielten mit dem launenhaften Wind und zogen dort oben lange Zeit ihre Kreise.

 

Fotos: ksk

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Wasser marsch!

mog61 sitzt nicht auf dem Trockenen

Der Verein »Miteinander ohne Grenzen – mog61 e.V.« veranstaltet nicht nur das jährliche Straßenfest in der Mittenwalder Straße und organisiert im Sommer eine Bühne zur »Fête de la Musique«. Schon vor Jahren sah mog61 mit Blick auf den Klimawandel auch nach Baumscheiben und anderem Straßenbegleitgrün.

In diesem Sommer beteiligte sich der Verein an der Aktion »Jede Wiese zählt!« des Netzwerks Nachbarschaft und nahm sich besonders der Stockrosen am U-Bahnhof Gneisenaustraße an. Einziges Problem – zumal in einem so heißen, trockenen Sommer: Woher kommt das Wasser zum Gießen?

Die Schwengelpumpe K092 vor der Hausnummer 44 könnte es liefern, die ist aber leider kaputt. Die Lösung kam in Gestalt von Felix Weisbrich, dem Chef des Straßen- und Grünflächenamts des Bezirks: Der stellte unbürokratisch ein Standrohr zur Verfügung, mit dem Wasser aus Hydranten am Straßenrand entnommen werden kann. Die Stockrosen sind gerettet und Vereinschefin Marie Hoepfner sagt: »Wir sind dem Bezirk ganz besonders dankbar, dass er uns geholfen und uns nicht auf dem Trockenen sitzen gelassen hat!«

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

»A one, two, three, four …«

Kreuzberger Klarinettenkollektiv lässt die Gesichter glänzen

Die neueste CD des Kreuzberger Klarinettenkollektivs.

Sieben Klarinetten sind schon da. Die achte macht gerade draußen ein Selfie vor dem Kirchenportal. Sieben weibliche und eine männliche Klarinette, dazu noch Bassklarinette, Schlagzeug und Kontrabass. Dann kommt von links ein Geräusch aus dem Nebenraum. Es klingt wie Wasser, das silbrig und glitzernd über Steine springt, mit vielen geheimnisvollen, bunten Dingen drin. Das ist Jürgen Kupke.

Das Kreuzberger Klarinettenkollektiv probt in der Heilig-Kreuz-Kirche für das Konzert am Abend. Das Ensemble existiert seit zehn Jahren, es besteht vor allem aus derzeitigen oder ehemaligen Schülern von Kupkes Klarinettenklassen. Kupke selbst ist ein bekannter Jazz-Klarinettist und unterrichtet an zwei Musikschulen.

Zuerst geht es um die Akustik. »Na ja, man hört schon was. Aber es ist etwas matschig«, heißt es. Also ein paar Schritte vor – oder doch wieder zurück, wegen der Beleuchtung? Die Gruppe probiert. »One, two, a one, two, three, four …«, sagt Kupke. Füße tippen im Takt auf den Boden. Mal der Absatz, mal die Fußspitze, mal die ganze Sohle. Bei ihm wippt jedes Mal der ganze Körper mit. »Wunderbar, genau so«, sagt er. »Aber etwas zusammenrücken, damit wir mehr Kontakt zueinander haben!«

So eine Klarinette hat mächtig Wumms. Immerhin ist sie lose mit dem antiken Aulos verwandt, der dem Dionysos zugerechnet wird und damals immer dabei war, wenn getanzt, gefeiert oder getrunken wurde. Neun Klarinetten haben noch viel mehr Wumms. Sie jammern, seufzen, stöhnen, klagen, schreien oder jubilieren – manchmal sogar alles gleichzeitig. Und wenn dann noch ein wilder Rhythmus die Verhältnisse zum Tanzen bringt, brechen alle Dämme.

Der Veranstaltungstechniker ordnet letztmals die Kabel, die Herbstsonne wirft freundliche helle Flecke auf die roten Backsteinpfeiler, das Kollektiv probt »All Together«, übt den »Säbeltanz« und Ravels »Bolero«. Kupke springt mit dem Instrument in der Hand auf und ab wie ein Kobold. Am Ende hat man den Eindruck, dass die Musik gar nicht aus den Klarinetten kommt, sondern anderswoher. Alle strahlen und haben glänzende Gesichter.

Nachher beim Konzert wird das, was während der Probe so leicht schien, doch etwas schwerer. Freunde und Verwandte im Publikum machen erwartungsvolle Mienen und bewegen zur Musik kaum eine Zehenspitze. Aber dafür können die tapferen Klarinettist*innen nichts. Sie fahren jetzt erst mal zu einer Konzertreise nach Israel. Der nächste feste Termin in Berlin ist erst wieder am 17. Dezember 2020 im Musikinstrumenten-Museum.

Update: Aktuelle Konzerttermine

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.