Sinfonie der Großstadt in Textform

Wiederentdeckte Reportagen aus dem frühen 20. Jahrhundert

Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts: eine Weltstadt im Werden. Hier gibt es mondäne Klubs und ausschweifendes Nachtleben, Warenhäuser und Sportereignisse, aber auch Prostitution, Kriminalität und große Armut.

Der Journalist Hans Ostwald schickt Reporter- und Schriftstellerkollegen als »Sachkenner« in alle Winkel aus, um »Entdeckungsreisen in die nächste Nähe« zu unternehmen, »aus dem vollen Leben heraus« zu berichten – und so die rasante Entwicklung seiner Heimatstadt Berlin in der von ihm geschaffenen Schriftenreihe »Großstadt-Dokumente« festzuhalten.

Die »Großstadt-Dokumente« gerieten größtenteils in Vergessenheit.

Der Journalist und Radiomoderator Thomas Böhm hat die publizistisch wie zeitgeschichtlich bedeutende Schriftenreihe nun wiederentdeckt, eine Auswahl aus den Bänden getroffen und diese in dem Buch »Berlin – Anfänge einer Großstadt« veröffentlicht.

Am 24. September stellt er das Buch im Theater Expedition Metropolis vor.

24.09.2010, 19:30 Uhr
Ohlauer Straße 41
10999 Berlin

Eintritt: Spendenbasis

Kartenvorbestellung: tickets@expedition-­metropolis.de

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Kisch & Co kämpft gegen Verdrängung

Auch nGbK e.V. und Museum der Dinge sind mittelfristig bedroht

Kundgebung vor der Oranienstraße 25 in KreuzbergGut 150 Menschen demonstrierten Ende Juni für den Erhalt der Buchhandlung Kisch & Co. Foto: rsp

Gut 150 Menschen kamen Ende Juni zu einer Kundgebung vor der Oranienstraße 25 zusammen. Die dort seit 23 Jahren ansässige Buchhandlung Kisch & Co ist akut von Verdrängung bedroht. Nachdem Verhandlungen über eine Mietvertragsverlängerung mit dem neuen Hausbesitzer, einem anonymen luxemburger Immobilienfonds, gescheitert waren, steht der Buchladen seit Anfang Juni ohne Mietvertrag, aber dafür mit Räumungsaufforderung da.

Schon nach dem letzen Eigentümerwechsel hatten Buchhändler Thorsten Willenbrock und sein Kompagnon Frank Martens das Ende vor drei Jahren nur durch eine Mieterhöhung auf 20 Euro pro Quadratmeter abwenden können. Eine Verlängerung zu gleichen oder gar besseren Konditionen kam für den neuen Eigentümer offenbar nicht infrage. Dem ebenfalls im Haus ansässigen Architekturbüro kleyer.koblitz wurde jedenfalls eine Quadratmetermiete von 38 Euro angeboten.

Tatsächlich hatte man der Buchhandlung zwar eine leicht reduzierte Miete angeboten, verbunden aber mit dem definitiven Aus zum 31. Dezember – und einer Verschwiegenheitsklausel sowie der Verpflichtung, auf YouTube und gegenüber Politik und Presse Positives über das Entgegenkommen zu berichten – ein Ansinnen, das bei der Kundgebung für amüsiertes Kopfschütteln sorgte, als Willenbrock die Klausel verlas.

»Wir wollen uns nicht vertreiben lassen, wir wollen hierbleiben«, erklärte er unter Applaus und rief auch andere von Verdrängung akut bedrohte Gewerbemieter dazu auf, dem Beispiel der Buchhandlung nachzueifern.

Kommentar: Hauptsache nicht in aller Stille

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Ungewöhnliche Offenheit

Marie Hoepfner macht eine literarische Entdeckung

»Was du nie siehst« von Tibor Baumann ist ein biographischer Roman mit und über Hansi Mühlbauer. Ob ich ein 378 Seiten langes Buch über das Leben eines fremden Mannes, der weder berühmt noch mir irgendwie bekannt ist, lesen möchte, fragte ich mich beim Aufschlagen. Grenzt es nicht an Voyeurismus, zumal Hansi blind ist?

Nein! Ganz im Gegenteil! In »Was du nie siehst« tauchen wir in die Welt eines blinden Menschen und sein Innerstes ein. Der Titel – im Einband wie Brailleschrift hervorgehoben – spielt auf das Kinderspiel »Ich sehe was, was du nicht siehst« an. Baumann stellt diese beiden Sichtweisen – die des sehenden und die des blinden Menschen – in seinem Roman nebeneinander.

Der Roman erzählt das ganze Leben von Hansi anhand einer fiktiven Woche, die damit be­ginnt, dass Hansi sein Handy mit der Nummer von Alexa, einer tollen Frau, vielleicht sogar seiner große Liebe, verloren hat. Der Leser wird auf die verzweifelte Suche nach dem verlorenen Handy mitgenommen und während dieser Reise mit dem Leben des Protagonisten auf berührende Weise vertraut gemacht.

Johann »Hansi« Mühlbauer bekam mit 2 Jahren beide Augäpfel entfernt, um ihn von einem Retinoblastom, einem bösartigen Augen-Tumor, zu befreien. Von Kind an bis zum beruflichen Werdegang als Physiotherapeut, durchlebt er Phasen der tiefsten Niedergeschlagenheit, aber auch Augenblicke der Hoffnung und des Glückes. Er führt ein vergleichsweise autonomes Leben. Fingerspitzen, Ohren und Intuition ersetzen seine Augen. Er hat einen Job und eine Wohnung. Mit seinen sehenden Freunden führt er zahlreiche Unternehmungen durch, wie Surfen, Klettern, pädagogische Leitung einer Wildnisschule oder das Singen in einer Rockband, mit der er Charitykonzerte organisiert. Sein Leben ist voller Leidenschaft, er bereist die Welt, geht gerne aus, raucht und trinkt, war kurz verheiratet und bandelt gelegentlich mit Frauen an, wenn die Chemie stimmt. Sogar Radio- und Fernsehbeiträge wurden über ihn veröffentlich. Eigentlich ein ganz normaler cooler Typ.

»Was du nie siehst« ist ein wirklich ungewöhnlicher Roman. Nicht nur, dass man die Geschichte aus der Sicht des Protagonisten Hansi erlebt, sondern auch weil der Autor als Ich-Erzähler vorkommt. Literarisch hat Tibor Baumann eine Metafiktion, also einen Roman im Roman, mit einem Literaturhybrid zwischen Fiktion und Biografie geschaffen, in der Protagonist und Autor abwechselnd erzählen. So enthält die Geschichte immer wieder unerwartete Wendungen und Überraschungen und erst zum Ende hin bekommt man ein Gesamtbild.

Mit »Was du nie siehst« hat Tibor Baumann es geschafft, dass man sich als Leser in die Welt eines erblindeten Menschen versetzen kann. Obwohl manche Szenen so absurd anmuten, sind sie so real beschrieben, dass man eine Gänsehaut bekommt. Wie zum Beispiel, als Hansi auf einer Party tastend durch ein mit Menschen gefülltes Zimmer den Dieb seines Handys verfolgt und sich mit ihm prügelt.

In diesem Buch stellt sich der Autor mit ungewöhnlicher Offenheit, Nachdenklichkeit, humoriger Attitüde und »augenzwinkernden« Dialogen diesen aufeinanderprallenden Welten von Blinden und Sehenden.

Ein absolut empfehlenswertes Buch, das zum Nachdenken anregt. Tiefgründig, dabei aber leicht zu lesen und vor allem spannend. Es waren lange Lesenächte, in denen es mir schwerfiel, dieses Buch aus der Hand zu legen, nachdem ich mich einmal auf die turbulente Achterbahnfahrt durch die Tücken des Alltags mit Hansi, diesem so besonderen blinden Typen, eingelassen hatte.

Tibor Baumann: »Was du nie siehst«, Carpathia Verlag, ISBN 978-3-943709-75-9, Hardcover, 25 Euro. Das Buch ist auch als E-Book erhältlich und erscheint voraussichtlich im Herbst als Braille-Version.
Marie Hoepfner, die Rezensentin, engagiert sich ehrenamtlich im Mitarbeiterkreis des Evangelischen Blindendienstes Berlin der Berliner Stadtmission. Sie begleitet blinde Menschen bei Freizeitausflügen, kulturellen Veranstaltungen sowie bei Workshops und Seminaren in und außerhalb Berlins.

Mehr zum Buch auf der Website des Verlags

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Eine Geschichte der Aufmüpfigkeit

Jürgen Enkemanns Kreuzbergbuch ist erschienen

Buchcover »Kreuzberg – das andere Berlin« von Jürgen Enkemann

Jürgen Enkemann kann wohl mit gutem Gewissen als »Kreuzbergversteher« bezeichnet werden. 1963 zog er nach Abschluss eines philologischen Studiums von Göttingen nach Kreuzberg und blieb dort. Als Mitbegründer und Mitglied zahlreicher Ini­tiativen im Bezirk und Herausgeber des Kiezmagazins »Kreuzberger Horn« (seit 1998) hat er viele der Ereignisse und Entwicklungen selbst miterlebt und mitgestaltet, von denen er in seinem jetzt im vbb verlag für berlin-brandenburg erschienenen Buch berichtet.

»Kreuzberg – das andere Berlin« lautet der Titel des 240 Seiten starken Werks. Was genau Kreuzberg jetzt so anders macht als die anderen Berliner Stadtteile, analysiert Enkemann gründlich und fundiert in zwölf Kapiteln, die jeweils einen thematischen Schwerpunkt näher beleuchten, der für das Werden und Sein, das Selbstverständnis und die Außenwahrnehmung Kreuzbergs eine Rolle spielte und spielt.

Er geht dabei (anders als etwa Martin Düs­pohl in seiner an mehreren Stellen von Enkemann zitierten »Kleinen Kreuzberggeschichte« von 2009) nicht strikt chronologisch vor. Vielmehr ordnet er die Phänomene nach der Zeit ihres ersten Auftretens an und konzentriert sich innerhalb der Kapitel auf die Ereignisse und Entwicklungen des jeweiligen Themas.

Beispielsweise be­ginnt das Kapitel über die (später legendäre) Kreuzberger Künstlerszene mit der Gründung der Galerie zinke 1959 und endet mit Entstehung, Rezeption und Wirkungsgeschichte des Lieds »Kreuzberger Nächte« der Gebrüder Blattschuss, während das darauffolgende Kapitel über die Entwicklung des multikulturellen Kreuzbergs den Bogen von der Anwerbung der ersten türkischen Arbeitskräfte 1961 bis hin zu aktuellen Debatten der Migrationsforschung spannt.

Als roter Faden durch die Geschichte zieht sich immer wieder die Aufmüpfigkeit, die Widerständigkeit des Bezirks, seiner Bewohner und – auch das mit einer überraschenden Kontinuität – seiner Verwaltung.

»Kreuzberg – das andere Berlin« ist keine Bedienungsanleitung für Touristen und Zugezogene, keine launige Anekdotensammlung und auch kein Geschichtsbuch mit Anspruch auf Vollständigkeit und Objektivität. Es ist eine wissenschaftlich fundierte und gleichwohl subjektive Analyse von Tendenzen, Kontinuitäten und Brüchen, reich bebildert mit zeitgenössischen Fotografien, Flugblättern, Plakaten, einem akribisch geführten Quellennachweis und Personenverzeichnis im Anhang.

Auch wenn der Text stellenweise recht nüchtern und sachlich daherkommt, ist das Buch dennoch von der ersten bis zur letzten Seite hochinteressant und uneingeschränkt lesenswert. Auch Leser, die sich (wie die Rezensentin) insgeheim selbst als Kreuzbergversteher verorten, können noch eine ganze Menge erstaunliche Details und Fakten über »ihr« Kreuzberg dazulernen.

Jürgen Enkemann: »Kreuzberg – das andere Berlin«, 240 Seiten, 179 Abbildungen. ISBN 978-3-947215-57-7, 25 Euro

Mehr zum Buch auf der Website des Verlags

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Von der Bühne auf den Bildschirm

Victor F. Breidenbach sondiert die Online-Theaterlandschaft

Notebook auf KüchentischKultur in pandemischen Zeiten findet unter anderem am Küchentisch statt. Foto: vfb

Spätestens seit dem 13. März und mindestens bis zum 19. April kann man nicht mehr ins Theater gehen. Doch der Spielbetrieb ist nicht gänzlich eingestellt. Viele Theater retten nicht unbeträchtliche Teile ihres Programms in den virtuellen Raum. Es folgt ein kursorischer Einblick in diese neue Theaterlandschaft.

Das Hebbel am Ufer etwa verlegte ein ganzes Festival auf YouTube: »Spy On Me #2 – künstlerische Manöver für die digitale Gegenwart«. »Im Theater forschen wir nach Auswegen aus Gefühlen der Ohnmacht und der Überforderung, die viele Nutzer*innen internetbasierter Technologien empfinden.« Ich berichte aus meiner Küche.

Obwohl die Videoaufnahmen nicht besonders interessant sind, übt James Bridles Kurzfilm »Se ti sabir« aufgrund der eigenwilligen Monologe des Künstlers auch einen eigenartigen Sog aus. Wir folgen ihm auf einem Spaziergang durch die belgische Provinz Limburg, wo er uns zuerst einen seismologischen Messapparat in einem Schieferbruch zeigt. Der Apparat soll feststellen, ob dieser Ort, der für seine geologische Stabilität ausgewählt wurde, tatsächlich stabil genug ist, um das geplante Einsteinteleskop zu beherbergen – ein Gerät, das sehr langsame Gravitationswellen misst und dadurch eine Art Echolokalisierung des Urknalls ermöglicht. Diese durch absolute Ruhe ermöglichte Sensibilität für subtile Prozesse ist für Bridle ein Vorbild der Entschleunigung: »Mich interessierteigentlichnur dieser Moment, in dem wir still genug werden, um die Vibrationen des Universums wahrzunehmen.« Bridle zeigt uns noch weitere Orte und führt ausufernde Monologe über, unter anderem, die einst auf dem Mittelmeer gängige Lingua Franca, das Gehirn von Cephalopoden und seine Vision für künstliche Intelligenz.

Auch »Future Tense: AI from the Margins«, ein poetischer Videovortrag von Nakeema Stefflbauer und Nushin Yazdani, lässt sich problemlos ins Internet übertragen. Wie beim Screensharing sieht man einen unaufgeräumten Desktop, auf dem Videodateien und Browserfenster nacheinander und übereinander geöffnet werden. Auf eingängige Weise kritisieren Stefflbauer und Yazdani die normativen Standards von Algorithmen und die Formen der Diskriminierung, die sie zur Folge haben: In der Justiz benutzte Algorithmen, die das Risiko einschätzen, ob jemand zum Wiederholungstäter wird, diskriminieren zum Beispiel Schwarze, weil sie an Weißen entwickelt wurden. Die künstliche Intelligenz spiegelt und reproduziert gesellschaftliche Vorurteile. Aufzeichnungen des gesamten Festivals sind auf dem HAU YouTube-Kanal abrufbar.

Noch zwei Empfehlungen: Die Schaubühne stellt derzeit für jeweils einen Tag Fernsehaufzeichnungen aus ihrem Repertoire online. Man kann also vieles sehen, wofür man nie Karten gekriegt hat, oder ältere Produktionen beispielsweise von Peter Stein. Auch das Berliner Ensemble stellt großartige Produktionen für jeweils eine Woche ins Netz.

Diese Angebote sind alle kostenlos. Wer es sich leisten kann, sollte deshalb darüber nachdenken, dem jeweiligen Theater etwas zu spenden oder bei bereits gekauften Karten auf Rückerstattung zu verzichten.

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Virenfreie Livekultur

Spätestens seit dem 13. März kann man nicht mehr ins Theater gehen. Victor F. Breidenbach gibt hier einen kursorischen Einblick in diese neue Theaterlandschaft.

Auch auf den Musik- und Kabarettbühnen des Kiezes herrscht derzeit so etwas wie Notbetrieb. Das BKA beispielsweise bietet einige seiner geplanten Veranstaltungen als Livestream »aus dem BKA Theater Hauptstadtstudio« an. So findet etwa Sigrid Grajeks Claire-Waldoff-Revue »Berliner Luft« wie geplant am 4. April statt – nur eben ausschließlich auf bka-theater.de beziehungsweise der Facebook-Seite der Bühne. Weitere Termine werden dort ebenfalls kurzfristig bekanntgegeben.

Einige der Stammmusiker des Yorckschlösschens haben ebenfalls eigene Streamingangebote ins Leben gerufen. Hier empfiehlt sich eine Suche auf den Facebook-Seiten der Künstler. Mit dabei sind unter anderem Jan Hirte (mit wechselnden musikalischen Gästen) und Andrej Hermlin, die regelmäßige Wohnzimmerkonzerte veranstalten.

Alle Angebote sind zwar kostenlos zugänglich, es besteht aber die Möglichkeit Ticket zu er- werben beziehungsweise Geldspenden zu überweisen.

Weitere online empfangbare Kulturangebote aus dem Kiez und anderswo sammeln wir hier auf kiezundkneipe.de/livekultur. Hinweise gerne an corona@kiezundkneipe.de

Kreuzberg war immer sein Sehnsuchtsort

Der Maler und Poet Kurt Mühlenhaupt hat nun in der Fidicinstraße 40 ein eigenes Museum

Ein Suchbild: Christina Schulz (li.) und Hannelore Mühlenhaupt (re). Aber ist das wirklich die Arndt- mit Blick auf die Friesenstraße? Und wer ist der kleine Mann links unten mit der roten Zipfelmütze? Fotos: ksk

Erst einmal gibt es ein herzhaftes Frühstück mit frischen Brötchen und leckerem Käse, und Christina Schulz berichtet schon mal ein wenig über den Umzug: »Wir hatten nie ein festes Datum, das hat so vor zwölf, vierzehn Monaten angefangen.« Kiste um Kiste wurde von Bergsdorf in die Fidicinstraße geschleppt. »Wir sind ja in der Regel da, und wenn jemand vorbeikommt, dann schließen wir die Tür auf und kochen Kaffee«, heißt es.

Ein paar Veranstaltungen fanden schon statt. Aber jetzt, Anfang März, geht es ganz offiziell los. Der bekannte Kreuzberger Milieumaler, Bildhauer, Trödler und Poet Kurt Mühlenhaupt ist nach Berlin zurückgekehrt und hat jetzt dort ein eigenes Museum bekommen.

Schulz selbst ist künstlerische Leiterin und so etwas wie die rechte Hand von Hannelore Mühlenhaupt. Zusammen mit Hund »Othello« sitzen sie inmitten all der bunten Bilder, Porträts, Straßenszenen, Stilleben und erzählen Geschichten.

Noch kurz vor der Wende hatten die Mühlenhaupts den urigen Hinterhof erworben. Das Theater Thikwa ist dort untergebracht, das englische Theater, ein Puppenspieltheater – und jetzt eben das neue Kurt-Mühlenhaupt-Museum. »Dreimal wurde der Kurt wegsaniert in Kreuzberg – in der Blücherstraße, am Chamissoplatz und letztendlich auch im Leierkasten«, sagt seine Frau. »Mein Mann hatte ungern jemanden über sich, er hatte viele Visionen und es hat ihn ganz toll gefuchst, dass jemand stärker ist als er und ihn einfach rauswerfen kann.«

Eigentlich sollten die Höfe in der Fidicinstraße schon damals zum neuen Lebensmittelpunkt werden. Aber das hatte seine Tücken: Bald saßen alle möglichen Lebenskünstler und Schluckspechte mit Kurt im Atelier, Hannelore spielte den Zerberus und verbannte allen Alkohol. »Das hat nichts genützt, da gab es morgens um zehn schon das erste Bier.« Schließlich zogen die beiden nach Bergsdorf bei Zehdenick im schönen Brandenburg und erkundeten dort den Osten – wo der Maler 2006 im Alter von 85 Jahren starb.

Hannelore stammt von einem Einödhof, zehn Einwohner, hundert Kühe, aus dem Fränkischen. Sie glaubt, dass dieses West-Ost-Ding eigentlich »ein Stadt-Land-Ding« ist, und kann wunderbare Geschichten aus Bergsdorf erzählen, wie der Ex-LPG-Vorsitzende »mit dem Jeep vorfuhr« und »Uschi und Sandra« beim Kuchen backen halfen.

Aber »das Kurtchen« war eben doch Kreuzberger, wo er die kleinen Leute, die Handwerker, Putzfrauen, Kellner und Straßenkehrer porträtiert hatte. Deshalb wurde der Gutshof nun an Chinesen verkauft, Hannelore stapft jeden Morgen den Kreuzberg hinauf und sagt: »Wir sind ganz glücklich hier. Die Fidicinstraße ist ja auch eine Art Dorf.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der KuK vom Januar 2020: Kurt Mühlenhaupt kehrt nach Kreuzberg zurück

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Der Eine

Eine Ausstandskolumne wird würdig geschrieben: Bowie!

David Bowie. Was für ein Name. David Bowie habe ich mir für diese Kolumne immer aufgehoben. Ich dachte, darauf greife ich zurück, wenn mir mal wirklich überhaupt nichts mehr einfällt. Und nun feiere ich Ausstand und das Ende dieser Kolumne, was nicht heißt, dass ich nicht noch ein paar musikalische Gastbeiträge aus meiner neuen Wahlheimat Spanien schicken werde. Zweieinhalb Jahre lang durfte ich die Kreuzberger Nächte aus der Nähe und Ferne betrachten, durfte mit Künstlerinnen reden, Konzerte besuchen, Plattenhändler kennenlernen. Und habe dabei noch kein einziges Mal Bowie erwähnt.

Zugegebenermaßen hat sich dieser ja auch viel in Schöneberg bewegt. Die Umbenennung der dortigen Hauptstraße, in der sich die Wohnung von ihm und seinem damaligen Mitbewohner Iggy Pop befand, steht wohl noch aus. Nach Kreuzberg hat es den Popstar allerdings doch so einige Male verschlagen, als er sich in den hier ansässigen Bars und Clubs umhertrieb.

Obwohl Bowie ja summa summarum nur drei Jahre in Berlin lebte, ziehen diese Jahre in alle Biografien als extrem wichtige Phase seines Werkes ein. Entzug von harten Drogen, eine Filmhauptrolle, wichtige Bekanntschaften, die sein Leben verändern sollten. Und auch Berlin ist mächtig stolz auf seinen Adoptivsohn: Immer wieder taucht der Name »Bowie« in allen Ecken der Stadt auf, es gibt Filme über die Berlin-Trilogie, ja sogar geführte Bowie-Touren werden angeboten.
Alles nur clevere Inszenesetzung? Auch. Und trotzdem veröffentlichte Bowie mit den drei Alben Low (1977), Lodger (1979), doch vor allen Dingen Heroes (1977) drei seiner wichtigsten Meisterwerke. Wussten Sie, dass Bowie neben naheliegenden Mauereindrücken im Song »Heroes« auch die Eindrücke des 20er-Jahre-Expressionismus verarbeitete?

Aufgenommen wurde das Ganze jedenfalls in – Sie ahnen es: Kreuzberg. Die Hansa-Studios sind mindestens so berühmtberüchtigt, wie Bowie selbst. Und entgegen einiger abtrünniger Meinungen eben nicht im Hansa-Viertel, sondern am Anhalter Bahnhof lokalisiert.

Nur wer vergessen wird, ist wirklich tot. Bowie – unsterblich.

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Türkische Nächte

Typisch Kreuzberg, konnten wir natürlich für den Türkischen Beitrag nicht nur bei einer Person bleiben. Da holen wir uns doch schon mehrere Meinungen ein. Zum einen sind das Cansel Kı­zıl­te­pe (SPD), MdB, zum anderen Erbatur Çavuşoğlu, der Inhaber des Plattenladens Lefter Records in der Gneisenaustraße.

Kreuzberg geceleri uzun

Die Bundestagsabgeordnete Cansel Kı­zıl­te­pe (SPD): Es ist schön, den Satz »Kreuzberger Nächte sind lang« im Türkischen zu lesen, denn die türkische Sprache gehört für mich ganz fest zu Kreuzberg. Ich bin in Kreuzberg aufgewachsen und muss an meine Kindheit und Jugend im Wrangelkiez denken. Die Nächte sind noch immer lang in Kreuzberg, aber es hat sich auch vieles verändert. Viele Bekannte, Freundinnen und Freunde mussten ihren Kiez verlassen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten konnten, oder sind akut von Verdrängung bedroht. Damit Kreuzberg ein Ort für alle bleibt, müssen wir unbedingt etwas tun!

Kreuzberg geceleri yoldaşim oldu

Erbatur Çavuşoğlu erinnert der Originaltitel der Gebrüder Blattschuss an den alten, türkischen Song Geceler, in dem es so viel heißt wie »Nächte sind meine Kameraden« (anzuhören hier). So würde er die langen Kreuzberger Nächte eben zu seinen Kameraden machen: »Kreuzberg geceleri yoldaşim oldu«. Interessanter Nebenfakt: Geceler wurde vom der ersten türkischen Trans-Künstler Bülent Ersoy gesungen, eine Subkultur, die wohl unteilbar zu Kreuzberg gehört. Oh, diese Nächte!

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Wie echt ist van Gogh?

Erster Kunst-Krimi von Leif Karpe

»Würde uns die ‚Sternennacht‘ weniger interessieren, wenn sie nicht von Vincent van Gogh wäre?« Die Frage steht auf der Rückseite des Covers von Leif Karpes erstem Roman »Der Mann, der in die Bilder fiel«. Derjenige, der da fällt, ist der New Yorker Kunsthistoriker und Detektiv wider Willen Peter Falcon, der eigentlich nur seinen kleinen Comic-Laden am Leben erhalten will.
Der Auftrag des großen Auktionshauses Chrosebys, nach Europa zu reisen, um dort ein berühmtes Gemälde auf seine Echtheit zu überprüfen, kommt ihm da gerade recht – trotz seiner Flugangst.
Was wie eine Routineangelegenheit aussieht, entpuppt sich als rasanter Kriminalfall, der Peter Falcon quer durch Paris und die halbe Provence führt, immer auf der Spur der großen Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts.
Peter Falcon kommt dabei eine einzigartige Fähigkeit zu Hilfe. Er kann sich nämlich in die Bilder der großen Impressionisten und Expressionisten hineinleben. Alles um ihn wird plötzlich so real, dass er, und damit auch der Leser, den großen Künstlern direkt begegnet. Diesen Kniff des Autors umweht zwar ein Hauch des Esoterischen, doch er entpuppt sich auch als genial, wenn all die Monets und van Goghs die reale Geschichte voranantreiben.
Angenehm ist, dass bei einem Krimi nicht Mord und Totschlag im Zentrum des Geschehens stehen müssen, sondern dass das Thema Fälschung nicht weniger spannend sein kann.
In der Tat ist gerade die Frage »Was ist ein echter van Gogh?« seit Jahren ein heiß umstrittenes Thema. Es liegt daran, dass van Goghs Arzt Dr. Gachet selbst künstlerische Ambitionen verspürte. Er ließ sich von van Gogh mit Bildern honorieren. »Das Porträt des Dr. Gachet« war eine Zeitlang das teuerste Gemälde der Welt.
Doch ist so mancher vermeintliche van Gogh nicht in Wirklichkeit ein Gachet? Der Arzt und seine Nachkommen galten immerhin als sehr begabte Kopisten, manche würden Fälscher sagen.
In einer Zeit, in der für einen van Gogh zwei-, ja bald dreistellige Millionen-Beträge bezahlt werden, ist die Herausforderung für die wichtigen Auktionshäuser noch größer geworden, das Richtige vom Nachgemachten zu unterscheiden.
So tut sich dem Leser, der in der Kunstbranche weniger beheimatet ist, eine völlig neue Welt auf, in der es um Täuschen und Tarnen, um Illusion und Realität geht. Diese Welt ist der Hintergrund eines sehr spannenden und rasanten Krimis, bei dem der Leser auch noch eine Menge lernen kann – und eine bezaubernde Reise durch Frankreich erlebt.
Und die Reise geht weiter. Der Verlag Nagel & Kimche will mit den Peter-Falcon-Krimis das Genre Kunst-Krimi etablieren.
Peter S. Kaspar

Leif Karpe: Der Mann, der in die Bilder fiel, 272 Seiten, ISBN 978-3-312-01161-2, 22 Euro

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Bis zu 500 Millionen Euro

Entwürfe für neue Bibliothek am Blücherplatz vorgestellt

Wer im Kiez um die Mittenwalder Straße wohnt, hat das große Glück, dass es bis zur Amerika-Gedenkbibliothek nur ein paar Schritte sind. Hingegen nervt der lange Anmarsch zur Stadtbibliothek in der Breiten Straße. Doch das wird sich ändern – zwar nicht sofort, aber vielleicht in 15 oder 20 Jahren.

Dann werden die beiden bisher getrennten Standorte der Zentral- und Landesbibliothek am Blücherplatz zusammengelegt. Nun ist auch klar, wie das ungefähr aussehen soll: Mitte Januar wurden die Ergebnisse einer Machbarkeitsstu-die präsentiert.

Der Neubau mit einer Nutzfläche von 38.000 Quadratmetern soll spätestens 2026 beginnen und darf bis zu 500 Millionen Euro kosten. Nur zur Erinnerung: Als Ex-Regierender Klaus Wowereit am Rande des Tempelhofer Feldes 270 Millionen Euro ausgeben wollte, war er bald darauf seinen Job los.

Konkret sind derzeit drei Varianten im Gespräch, zwischen denen ein Architekturwettbewerb entscheiden soll. Geplant sind monumentale Baukörper von bis zu 50 Metern Höhe, neben denen die Heilig-Kreuz-Kirche eher wie ein Spielzeug aussieht:

  • Variante 1: zwei Gebäude rechts und links der bisherigen AGB
  • Variante 2: ein einziger riesiger Würfelbau
  • Variante 3: ein u-förmiger Riegel an der Ostseite des Platzes

Zusätzlich soll die Blücherstraße zwischen Mehringdamm und Zossener Straße für den Autoverkehr gesperrt werden und es könnte auch eine Straßenbahnverbindung zum Potsdamer Platz geschaffen werden. Der kleine Park am Waterloo-Ufer mit den hohen Bäumen wird in der gegenwärtigen Form nicht überleben. Auch ist unklar, ob im Zusammenspiel mit den von einer Mauer umgebenen Friedhöfen so etwas wie eine einheitliche Grünfläche entsteht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Geheimnisvoll schimmert das magische Auge

Klaus Stark unternimmt mit dem Kreuzberger Rundfunk- und Fernsehtechnikermeister Horst Dieter Schmahl eine Reise in die Vergangenheit

Horst Dieter und Karin Schmahl. Im Hintergrund drei der berühmten „Philettas“ von Philips; in der Hand von Frau Schmahl ein kleines Philips-Transistorradio aus den 60er Jahren. Foto: ksk

Gleich vorne am Eingang sind die Prunkstücke versammelt. Ein wunderbarer Saba Freudenstadt 8 von 1956/58 – damals fast unerschwinglich. Das edle Gehäuse in dunklem Nussbaum, die handgemachten Tasten erinnern eher an eine Klaviatur, der Lautsprecherstoff ist mit Seidenfäden durchsetzt. Das Modell von Philips direkt daneben besitzt sogar drei Klangregler für Jazz, Orchester und Sprache – je nachdem, welche Taste gedrückt wird, leuchten die entsprechenden hübschen Symbole auf.

Aber die alten Röhrenradios sind nicht nur optisch, sondern auch technisch beeindruckend. Wenn Horst Dieter Schmahl auf den Einschaltknopf drückt, dauert es erst eine Weile. Gemächlich knacken die Röhren – aber dann wird das runde magische Auge über der Skala plötzlich lebendig und fängt in geheimnisvollen Grüntönen zu schimmern an. Aus den Lautsprechern prasseln und pfeifen die Störgeräusche der Mittelwelle.

Auf 750 Kilohertz nahm 1923 unweit des Potsdamer Platzes der erste deutsche Rundfunksender seinen Betrieb auf. Heute sind die meisten Frequenzen tot. Beromünster aus der Schweiz abgeschaltet, Limoges und Nancy aus Frankreich verschwunden, Radio Luxemburg nicht mehr da. In Deutschland schweigen alle öffentlich-rechtlichen Mittelwellensender seit Ende 2015. Aus Kostengründen, wie es hieß. Die Digitalisierung macht keine Gefangenen. »UKW bleibt uns ja hoffentlich bis 2028 erhalten«, sagt Schmahl. »Gegen den Willen der Regierung.«

Viel mehr als nur ein normales Geschäft

Horst Dieter Schmahl und seine Frau Karin betreiben in der Zossener Straße 2 einen Laden namens »Radio-Art«. Zunächst denkt man wenigstens, es sei ein ganz normales Geschäft. Aber nach einer Weile stellt sich heraus, dass es eher ein Museum ist und vielleicht sogar noch viel mehr, nämlich eine Art Terminal für Reisen in die Vergangenheit.

Magisches Auge und Skala eines Imperial 60WK der Stassfurter LIcht- und Kraftwerke AG von 1939/40 mit vielen längst nicht mehr existierenden Sendern. Foto: ksk

Schmahl ist Rundfunk- und Fernsehtechnikermeister. Seine ersten beiden Läden hatte er in Neukölln, in der Sonnenallee. In dem einen verkaufte Ehefrau Karin Schallplatten, in dem anderen befand sich die

Werkstatt mit drei Mitarbeitern. »Aber nach der Wende war der Handel für so ein kleines Geschäft nicht mehr möglich. Große Firmen kamen hierher.« Allerdings wollten immer mehr Kunden alte Geräte repariert bekommen. Der Fachmann witterte eine Nische im zunehmend von Billigprodukten überfluteten Markt.

Im Jahr 1996 hat er in Kreuzberg neu angefangen: »Seitdem läuft das, kann man sagen.« Zuerst verkaufte Schmahl vor allem Röhrenradios oder Fernseher in alten, vom Kunsttischler restaurierten Gehäusen. Inzwischen geht es meistens um Reparaturen. Häufig bringen Kunden Erbstücke vorbei, die der Meister in stundenlanger Kleinarbeit wieder zum Klingen bringt. Besitzen die alten Röhrenradios einen Plattenspieler-Ausgang, kann man daran sogar einen CD-Player oder ein iPhone anschließen.

Die restaurierten Schmuckstücke wandern in alle Welt. Ein Telefunken-Gerät von 1950 landete in Japan, eine Gruppe aus Mexiko erstand einen Volksempfänger und auch nach New York war schon ein 20 Kilo schweres Paket unterwegs. Requisiteure von Film und Theater schauen ebenfalls vorbei.

Statussymbole der Väter, Großväter, Urgroßväter

Ein ausgesprochenes Prunkstück für jedes Wirtschaftswunder-Wohnzimmer: Saba Freudenstadt 8, 1956-58. Foto: ksk

Der Rundfunktechniker lobt die hohe Qualität der oft sehr aufwändig gebauten Geräte: »Der Klang der Röhre in einem Holzgehäuse hat für das Ohr genau die gleiche Hörfrequenz wie die menschliche Stimme.« Mit der sich in den 70er Jahren durchsetzenden Transistortechnik kann er wenig anfangen. Noch weniger mit der digitalen CD: »Das ist wie ein Essen aus einer Chrom-Edelstahlküche: Es fehlt das Verbrannte!«

An der Wand hängen Werbeplakate aus den 50er Jahren, auf dem Plattenteller liegen Scheiben von Tommy Dorsey und Howard Carpendale. Um sie herum die Statussymbole der Väter, Großväter, Urgroßväter aus der Wirtschaftswunderzeit, die hier ein Zuhause gefunden haben – damals genauso geliebt, begehrt und vielleicht sogar mit mehr Hingabe und Sachverstand angefertigt als die heutigen Tablets und Smartphones.

Und plötzlich wird die Geschichte lebendig: Aus diesem Volksempfänger tönte wohl einmal die sich überschlagende Stimme von Joseph Goebbels. Aus jenem Telefunken-Radio im Kalten Krieg live die Botschaft von John F. Kennedy: »Ich bin ein Berliner!«

Natürlich werden auch persönliche Erinnerungen wach. An die goldene Philetta, die in den 60er Jahren erstmals die »Schlager der Woche« mit Beatles und Rolling Stones ins Kinderzimmer brachte. Und an den Grundig Satellit-Weltempfänger im Elternschlafzimmer mit der geheimnisvoll leuchtenden Kurzwellenskala, Radio Schweden, Radio Peking und Radio Canada International. Aber das war dann schon eine ganz andere, neue Zeit.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Unglaublicher Zauber

»Just Juggling« zieht aus dem Hinterhof vor an die Straße

Jongleur Alan Blim hebt nur gerade ein wenig die Schwerkraft auf. Foto: ksk

Rot, gelb, orange, grün, blau. Die hübschen Bälle in den Regalen leuchten in grellen Farben und liegen gut in der Hand. »Hirse und Leinsamen«, sagt der Jongleur fachmännisch. Ein Modell mit dem Namen »Spot« schätzt er besonders. »Das ist ein bisschen fest, das schafft Klarheit, und ein bisschen weich für das Spielerische.«

Wer Alan Blim in seinem Laden »Just Juggling« im Hinterhof an der Zossener Straße trifft, merkt sofort, dass er es mit einem besonderen Menschen zu tun hat. Beim Sprechen nimmt er die Bälle fast zärtlich in die Hand. Der kann aber gut jonglieren, denkt man zuerst. Dann entsteht ein ganzes Planetensystem und plötzlich begreift man: Dieser Mann hebt gerade die Schwerkraft auf!

Alan ist in Kenia geboren, hat die Jugend in England verbracht, erst das Klavierspielen, dann das Klettern entdeckt und mit 17 zu jonglieren begonnen. »Ein klassisches Gauklerleben«, resümiert der 54-Jährige. 1996 hat er in Berlin Fuß gefasst. Dort hob er die legendären Jonglier-Katakomben in der Monumentenstraße aus der Taufe. Ein Mekka für Artisten aus aller Welt, aber eben auch ein finanzielles Desaster.

Also eröffnete Blim »Just Juggling« und wieder schuf er einen zentralen Treffpunkt für die Szene. Zweieinhalb Jahre lang hatte er außerdem den Spielzeugladen in der Marheineke-Markthalle. Den musste er zum Jahreswechsel schließen und auch »Just Juggling« wurde ihm gekündigt. Glücklicherweise bekam er noch am gleichen Tag den früheren Friseurladen neben dem »Orientesspress«. Dort will Blim im Februar neu eröffnen – mit Jonglierbedarf, Spielzeug und auch ein paar Schreibwaren.

Was ist am Jonglieren so toll? »Du verlierst das Zeitgefühl. Es befestigt den Charakter, weil man ständig Zwischenziele hat. Jongleure stehen oft stark im Leben. Und es entfaltet einen unglaublichen Zau ber.« Alan erzählt noch die Geschichte von den zwei feindlichen Armeen, die sich im alten China gegenüberlagen. Ein Mann trat vor, begann mit zehn Bällen zu jonglieren – und der Gegner floh.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Da kann ja jeder kommen

Wie ich mich doch noch mit einem Plattenhändler anfreunde

Auf die Frage, ob ich denn mal ein Interview führen dürfe, reagierten in meiner noch jungen Journalistenkarriere so ziemlich alle Menschen gleich: ja, sehr gern, man wisse zwar nicht, was ich wolle, aber an sich, na klar.

Detlef Dieter Müller reagiert nicht so. Er verschränkt die Arme. Fragt, was das für ein Magazin sei. Mit irgendwelchen Kommerz-Heinis wolle er nicht reden. Sein Laden sei schon bekannt genug, die ganzen Gentrifizierer rennen ihm die Bude ein. Die Fragen seien eh immer die gleichen. Und ihr aus 61? Waschlappen! Wer habe denn Kreuzberg damals verteidigt? Toll, denke ich mir. Da habe ich mir ja was eingebrockt.

Ich bleibe. Oder besser: ich verharre. Wir kommen irgendwie ins Gespräch. Keine Kommerzkacke, ich interessiere mich wirklich für Musik. Und als ich sage, dass Tocotronic meine Lieblingsband ist, kann ich sogar sowas wie ein kleines Lächeln erahnen. Oder zumindest so ein verräterisches Zucken.

Ich glaube, Detlef hat einen weichen Kern. Dass ich ihn nun genau an dem Tag erwische, an dem er die frischen Erinnerungen ans Wochenende verarbeiten muss, an dem er drei Verabschiedungen von Läden aus seinem Kiez feiern musste, ist mein Pech. Der Kiez gehe kaputt und alle ließen es zu. Niemand würde sich mehr so richtig für die Geschichte des Kiezes interessieren. Langsam verstehe ich seinen Punkt.

Detlef hat 1985 seinen Laden Groove Records in der Pücklerstraße eröffnet. Ziemlich direkt neben der Markthalle Neun verkauft er Platten durch die komplette Bandbreite der Musikvarietät. Nur die Top 100 der Charts, die wolle er nicht bestellen.

Heute heißt der Beruf, den er damals gelernt hat, Musikfachhändler. Ob die Musik von damals noch jemand aus der heutigen Generation aufholen könnte? Er glaube nicht. Was es heute noch an guter Musik gäbe? Na pass uff, ick spiel dir mal wat vor. Ich freue mich. Ich fühle mich aufgenommen. Weicher Kern: ja. Und zwar ein sehr musikalischer.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.