Kreuzberg war immer sein Sehnsuchtsort

Der Maler und Poet Kurt Mühlenhaupt hat nun in der Fidicinstraße 40 ein eigenes Museum

Ein Suchbild: Christina Schulz (li.) und Hannelore Mühlenhaupt (re). Aber ist das wirklich die Arndt- mit Blick auf die Friesenstraße? Und wer ist der kleine Mann links unten mit der roten Zipfelmütze? Fotos: ksk

Erst einmal gibt es ein herzhaftes Frühstück mit frischen Brötchen und leckerem Käse, und Christina Schulz berichtet schon mal ein wenig über den Umzug: »Wir hatten nie ein festes Datum, das hat so vor zwölf, vierzehn Monaten angefangen.« Kiste um Kiste wurde von Bergsdorf in die Fidicinstraße geschleppt. »Wir sind ja in der Regel da, und wenn jemand vorbeikommt, dann schließen wir die Tür auf und kochen Kaffee«, heißt es.

Ein paar Veranstaltungen fanden schon statt. Aber jetzt, Anfang März, geht es ganz offiziell los. Der bekannte Kreuzberger Milieumaler, Bildhauer, Trödler und Poet Kurt Mühlenhaupt ist nach Berlin zurückgekehrt und hat jetzt dort ein eigenes Museum bekommen.

Schulz selbst ist künstlerische Leiterin und so etwas wie die rechte Hand von Hannelore Mühlenhaupt. Zusammen mit Hund »Othello« sitzen sie inmitten all der bunten Bilder, Porträts, Straßenszenen, Stilleben und erzählen Geschichten.

Noch kurz vor der Wende hatten die Mühlenhaupts den urigen Hinterhof erworben. Das Theater Thikwa ist dort untergebracht, das englische Theater, ein Puppenspieltheater – und jetzt eben das neue Kurt-Mühlenhaupt-Museum. »Dreimal wurde der Kurt wegsaniert in Kreuzberg – in der Blücherstraße, am Chamissoplatz und letztendlich auch im Leierkasten«, sagt seine Frau. »Mein Mann hatte ungern jemanden über sich, er hatte viele Visionen und es hat ihn ganz toll gefuchst, dass jemand stärker ist als er und ihn einfach rauswerfen kann.«

Eigentlich sollten die Höfe in der Fidicinstraße schon damals zum neuen Lebensmittelpunkt werden. Aber das hatte seine Tücken: Bald saßen alle möglichen Lebenskünstler und Schluckspechte mit Kurt im Atelier, Hannelore spielte den Zerberus und verbannte allen Alkohol. »Das hat nichts genützt, da gab es morgens um zehn schon das erste Bier.« Schließlich zogen die beiden nach Bergsdorf bei Zehdenick im schönen Brandenburg und erkundeten dort den Osten – wo der Maler 2006 im Alter von 85 Jahren starb.

Hannelore stammt von einem Einödhof, zehn Einwohner, hundert Kühe, aus dem Fränkischen. Sie glaubt, dass dieses West-Ost-Ding eigentlich »ein Stadt-Land-Ding« ist, und kann wunderbare Geschichten aus Bergsdorf erzählen, wie der Ex-LPG-Vorsitzende »mit dem Jeep vorfuhr« und »Uschi und Sandra« beim Kuchen backen halfen.

Aber »das Kurtchen« war eben doch Kreuzberger, wo er die kleinen Leute, die Handwerker, Putzfrauen, Kellner und Straßenkehrer porträtiert hatte. Deshalb wurde der Gutshof nun an Chinesen verkauft, Hannelore stapft jeden Morgen den Kreuzberg hinauf und sagt: »Wir sind ganz glücklich hier. Die Fidicinstraße ist ja auch eine Art Dorf.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der KuK vom Januar 2020: Kurt Mühlenhaupt kehrt nach Kreuzberg zurück

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Der Eine

Eine Ausstandskolumne wird würdig geschrieben: Bowie!

David Bowie. Was für ein Name. David Bowie habe ich mir für diese Kolumne immer aufgehoben. Ich dachte, darauf greife ich zurück, wenn mir mal wirklich überhaupt nichts mehr einfällt. Und nun feiere ich Ausstand und das Ende dieser Kolumne, was nicht heißt, dass ich nicht noch ein paar musikalische Gastbeiträge aus meiner neuen Wahlheimat Spanien schicken werde. Zweieinhalb Jahre lang durfte ich die Kreuzberger Nächte aus der Nähe und Ferne betrachten, durfte mit Künstlerinnen reden, Konzerte besuchen, Plattenhändler kennenlernen. Und habe dabei noch kein einziges Mal Bowie erwähnt.

Zugegebenermaßen hat sich dieser ja auch viel in Schöneberg bewegt. Die Umbenennung der dortigen Hauptstraße, in der sich die Wohnung von ihm und seinem damaligen Mitbewohner Iggy Pop befand, steht wohl noch aus. Nach Kreuzberg hat es den Popstar allerdings doch so einige Male verschlagen, als er sich in den hier ansässigen Bars und Clubs umhertrieb.

Obwohl Bowie ja summa summarum nur drei Jahre in Berlin lebte, ziehen diese Jahre in alle Biografien als extrem wichtige Phase seines Werkes ein. Entzug von harten Drogen, eine Filmhauptrolle, wichtige Bekanntschaften, die sein Leben verändern sollten. Und auch Berlin ist mächtig stolz auf seinen Adoptivsohn: Immer wieder taucht der Name »Bowie« in allen Ecken der Stadt auf, es gibt Filme über die Berlin-Trilogie, ja sogar geführte Bowie-Touren werden angeboten.
Alles nur clevere Inszenesetzung? Auch. Und trotzdem veröffentlichte Bowie mit den drei Alben Low (1977), Lodger (1979), doch vor allen Dingen Heroes (1977) drei seiner wichtigsten Meisterwerke. Wussten Sie, dass Bowie neben naheliegenden Mauereindrücken im Song »Heroes« auch die Eindrücke des 20er-Jahre-Expressionismus verarbeitete?

Aufgenommen wurde das Ganze jedenfalls in – Sie ahnen es: Kreuzberg. Die Hansa-Studios sind mindestens so berühmtberüchtigt, wie Bowie selbst. Und entgegen einiger abtrünniger Meinungen eben nicht im Hansa-Viertel, sondern am Anhalter Bahnhof lokalisiert.

Nur wer vergessen wird, ist wirklich tot. Bowie – unsterblich.

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Türkische Nächte

Typisch Kreuzberg, konnten wir natürlich für den Türkischen Beitrag nicht nur bei einer Person bleiben. Da holen wir uns doch schon mehrere Meinungen ein. Zum einen sind das Cansel Kı­zıl­te­pe (SPD), MdB, zum anderen Erbatur Çavuşoğlu, der Inhaber des Plattenladens Lefter Records in der Gneisenaustraße.

Kreuzberg geceleri uzun

Die Bundestagsabgeordnete Cansel Kı­zıl­te­pe (SPD): Es ist schön, den Satz »Kreuzberger Nächte sind lang« im Türkischen zu lesen, denn die türkische Sprache gehört für mich ganz fest zu Kreuzberg. Ich bin in Kreuzberg aufgewachsen und muss an meine Kindheit und Jugend im Wrangelkiez denken. Die Nächte sind noch immer lang in Kreuzberg, aber es hat sich auch vieles verändert. Viele Bekannte, Freundinnen und Freunde mussten ihren Kiez verlassen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten konnten, oder sind akut von Verdrängung bedroht. Damit Kreuzberg ein Ort für alle bleibt, müssen wir unbedingt etwas tun!

Kreuzberg geceleri yoldaşim oldu

Erbatur Çavuşoğlu erinnert der Originaltitel der Gebrüder Blattschuss an den alten, türkischen Song Geceler, in dem es so viel heißt wie »Nächte sind meine Kameraden« (anzuhören hier). So würde er die langen Kreuzberger Nächte eben zu seinen Kameraden machen: »Kreuzberg geceleri yoldaşim oldu«. Interessanter Nebenfakt: Geceler wurde vom der ersten türkischen Trans-Künstler Bülent Ersoy gesungen, eine Subkultur, die wohl unteilbar zu Kreuzberg gehört. Oh, diese Nächte!

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Wie echt ist van Gogh?

Erster Kunst-Krimi von Leif Karpe

»Würde uns die ‚Sternennacht‘ weniger interessieren, wenn sie nicht von Vincent van Gogh wäre?« Die Frage steht auf der Rückseite des Covers von Leif Karpes erstem Roman »Der Mann, der in die Bilder fiel«. Derjenige, der da fällt, ist der New Yorker Kunsthistoriker und Detektiv wider Willen Peter Falcon, der eigentlich nur seinen kleinen Comic-Laden am Leben erhalten will.
Der Auftrag des großen Auktionshauses Chrosebys, nach Europa zu reisen, um dort ein berühmtes Gemälde auf seine Echtheit zu überprüfen, kommt ihm da gerade recht – trotz seiner Flugangst.
Was wie eine Routineangelegenheit aussieht, entpuppt sich als rasanter Kriminalfall, der Peter Falcon quer durch Paris und die halbe Provence führt, immer auf der Spur der großen Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts.
Peter Falcon kommt dabei eine einzigartige Fähigkeit zu Hilfe. Er kann sich nämlich in die Bilder der großen Impressionisten und Expressionisten hineinleben. Alles um ihn wird plötzlich so real, dass er, und damit auch der Leser, den großen Künstlern direkt begegnet. Diesen Kniff des Autors umweht zwar ein Hauch des Esoterischen, doch er entpuppt sich auch als genial, wenn all die Monets und van Goghs die reale Geschichte voranantreiben.
Angenehm ist, dass bei einem Krimi nicht Mord und Totschlag im Zentrum des Geschehens stehen müssen, sondern dass das Thema Fälschung nicht weniger spannend sein kann.
In der Tat ist gerade die Frage »Was ist ein echter van Gogh?« seit Jahren ein heiß umstrittenes Thema. Es liegt daran, dass van Goghs Arzt Dr. Gachet selbst künstlerische Ambitionen verspürte. Er ließ sich von van Gogh mit Bildern honorieren. »Das Porträt des Dr. Gachet« war eine Zeitlang das teuerste Gemälde der Welt.
Doch ist so mancher vermeintliche van Gogh nicht in Wirklichkeit ein Gachet? Der Arzt und seine Nachkommen galten immerhin als sehr begabte Kopisten, manche würden Fälscher sagen.
In einer Zeit, in der für einen van Gogh zwei-, ja bald dreistellige Millionen-Beträge bezahlt werden, ist die Herausforderung für die wichtigen Auktionshäuser noch größer geworden, das Richtige vom Nachgemachten zu unterscheiden.
So tut sich dem Leser, der in der Kunstbranche weniger beheimatet ist, eine völlig neue Welt auf, in der es um Täuschen und Tarnen, um Illusion und Realität geht. Diese Welt ist der Hintergrund eines sehr spannenden und rasanten Krimis, bei dem der Leser auch noch eine Menge lernen kann – und eine bezaubernde Reise durch Frankreich erlebt.
Und die Reise geht weiter. Der Verlag Nagel & Kimche will mit den Peter-Falcon-Krimis das Genre Kunst-Krimi etablieren.
Peter S. Kaspar

Leif Karpe: Der Mann, der in die Bilder fiel, 272 Seiten, ISBN 978-3-312-01161-2, 22 Euro

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Bis zu 500 Millionen Euro

Entwürfe für neue Bibliothek am Blücherplatz vorgestellt

Wer im Kiez um die Mittenwalder Straße wohnt, hat das große Glück, dass es bis zur Amerika-Gedenkbibliothek nur ein paar Schritte sind. Hingegen nervt der lange Anmarsch zur Stadtbibliothek in der Breiten Straße. Doch das wird sich ändern – zwar nicht sofort, aber vielleicht in 15 oder 20 Jahren.

Dann werden die beiden bisher getrennten Standorte der Zentral- und Landesbibliothek am Blücherplatz zusammengelegt. Nun ist auch klar, wie das ungefähr aussehen soll: Mitte Januar wurden die Ergebnisse einer Machbarkeitsstu-die präsentiert.

Der Neubau mit einer Nutzfläche von 38.000 Quadratmetern soll spätestens 2026 beginnen und darf bis zu 500 Millionen Euro kosten. Nur zur Erinnerung: Als Ex-Regierender Klaus Wowereit am Rande des Tempelhofer Feldes 270 Millionen Euro ausgeben wollte, war er bald darauf seinen Job los.

Konkret sind derzeit drei Varianten im Gespräch, zwischen denen ein Architekturwettbewerb entscheiden soll. Geplant sind monumentale Baukörper von bis zu 50 Metern Höhe, neben denen die Heilig-Kreuz-Kirche eher wie ein Spielzeug aussieht:

  • Variante 1: zwei Gebäude rechts und links der bisherigen AGB
  • Variante 2: ein einziger riesiger Würfelbau
  • Variante 3: ein u-förmiger Riegel an der Ostseite des Platzes

Zusätzlich soll die Blücherstraße zwischen Mehringdamm und Zossener Straße für den Autoverkehr gesperrt werden und es könnte auch eine Straßenbahnverbindung zum Potsdamer Platz geschaffen werden. Der kleine Park am Waterloo-Ufer mit den hohen Bäumen wird in der gegenwärtigen Form nicht überleben. Auch ist unklar, ob im Zusammenspiel mit den von einer Mauer umgebenen Friedhöfen so etwas wie eine einheitliche Grünfläche entsteht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Unglaublicher Zauber

»Just Juggling« zieht aus dem Hinterhof vor an die Straße

Jongleur Alan Blim hebt nur gerade ein wenig die Schwerkraft auf. Foto: ksk

Rot, gelb, orange, grün, blau. Die hübschen Bälle in den Regalen leuchten in grellen Farben und liegen gut in der Hand. »Hirse und Leinsamen«, sagt der Jongleur fachmännisch. Ein Modell mit dem Namen »Spot« schätzt er besonders. »Das ist ein bisschen fest, das schafft Klarheit, und ein bisschen weich für das Spielerische.«

Wer Alan Blim in seinem Laden »Just Juggling« im Hinterhof an der Zossener Straße trifft, merkt sofort, dass er es mit einem besonderen Menschen zu tun hat. Beim Sprechen nimmt er die Bälle fast zärtlich in die Hand. Der kann aber gut jonglieren, denkt man zuerst. Dann entsteht ein ganzes Planetensystem und plötzlich begreift man: Dieser Mann hebt gerade die Schwerkraft auf!

Alan ist in Kenia geboren, hat die Jugend in England verbracht, erst das Klavierspielen, dann das Klettern entdeckt und mit 17 zu jonglieren begonnen. »Ein klassisches Gauklerleben«, resümiert der 54-Jährige. 1996 hat er in Berlin Fuß gefasst. Dort hob er die legendären Jonglier-Katakomben in der Monumentenstraße aus der Taufe. Ein Mekka für Artisten aus aller Welt, aber eben auch ein finanzielles Desaster.

Also eröffnete Blim »Just Juggling« und wieder schuf er einen zentralen Treffpunkt für die Szene. Zweieinhalb Jahre lang hatte er außerdem den Spielzeugladen in der Marheineke-Markthalle. Den musste er zum Jahreswechsel schließen und auch »Just Juggling« wurde ihm gekündigt. Glücklicherweise bekam er noch am gleichen Tag den früheren Friseurladen neben dem »Orientesspress«. Dort will Blim im Februar neu eröffnen – mit Jonglierbedarf, Spielzeug und auch ein paar Schreibwaren.

Was ist am Jonglieren so toll? »Du verlierst das Zeitgefühl. Es befestigt den Charakter, weil man ständig Zwischenziele hat. Jongleure stehen oft stark im Leben. Und es entfaltet einen unglaublichen Zau ber.« Alan erzählt noch die Geschichte von den zwei feindlichen Armeen, die sich im alten China gegenüberlagen. Ein Mann trat vor, begann mit zehn Bällen zu jonglieren – und der Gegner floh.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Da kann ja jeder kommen

Wie ich mich doch noch mit einem Plattenhändler anfreunde

Auf die Frage, ob ich denn mal ein Interview führen dürfe, reagierten in meiner noch jungen Journalistenkarriere so ziemlich alle Menschen gleich: ja, sehr gern, man wisse zwar nicht, was ich wolle, aber an sich, na klar.

Detlef Dieter Müller reagiert nicht so. Er verschränkt die Arme. Fragt, was das für ein Magazin sei. Mit irgendwelchen Kommerz-Heinis wolle er nicht reden. Sein Laden sei schon bekannt genug, die ganzen Gentrifizierer rennen ihm die Bude ein. Die Fragen seien eh immer die gleichen. Und ihr aus 61? Waschlappen! Wer habe denn Kreuzberg damals verteidigt? Toll, denke ich mir. Da habe ich mir ja was eingebrockt.

Ich bleibe. Oder besser: ich verharre. Wir kommen irgendwie ins Gespräch. Keine Kommerzkacke, ich interessiere mich wirklich für Musik. Und als ich sage, dass Tocotronic meine Lieblingsband ist, kann ich sogar sowas wie ein kleines Lächeln erahnen. Oder zumindest so ein verräterisches Zucken.

Ich glaube, Detlef hat einen weichen Kern. Dass ich ihn nun genau an dem Tag erwische, an dem er die frischen Erinnerungen ans Wochenende verarbeiten muss, an dem er drei Verabschiedungen von Läden aus seinem Kiez feiern musste, ist mein Pech. Der Kiez gehe kaputt und alle ließen es zu. Niemand würde sich mehr so richtig für die Geschichte des Kiezes interessieren. Langsam verstehe ich seinen Punkt.

Detlef hat 1985 seinen Laden Groove Records in der Pücklerstraße eröffnet. Ziemlich direkt neben der Markthalle Neun verkauft er Platten durch die komplette Bandbreite der Musikvarietät. Nur die Top 100 der Charts, die wolle er nicht bestellen.

Heute heißt der Beruf, den er damals gelernt hat, Musikfachhändler. Ob die Musik von damals noch jemand aus der heutigen Generation aufholen könnte? Er glaube nicht. Was es heute noch an guter Musik gäbe? Na pass uff, ick spiel dir mal wat vor. Ich freue mich. Ich fühle mich aufgenommen. Weicher Kern: ja. Und zwar ein sehr musikalischer.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Kurt Mühlenhaupt kehrt nach Kreuzberg zurück

Ab März hat das neue Museum in der Fidicinstraße 40 geöffnet

Sein Grabstein am Halleschen Tor – so sah sich Kurt Mühlenhaupt selbst. Foto: ksk

Der Maler, Bildhauer und Schriftsteller Kurt Mühlenhaupt kehrt in seine Wahlheimat Kreuzberg zurück. Jedenfalls das von seiner Frau Hannelore gegründete Museum, das das Andenken an den legendären Kreuzberger Milieukünstler hochhält.

Mühlenhaupt selbst war nach der Wende vom Chamissoplatz nach Bergsdorf bei Zehdenick in Brandenburg gezogen, wo er mit seiner Frau einen alten Gutshof ausbaute und 2006 im Alter von 85 Jahren starb. Dort war seither das Kurt-Mühlenhaupt-Museum zuhause, das Ausstellungen und Konzerte organisiert hat.

Inzwischen hat Hannelore Mühlenhaupt den malerischen Gutshof an einen chinesischen Investor verkauft, der dort ein Künstlerdorf einrichten will. Das Museum selbst zog schon vor einigen Monaten nach Berlin zurück, in die Fidicinstraße 40. Denn eigentlich habe Kurt ja immer nach Kreuzberg gehört, findet seine Frau.

»Bei all dem Kram und Krempel, den wir im Laufe von dreißig Jahren in Bergsdorf angehäuft haben«, sei der Umzug »eine echte Herausforderung« gewesen, verrät sie. »Wenn man ein so großes Haus und Grundstück mit Dachböden, Garagen und Rübenkellern hat, hebt man einfach alles auf.« Am Sonntag, 5. Januar, gab es am neuen Ort bereits einen kleinen Neujahrsempfang mit Peter Subway, ab März soll das Museum freitags und samstags von 15 bis 19 Uhr geöffnet sein.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Von Australien bis Venezuela

… kommen Studenten zu »Transmitter« und lernen Deutsch

Der Unterricht in der Gneisenaustraße 86 macht offenbar mächtig Spaß. Foto: Dana Engfer

»Wie viele Sprachen du sprichst, so oftmal bist du Mensch.« Das soll der große Goethe einmal gesagt haben. Nun gut, das ist schon eine ganze Weile her, aber Vu Hoang spricht jedenfalls eine Menge Sprachen. Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Vietnamesisch. Ein wenig Japanisch, das Große Latinum hat er auch und im Moment lernt er Hebräisch. »Faszinierende Schriftzeichen«, sagt er.

Hoang gehört die Sprachschule »Transmitter« und die ist letzten Sommer vom Neuköllner Schillerkiez in die Gneisenaustraße 86 umgezogen. »Wir waren ein Opfer der Gentrifizierung«, sagt Hoang. Teile des Hauses in der Allerstraße sollten an einen Investor verkauft werden, die Miete lag plötzlich doppelt so hoch und da blieb nur die Suche nach neuen Räumen.

Die Sprachschule selbst existiert schon seit sieben Jahren. Hier wird Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Die Studenten kommen aus der ganzen Welt und sind meistens zwischen 25 bis 35 Jahre alt. Sogenannte »Young Professionals«: Architekten, Designer, Medienleute, Künstler, viele Doktoranden, die alle nicht nur ein paar Brocken Deutsch sprechen wollen. Tatsächlich reicht die Liste der Herkunftsländer von Australien bis Venezuela.

Es gibt Intensiv- und Abendkurse, jeweils vier oder sechs Wochen lang. Sie kosten 240 oder 150 Euro und müssen in der Regel privat bezahlt werden. Mit vielen Studenten bleibt Hoang auch nachher in Kontakt. So stellte die Japanerin Saki Nagatani im Sommer bei Transmitter eigene Illustrationen aus. Hoang selbst hat zuvor als Kurator und Galeriemanager gearbeitet und längere Zeit in New York und in Neapel gelebt. Jetzt sagt er: »Berlin ist mein Zuhause!«

Und wie gefällt es dem 38-Jährigen in Kreuzberg? »Der Start im Sommer war ziemlich rau!« Wegen der Starkregen gab es zwei Überschwemmungen, dann noch zwei Einbrüche in sehr kurzer Zeit. Bis Juli 2007 war übrigens im selben Souterrain die KuK-Redaktion untergebracht – aber daran erinnert sich schon fast niemand mehr.

Sprachschule Transmitter

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Es ist sehr, sehr lange her

Gregorianik und frühe Mehrstimmigkeit in Heilig Kreuz

Ein kleines Licht in der Heilig-Kreuz-Kirche. Foto: ksk

Sie kommen mit Isomatten, Schlafsäcken, Decken und Luftmatratzen. Manche haben eine Thermosflasche mit Kaffee dabei und eine Tüte Weihnachtsplätzchen. Alle diese Utensilien, die eher an einen Campingplatz oder einen Yoga-Wohlfühl-Workshop denken lassen als an ein Gotteshaus, breiten sie auf dem Boden aus und dann, nach einer Weile, erlischt das Licht.

Weih-NachtKlänge ist ein Konzert in der Heilig-Kreuz-Kirche, bei dem man traditionell auf dem Boden liegen darf, um sich ganz dem Klang hinzugeben. Nur ein paar Kerzen leuchten in der riesigen, dunklen Kirche, im Chor noch ein Stern und natürlich der Weihnachtsbaum.

Und dann ertönen Stimmen in der Dunkelheit. Warme, kraftvolle, starke und selbstbewusste Stimmen. Erst vorne am Altar, dann klettern sie hoch auf die Empore und schließlich hat man das Gefühl, sie kämen von überall. Das ist Vox Nostra: Burkhard Wehner, Werner Blau, Amy Green, Susanne Wilsdorf und Ellen Hüningen. Sie singen nicht irgendetwas, sondern Stücke aus dem Gregorianischen Choral und der frühen abendländischen Mehrstimmigkeit.

Das ist sehr weit weg und sehr, sehr lange her. Keine Krankenversicherung, keine Rente, ach was, kein Internet, kein Automobil, kein Telefon, noch nicht einmal Dampfmaschine und elektrische Beleuchtung. Shakespeare hatte seine Dramen nicht geschrieben, noch nicht einmal Amerika war entdeckt.

Aber in den Wäldern Europas wuchs, vorerst im Banne des christlichen Glaubens, eine neue Kultur. Schlanke Gesänge, streng und archaisch, schraubten sich fast schwerelos zum Himmel empor. Eroberten vom Grundton aus Quart und Quint, manchmal die Sext, ein tiefer Halteton kam bald hinzu.

Um 1220 komponierte Magister Perotin in der Kathedrale Notre Dame, wo dieses Jahr erstmals seit 200 Jahren keine Christmette stattfand, bereits vierstimmig. »Mundus vergens« – die Welt sinkt dahin, aus heutiger Sicht fast ein wenig prophetisch. Aber was war das auf einmal für eine Pracht!

Nun ist das lange her und die Musik – ohne Dur, Moll und Akzentstufentakt – wirkt auf heutige Ohren ausgesprochen befremdlich. Aber ein schöneres, intensiveres Klangerlebnis wäre in dieser Zeit wohl kaum denkbar gewesen. Nur am Ende, nach langem Applaus, wurde es trotz Fußbodenheizung in der Kirche empfindlich kalt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Ein Happy End für die Kunst

Schwarzlichtkünstler vor Kammergericht erfolgreich

Schwarzlichtkunst von Sinneswandeln.Auch Auftragskunstwerke dürfen nicht so ohne Weiteres zerstört werden. Foto: phils

Sechs Jahre lang haben sich die Schwarzlichtkünstler Sundew und FlashToBe von der Gruppe Sinneswandeln durch alle Instanzen gekämpft – und nun vor dem Berliner Kammergericht Recht bekommen. Mitte 2010 hatten die beiden Künstler für die Schwarzlicht-Minigolf-Anlage im Görlitzer Park zwei aufwendige Installationen und Objekte geschaffen. Sie gingen von einer langjährigen Kooperation inklusive Werkpflege und künstlerischer wie finanzieller Partizipation aus.

Als die Kunstwerke nach circa anderthalb Jahren entfernt und zerstört wurden, klagten sie auf Schadensersatz. Unabhängig davon, ob die Betreiberin Eigentümerin der Werke geworden sei, so ihre Argumentation, sei die Beeinträchtigung eines Werkes durch das Urheberrecht verboten, wenn sie geeignet sei, die berechtigten geistigen oder persönlichen Interessen des Künstlers zu gefährden.

Doch ist eine Zerstörung gewissermaßen »die maximale Beeinträchtigung«, wie es ihre Anwältin Cornelia M. Bauer ausdrückt? Diese Frage hatte der Bundesgerichtshof (BGH), bei dem die Schwarzlichtkünstler zuletzt Re­vision eingereicht hatten, Anfang des Jahres grundsätzlich bejaht. Ob das Recht des Eigentümers, mit seinem Eigentum zu machen, was er möchte, oder das Recht des Künstlers an seinem Werk überwiege, bedürfe immer einer gründlichen Interessenabwägung. Damit war die Sache ans Berliner Kammergericht zurückverwiesen worden.

Dort sei es vor allem um die Frage gegangen, ob die Betreiberin der Anlage tatsächlich eine Rückgabe der Werke angeboten habe, berichtet Anwältin Bauer. »Doch das konnte nicht nachgewiesen werden.«

Es ist der erste Fall, in dem nach den neuen Grundsätzen des BGH entschieden wurde. Das Urteil ist damit auch ein Stück Rechtsgeschichte. Vor allem stärke es die Position von anderen Künstlern bei Verhandlungen mit Auftraggebern, ist Bauer überzeugt. »Kunst ist kein reines Handelsgut«, diese Auffassung spiegele sich in dem Urteil wider. Häufig werde mit Referenzen geworben. Jetzt sei endlich klar: »Auch Kunstwerke, die als Auftragsarbeit an eine Person übergeben werden, dürfen nicht ohne Weiteres zerstört werden.«

Weg durch die Instanzen hat viel Zeit, Geld und Nerven gekostet

Schwarzlichtkunst von Sinneswandeln.Schwarzlichtkunst von Sinneswandeln. Foto: Sinneswandeln

Als Folgerung daraus seien eine Kooperation auf Augenhöhe und angemessene Verträge gefragt, so Bauer. Für die beiden Schwarzlichtkünstler geht damit ein Rechtsstreit zu Ende, der viel Zeit, Geld und Nerven gekostet hat. Das zugesprochene Schmerzensgeld falle trotz hart errungenem Sieg kaum ins Gewicht, zumal sie einen Großteil der Kosten der ersten Instanz selbst tragen müssen.

»Am Ende geht es darum, das Bewusstsein dafür zu stärken, dass Kunst einen respektvollen Umgang und eine angemessene Bezahlung braucht«, fasst Schwarzlichtkünstlerin Sundew ihre Motivation für den langwierigen Weg durch die Instanzen zusammen. »Künstlerin ist ein Beruf, von dem Menschen leben müssen, und zur Kunstfreiheit gehört, dass Kunst mit der Gesellschaft kommunizieren darf und nicht einfach aufgrund eines geänderten Geschmacks oder sonstiger Beweggründe ungefragt zerstört wird.« Momentan denke sie darüber nach, eine Diskussionsveranstaltung mit verschiedenen Menschen aus Kultur, Recht und Historik zu organisieren. Ob die Künstler diesen Weg noch einmal gehen würden, sei schwierig zu sagen.

»Man muss die Sache in dem größeren Zusammenhang sehen, dass dabei Positives und neue Rechtswege für alle Künstlerinnen und Künstler entstanden sind. Am Ende ist das eine lange und schwierige Zeit, wo du auf vielen Ebenen, insbesondere in künstlerischer Hinsicht, blockiert wirst. Du ringst darum, dir etwas Verlorenes zurückzuholen und deine künstlerische Integrität zurückzugewinnen.«

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Über die Vielfalt in der Gemeinschaft

Projekt »Art up« präsentiert erste Gemeinschaftsausstellung

Kreuzberg definiert sich auch über seine Künstler. Das ist ein Grund dafür, dass der Bezirk das Projekt »Art up – Erfolg im Team« fördert. Hier sollen Kreuzberger Künstler genau in dem Bereich gestärkt werden, der vielen besonders schwer fällt: der Vermarktung der eigenen Kunst. Geleitet wird das Projekt von Christine Balbach.

Jeder Projektdurchlauf präsentiert sein Schaffen am Ende in einer Gemeinschaftsausstellung. Die fünf Künstlerinnen und Künstler der ersten Gruppe sind Frauke Bohge, Angelika Encke, Juergen Motzel, Francesca Rose und Mirella Thuja. Sie stellen ab dem 10. Januar ihre Werke im K-Salon in der Bergmannstraße 54 aus.

Der Titel der Ausstellung lautet: »Körperschaft – Corporation«. In ihren Gemälden und Digitalcollagen beleuchten sie unterschiedliche Aspekte der beiden Begriffe: Körper, Menschen, Sensationen, aber auch das Stille, scheinbar völlig Körperlose und das Vergangene.

Weiter heißt es in dem begleitenden Text zur Ausstellung: »Anscheinend hat Körperschaft – Corporation wenig mit dem Zusammenspiel des Lebens zu tun. Dieser Begriff impliziert zunächst eine Trennung von Personen und Lebewesen. Dabei existiert eine viel tiefere Bedeutung: Das Wort steht für einen Zusammenschluss von Menschen. Gemeinsam erschaffen die fünf Positionen ein Universum, dessen Klang und Vielfalt überraschend wirken: Wir sehen innere und äußere Welten, Landschaften, urbane Szenen, Geishas und andere Figuren, die eine individuelle, unverkennbare Handschrift tragen. Gleichzeitig verschmelzen sie zu einem organischen Ganzen.«

Die Ausstellung im K-Salon startet am 9. Januar um 19 Uhr mit der Vernissage. Eine Einführung gibt die Künstlerin Lena Braun, die gemeinsam mit der Künstlerin Simone Haack den Praxisworkshop »Ausstellungs- und Veranstaltungsorganisation« begleitet hat.

Ab 10. Januar ist die Ausstellung donnerstags bis samstags von 16 bis 21 Uhr und sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen. Sie endet am 24. Januar.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Kein Liebeslied

Hobo Johnson & the LoveMakers machen: Liebe

»Hi, wie ist dein Name? Wie geht‘s dir? Wie ist dein Leben? Oh, du hast einen Freund? Bist du verliebt? Wenn ja, auf welche Art?«

So lautet oder so jedenfalls die deutsche Übersetzung des Songs über Peach Scones. Oder, na ja, so zumindest ist der Name des Songs. In Wirklichkeit handelt er vom Verliebtsein. Vielleicht auch vom ersten Mal, verliebt zu sein. Und besonders davon, zum ersten Mal unglücklich verliebt zu sein. Vom Gefühl, dass die Liebe nicht oder nicht so richtig erwidert wird. Davon, dass die Angebete eben schon einen Freund hat. Und von der Frage, ob man wirklich mit ihr zusammen sein will oder eher nur einfach nicht allein sein möchte.

Hier höre ich mit der Zusammenfassung auf. Denn das gelingt eh nicht: Der Songtext ist mindestens doppelt so lang wie der hier vorliegende Text. Und konnte von jeder einzelnen Person im Kreuzberger Privatclub damals im Dezember mitgesungen werden. So gut sogar, dass der Frontmann die Menge manchmal schon stoppen musste.

Weiter heißt es in dem Song: Manche sagen, Hobo Johnson wäre ein Rapper. Aber das ist er nicht. Er produziert sich allein. Und darauf sei er, verdammt nochmal, sehr stolz.

Ich persönlich würde es als gesungene Poesie bezeichnen. Wikipedia sagt: Emo-Rap, HipHop, Spoken Word. Mit Musik nennt sich das Ganze dann Hobo Johnson & the LoveMakers.

Der Name ist Programm. Die Texte handeln so gut wie alle von der Liebe. Zum Leben, zu Menschen oder zum NBA-Verein »Sacramento Kings«.
Dort, in Sacramento, lebte »The Homeless Johnson« eine Weile in seinem Auto. Aus Homeless wurde dann bald Hobo. Aus Auto wurde dann irgendwann Musik machen.
»Ich hatte Tränen in den Augen. Einfach so«, sagt mein nah am Wasser gebauter Freund, als er mir die Empfehlung gibt.

Vielleicht doch nicht einfach so. Irgendwie war ja doch mal jeder zum ersten Mal verliebt. Nur vergessen wir das manchmal. Hobo Johnson vergisst es nicht. Und schafft es, dieses Gefühl erst durch seine Lyrik wieder in Erinnerung zu rufen und dann durch seine expressive Stimme zusammen mit dem eindrucksvollen Gesang wachzukitzeln. Oh, ihr Emotionen!

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Schon wieder Kult?

2020 feiern die Einstürzenden Neubauten 30-Jähriges

Ich lese einen Wikipedia-Artikel. Dort heißt es: »Die Besetzung fluktuierte anfangs und konsolidierte sich 1981 personell um Bargeld, […]«. Ha, denke ich mir, wenn man den Satz jetzt einfach jemandem zu lesen geben würde, da wüsste die Person wohl auch nicht recht, was damit anzufangen wäre.

Auflösung: es gibt einen Menschen, der heißt Blixa Bargeld. Blixa Bargeld hat Bandkollegen und -innen: NU Unruh, Gudrun Gut, Beate Bartel. Nach viel Hin und Her, Für und Wider, und einer gro­ßen Durchmischung kamen FM Einheit, Mark Chung und Alexander Hacke dazu. Und um dieses Namedropping zu beenden und zum Inhalt zu kommen: Heutzutage spielen noch Jochen Arbeit, Rudolf Moser und Felix Gebhard bei den Einstürzenden Neubauten mit.

Blixa Bargeld jedenfalls, die wohl am meisten treibende Kraft der Band, gründete eben diese nach einem Auftritt mit Freunden. Dieser Blixa Bargeld war es auch, der Gerüchten zufolge in den 80ern in der Mittenwalder Straße eine Bar namens »Blechbüchse« betrieb, quasi um die Ecke der heutigen Redaktionsräume der Kiez und Kneipe. Falsch hingegen sind Gerüchte, eine gute Freundin der KuK habe dort Bier gezapft: »Und gezapft hat man damals sowieso nicht, sondern nur Flaschenbier getrunken. Zum Zapfen gab es damals in der Mauerstadt nämlich nur Schulle und Kindl und das war Würg!«, stellt sie richtig.

Einen Musikstil, oder was man so Musikstil nennt, hat die Band nicht. Die zuständigen Schubladen wären hier wohl Post-Punk, Krautrock, Hamburger Schule. Doch lässt sich ihr Schaffen wohl eher durch »Höre ich da gerade ein Didgeridoo aus Abwasserrohren?« beschreiben.

Die Einstürzenden Neubauten bewegen sich zwischen Kult und Kultur. Blixa Bargeld ist ein Phänomen – und dabei lebt er noch. Und auch wenn die Bewerbung der neuen Platte auf der Website wohl vor Eigenlob trieft, schafft es die Band, soweit ich das beurteilen kann, seit fast 30 Jahren, sympathisch zu bleiben. Sie sind dann eben doch das Original, das alles irgendwie so macht, dass es schon passt. Sind wir gespannt, welche klangvollen Namen das in Zukunft noch einschließen wird.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.