Sky, der Fußball und die Wirte

Seit November haben die Kneipen geschlossen – auch die, die Fußball zeigen und dafür jeden Monat viel Geld an den Pay-TV-Sender Sky zahlen. Sky ist den Wirten zwar ein wenig entgegengekommen, aber KuK-Chefredakteur Peter S. Kaspar hält das nur für ein Feigenblatt. Ein Kommentar.


Intro: Musik »It’s a jazz thing« von smiling cynic, Bar-Atmo von Leandros.Ntounis, licensed under CC BY 3.0.

Wirte verbittert über Sky

Sender fordert Geld von geschlossenen Kneipen

geschlossene Kneipe mit Sky-SchildKeine Kneipe – kein Fußball – bezahlen müssen viele Wirte trotzdem. Foto: psk

Auf gemeinschaftliche Fußballerlebnisse in Kneipen werden die Fans wohl noch einige Zeit verzichten müssen. Ob das künftig noch in der Stammkneipe geht, ist allerdings auch fraglich. Eine ganze Reihe von Wirten ist frustriert, und manche sind so zornig, dass sie überlegen, sich nach der Krise ganz vom Fußball in der Kneipe zu verabschieden – wenn sie die Krise überhaupt überleben.

Der Grund ist ihr Verhältnis zum größten Anbieter Sky, von dem sich Wirte während der Coronakrise ungerecht behandelt und unter Druck gesetzt fühlen. Seit November des vergangenen Jahres haben die Kneipen zu. Das heißt, sie können auch keinen Bundesligafußball oder die Championsleague zeigen. Für viele Wirte waren das die umsatzstärksten Tage der Woche.

Allerdings ist ein Kneipenabonnement bei Sky auch nicht gerade ein Schnäppchen. Die Kosten bemessen sich unter anderem nach der Größe der Kneipe und dem gewählten Paket, das heißt, ob zum Beispiel die Spiele der Championsleague enthalten sind. Das kann sich schnell zu einem vierstelligen Betrag addieren, der da monatlich fällig wird.

Nach Aussage verschiedener Wirte gegenüber Kiez und Kneipe hat Sky im November den Wirten keine Rechung gestellt. So weit so gut. Doch für die Monate Dezember, Januar und Februar sollte wieder bezahlt werden. Allerdings mit einem Abschlag von 30 Prozent. In den Schreiben wurde der Nachlass als »bedingungslos« bezeichnet und sollte offenbar ein Entgegenkommen signalisieren. Doch die Reaktionen darauf reichten von »Unverschämtheit« bis hin zu »Erpressung«. Viele Wirte stellen sich die Frage, warum sie überhaupt für ein Angebot zahlen müssen, das sie nicht nutzen können.

Situation nach dem 1. April unklar

Das sehen, zumindest manche, Sky-Vertreter anders. So wurde mindestens einem Wirt die Antwort gegeben, er könne ja das Sky-Angebot weiterhin privat nutzen.

Doch damit nicht genug. Ab 1. April sollten die Wirte wieder den vollen Preis bezahlen. Ob es wirklich dazu kommt, ist angesichts der aktuellen Coronalage ungewiss, es ist genau so gut möglich, dass Sky die jetzige Regelung fortschreibt.

Kiez und Kneipe hat natürlich auch versucht, von Sky eine Antwort zu bekommen. Doch schriftliche Anfragen wurden von dem Sender ignoriert.

Eine der Fragen bezog sich unter anderem auch auf individuelle Absprachen. Tatsächlich haben Wirte mit Sky ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Einer schreibt uns, er habe sich »ehrenhaft gewehrt«, bis ihm die vorzeitige Kündigung mit einer saftigen Konventionalstrafe angedroht worden sei. Einer seiner Kollegen berichtet von einer telefonischen Zusage über die Rücknahme der Rechnung, die dann aber schon tags darauf kassiert worden sein. Nach monatelangen Verhandlungen ist dieser Wirt dann zu einer Einigung mit Sky gekommen.

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. So hat ein Wirt klar erklärt, »er wolle mit Sky nichts mehr zu tun haben«, ein anderer bleibt zähneknirschend »im Interesse seiner Gäste« dabei. Der nächste Kollege ist zufrieden mit dem, was er ausgehandelt hat.

Dabei sind die Ausgangspositionen durchaus auch unterschiedlich. Die Kosten für Sky können bei den Wirten zur Existenzgefährdung führen, bei denen die Novemberhilfe noch nicht oder in geringem Umfang angekommen ist.

KuK und Horch – Das Audio-Thema

Mit dem Format KuK und Horch wollen wir in Zukunft Themen auch mit kurzen Audio-Beiträgen ergänzen. Was KuK-Chef Peter S. Kaspar zum Fußball zu sagen hat, hört Ihr hier: Sky, der Fußball und die Wirte

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2021.

Dezentral und im August

Bezirk sagt alle Straßenfeste ab, doch der Karneval der Kulturen soll trotzdem stattfinden

Menschenmassen beim Straßenfest des Karnevals der Kulturen 2014So voll wie 2014 sollte ein Straßenfest in diesem Jahr besser nicht werden. Foto: rsp

Die unscheinbare Pressemitteilung vom 22. Januar hatte es in sich: »Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat einstimmig entschieden, dass aufgrund der Corona-Pandemie im Frühjahr und Sommer 2021 im Bezirk keine großen Veranstaltungen oder Feste im öffentlichen Straßenland oder Grünanlagen stattfinden können.« Davon betroffen seien unter anderem das MyFest, der Karneval der Kulturen und das  LesBiSchwule Parkfest im Volkspark Friedrichshain. »In diesem Jahr wird das Bezirksamt die erforderlichen Genehmigungen für das 2. und 3. Quartal nicht erteilen«, heißt es weiter. Solange keine Herdenimmunität vorliege, sei es »keine gute Idee, wieder zu öffentlichen Festen und Großveranstaltungen zu laden«, lässt sich Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann darin zitieren. »Es wäre das falsche Sig­nal, jetzt mit den Vorbereitungen zu beginnen.«

Tatsächlich scheint es unwahrscheinlich, dass die traditionelle Straßenfestsaison in üblicher Weise begangen werden kann: Die Durchimpfung der Bevölkerung geht wegen verschiedenster Probleme bisher nur schleppend vonstatten, sodass Straßenfeste mit dicht gedrängten Menschenmassen auch in absehbarer Zeit kaum möglich sein dürften.

Bei den Organisatoren des weitaus be­su­cher­stärks­ten Kreuzberger Fests hat man die Hoffnung trotzdem nicht aufgegeben. Ende Januar teilte das Team des Karnevals der Kulturen mit, dass man nach der coronabedingten Zwangspause im vergangenen Jahr in 2021 wieder »ein Zeichen für ein weltoffenes und diverses Berlin setzen« wolle. Der Karneval der Kulturen soll also stattfinden – allerdings in radikal anderer Form und auch erst am 15. August.

Statt einer Großveranstaltung in Kreuzberg plane man mehrere sig­ni­fi­kant kleinere, coronakonforme Veranstaltungen, die über die ganze Stadt verteilt werden sollen.

Planung für coronakonformen Karneval der Kulturen ist noch ganz am Anfang

»Mini-Karneval« als Demo auf der Gneisenaustraße Ende Mai 2020»Mini-Karneval« Ende Mai 2020. Foto: Frank Löhmer

Dass auch im August »keine Millionenveranstaltung stattfinden kann«, sei natürlich klar, erklärte Christiane Dramé von der PR- und Projektmanagementagentur Fabrikpublik auf Rückfrage. Man sei noch ganz am Anfang der Planung, mache sich aber bereits seit geraumer Zeit Gedanken über Alternativen und sei im Gespräch mit der Senatsverwaltung.

Viele Events der letzten Monate sind wegen der Pandemie in hybrider oder sogar rein digitaler Form durchgeführt worden. Abgesehen von der Medienpartnerschaft mit dem rbb, der in den vergangenen Jahren auch Livestreams vom KdK angeboten hat, sei der Karneval jedoch »eine zutiefst analoge Veranstaltung«. Deswegen sei man bemüht, eine Form zu finden, die, wenn irgend möglich, zumindest »an den Karneval erinnert«.

Wie das genau aussehen könnte, ist sechseinhalb Monate vor dem avisierten Termin freilich noch unklar. Während kleinere, über die Stadt verteilte Bühnen noch vorstellbar sind, dürfte es schwierig werden, den normalerweise am Pfingstsonntag stattfindenden Umzug zu miniaturisieren. Im vergangenen Jahr hatte es statt des abgesagten Karnevals zwar einen Mini-Umzug durch die Gneisenaustraße gegeben – angemeldet als Demo – aber in diesem Jahr kommt erschwerend hinzu, dass auch die beteiligten Gruppen bis auf Weiteres keine Gelegenheit haben, für Auftritte zu proben. Es bleibt also weiterhin spannend, was der Sommer bringt.

Kommentar zur Absage durch das Bezirksamt: Klare Haltung, falsches Signal

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2021.

Klare Haltung, falsches Signal

Die klare Haltung des Bezirks zum Thema Straßenfeste ist zweifellos vernünftig: Niemand, der halbwegs bei Trost ist, kann in den nächsten Monaten ernsthaft Veranstaltungen mit mehreren zehn- oder gar hunderttausend Besuchern in Erwägung ziehen – jedenfalls nicht mit dem dichten Gedränge, wie wir es seit Jahren vom MyFest, vom Bergmannstraßenfest und eben auch vom Karneval der Kulturen kennen. Aber dass der Bezirk den Karneval absagt (so nach­zu­le­sen auf berlin.de), ohne den Veranstaltern die Chance zu geben, alternative Veranstaltungsformen zu entwickeln oder eine entsprechende Ankündigung zumindest zuerst zu veröffentlichen, ist übergriffig und wenig hilfreich. Großveranstaltungen während einer Pandemie zu verbieten, gehört zur Fürsorgepflicht, aber ob mit der offenbar unabgesprochenen Absage tatsächlich das richtige Signal gesetzt wird, darf bezweifelt werden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2021.

Kostenlose medizinische Masken für Bedürftige

14 Abholstationen in Kreuzberg und Friedrichshain

Stapel mit OP-MaskenSeit Sonntag sind medizinische Masken Pflicht beim Betreten von Geschäften und im ÖPNV. Foto: jardin/pixabay

Ab Dienstag werden auch im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die vom Senat zur Verfügung gestellten Schutzmasken kostenlos an Bedarfsberechtigte verteilt. Berechtigt sind Empfänger*innen von ALG II, von Leistungen der Grundsicherung, der Hilfe zum Lebensunterhalt, von Hilfen zur Pflege, von Wohngeld sowie Empfänger*innen von Eingliederungshilfen. Auch Empfänger*innen des Kinderzuschlags und von BAföG erhalten kostenlos Masken. Die Ausgabe der Masken, die durch Netzwerkpartner des Bezirks erfolgt, ist auf fünf Stück pro Person begrenzt. Die Berechtigung muss durch Vorlage des BerlinPass oder eines aktuellen Leistungsbescheids nachgewiesen werden.

Insgesamt gibt es 14 Abholstationen im Bezirk:

In Kreuzberg:

  • Nachbarschaftshaus Urbanstraße e. V.; Urbanstr. 21, 10961 Berlin; Mo bis Fr von 9 bis 17 Uhr vor dem NHU
  • MGH Gneisenaustraße; Gneisenaustr. 12, 10961 Berlin; Mo bis Fr von 12 bis 17 Uhr
  • MGH Wassertor; Wassertorstr. 48, 10969 Berlin; Mo bis Fr von 13 bis 16 Uhr vor dem Mehrgenerationenhaus
  • Kotti e.V.; Dresdner Str. 12, 10999 Berlin; Mo bis Do 10 bis 16.30 Uhr und Fr von 10 bis 13 Uhr
  • AWO Begegungszentrum; Adalbertstr. 23 a, 10997 Berlin; Mo bis Fr von 9 bis 15 Uhr
  • Kreuzberger Stadtteilzentrum; Lausitzer Str. 8, 10999 Berlin; Mo, Mi, Do und Fr von 12 bis 16 Uhr
  • Inti Haus; Friedrichstr. 1, 10969 Berlin; Mo bis Fr von 11 bis 15 Uhr

In Friedrichshain:

  • STZ Friedrichshain; Pauline-Staegemann-Str. 6, 10249 Berlin; Di, Mi und Fr 11 bis 13 Uhr
  • Selbsthilfe-Treffpunkt; Boxhagener Str. 89, 10245 Berlin; Mi 15 bis 18 Uhr und Fr 10 bis 13 Uhr
  • AWO Kiezcafe; Petersburger Str. 92, 10249 Berlin; Mo bis Fr von 11 bis 16 Uhr
  • RuDi Kultur- und Nachbarschaftszentrum; Modersohnstr. 55, 10245 Berlin; Mo bis Fr von 9 bis 17 Uhr
  • KPE – Kontaktstelle PflegeEngagement; Gryphiusstraße 16, 10245 Berlin; Di von 11 bis 14 Uhr
  • Familienzentrum Menschenskinder; Fürstenwalder Straße 25/30, 10243 Berlin; Mo bis Fr von 10 bis 16 Uhr
  • Nachbarschaftstreff der Volkssolidarität – WIR IM KIEZ; Koppenstraße 61, 10243 Berlin; Mo und Do von 13 bis 15 Uhr sowie Mi von 9 bis 11 Uhr

Obdachlose Menschen werden zusätzlich über Streetworker*innen versorgt. Außerdem werden Obdachloseneinrichtungen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe beliefert.

Mit der jüngsten Änderung der Infektionsschutzverordnung ist das Tragen medizinischer Masken in Geschäften und bei der Benutzung von Bus und Bahn jetzt verpflichtend. Eine einfache Mund-Nasen-Bedeckung reicht nicht mehr aus.

Für die Kiezkultur wird’s wieder eng

Gastronomen bekommen 75 Prozent vom letztjährigen Novemberumsatz

Die Lichter gehen wieder aus in der Gastronomie. Für einen Monat ist alles zu. Foto: psk

Jetzt ist es doch passiert: Auf die zweite Corona-Welle, die sich in den letzten Wochen durch stetig steigende Inzidenzzahlen bemerkbar gemacht hat, folgt der zweite Lockdown. Anders als beim ersten Lockdown sind Schulen, Kitas und der Einzelhandel diesmal nicht von Schließungen betroffen, sondern »nur« Theater, Museen, Kinos, Konzerthäuser, Sporteinrichtungen und die gesamte Gastronomie und Hotellerie. Oder wie es extra3-Satiriker Chris­tian Ehring zusammenfasste: »Alles, was Spaß macht, geht nicht, halt nur Arbeit und Schule.«

Für Gastronomen und Kulturschaffende stellt sich die Situation indessen weitaus weniger amüsant dar als für Otto-Normal-Konsumenten, die lediglich für voraussichtlich vier Wochen auf liebgewonnene Freizeitbeschäftigungen verzichten müssen und dabei am Ende noch Geld sparen. Die letzten Monate haben sowohl der Gastronomie, als auch der Kulturbranche arg zugesetzt. Die Abstandsregeln haben auch nach der Wiedereröffnung der Kneipen für eine Reduzierung des Umsatzes gesorgt, ebenso wie die im Oktober verordnete Sperrstunde, die eigentlich nur bis Ende des Monats hätte gelten sollen. Veranstalter im Kulturbereich haben teilweise erhebliche Investitionen in die Umsetzung von Hygienekonzepten getätigt, staatliche Hilfsgelder konnten die Verluste kaum ausgleichen.

Zumindest für den aktuellen November-Lockdown soll das anders aussehen. Bis zu 75 Prozent des Vorjahres-November-Umsatzes sollen von Schließungen betroffene Unternehmen erhalten können. Im Einzelfall mag das rentabler sein als der eingeschränkte Betrieb der letzten Wochen.

Details über das Förderprogramm, das nicht mit der »Überbrückungshilfe II« zu verwechseln ist, aber wohl ebenfalls über www.ueberbrueckungshilfe-unternehmen.de zu beantragen sein wird, standen zum Redaktionsschluss allerdings noch nicht fest.

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2020.

Das Blöde ist immer und überall

Marcel Marotzke lässt sich professionell beraten

Ischgl ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt für seine wunderschönen Konsonanten. Foto: unbek./ETH Zürich

Ich kam ein paar Minuten zu spät zu meiner samstäglichen kolumnistischen Beratungsstunde. In Mitte war fast alles gesperrt gewesen, weil rund 20.000 Menschen dort allen Ernstes »für das Ende von Corona« demonstriert hatten, wie ich einem Plakat entnehmen konnte. Wie sie sich das vorstellten, war nicht recht verständlich, und dass keiner eine Maske trug, machte ihr eigenartiges Anliegen um so unglaubwürdiger. Immerhin, mit dem Sprechchor »Wir sind die zweite Welle« mochten sie recht haben. Es war erbarmungswürdig.

»Du bist spät dran«, kommentierte meine Beraterin.

»Ja, ich weiß«, druckste ich herum und erklärte ihr, was mich aufgehalten hatte.

»Vielleicht solltest du die Schuld nicht immer bei anderen suchen?«, warf sie ein.

»Machen die doch auch!«, erwiderte ich patzig. »Immer muss irgendwer am eigenen Unwohlsein schuld sein. Bill Gates, Merkel, die 5G-Lobby … Das ist doch affig«, regte ich mich auf. »Nur weil die zu blöd oder faul sind, eine Maske zu tragen und ein bisschen Rücksicht auf andere zu nehmen.«

Meine kolumnistische Beraterin nickte verständnisvoll. Ihre Vergangenheit als Psychologin kam mal wieder zum Vorschein.

»Im Übrigen habe ich es satt, ständig über irgendwas mit Corona zu schreiben«, kam ich zum eigentlichen Grund meines Besuchs. »Ich brauche mal wieder ein Thema, das Menschen glücklich macht, statt sie zu frustrieren und … denen … in die Arme zu treiben.«

Sie überlegte. »Schreib doch was über Skifahrer«, sagte sie dann.

»Skifahrer?«, erwiderte ich irritiert. »Und wo ist da der Kreuzberg-Bezug?«

»Na, du wirst doch wohl auch Leute in Kreuzberg kennen, die Ski fahren.«

»Ja, aber du weißt schon, dass wir gerade den ersten August haben?« Draußen waren an die 30 Grad. Meine kolumnistische Beraterin musste einen Hitzschlag erlitten haben.

»Antizyklisch denken!«, forderte sie mich auf.

»Also ich denke beim Skifahren vor allem an Bänderrisse und Knochenbrüche«, überlegte ich. »Und an den Corona-Ausbruch in Ischgl natürlich.«

»Da hast du recht, das ist nicht gut«, gab sie zu. »Vielleicht was über den Postraub gestern am Hermannplatz?«

»Ich glaube, da ist der Kollege Reuter schon dran. Außerdem: Die Frage, die mich am meisten beschäftigt, ist ja, ob die Bankräuber eigentlich Masken trugen. Wir haben schließlich gerade eine Pandemie – auch wenn einige Leute das nicht glauben wollen.« Ich fing schon wieder an, mich aufzuregen.

Sanft legte sie ihre Hand auf meine Schulter. »Du fängst schon wieder an, dich aufzuregen«, stellte sie fest. »Schreib doch was über Kneipen. Das geht immer!«

»Kneipen und Aerosole?«, fragte ich. Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen, aber da ich eine Maske trug, konnte sie es nicht sehen.

»Oh Mann!« Sie fasste sich an den Kopf. »Hauptsache«, seufzte sie, »du lässt mich da raus.«

»Keine Sorge«, log ich. »Niemals würde ich öffentlich zugeben, dass ich kolumnistische Beratung in Anspruch nehme.«

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Dinieren statt Parkieren

»X-Hain-Terrassen« sollen Lokalen und Einzelhandel über die Krise helfen

X-Hain-Terrasse auf einem ParkstreifenWo gerade noch Autos standen, gibt es jetzt Wein und Köstlichkeiten. Foto: rsp

Mehr als 110 Gastwirte aus Friedrichshain-Kreuzberg, davon etwa die Hälfte aus Kreuzberg, haben bislang von dem Angebot des Bezirks Gebrauch gemacht, eine zusätzliche Sondernutzungsfläche für die Außengastronomie zu beantragen. Für die sogenannten »X-Hain-Terrassen« wird, abhängig von der Größe des Lokals, ein gewisser Teil des Parkstreifens auf der Straße abgesperrt und steht temporär als erweiterte Bewirtungsfläche zur Verfügung – allerdings nur freitags bis sonntags von jeweils 11 bis 22 Uhr. Der Antrag selbst ist kostenlos, lediglich die Kosten für Halteverbotsschilder und Absperrungen müssen selbst getragen werden.

Neben der Gastronomie können auch Einzelhändler und soziale Projekte eine Sondernutzung beantragen. Ihnen steht die umgewidmete Parkfläche montags bis freitags von 10 bis 20 Uhr zur Verfügung.

Mit dem Angebot will der Bezirk die Auswirkungen der geltenden Abstandsregelungen abmildern, mit denen eine Verringerung der maximalen Gästezahl einhergeht.

Nachdem in einer ersten Runde Online-Anträge für den Zeitraum bis Ende August möglich waren und das Formular kurzfristig vom Netz genommen wurde, steht es jetzt wieder zur Verfügung. Sofern der Ort des Betriebs die Bedingungen erfüllt (Nebenstraße, keine Spielstraße), werden jetzt Genehmigungen bis Ende Oktober erteilt. Bestehende Nutzer sollen unkompliziert verlängern können.

Auch wenn die Reduzierung der Parkflächen für Autos in die bezirkliche Verkehrsstrategie zu passen scheint, sei die Maßnahme ausdrücklich nur eine Reaktion auf die coronabedingten Herausforderungen, erklärt Pressesprecherin Sara Lühmann. Ob es eine Neuauflage im nächsten Jahr geben wird, »hängt vom Pandemie-Geschehen ab.«

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Die Nacht ist nicht lang genug

Marcel Marotzke hat eine Filmidee

Ein Glas Grüne Berliner Weisse»Weisse mit Schuss. Gerührt, nicht geschüttelt.« Foto: cs

Man kann über die Corona-Pandemie und die Social-Distancing-Maßnahmen sagen, was man will, aber zu einem waren sie immerhin gut: Ich konnte mich endlich einmal mit dieser DVD-Box beschäftigen, die vor ein paar Monaten im Sonderangebot war: eine vollständige Sammlung sämtlicher James-Bond-Filme, die bislang erschienen sind und von denen ich tatsächlich einige noch nicht kannte.

Der Film-Marathon brachte im Wesentlichen drei Erkenntnisse:

Erstens: Eigentlich gibt es nur ein bis zwei wahre Bond-Darsteller.

Zweitens: Das ist aber egal. Heutzutage darf offenbar jeder Bond spielen.

Drittens: Die Handlung ist eigentlich genauso beliebig wie die Besetzung.

Aus all dem folgt zwingend, dass es auch genauso gut einen Kreuzberger Bond-Ableger geben könnte, um nicht zu sagen: sollte.

»Mein Name ist Grabowski. Günther Grabowski.« Als Doppelschrägstrichagent im Geheimdienst des Ordnungsamtes hat Grabowski, von den Kollegen nach seinem Stellenkürzel stets »//7« genannt, die Lizenz zum Abschleppen. Er berichtet direkt an M, die ihn als Bezirksbürgermeisterin mit den wirklich heiklen Aufträgen betraut.

Seine jüngsten Ermittlungen im Kneipenmilieu führen ihn auf die Spuren der mächtigen Geheimorganisation DEHOGA, die offenbar die Übernahme der kulinarischen Weltherrschaft plant. Nach einer wilden Nacht mit Punk-Mädchen Heike, Bedienung in einer widerständigen Alternativkneipe in SO 36, kommt es zu einer Verfolgungsjagd auf dem Landwehrkanal, bei der ein Ausflugsdampfer der Reederei Riedel kentert und einige Gitarren von Touristen auf der Admiralbrücke zu Bruch gehen. M ist not amused über //7s Vorgehensweise, die dem Bezirkshaushalt empfindlichen Schaden zugefügt hat. Auch Q, Bastler in einem Friedrichshainer Maker-Space, ist wenig erbaut vom Ablauf der Verfolgungsjagd, weil dabei das von ihm konstruierte schwimmende Dienstlastenfahrrad vollständig zerstört wurde.

M, eigentlich loyal zu ihrem Mitarbeiter, hat keine andere Wahl, als Grabowski vorübergehend freizustellen, auch weil seitens des Senats Vorwürfe laut wurden, Grabowski sei ein Maulwurf der Gegenseite. Doch beim Verlassen von Ms Büros überreicht ihre Sekretärin Gudrun Moneypenny //7 ein Dossier, aus dem sich ein Zusammenhang des Falles mit den Machenschaften der Immobilienbranche ergibt.

Während des Umzugs beim Karneval der Kulturen kommt es schließlich zum Showdown. Grabowski kapert eine Kameradrohne des rbb und gelangt nach einer spektakulären Stunt-Szene auf das Dach des Post-Towers, wo Oberschurke Christian Blofeld sein Hauptquartier bezogen hat. An seiner Seite: eine weiße Katze und ein buntes Punk-Mädchen. Heike ist die unfreiwillige Gespielin des Bösewichts!

Tja, und an dieser Stelle sollte jetzt eigentlich das ganze Gebäude einstürzen, dem Grabowski und Heike in letzter Sekunde mit Blofelds Privat-Gyrokopter entkommen. Leider war der Baustadtrat für die Einholung der Genehmigung telefonisch nicht erreichbar.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

»Dieses Homeoffice-Gefühl ist eigentlich ganz angenehm«

Wie die Schulen mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie umgehen / von Robert S. Plaul

So voll ist es zu voll: An der SFE muss die Basisdemokratie erst einmal anders organisiert werden. Foto: rsp (Archiv)

Die Maßnahmen zur Eingrenzung der Corona-Pandemie haben viele Menschen vor ganz neue Herausforderungen gestellt, vor allem, wenn es darum geht, ihrer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Doch während Arbeiten im Homeoffice und Videokonferenzen zumindest in einigen Branchen kein absolutes Neuland sind, funktioniert Schulunterricht meistens noch ziemlich analog und vor allem: vor Ort und in oft gro­ßen Gruppen – ein Ding der Unmöglichkeit in Zeiten von Corona.

Bei den Schülerinnen und Schülern an der Schule für Erwachsenenbildung (SFE) herrschte auf jeden Fall erstmal große Ratlosigkeit, als der Berliner Senat Mitte März die bislang schärfsten Maßnahmen beschloss. »Freitag haben wir gesagt bekommen: Ab Montag ist die Schule zu«, erzählt Hannah, die an der SFE ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg machen will. »Alle waren erstmal super-überfordert.« Tatsächlich ist die SFE vielleicht viel stärker von den Restriktionen betroffen als andere Schulen. »Unsere Schule lebt ja auch vom Miteinanderlernen und dem Basisdemokratischen«, erklärt die 24-Jährige, die auch im Vorstand des Trägervereins ist. So müssen derzeit auch die normalerweise alle zwei Wochen stattfindenden Vollversammlungen ausfallen, auf denen alle wesentlichen Beschlüsse gefasst werden. Stattdessen soll jetzt ein Delegiertensystem eingeführt werden.

Der Unterricht selbst verlagerte sich auf verschiedene digitale Kommunikationswege. Zunächst gab es überwiegend Aufgaben per E-Mail, später kamen immer öfter auch Zoom-Videokonferenzen dazu. Immer auch abhängig vom technischen Ausstattungsstand des Kollegiums, wie Simon einräumen muss, der an der SFE Mathematik unterrichtet. »Bei einigen hat es acht Wochen gedauert, bis sie sich ein Laptop angeschafft hatten.« Er selbst hat gute Erfahrungen mit dem Video-Unterricht gemacht. Zur Verwendung kam dabei nicht nur die Möglichkeit, den eigenen Bildschirm mit den Schülerinnen und Schülern zu teilen, sondern auch eine kleine Spielzeug-Tafel für Kinder.

»Es ist ein individuellerer Lernprozess als in der Schule.«

Im Zuge der allmählichen Lockerungen hat der Präsenzunterricht inzwischen wieder begonnen, allerdings mit weitreichenden Einschränkungen. Maximal drei Klassen sind gleichzeitig in der Schule, und es wird penibel auf die Abstands- und Hygienevorschriften geachtet. 4-Tage-Wochen mit Vorort- und Zoom-Unterricht wechseln sich jetzt ab, so dass nie zu viele Personen gleichzeitig in den Räumen im Mehringhof sind. Das reihum von den Klassen zubereitete Frühstück ist ebenso auf Eis gelegt wie der ebenfalls im Rotationsprinzip organisierte Putzplan. Das Reinigen der Räume wurde jetzt in professionelle Hände gelegt und ist »wahrscheinlich die bestbezahlte Putzstelle Berlins«, schätzt Simon – denn an der SFE bekommen alle Angestellten das gleiche Gehalt.

So diszipliniert wie an der SFE wird offenbar nicht überall mit den Eindämmungsmaßnahmen verfahren. Der Kreuzberger Max, der in Charlottenburg am Schiller-Gymnasium im 11. Jahrgang ist, war jedenfalls nicht so richtig überzeugt von der Einhaltung der Einlassregelungen bei den jetzt wieder eingeführten Präsenzterminen. Zwar mussten die Schülerinnen und Schüler eine Erklärung unterschreiben, die sie unter anderem über die Abstandspflicht informierte, aber etwa eine Maske – die dort auch nicht verpflichtend ist – trug kaum jemand. Weil bei ihm auch noch die Anreise per U-Bahn dazukommt, hat er seinen Lehrern mitgeteilt, dass er vorerst lieber von einem Besuch des Unterrichts absieht.

Die digitalen Lernmöglichkeiten bewertet er dafür durchweg positiv. »Dieses Homeoffice-Gefühl zu haben, ist eigentlich ganz angenehm«, findet er. »Es ist ein individuellerer Lernprozess als in der Schule.«

Anlaufschwierigkeiten mit der Technik habe es trotzdem gegeben, sehr abhängig vom Lehrer. »Manche haben wochenlang gar nichts gemacht.« Zudem herrschte ein gewisses Kommunikationschaos, weil neben E-Mail auch noch die App WebUntis und die Senats-Plattform Lernraum Berlin zum Einsatz kommen. Inzwischen klappe das allerdings ziemlich gut. »Ich vermisse aber die Situation mit anderen, gerade bei Fächern, bei denen die mündliche Arbeit spannend ist.«

MaxLieber mit Maske: Max ist von den Sicherheitsmaßnahmen seiner Schule nicht hundertprozentig überzeugt. Foto: rsp

Wie gut Unterricht unter den gegebenen Voraussetzungen funktioniert, ist aber auch immer abhängig von der Einsatzbereitschaft der Lehrkräfte. Was das angeht, kann sich Rebecca, Fünftklässlerin an der Lenau-Schule, nicht beklagen. »Wir haben großes Glück, weil die Klassenlehrerin unwahrscheinlich motiviert und engagiert ist«, sagt ihr Vater Gerald. Schnell habe die Lehrerin Kontakt zu den Eltern aufgenommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen, und ist damit wohl »eher die Ausnahme.« Auf eigene Faust hat sie sogar täglichen Sportunterricht per Videokonferenz angeboten.

»Jeder aus der Klasse hat jetzt Kontakt zur Lehrerin, per WhatsApp oder SMS«, erzählt Rebecca. Sie findet den Online-Unterricht zwar »nicht perfekt«, aber hält es für gut, dass sich jetzt auch mehr Schüler mit der Technik auskennen als früher.

Inzwischen findet auch an der Lenau-Schule teilweise wieder Unterricht vor Ort statt. Rebeccas Klasse, mit 21 Schülerinnen und Schülern ohnehin eher übersichtlich, ist dafür in zwei feste Gruppen geteilt worden. Präsenzunterricht und Homeschooling wechseln sich im Zweiwochenrhythmus ab, und der Lehrplan wurde auf die Fächer Englisch, Mathe und Deutsch eingedampft, da die Lehrkräfte sich natürlich nicht wie ihre Klassen aufteilen können.

Ein wenig Unklarheit herrscht noch bei der Frage, wie Homeschooling-Leistungen eigentlich zu bewerten sind. Immerhin eins steht fest: Die Zeugnisnoten können sich in diesem Halbjahr nicht verschlechtern, sondern nur verbessern.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Der Tresen bleibt tabu

Kneipen sind wieder offen

Leerer Tresen im unterRock (2018)So gemütlich und gewohnt es sein mag: Am Tresen sitzen ist erst einmal nicht erlaubt. Foto: rsp

Jetzt ging alles dann doch ganz schnell. War Mitte Mai noch nicht einmal absehbar, wann die Kneipen wieder öffnen, hieß es gegen Ende des Monats, dass der 21. Juni angepeilt sei. Doch dann kam der 28. Mai. Die Pressemitteilung des Senats umfasst eine Seite, auf der neun Punke zur Lockerung der Maßnahmen gegen die Verbreitung des SARS-Cov-2-Virus aufgeführt sind. Der vorletzte Punkt schließlich ließ den Wirten ganze Felsbrocken von den Herzen fallen: »Reine Schankwirtschaften (Gäste dürfen nur an Tischen bedient werden), Rauchergaststätten, Shisha-Gaststätten, Shisha-Bars dürfen ab dem 2. Juni 2020 geöffnet werden (bis 23 Uhr).«

Allerdings gelten auch für Kneipen strenge Auflagen, ähnlich wie für Restaurants. Es gilt ein strenges Hygienekonzept, an das sich Wirte und Gäste zu halten haben. Dazu gehört auch, dass der Tresen tabu bleibt.

Tasächlich war die unterschiedliche Behandlung von Restaurants und Kneipen nun ebenso schwer vermittelbar, wie noch im März, als am 14. die Kneipen schließen mussten und die Restaurants erst einige Tage später folgten.

Als nun die Restaurants unter Auflagen wieder öffnen durften, die Kneipen aber nicht, erhob sich unter den Wirten von Schankwirtschaften lauter Protest. Sie sahen sich einerseits ungerecht behandelt und fürchteten andererseits um ihre Existenz, sollten die Schließungen noch länger andaueren.

Es erinnerte ein wenig an die Situation mit der Einführung des Rauchverbotes vor rund zehn Jahren. Damals mussten sich viele Kneipen entscheiden, entweder auf das Rauchen oder das Angebot von zubereiteten Speisen zu verzichten. Ähnlich wie damals reagierten nun einige Kneipen, die kurzerhand das Rauchen verboten und stattdessen Speisen anboten.

Dass die Wiedereröffnung der Kneipen nun doch so schnell verfügt wurde, kam für die meisten überraschend. Wenige Tage zuvor stand sogar der ursprünglich angedachte Termin vom 21. Juni noch auf der Kippe. Vor allem der Vorfall im ostfriesischen Leer, als sich bei einer Restaurant-Eröffnung über 20 Menschen infiziert hatten, ließ Zweifel aufkommen.

Die langen Nächte enden um elf

Aber auch die Tatsache, dass die Reproduktionszahl in Berlin drei Tage hintereinander über den kritischen Wert bis auf 1,3 gestiegen war, galt als Warnzeichen. Inzwischen ist der Wert auf 0,4 gesunken und liegt im grünen Bereich.

Das alles bedeutet allerdings nicht, dass in den Kreuzberger Kneipen wieder unbeschwert gefeiert werden kann. Dazu sind die Auflagen noch zu streng. Die sprichwörtlich langen Nächte fallen zunächst einmal deutlich kürzer aus. Um 23 Uhr ist der Kneipenabend zu Ende. Bislang galt für die Restaurants, die seit 15. Mai wieder geöffnet haben, dass sie um 22 Uhr schließen mussten.

Die drangvolle Enge, die für viele Kneipen so typisch ist, wird es zunächst auch nicht geben. Natürlich gilt auch in Kneipen der Sicherheitsabstand. Und es heißt – zunächst – von lieben Gewohnheiten in der Kneipe Abschied nehmen. Wer seinen Stammplatz bislang am Tresen sah, wird sich in Zukunft einen Tisch suchen müssen, der auch noch über ausreichenden Abstand zum Nachbartisch verfügt. Zu eng darf es nicht werden.

Auch die Zahlungsmodalitäten werden sich für manchen ändern. Wer es gewohnt war, seine Rechnung direkt am Tresen zu begleichen, muss sich in Zukunft gedulden, bis er direkt am Tisch abkassiert wird.

Immerhin, das Bier darf dann ohne Mundschutz getrunken werden, aber bei Gang aufs stille Örtchen wird die Mund-Nasen-Abdeckung dann wieder fällig.

Wie sich das dann alles im realen Leben abspielen wird, bleibt noch abzuwarten. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hat jedenfalls schon mal weiteren Gesprächsbedarf in Sachen Hygienekonzept bei der Gastronomie angemahnt.

Kommentar: Auf Bewährung in die Kneipe?

Auf Bewährung in die Kneipe?

Wenn alles gut geht, wird es irgendwann mal heißen: »Corona dauerte vom 14. März bis zum 2. Juni 2020«. Für viele begann die wirkliche Wahrnehmung der Pandemie in dem Moment, als die Kneipen schlossen. Aber machen wir uns nichts vor. Corona gab’s schon vorher. Die ITB wurde zum Beispiel schon vorher abgesagt – und die Krise endet auch nicht am 2. Juni. Es gibt nicht wenige, die die Öffnung der Kneipen für voreilig halten. Allerdings ist fraglich, was in vier Wochen noch hätte öffnen können. Natürlich ist es wichtig, dass man nun auch den Wirt seines Vertrauens unterstützt, sonst kommt vielleicht doch noch das Aus.

Allerdings bedeutet die Öffnung auch, dass sich alle Gäste einer Kneipe darüber klar sein müssen, dass sie für sich und andere Verantwortung tragen und die Regeln, die jetzt gelten, auch befolgen. Sonst ist die Kneipe bald wieder zu.

They’re talkin’ about an isolation

Marcel Marotzke kennt die Profiteure der Krise

Angeschnittenes selbstgebackenes BrotWer selbst Brot bäckt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Foto: rsp

Ich bin bei dieser Zeitung gewiss nicht derjenige, der für Verschwörungstheorien verantwortlich zeichnet, aber beim Thema Corona muss ich dann doch mal die entscheidende Frage stellen: Cui bono? Wem nützt es? Die Antwort ist einfach: Leuten wie mir.

Während soziale Distanz und Isolation, Nudel- und Klopapier-Engpässe, geschlossene Kneipen und offene Rechnungen für Otto Normalverbraucher zunehmend zum Problem werden, gibt es auch Profiteure der Krise: Lesebühnenautoren und Kiezzeitungskolumnisten. Corona sei Dank können sie endlich schreiben, was noch nie jemand wissen wollte: Was für ein ödes Leben sie zu Hause in den eigenen vier Wänden führen. Wie der erste Brotbackversuch gelaufen ist. Was sie im Supermarkt gekauft haben und was nicht. Wie ihrer Meinung nach das Wort »Quarantäne« ausgesprochen wird. Wie gut die erste Videokonferenz geklappt hat. Was sie bei Netflix gesehen und auf Facebook gelesen haben.

All das haben wir Alltagsschreiber zwar schon immer geschrieben, aber erst die Krise adelt die belanglose Beobachtung zur pointierten Pulsmessung der Zeit. Geistloses wird zur Gesellschaftskritik, Genretext zur Gegenwartsliteratur.

Und noch eine Bevölkerungsgruppe darf derzeit jubilieren. Denn auch wenn fast 29 Jahre nach Erfindung der Webcam viele Menschen schon einmal Skype benutzt haben, sind Videokonferenzen doch erst seit Corona Mainstream geworden. Menschen, die derlei Hexenwerk benutzten und nicht wenigstens Journalisten oder Wirtschaftsfunktionäre waren, galten noch vor drei Monaten als hoffnungslose Nerds – genau wie jeder, der Computer bedienen konnte, die nicht im gleichen Raum waren, wie er selbst.

Und heute? Personen, die stets für ihre Tech­nik­affi­ni­tät belächelt wurden, werden plötzlich hofiert, weil nur sie erklären können, wie man das mit dem virtuellen Familien- oder Arbeitstreffen macht, und Tech­nik­skep­tiker, die das Internet bisher nur für WhatsApp, YouPorn und die elektronische Ein­kommens­steuer­erklä­rung benutzt haben, stehen plötzlich auf und sagen: »Danke, ihr Nerds dieser Welt, dass ihr damals das Internet für uns erfunden habt. Das war sehr weise von Euch.«

Tja, nein, leider tun sie das nicht. Dabei wäre es mal höchste Zeit dafür. Statt sich darüber zu beschweren, dass es beim Skypen ein Echo gibt, dass YouTube ruckelt und dass Windows schon wieder Updates installieren will, wäre jetzt eine gute Gelegenheit, sich bei denen zu bedanken, die den ganzen Kram überhaupt erst erfunden und die letzten Jahrzehnte damit verbracht haben, einer sich stetig vergrößernden Horde von Technikdeppen das Leben leichter zu machen.

Denn wie öde und kom­pli­ziert wäre das Leben in- und außerhalb der eigenen vier Wände ohne all das? Ohne Brotrezepte aus dem Internet, ohne Onlineshops für Waren des täglichen Bedarfs, ohne Kontakt zu Freunden und Familie, ohne Unterhaltung und Information aus aller Welt – und ohne Webwörterbücher, die einem die korrekte Aussprache von »Quarantäne« erklären und vorspielen? Insofern: Danke, Nerds!

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Als Krankenschwester durch die Krise

Kendra Popa arbeitet auf der Intensivstation des Urban-Krankenhauses

Kendra Popa. Foto: privat

Dass die Menschen, die nun in ihren Wohnungen sitzen und auch nicht so recht wissen, was sie machen sollen, um sich erkenntlich zu zeigen, nun eben ein paar Mal auf ihren Balkonen geklatscht haben, sei ja auch irgendwo verständlich. Manche Teile des Pflegepersonals, so Kendra Popa, fänden es sogar schön, nun »endlich mehr« Aufmerksamkeit für die Anforderungen ihres Berufs in der Pflege zu bekommen. Einige Kolleginnen und Kollegen hatten in der Vergangenheit schon ein wenig Bedenken, zu wenig gesehen zu werden. Das war allerdings nie ein Thema für sie. Popa hingegen habe nun eher ein unbehagliches Gefühl, wenn es heißt, dass das Pflegepersonal – also nur das Pflegepersonal – mehr Geld bekommen solle. Was sei denn mit Technikern, den Menschen, die in der Kantine arbeiten, den Reinigungskräften, dem Servicepersonal, den Ärzten? Schließlich sei es für alle Angestellten im Krankenhaus gerade eine sehr anstrengende Situation.

Kendra Popa ist Krankenschwester in der Anästhesie des Urban-Krankenhauses. Und nun auch auf der ITS, der Intensivstation, seitdem Corona auch hier in Kreuzberg angekommen ist. Seit dem 9. März ändert sich ihr Alltag in regelmäßigen Abständen. Der 9. März war der Tag, an dem die Krankenhausleitung die Maßnahmen beschloss: mehr Vorsicht, viele Masken, ITS unterstützen. Während der ersten Woche sollte das Pflegepersonal in der Freizeit in der Stadt bleiben, Handy auf laut schalten, abrufbar sein. »Das war schon eine besondere Situation, die keiner von uns vorher je so kannte«, erklärt Popa. Diese ziehe sich durch das gesamte Personal: Auf einmal fragen die Kolleginnen lieber drei Mal nach, wie es einem geht. Eine ganz andere Dimension von Solidarität sei das jetzt.

Die Umstellung auf die ITS sei zum Anfang natürlich auch eine Herausforderung gewesen. Zum einen natürlich fachlich: In weiten Teilen unterschieden sich die neuen Aufgaben von denen in der Anästhesie. Herzinfarkte und Reanimation gebe es dort, in der Anästhesie, seltener. Gleichzeitig sei aber auch interessant, wie viel anästhetisches Wissen dann eben doch in der intensivmedizinischen Betreuung gebraucht wird. Zudem seien Therapieverläufe in der Anästhesie ja nicht so sichtbar wie auf der ITS – bemerkenswert.

Was ihr allerdings wirklich naheginge, sei der zurückgeschraubte intensive Patientenkontakt. Während Popa ihre sonstigen Patienten von vor der OP bis in den Aufwachraum begleite, sehe sie so manche, doch längst nicht alle ITS-Patienten nie in einem Wachzustand oder hat viele Patienten auf einmal.

Ist sie dann mal wieder in ihrem eigentlichen Fachbereich, der den Betrieb während der Krise auf Notoperationen heruntergefahren hat (von zehn werden nur noch vier OP-Säle genutzt), erfahre sie einen nicht wie sonst von Zeitdruck beherrschten Betrieb. Dass ein unvertretbarer Personalmangel herrscht, sei schon vorher klar gewesen. Jetzt, im Ausnahmezustand, wo die OPs auf die nö­tigs­ten begrenzt sind, zeige sich allerdings das große Ausmaß des Mangels im Normalzustand.

Wie es weitergeht, das wisse natürlich niemand. Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen denke Popa aber nicht, dass der Peak schon erreicht ist und der große Ansturm ausbleiben wird. »Letztendlich sind wir aber auch ein Level-3-Krankenhaus«, die meisten Corona-Patienten würden vorerst nämlich erstmal in Level-1- und Level-2-Krankenhäusern untergebracht werden und das Urban vielleicht noch nicht an seine Kapazitätsgrenzen stoßen. Knappheit an Masken und Handschuhen hätten sie trotzdem nach bereits einer Woche gehabt. Hier erhofft sich Popa eine Verbesserung: Die Versorgungsketten sollten doch bitte so wenig wie möglich vom Ausland abhängig sein. Und: Weniger Klatschen, mehr Demonstrieren.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.