Der Osten und der Westen

Dreißig Jahre Mauerfall – was bedeutet das?

Die Geschichten der Menschen, die dabei waren, als die Mauer fiel, sind spannend. Aber davon haben wir mittlerweile die meisten gehört.

Also fragen wir unsere beiden Redaktionsküken. Was bedeutet Ost und West für Menschen, die nach 1990 geboren sind? Ist die Wiedervereinigung ihrer Meinung nach geglückt? Oder ist Deutschland immer noch gespalten?

Zwei Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Geschichten von Ost und West.

Zu den Artikeln:

Ninell Oldenburg: Mein Osten
Victor Breidenbach: Mein Westen

Feiernde Menschen auf Berliner Mauer. Pop-Art von TutuTutu ist Pop-Art-Künstlerin und betreibt seit 2012 eine Atelier-Galerie in der Mittenwalder Straße 16. Dem Thema Mauerfall hat sie eine ganze Bilderserie gewidmet. Diese und ihre anderen Werke kann man in ihrem gemütlichen Ladengeschäft oder auf ihrer Webseite bewundern und Originale, Poster und Postkarten kaufen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2019.

Mein Osten

Ninell ist in Frankfurt (Oder) aufgewachsen

Dass der Osten den objektiv gesehen Kürzeren gezogen hatte, war mir sehr lange nicht klar. Ich fand immer, aus dem Osten zu sein, hatte sowas Lässiges. Ich war immer schon stolz auf die FKK-Kultur, ich mag den Brandenburger Dialekt und diese unprätentiöse Art. Die Eltern meiner beiden besten Freunde kamen aus dem Westen. Somit kannte ich die Vorurteile gegenüber Wessis. Sie waren CDU-Wähler, verbeamtet und privatversichert. Sie kannten das Wort »Broiler« nicht und sprachen »vierzehn« komisch aus. Eher so »vier« und »zehn«. Generell war es immer ein Thema, wer Wessi war und wer nicht. Als Kind dachte ich, es gäbe weniger Wessis als Ossis auf der Welt, heute habe ich oft das Gefühl, eine Exotin zu sein.

Ich wuchs in Frankfurt (Oder) auf, konnte nach Polen laufen. Wenn wir ins Skilager nach Österreich fuhren, sangen wir »Von den blauen Bergen kommen wir« mit unserem eigenen Text: »Ja, aus Frankfurt (Oder) kommen wir / trinken Schnaps und literweise Bier / rauchen Polen-Zigaretten / schlafen nachts in fremden Betten« und so weiter. Einer meiner ebenfalls aus Frankfurt stammenden Mitbewohner hat auf dem Rücken einen halb-abgerissenen Plattenbau und unsere Postleitzahl tätowiert. Viele meiner Freunde stammen aus der Schulzeit, sogar aus der Grundschule. Wir reden manchmal darüber, dass alle Frankfurter in unserem Alter den gleichen Humor hätten. Treffe ich in Berlin Leute aus der Stadt, finde ich sie meistens sympathisch. Kurz: Frankfurt is a nice town, to be (from).

Zum Urlaub fuhren wir im Sommer an die Ostsee, im Winter ins Fichtelgebirge. Bis heute kann ich die westdeutschen Städte, in denen ich war, an einer Hand abzählen.

Die meisten meiner ostdeutschen Freunde identifizieren sich auch als solche. Wir sehen uns als direkt, lebenslustig und offen. Dinge werden geteilt, das ist selbstverständlich.

Das erste Mal mit einem negativen Klischee gegenüber dem Osten wurde ich mit 13 konfrontiert, als ich meine Lüneburger Brieffreundin traf. In ihrer Klasse gab es einen Ossi, Nick, von der anderen Seite der Elbe. Ossis galten als Nazis. Nick war ein Nazi.

Nazis hatten wir in Frankfurt auch. Die habe ich zwar nie gesehen, aber immer gegen sie demonstriert, alle meine Freunde waren links. Mein Opa war in der PDS.

Als ich in der 9. Klasse war, sollte meine Schule, das Karl-Liebknecht-Gymnasium, in etwas nicht so Politisches umbenannt werden. Am Ende scheiterte es an ein paar Linken im Stadtrat. Ich dachte lange, der Osten sei so etwas wie die linke Hochburg Deutschlands.

Mich macht es traurig, dass sich das Gerücht hält, die Wiedervereinigung sei geglückt. Ich habe Freunde aus und in allen Teilen des Landes, ich habe nicht das Gefühl, dass sie grundlegend anders sind: direkte, lebenslustige, offene Menschen, die alles teilen, gibt es überall, darum geht es mir nicht. Nur kommt es mir oft so vor, als würde die erstarkende Rechte eher als genetischer Defekt denn als strukturelles Problem gesehen werden. Und damit wird sowohl das Ost-West- als auch das AfD-Ding eher verhärtet als gelöst.

Könnte ich mir eines für die nächsten dreißig Jahre Mauerfall wünschen, dann wäre es mehr Verständnis untereinander. Nächstenliebe brauchen Ost und West zugleich, den Versuch, sich in die andere Seite hineinzuversetzen, um zu erkennen, dass Vorurteile eben nur Vorurteile sind, dass gute Menschen überall sind und Wende-Verlierer nicht nur Nazis sind. Und, na ja, auch ein bisschen den guten Willen, zu verstehen, was »dreiviertel zwei« auf der Uhr bedeutet.

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2019.

Mein Westen

Victor ist in Westberlin aufgewachsen

An erster Stelle stehen die Erinnerungen Anderer. Als wäre ich selbst dabei gewesen, sehe ich meine Eltern am 9. November 1989 gebannt vor ihrem Fernseher in Berkeley, Kalifornien sitzen. Ich stelle mir auch meinen Großvater vor, wie er, nach dem Mauerfall, »die beste Zeit [seines] Lebens« damit verbrachte, im Auftrag der Treuhand ostdeutsche Industrien, die »nicht mehr wirtschaftlich waren«, stückweise an westdeutsche Investoren zu veräußern.

Dass Deutschland noch immer ein gespaltenes Land ist, habe ich als Kind nie wahrgenommen. Das liegt daran, dass ich in einer Westblase aufgewachsen bin: Charlottenburg, dann Nikolassee und die Internationale Schule in Dahlem. Ob jemand aus einem Ost- oder Westhaushalt kam hat dort keine Rolle gespielt, wir hätten es nicht einmal voneinander gewusst. Entweder schien uns der Unterschied inmitten von Diplomatenkindern aus Ägypten, Frankreich und Amerika unwesentlich, oder die deutschen Eltern von Privatschulkindern kamen ohnehin alle aus dem Westen. Mit Ausnahme eines Arbeitskollegen meines Vaters, können auch meine Eltern sich nicht erinnern, in dieser Zeit viel Kontakt mit Ostdeutschen gehabt zu haben. Ich habe also nie gelernt, Menschen in Ossis und Wessis einzuteilen, einfach weil es nicht genug Fallbeispiele in meinem Umfeld gab. Bis heute habe ich nur eine durch Film und Buch informierte Vorstellung davon, was überhaupt damit gemeint ist.

Erst als Jugendlicher gewann der Begriff des Ostens für mich an Gehalt. Und das im Grunde nur im Kontext von »Partymachen«. In den Osten Berlins fuhr ich, um zu feiern. Dort war es, wie man sagte, »abgefuckter« – unverputzte Industriehallen, freigelegte Rohre und Technomusik waren cooler als weiße Hemden und Champagner. Die Welt der Ostklubs war anziehender, aber auch bedrohlicher. Meine frühen Streifzüge durch den Osten assoziiere ich teils mit der Angst, nicht in den Club zu kommen, teils mit schrecklicher Kälte. Besonders eingeprägt haben sich die langen, frostigen Wintermorgenstunden am sonst völlig leeren Ostbahnhof, in denen ich darauf wartete, dass die Züge, die während der Woche erst ab 04:30 Uhr wieder fuhren, mich endlich nach Hause brachten.

Auch von Ostdeutschland habe ich fast nichts gesehen. Einmal bin ich mit mehreren Freunden für ein Wochenende nach Ferchels gefahren. Im Radio warnten sie, es könnte im Umkreis zu Überflutungen kommen, aber das kümmerte uns nicht. Während wir uns drei Tage lang betranken, stieg das Wasser um uns immer höher, bis der Fleck Land, auf dem wir standen, eine Insel geworden war. Ein Amphibienfahrzeug der Bundeswehr hat uns schließlich zum nächsten Bahnhof befördert. Das war mein letzter Eindruck vom östlichen Land, ein paar trostlose Dörfer die unter Wasser stehen, gesehen von einer riesigen Ladefläche aus.

Zu welchem Grad die Wiedervereinigung gescheitert ist, war mir auch später nie richtig klar. Es hat mich zum Beispiel sehr verwundert, als ich erfuhr, dass der Mindestlohn im Osten niedriger ausfällt als im Westen. Dass mir diese Einteilung nie etwas bedeutet hat, ist natürlich ein Westprivileg, und wahrscheinlich würde man sagen, dass ich, ohne mich je darüber identifiziert zu haben, ein richtiger Wessi bin. Langsam wird mir bewusst, wie wichtig es für mich ist, die ersten Schritte zu machen und meine Perspektive auf die Ost-West-Beziehung zu reflektieren. Dazu war mir dieser Artikel eine willkommene Gelegenheit.

Victor Breidenbach, 1995 in Westberlin geboren, lebte bis zum 18. Lebensjahr in Charlottenburg und Nikolassee, studierte Philosophie in New Mexico, USA und zog 2018 nach Kreuzberg, wo er seit Ende des gleichen Jahres für die KuK schreibt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2019.

Als Liebling vor der Mauer stand

Peter S. Kaspar erinnert an eine über 30 Jahre alte Fernsehserie

Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, lief in der ARD schon seit drei Jahren eine sehr erfolgreiche Serie: »Liebling Kreuzberg« mit dem 1977 aus der DDR ausgebürgerten Manfred Krug in der Titelrolle des Rechtsanwalts Robert Liebling.

Für Kreuzberger Lokalpatrioten sind die drei ersten Staffeln heute ein Quell beständiger nostalgischer Freude. Viel wurde in SO36 gedreht. Der Görlitzer Bahnhof, der Kotti und das Hallesche Tor sind Orte des Geschehens, und wenn Liebling in der Waldemar- oder Adalbertstraße unterwegs ist, dann hört die Welt auch ganz schnell auf. Immer wieder gerät die Mauer ins Blickfeld der Kamera.

Thematisch ist vieles auch heute noch erstaunlich aktuell. Miethaie und Wohnungsnot werden ebenso behandelt wie Drogen oder Polizeigewalt. Es war eben auch früher nicht alles besser.

Mit der vierten Staffel ändert sich alles. Die Mauer ist inzwischen gefallen, Liebling als Sozius in einer Ostberliner Kanzlei untergekommen, bei einer Kollegin aus dem Osten, die von Westrecht ebensowenig Ahnung hat, wie Liebling vom Recht in der ehemaligen DDR.

Und damit wird die Serie auf ein ganz anderes Niveau gehoben. Viele Schauspieler aus der ehemaligen DDR tauchen nun in den Folgen auf, wie Jenny Gröllmann, Günter Schubert, Jackie Schwarz oder Jörg Schüttauf, die dann auch konsequenterweise Charaktere aus dem Osten darstellen.

Und auch dieses Mal sind viele Themen noch beklemmend aktuell, wie Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Immer wieder geht es auch um diese andere Mauer, nämlich die, die in den Köpfen noch steht.

Über 30 Jahre ist die Serie nun alt, und wenn man sie sich heute noch einmal anschaut, erscheint sie wie ein ganz außergewöhnliches Stück Zeitgeschichte.

Trotzdem ist »Liebling Kreuzberg« kein Museumsfernsehen. Die Drehbücher von Jurek Becker sind voller Wortwitz, unerwarteter Wendungen und wahnwitziger juristischer Fallstricke. »Liebling Kreuzberg« macht auch heute noch jede Menge Spaß.

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2019.

Hausbesetzer im Gegenlicht

Klaus Stark betrachtet Bilder des verstorbenen Fotografen Wolfgang Krolow

Die Fotos lassen einen nicht mehr los. Das müde Gesicht einer alten Frau, das aus dem Fenster einer Jugendstilfassade blickt. Neben ihr blättert der Putz und man erkennt noch Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg. Oder ein riesiger Platz mit Kopfsteinpflaster, darauf sehr allein und verletzlich eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn.

Viele Punks mit Irokesenfrisur, das war ja die Zeit damals. Und Hausbesetzer natürlich: »Wir sind die Terroristen und grüßen die Touristen. Aber hallo!« steht auf einem Transparent. Davor eine Gruppe Kinder mit Migrationshintergrund, wie man heute sagen würde, die lustig in die Kamera winkt.

Es sind Fotografien aus dem Kreuzberg der 70er und 80er Jahre, sie sind alle in klassischem Schwarz-Weiß und Wolfgang Krolow hat sie gemacht. Die Mauer steht noch, West-Berlin ist eine Insel, und in Kreuzberg treffen links-alternative Lebensentwürfe, die gegen das »Schweinesystem« mobil machen, auf deutsche Rentner und türkische und arabische Immigranten der ersten Generation. Krolow hat diese Welt, die längst nicht mehr existiert, mit scharfem Auge und großem Einfühlungsvermögen porträtiert.

Auf seinen Fotos ist viel Raum für Menschen und ihre Gefühle – für Hoffnung und Trauer, Freude und Einsamkeit. Auf das chaotische, schier unbeherrschbare Leben um ihn herum antwortet der Fotograf mit strengen Formen, harten Kontrasten und einem sorgsam komponierten Bildaufbau. So gelingen ihm wahre Kunstwerke. Da humpelt ein Rentner mit Stock eine Mauer entlang. Krolow fotografiert ihn von hinten im Gegenlicht mit langen Schatten – und im Gegensatz der gebeugten Haltung des Mannes zum regelmäßigen, mitleidslosen Muster der Mauer hinter ihm spiegelt sich ein ganzes Leben. Und eine Welt.

Krolow selbst wurde 1950 im Pfälzer Wald geboren. Wie manch anderer verzichtete er auf Abitur und Bundeswehr und brach stattdessen 1968 in Richtung Indien auf. Nach einer kurzen Episode in Mannheim kam er 1970 nach Berlin, jobbte als Verputzer und Lagerarbeiter und studierte ab 1975 an der Hochschule der Künste Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Fotografie und Grafikdesign.

Zwei Jahre später zog Krolow an den Chamissoplatz und jetzt wurde Kreuzberg zum beherrschenden Thema. Er arbeitete als freier Mitarbeiter für Zeitungen und Verlage. 1979 erschien sein erster Bildband: »Kinder in Kreuzberg«. Es folgten das »Instandbesetzer Bilderbuch«, »Seiltänze« mit Texten von Peter-Paul Zahl, weitere Bildbände und viele Ausstellungen. Später unternahm Krolow Fotoreisen nach Albanien und Wolgograd.

Ende September ist Wolfgang Krolow im Alter von 69 Jahren überraschend gestorben. KuK-Mitarbeiter Lothar Eberhardt ist einer von vielen Freunden, die um ihn trauern. »Er war immer zum Schwatz und inhaltsreichen Gespräch aufgelegt«, sagt er. »Sein pralles, mit Schöpfungskraft angereichertes Leben bleibt uns in seiner Bilderwelt erhalten.«

Wolfgang Krolows Webseite

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.