Besser als ein Bullen-Witz

Tierisch große Polizeieinsätze im Görlitzer Park

Die legendärsten Polizeieinsätze im Görlitzer Park hatten nichts mit Drogen zu tun, sondern mit Tieren, die sich anders verhielten als ihre Artgenossen außerhalb Kreuzbergs. Diese ungewöhnlichen Protagonisten des zivilen Ungehorsams lösten großangelegte Polizeieinsätze aus.

Anfang der 1980er Jahre, kurz nach der Eröffnung des Kinderbauernhofs im Görli, arbeitete dort ein Pfleger namens Michael. Er brachte einen jungen Bären und einen Hund mit und übte mit ihnen Zirkustricks. Der Bär entwickelte eine so enge Bindung zu Michael, dass dieser in einem Zirkuswagen auf dem Hof schlafen musste. Eines Nachts, als Michael nicht da war, begann der Bär bitterlich zu weinen. Die Nachbarn hielten das Geräusch für einen Hilferuf. Gegen 23 Uhr rückten fünf Polizeiwagen und drei Feuerwehrautos an. Innerhalb kurzer Zeit versammelten sich 300 Menschen auf der Straße. Die Polizei fühlte sich zum Handeln gezwungen, obwohl ein weinender Bär keine Gefahr darstellte. Sie forderte Hundefänger an, um das Tier zu betäuben. Doch die Anwohner stellten sich auf die Seite des Bären und protestierten lautstark. Um eine Straßenschlacht zu verhindern, holte jemand Michael. Er beruhigte den Bären und beendete den Einsatz.

Historische Aufnahme des Kinderbauernhofs im Görlitzer Park aus dem Jahr 1990.Der Kinderbauernhof auf dem Görli im Jahr 1990. Foto: Claus Uwe Erb/Kinderbauernhof Görlitzer Park

Dreißig Jahre später sorgte die Pute »Puti« für Aufregung im Görli. Puti kam 2017 von einer Geflügelfarm auf den Bauernhof. Zunächst allein, suchte sie Anschluss bei den Enten. Doch da sie nicht schwimmen konnte, soff sie bei ihren Annäherungsversuchen beinahe ab.

Der SPD-Politiker Sven Heinemann wollte Abhilfe schaffen und schenkte dem Bauernhof einen Gefährten für Puti. Diesen taufte er Martin, nach dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Doch Martin zeigte sich in der Balz ebenso ungeschickt wie sein Namensvetter im Wahlkampf. Erst flirtete Puti mit einem viel kleineren Perlhuhnmännchen, dann fiel Martin eines Morgens einfach tot um.

Am 15. Oktober 2017 verschwand Puti spurlos. Die Kinder vom Bauernhof starteten eine Suche wie in »Emil und die Detektive«. Zwei Polizeistreifen schlossen sich an, doch die Fahndung blieb erfolglos. Wahrscheinlich landete die charakterstarke Puti in einem Kochtopf. Ihr Perlhuhn-Partner verstummte und verfiel in Depressionen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 12).

Zukunft statt Zaun

Bündnis Görli zaunfrei präsentiert Konzept

Das Bündnis Görli zaunfrei hat im Dialog mit Anwohnern und sozialen Trägern rund um den Görlitzer Park ein Konzept erarbeitet, das auf Hilfe und Zusammenarbeit statt Ausgrenzung setzt. Statt auf eine eindimensionale Betrachtungsweise im Hinblick auf Sicherheit und Kriminalität wurde auf nachhaltige, lösungsorientierte und an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte Module gesetzt.

Ergebnis der Bedarfsanalyse ist, dass Hilfestellungen und Angebote sich an die unterschiedlichen Bedürfnisse je nach Jahreszeit anpassen sollten. Die sozialen Unterstützungsangebote reichen derzeit nicht aus und bedürfen einer Erweiterung. Das Konzept setzt dabei auf Module zum Ausbau und der Etablierung einer sozialen Infrastruktur im Sozialraum Görlitzer Park und Umgebung, die vor allem für die Abend- und Nachtstunden eine Struktur schaffen sollen.

Im Sozialraum (Modul 1) soll Krisenintervention geleistet werden, durch aufsuchende Arbeit durch Peers und Sozialarbeitende sollen Kontakte aufgebaut werden und Betroffene in die weiteren Module oder andere Hilfesysteme vermittelt werden.

Modul 2 bietet Beratung und medizinische Versorgung, inklusive eines barrierefreien Ruhe-, Rückzugs- und Aufenthaltsorts, Zugang zu Lebensmitteln und Hygieneartikeln, psychosoziale Angebote und Sozialberatung.

Modul 3 des Konzepts setzt auf einen sicheren Konsumraum zum Zweck der Schadensminimierung mit Materialien für Safer Use und Erster Hilfe im Notfall sowie der Möglichkeit zur Vermittlung in weiterführende Angebote.

Modul 4 bietet sanitäre Angebote. Mit diesen werden im Zweifelsfall auch Menschen erreicht, die auf keines der weiteren Angebote eingehen wollen oder können. Hier sollen barrierefreie Toiletten und Duschen, Waschgelegenheiten und auch eine Kleiderausgabe geboten werden.

Wer diese Aufstellung liest, kommt früher oder später zur Frage, ob dies im Vergleich zu einem Zaun nicht übermäßig teuer würde. Auch darauf findet sich die Antwort in Form einer beispielhaften Kalkulation: Kostet der Zaun einmalig 1.741.000 Euro und verursacht jährliche Instandhaltungs- und Unterhaltskosten von 800.000 Euro, werden für die Einrichtung des Modulsystems einmalige Bau-/Installationskosten von ca. 220.500 Euro veranschlagt, die jährlichen Kosten sollen ca. 672.661 Euro betragen.

Das Konzept »Görli to the Future – Zukunft statt Zaun« setzt auf Selbstbestimmung, Menschenrechte, professionelle Strukturen und nachhaltige Lösungsansätze und bietet zusätzlich noch ein erhebliches Einsparpotenzial.

Das gesamte Konzept ist als PDF verfügbar.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 3).

Ein bisschen Nass muss sein

Marcel Marotzke sucht eine Duschgelegenheit

»Sitzplatzreservierungen gibt’s hier aber keine!«, grüßt mich der Wirt meiner Stammkneipe. Als ich ihn verständnislos anschaue, deutet er auf das Handtuch über meiner Schulter. »Das ist hier ja nicht irgend so ein All-inclusive-Resort auf Malle.«

»Schade eigentlich«, antworte ich. »Gegen all-inclusive hätte ich nichts einzuwenden gehabt. Aber ein paar Liegestühle könntest du trotzdem aufstellen.« Ich setze mich an den Tisch zu Matthias, der ebenfalls leicht irritiert wirkt, als er das Handtuch bemerkt.

Luxuriöses Badezimmer mit freistehender Badewanne, gläserner Dusche und langem Waschtisch.Zur Not tut’s auch ein Luxusbad, Hauptsache, man muss es nicht selbst putzen. Bild: ChatGPT

»Willst du noch verreisen, oder sowas?«, fragt er mich. »Per Anhalter, meine ich?«

»Ich denk’ drüber nach«, gestehe ich. Dann erzähle ich Matthias von der Sache mit dem Wasserschaden. Es ist ein bisschen kompliziert, aber die Kurzfassung lautet: Wegen eines bislang nicht gefundenen Lecks ist meine Dusche derzeit unbenutzbar.

»Und jetzt warst du im Prinzenbad zum Duschen oder wie?«, erkundigt sich Matthias.

»Nee, bei Andrea und Dominic«, sage ich, »aber Prinzenbad wäre vielleicht die bessere Alternative gewesen.«

»Wieso?«, fragt Matthias. »Die beiden haben doch gerade ihr Bad renoviert. Sah auf den Fotos, die sie letztens rumgezeigt haben, doch aus wie im Spa.«

»Ja, das schon. Aber im Spa ist da auch jemand, der nachher wischt. Ich und bodengleiche Duschen, wir funktionieren einfach nicht zusammen. Vor allem, wenn da nur so eine Glaswand ist und keine richtige Duschkabine. Ich habe danach ’ne Viertelstunde lang den Boden gewischt.«

»Dann geh doch nächstes Mal zu Marcus«, schlägt Matthias vor. Dass er seine eigene Dusche nicht anbietet, fällt mir durchaus auf, aber wenn ich mir in Erinnerung rufe, wie das Bad aussah, als ich das letzte Mal bei ihm zu Hause war, geht das durchaus klar für mich.

Leider sieht es bei Marcus keinen Deut besser aus. »Da müsste ich vorher eine Viertelstunde lang wischen. Und nicht nur den Boden.«

»Hmm, verstehe«, sagt Matthias. »Und Timo?«

»Bei dem war ich vor drei Tagen erst.«

»Svenja?«

»Ist im Urlaub.«

»Und Jan?«

»Du weißt schon, dass der in einer WG mit fünf anderen Leuten wohnt, ja?«, frage ich. »Da einen Termin zu bekommen, ist schwieriger als beim Bürgeramt.«

»Also doch Prinzenbad?«, fragt Matthias.

»Nee, nicht nötig. In zwei Wochen startet meine kostenlose Probemitgliedschaft bei diesem Edel-Spa-Fitnessstudio in Mitte.«

»Und bis dahin duschst du gar nicht mehr?«

»Bis dahin mache ich Urlaub«, sage ich. »Ich habe da eine echt günstige Pauschalreise gebucht. Es geht zu irgendeinem All-inclusive-Resort auf Mallorca. Duschen wird’s da ja wohl geben.«

»Dann vergiss nicht dein Handtuch«, sagt Matthias. »Also zum Reservieren der Sonnenliege.«

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 6).

Obacht, morsche Unterzüge!

Dominik Bardow über Berliner Bauzäune, die sinnlos Spielplätze und Gehwege absperren

Ein Kunstkritiker schrieb 1910: Berlin ist »dazu verdammt: immerfort zu werden, niemals zu sein«. Vermutlich meinte er Bauzäune, hinter denen nimmermehr gearbeitet wird – das wahre Wahrzeichen dieser Stadt. 37 Jahre nach Mauerfall sind sinnfrei herumstehende Gerüste das neue Symbol für Unfreiheit, Beschneidung von Bürgerrechten und das Versagen eines Systems staatlicher Willkür.

Das mag jetzt sehr pathetisch klingen. Machen wir es konkret: Es war ein schöner Spätsommertag, als ich mit Kind am Lausitzer Platz entlanglief und andere Kids auf dem Klettergerüst spielen sah. An sich nicht ungewöhnlich. Ist ja ein Spielplatz – wären die Holztürme mit Rutsche nicht umzäunt. Seit Juli stehen da Absperrgitter rundherum, ohne dass ein Schild verraten würde, warum eigentlich.

Absperrgitter vor einem Klettergerüst auf einem Spielplatz.Dieser Zaun wahrt die Verkehrssicherheit des Spielgeräts. Foto: db

Wer sich die Mühe macht, im Web zu suchen, findet online einen Zweizeiler des Bezirksamts dazu: die »Unterzüge« seien morsch. Das Spielgerät daher »zur Wahrung der Verkehrssicherheit« gesperrt. Seither ist sichtbar nichts passiert. Außer dass Gitter umknicken und Kinder dort weiterhin klettern. Richtig so, dachte ich beim Anblick. Sie sollen möglichst früh lernen, wie sinnlos viele Regeln sind.

Speziell wenn sie von Erwachsenen kommen, in Berlin. Das lässt sich gleich gegenüber bewundern. Dort steht der Görli-Zaun zwar, aber wird nach einem Gerichtsurteil nachts nicht mehr geschlossen. Stattdessen klettert da mein Kind herum, klemmt den Kopf im Drehkreuz ein. Soviel zur Sicherheit. Dafür bleibt hinten die Fußgängerbrücke über den Kanal gesperrt bis es ein Schadensgutachten gibt.

Das Leben muss sehr einfach sein aus Verwaltungsbeamtensicht: Zaun drumherum, Problem gelöst. Vertagt auf St. Nimmerlein. Wenn weiter oder überhaupt gebaut wird. Hauptsache, man haftet nicht. Für die Anwohner bleiben so Gehwege, Parks, Brücken und Spielplätze blockiert. So lange, bis sich Gutachter über Zuständigkeiten der Gutachter geeinigt haben, die als Fachkräfte aber leider fehlen.

Es gibt zwar Reformen und Gesetze gegen Geisterbaustellen, aber weiterhin kaum Kontrollen. Die Wahlsiegerin Linke will das mit mehr Amtspersonal und Eigenregie lösen. Aber ob Verwaltung der bessere Bauherr ist? Wenn sie nicht mal ein Schild »Obacht, morsche Unterzüge!« aufhängen kann? Also überlege ich, was ich meinem Kind erzähle. Wie es mit den Zäunen und Gittern umgehen soll.

Ich habe in einer Doku gesehen, dass Punks in Kreuzberg einst jedes Jahr Mauergeburtstag feierten. Da gab es Kerzen, Konzerte und Graffiti. Aus Dankbarkeit, dass die Mauerlage Normalos fernhielt. Vielleicht muss man es so sehen: Wäre alles saniert, kämen noch mehr Reiche und kauften alles auf. Also sollte man Bauzäune nicht umtreten, sie eher hegen, pflegen, begrünen, verschönern, besingen.

Die Kunstkritiker würden schreiben: Berlin ist gesegnet, immerfort im morschen Unterzug zu leben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 6).

Neue Lust auf Gegenwartskunst im Kiez

Ein Rückblick auf die 16. ART Kreuzberg

Die 16. ART Kreuzberg zeigte eindrucksvoll, wie unmittelbar zeitgenössische Kunst im Stadtteil wirken kann: Drei Tage lang wurde der Kiezraum auf dem Dragonerareal zum offenen Treffpunkt für Kunst, Begegnung und Austausch. Rund 30 Positionen aus Malerei, Grafik, Fotografie, Lichtkunst, Performance und Kalligrafie boten einen vielseitigen Einblick in das aktuelle Kunstschaffen im Kiez. Besonders lebendig wurde das Festival durch die Öffnung in den Stadtraum: Cafés, Restaurants, Höfe und private Atelierwohnungen verwandelten sich in temporäre Kunstorte. Das verlieh der Veranstaltung eine offene und bewegliche Atmosphäre.

Besucherinnen und Besucher in einem Ausstellungsraum mit Gemälden und Fotografien an den Wänden.Offener Kunstort. Foto: F. Meynersen

Musik, Lesungen, ein Kurzvortrag, die Präsentation des Grafikkalenders, Artist Talks und geführte Rundgänge bereicherten das Programm und wurden von rund 300 Besucher*innen wahrgenommen.

Die Kooperation mit Upstadt e. V. / Glox stärkte die lokale Vernetzung. Die Nähe zur Ausstellung »Kreuzberg« im Gropius Bau schuf zudem eine spannende Perspektive: Während das Museum den Stadtteil historisch rahmt, zeigt ART Kreuzberg aktuelle Kunst dort, wo sie entsteht – mitten im Kiez.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 7).

Ein Platz für Eva Mamlok

Umbenennung des Blücherplatzes in Kreuzberg am 16. Oktober

Friedrichshain-Kreuzberg bekommt einen Eva-Mamlok-Platz. Der Blücherplatz wird offiziell umbenannt. Die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg hat die Umbenennung im Juni 2025 beschlossen (DS/1448/VI), um Eva Mamlok und ihren antifaschistischen Widerstand mit einem Netzwerk jüdischer Frauen zu ehren und Frauen der Geschichte sichtbar zu machen.

Historisches Porträt von Eva Mamlok mit zurückgestecktem Haar und dunklem Oberteil.Eva Mamlok (ca. 1937). Foto: unbekannt

Am Freitag, 16. Oktober 2026, um 14 Uhr wird die Einweihung des Eva-Mamlok-Platzes mit der Enthüllung eines Gedenkzeichens zu Eva Mamlok auf dem Platz vor der Bibliothek und anschließend im Pop-up-Saal der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) gefeiert. Alle Anwohnenden und Interessierten sind herzlich eingeladen.

Bei der Veranstaltung gibt es Beiträge des Bezirksamtes, der ZLB, der Initiative Eva-Mamlok-Platz (UpStadt e.V. / GLOX) und der Forschungsinitiative zur Gruppe Eva Mamlok, moderiert von Nora Hogrefe (Leitung Koordinierungsstelle Historische Stadtmarkierungen im Aktiven Museum).

Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann: »Mit der Benennung des Platzes nach Eva Mamlok würdigt der Bezirk eine beeindruckende Frau. Eva Mamlok war eine jüdische Kreuzbergerin, die sich schon als Jugendliche mutig der NS-Diktatur widersetzte. Der Eva-Mamlok-Platz macht diesen jüdischen und weiblichen Widerstand in unserem Bezirk sichtbar und gibt ihm einen festen Ort in unserer Erinnerungskultur. Das Andenken an Eva Mamlok ist Mahnung: Jüdisches Leben gehört zu unserem Bezirk. Gleichzeitig ist es ein Auftrag für die Gegenwart, konsequent gegen Antisemitismus einzutreten. Mein Dank gilt der Initiative und ihrem Einsatz für die Umbenennung.«

Eva Mamlok (1918 bis 1944) war eine Kreuzberger Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Sie war bereits als Jugendliche gegen den NS-Faschismus aktiv. Laut einer Zeitzeugin schrieb die knapp 14-jährige Eva Mamlok mit weißer Farbe »Nieder mit Hitler!« auf das Dach des Kaufhauses Tietz am Halleschen Tor. Sie wurde deswegen kurz inhaftiert. Als sie 1934 zusammen mit anderen Blumen auf den Gräbern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht niederlegte, wurde sie festgenommen und für fünf Monate im Frauenkonzentrationslager Moringen (Niedersachsen) inhaftiert.

Ab 1940 musste sie als Jüdin in einer Kreuzberger Fabrik Zwangsarbeit leisten. Mit anderen jüdischen Antifaschistinnen war sie trotzdem weiter aktiv, indem sie zum Beispiel Flugblätter verteilte und Bücher verbotener Autor*innen verlieh. Als das Netzwerk 1941 aufflog, wurde sie verhaftet, verurteilt und 1942 in das Ghetto Riga deportiert. Auch dort blieb sie unter den extrem widrigen Lebensbedingungen widerständig. Sie war beteiligt, als eine Fotokamera für lokale Widerstandsgruppen organisiert wurde, um die NS-Verbrechen zu dokumentieren. 1944 wurde Eva Mamlok in das Konzentrations- und Vernichtungslager Stutthof gebracht. Dort verstarb sie mit nur 26 Jahren.

Weitere Informationen zur Straßenumbenennung gibt es auf der Website des Bezirksamts.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 14).

Der Wein ist gelesen

Erfolgreiche Ernte am Fuße des Kreuzbergs

Nach drei Stunden war die Weinlese schon wieder vorbei, obwohl sich an diesem September-Samstag nur eine Handvoll Freiwilliger am Fuße des Kreuzbergs eingefunden hatte.

Helferinnen und Helfer der Weinlese neben einem geöffneten Auto und gestapelten Kisten voller Trauben.Helfende Hände mit der Jahresernte Weißwein. Foto: rsj

Die etwas enttäuschende Bilanz: 65 Kilogramm rote und 205 Kilogramm weiße Trauben. Im Vorjahr waren es noch 75 bzw. 310 Kilo.

Dafür überzeugten die weißen Trauben mit einem Mostgewicht von bis zu 90 Grad Oechsle. Im Schnitt dürften es 80 Grad Oechsle werden und mithin ein Alkoholgehalt von etwa 10,6 %, schätzt Hannes Lewerenz, der den Weinberg ehrenamtlich betreut.

Auf dem rund 900 Quadratmeter großen Grundstück an der Methfesselstraße wird seit 1968 (wieder) Wein angebaut. Die ersten Rebstöcke wurden von den Partnerstädten Wiesbaden, Ingelheim und dem Kreis Bergstraße gespendet. Inzwischen sind es rund 490 Pflanzen. Der fertige Wein kann für 10 Euro pro 0,375-Liter-Flasche auf dem Gelände bei Hofgrün und im X-Hain-Museum in der Adalbertstraße erworben werden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 7).

Baubeginn am Urbanhafen

Uferwege und Freiflächen werden bis 2028 erneuert

Nach mehrjähriger Planung startet im Oktober die Erneuerung der Uferwege und Freiflächen am Urbanhafen. »Der Park am Urbanhafen ist ein wichtiger Freiraum im Bezirk und intensiv genutzt«, teilt das Bezirksamt mit. »Viele Wege sind inzwischen zu schmal oder uneben und nicht barrierefrei. Gleichzeitig stellen die Folgen des Klimawandels die Grünflächen, Bäume und Pflanzen vor zunehmende Herausforderungen.«

Der erste Bauabschnitt im Bereich vor dem Urbankrankenhaus. Bild: Stadtentwicklungsamt Friedrichshain-Kreuzberg

Im Rahmen der Erneuerung sollen unter anderem die Wegeoberflächen entsprechend der Nutzung neu gestaltet und verbreitert werden. Neue Sitz- und Aufenthaltsbereiche werden geschaffen und eine barrierefreie Uferterrasse und ein größerer Spielplatz sollen entstehen. Der Radverkehr soll möglichst aus dem Uferweg herausgeführt werden, um Konflikte zwischen Fuß- und Radverkehr zu reduzieren. Dafür soll das Carl-Herz-Ufer zur Fahrradstraße werden. Neue Bäume und Pflanzen ergänzen die Planung.

Der erste Bauabschnitt umfasst den Bereich zwischen Baerwaldbrücke und dem Durchgang zum Planufer. Anfang 2027 soll mit der Planung des zweiten Bauabschnitts bis zur Admiralbrücke begonnen werden.

Insgesamt sollen die Bauarbeiten zwei Jahre dauern, wobei die Baustelle Schritt für Schritt durch den Park »wandert«. Dadurch soll der Aufenthalt in Teilen des Parks weiterhin möglich bleiben. Auch die Restaurantschiffe sollen während der gesamten Bauzeit erreichbar bleiben. Die Baumaßnahmen am Straßenraum Carl-Herz-Ufer folgen im letzten Abschnitt 2028. Die rund 5 Millionen Euro für die Maßnahme stammen aus EU, Bundes- und Bezirksmitteln.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 1).

Ab an die Urne!

Am 20. September werden Abgeordnetenhaus und BVV neu gewählt

Karte der Wahlkreise in Friedrichshain-Kreuzberg zur Berlinwahl 2026Die fünf diesjährigen Abgeordnetenhauswahlkreise. Karte: Landeswahlleiter (dl-de/by-2-0)

Schon wieder Wahl in Berlin? Ja, und zwar endlich wieder ganz regulär im fünfjährigen Turnus nach den beiden Wiederholungswahlen aufgrund der Pannen bei der Doppelwahl (Land und Bund) im Jahr 2021.

Am Sonntag, den 20. September, öffnen die Wahllokale im Kiez und in ganz Berlin von 8 bis 18 Uhr. In welchem Wahllokal man wählen soll, entnimmt man am besten der Wahlbenachrichtigung, die spätestens Ende August mit der Post gekommen sein sollte.

Wer die Wahlbenachrichtigung bis zum Erscheinen dieser KuK-Ausgabe noch nicht bekommen hat, sollte das Bezirkswahlamt kontaktieren (bezirkswahlamt@ba-fk.berlin.de, 030-90223-1850). Wer sie lediglich postwendend verschmissen hat, kann die Wahllokalsuche auf der Seite des Landeswahlleiters nutzen.

Mitzubringen ist ein amtliches Ausweisdokument mit Lichtbild (Personalausweis, Reisepass, Führerschein), das in diesem Fall sogar abgelaufen sein darf. Wer die Wahlberichtigung nicht verlegt hat, bringt sie am besten auch mit.

Briefwahlunterlagen müssen bis zum 18. September beantragt werden, online bis zum 15. September. Letzteres geht komfortabel über den QR-Code auf der Wahlbenachrichtigung.

Alternativ bekommt man in der Briefwahlstelle des Bezirks im Rathaus Frankfurter Allee 37 Briefwahlunterlagen und kann mit diesen entweder sofort direkt vor Ort oder am Wahlsonntag in einem beliebigen Wahllokal wählen.

Aufgrund demografiebedingter Verschiebungen hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg in 2026 nur noch fünf Wahlkreise statt der vorher üblichen sechs. Die genaue Aufteilung hatte vor einem Jahr für einige Querelen in der BVV gesorgt, Kiez und Kneipe berichtete in der September- und Oktober-Ausgabe 2025.

Wer gewinnt die fünf Wahlkreise?

Wahlkreis 1 und 2 liegen vollständig auf Kreuzberger, Wahlkreis 4 und 5 vollständig auf Friedrichshainer Gebiet. Wahlkreis 3 überspannt die Spree und beinhaltet damit Teile beider Bezirksteile. Ein Novum.

Ein weiteres kleines Novum: es gibt nur noch zwei Stimmzettel, nicht mehr drei. Dennoch hat jede:r Wahlberechtigte nach wie vor drei Stimmen. Es sind lediglich für die Abgeordnetenhauswahl die Direktkandidierenden der Parteien (Erststimme) und die Bezirks- bzw- Landeslisten papiersparend auf einem Bogen abgedruckt.  Nicht alle Parteien gehen mit einer eigenen Bezirksliste an den Start. 

Für die BVV gibt es einen eigenen Stimmzettel.

2021 hatten die Grünen in fünf der damals 6 Wahlkreise das Direktmandat gewonnen und mit 32,3 % auch die meisten Zweitstimmen im Bezirk. 

Für die Linken hatte Damiano Valgolio den damaligen Wahlkreis 4 gewonnen, die Partei erzielte das zweitbeste Zweitstimmenergebnis (23,6 %). Auf Platz drei der Zweitstimmen kam die SPD ohne Direktmandat mit 15,1 %.

In diesem Jahr schicken die Parteien teils seit vielen Jahren im AGH vertretene Politikerinnen ins Rennen, wie etwa die Grüne Katrin Schmidberger, die seit 2011 ein Mandat für die Grünen innehat, und teils auf Landesebene neue Gesichter wie den SPD-Bezirksverordneten Thomas Giebel, der das erste Mal fürs Abgeordnetenhaus antritt.

Die über viele Jahre stabile grüne Vorherrschaft im Bezirk könnte sich dieses Jahr zugunsten der Linken verschieben, zumindest legen das die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl 2024 und die aktuellen Umfragen nahe. Auch in BVV und Bezirksamt könnte es einen Machtwechsel geben.

Seit 20 Jahren ist das Bürgermeisteramt fest in Grüner Hand, angefangen mit Franz Schulz, der es von 2006 bis 2013 innehatte, über Monika Herrmann (2013 bis 2021) und Clara Herrmann. Die hatte im März 2026 überraschend angekündigt, nicht mehr zur Wahl antreten zu wollen.

An ihrer Stelle kandidiert für die Grünen der Jurist Thomas Weigelt. Er ist in Jena geboren, hat in Stadtentwicklungs- und Bauplanungsrecht promoviert und saß von 2016 bis 2020 in der BVV.

Die Linken haben den Politikwissenschaftler René Pérez Domínguez aufgestellt, der seit 2016 für seine Partei in der BVV sitzt und derzeit als Referent im Abgeordnetenhaus arbeitet.

Die Kandidaten der SPD und der CDU, Andy Hehmke und Max Kindler, haben, obwohl beide bereits seit 10 bzw. 5 Jahren als Bezirksstadträte im Amt, vermutlich bestenfalls Außenseiterchancen auf das Bürgermeisteramt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2026 (auf Seite 1).

Subkultur, Erinnerung und Kreuzberg

Harald Schulzes »Blaue Filme« sind ein szenisches Zeitdokument

Hält man das Buch in der Hand und beginnt zu lesen, zeigt sich schnell: Es besteht aus einer Folge literarischer Momentaufnahmen aus einem längst vergangenen Berlin und eröffnet Räume zwischen Erinnerung, Traum und filmischer Imagination. Die Texte entfalten sich wie Szenen eines alten Super-8-Films: verschwommen, sprunghaft und manchmal irritierend, zugleich aber von großer atmosphärischer Dichte.

Buchcover »Blaue Filme«

Harald Schulze montiert Dialogsplitter, Straßenbilder, Musik und Traumsequenzen zu einem ka­lei­do­skop­ar­ti­gen Panorama, das eher erlebt als entschlüsselt werden will. Die einzelnen Episoden wirken oft wie Fragmente eines nie vollständig gezeigten Drehbuchs. Vieles bleibt offen, Andeutungen ersetzen Erklärungen. Gerade dadurch entsteht ein besonderer Reiz: Der Lesende bewegt sich dabei eigenständig zwischen vertrauten und unbekannten Orten, folgt Assoziationen und Stimmungen statt einer klaren Handlung.

Im Zentrum steht weniger eine Geschichte als ein bestimmtes Lebensgefühl. Das West-Berlin der späten siebziger und frühen achtziger Jahre erscheint als Ort zwischen kultureller Aufbruchsstimmung und urbanem Verfall. Die Vielfalt jener Zeit prägt jede Seite: alternative Musikszene, kleine Tonstudios, nächtliche Begegnungen, Hausbesetzer, Punks, Popper und Randfiguren des Großstadtlebens bilden eine schillernde Kulisse. Kneipen, improvisierte Konzerte und nächtliche U-Bahnfahrten verdichten sich zu Bildern einer eingeschlossenen Inselstadt, die zugleich rau und voller kreativer Energie wirkt.

Die Nähe zu Kreuzberg ist spürbar – Mehringdamm, Yorckschlösschen, Kreuzberg, Tempodrom. Prägend für die Texte: das Nebeneinander von Chaos, politischer Spannung und künstlerischer Freiheit. Kreuzberg als Sinnbild einer unangepassten Stadtkultur.

»Blaue Filme« funktioniert deshalb nicht nur als Literatur, sondern auch als szenisches Zeitdokument eines verschwundenen West-Berlins. Sprachlich fühlt man Rhythmus und bildhafte Verdichtungen. Manche Passagen lesen sich wie Songtexte oder Notizen für einen experimentellen Film. Das macht die Lektüre faszinierend, verlangt aber auch Geduld. Wer einen stringenten Handlungsverlauf oder psychologisch ausgearbeitete Figuren erwartet, wird hier kaum fündig.

Die Stärke des Buches liegt klar in seiner sprachlichen Dichte und Stimmungskraft. Lesende, die offen für experimentelle Literatur sind, werden an »Blaue Filme« Gefallen finden. Schulze gelingt ein eindringliches Porträt eines verschwundenen West-Berliner Lebensgefühls – melancholisch, roh und zugleich voller flüchtiger Schönheit, wie ein nächtlicher Spaziergang durch Kreuzberg kurz vor dem Morgengrauen.

Harald Schulze ist ein in Berlin lebender Autor und Anästhesist. Veröffentlicht wurde das Hardcover-Buch 2025 bei BoD – Books on Demand, 84 Seiten, ISBN 978-3-6951-9116-1. Collagen, Fotos und Zeichnungen verleihen dem Buch eine besondere Wirkung.

Link zum Buch im BoD-Buchshop

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2026 (auf Seite 7).

Das Festivalgefühl kann kommen

In Kreuzberg ist die Open-Air-Saison gestartet

Bühne auf dem Karneval der KulturenSeit 30 Jahren steht der Karneval der Kulturen für musikalische und kulinarische Vielfalt. Foto: bm

Sobald in Berlin die ersten warmen Nächte beginnen, startet in Kreuzberg die schönste Zeit des Jahres. Cafés stellen ihre Tische auf die Gehwege, Musiker spielen bis spät in die Nacht und zwischen Bergmannkiez und Landwehrkanal entsteht echtes Festivalgefühl. Der Open-Air-Sommer 2026 bringt drei Höhepunkte: den Karneval der Kulturen, die Fête de la Musique und das Kreuzberg-Festival. 

Den Auftakt machte der Karneval der Kulturen vom 22. bis 25. Mai, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feierte. Der Blücherplatz wurde über Pfingsten erneut zum Treffpunkt für Musik, Tanz und kulinarische Vielfalt. Höhepunkt war der Straßenumzug am 24. Mai. Wegen der Baustellen in der Gneisenaustraße verlief die Parade erneut durch Friedrichshain entlang der Frankfurter Allee und Karl-Marx-Allee. Knapp 70 Gruppen mit Sambabands, Stelzenläufern, afrikanischen Tänzern und karibischen Klängen verwandelten die Straßen in ein Fest der Vielfalt. Viele Besucher schätzen die Mischung aus Kultur, Politik und ausgelassener Stimmung. »Der Karneval zeigt jedes Jahr, wie offen und international Berlin sein kann«, sagte Besucherin Judy aus Neukölln. Seit seiner Gründung versteht sich das Festival als Zeichen gegen Ausgrenzung und für ein solidarisches Miteinander. Mehr als 1,1 Mio. Menschen besuchten den diesjährigen Karneval. Gleichzeitig mussten die Veranstalter erstmals zu Spenden aufrufen, da die öffentlichen Fördermittel nicht mehr ausreichten.

Nur wenige Wochen später übernimmt die Musik die Straßen: Am 21. Juni macht die Fête de la Musique Berlin erneut zur offenen Bühne. Zwischen Oranienstraße, Bergmannstraße und Paul-Lincke-Ufer wechseln sich DJs, Brassbands und Singer-Songwriter ab. Das Besondere: Alle Konzerte sind kostenlos und frei zugänglich.

Fête de la Musique und Kreuzberg-Festival locken auf die Straße

Viele Besucher ziehen spontan von Bühne zu Bühne oder tanzen direkt auf dem Gehweg. Ab 14 Uhr präsentieren sich zum Beispiel auf der mog61-Bühne in der Fürbringerstraße sieben Live-Acts.

Straßenfest zum Karnveval der Kulturen vor der Heilig-Kreuz-KircheStraßenfest am Blücherplatz. Foto: phils

Ende des Monats folgt schließlich das Kreuzberg-Festival vom 26. bis 28. Juni, vielen älteren Berlinern noch als Bergmannstraßenfest bekannt. Der Kiez nördlich des Viktoriaparks verwandelt sich dann in eine lebendige Flaniermeile mit Livemusik, Kunsthandwerk und internationalen Spezialitäten. Familien sitzen mit Picknickdecken am Straßenrand, Kinder tanzen vor den Bühnen und Nachbarn treffen sich zwischen Fa­la­fel­stand und Cocktailbar.

Kreuzberg wird im Sommer 2026 wieder zum Treffpunkt für internationale Kultur, pulsierendes Nachtleben und kreative Bühnen im ganzen Kiez.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2026 (auf Seite 1).

Zu viel, zu schnell, zu laut

Anwohner*innen wollen die Verkehrssituation in der Mittenwalder Straße verbessern

Die Kreuzung Mittelwalder Straße / Fürbringerstraße samt Eckparkern. Foto: mh

Eine neue Petition beschäftigt die Anwohner*innen der Mittenwalder Straße in Kreuzberg. Seit vielen Jahren beschweren sich immer mehr Menschen über die Verkehrssituation dort. Seit die Baerwaldstraße im Mai 2025 gesperrt wurde, ist der Druck aber noch größer geworden. Teils gelenkt durch Navigationsdienste nutzen immer mehr Fahrzeuge die Mittenwalder Straße als Umgehung. 

Das erhöhte Verkehrsaufkommen trifft in der Straße auf zahlreiche in zweiter Reihe parkende Fahrzeuge, was einerseits zu stockendem Verkehr führt und andererseits die Fahrzeugführer aufs Gaspedal drücken lässt, um schnell an den parkenden Fahrzeugen vorbei zu kommen. Generell wird hier sowieso häufig viel zu schnell gefahren. All dies führt in Verbindung mit der Kopfsteinpflasterbefestigung zu einer hohen Lärmbelastung, unter der die Anwohner*innen leiden. Zudem berichten diese von riskanten Situationen beim Überqueren der Straße oder beim Radfahren.

Seit Jahren treffen sich deshalb Bewohner*innen der Mittenwalder Straße, um in Gemeinschafts- oder Einzelaktionen die Polizei und Behörden auf die Verkehrssituation in ihrer Straße aufmerksam zu machen. Bei einem dieser Treffen entstand dann die Idee einer Petition. Mitte Februar startete Birte diese unter dem Titel »Kiezblock Mittenwalder Straße/Fürbringerstraße« digital. Sie wählte den Titel »Kiezblock«, da dieser als etabliertes Schlagwort für verkehrsberuhigende Konzepte steht. Sie betont jedoch, dass hinter der Petition keine offizielle Kiezblock-Initiative steckt. Vielmehr handele es sich um eine Einladung zur Beteiligung der Nachbarschaft. Die Petition fordert regelmäßige Geschwindigkeitskontrollen und konsequente Ahndung von Verstößen sowie verstärkte Überwachung des Parkens in zweiter Reihe.

Petition kann noch bis Mitte April mitgezeichnet werden

Als dauerhafte Lösung zur Verbesserung der Verkehrssituation wird die Einführung von Parkraumbewirtschaftung samt Anwohnerparkausweisen gefordert, um Parksuchverkehr zu reduzieren, sowie Modalfilter (z. B. Poller) an der Kreuzung Mittenwalder Straße / Fürbringerstraße, um den Durchgangsverkehr zu unterbinden. Diese Maßnahmen sind in Berlin nicht unumstritten. Befürworter*innen sehen in Modalfiltern und Anwohnerparken eine Chance auf mehr Ruhe und Sicherheit, während Kritiker*innen vor möglichen Verlagerungseffekten und Belastungen für mobilitätseingeschränkte Bewohner*innen mit PKW warnen.

Die bis zum 15. April 2026 laufende Petition richtet sich unter anderem an das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, die Polizei Berlin-Direktion 5 , die Bezirksverordnetenversammlung und die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Nach der Übergabe der Petition plant Birte, die Nachbarschaft aktiv einzubinden. Konkrete Formate wie Infoabende wurden erwähnt, falls Bedarf besteht. Alle, die sich beteiligen oder informieren möchten, können über diesen Link einfach auf die Petitionsplattform zugreifen und Birte dort kontaktieren.

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2026 (auf Seite 1).

Friedlicher Protest gegen den Zaun

Am Görlitzer Park beginnen die Bauarbeiten

Mit dem geplanten Zaun um den Görlitzer Park wird es ernst: Offiziell haben die Bauarbeiten für die umstrittene Umfriedung am 23. Juni begonnen, doch fehlt davon am »Tag Z«, wie das Datum von den Gegnern des Zaunbaus getauft wurde, noch jede Spur.

Dafür sind mehrere Hundert Menschen zur abendlichen Demo am Spreewaldplatz gekommen. »Tower besetzen – Görli verteidigen – Holen wir uns die Stadt zurück«, steht auf einem der Transparente, »Der Görli bleibt auf« auf einem anderen. Es sind Menschen aus der Nachbarschaft, teilweise Familien mit Kindern, die hier gegen die nächtliche Schließung des Görlis demonstrieren.

Demonstrierende Personen mit Transparenten auf dem Spreewaldplatz am Görlitzer ParkHunderte Menschen protestierten friedlich gegen die Senatspläne zur nächtlichen Schließung des Görlis. Foto: db

Von 22 bis 6 Uhr (im Sommer 23 bis 6 Uhr) soll der Park nach Willen des Senats geschlossen werden, um die Drogenkriminalität einzudämmen. Doch viele Anwohnende sehen in den Plänen reine Symbolpolitik und befürchten, dass es eher zu einer Verdrängung der Dealer in die umliegenden Wohngebiete kommt. Weiterhin ungeklärt bleibt auch die Frage, wie sich die nächtliche Schließung mit der geplanten Verlängerung der Tramlinie M10 verträgt, die geradewegs durch den Park führen soll – angeblich hat die BVG dafür »technisch gut umsetzbare Lösungen« parat.

Das Bezirksamt hatte sich von Anfang an gegen die Zaunbaupläne gestellt und Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht, nachdem die Senatsverwaltung das Verfahren an sich gezogen hatte.

Am Montagabend bleibt die Stimmung friedlich, und auch am Folgetag, als eine Baufirma einzelne Flächen für die Lagerung von Baumaterialien absperrt, kommt es zu keinen Auseinandersetzungen zwischen dem Grüppchen Demonstrierender und der Polizei. Bleibt abzuwarten, wie es weitergeht, denn erklärtes Ziel der Gegner ist weiterhin das Verhindern der Zaunbaus. Geplant ist die Fertigstellung bis Jahresende.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2025 (auf Seite 1).

Schnicken, plitschen, hüpfen lassen

6. Titscher Masters Kreuzberg am Landwehrkanal

Es gibt vermutlich nur wenige Menschen, die es selbst noch nicht gemacht haben: Steine titschen. Das Freizeitvergnügen – auch als flitschen, platschen, plitschen, schnicken, hüpfen oder flippen bekannt – beschreibt das Werfen eines flachen Steins über eine Wasseroberfläche, sodass er mehrfach aufsetzt und wieder hochspringt, bevor er schließlich sinkt. Um das zu bewerkstelligen, muss ein möglichst platter Stein mit einer Drehbewegung in flachem Winkel zur Wasseroberfläche geflitscht werden – und das schnell genug, damit der Stein den nötigen Auftrieb erzeugt. Als ungeübter Laie lassen sich dabei zwei bis fünf Aufpraller schaffen, ehe der Stein untergeht. Der von Kurt Steiner in den USA aufgestellte Weltrekord für die meisten Titscher liegt hingegen bei sagenhaften 88 Sprüngen.

Gruppenfoto am UrbanhafenSo sehen fröhliche Steinewerfer*innen aus. Foto: Consu

Dass Titschen bei Weitem keine reine Kinderbeschäftigung ist, beweisen die regelmäßig stattfindenden Meisterschaften und Turniere, wie das »Titscher Masters Kreuzberg«, das am 8. Mai in die sechste Runde geht. Gestartet wird um 12 Uhr am Landwehrkanal, Höhe Paul-Lincke-Ufer 1, von dort aus ziehen die Teilnehmenden samt Publikum entlang des Wassers Richtung Urbanhafen und zum Finale weiter zum Engelbecken. Insgesamt sind an der Strecke sechs Stationen vorgesehen, an denen jede*r Werfer*in drei Würfe hat, wobei möglichst viele Titscher des Steins auf dem Wasser erzielt werden sollen. Ein ausgeklügeltes Wertungssystem verspricht dabei Spannung bis zur letzten Runde, da alle Teilnehmenden bis zum Finale im Spiel bleiben. Wer am Ende die meisten Punkte erreicht hat, erhält den Wanderpokal, einen aus Fahrradteilen zusammengebauten weißen Schwan.

»Dieser wird übrigens von den echten Schwänen auch als einer von ihnen wahrgenommen, denn sie versuchen Kontakt aufzunehmen und zwicken gelegentlich unsere Trophäe«, erzählt Sebo, einer der Organisatoren. Anekdoten rund um das Turnier gibt es viele, so ist anstelle des Steins auch mal ein Werfer ins Wasser gefallen oder der Wettkampf wurde kurzfristig von aufgeschreckten Ordnungshütern unterbrochen. Allen Widrigkeiten zum Trotz konnte aber in jedem Jahr ein*e Kreuzberger Titscher-Meister*in gekürt werden. Aktuell ist der Amtsinhaber Olli Ernesto the Eagle.

Das Titscher Masters Kreuzberg findet traditionell am 8. Mai – am Tag der Befreiung von den Nazis – statt, »als unser Statement gegen Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Verdummung«, erklärt Sebo.

Die Startplätze sind für dieses Jahr bereits vergeben. Wer nun auf den Geschmack gekommen ist und selbst gern bei so einem Event dabei sein möchte, hat am 4. Oktober 2025 bei dem offiziellen Turnier »Berlin Titscher Masters« die Chance dazu. Weitere Informationen finden sich auf www.­titschermasters.de.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2025 (auf Seite 3).