Die Sprache der Vögel

Wildes Kreuzberg: Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus) / Hotel Mama auf den Friedhöfen am Halleschen Tor

Kleiner Gartenrotschwanz hat großen Hunger. Foto: ksk

Die Sprache der Vögel zu verstehen, ist eine schwierige, nicht leicht zu erlernende Kunst. Der heilige Franziskus hat sie beherrscht, von dem Filmemacher Pier Paolo Pasolini gibt es in »Uccellacci e uccellini« einen hinreißenden Kommentar dazu. Die Friedhöfe am Halleschen Tor sind ein sehr guter Ort, um ein wenig zu üben.

Am besten setzt man sich irgendwo auf eine Bank und macht sich möglichst unsichtbar. Bewundert vielleicht die schönen Bäume, ärgert sich über das viel zu kurz geschnittene gelbe Gras. Vorne am Mehringdamm fechten Nebelkrähen mit rauen Stimmen Revierkämpfe aus. Amseln flöten, eine Herde Spatzen tschilpt.

Plötzlich kommt ein Gartenrotschwanz angeflogen, ein braunes Weibchen. Auf den ersten Blick sehen sie ein bisschen wie Spatzen aus, sind aber viel schlanker und graziler. Sie sitzen gerne gut sichtbar auf Ästen oder Büschen, inspizieren von dort aus das Gelände und zittern dabei auffallend mit ihrem rostroten Schwanz.

Das Weibchen stößt lockende Laute aus und tatsächlich sitzt da noch so ein kleines Federbällchen herum, die Mutter fliegt hin und blitzschnell wird das Junge von ihr gefüttert. Das dauert keine Sekunde, erst auf dem Foto ist zu beobachten, wie das hungrige Kleine den Schnabel aufsperrt. Boah ey, denkt man überrascht, das ist jetzt aber ziemlich intim!

Die Erklärung: Anfang Juni sind die Jungen zwar flügge, kennen sich aber mit Käfern und Spinnen noch nicht so gut aus und werden von der Mama deshalb eine Woche länger ernährt.

Am nächsten Tag erkennt das Weibchen den merkwürdigen Besucher mit rotem Sweatshirt und Knipse gleich wie­der und kommt neugierig angeflattert. Auch das prächtige, bunt gefärbte Männchen taucht auf, um den Gast zu besichtigen. Ein wenig fühlt man sich schon als Teil der Vogelfamilie. In ein paar Tagen sind die Jungen selbstständig, die Eltern brüten vielleicht noch ein zweites Mal und im September machen sich die kleinen Vögel dann auf die gefährliche Reise nach Zentralafrika.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Geschenk der Gottesmutter

Wildes Kreuzberg: Marienkäfer (Coccinella septempunctata) / Was für ein Leben: Leckere Blattläuse und jede Menge Sex

Das kann jetzt eine ganze Weile dauern – bis zu 18 Stunden. Foto: ksk

Mit dem Marienkäfer werfen wir nun endlich den versprochenen Blick auf die heimische Insektenwelt. Er heißt mit vollem Namen »Siebenpunkt-Marienkäfer«, aber das hat oben in die Überschrift nicht mehr hineingepasst. Mit seinen roten Deckflügeln und den schwarzen Punkten drauf schaut ein Marienkäfer ziemlich lustig aus.

Wahrscheinlich deshalb sind sie ausgesprochene Sympathieträger. Bauern hielten sie früher für ein Geschenk der Jungfrau Maria, auf Französisch heißen sie »bête à bon Dieu«, »Gottes Tier«, und in Berlin »Mariechenkäfer«. Manche Leute glauben, dass sie bald heiraten werden, wenn ein Käfer auf ihnen landet. Aber das ist natürlich Quatsch.

Die sieben Punkte haben übrigens nichts mit dem Alter zu tun, sondern sind sozusagen angeboren. Es gibt andere Arten mit zwei oder fünf oder 13 Punkten – aber der Siebenpunkt-Marienkäfer ist hierzulande mit am häufigsten. Das beste an ihm ist, dass er Blattläuse frisst. Sogar ziemlich viele, bis zu 100 am Tag – und das erfreut das Herz jedes Gärtners. Die Larve des Käfers, die wie ein kleines außerirdisches Monster aussieht, vertilgt ebenfalls welche. Das ist gar nicht so unheikel, denn die Blattläuse werden oft von Ameisen bewacht, die sich die Läuse wegen des von ihnen ausgeschiedenen Honigtaus als Haustiere halten. Und natürlich sind sie nicht gerade amüsiert, wenn sich plötzlich ein Marienkäfer über ihren wertvollen Viehbestand hermacht.

Außer Läusen mögen Marienkäfer vor allem Sex. Der Akt an sich sei eher unspektakulär, hört man, könne sich aber bis zu 18 Stunden hinziehen. Ist das Weibchen mit einem fertig, sucht sie gleich den nächsten, bis zu 20 hintereinander. Dieser ungezügelte Geschlechtsverkehr fördert die Übertragung von Milben, welche die Weibchen unfruchtbar machen. Zum Glück aber erst nach ein paar Wochen, so dass noch genug Zeit für die Eiablage bleibt. Sonst wären die hübschen, sexsüchtigen Mariechenkäfer vielleicht längst ausgestorben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Wunderbarer Gesang

Wildes Kreuzberg: Nachtigall (Luscinia megarhynchos) / Um Mitternacht auf einer Bank am Landwehrkanal

Optisch eher unscheinbar – die Nachtigall vom Böcklerpark. Foto: ksk

In diesem Heft sollte eigentlich ein sehr besonderes Insekt gewürdigt werden. Aber das müssen wir leider verschieben, denn es ist etwas Außerordentliches passiert: Die Nachtigall vom Böcklerpark ist aus Afrika zurückgekehrt!

Mit den Nachtigallen ist es ganz ähnlich wie mit Glühwürmchen: Jeder hat von ihnen gehört, aber tatsächlich gesehen haben sie bisher nur wenige. Es sind gleichsam mystische Lebewesen. So hielten manche Leuchtkäfer sogar schon für ausgestorben, was aber gar nicht stimmt. Sie werden nur immer weniger.

Nachtigallen hingegen gibt es ausgerechnet in Berlin eine Menge – so viele, dass Berlin als »Hauptstadt der Nachtigallen« gilt. Experten zählen bis zu 1700 Brutpaare, angeblich mehr als in ganz Bayern. Als Bodenbrüter lieben sie ungepflegte Grünflächen, verwilderte Parks und verwahrlostes Straßenbegleitgrün. Ungefähr in der zweiten Aprilhälfte kehren sie aus dem tropischen Afrika zurück und errichten ihr Territorium. Während die Weibchen die Klappe halten und schweigen, stimmen die Männchen den wunderbaren, hochkomplexen Gesang an, der sie berühmt gemacht hat und seit Jahrhunderten Literatur wie Musik inspiriert.

Dabei sind es scheue, unauffällige Vögel, die man tagsüber kaum zu Gesicht bekommt. Was für ein Glück, als mittags im Böcklerpark plötzlich so ein graubraunes Vögel­chen auf einem Ast sitzt und unüberhörbar zu schmettern beginnt!

Tagsüber markieren sie nur ihr Revier, aber nachts locken sie mit schmelzenden Tönen die Geliebte an. Also lädt man jemanden ein, den man gerne hat, verspricht eine »Überraschung« und setzt sich mitten in der Nacht auf eine Bank am Landwehrkanal. Enten knarzen herum, Schwäne gleiten lautlos Richtung Spree. Es dauert lange. Aber dann, genau um 23.54 Uhr, fängt die Nachtigall tatsächlich zu singen an.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Mag Lupinen und Glockenblumen

Wildes Kreuzberg: Waldmaus (Apodemus sylvaticus) / Mindestens drei Familien sind im Kiez unterwegs

Apodemus sylvaticus bei nächtlichen Abenteuern. Foto: ksk

An der Kreuzung Mittenwalder / Gneisenaustraße wohnen mindestens drei Mäusefamilien. Die eine ist hinter einem Regenfallrohr gleich rechts vom Edeka-Markt zu Hause. Nachts wagen sich die Angehörigen mutig aufs Trottoir, schnuppern neugierig auf der Baumscheibe herum, wo im Moment schöne gelbe Narzissen blühen, und verschwinden dann wieder schnell in einem kleinen Loch am Verteilerkasten.

Die zweite ist unten an der U-Bahn zugange und scheint eine ziemlich große Sippe zu sein. Wenn man genau hinguckt, sieht man ab und zu ein graues Mäuschen über den Schotter wieseln. Dann machen die Touristen »Ah« und »Oh« (jedenfalls taten sie das, als in Berlin noch Touristen erlaubt waren), schnippen ein Stück Abfall auf die Gleise und die Mäuse freuen sich. Der U-Bahn-Lärm scheint sie nicht zu stören. Ob die beiden Clans sich gegenseitig besuchen, weiß man nicht, aber bei so Mäusen muss man mit allem rechnen.

Die dritte Familie bewirtschaftet das Straßenbegleitgrün oben vor der »Transmitter«-Sprachschule, wo seit letztem Sommer der Verein »mog61 Miteinander ohne Grenzen« Blumen pflanzt. Oder vielmehr zu pflanzen versucht. Denn die Mäuse dort lieben nicht nur die Körner heiß und innig, welche Rentner Herrmann mit vollen Händen an Spatzen verteilt, sondern auch die kleinen grünen Sämlinge. »Lupinen und Sonnenblumen haben sie ratzeputz aufgefressen«, klagt mog-Gärtner K. empört. »Und von den hübschen Glockenblumen, die uns Frau Koll geschenkt hat, ist auch fast nichts mehr übrig!«

Bleibt zu hoffen, dass die Koexistenz zwischen mog61 und den Mäusen dieses Jahr besser funktioniert. Es ist übrigens nicht ganz sicher, welche Spezies es genau ist. Vieles spricht für die Waldmaus. Wer beweisen kann, dass es sich um eine überaus ähnliche, selbst von Experten kaum unterscheidbare Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis) handelt, bekommt eine Tüte Gummibärchen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Nietzsche, Hitchcock & Poe

Wildes Kreuzberg: Nebelkrähe (Corvus cornix) / Ein ruiniertes Image wird man so leicht nicht wieder los

Eine Nebelkrähe, hier einmal ganz ohne Nebel. Foto: ksk

Krähen und ihre engen Verwandten, die Raben, sind ausgesprochen symbolische Vögel. »Die Krähen schrei’n / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt«, dichtete der halb wahnsinnige Nietzsche. Edgar Allan Poe und Alfred Hitchcock haben sich von ihnen inspirieren lassen, und in Rilkes berühmtem Gedicht »Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr« kommen zwar keine Krähen vor, aber er hat sie wohl nur vergessen – denn Alleen mit Herbstlaub kann man sich gar nicht ohne Krähengeschrei vorstellen.

Krähen haben es schwer. Weil sie schwarz sind, werden sie gern mit dem Tod in Verbindung gebracht. Sie verschmähen weder Abfälle noch Aas, und ihr heiseres, raues Krächzen macht sie nicht eben beliebter. Spätestens hier muss erwähnt werden, dass es verschiedene Krähen gibt: Die Rabenkrähe ist komplett schwarz, die Saatkrähe schwarz mit einem hellen Schnabel und die Nebelkrähe hellgrau mit schwarzen Flügeln und einem schwarzem Kopf.

Nebelkrähen brüten vor allem östlich der Elbe, lieben Großstädte und sind im Widerspruch zu ihrem schlechten Image kluge und sehr soziale Vögel. Während sich anderswo die Männchen geckenhaft herausputzen oder mit wildem Getriller Eindruck schinden, beteiligt sich die männliche Krähe am Nestbau und zieht gemeinsam mit dem Weibchen die Jungen groß.

Eine Nebelkrähe würde sich übrigens nie wie ein Eichhörnchen an einen ausgestreckten Arm mit Nüssen heranschmeißen. Stattdessen stolziert sie damenhaft durch den Müll, guckt allenfalls etwas neugierig, und wenn das seltsame Wesen mit dem Teleobjektiv immer näher rückt, schwingt sie sich verächtlich auf einen Ast.

Generell beobachten Nebelkrähen die Dinge gerne mit einem gewissen Abstand von oben. Dann kreisen sie paarweise oder in großen Schwärmen am grauen Winterhimmel, kontrollieren sorgfältig, ob die Erde sich auch richtig dreht, und machen zufrieden »kra-kra«.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Lenau-Abriss vor dem Aus?

Als Reaktion auf unsere neue Rubrik „Wildes Kreuzberg“ erreichte uns der nachfolgende Beitrag, der von unserem Leser Wolfgang Keller verfasst wurde.

Die Kreuzberger Nostitzstraße ist keine Flaniermeile, aber trotzdem eine Adresse. Nämlich die der Lenau Schule. Sie steht vor dem Abriss. Kann die Beobachtung eines Anwohners die Abrisspläne ins Wanken bringen?

Er hatte früher als andere erfahren, was der Schule blühte. Um sich den liebgewonnenen Anblick so lange als möglich zu gönnen, verstärkte er seine Spaziergangsaktivitäten und erlebte eines schönen Sonntags, vor dem schmiedeeisernen Tor zum großen Schulhof, was noch niemand erlebt hatte.

Eine Feuerwanze schritt aufrechten Ganges dem Tor zu, unterquerte es, tat einen deutlich hörbaren Seufzer und brach nach circa zwanzig Zentimetern tot zusammen.

Ein selten Tier, dachte der nun interessierte Anwohner. Dann legte er eine Schweigeminute ein.

Da er vor Wochen in der BZ gelesen hatte, wie eine aufgefundene Knoblauchkröte den Schulneubau am Koppelweg in Neukölln verhindern könnte, sah er seine Chance für bürgerliches Engagement gekommen und benachrichtigte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Er schilderte ausführlich seine Beobachtung und fügte zugleich die Bitte an, gemäß Koppelweg, jedwede Abriss- oder Baumaßnahme ad acta zu legen, da ja bislang niemand wisse, was er in der Streichholzschachtel nach Haus getragen habe. Denn er selbst habe sich als engagierter Bürger inzwischen darüber informiert, dass die gemeine Feuerwanze ein stummes Krabbeltier sei, also ausscheide. Dass der Leichnam der allgemein bekannten und verbreiteten Feuerwanze zum Verwechseln ähnle, besage gar nichts. Mit engagiertem Gruß.

Es meldete sich telefonisch der wissenschaftliche Dienst des Bezirksamts und bat um Übersendung des Corpus. Der wurde in wattierter Streichholzschachtel zugesandt. Der mittlerweile stark interessierte Anwohner erhielt zwei Monate später die Streichholzschachtel samt Bericht zurück. Darin hieß es, dass es sich zweifelsfrei um die gemeine Feuerwanze (Pyrrhocoris apterus) handle, welche nicht unter Artenschutz stünde, somit auch keine Verzögerung der Baumaßnahmen angeraten sei. Vielmehr würde sich die Nachbarschaft sicher erleichtert zeigen, wenn die Käfer wegen der Baumaßnahmen aus dem Wohngebiet verschwänden, da Schädlinge, wie der Name schon sage, Schäden anrichten. Mit freundlichem Gruß.

Der stark interessierte Anwohner erkannte sofort, dass er mit seiner Beobachtung bei den Falschen gelandet war. Erstens war die Identifizierung falsch, zweitens sind Feuerwanzen keine Käfer und drittens fristen Feuerwanzen ihr Dasein bestenfalls als Lästlinge.

Der nunmehr sehr stark interessierte Anwohner wandte sich an Professor Lex Parker von der Hawaiʻi Pacific University in Honolulu, als einen Spezialisten von Weltruf. An dessen Institut gehen täglich dutzende Feuerwanzenfotos ein mit Variationen der Rückenzeichnung. Immer verknüpft mit der Hoffnung, eine neue Art entdeckt zu haben. Leider sind die Rückenvarianten der gemeinen Feuerwanze dermaßen zahlreich – bis hin zu einfarbig roten Exemplaren –, dass Prof. Lex Parker über Jahre nichts Neues unter die Augen gekommen war.
Anders der Brief aus Deutschland. Auch ohne Foto, versprach die Nachricht neue Erkenntnisse. Professor Parker antwortete umgehend.

Lieber Freund der Naturwissenschaften aus der Nostitzstraße,

Ihr Brief elektrisiert mich. Ich muss das Tier unbedingt unter meine Lupen nehmen. Her damit! Sorgen Sie für schadfreien Versand. Hier einige Hinweise, die sich bewährt haben.

  • Wärmedämmung.
  • Dampfsperre mittels Antidampffolie.
  • Gegen Durchbohren und Durchstoßen hilft nur Metall.
  • Der äußere Mantel hingegen aus Holz. Schraubsysteme sind immer besser als Stecksysteme.
  • Die Ausbreitung von Schall wird mittels Ultraschall-Longitudinalimpulsen gemessen. Tun Sie etwas in der Richtung. Auch Schall kann schädigen.
  • Und unbedingt beachten: Die äußeren Maße des Versandguts müssen kleiner sein als die der engsten Stelle, die während des Transports durchquert werden muss. Ist einfacher, als es sich anhört. Das kennen Sie vom Briefschlitz, old fellow. In ihrem Fall sind Breite und Höhe meiner Labortür zu beachten. Stellen Sie sich einen ausgewachsen Menschen vor. Geben sie nach oben zwei Köpfe dazu. Die Breite ergibt sich, wenn jener Mensch beide Ellenbogen nach außen spreizt.

Lex

Der liebe Freund der Naturwissenschaften aus der Nostitzstraße interpretierte Lexens Katalog als Soll-, nicht als Muss- Festlegungen.

Immerhin entfernte er nach langem Zögern die Trommel aus seiner guten alten Miele, stopfte Zeitungspapier hinein, drückte in die Mitte die Streichholzschachtel mit der Wanze, steckte die Trommel in einen blauen Müllsack und nagelte eine Holzkiste drumherum, die er mit Packpapier einschlug, das er wiederum mit Klebeband bändigte. Für 141,99 Euro ging das Premium-Paket ab in Richtung Honolulu. In die Zollinhaltserklärung schrieb er Waschmaschinentrommel Made in Germany. Das sollte durchgehen. Ging es auch.

Als das Paket auf dem Labortisch in Honolulu lag, arbeitete sich Prof. Lex Parker bis zur Streichholzschachtel im Innern der Trommel vor. Dann endlich lag die Wanze vor ihm.

Dem Hinweis auf den aufrechten Wanzengang ging er nach, indem er die Hinterbeine unter die Lupe nahm. Er entdeckte umfänglich aufgebaute Muskulatur. Eine ebenfalls nie beobachtete trichterförmige Verbindung vom Labium zum Pronotum, die sich grob umgangssprachlich als Megaphon bezeichnen ließe, erklärte das hörbare Seufzen. Die Fachkollegen am Institut waren der einhelligen Auffassung, eine neue Wanzenart auf dem Seziertisch des Chefs gesehen zu haben.

Prof. Lex Parker bereitete einen Aufsatz für den New Scientist vor, dem er den Arbeitstitel Die Wanze als seufzender Wandersmann gab.

Vorab teilte er dem Kreuzberger brieflich in groben Zügen das Obduktionsergebnis mit, dankte ihm und versprach namentliche Erwähnung im Aufsatz.

Der weiterhin sehr stark interessierte Anwohner berichtete triumphierend dem Bezirksamt, welches daraufhin mitteilte, dass man in den Nachtragshaushalt selbstverständlich einen sehr, sehr angemessen Betrag einstellen würde, um die ungemein wissenschaftlichen Bemerkungen jenes Herrn Lex Barker zu überprüfen, der sich vielleicht besser um Winnetou als um auf zwei Beinen laufende, seufzende oder singende Wanzen kümmern möge. Das Schreiben faxte der empörte Kreuzberger umgehend nach Honolulu.

Als der Professor las, wie mit seinem Namen und seinen Forschungen umgegangen wurde, gruppierte er einen Stab von Mitarbeitern um sich und buchte nach Europa. Von zwei US-Kamerateams begleitet, traf die Gruppe mit dem sehr stark interessierten Anwohner vor dem schmiedeeisernen Tor zum großen Schulhof der Lenau Schule zusammen.

„Nice to meet you, old fellow.“

Prof. Lex Parker ließ sich nun die genaue Lauf-, nein, die Gehrichtung der Wanze anzeigen und markierte den Todesort mit einem weißen Kreidekreuz. Dann gab er eine Probe seines detektivischen Spürsinns. Da das Kreuz außerhalb des Schulgeländes liege, die Wanze aber das schmiedeeiserne Tor unterquert habe, könne dass das Tier kein Zu-, sondern müsse ein Abwanderer gewesen sein. Mithin habe der Schulhof als Habitat zu gelten, wo weitere Population jener bis dato vollkommen unbekannten Wanzenart zu vermuten sei, konstatierte er.

Vor laufenden Kameras forderte er im Namen der Wissenschaft, den Schulbesuch vorfristig einzustellen und jegliche Baumaßnahmen zu unterlassen. Er schlug vor, das Gelände blickdicht einzuhegen und im zweiten Stock des Schulgebäudes eine Forschungsstation mit Ausblick auf den Hof einzurichten.

Dann nahm er eine inzwischen angefertigte Lageskizze zur Hand und zeichnete einen Quigong-Platz auf dem Gelände ein. Um des lieben Friedens habe es sich bewährt, der Nachbarschaft ein Angebot zu machen, erklärte er. Dieser Chinasport würde die Tiere, anders als Eishockey oder Baseball, nicht zermürben, fügte er an, um sich dann wieder der Skizze zuzuwenden.

Er markierte auf dem Schuldach, auf dem Dach der Turnhalle und auf den Dächern der rechts und hinten anliegenden Wohngebäude etwa drei Dutzend Orte, wo jene Dächer mit Scheinwerferbatterien zu bestücken seien, um werthaltige Nachtforschung zu ermöglichen. Zu diesem Punkt der Ausführungen wollte der sehr stark interessierte Anwohner einen zarten Einwand erheben, kam aber nicht dazu.

Außerdem seien Richtmikrofone und Bewegungsmelder auf dem Gelände zu installieren, fuhr Prof. Lex Parker fort. Die Crew sei außerdem mit transportablen Großlupen auszustatten, wobei er seine eigene aus der Tasche zog, in die Kameras hielt und verkündete, noch heute die Weltnaturschutzunion, IUCN, zu informieren.

Als Prof. Lex Parker per Räuberleiter das schmiedeeiserne Tor zwecks Begehung des Geländes erklomm, wurde ihm der finale Absprung hausmeisterlicherseits untersagt, da er als schulfremde Person eingestuft wurde. Selbst der Hinweis, dass die TV-Reportage in den USA from coast to coast laufen würde, änderte daran nichts.

Wir bleiben am Ball.

Fridolin, Fridolina, Transhörnchen

Wildes Kreuzberg: Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) / Warum auf dem Friedhof ein paar Haselnüsse sehr nützlich sind

Fridolin bei der Nahrungsaufnahme, ganz konzentriert. Foto: ksk

Bevor man ein paar nette Worte über Eichhörnchen verlieren kann, muss erst im befreundeten Umfeld geklärt werden, ob sie nicht eigentlich »böse« sind. Klar, im Frühling machen sich die kleinen Räuber schon mal über die Nester von Vögeln her. Schließlich kämpft so ein Eichhörnchen ums Überleben und hat nicht den Bio-Supermarkt direkt um die Ecke, wie der gewöhnliche vegane Kreuzberger. Aber lassen wir das auf sich beruhen.

Eichhörnchen sind ausgesprochen niedliche Tiere. Auf den Friedhöfen vor dem Halleschen Tor gibt es mindestens drei: Fridolin, Fridolina und Transhörnchen. Fridolina ist, wie bei Mädchen häufig, etwas hübscher als Fridolin und sie hat eine besonders nette Art, den Kopf schief zu legen und um Nüsse zu betteln. Transhörnchen heißt so, nicht weil es nicht wüsste, ob es männlich oder weiblich ist. Aber wir haben es noch nicht herausgefunden, deshalb nennen wir es so. Vielleicht lebt es schon länger hier, vielleicht ist es ein Geflüchtetes, keine Ahnung. Auch das lassen wir lieber auf sich beruhen.

Abgesehen von der Paarungszeit sind Eichhörnchen Einzelgänger, aber die drei scheinen sich gut zu verstehen. Sie toben die Bäume hinauf und hinunter, lassen ihre rotbraune Rute zwischen den Grabsteinen leuchten und verbuddeln fleißig Nüsse im Boden, die sie ohnehin nie wieder finden.

Wenn sie einen noch nicht so gut kennen, pirschen sie sich vorsichtig von hinten aus der Deckung heran, schnappen nach einer Nuss und bringen sich gleich wieder in Sicherheit. Nach einer Weile kommen sie direkt auf einen zugesprungen, gucken fragend und bleiben sitzen. Schönes Gefühl, wenn so ein lebendiges Wesen, das doch bei aller Zutraulichkeit immer noch ein wildes Tier voller Würde ist, keine Angst mehr vor einem hat.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.