Mit mog-Mobil

Jens Walter von »Saitenreiter« hilft

mog-Vorsitzende Marie Hoepfner (li.), Jens Walter (r.) mit Kollege und das mog-Mobil. Foto: ksk

mog61 e.V. hat ein mog-Mobil geschenkt bekommen. Was das ist? Nun ja, ein einachsiger kleiner Karren, den man praktischerweise ans Fahrrad anhängen, aber auch wunderbar mit der Hand ziehen kann. Und glücklicherweise passen genau vier Gießkannen drauf.

Das hat alles damit zu tun, dass mog61 einige Blumenbeete in der Gneisenaustraße pflegt, dass es diesen Sommer ziemlich trocken war und dass der Straßenbrunnen Kr092 in der Mittenwalder Straße nach wie vor nicht funktioniert.

Also musste das Wasser zum Gießen vom Marheinekeplatz geholt werden. Ganz schön langer Weg, mit zwei schweren Gießkannen in der Hand! Das sah Jens Walter von der Gitarrenbau-Werkstatt »Saitenreiter«, hatte Mitleid und schenkte mog 61 spontan sein von ihm selbst nicht mehr benötigtes Wägelchen. mog61 freut sich. Seither ist das mit dem Gießen viel einfacher!

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Kiezwoche Kreuzberg

Urban Gardening in der Gneisenaustraße

Am Freitag, 28. August, hat die diesjährige Kiezwoche am Kreuzberg begonnen. Eröffnet wurde sie mit einer Videopräsentation aus den Räumen des Möckernkiez e.V. Am Samstag gab es einen Kiezspaziergang gegen Verdrängung und Privatisierung mit Treffpunkt am Eingang von Riehmers Hofgarten.

Danach lud mog61 e.V. bei bestem Sommerwetter in der Gneisenaustraße zum »Urban Gardening« ein, stellte seine ambitionierten Pläne für das kommende Jahr vor und würde sich natürlich über weitere botanische Mitstreiter*innen freuen.

Diese und einige andere spannende Veranstaltungen sind leider schon vorbei, wenn Sie diese Kiez und Kneipe in den Händen halten. Aber vielleicht reicht es noch für die folgenden:

• Donnerstag, 3. September, 19:00 Uhr: Infoveranstaltung zum Sanierungsgebiet Rathausblock vor der Adlerhalle auf dem Dragonerareal.

• Freitag, 4. September, 19:00 Uhr: Auf den Spuren des Kolonialismus in Kreuzberg. Diskussionsveranstaltung auf dem Kiezplatz 2, Möckernkiez, mit einem Dokumentarfilm von Helma Sanders-Brahms.

• Samstag, 5. September, 16:00 Uhr: Abschluss der Kiezwoche mit Cansel Kiziltepe (SPD) im Kiezraum im Dragonerareal.

Die Kiezwoche wird veranstaltet vom Kiezbündnis am Kreuzberg und begleitet von der Zeitschrift »Kreuzberger Horn«.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Wildwest in der Körtestraße

Der Kampf um die Fahrradstraße

Absperrung in der KörtestraßeDurchfahrt verboten? Viele Autofahrer interessiert das einfach nicht. Foto: psk

Das Bild im Newsletter des Tagesspiegels entbehrte nicht einer gewissen Dramatik. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann stellte sich mitten in der Nacht in der Körtestraße einem BMW in den Weg. Tatsächlich muss es an jenem Abend zu dramatischen Situationen gekommen sein, als das Bezirksamt auf sehr unkonventionelle Art und Weise das neue Durchfahrtsverbot durch die Körtestraße durchsetzen wollte. Es hatte schon den Hauch eines Showdowns im Wilden Westen.

Zur Vorgeschichte gehört, dass die Körtestraße bis vor kurzem eine der wichtigen Querspangen zwischen den Hauptmagistralen Urban- und Gneisenaustraße war. Doch seit sie zur Fahrradstraße umgewidmet wurde, ist der Autoverkehr eigentlich nur noch für Anlieger gestattet. Doch Schilder alleine, so eine bittere Erkenntnis, machen noch keine Fahrradstraße. Bis zum 15. August hoffte der Bezirk noch auf die Einsicht der Autofahrer. Eine Beinahekatastrophe änderte alles. Gegen 20 Uhr raste damals ein weißer Audi R8 durch die Körtestraße Richtung Urbanstraße. Die Einmündung von der Körte- in die Fichtestraße wurde dem Raser zum Verhängnis und um ein Haar auch einer mehrköpfigen Familie, die beinahe von dem Sportwagen erfasst worden wäre. Dafür nietete das Auto »nur« zwei Verkehrsschilder um. Der 22-jährige Fahrer war ohne Führerschein und auf der Flucht vor der Polizei.

Trotzdem war der Unfall der Anlass für das Bezirksamt, in der Körtestraße auf ganz andere Art und Weise Gas zu geben. So sollen Autofahrer in Zukunft nicht nur mit Schildern ausgebremst werden. Eine breite Barriere bestehend aus Blumenkübeln, Absperrbaken und Schildern auf Höhe der Freiligrathstraße soll den Autofahrern die Lust an der Durchfahrt nehmen. Doch die Fahrer zeigen sich widerspenstig.

Bauliche Veränderungen bewegen bislang wenig

Selbst die baulichen Veränderungen haben kaum etwas an der Situation geändert. Schließlich schritt Monika Herrmann höchstpersönlich zur Aufhaltemission. Gemeinsam mit Felix Weisbrich vom Straßen- und Grünflächenamt versuchte sie, die Autofahrer über die neue Situation aufzuklären. Statt Einsicht ernteten die beiden häufig »Hass, Drohungen und Ignoranz«, wie ein Augenzeuge auf Twitter berichtete.

Auch die KuK hat sich wenige Tage später die Situation angesehen, allerdings bei Tag. Das Ergebnis ist ganz ähnlich: Manchmal umfuhren fünf Wagen hintereinander die Sperre in sportlichem Schlenker, um sich am Südstern in die Schlange an der roten Ampel einzureihen. Anlieger? Definitiv nein. Beim Versuch, die Verkehrssituation zu fotografieren, tritt ein Fahrer beherzt aufs Gaspedal. Die obszöne Geste bleibt an diesem Tag kein Alleinstellungsmerkmal.

Auch die neuen Markierungen auf der Straße machen jetzt jedem Autofahrer deutlich, dass er sich auf einer Fahrradstraße befindet und damit als Verkehrsteilnehmer nachrangig ist. Manche Radler nutzen das und fahren bewusst nebeneinander. Sie bilden sozusagen ein rollendes Verkehrshindernis. Doch möglicherweise braucht es noch mehr als das.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Buntes Kreuzberg: Rosa

Wenn es in langen, dicken Rohren geheimnisvoll rauscht

Foto: ksk

Es sind Kunstwerke und sie führen eindrucksvoll vor, wie man einen simplen Gebrauchsgegenstand mit ein bisschen Kreativität in etwas ganz Besonderes verwandeln kann. Die auffälligen rosafarbenen Rohre zieren seit ein paar Wochen die Gneisenaustraße, schlängeln sich elegant am Finanzamt vorbei und münden schließlich östlich der Amerika-Gedenkbibliothek in den Landwehrkanal.

Nein, sie markieren nicht die Grenze zwischen dem Bergmann- und dem Mittenwalder Kiez, sie befördern auch kein Öl oder Gas, sondern lediglich Grundwasser, das bei einem Bauvorhaben an der Ecke Gneisenau- / Nostitzstraße abgepumpt wird. Die Berliner Firma Pollems ist auf solche Grundwasserabsenkungen spezialisiert und die Rohre sind so hübsch rosa, weil vor 25 Jahren Kinder bei Bastelarbeiten im Kindergarten das die schönste Farbe fanden.

Was für eine tolle Idee! Wenn man das Ohr an eines der Rohre legt, hört man es übrigens leise rauschen.

Menschenkette mit Maskenpflicht

#Unteilbar verlangt in Kreuzberg: »Black Lives Matter!«

An die 20.000 Menschen spannten ein »Band der Solidarität«. Foto: ksk

Die Sonne schien, überhaupt herrschte wunderbares Sommerwetter, die Stimmung war sehr entspannt und endlich einmal musste man zum Demonstrieren nicht bis zum Kanzleramt oder zum Alexanderplatz laufen. Das »Band der Solidarität«, welches das Bündnis #Unteilbar am 14. Juni spannte, reichte bis nach Kreuzberg: über Baer­wald-, Gneisenau­straße und Hasenheide bis zum Hermannplatz.

Die Polizei sprach nachher von rund 8000 Teilnehmern, die Veranstalter von 20.000. In dem Aufruf zur Menschenkette ging es um eine kostenlose Gesundheitsversorgung oder eine Demokratisierung der Wirtschaft. Vor Ort überwogen dann aber vor allem aktuelle Forderungen wie »Black Lives Matter«, »Stoppt die AfD« oder »Rassismus ist keine Alternative«.

Demos während einer laufenden Pandemie sind natürlich eher heikel – deshalb gab es eine strenge Maskenpflicht. Die Polizei jedenfalls war des Lobes voll: »Das Hygienekonzept ist voll aufgegangen«, hieß es zufrieden. Na ja, Verdi und Linke haben bei Masken offenbar noch etwas Nachholbedarf. Und wenn selbst Ordner­innen Auflagen fröhlich ignorieren, kommt das nicht so gut.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Endlich mit Aufzug

U-Bahnhof Gneisenaustraße wird barrierefrei und bekommt einen dritten Eingang

Noch nicht das Dach über dem geplanten Aufzug, aber der erste Schritt dazu: Arbeiten am Ost-Eingang. Foto: ksk

Ein oranger Bauwagen ist zu sehen, ein Container-Standplatz, kürzlich wurde sogar ein mächtiger Wetterschutz aufgerichtet. Am östlichen Eingang des U-Bahnhofs Gnei­se­nau­stra­ße wird seit Wochen gebaut. Die KuK hat bei der BVG nachgefragt: Derzeit wird die bisherige Treppe abgerissen, ein neuer Treppenlauf betoniert und außerdem noch ein schönes, neues Bahnhofsschild aufgestellt, ein sogenannter Gre­nan­der­bo­gen. Das alles dauert bis zum zweiten Quartal 2021 – solange ist der Eingang an der Mittenwalder also zu.

Das ist aber erst der Anfang, denn dann beginnen die »Grund­instandsetzung« und der barrierefreie Ausbau, die noch einmal zwei Jahre dauern und insgesamt 15 Millionen Euro verschlingen. Dabei bekommt der U-Bahnhof auf dem Mittelstreifen zwi­schen den beiden bisherigen Zugängen einen dritten, komplett neuen Ausgang mit Treppenanlage und Aufzug. So sehen es die Pläne vor, für die derzeit die Genehmigung läuft.

Laut Verkehrssenato­rin Regine Günther sollte das Berliner U-Bahn-Netz ursprünglich bereits 2020 komplett barrierefrei sein. Vom Gesetz ist der 1. Januar 2022 als Termin für barrierefreie Zugänge vorgeschrieben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Mag Lupinen und Glockenblumen

Wildes Kreuzberg: Waldmaus (Apodemus sylvaticus) / Mindestens drei Familien sind im Kiez unterwegs

Apodemus sylvaticus bei nächtlichen Abenteuern. Foto: ksk

An der Kreuzung Mittenwalder / Gneisenaustraße wohnen mindestens drei Mäusefamilien. Die eine ist hinter einem Regenfallrohr gleich rechts vom Edeka-Markt zu Hause. Nachts wagen sich die Angehörigen mutig aufs Trottoir, schnuppern neugierig auf der Baumscheibe herum, wo im Moment schöne gelbe Narzissen blühen, und verschwinden dann wieder schnell in einem kleinen Loch am Verteilerkasten.

Die zweite ist unten an der U-Bahn zugange und scheint eine ziemlich große Sippe zu sein. Wenn man genau hinguckt, sieht man ab und zu ein graues Mäuschen über den Schotter wieseln. Dann machen die Touristen »Ah« und »Oh« (jedenfalls taten sie das, als in Berlin noch Touristen erlaubt waren), schnippen ein Stück Abfall auf die Gleise und die Mäuse freuen sich. Der U-Bahn-Lärm scheint sie nicht zu stören. Ob die beiden Clans sich gegenseitig besuchen, weiß man nicht, aber bei so Mäusen muss man mit allem rechnen.

Die dritte Familie bewirtschaftet das Straßenbegleitgrün oben vor der »Transmitter«-Sprachschule, wo seit letztem Sommer der Verein »mog61 Miteinander ohne Grenzen« Blumen pflanzt. Oder vielmehr zu pflanzen versucht. Denn die Mäuse dort lieben nicht nur die Körner heiß und innig, welche Rentner Herrmann mit vollen Händen an Spatzen verteilt, sondern auch die kleinen grünen Sämlinge. »Lupinen und Sonnenblumen haben sie ratzeputz aufgefressen«, klagt mog-Gärtner K. empört. »Und von den hübschen Glockenblumen, die uns Frau Koll geschenkt hat, ist auch fast nichts mehr übrig!«

Bleibt zu hoffen, dass die Koexistenz zwischen mog61 und den Mäusen dieses Jahr besser funktioniert. Es ist übrigens nicht ganz sicher, welche Spezies es genau ist. Vieles spricht für die Waldmaus. Wer beweisen kann, dass es sich um eine überaus ähnliche, selbst von Experten kaum unterscheidbare Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis) handelt, bekommt eine Tüte Gummibärchen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Das Ende der Lenau-Schule

Zusammenlegung, Abriss, neuer Name, Neubau

Lenau-Grundschule in der NostitzstraßeDie Lenau-Schule wird wegen Asbestbelastung nach dem Schuljahr abgerissen. Die Schüler kommen in der Lina-Morgenstern-Schule unter. Foto: psk

Die Lenau-Schule ist Geschichte. Nach Ende des Schuljahres werden die Bagger in die Nostizstraße kommen und das Gebäude abreißen, das einem Neubau weichen muss. Notwendig wurde die Maßnahme wegen der Asbestbelastung. Eine Sanierung wäre teurer gekommen, als eben ein Neubau.

Und was wird mit den rund 400 Schülern, die derzeit die erste bis sechste Klasse besuchen?

Sie werden ab August mit der Lina-Morgenstern-Schule in der Gneisenaustraße zu einer Gemeinschaftsschule zusammengelegt. Miteinbezogen in die Kooperation wird auch die Ferdinand-Freiligrath-Oberschule in der Bergmannstraße.

Die neue Gemeinschaftsschule wird dann etwa 1000 Schüler umfassen. Was im ersten Moment sehr dramatisch klingt, ist aber aus einem ganz bestimmten Grund nötig geworden, wie Schulstadtrat Andy Hehmke der Berliner Morgenpost gegenüber erklärte. Sowohl bei der Lina-Morgenstern- als auch bei der Freiligrath-Schule liegen die Aufnahmezahlen deutlich hinter den möglichen Kapazitäten zurück. Die Zusammenlegung bringe weitere pädagogische Kontinuität in das Schulkonzept, betonte der Stadtrat.

So ist es zum Beispiel einfacher, die Schulzeit in der gymnasialen Oberstufe fortzusetzen, wenn sich Lehrer in einer Gemeinschaftsschule mit den Kollegen der vorherigen Schulstufe austauchen können.

Mit der Zusammenlegung ist auch das Ende der Lenau- und der Lina-Morgenstern-Schule gekommen. Die Gesamtschule wird einen neuen Namen erhalten. Verwiesen die bisherigen Namen noch auf bestimmte Personen, so wird die neue Gemeinschaftsschule einen Namen tragen, der eher auf den Ort und nicht mehr auf eine bestimmte Person hinweisen soll. Wie der jedoch lautet, ist noch nicht klar. Darüber müssen sich erst die beiden Schulkonferenzen einigen.

Ist das dann tatsächlich das Ende von Lenau- und Lina-Morgenstern-Schule? Ja und Nein, die Namen verschwinden zwar, aber es wird in der Nostizstraße ein Neubau errichtet. In den ziehen 2023 die Schüler der ersten bis sechsten Klasse der neuen Gemeinschaftsschule. Und dann ist es fast wieder so wie früher.

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Von Australien bis Venezuela

… kommen Studenten zu »Transmitter« und lernen Deutsch

Der Unterricht in der Gneisenaustraße 86 macht offenbar mächtig Spaß. Foto: Dana Engfer

»Wie viele Sprachen du sprichst, so oftmal bist du Mensch.« Das soll der große Goethe einmal gesagt haben. Nun gut, das ist schon eine ganze Weile her, aber Vu Hoang spricht jedenfalls eine Menge Sprachen. Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Vietnamesisch. Ein wenig Japanisch, das Große Latinum hat er auch und im Moment lernt er Hebräisch. »Faszinierende Schriftzeichen«, sagt er.

Hoang gehört die Sprachschule »Transmitter« und die ist letzten Sommer vom Neuköllner Schillerkiez in die Gneisenaustraße 86 umgezogen. »Wir waren ein Opfer der Gentrifizierung«, sagt Hoang. Teile des Hauses in der Allerstraße sollten an einen Investor verkauft werden, die Miete lag plötzlich doppelt so hoch und da blieb nur die Suche nach neuen Räumen.

Die Sprachschule selbst existiert schon seit sieben Jahren. Hier wird Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Die Studenten kommen aus der ganzen Welt und sind meistens zwischen 25 bis 35 Jahre alt. Sogenannte »Young Professionals«: Architekten, Designer, Medienleute, Künstler, viele Doktoranden, die alle nicht nur ein paar Brocken Deutsch sprechen wollen. Tatsächlich reicht die Liste der Herkunftsländer von Australien bis Venezuela.

Es gibt Intensiv- und Abendkurse, jeweils vier oder sechs Wochen lang. Sie kosten 240 oder 150 Euro und müssen in der Regel privat bezahlt werden. Mit vielen Studenten bleibt Hoang auch nachher in Kontakt. So stellte die Japanerin Saki Nagatani im Sommer bei Transmitter eigene Illustrationen aus. Hoang selbst hat zuvor als Kurator und Galeriemanager gearbeitet und längere Zeit in New York und in Neapel gelebt. Jetzt sagt er: »Berlin ist mein Zuhause!«

Und wie gefällt es dem 38-Jährigen in Kreuzberg? »Der Start im Sommer war ziemlich rau!« Wegen der Starkregen gab es zwei Überschwemmungen, dann noch zwei Einbrüche in sehr kurzer Zeit. Bis Juli 2007 war übrigens im selben Souterrain die KuK-Redaktion untergebracht – aber daran erinnert sich schon fast niemand mehr.

Sprachschule Transmitter

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Wasser marsch!

mog61 sitzt nicht auf dem Trockenen

Der Verein »Miteinander ohne Grenzen – mog61 e.V.« veranstaltet nicht nur das jährliche Straßenfest in der Mittenwalder Straße und organisiert im Sommer eine Bühne zur »Fête de la Musique«. Schon vor Jahren sah mog61 mit Blick auf den Klimawandel auch nach Baumscheiben und anderem Straßenbegleitgrün.

In diesem Sommer beteiligte sich der Verein an der Aktion »Jede Wiese zählt!« des Netzwerks Nachbarschaft und nahm sich besonders der Stockrosen am U-Bahnhof Gneisenaustraße an. Einziges Problem – zumal in einem so heißen, trockenen Sommer: Woher kommt das Wasser zum Gießen?

Die Schwengelpumpe K092 vor der Hausnummer 44 könnte es liefern, die ist aber leider kaputt. Die Lösung kam in Gestalt von Felix Weisbrich, dem Chef des Straßen- und Grünflächenamts des Bezirks: Der stellte unbürokratisch ein Standrohr zur Verfügung, mit dem Wasser aus Hydranten am Straßenrand entnommen werden kann. Die Stockrosen sind gerettet und Vereinschefin Marie Hoepfner sagt: »Wir sind dem Bezirk ganz besonders dankbar, dass er uns geholfen und uns nicht auf dem Trockenen sitzen gelassen hat!«

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Mehr Kameras, weniger Müll

Karneval der Kulturen setzt auf Nachhaltigkeit – und verschärft sein Sicherheitskonzept

Umzugshelferin in Dienstkleidung. Foto: rsp

Bereits zum 24. Mal findet am Pfingstwochenende der Karneval der Kulturen statt. Neben dem Straßenfest rund um den Blücherplatz lockt vor allem der Umzug am Sonntag jedes Jahr unzählige Besucher in den Kiez – 2018 waren es zusammen eine knappe Million Menschen.

Wie schon im letzten Jahr geht der Umzug wieder in der noch etwas ungewohnten Richtung von der Yorckstraße über Gneisenaustraße und Hasenheide bis zum Hermannplatz. 74 Gruppen mit gut 4.400 Beteiligten ziehen über die Strecke. Neu ist, dass rund ein Drittel der Gruppen ohne motorbetriebenen Wagen auskommt. Stattdessen kommen Lastenräder, Rikscha und geschobene Plattformen zum Einsatz. 

Überhaupt solle der Karneval nachhaltiger werden, erklärte Leiterin Nadja Mau bei der Pressekonferenz zwei Wochen vor dem Event und hob unter anderem das ausgeklügelte Mehrwegsystem des Straßenfests hervor. Die Berliner Wasserbetriebe, die die Akteure des Umzugs seit 16 Jahren mit Trinkwasser versorgen, verzichten zudem komplett auf Einweg-Plastikbecher. Für den trotzdem allenthalben anfallenden Müll stehen drei Mal soviele Behälter bereit wie noch im Vorjahr.

Nachhaltigkeit und Achtsamkeit finden sich auch im Programm wieder: Bei zahlreichen Gruppen des Umzugs stehen explizit Themen wie Umweltschutz, Müllvermeidung und Artenvielfalt im Vordergrund. Mit »Shanti Town« wird mitten auf dem Festgelände ein Aktionscamp gegen Rassismus und Krieg, für Vielfalt, Nachhaltigkeit und Verantwortung errichtet. Unter anderem gibt es dort Filmprojektionen, Workshops und Mitmach-Aktionen.

Weniger Müll und überhaupt mehr Nachhaltigkeit ist eines der Ziele des Karnevals der Kulturen. Foto: rsp

Die kulturelle Vielfalt, für die der Karneval steht, schlägt sich wie immer auch im Musikangebot nieder. Neben den drei großen Bühnen »Latinauta« (Gitchiner Straße; Latin Grooves), »Black Atlantica« (vor der Heilig-Kreuz-Kirche; afrikanische Musik) und »East2West« (AGB; u.a. Reggae, Ska, Balkan Beats) gibt es zehn kleinere »Music Corners«, die übers ganze Festgelände verteilt sind.

»Eine neue Kultur des Miteinanders auf Großveranstaltungen« wollen die Veranstalter des Karnevals der Kulturen etablieren, und dazu gehöre es auch, alle Beteiligten für die Bedürfnisse der Anwohner zu sensibilisieren – etwa durch eine Reduktion der Zeit für den Soundcheck im Aufstellungsbereich des Umzugs.

Zudem sind die Gruppen angehalten, unsoziales Verhalten in der Umgebung ihres Wagens zu identifizieren und anzusprechen. Angespannte Situationen sollen mit angepasster Musik beruhigt werden.

Zur Entspannung der Sicherheitslage soll eine punktuelle Videoüberwachung entlang der Strecke und auf dem Straßenfest beitragen. Damit sollen Besucherströme beobachtet und gegebenenfalls gelenkt werden. Am Tag des Umzugs sind Nostitz‑, Solms‑, Zossener und Mittenwalder Straße zwischen Gneisenau- und Baruther bzw. Fürbringerstraße auch für Fußgänger komplett gesperrt, Mehringdamm und Schleiermacherstraße funktionieren als Einbahnstraße (siehe Plan). Anwohner sollten deshalb unbedingt einen Ausweis oder ein ähnliches Dokument dabei haben, wenn sie vorhaben, vor Ende des Umzugs nach Hause zu kommen. In den genannten Straßen wird es auch ein flächendeckendes Parkverbot geben.

Quo vadis, Karnevalsbesucher? Am Pfingstsonntag sind zahlreiche Straßen komplett gesperrt, auch für Fußgänger. Grafik: KdK

Ob speziell die Straßensperrungen bei den unmittelbaren Anwohnern für eine höhere Akzeptanz sorgen, erscheint fraglich. Immerhin dürfte die Zahl der Wild- und Hauseingangspinkler in den gesperrten Straßen rückläufig sein. 

Die Fürbringerstraße fungiert als eine Art »Rückstaubereich« – für ortsfremde Besucher vermutlich verwirrend, da es von dort keinen Zugang zum Umzug und keinen direkten Rückweg zum Fest gibt. Von außerhalb des Festes kommt man nur via Baruther oder Schleiermachenstraße in die Fürbringerstraße.

Wer doch in diesen Bereich findet – oder nicht mehr heraus –, ist jedenfalls herzlich willkommen vor den Redaktionsräumen der Kiez und Kneipe (Fürbringerstraße 6), wo wie immer der Bierzelttisch aufgestellt ist und Caipirinha bereitsteht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2019.

Auf der Suche nach seltenen Vögeln

Klaus Stark plaudert mit Wolfgang Sobeck über Analog- und Digitalfotografie

Wolfgang Sobeck Foto: ksk

Es ist nicht so einfach, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, den man nur vom Sehen kennt. Ich sitze am Ladentisch von »Foto Objektiv«, Ecke Zossener / Gneisenaustraße, gucke mich im Geschäft um, und Inhaber Wolfgang Sobeck erzählt erst ein bisschen von seinem Hobby. Er fotografiert gerne Tiere. Hier in Berlin sind es vor allem Vögel: Habicht, Roter und Schwarzer Milan, Graureiher, Silberreiher.

Und Eisvögel natürlich. Am Schloss Charlottenburg und an der Spandauer Zitadelle, da sitzen sie mit ihrem wunderschönen blauen Gefieder oft über dem Fluss und fischen. »Wenn man in die Natur geht, öffnet sich ein Fenster«, sagt Herr Sobeck. »Für einen Moment bekommt man einen Einblick. Dann ist es wieder zu.« Zusammen mit seiner Frau ist er auch im Kranichschutz aktiv. Wenn im Herbst in Linum bis zu 75.000 Kraniche stehen, schaut er ihnen gerne beim Tanzen zu.

Zwischendrin betreten immer wieder Kunden den Laden. Ein Paar studiert eine gebrauchte Hasselblad, die im Schaukasten liegt, und will morgen wiederkommen. Das Geschäft hat der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann seit 1981, ursprünglich befand es sich auf der anderen Straßenseite. Er erinnert sich noch genau, wie die Zossener zwischen Gneisenau- und Bergmannstraße damals aussah: Es gab drei Buchläden, einen Friseur alten Stils für die alten Damen mit Wasser- und Dauerwelle, eine Hutmacherei. »Heute ist das ja eine Fressmeile«, klagt er. »Und in der Bergmannstraße dasselbe.

«Wenn er seltene Vögel fotografiert, geht er selbst mit einer digitalen Sony A 99 auf Pirsch. Das lässt sich nicht anders machen, weil von 20 Bildern höchstens eins etwas wird. Ansonsten aber ist »Foto Objektiv« ein Hort der Analogfotografie. Natürlich verkauft der gebürtige Hesse auch Speicherkarten, USB-Sticks, gebrauchte Digitalkameras und Ferngläser, aber der Schwerpunkt liegt auf Negativ- und Diafilmen, Sofortbildkameras, Stativen und Fotoarbeiten: Der Kunde bringt einen belichteten Film vorbei und kann später die Abzüge abholen. Außerdem gibt es Fotoalben und Fotoecken. Fotoecken? Als ich stutze, lächelt der Ladenbesitzer: »Sehen Sie, das kennen Sie schon gar nicht mehr.«

Überwiegend verkauft er mittlerweile an Touristen. »Das Bildergeschäft ist komplett eingebrochen. Das wird dazu führen, dass die Leute irgendwann keine Erinnerung mehr haben. Die Festplatte ist abgestürzt, das Smartphone weggeworfen, auch CDs halten nicht ewig – und Bilder gibt es nicht mehr.« Herr Sobeck hält gar nichts von der blinden digitalen Knipserei. »Die Leute machen tausend Fotos, gelöscht wird nichts, dann finden sie sich im Datenmüll nicht mehr zurecht. Und wie banal! Guck mal, was ich mache! Guck mal, was ich esse! Was für ein Blödsinn! Wen interes-siert das im Netz?

«Er trauert den alten Zeiten hinterher, als Fotos noch nicht die Datenspeicher und sozialen Medien überschwemmten. Es kostete jedesmal Geld, auf den Auslöser zu drücken: »Da überlegt man sich, was, wie und ob man fotografiert.« Die Suche nach dem perfekten Bild, nach dem richtigen Augenblick, die Vorfreude auf die Abzüge, der Aha-Effekt in der Dunkelkammer. Aber er weiß natürlich auch, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt.

Ausgerechnet in diesem Moment kommt ein Pärchen in den Laden und kauft zwei Negativfilme von Kodak, einen schwarz-weiß, einen farbig. Warum? »Weil es schöne Bilder sind«, sagt der Mann. »Ich mag das, wenn man sie erst entwickeln muss.«

Dann erzählt Wolfgang Sobeck noch ein wenig von seinen Vögeln. In Costa Rica, wo er häufig gewesen ist, hat er lange nach dem Quetzal gesucht, dem berühmten Göttervogel der alten Azteken. Ein prächtiges Tier mit gelbem Schnabel, rotem Bauch, das übrige Gefieder schimmert je nach Lichteinfall blau oder grün. Manchmal sieht man tagelang keinen einzigen, aber er hat ihn schon oft fotografiert. Die Schwanzfedern des Quetzal sind bis zu einem Meter lang. »Der ist richtig groß«, sagt Herr Sobeck und strahlt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2018.

Alleine am Südstern

Zuschauer sehen den sensationellen Alleingang des neuen Marathonweltrekordhalters

Kipchoge und der letzte Hase: Auf der Gneisenaustraße war der Olympiasieger schon ziemlich alleine. Foto: ksk

Es war einiges anders beim Berlin-Marathon 2018. Erdoğan-Besuch und Bayern-Gastspiel hatten schon für eine Vorverlegung gesorgt. Die Startzeiten hatten sich geändert, aber das eigentlich Sensationelle ereignete sich auf dem 42 Kilometer langen Rundkurs.

Zuschauer, die schon früh an der Strecke standen, um die Spitzenläufer anzufeuern, erlebten eine kolossale Überraschung. Es gab nicht mehrere Spitzenläufer zu bejubeln, sondern genau einen einzigen. Das hatte es in dieser Form noch nicht gegeben. Als der Kenianer Eliud Kipchoge schon fast am Südstern war, erreichten seine Verfolger gerade den Hermannplatz. Nur drei Tempomacher begleiteten ihn noch, von denen auf der Gnei­se­nau­straße zwei auch noch ausstiegen. 

In all den Jahren war es stets so gewesen, dass sich auf der langen Geraden zwischen Hermannplatz und Yorckstraße eine Spitzengruppe von vier bis fünf Läufern belauert hatte. Doch der 33-jährige Kenianer, der im Jahr zuvor beinahe an den Sohlen seiner Laufschuhe gescheitert wäre – und trotzdem gewann – ließ dieses  Jahr schon nach wenigen Kilometern keine Zweifel mehr aufkommen, wer hier der Sieger sein würde. 

In Kreuzbergs Süden, der etwa die Hälfte des Rennens markierte, war im Grunde alles entschieden. Dass es auch noch einen Weltrekord geben sollte, war mindestens zu erahnen. Doch mit seiner Fabelzeit von 2:01:39h schockte Kipchoge die Fachwelt. Inzwischen wird munter darüber spekuliert, wann Berlin erstmals einen Marathonläufer sehen wird, der die Strecke unter zwei Stunden meistert.

Keine Chance hatte auch die rbb-Marathonstaffel, die seit einigen Jahren versucht, schneller als der jeweilige Sieger zu sein. Das hatte zuletzt auch immer wieder geklappt. Doch dieses Mal scheiterte die Staffel nicht nur an dem Fabelweltrekord Kipchoges. Bei Kilometer 19 auf der Gneisenaustraße suchte der Staffelläufer vergebens nach seinem Partner, dem er den Staffelstab hätte übergeben können. Der hatte sich beim Warmmachen verlaufen und war nicht rechtzeitig in die Wechselzone gekommen. So musste der Läufer für den Abschnitt Kilometer 18 bis 19 auch noch den 20. Kilometer in Angriff nehmen. Damit waren die Chancen dahin.

Der Stimmung tat das keinen Abbruch. Im Kiez begleiteten wieder Tausende von begeisterten Zuschauern bei strahlendem und windstillem Wetter diesen größten deutschen Sportwettbewerb. Fast 45.000 Läufer waren dieses Mal auf die Strecke gegangen, von denen 40.775 auch das Ziel erreichten.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2018.

Von Zeitreisen und Blues

All Blue ist eine Perle der Kreuzberger Musikszene

Im letzten Monat wurde nach klassischer Junimanier viel im ganzen Kiez gefeiert. Eines der Feste fand, wie vielleicht einige mitbekommen haben, im backbord in der Gneisenaustraße statt. Der fünfzehnte Geburtstag der Kneipe wurde von viel Bier, guter Laune und Livemusik begleitet.

Den musikalischen Rahmen gestalteten die vier Männer der Kreuzberger Urgesteinband All Blue. Taki, Eberhard, Jascha und Fritz heißen die Musiker, die sich über zwei Sets hinweg klanglich der Musikgeschichte gewidmet haben.

Die Band gibt es laut eigenem Bekunden schon seit hundert Jahren. Viele Auftritte in Kreuzberg haben sie hinter sich und sogar einen in Weißensee.
Ich genoss die Musik von draußen, was der Qualität keinen Abbruch tat und manchmal sogar einen kleinen Abschweifer zuließ.
Es ging los mit einigen bekannten und unbekannten Bluessongs. Herausragend interpretiert machte sich bei mir infolgedessen oft das freie und unbeschwerte Gefühl eines Kneipenabends in einem in Amerika beheimateten Pub Mitte der 20er Jahre breit. Hierzu trugen besonders auch die selbstgemachten Lieder in Blues und Rock ihren Teil bei.

Kurz vor Ende des ersten Sets ging diese Zeitreise weiter und wurde vor allem sehr lokal. Stichwort ist hier: Hausbesetzer-Hausband. Ein guter »70er-Jahre-Ton-Steine- Scherben-Schrammel- Sound«, wie einer der Gäste lobend beschrieb, ertönte von drinnen. Sehr authentisch und zwar nicht nur wegen des Heimatbezugs.
Bier, Kippe, Verschnaufpause und weiter ging’s ins zweite Set, in dem die Vier, wie ein Freund von mir zu sagen pflegt, »nochma ordnlich een ham kiekn lassn«.
Zeitreisetechnisch ging es wieder weiter zurück in die Vergangenheit – nächster Stopp: 60er.

Psychedelische Klänge ganz nach Pink Floyd bestimmten den Part. Und auch vor der intensiven Verwendung von Synthesizern machten sie keinen Halt. Lang gezogene Gitarrenriffs hinterließen bei mir vor allem einen Eindruck: groovy!

Nach beiden Sets und diesem riesigen Repertoire an Musik tobte die Meute, der Laden bebte, das Publikum war begeistert – und hatte trotzdem nicht genug. Einen langen und lauten Applaus später brachte die Band noch einen letzten Hit. Der begann mit »Immer wieder Sonntag« und verwandelte sich langsam aber sicher (und davor sei der Hut gezogen) in Black Sabbath. Gesamteindruck des Abends: All Blue – unbedingt auf jeden Fall und unter allen Umständen merken.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2018.