Menschenkette mit Maskenpflicht

#Unteilbar verlangt in Kreuzberg: »Black Lives Matter!«

An die 20.000 Menschen spannten ein »Band der Solidarität«. Foto: ksk

Die Sonne schien, überhaupt herrschte wunderbares Sommerwetter, die Stimmung war sehr entspannt und endlich einmal musste man zum Demonstrieren nicht bis zum Kanzleramt oder zum Alexanderplatz laufen. Das »Band der Solidarität«, welches das Bündnis #Unteilbar am 14. Juni spannte, reichte bis nach Kreuzberg: über Baer­wald-, Gneisenau­straße und Hasenheide bis zum Hermannplatz.

Die Polizei sprach nachher von rund 8000 Teilnehmern, die Veranstalter von 20.000. In dem Aufruf zur Menschenkette ging es um eine kostenlose Gesundheitsversorgung oder eine Demokratisierung der Wirtschaft. Vor Ort überwogen dann aber vor allem aktuelle Forderungen wie »Black Lives Matter«, »Stoppt die AfD« oder »Rassismus ist keine Alternative«.

Demos während einer laufenden Pandemie sind natürlich eher heikel – deshalb gab es eine strenge Maskenpflicht. Die Polizei jedenfalls war des Lobes voll: »Das Hygienekonzept ist voll aufgegangen«, hieß es zufrieden. Na ja, Verdi und Linke haben bei Masken offenbar noch etwas Nachholbedarf. Und wenn selbst Ordner­innen Auflagen fröhlich ignorieren, kommt das nicht so gut.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Dilek Kalaycis Angst vor klaren Worten

Großes Rätselraten um die neue Corona-Quarantäne-Station in der Blücherstraße 26B

Die Haupstadtpflege ist eigentlich eine »Temporäre Notfall-Pflegeeinrichtung«. Foto: ksk

Am Ende ging alles so schnell, dass man schier nicht mehr hinterherkam. An einem Tag saß noch der Maler auf der Leiter vor der Front des »House of Life« und tilgte den alten Schriftzug. Am nächsten prangte dort schon das neue Logo von »Vivantes«. Der vom Förderverein liebevoll gepflegte Schaukasten wurde ausgeräumt, jetzt hängt dort nicht mehr der Flyer von »Kultur am Mittag«, sondern Werbung für »Vivantes Hauptstadtpflege«.

Das steht auch auf den Schildern am Eingang. Aber ist das überhaupt richtig? Ist das ehemalige House of Life ein ganz normales Seniorenwohnheim? Die Senatsverwaltung für Gesundheit spricht von einer »Temporären Notfall-Pflegeeinrichtung«. Das klingt schon ganz anders. Aber was soll das nun wieder sein?

Es hatte sich schon Ende Mai herumgesprochen, dass das House of Life einen Monat früher dicht macht, das Gebäude in der Blücherstraße 26B von der Senatsverwaltung für Gesundheit angemietet und bis Jahresende von Vivantes betrieben werden soll. In einem Aushang sprach der bisherige Träger FSE von einem »Ausweichquartier« zur Versorgung von Coronapatienten und Verdachtsfällen bei einer befürchteten zweiten Coronawelle. Das sei bereits am 19. Mai entschieden worden.

Auf dem Bezirksamt hieß es klipp und klar, das Haus werde ab 1. Juni als »Corona-Quarantäne-Station« genutzt. Das Gesundheitsamt habe es abgenommen. Nur die Pressestelle von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci wusste von nichts. Auf eine einschlägige KuK-Anfrage vom 27. Mai lautete die Antwort »Der Senatsverwaltung für Gesundheit … liegen hierzu keine Informationen vor.« Das kann jetzt bedeuten, dass der zuständige Pressereferent keine Ahnung hat, was in seinem Hause passiert. Oder dass er versuchte, den Deckel drauf­zuhalten, mithin die Unwahrheit sprach.

Erst zwei Wochen später kam die offizielle Pressemitteilung zur neuen »Temporären Notfall-Pflegeeinrichtung« heraus. O-Ton Kalayci: »Diese Einrichtung soll pflegebedürftigen Menschen übergangsweise eine Unterkunft bieten, wenn sie in der aktuellen Pandemielage nicht in ihrer häuslichen Umgebung gepflegt werden können«. Geschwurbelter geht es kaum. In dem ganzen Text kommt das Wort »Corona« nur ein einziges Mal, das Wort »Quarantäne« über­haupt nicht vor. Und für wen ist das Haus nun bestimmt? Für pflegebedürftige Menschen mit Corona? Ohne Corona? Oder vermutete Kontaktpersonen?

Das House of Life ist tot, es lebe Vivantes. Aber die Musik spielt nicht mehr. Foto: ksk

Man darf rätseln, warum sich die Senatorin so bedeckt hält. Hat sie Angst, dass schon beim Wort »Corona« Anwohner gegen einen befürchteten Hot-Spot im Kiez Sturm laufen? Sollen die Kosten vorsichtshalber unter dem Teppich bleiben, falls die zweite Welle ausbleibt? Keine Ahnung.

Klarheit schuf erst ein internes Schreiben der Berliner Krankenhausgesellschaft. Dort heißt es sinngemäß, der Corona-Ausbruch in einem Seniorenheim im Lichtenberger Ortsteil Fenn­pfuhl Ende April habe zu Diskussionen geführt. Damals seien alle Bewohner mangels Alternative in Krankenhäuser gebracht worden: »Mit der Errichtung und dem Betrieb einer Notfall-Pflegeeinrichtung soll die Wiederholung einer solchen Erfahrung vermieden werden.«

Es ist genau das, was FSE von Anfang an geschrieben und das Bezirksamt bestätigt hat: ein »Ausweichquartier« oder eben eine »Corona-Quarantäne-Station«.

Jetzt wollte die KuK von Frau Kalaycis Pressestelle nur noch wissen, wann das Haus den Betrieb aufnimmt, ob es ständig belegt oder nur als Reserve gedacht ist, wie viel Personal benötigt wird und was der Umbau kostet. Keine Antwort.

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement, Ein ganz einzigartiges Projekt, House of Life wird geschlossen sowie Kleiner Verein sucht neues Zuhause und Corona-Quarantäne im House of Life (Stand: 10.06.2020).

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Die Nacht ist nicht lang genug

Marcel Marotzke hat eine Filmidee

Ein Glas Grüne Berliner Weisse»Weisse mit Schuss. Gerührt, nicht geschüttelt.« Foto: cs

Man kann über die Corona-Pandemie und die Social-Distancing-Maßnahmen sagen, was man will, aber zu einem waren sie immerhin gut: Ich konnte mich endlich einmal mit dieser DVD-Box beschäftigen, die vor ein paar Monaten im Sonderangebot war: eine vollständige Sammlung sämtlicher James-Bond-Filme, die bislang erschienen sind und von denen ich tatsächlich einige noch nicht kannte.

Der Film-Marathon brachte im Wesentlichen drei Erkenntnisse:

Erstens: Eigentlich gibt es nur ein bis zwei wahre Bond-Darsteller.

Zweitens: Das ist aber egal. Heutzutage darf offenbar jeder Bond spielen.

Drittens: Die Handlung ist eigentlich genauso beliebig wie die Besetzung.

Aus all dem folgt zwingend, dass es auch genauso gut einen Kreuzberger Bond-Ableger geben könnte, um nicht zu sagen: sollte.

»Mein Name ist Grabowski. Günther Grabowski.« Als Doppelschrägstrichagent im Geheimdienst des Ordnungsamtes hat Grabowski, von den Kollegen nach seinem Stellenkürzel stets »//7« genannt, die Lizenz zum Abschleppen. Er berichtet direkt an M, die ihn als Bezirksbürgermeisterin mit den wirklich heiklen Aufträgen betraut.

Seine jüngsten Ermittlungen im Kneipenmilieu führen ihn auf die Spuren der mächtigen Geheimorganisation DEHOGA, die offenbar die Übernahme der kulinarischen Weltherrschaft plant. Nach einer wilden Nacht mit Punk-Mädchen Heike, Bedienung in einer widerständigen Alternativkneipe in SO 36, kommt es zu einer Verfolgungsjagd auf dem Landwehrkanal, bei der ein Ausflugsdampfer der Reederei Riedel kentert und einige Gitarren von Touristen auf der Admiralbrücke zu Bruch gehen. M ist not amused über //7s Vorgehensweise, die dem Bezirkshaushalt empfindlichen Schaden zugefügt hat. Auch Q, Bastler in einem Friedrichshainer Maker-Space, ist wenig erbaut vom Ablauf der Verfolgungsjagd, weil dabei das von ihm konstruierte schwimmende Dienstlastenfahrrad vollständig zerstört wurde.

M, eigentlich loyal zu ihrem Mitarbeiter, hat keine andere Wahl, als Grabowski vorübergehend freizustellen, auch weil seitens des Senats Vorwürfe laut wurden, Grabowski sei ein Maulwurf der Gegenseite. Doch beim Verlassen von Ms Büros überreicht ihre Sekretärin Gudrun Moneypenny //7 ein Dossier, aus dem sich ein Zusammenhang des Falles mit den Machenschaften der Immobilienbranche ergibt.

Während des Umzugs beim Karneval der Kulturen kommt es schließlich zum Showdown. Grabowski kapert eine Kameradrohne des rbb und gelangt nach einer spektakulären Stunt-Szene auf das Dach des Post-Towers, wo Oberschurke Christian Blofeld sein Hauptquartier bezogen hat. An seiner Seite: eine weiße Katze und ein buntes Punk-Mädchen. Heike ist die unfreiwillige Gespielin des Bösewichts!

Tja, und an dieser Stelle sollte jetzt eigentlich das ganze Gebäude einstürzen, dem Grabowski und Heike in letzter Sekunde mit Blofelds Privat-Gyrokopter entkommen. Leider war der Baustadtrat für die Einholung der Genehmigung telefonisch nicht erreichbar.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Corona-Quarantäne im House of Life

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci richtet dort eine „Temporäre Notfall-Pflegeeinrichtung“ ein

Noch erinnert der Inhalt des Schaukastens an das House of Life. Foto: ksk

Plötzlich ging alles ganz schnell: Zunächst sollte das „House of Life“ in der Blücherstraße 26B erst zum 30. Juni geschlossen werden, ganz überraschend war es dann aber schon am 31. Mai soweit. Flugs wurden neue Schilder angebracht mit dem Vivantes-Schriftzug, der alte „House-of-Life“-Schriftzug übermalt. Große Geheimnistuerei allerorten. Der städtische Gesundheitskonzern Vivantes gab keine Auskunft, die Senatsverwaltung für Gesundheit drückte sich zwei Wochen lang um eine Antwort auf die Anfrage von Kiez und Kneipe herum. Jetzt ist es endlich offiziell: Im ehemaligen Pflegeheim für Jüngere, das mehr als ein Jahrzehnt lang den Kiez mitgeprägt hat, wird bis zum Ende des Jahres eine „Temporäre Notfall-Pflegeinrichtung“ im Rahmen der Corona-Pandemie eingerichtet.

Was das genau sein soll, wird aus der Pressemitteilung nicht recht deutlich. „Diese Einrichtung soll pflegebedürftigen Menschen übergangsweise eine Unterkunft bieten, wenn sie in der aktuellen Pandemielage nicht in ihrer häuslichen Umgebung gepflegt werden können oder sie nach einem Krankenhausaufenthalt kurzfristig nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können“, schreibt Senatorin Dilek Kalayci dazu eher wolkig. Im beigelegten Informationsblatt werden als künftige Bewohner ausdrücklich pflegebedürftige Menschen sowohl ohne als auch mit einer bestätigten Covid-19-Infektion genannt – soweit sie nicht im Krankenhaus behandelt werden müssen. Sie können aufgenommen werden, wenn sie nach einem Klinikaufenthalt unter Quarantäne stehen oder im Seniorenheim oder in ihrer Wohngemeinschaft „die eigene häusliche Versorgung nicht sicher gestellt werden kann“. Das zentrale Wort „Quarantäne“ wird dabei vermieden und taucht im offiziellen Pressetext kein einziges Mal auf.

Das House of LIfe ist tot, es lebe Vivantes. Schon wird der alte Schriftzug übermalt. Foto: ksk

Nach KuK-Informationen ist die Senatsverwaltung für Gesundheit bereits seit 1. Juni Mieterin des Gebäudes, betrieben wird die Einrichtung mit insgesamt 118 Plätzen von der Vivantes Forum für Senioren GmbH. Gedacht ist an eine Unterbringung von in der Regel bis zu zwei, maximal jedoch vier Wochen. Das Projekt läuft bis zum Jahresende und soll, wie es heißt, „eine Lücke schließen“. In Ergänzung zu der bereitgestellten Notklinik in Messehalle 26 will die Senatsverwaltung offenbar Kapazitäten schaffen, um pflegebedürftige Menschen bei befürchteten Corona-Ausbrüchen für eine begrenzte Zeit an einem geschützten Ort unterbringen zu können.

In einer Mitteilung an die Beschäftigten des „House of Life“ hatte der Träger FSE von einem „Ausweichquartier im Kampf gegen Corona“ gesprochen, Neben der Klinik in der Messehalle werde „nun auch das ehemalige House of Life im Falle einer weiteren Krankheitswelle zur Versorgung der Patient*innen beitragen“. Tatsächlich, so Vivantes, sei vor Ort aber keine Behandlung und auch kein Krankenhaus geplant.

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement  und Ein ganz einzigartiges Projekt sowie House of Life wird geschlossen.

Ein ganz einzigartiges Projekt

Das House of Life leistete Pionierarbeit – macht jetzt aber leider dicht

Dank der Aktivitäten des ehrenamtlichen Fördervereins ging es im House of Life hoch her: Fest der Inklusion mit Fanfare Gertrude. Foto: ksk

Wenn man vor dem House of Life in der Blücherstraße 26B steht, wirkt es nicht besonders einladend. Eine graue, etwas heruntergekommene Betonburg, düster und unnahbar – auch die bunten Wandmalereien von Sergej Dott helfen wenig. Aber nach ein paar Schritten ins Innere ändert sich der Eindruck: Im »Café Bohne« gibt es leckeren Kuchen, im Garten lässt sich wunderbar in der Sonne sitzen und nach einer Weile wird klar, dass diese Menschen im Rollstuhl nicht einfach Menschen im Rollstuhl sind, sondern dass man mit ihnen reden kann.

Jahreskalender 2020. Zeichnung: Hardo

Als das House of Life 2006 gegründet wurde, war es ein ganz einzigartiges Projekt. Den Hintergrund bildete die wachsende Anzahl an schwer AIDS-Kranken, die intensive Betreuung benötigten, aber so gar nicht in ein übliches Seniorenheim mit einem Durchschnittsalter von 85 Jahren passten. Also entstand in langjähriger Kooperation der Berliner Aids-Hilfe mit der FSE Pflegeeinrichtungen gGmbH unter dem Dach der AWO die Idee, ein Pflegeheim nur für Jüngere einzurichten.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann bekommt den „Prize of Life“. Foto: privat

Das war das eine Bein des neuen Konzepts. Das andere bestand darin, dieses Heim nicht zu verstecken, sondern mitten hinein in das bunte, vielfältige Kreuzberg zu setzen. Die Bewohner*innen sollten ihr Gesicht nicht verlieren, sie sollten es zeigen, auch »draußen«, Brücken sollten geschlagen werden. »Das größte Geschenk, das man den Bewohner*innen machen kann«, hieß es damals, »ist eine starke und vitale Verbindung zum Leben der Stadt.«

Das ist 14 Jahre her. Viele sind im House of Life gestorben. Neben AIDS stehen inzwischen andere schwere Krankheiten im Vordergrund. In diesen 14 Jahren hat der ehrenamtliche Förderverein ein unglaubliches Feuerwerk an Veranstaltungen und anderen kreativen Ideen abgebrannt (s. rechte Seite). Aber jetzt ist damit Schluss: Nachdem es ursprünglich hieß, das House of Life werde zum 30. Juni geschlossen, ist es nun bereits seit dem 31. Mai dicht.

Der damalige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (mit Cello) beim Herbstfest 2008 mit Una Gonschorr. Foto: privat

»Die Bausubstanz des Gebäudes lässt ein weiteres Betreiben der Einrichtung durch uns leider nicht mehr zu«, schreibt die Geschäftsführung zur Begründung. Alle zuletzt 80 Bewohner*innen haben inzwischen eine neue Unterkunft gefunden, einige davon offenbar im Goldenherz in der Maxstraße. Die 65 Beschäftigten würden weiterbeschäftigt, heißt es.

Während der Träger FSE in seiner Stellungnahme geltend macht, der Entscheidung sei »ein intensiver Beratungsprozess« vorausgegangen, kam die Schließung für viele Betroffene doch sehr überraschend. Von »vollendeten Tatsachen« ist die Rede, Bekanntschaften seien zerrissen und vieles, was im Lauf der Jahre mühsam geschaffen wurde, mit einem Schlag zerstört worden. »Jetzt gehen sie wieder zurück ins Seniorenheim«, klagt einer.

Beim Träger FSE bemüht man sich hingegen um optimistischere Töne. Das House of Life habe mit der Idee der Teilhabe »wichtige Pionierarbeit geleistet«, heißt es. Und man verspricht: »Das Konzept der Jungen Pflege wird von der FSE weiter verfolgt. Wir sind auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie.«

Aufregende Zeit

Nicole Katschewitz. Foto: privat

Nicole Katschewitz ist Vorsitzende des Fördervereins House of Life e.V . Mit ihr sprach Klaus Stark.

KuK: Nicole, seit wann weißt du, dass das House of Life geschlossen wird?

Nicole Katschewitz: Das haben wir in einem persönlichen Gespräch am 5. März erfahren.

Wie habt ihr im Förderverein darauf reagiert?

Wir hätten nie gedacht, in welcher kurzen Zeitspanne das Haus geschlossen wird. Wir wollten bis zum Ende alle ehrenamtlichen Angebote weiter anbieten, aber wegen Corona herrschte seit 13. März offizielles Hausverbot.

Ist das House of Life am Ende gescheitert?

Das Konzept einer Pflegeeinrichtung für Jüngere ist nicht gescheitert. Alle Beteiligten haben immer wieder betont, dass dies wichtig und richtig war. Es war eine spannende und aufregende Zeit, die ich im House of Life verbringen durfte, wofür ich sehr dankbar bin.

Löst sich der Verein jetzt auf oder macht ihr weiter?

Das entscheidet die Mitgliederversammlung. We­gen Corona konnten wir die noch nicht durchführen.

 

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Für Bedürftige

Neue Corona-Aktion von mog61

Auch wenn jetzt die Kneipen wieder öffnen, ist Corona noch längst nicht vorbei. Der Verein »mog61 – Miteinander ohne Grenzen« hat sich in der Corona-Pandemie bereits stark engagiert, jetzt startet er eine neue Initiative: Noch im Juni sollen an die 300 Care-Pakete an Bedürftige und Obdachlose verteilt werden. Gedacht ist an eine kleine Textiltasche mit Überlebenshilfen in dieser schwierigen Zeit: Haltbare Lebensmittel wie abgepacktes Brot, Wurst und Käse, Schokolade, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Toilettenpapier, Desinfektionsmittel – das alles könnte sehr nützlich sein.

Um die Taschen zu füllen, ist der Verein auf großzügige Spender angewiesen. Vor allem Gewerbetreibende dürfen sich angesprochen fühlen, aber auch andere Menschen werden gebeten, die Aktion zu unterstützen. Eine Spendenquittung wird gerne erstellt.

»Die Corona-Pandemie bedroht viele Menschen in ihrer Gesundheit und Existenz und stellt unsere Gesellschaft vor neue Herausforderungen«, sagt mog61-Vorsitzende Marie Hoepfner. »Besonders Menschen mit sozialen Schwierigkeiten sind gefährdet, wie Straßenkinder, Obdachlose und Bedürftige.«

Der Verein, der in Nicht-Corona-Zeiten vor allem durch sein jährliches Straßenfest in der Mittenwalder Straße bekannt geworden ist, hat gleich zu Beginn der Pandemie als Ersatz für physischen Kontakt einen Online-Treffpunkt eingerichtet und inzwischen mehr als 800 Mund-Nasen-Masken genäht, die an soziale Einrichtungen verteilt wurden. Kontakt: 0176 99 743 624 oder info@mog61ev.de

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

»Dieses Homeoffice-Gefühl ist eigentlich ganz angenehm«

Wie die Schulen mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie umgehen / von Robert S. Plaul

So voll ist es zu voll: An der SFE muss die Basisdemokratie erst einmal anders organisiert werden. Foto: rsp (Archiv)

Die Maßnahmen zur Eingrenzung der Corona-Pandemie haben viele Menschen vor ganz neue Herausforderungen gestellt, vor allem, wenn es darum geht, ihrer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Doch während Arbeiten im Homeoffice und Videokonferenzen zumindest in einigen Branchen kein absolutes Neuland sind, funktioniert Schulunterricht meistens noch ziemlich analog und vor allem: vor Ort und in oft gro­ßen Gruppen – ein Ding der Unmöglichkeit in Zeiten von Corona.

Bei den Schülerinnen und Schülern an der Schule für Erwachsenenbildung (SFE) herrschte auf jeden Fall erstmal große Ratlosigkeit, als der Berliner Senat Mitte März die bislang schärfsten Maßnahmen beschloss. »Freitag haben wir gesagt bekommen: Ab Montag ist die Schule zu«, erzählt Hannah, die an der SFE ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg machen will. »Alle waren erstmal super-überfordert.« Tatsächlich ist die SFE vielleicht viel stärker von den Restriktionen betroffen als andere Schulen. »Unsere Schule lebt ja auch vom Miteinanderlernen und dem Basisdemokratischen«, erklärt die 24-Jährige, die auch im Vorstand des Trägervereins ist. So müssen derzeit auch die normalerweise alle zwei Wochen stattfindenden Vollversammlungen ausfallen, auf denen alle wesentlichen Beschlüsse gefasst werden. Stattdessen soll jetzt ein Delegiertensystem eingeführt werden.

Der Unterricht selbst verlagerte sich auf verschiedene digitale Kommunikationswege. Zunächst gab es überwiegend Aufgaben per E-Mail, später kamen immer öfter auch Zoom-Videokonferenzen dazu. Immer auch abhängig vom technischen Ausstattungsstand des Kollegiums, wie Simon einräumen muss, der an der SFE Mathematik unterrichtet. »Bei einigen hat es acht Wochen gedauert, bis sie sich ein Laptop angeschafft hatten.« Er selbst hat gute Erfahrungen mit dem Video-Unterricht gemacht. Zur Verwendung kam dabei nicht nur die Möglichkeit, den eigenen Bildschirm mit den Schülerinnen und Schülern zu teilen, sondern auch eine kleine Spielzeug-Tafel für Kinder.

»Es ist ein individuellerer Lernprozess als in der Schule.«

Im Zuge der allmählichen Lockerungen hat der Präsenzunterricht inzwischen wieder begonnen, allerdings mit weitreichenden Einschränkungen. Maximal drei Klassen sind gleichzeitig in der Schule, und es wird penibel auf die Abstands- und Hygienevorschriften geachtet. 4-Tage-Wochen mit Vorort- und Zoom-Unterricht wechseln sich jetzt ab, so dass nie zu viele Personen gleichzeitig in den Räumen im Mehringhof sind. Das reihum von den Klassen zubereitete Frühstück ist ebenso auf Eis gelegt wie der ebenfalls im Rotationsprinzip organisierte Putzplan. Das Reinigen der Räume wurde jetzt in professionelle Hände gelegt und ist »wahrscheinlich die bestbezahlte Putzstelle Berlins«, schätzt Simon – denn an der SFE bekommen alle Angestellten das gleiche Gehalt.

So diszipliniert wie an der SFE wird offenbar nicht überall mit den Eindämmungsmaßnahmen verfahren. Der Kreuzberger Max, der in Charlottenburg am Schiller-Gymnasium im 11. Jahrgang ist, war jedenfalls nicht so richtig überzeugt von der Einhaltung der Einlassregelungen bei den jetzt wieder eingeführten Präsenzterminen. Zwar mussten die Schülerinnen und Schüler eine Erklärung unterschreiben, die sie unter anderem über die Abstandspflicht informierte, aber etwa eine Maske – die dort auch nicht verpflichtend ist – trug kaum jemand. Weil bei ihm auch noch die Anreise per U-Bahn dazukommt, hat er seinen Lehrern mitgeteilt, dass er vorerst lieber von einem Besuch des Unterrichts absieht.

Die digitalen Lernmöglichkeiten bewertet er dafür durchweg positiv. »Dieses Homeoffice-Gefühl zu haben, ist eigentlich ganz angenehm«, findet er. »Es ist ein individuellerer Lernprozess als in der Schule.«

Anlaufschwierigkeiten mit der Technik habe es trotzdem gegeben, sehr abhängig vom Lehrer. »Manche haben wochenlang gar nichts gemacht.« Zudem herrschte ein gewisses Kommunikationschaos, weil neben E-Mail auch noch die App WebUntis und die Senats-Plattform Lernraum Berlin zum Einsatz kommen. Inzwischen klappe das allerdings ziemlich gut. »Ich vermisse aber die Situation mit anderen, gerade bei Fächern, bei denen die mündliche Arbeit spannend ist.«

MaxLieber mit Maske: Max ist von den Sicherheitsmaßnahmen seiner Schule nicht hundertprozentig überzeugt. Foto: rsp

Wie gut Unterricht unter den gegebenen Voraussetzungen funktioniert, ist aber auch immer abhängig von der Einsatzbereitschaft der Lehrkräfte. Was das angeht, kann sich Rebecca, Fünftklässlerin an der Lenau-Schule, nicht beklagen. »Wir haben großes Glück, weil die Klassenlehrerin unwahrscheinlich motiviert und engagiert ist«, sagt ihr Vater Gerald. Schnell habe die Lehrerin Kontakt zu den Eltern aufgenommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen, und ist damit wohl »eher die Ausnahme.« Auf eigene Faust hat sie sogar täglichen Sportunterricht per Videokonferenz angeboten.

»Jeder aus der Klasse hat jetzt Kontakt zur Lehrerin, per WhatsApp oder SMS«, erzählt Rebecca. Sie findet den Online-Unterricht zwar »nicht perfekt«, aber hält es für gut, dass sich jetzt auch mehr Schüler mit der Technik auskennen als früher.

Inzwischen findet auch an der Lenau-Schule teilweise wieder Unterricht vor Ort statt. Rebeccas Klasse, mit 21 Schülerinnen und Schülern ohnehin eher übersichtlich, ist dafür in zwei feste Gruppen geteilt worden. Präsenzunterricht und Homeschooling wechseln sich im Zweiwochenrhythmus ab, und der Lehrplan wurde auf die Fächer Englisch, Mathe und Deutsch eingedampft, da die Lehrkräfte sich natürlich nicht wie ihre Klassen aufteilen können.

Ein wenig Unklarheit herrscht noch bei der Frage, wie Homeschooling-Leistungen eigentlich zu bewerten sind. Immerhin eins steht fest: Die Zeugnisnoten können sich in diesem Halbjahr nicht verschlechtern, sondern nur verbessern.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Der Tresen bleibt tabu

Kneipen sind wieder offen

Leerer Tresen im unterRock (2018)So gemütlich und gewohnt es sein mag: Am Tresen sitzen ist erst einmal nicht erlaubt. Foto: rsp

Jetzt ging alles dann doch ganz schnell. War Mitte Mai noch nicht einmal absehbar, wann die Kneipen wieder öffnen, hieß es gegen Ende des Monats, dass der 21. Juni angepeilt sei. Doch dann kam der 28. Mai. Die Pressemitteilung des Senats umfasst eine Seite, auf der neun Punke zur Lockerung der Maßnahmen gegen die Verbreitung des SARS-Cov-2-Virus aufgeführt sind. Der vorletzte Punkt schließlich ließ den Wirten ganze Felsbrocken von den Herzen fallen: »Reine Schankwirtschaften (Gäste dürfen nur an Tischen bedient werden), Rauchergaststätten, Shisha-Gaststätten, Shisha-Bars dürfen ab dem 2. Juni 2020 geöffnet werden (bis 23 Uhr).«

Allerdings gelten auch für Kneipen strenge Auflagen, ähnlich wie für Restaurants. Es gilt ein strenges Hygienekonzept, an das sich Wirte und Gäste zu halten haben. Dazu gehört auch, dass der Tresen tabu bleibt.

Tasächlich war die unterschiedliche Behandlung von Restaurants und Kneipen nun ebenso schwer vermittelbar, wie noch im März, als am 14. die Kneipen schließen mussten und die Restaurants erst einige Tage später folgten.

Als nun die Restaurants unter Auflagen wieder öffnen durften, die Kneipen aber nicht, erhob sich unter den Wirten von Schankwirtschaften lauter Protest. Sie sahen sich einerseits ungerecht behandelt und fürchteten andererseits um ihre Existenz, sollten die Schließungen noch länger andaueren.

Es erinnerte ein wenig an die Situation mit der Einführung des Rauchverbotes vor rund zehn Jahren. Damals mussten sich viele Kneipen entscheiden, entweder auf das Rauchen oder das Angebot von zubereiteten Speisen zu verzichten. Ähnlich wie damals reagierten nun einige Kneipen, die kurzerhand das Rauchen verboten und stattdessen Speisen anboten.

Dass die Wiedereröffnung der Kneipen nun doch so schnell verfügt wurde, kam für die meisten überraschend. Wenige Tage zuvor stand sogar der ursprünglich angedachte Termin vom 21. Juni noch auf der Kippe. Vor allem der Vorfall im ostfriesischen Leer, als sich bei einer Restaurant-Eröffnung über 20 Menschen infiziert hatten, ließ Zweifel aufkommen.

Die langen Nächte enden um elf

Aber auch die Tatsache, dass die Reproduktionszahl in Berlin drei Tage hintereinander über den kritischen Wert bis auf 1,3 gestiegen war, galt als Warnzeichen. Inzwischen ist der Wert auf 0,4 gesunken und liegt im grünen Bereich.

Das alles bedeutet allerdings nicht, dass in den Kreuzberger Kneipen wieder unbeschwert gefeiert werden kann. Dazu sind die Auflagen noch zu streng. Die sprichwörtlich langen Nächte fallen zunächst einmal deutlich kürzer aus. Um 23 Uhr ist der Kneipenabend zu Ende. Bislang galt für die Restaurants, die seit 15. Mai wieder geöffnet haben, dass sie um 22 Uhr schließen mussten.

Die drangvolle Enge, die für viele Kneipen so typisch ist, wird es zunächst auch nicht geben. Natürlich gilt auch in Kneipen der Sicherheitsabstand. Und es heißt – zunächst – von lieben Gewohnheiten in der Kneipe Abschied nehmen. Wer seinen Stammplatz bislang am Tresen sah, wird sich in Zukunft einen Tisch suchen müssen, der auch noch über ausreichenden Abstand zum Nachbartisch verfügt. Zu eng darf es nicht werden.

Auch die Zahlungsmodalitäten werden sich für manchen ändern. Wer es gewohnt war, seine Rechnung direkt am Tresen zu begleichen, muss sich in Zukunft gedulden, bis er direkt am Tisch abkassiert wird.

Immerhin, das Bier darf dann ohne Mundschutz getrunken werden, aber bei Gang aufs stille Örtchen wird die Mund-Nasen-Abdeckung dann wieder fällig.

Wie sich das dann alles im realen Leben abspielen wird, bleibt noch abzuwarten. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hat jedenfalls schon mal weiteren Gesprächsbedarf in Sachen Hygienekonzept bei der Gastronomie angemahnt.

Kommentar: Auf Bewährung in die Kneipe?

Auf Bewährung in die Kneipe?

Wenn alles gut geht, wird es irgendwann mal heißen: »Corona dauerte vom 14. März bis zum 2. Juni 2020«. Für viele begann die wirkliche Wahrnehmung der Pandemie in dem Moment, als die Kneipen schlossen. Aber machen wir uns nichts vor. Corona gab’s schon vorher. Die ITB wurde zum Beispiel schon vorher abgesagt – und die Krise endet auch nicht am 2. Juni. Es gibt nicht wenige, die die Öffnung der Kneipen für voreilig halten. Allerdings ist fraglich, was in vier Wochen noch hätte öffnen können. Natürlich ist es wichtig, dass man nun auch den Wirt seines Vertrauens unterstützt, sonst kommt vielleicht doch noch das Aus.

Allerdings bedeutet die Öffnung auch, dass sich alle Gäste einer Kneipe darüber klar sein müssen, dass sie für sich und andere Verantwortung tragen und die Regeln, die jetzt gelten, auch befolgen. Sonst ist die Kneipe bald wieder zu.

They’re talkin’ about an isolation

Marcel Marotzke kennt die Profiteure der Krise

Angeschnittenes selbstgebackenes BrotWer selbst Brot bäckt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Foto: rsp

Ich bin bei dieser Zeitung gewiss nicht derjenige, der für Verschwörungstheorien verantwortlich zeichnet, aber beim Thema Corona muss ich dann doch mal die entscheidende Frage stellen: Cui bono? Wem nützt es? Die Antwort ist einfach: Leuten wie mir.

Während soziale Distanz und Isolation, Nudel- und Klopapier-Engpässe, geschlossene Kneipen und offene Rechnungen für Otto Normalverbraucher zunehmend zum Problem werden, gibt es auch Profiteure der Krise: Lesebühnenautoren und Kiezzeitungskolumnisten. Corona sei Dank können sie endlich schreiben, was noch nie jemand wissen wollte: Was für ein ödes Leben sie zu Hause in den eigenen vier Wänden führen. Wie der erste Brotbackversuch gelaufen ist. Was sie im Supermarkt gekauft haben und was nicht. Wie ihrer Meinung nach das Wort »Quarantäne« ausgesprochen wird. Wie gut die erste Videokonferenz geklappt hat. Was sie bei Netflix gesehen und auf Facebook gelesen haben.

All das haben wir Alltagsschreiber zwar schon immer geschrieben, aber erst die Krise adelt die belanglose Beobachtung zur pointierten Pulsmessung der Zeit. Geistloses wird zur Gesellschaftskritik, Genretext zur Gegenwartsliteratur.

Und noch eine Bevölkerungsgruppe darf derzeit jubilieren. Denn auch wenn fast 29 Jahre nach Erfindung der Webcam viele Menschen schon einmal Skype benutzt haben, sind Videokonferenzen doch erst seit Corona Mainstream geworden. Menschen, die derlei Hexenwerk benutzten und nicht wenigstens Journalisten oder Wirtschaftsfunktionäre waren, galten noch vor drei Monaten als hoffnungslose Nerds – genau wie jeder, der Computer bedienen konnte, die nicht im gleichen Raum waren, wie er selbst.

Und heute? Personen, die stets für ihre Tech­nik­affi­ni­tät belächelt wurden, werden plötzlich hofiert, weil nur sie erklären können, wie man das mit dem virtuellen Familien- oder Arbeitstreffen macht, und Tech­nik­skep­tiker, die das Internet bisher nur für WhatsApp, YouPorn und die elektronische Ein­kommens­steuer­erklä­rung benutzt haben, stehen plötzlich auf und sagen: »Danke, ihr Nerds dieser Welt, dass ihr damals das Internet für uns erfunden habt. Das war sehr weise von Euch.«

Tja, nein, leider tun sie das nicht. Dabei wäre es mal höchste Zeit dafür. Statt sich darüber zu beschweren, dass es beim Skypen ein Echo gibt, dass YouTube ruckelt und dass Windows schon wieder Updates installieren will, wäre jetzt eine gute Gelegenheit, sich bei denen zu bedanken, die den ganzen Kram überhaupt erst erfunden und die letzten Jahrzehnte damit verbracht haben, einer sich stetig vergrößernden Horde von Technikdeppen das Leben leichter zu machen.

Denn wie öde und kom­pli­ziert wäre das Leben in- und außerhalb der eigenen vier Wände ohne all das? Ohne Brotrezepte aus dem Internet, ohne Onlineshops für Waren des täglichen Bedarfs, ohne Kontakt zu Freunden und Familie, ohne Unterhaltung und Information aus aller Welt – und ohne Webwörterbücher, die einem die korrekte Aussprache von »Quarantäne« erklären und vorspielen? Insofern: Danke, Nerds!

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Als Krankenschwester durch die Krise

Kendra Popa arbeitet auf der Intensivstation des Urban-Krankenhauses

Kendra Popa. Foto: privat

Dass die Menschen, die nun in ihren Wohnungen sitzen und auch nicht so recht wissen, was sie machen sollen, um sich erkenntlich zu zeigen, nun eben ein paar Mal auf ihren Balkonen geklatscht haben, sei ja auch irgendwo verständlich. Manche Teile des Pflegepersonals, so Kendra Popa, fänden es sogar schön, nun »endlich mehr« Aufmerksamkeit für die Anforderungen ihres Berufs in der Pflege zu bekommen. Einige Kolleginnen und Kollegen hatten in der Vergangenheit schon ein wenig Bedenken, zu wenig gesehen zu werden. Das war allerdings nie ein Thema für sie. Popa hingegen habe nun eher ein unbehagliches Gefühl, wenn es heißt, dass das Pflegepersonal – also nur das Pflegepersonal – mehr Geld bekommen solle. Was sei denn mit Technikern, den Menschen, die in der Kantine arbeiten, den Reinigungskräften, dem Servicepersonal, den Ärzten? Schließlich sei es für alle Angestellten im Krankenhaus gerade eine sehr anstrengende Situation.

Kendra Popa ist Krankenschwester in der Anästhesie des Urban-Krankenhauses. Und nun auch auf der ITS, der Intensivstation, seitdem Corona auch hier in Kreuzberg angekommen ist. Seit dem 9. März ändert sich ihr Alltag in regelmäßigen Abständen. Der 9. März war der Tag, an dem die Krankenhausleitung die Maßnahmen beschloss: mehr Vorsicht, viele Masken, ITS unterstützen. Während der ersten Woche sollte das Pflegepersonal in der Freizeit in der Stadt bleiben, Handy auf laut schalten, abrufbar sein. »Das war schon eine besondere Situation, die keiner von uns vorher je so kannte«, erklärt Popa. Diese ziehe sich durch das gesamte Personal: Auf einmal fragen die Kolleginnen lieber drei Mal nach, wie es einem geht. Eine ganz andere Dimension von Solidarität sei das jetzt.

Die Umstellung auf die ITS sei zum Anfang natürlich auch eine Herausforderung gewesen. Zum einen natürlich fachlich: In weiten Teilen unterschieden sich die neuen Aufgaben von denen in der Anästhesie. Herzinfarkte und Reanimation gebe es dort, in der Anästhesie, seltener. Gleichzeitig sei aber auch interessant, wie viel anästhetisches Wissen dann eben doch in der intensivmedizinischen Betreuung gebraucht wird. Zudem seien Therapieverläufe in der Anästhesie ja nicht so sichtbar wie auf der ITS – bemerkenswert.

Was ihr allerdings wirklich naheginge, sei der zurückgeschraubte intensive Patientenkontakt. Während Popa ihre sonstigen Patienten von vor der OP bis in den Aufwachraum begleite, sehe sie so manche, doch längst nicht alle ITS-Patienten nie in einem Wachzustand oder hat viele Patienten auf einmal.

Ist sie dann mal wieder in ihrem eigentlichen Fachbereich, der den Betrieb während der Krise auf Notoperationen heruntergefahren hat (von zehn werden nur noch vier OP-Säle genutzt), erfahre sie einen nicht wie sonst von Zeitdruck beherrschten Betrieb. Dass ein unvertretbarer Personalmangel herrscht, sei schon vorher klar gewesen. Jetzt, im Ausnahmezustand, wo die OPs auf die nö­tigs­ten begrenzt sind, zeige sich allerdings das große Ausmaß des Mangels im Normalzustand.

Wie es weitergeht, das wisse natürlich niemand. Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen denke Popa aber nicht, dass der Peak schon erreicht ist und der große Ansturm ausbleiben wird. »Letztendlich sind wir aber auch ein Level-3-Krankenhaus«, die meisten Corona-Patienten würden vorerst nämlich erstmal in Level-1- und Level-2-Krankenhäusern untergebracht werden und das Urban vielleicht noch nicht an seine Kapazitätsgrenzen stoßen. Knappheit an Masken und Handschuhen hätten sie trotzdem nach bereits einer Woche gehabt. Hier erhofft sich Popa eine Verbesserung: Die Versorgungsketten sollten doch bitte so wenig wie möglich vom Ausland abhängig sein. Und: Weniger Klatschen, mehr Demonstrieren.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Maskenpflicht jetzt auch im Einzelhandel

Berliner Senat folgt Empfehlung von KIEZ UND KNEIPE

Schlagzeilen von rbb24, Berliner Zeitung, BZ, Tagesspiegel, Berliner Kurier.

Es kommt nicht allzuoft vor, dass der Berliner Senat sich an die Ratschläge unseres kleinen Stadtteilmagazins KIEZ UND KNEIPE hält. Aber genau das ist jetzt passiert!

Am 21. April hatte der Senat im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie beschlossen, dass im Berliner ÖPNV künftig eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden muss. In Einzelhandelsgeschäften hingegen wurde das lediglich „empfohlen“. Damit gab es in ganz Deutschland nur in Berlin in den Geschäften keine Maskenpflicht.

Die KuK berichtet darüber in ihrer Mai-Ausgabe unter dem Titel „Maskenpflicht nur im ÖPNV“ und deutet im Kommentar „Fauler Kompromiss“ vorsichtig an, dass die Redaktion diese Beschränkung auf den Nahverkehr für einen Fehler hält. Und kaum waren die Texte am Wochenende produziert, kam Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) schon ins Grübeln. „Ich habe mir das sehr genau angeschaut und war wirklich erschrocken, dass nur ungefähr ein Fünftel der einkaufenden Menschen eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen haben“, sagte sie prompt am Sonntagabend einer Nachrichtenagentur. „Ich halte deshalb auch dort eine Verpflichtung für unumgänglich.“ Und sieh an, die kritischen Stimmen mehrten sich von Tag zu Tag. Schließlich war am Dienstag nach einer erneuten Sitzung des Senats auch die Maskenpflicht in den Läden – wie von der KuK angeregt – unter Dach und Fach.

Wir fühlen uns in unserer Funktion als kritische Kiez-Presse verstanden und natürlich sehr geehrt! Allerdings hatte das nun den Nachteil, dass die Schlagzeile der gedruckten Mai-Ausgabe schon bei Erscheinen zumindest ergänzungsbedürftig war. Gerade in Corona-Zeiten ändern sich die Verhältnisse eben ziemlich schnell und auch als Monats-Publikation kann man sich nicht auf Dinge beschränken, die garantiert 30 Tage lang so bleiben, wir sie sind. Wenn es der Verbesserung der Welt dient, nehmen wir eine gewisse Unschärfe ohnehin gern in Kauf.

Apropos, da die KuK ja im Moment das Ohr des Regierenden Bürgermeisters zu besitzen scheint: Lieber Herr Müller, wäre es nicht sinnvoll, wenn in den Geschäften außer den Kunden auch alle Beschäftigten einen solchen Mundschutz tragen würden?

Fauler Kompromiss

Die Berliner Politik hinterlässt einmal mehr Ratlosigkeit. Wenn die behelfsmäßigen Mund-Nasen-Masken, von denen jetzt überall die Rede ist, tatsächlich sinnvoll sind – warum werden sie dann um alles in der Welt nur im ÖPNV, aber nicht im Einzelhandel vorgeschrieben?

Die Antwort ist relativ einfach. In Berlin hat derzeit niemand vor, das Tragen von Masken in Bus und Bahn zu kontrollieren oder Verstöße zu ahnden. Deshalb ist die Maskenpflicht dort im Grunde gar keine Maskenpflicht, sondern auch nicht viel mehr als eine Empfehlung. In den Geschäften hingegen wären die Händler dafür verantwortlich gewesen, dass die Regeln beachtet werden.

Politisch gesehen ist es ein fauler Kompromiss. Wer die Maskenpflicht haben wollte, bekommt sie. Und wer sie nicht haben wollte, kann sich damit trösten, dass es in Wirklichkeit gar keine ist. In der Sache – mit Blick auf das längst noch nicht besiegte Virus – macht Berlin vermutlich gerade einen Fehler.

Siehe auch: Maskenpflicht nur im ÖPNV

Update: Maskenpflicht jetzt auch im Einzelhandel

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Autos fahren hier künftig einspurig

Pop-up-Radweg am Kottbusser Damm lässt Radler jubeln

Pressetermin am Kottbusser Damm: Kein Mundschutz, nirgends. Abstand eher fragwürdig. Foto: ksk

Es geht um temporäre Radwege oder »Pop-up-Radwege«, wie sie inzwischen heißen. Der Bezirk fing Ende März damit an, zusätzliche Radspuren anzulegen. Begründet wurde das mit der Corona-Krise. Die »existente Radinfrastruktur«, hieß es damals, sei »nicht umfassend geeignet«, die nun geltenden Abstandsvorschriften für Radfahrer einzuhalten und sie auf diese Weise vor dem Virus zu schützen.

Rund zwölf Kilometer neue Radwege wurden bereits angelegt, letzte Woche ein besonders spektakulärer Abschnitt am Kottbusser Damm. Hier fahren Autos künftig nur noch einspurig. Denn am Rande enthüllte Weisbrich die eigentliche Nachricht: Fast alle neuen Radwege werden bleiben, da sie ohnehin vom Mobilitätsgesetz gefordert würden.

Linken-Fraktionschef Oliver Nöll findet das Handeln des Bezirks gut und richtig Der ADAC wittert »Partialinteressen«, Fahrradaktivisten sind begeistert: »Ein Traum wird wahr!«, twittert einer. Würde man sich als Fußgänger nur wünschen, dass mit der gleichen Argumentation endlich die lästigen Leihfahrräder und Elektroroller von den Trottoirs verschwinden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.