Kulturschaffende bringen sich ein

Kampagne #DeineStimmeFürKultur gestartet

Demonstration gegen KulturabbauDemo gegen Kulturabbau. Foto: Christian von Polentz/transitfoto.de

Im Vorfeld der Berlin-Wahl startete im April die Kampagne #Deine­Stimme­Für­Kultur, mit der die  Initiatoren Kultur im Wahljahr sichtbar machen und deutlich zeigen wollen: Kultur ist kein Luxus, sondern demokratischer Raum, gesellschaftlicher Motor und prägender Teil der Berliner Identität. Gleichzeitig stehen viele kulturelle Einrichtungen und Akteur*innen zunehmend unter Druck – durch steigende Kosten, unsichere Förderstrukturen, den Verlust kultureller Räume und prekäre Arbeitsbedingungen.

Kulturakteur*innen aus mehr als 480 Berliner Institutionen und Organisationen haben bislang eine gemeinsame Erklärung unterschrieben, die die Politik zu einem klaren Bekenntnis zur Berliner Kultur auffordert.

Dabei geht es nicht nur um vorrangig finanzielle Aspekte wie einen dauerhaft abgesicherten Anteil von 3% des Landeshaushalts, verlässliche Förderstrukturen und ein Kulturfördergesetz, faire Honorare und soziale Absicherung sowie Investitionsmittel für Kulturbauten und zukunftsfähige Infrastruktur, sondern auch um die Sicherung der Kunstfreiheit und der Autonomie der Kultur, um den Ausbau von Diskriminierungsschutz und Barrierefreiheit und die Stärkung von kultureller Bildung und breiter gesellschaftlicher Teilhabe.

Ziel ist ein verbindlicher Dialog der Politik mit der Kultur und die Beteiligung der Kulturschaffenden an kulturpolitischen Entscheidungen.

In zwei Aktionswochen (10.–16.6. und 2.–8.9.) wollen die Unterzeichnenden die Vielfalt der Berliner Kultur sichtbar machen. Nähere Informationen zur Kampagne, zu Terminen und zu Unterstützungsmöglichkeiten gibt es hier.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2026 (auf Seite 1).

Subkultur, Erinnerung und Kreuzberg

Harald Schulzes »Blaue Filme« sind ein szenisches Zeitdokument

Hält man das Buch in der Hand und beginnt zu lesen, zeigt sich schnell: Es besteht aus einer Folge literarischer Momentaufnahmen aus einem längst vergangenen Berlin und eröffnet Räume zwischen Erinnerung, Traum und filmischer Imagination. Die Texte entfalten sich wie Szenen eines alten Super-8-Films: verschwommen, sprunghaft und manchmal irritierend, zugleich aber von großer atmosphärischer Dichte.

Buchcover »Blaue Filme«

Harald Schulze montiert Dialogsplitter, Straßenbilder, Musik und Traumsequenzen zu einem ka­lei­do­skop­ar­ti­gen Panorama, das eher erlebt als entschlüsselt werden will. Die einzelnen Episoden wirken oft wie Fragmente eines nie vollständig gezeigten Drehbuchs. Vieles bleibt offen, Andeutungen ersetzen Erklärungen. Gerade dadurch entsteht ein besonderer Reiz: Der Lesende bewegt sich dabei eigenständig zwischen vertrauten und unbekannten Orten, folgt Assoziationen und Stimmungen statt einer klaren Handlung.

Im Zentrum steht weniger eine Geschichte als ein bestimmtes Lebensgefühl. Das West-Berlin der späten siebziger und frühen achtziger Jahre erscheint als Ort zwischen kultureller Aufbruchsstimmung und urbanem Verfall. Die Vielfalt jener Zeit prägt jede Seite: alternative Musikszene, kleine Tonstudios, nächtliche Begegnungen, Hausbesetzer, Punks, Popper und Randfiguren des Großstadtlebens bilden eine schillernde Kulisse. Kneipen, improvisierte Konzerte und nächtliche U-Bahnfahrten verdichten sich zu Bildern einer eingeschlossenen Inselstadt, die zugleich rau und voller kreativer Energie wirkt.

Die Nähe zu Kreuzberg ist spürbar – Mehringdamm, Yorckschlösschen, Kreuzberg, Tempodrom. Prägend für die Texte: das Nebeneinander von Chaos, politischer Spannung und künstlerischer Freiheit. Kreuzberg als Sinnbild einer unangepassten Stadtkultur.

»Blaue Filme« funktioniert deshalb nicht nur als Literatur, sondern auch als szenisches Zeitdokument eines verschwundenen West-Berlins. Sprachlich fühlt man Rhythmus und bildhafte Verdichtungen. Manche Passagen lesen sich wie Songtexte oder Notizen für einen experimentellen Film. Das macht die Lektüre faszinierend, verlangt aber auch Geduld. Wer einen stringenten Handlungsverlauf oder psychologisch ausgearbeitete Figuren erwartet, wird hier kaum fündig.

Die Stärke des Buches liegt klar in seiner sprachlichen Dichte und Stimmungskraft. Lesende, die offen für experimentelle Literatur sind, werden an »Blaue Filme« Gefallen finden. Schulze gelingt ein eindringliches Porträt eines verschwundenen West-Berliner Lebensgefühls – melancholisch, roh und zugleich voller flüchtiger Schönheit, wie ein nächtlicher Spaziergang durch Kreuzberg kurz vor dem Morgengrauen.

Harald Schulze ist ein in Berlin lebender Autor und Anästhesist. Veröffentlicht wurde das Hardcover-Buch 2025 bei BoD – Books on Demand, 84 Seiten, ISBN 978-3-6951-9116-1. Collagen, Fotos und Zeichnungen verleihen dem Buch eine besondere Wirkung.

Link zum Buch im BoD-Buchshop

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2026 (auf Seite 7).

Das Festivalgefühl kann kommen

In Kreuzberg ist die Open-Air-Saison gestartet

Bühne auf dem Karneval der KulturenSeit 30 Jahren steht der Karneval der Kulturen für musikalische und kulinarische Vielfalt. Foto: bm

Sobald in Berlin die ersten warmen Nächte beginnen, startet in Kreuzberg die schönste Zeit des Jahres. Cafés stellen ihre Tische auf die Gehwege, Musiker spielen bis spät in die Nacht und zwischen Bergmannkiez und Landwehrkanal entsteht echtes Festivalgefühl. Der Open-Air-Sommer 2026 bringt drei Höhepunkte: den Karneval der Kulturen, die Fête de la Musique und das Kreuzberg-Festival. 

Den Auftakt machte der Karneval der Kulturen vom 22. bis 25. Mai, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feierte. Der Blücherplatz wurde über Pfingsten erneut zum Treffpunkt für Musik, Tanz und kulinarische Vielfalt. Höhepunkt war der Straßenumzug am 24. Mai. Wegen der Baustellen in der Gneisenaustraße verlief die Parade erneut durch Friedrichshain entlang der Frankfurter Allee und Karl-Marx-Allee. Knapp 70 Gruppen mit Sambabands, Stelzenläufern, afrikanischen Tänzern und karibischen Klängen verwandelten die Straßen in ein Fest der Vielfalt. Viele Besucher schätzen die Mischung aus Kultur, Politik und ausgelassener Stimmung. »Der Karneval zeigt jedes Jahr, wie offen und international Berlin sein kann«, sagte Besucherin Judy aus Neukölln. Seit seiner Gründung versteht sich das Festival als Zeichen gegen Ausgrenzung und für ein solidarisches Miteinander. Mehr als 1,1 Mio. Menschen besuchten den diesjährigen Karneval. Gleichzeitig mussten die Veranstalter erstmals zu Spenden aufrufen, da die öffentlichen Fördermittel nicht mehr ausreichten.

Nur wenige Wochen später übernimmt die Musik die Straßen: Am 21. Juni macht die Fête de la Musique Berlin erneut zur offenen Bühne. Zwischen Oranienstraße, Bergmannstraße und Paul-Lincke-Ufer wechseln sich DJs, Brassbands und Singer-Songwriter ab. Das Besondere: Alle Konzerte sind kostenlos und frei zugänglich.

Fête de la Musique und Kreuzberg-Festival locken auf die Straße

Viele Besucher ziehen spontan von Bühne zu Bühne oder tanzen direkt auf dem Gehweg. Ab 14 Uhr präsentieren sich zum Beispiel auf der mog61-Bühne in der Fürbringerstraße sieben Live-Acts.

Straßenfest zum Karnveval der Kulturen vor der Heilig-Kreuz-KircheStraßenfest am Blücherplatz. Foto: phils

Ende des Monats folgt schließlich das Kreuzberg-Festival vom 26. bis 28. Juni, vielen älteren Berlinern noch als Bergmannstraßenfest bekannt. Der Kiez nördlich des Viktoriaparks verwandelt sich dann in eine lebendige Flaniermeile mit Livemusik, Kunsthandwerk und internationalen Spezialitäten. Familien sitzen mit Picknickdecken am Straßenrand, Kinder tanzen vor den Bühnen und Nachbarn treffen sich zwischen Fa­la­fel­stand und Cocktailbar.

Kreuzberg wird im Sommer 2026 wieder zum Treffpunkt für internationale Kultur, pulsierendes Nachtleben und kreative Bühnen im ganzen Kiez.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2026 (auf Seite 1).

Magere Zeiten für Bücherwürmer

Wie sich die Kürzung der Mittel auf die ZLB auswirkt

Das Land Berlin kürzt seinen Kultureinrichtungen – und damit auch der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) – Zuwendungen in größerem Umfang. Das bedeutet einen harten Einschnitt. In konkreten Zahlen ausgedrückt, werden insgesamt jährlich 2,2 Millionen Euro fehlen. 

Was bedeutet das nun konkret für die Nutzer*innen?

Fangen wir mit den positiven Nachrichten an: Die umfangreichen Öffnungszeiten – Montag bis Freitag bis 21 Uhr, Samstag bis 19 Uhr – bleiben vorerst erhalten. Auch die Sonntagsöffnungszeit der Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) kann bis auf weiteres noch angeboten werden. Innerhalb dieser Zeiträume können sämtliche Selbstbedienungsleistungen der Bibliothek genutzt werden.

Das Hauptgebäude der Amerika-Gedenkkbibliothek aus der Luftperspektive2,2 Millionen Euro werden der Zentral- und Landesbibliothek Berlin jährlich fehlen. Foto: rsp

Im Gegensatz dazu müssen ab dem 01.07.2025 die Servicezeiten eingeschränkt werden. Dies betrifft Leistungen, die durch die Mitarbeitenden der Bibliothek ausgeführt werden, wie die Erteilung von Auskünften, die Ausstellung bzw. Erneuerung von Bibliotheksausweisen und die Bereitstellung von Medien aus dem Magazin. Diese Zeiten werden täglich um eine Stunde gekürzt. Um die Berufstätigen in der Leserschaft nicht zu benachteiligen, endet die Servicezeit an Montagen erst um 20 Uhr. Von Dienstag bis Samstag sind die Mitarbeitenden nur noch bis 19 Uhr anzutreffen. Zudem werden an beiden Standorten einzelne Beratungstheken geschlossen. Aufgrund der Kürzungen müssen über die nächsten Jahre ca. 30 Stellen eingespart werden; auch das wird sich auf die Betreuung der Nutzenden auswirken. 

Ein weiterer Verlust ist die im Sommer sehr beliebte Frischluftbibliothek auf der Wiese vor der AGB. Diese kann 2025 nicht mehr angeboten werden. Wer aber eine Decke oder andere eigene Sitzgelegenheit mitbringt, ist herzlich eingeladen, es sich dort weiterhin mit einem Buch aus der Bibliothek gemütlich zu machen. Zusätzlich wird dort das Bibliotheks-WLAN zur Verfügung gestellt.

Und auch im Bereich des Bestands und der Veranstaltungen machen sich die Kürzungen bemerkbar: Zukünftig werden weniger Veranstaltungen durchgeführt. Abonnements von Zeitungen und Zeitschriften, die weniger genutzt werden, müssen gekündigt werden. Dies wird aktuell ca. 200 Publikationen betreffen. Und auch die digitalen Angebote im VÖBB werden sich sukzessive verringern.

Wie Nutzer*innen ihre Bibliothek unterstützen können

Der Abbau in den Verwaltungs- und anderen Bereichen der ZLB ist zwar für die Nutzer*innen nicht direkt spürbar, die Auswirkungen auf die gesamte Arbeit werden sich jedoch zukünftig bemerkbar machen. 

Fazit: Weitere Kürzungen wird die ZLB nicht verkraften können! Und deshalb fordert sie die Nutzer*innen auf ihrer Website, auf Stellwänden im Foyer und mit einer Postkartenaktion zum Protest auf. An der Servicetheke liegen Postkarten zum Ausfüllen bereit, die gesammelt und im Roten Rathaus übergeben werden sollen. 

Die Bibliothek bittet um zahlreiche Unterstützung – ob nun per Hashtag in den Sozialen Medien, per Post oder E-Mail an den Regierenden Bürgermeister oder mittels der oben genannten Postkartenaktion. Ausführliche und stets aktuell gehaltene Informationen gibt es unter www.zlb.de/kuerzungen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2025 (auf Seite 1).

Queere Filme zum Fest der Liebe

Weihnachtsfilmfestival mit Advents-Specials im Moviemento

Zwei Frauen stehen einander gegenüber und schauen sich an. Die linke trägt eine Weihnachtsmannmütze.»Carol« erzählt die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Frauen im New York der 50er Jahre. Foto: Wilson Webb / DCM 2015

Der Dezember wird bunt: An jedem Adventssonntag präsentiert das Weihnachtsfilmfestival im Moviemento queere Kurz- und Spielfilme mit Bezug zum Thema Weihnachten. »Carol« von Todd Haynes – zu sehen am 15. Dezember – erzählt eine rührende Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen im New York der 1950er Jahre. Zwei Kurzfilmprogramme am 8. und 22. Dezember nehmen sich den Themen »Nach Hause kommen« und »Stark bleiben« an. In den abwechslungsreichen kurzen Formaten finden sich Komödien, Dramen, Animations-, Experimental-, sowie Dokumentarfilme wieder.

Für den 24. und 26. Dezember ist zusätzlich ein »Xmas Animation Special« geplant. Infos zum Programm werden rechtzeitig unter ­weihnachtsfilmfestival.de veröffentlicht.

Die Filmscreenings starten jeweils um 19 Uhr. Tickets kosten 12 Euro, ermäßigt 10 Euro.

Das Festival hat sich seit 2016 den unkonventionellen Weihnachtsfilmen verschrieben und ist das einzige seiner Art in Europa.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2024 (auf Seite 14).

Märchen für Kinder und Erwachsene

Außergewöhnliche Lesungen im Kiezladen

Die Berliner Märchentage sind ein fester Bestandteil der Kulturszene der Hauptstadt und entführen seit Jahrzehnten in die faszinierende Welt der Märchen. Zur 35. Ausgabe der Veranstaltung schließt sich der Verein mog61 e.V. dieser Tradition an und öffnet seinen Kiezladen für zwei außergewöhnliche Lesungen. Unter dem Titel »Zauberhafte Reise durch die Märchenwelt« lädt die interaktive Lesereihe zum gemeinsamen Erleben spannender Geschichten und lebendiger Märchenfiguren ein – ein magisches Erlebnis für alle Generationen.

Teil 1: Magie für die Kleinsten

Am Samstag, den 9. November um 15:00 Uhr beginnt das Abenteuer für Kinder und alle Junggebliebenen. Bekannte Märchenfiguren erwachen zum Leben und kreative Mitmachaktionen laden zum Entdecken ein. Ein leckeres Buffet sorgt für das leibliche Wohl.

Teil 2: Märchenabend für Erwachsene

Am Samstag, den 23. November um 19:00 Uhr folgt ein Abend für Erwachsene – Kinder sind natürlich herzlich willkommen! In stimmungsvoller Atmosphäre entführen talentierte Märchenerzähler:innen in die Welt der Volksmärchen. Ein Buffet lädt auch hier zum gemütlichen Beisammensein ein.

Ein Fest der Fantasie

Mit interaktiven Elementen und spannenden Rätseln bringt mog61 e.V. den Zauber der Berliner Märchentage in den Kiez und schafft ein unvergessliches Erlebnis für die ganze Familie. Der Eintritt ist frei, für das leibliche Wohl ist gesorgt. Eine Anmeldung unter kontakt@mog61ev.de ist erwünscht, aber auch spontane Gäste sind herzlich willkommen!

Ort: mog61 Kiezladen, Mittenwalder Str. 49, 10961 Berlin

Kleinverlagsinteressenvertretung

Neue Interessengemeinschaft formiert sich

Erstes Verlagstreffen im Mehringhof. Foto: privat

Ende Juni hat sich im Clash im Mehringhof eine Interessengemeinschaft unabhängiger Berliner Verlage formiert. Die Gemeinschaft hat es sich zum Ziel gesetzt, die Interessen der kleinen und unabhängigen Verlage in Berlin zu vertreten, den Austausch untereinander zu fördern und gemeinsame Projekte zu realisieren.

»Der deutsche Buchhandel, einst eine tragende Säule der Kultur- und Wissensvermittlung, steckt in einer existenziellen Krise«, heißt es in einer Pressemitteilung der Interessengemeinschaft. »Neben der fortschreitenden Digitalisierung und veränderten Konsumgewohnheiten haben auch wirtschaftliche Herausforderungen und die Konkurrenz durch internationale Online-Riesen wie Amazon zu einer existenziellen Bedrohung für viele Buchhandlungen und Verlage geführt.« Covid19-Pandemie und die Folgen des Ukrainekriegs hätten die Lage weiter verschärft und den Kollaps zahlreicher Verlage und Buchhandlungen beschleunigt. Eine der Forderungen an die Politik ist daher die Einführung einer strukturellen Verlagsförderung – wie sie bereits im Koalitionsvertrag vereinbart worden ist.

Als erstes gemeinsames Projekt plant die Interessengemeinschaft eine dreitägige Independent-Buchmesse im kommenden Jahr. Ein Förderantrag hierfür wurde bereits beim Hauptstadtkulturfonds des Senats eingereicht.

Die an der Gründung beteiligten Verlage sind:

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2024 (auf Seite 13).

Ein bitterböser Abgesang auf das schöne Spiel

Peter S. Kaspar hat Dominik Bardows Fußballroman »Trainingslager« gelesen

Die deutschsprachige Literatur kennt das Genre »Fußballroman« eher nicht. Wer danach im Internet sucht, bekommt fast ausschließlich eine Palette von Jugendromanen geboten. In der Belletristik hat bestenfalls »Fever Pitch« des Engländers Nick Hornby dem Fußball zu einem gewissen literarischen Erfolg verholfen. Das weiß auch Dominik Bardow, ehemaliger Sportredakteur des Tagesspiegels und bekennender Eintracht-Frankfurt-Fan. Dass er mit dem Roman »Trainingslager« das Thema Fußball bedient, ist daher einigermaßen mutig, aber vielleicht auch Ausdruck einer gewissen Verzweiflung. Mit seiner bitterbösen Satire gibt er all jenen Raum, die den allmählichen Untergang des »Jogo Bonito« betrauern.

Cover »Trainingslager« von Dominik BardowBardows Fußballroman »Trainingslager« ist ein bitterböser Abgesang auf das schöne Spiel.

So nennen Brasilianer den Fußball nämlich: das »schöne Spiel«. Und ein Brasilianer ist es auch, um den sich dieser Fußballkrimi letztlich dreht. Doch jener Jimmi ist kein Garrincha, kein Pelé und kein Ronaldo (nein nicht Cristiano Ronaldo!!). Er taugt bestenfalls noch als schlechtes Abziehbild eines großen Fußballers und wird dadurch zum Sinnbild für den Untergang des schönen Spiels.

Und darum geht es: Der desolate »HauptStadtClub« hat in den österreichischen Alpen sein Trainingslager aufgeschlagen. Dort wird der heruntergekommene und meist betrunkene Sportreporter Holle Schneise Zeuge einer Entführung. Eben jener Jimmi, wichtigster Spieler des Clubs, wird offenbar verschleppt. Holle macht sich mit Jimmis Verlobter Amira Brösel auf die Suche nach dem Verschwundenen. Die beiden Jäger nach dem verlorenen Fußballer geraten dabei in ein wahnwitziges Netz von Lügen und Intrigen, in dem schnell alles Sportliche und alles Menschliche auf der Strecke bleibt, weil nur noch der Kommerz regiert.

Mit viel Wortwitz und Sarkasmus jagt Bardow seine beiden Hauptprotagonisten von einer irrsinnigen Situation in die nächste. Das ist oft amüsant bis komisch, doch bisweilen bleibt einem das Lachen dann doch im Halse stecken. So überdreht die Handlung manchmal daherkommt, so sehr schimmert auch immer wieder durch, was den Fußball kaputt macht. Vieles wird dem Kenner der Materie bekannt vorkommen. Doch Situationen und handelnde Personen sind meist aus verschiedenen Versatzstücken zusammengefügt, so dass das Buch eher ein Kaleidoskop ist als ein Schlüsselroman, auch wenn es sehr verlockend ist, Bezüge zur realen Welt herzustellen.

Der Roman ist nicht nur ein Abgesang auf den Fußball, wie er einmal war, sondern auch auf die Medien, ohne die der Profifußball gar nicht denkbar ist. Hier sprengt das Buch auch den Rahmen des Fußballromans und wird zur Gesellschaftskritik. Beklemmend zeigt es den Bedeutungsverlust der klassischen Medien, die mehr und mehr von digitalen und sozialen Medien ersetzt werden und ihre Deutungshoheit verlieren oder gar freiwillig für ein paar Klicks aufgeben.

So ist »Trainingslager« nicht nur ein Buch für eingefleischte Fans des runden Leders. Auch überzeugte Vertreter der fußballfernen Bildungsschichten werden ihre Freude daran haben – und sei es nur, weil sie alle ihre Klischees bestätigt sehen. So lustig das Buch auch geschrieben ist, am Ende fällt einem vielleicht doch noch das Wort des großen Bill Shankly ein: »Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.«

Dominik Bardow
Trainingslager
Klappenbroschur
336 S., 20,00 €
Carpathia Verlag
ISBN 978-3-98630-020-3
mehr Infos

Die Buchpremiere findet am 13.10. um 19 Uhr im Backbord statt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2023.

Für Kinder und Erwachsene

Bei Anagramm gibt es Bücher für Menschen, die gerne denken

Was wäre die Welt ohne Bücher? Sicherlich ein ganzes Stück langweiliger und dümmer. In dieser Reihe stellen wir Orte vor, an denen es Literatur zum Anfassen und Erleben gibt: Ob Belletristik, Sachbuch, Kochbuch, Lyrikband oder Fachbuch – Kreuzberger Buchhandlungen haben für jeden die passende Horizont­erweiterung im Angebot.

Die Buchhändlerinnen Sonja Marchewa und Katja Dotzauer zwischen Bücherregalen in der Buchhandlung AnagrammKennen den Geschmack der Nachbarschaft: Sonja Marchewa und Katja Dotzauer. Foto: rsp

Trotz ihrer Größe von rund 140 Quadratmetern droht die Buchhandlung Anagramm in der Trubeligkeit des Mehring­damms fast ein wenig unterzugehen. Was schade wäre – denn in dem geräumigen Ladenlokal findet sich ein sorgfältig kuratiertes Lektüreangebot für jedes Alter: Etwa die Hälfte der Titel machen Kinder- und Jugendbücher aus, womit die Buchhandlung, die 1976 (noch in der Großbeerenstraße) als »Kinderbuchladen Kreuzberg« gegründet wurde, gewissermaßen ihrer Tradition treu bleibt.

Wo anderswo die Titel der Spiegel-Best­seller­lis­te aufgereiht werden, präsentiert Anagramm eigene Favoriten: In den Büchern auf dem Tisch nahe dem Eingang stecken kleine Empfehlungskärtchen der drei Buchhändlerinnen, die ziemlich genau wissen, was die Kundinnen und Kunden aus der Nachbarschaft mögen.

Und was mag die Nachbarschaft? »Sie denkt gerne«, sagt Buchhändlerin Sonja Marchewa. Deshalb lasse man im Zweifelsfall auch »lieber mal eine Schmonzette weg«.

Ein Fokus des Ladens ist Feminismus, generell findet man bei Anagramm viel Literatur von Frauen. Neben deutschsprachiger Belletristik und Sachbüchern gibt es auch zwei Regale mit englischen Titeln – und eine Wand mit Graphic Novels.

Zweimal im Jahr präsentieren die Buchhändlerinnen ihre Empfehlungen in gebündelter Form bei Buchvorstellungsabenden. Außerdem finden regelmäßig – etwa einmal im Monat – Lesungen statt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2023.

Gebrauchte Geisteswissenschaften

Im Antiquariat Minx in der Bergmannstraße gibt es noch einige Buchschätze zu heben

Was wäre die Welt ohne Bücher? Sicherlich ein ganzes Stück langweiliger und dümmer. In dieser Reihe stellen wir Orte vor, an denen es Literatur zum Anfassen und Erleben gibt: Ob Belletristik, Sachbuch, Kochbuch, Lyrikband oder Fachbuch – Kreuzberger Buchhandlungen haben für jeden die passende Horizont­erweiterung im Angebot.

Antiquar Rainer Minx zwischen vollen Regalen und Bananenkisten voller alter Bücher.Antiquar Rainer Minx zwischen vollen Regalen und Bananenkisten voller alter Bücher. Foto: rsp

Rund 25.000 Bücher dürften es sein, die in den Räumen des Antiquariats an der Ecke Bergmannstraße/Schenkendorfstraße auf neue Leser warten. Ganz so genau kann Rainer Minx, der das Geschäft seit 23 Jahren zusammen mit Mitinhaber Wilhelm Fetting betreibt, es nicht sagen; die Rechengröße des Antiquars ist die Bananenkiste – und von denen gibt es auf den rund 80 Quadratmetern etliche zwischen den vollen Regalen. Weitere Bestände finden sich in Minx’ Zweitladen ein paar Meter die Schenkendorfstraße hinauf sowie in einem weiteren Antiquariat in der Bücherstadt Wünsdorf in Brandenburg.

Auch wenn – auch und gerade unter den bei gutem Wetter vorm Laden aufgestellten Büchern – einige belletristische Titel und sogar Musik-CDs dabei sind, liegt der Fokus des Geschäfts doch eindeutig bei den Geisteswissenschaften: Theater und Kultur, Philosophie und Psychologie, Theologie, Judaica und eine ganze Menge Bücher, die sich mit Marxismus beschäftigen.

Das ist heutzutage, das sagt auch Rainer Minx, nicht gerade das, was sich besonders gut verkauft. Richtige Sammler gäbe es kaum noch, und jüngere Menschen würden gar nicht erst auf die Idee kommen, sich eine eigene Bibliothek aufzubauen.

Und doch gibt es immer wieder Menschen, die in dem Laden auf Entdeckungsreise gehen und den einen oder anderen Schatz heben – und damit den zynischen Fatalismus des passionierten Buchhändlers Lügen strafen. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert!

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2023.

Buchhandlung mit Druckwerkstatt

Große Auswahl für minderjährige Literaturfans bei Krumulus am Südstern

Was wäre die Welt ohne Bücher? Sicherlich ein ganzes Stück langweiliger und dümmer. In dieser Reihe stellen wir Orte vor, an denen es Literatur zum Anfassen und Erleben gibt: Ob Belletristik, Sachbuch, Kochbuch, Lyrikband oder Fachbuch – Kreuzberger Buchhandlungen haben für jeden die passende Horizont­erweiterung im Angebot.

Zwei Buchhändlerinnen von einem BücherregalBuchhändlerin Kerstin Hanne und Inhaberin Anna Morlinghaus. Foto: rsp

»Liebe kleine Krummelus, niemals will ich werden gruß«, lautet der Zauberspruch, mit dem Pippi Langstrumpf und ihre Freunde Tommy und Annika dem Erwachsenwerden abschwören. Die Buchhandlung Krumulus (mit drei U und einem M) am Südstern bietet auf jeden Fall genug Material, um die Zeit des Nicht-Erwachsenseins gut zu überstehen: Bilderbücher, Vorlesebücher, Bücher für Erstleser, Kleinkinder und Jugendliche finden sich auf den rund 80 angenehm verwinkelten Quadratmetern ebenso wie Sachbücher, Comics und Hörbücher für junge Menschen – mitgebrachte Erziehungsberechtigte können solange in der Erwachsenenecke abgestellt werden, die eine kleine Auswahl an Bestsellern und aktuellen Titeln bereithält.

Doch die sorgfältig kuratierte Auswahl an Kinder- und Jugendliteratur ist nicht alles, was der 2014 eröffnete Laden zu bieten hat: Im hinteren Galerieraum gibt es regelmäßige Ausstellungen mit Illustrationen, bei denen immer eines oder mehrere Bücher im Mittelpunkt stehen. Dort findet auch der Vorlesesalon für Kitagruppen und Schulklassen statt, außerdem gibt es Lesungen, Buchpremieren, Theater und musikalische Angebote für Familien sowie den Buchclub für Menschen zwischen 8 und 18.

In der Druckwerkstatt im Keller werden darüber hinaus Workshops für Kinder und Jugendliche angeboten, bei denen zum Beispiel Siebdruck und Linolschnitt ausprobiert werden können. In der Stempelwerkstatt können in den Sommerferien eigene Stempel gestaltet werden.

Linke Institution

Der Buchladen Schwarze Risse ist als Kollektiv organisiert

Was wäre die Welt ohne Bücher? Sicherlich ein ganzes Stück langweiliger und dümmer. In dieser Reihe stellen wir Orte vor, an denen es Literatur zum Anfassen und Erleben gibt: Ob Belletristik, Sachbuch, Kochbuch, Lyrikband oder Fachbuch – Kreuzberger Buchhandlungen haben für jeden die passende Horizont­erweiterung im Angebot.

Buchladen Schwarze Risse von außenHinter der unscheinbaren Tür verbirgt sich eine riesige Auswahl politischer Literatur. Foto: rsp

Den Buchladen Schwarze Risse als »Geheimtipp« zu bezeichnen, ginge wohl an der Realität vorbei, denn der Hinterhof, in dem sich das Souterrain-Geschäft verbirgt, ist der Meh­ring­hof, und zumindest in der politischen Linken ist der Laden eine feste Institution.

Die als Kollektiv organisierte Buchhandlung bietet so ziemlich alles an Literatur an, was zur außerparlamentarischen Opposition zu haben ist. Das sind ganz überwiegend Sach- und Fachbücher zu politischen und gesellschaftlichen Themen: Feminismus, Kommunismus und Anarchismus finden auf den rund 100 Quadratmetern ebenso ihren Platz wie Bücher, die sich mit Rassismus und Nationalsozialismus auseinandersetzen. Auch literaturwissenschaftliche und philosophische Titel gehören zum Sortiment, dazu kommen zahlreiche Zeitschriften sowie kleinere Abteilungen mit Comics, Belletristik und Krimis – auch hier mit einem klaren Fokus auf politische Themen.

Doch der Laden, in dem explizit kein Konsumzwang herrscht, versteht sich nicht allein als Buchhandlung: Fast jede Woche gibt es Lesungen und Diskussionsveranstaltungen, die auch eine Schnittstelle bilden sollen zwischen Gruppen, die eher auf der Straße arbeiten, und theoriebildenden Zusammenhängen. Von vielen Events gibt es Mitschnitte, die man im Schwarze-Risse-Podcast nachhören kann.

Der Buchladen wurde vor über 40 Jahren gegründet und gehörte damals zu den ersten Mietern des linksalternativen Kulturzentrums Meh­ring­hof.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2023.

Nixensolidarität

Skulptur im Viktoriapark in der Kritik

Ernst Herters Bronzeskulptur »Ein seltener Fang« im Viktoriapark: Ein Fischer ringt mit einer Meerjungfrau, die er aus dem Wasser gezogen hat. An der Skulptur lehnen diverse Pappschilder: »Jeden 3. Tag ein Femizid«, »Es fehlen 15.000 Frauen*hausplätzer«, »08000116016 Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen*«, »Instanbul-Konvention konsequent umsetzen«, »Schutzräume schaffen und erhalten«Ernst Herters Skulptur steht in der Kritik, sexualisierte Gewalt gegen Frauen zu verharmlosen. Foto: phils

»Jeden 3. Tag ein Femizid«, mahnt ein Pappschild, das an Ernst Herters Bronzeskulptur »Ein seltener Fang« hängt. Darunter ein Schild mit der Nummer vom Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (08000116016). Es ist nicht die erste Protestaktion gegen die Skulptur am Fuße des Wasserfalls im Viktoriapark. Zum Internationalen Frauentag am 8. März hatte die Initiative Nixen- und Meerfrauen*solidarität Blumen vor der Skulptur niedergelegt und mit einem Schild auf das Problem hingewiesen: »Gewalt gegen Frauen* ist keine Deko«.

Herters »seltener Fang« zeigt einen Fischer, der mit einer Nixe ringt, die ihm offenbar ins Netz gegangen ist. Die Meerjungfrau windet sich hilflos unter dem Griff des muskulösen Fischers und streckt dem Betrachter dabei unweigerlich ihren nackten Oberkörper entgegen.

Die Initiative sieht darin die Normalisierung von sexualisierter Gewalt. »Skulpturen wie diese lassen Übergriffe auf Körper von Frauen* normal und sogar dekorativ erscheinen«, so die Kritik. Insbesondere für Betroffene sei diese Darstellung im öffentlichen Raum unerträglich.

Tatsächlich fordert die Initiative nicht die Entfernung der 1896 entstandenen Bronze. Vielmehr wünsche man sich eine kritische Diskussion. »Ihre Wirkung soll durch eine künstlerische Intervention herausgefordert werden. Freiheit der Kunst heißt nicht, dass wir Kunst nicht kritisieren dürfen!« Auch wolle man keine Interpretation des Werks vorschreiben, wünsche sich aber Raum für die zusätzliche Interpretation, dass hier vergeschlechtlichte Gewalt normalisiert wird.

Unterstützung erfährt die Initiative durch einen Grünen-Antrag in der Bezirksverordnetenversammlung. Die Fraktion fordert eine »kritische Kontextualisierung und/oder künstlerische Auseinandersetzung mit der unter Denkmalschutz stehenden Skulptur und der durch sie ästhetisierten sexualisierten Gewalt.«

Die Bronzeskulptur steht bereits seit Jahren in der Kritik, Bestandteil einer »Rape Culture« zu sein, also einer Kultur, die sexuelle Übergriffe verharmlost und legitimiert. 2019 hatten Aktivist*innen das Werk »feministisch umgestaltet«: Die Nixe bekam einen pinken Bogen spendiert, um sich des Übergriffs zu erwehren, ein Pfeil durchbohrte scheinbar den Kopf des Fischers. Darunter klärte ein Schild über die Intention auf: »Fight Rape Culture!«

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2023.

Comeback zum 25. Jubiläum

Karneval der Kulturen lockt Hundertausende nach Kreuzberg

Tänzerinnen und Tänzer der Gruppe #WAS BEWEGT DICH beim Karneval der KulturenZum 25. Mal tanzte sich der Karneval der Kulturen durch Kreuzberg. Foto: phils

Es war fast wie früher – und dann doch irgendwie anders. Vier Jahre hatte der Karneval der Kulturen auf seine 25. Auflage warten müssen – und alle schienen froh, dass das bunte Treiben nach Kreuzberg zurückgekehrt ist.

Aber es war eben doch nicht ganz so wie früher. Dass der Zug am Pfingstsonntag gefühlt in die falsche Richtung unterwegs war, ließ sich ja noch leicht verschmerzen, zumal das Experiment schon beim letzten Karneval gewagt wurde. Ungewohnt war indes der Startpunkt: Gneisenaustraße Ecke Zossener Straße. Der Grund dafür war ein bitterer. Von den über 90 Gruppen vergangener Jahre sind gerade mal 48 übrig geblieben. 2.500 Menschen beteiligten sich an der Parade bis zum Hermannplatz. Das reichte immerhin für ein siebenstündiges Spektakel. So lange dauerte es, bis die letzte Gruppe die Grenzen von Neukölln erreicht hatte. Die Halbierung des Zuges fiel so gesehen gar nicht so richtig auf. 

Doch warum ist der Zug plötzlich so geschrumpft? Tatsächlich können sich viele Gruppen den finanziellen Aufwand nicht mehr leis­ten. In einem Interview mit dem rbb am Rande des Zuges erklärte Edson Marcelino da Rocha jr von der Furiosa Samba Band: »Mein Wunsch an die Politiker und die Investoren wäre, dass sie ein bisschen mehr uns unterstützen. Wir brauchen Platz und ein bisschen mehr Geld gehört auch dazu.«

Ein Wunsch, der bislang nach jedem Karneval geäußert wurde, aber offensichtlich bislang ungehört verhallte, wie die Halbierung der Gruppen beim Umzug vermuten lässt.

Und einfacher wird es nicht. Der Versuch, dieses Mal auf jegliche motorisierte Unterstützung zu verzichten, war zwar einerseits ein eindrucksvolles umweltpolitisches Statement.

Teilnehmer hoffen auf größere Unterstützung

Andererseits braucht es mindestens acht Leute, um einen großen Wagen durch den Umzug zu ziehen. Es könnte also sein, dass die Zahl der Wagen in Zukunft weiter abnehmen wird.

Während die Teilnehmer des Zuges mangelnde finanzielle Unterstützung beklagten, war manch ein Zuschauer am Straßenrand geschockt und besorgt um seine eigenen Finanzen. Zum Teil wurden für das KdK-Kultgetränk Caipirinha neun Euro aufgerufen. Eine simple Bratwurst war für fünf und eine Dose Bier für vier Euro zu haben.

Für Marie Höpfner, Vorsitzende von mog61 und Veranstalterin des Mittenwalder Straßenfests am 2. September, ein Unding. »Der Karneval der Kulturen ist ja auch ein multikulturelles Fest und dadurch auch ein Fest für Migranten. Viele von denen haben nur wenig Geld. Ausgerechnet sie können sich die Preise beim Karneval der Kulturen gar nicht mehr leisten.«

Die Kommerzialisierung und Professionalisierung des Festes, die schon 2019 mit dem neuen Veranstalter ihren Anfang genommen hatte, war auch dieses Mal Anlass zu manchen Diskussionen. Im Mittelpunkt  der Kritik standen neben den Preisen auch die ausgedehnten Straßensperrungen. Viele Besucher kamen nicht einmal zum Umzug durch, weil alle Zugänge gesperrt waren. Ärgerlich für viele Anwohner, etwa von Mittenwalder oder Zossener Straße. Sie bekamen nur Zugang zur heimischen Wohnung, wenn sie ihren Personalausweis vorzeigten. 

Am Ende wurden mehr als eine halbe Million Zuschauer auf dem Umzug gezählt. Am Ende waren die meisten froh, dass der Karneval zurück ist. Die Frage ist allerdings, für wie lange. In zwei Jahren wird das Straßenfest wegen Bauarbeiten auf dem Blücherplatz weichen müssen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2023.