Menschenkette mit Maskenpflicht

#Unteilbar verlangt in Kreuzberg: »Black Lives Matter!«

An die 20.000 Menschen spannten ein »Band der Solidarität«. Foto: ksk

Die Sonne schien, überhaupt herrschte wunderbares Sommerwetter, die Stimmung war sehr entspannt und endlich einmal musste man zum Demonstrieren nicht bis zum Kanzleramt oder zum Alexanderplatz laufen. Das »Band der Solidarität«, welches das Bündnis #Unteilbar am 14. Juni spannte, reichte bis nach Kreuzberg: über Baer­wald-, Gneisenau­straße und Hasenheide bis zum Hermannplatz.

Die Polizei sprach nachher von rund 8000 Teilnehmern, die Veranstalter von 20.000. In dem Aufruf zur Menschenkette ging es um eine kostenlose Gesundheitsversorgung oder eine Demokratisierung der Wirtschaft. Vor Ort überwogen dann aber vor allem aktuelle Forderungen wie »Black Lives Matter«, »Stoppt die AfD« oder »Rassismus ist keine Alternative«.

Demos während einer laufenden Pandemie sind natürlich eher heikel – deshalb gab es eine strenge Maskenpflicht. Die Polizei jedenfalls war des Lobes voll: »Das Hygienekonzept ist voll aufgegangen«, hieß es zufrieden. Na ja, Verdi und Linke haben bei Masken offenbar noch etwas Nachholbedarf. Und wenn selbst Ordner­innen Auflagen fröhlich ignorieren, kommt das nicht so gut.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Dilek Kalaycis Angst vor klaren Worten

Großes Rätselraten um die neue Corona-Quarantäne-Station in der Blücherstraße 26B

Die Haupstadtpflege ist eigentlich eine »Temporäre Notfall-Pflegeeinrichtung«. Foto: ksk

Am Ende ging alles so schnell, dass man schier nicht mehr hinterherkam. An einem Tag saß noch der Maler auf der Leiter vor der Front des »House of Life« und tilgte den alten Schriftzug. Am nächsten prangte dort schon das neue Logo von »Vivantes«. Der vom Förderverein liebevoll gepflegte Schaukasten wurde ausgeräumt, jetzt hängt dort nicht mehr der Flyer von »Kultur am Mittag«, sondern Werbung für »Vivantes Hauptstadtpflege«.

Das steht auch auf den Schildern am Eingang. Aber ist das überhaupt richtig? Ist das ehemalige House of Life ein ganz normales Seniorenwohnheim? Die Senatsverwaltung für Gesundheit spricht von einer »Temporären Notfall-Pflegeeinrichtung«. Das klingt schon ganz anders. Aber was soll das nun wieder sein?

Es hatte sich schon Ende Mai herumgesprochen, dass das House of Life einen Monat früher dicht macht, das Gebäude in der Blücherstraße 26B von der Senatsverwaltung für Gesundheit angemietet und bis Jahresende von Vivantes betrieben werden soll. In einem Aushang sprach der bisherige Träger FSE von einem »Ausweichquartier« zur Versorgung von Coronapatienten und Verdachtsfällen bei einer befürchteten zweiten Coronawelle. Das sei bereits am 19. Mai entschieden worden.

Auf dem Bezirksamt hieß es klipp und klar, das Haus werde ab 1. Juni als »Corona-Quarantäne-Station« genutzt. Das Gesundheitsamt habe es abgenommen. Nur die Pressestelle von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci wusste von nichts. Auf eine einschlägige KuK-Anfrage vom 27. Mai lautete die Antwort »Der Senatsverwaltung für Gesundheit … liegen hierzu keine Informationen vor.« Das kann jetzt bedeuten, dass der zuständige Pressereferent keine Ahnung hat, was in seinem Hause passiert. Oder dass er versuchte, den Deckel drauf­zuhalten, mithin die Unwahrheit sprach.

Erst zwei Wochen später kam die offizielle Pressemitteilung zur neuen »Temporären Notfall-Pflegeeinrichtung« heraus. O-Ton Kalayci: »Diese Einrichtung soll pflegebedürftigen Menschen übergangsweise eine Unterkunft bieten, wenn sie in der aktuellen Pandemielage nicht in ihrer häuslichen Umgebung gepflegt werden können«. Geschwurbelter geht es kaum. In dem ganzen Text kommt das Wort »Corona« nur ein einziges Mal, das Wort »Quarantäne« über­haupt nicht vor. Und für wen ist das Haus nun bestimmt? Für pflegebedürftige Menschen mit Corona? Ohne Corona? Oder vermutete Kontaktpersonen?

Das House of Life ist tot, es lebe Vivantes. Aber die Musik spielt nicht mehr. Foto: ksk

Man darf rätseln, warum sich die Senatorin so bedeckt hält. Hat sie Angst, dass schon beim Wort »Corona« Anwohner gegen einen befürchteten Hot-Spot im Kiez Sturm laufen? Sollen die Kosten vorsichtshalber unter dem Teppich bleiben, falls die zweite Welle ausbleibt? Keine Ahnung.

Klarheit schuf erst ein internes Schreiben der Berliner Krankenhausgesellschaft. Dort heißt es sinngemäß, der Corona-Ausbruch in einem Seniorenheim im Lichtenberger Ortsteil Fenn­pfuhl Ende April habe zu Diskussionen geführt. Damals seien alle Bewohner mangels Alternative in Krankenhäuser gebracht worden: »Mit der Errichtung und dem Betrieb einer Notfall-Pflegeeinrichtung soll die Wiederholung einer solchen Erfahrung vermieden werden.«

Es ist genau das, was FSE von Anfang an geschrieben und das Bezirksamt bestätigt hat: ein »Ausweichquartier« oder eben eine »Corona-Quarantäne-Station«.

Jetzt wollte die KuK von Frau Kalaycis Pressestelle nur noch wissen, wann das Haus den Betrieb aufnimmt, ob es ständig belegt oder nur als Reserve gedacht ist, wie viel Personal benötigt wird und was der Umbau kostet. Keine Antwort.

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement, Ein ganz einzigartiges Projekt, House of Life wird geschlossen sowie Kleiner Verein sucht neues Zuhause und Corona-Quarantäne im House of Life (Stand: 10.06.2020).

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Kleiner Verein sucht neues Zuhause

Trauer und Wut über die Schließung des House of Life / namu Art for Life Network e.V. in Not

Aponis Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling im House of Life. Foto: namu

Die kurzfristige Schließung des House of Life Ende Mai hinterlässt im Kiez Spuren. Eineinhalb Jahrzehnte waren die Bewohner des Pflegeheims Teil der Nachbarschaft. Waren auf den Straßen präsent, tauchten beim Späti auf. Umgekehrt kam der Kiez dank dem ehrenamtlichen Förderverein aber auch zu ihnen ins Haus. Jetzt ist das alles vorbei,

In seinem letzten Newsletter blickt der Verein »mit Wehmut« auf das Ende: »Wir versuchen ein bisschen von dem, was wir aufgebaut haben, im Kiez weiterzuführen«, heißt es traurig. Kalt erwischt hat es auch den Verein »namu Art for Life Network«, der im House of Life ein kleines Büro und einen Lagerraum nutzen durfte. Er muss bis Ende August ausziehen und sucht nun dringend neue Räume. »Wir haben 15 Jahre lang zusammengearbeitet«, klagt Vereinsvorstand Una Gonschorr. »Es ging so sang- und klanglos zu Ende!« Namu kümmert sich um schwer kranke Kinder in Kliniken und in Hospizen.

Zur Schließung gibt es auf der KuK-Webseite zahlreiche Kommentare. Eine kleine Auswahl: »Es macht mich traurig und wütend!« – »Ich bin einfach nur sprachlos und regelrecht angewidert. Die Mitbewohner dann auch noch in so einer kurzen Zeitspanne abzuschieben, ist ein Skandal!« – »War selbst Mitbegründerin des Wochenend-Cafés und die Schließung macht mich sehr traurig. Den Bewohnern wünsche ich ein gutes Eingewöhnen in neue Wohneinheiten.« – »So geht man weder mit Bewohnern noch Mitarbeitern um!«

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement und Ein ganz einzigartiges Projekt sowie House of Life wird geschlossen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Endlich mit Aufzug

U-Bahnhof Gneisenaustraße wird barrierefrei und bekommt einen dritten Eingang

Noch nicht das Dach über dem geplanten Aufzug, aber der erste Schritt dazu: Arbeiten am Ost-Eingang. Foto: ksk

Ein oranger Bauwagen ist zu sehen, ein Container-Standplatz, kürzlich wurde sogar ein mächtiger Wetterschutz aufgerichtet. Am östlichen Eingang des U-Bahnhofs Gnei­se­nau­stra­ße wird seit Wochen gebaut. Die KuK hat bei der BVG nachgefragt: Derzeit wird die bisherige Treppe abgerissen, ein neuer Treppenlauf betoniert und außerdem noch ein schönes, neues Bahnhofsschild aufgestellt, ein sogenannter Gre­nan­der­bo­gen. Das alles dauert bis zum zweiten Quartal 2021 – solange ist der Eingang an der Mittenwalder also zu.

Das ist aber erst der Anfang, denn dann beginnen die »Grund­instandsetzung« und der barrierefreie Ausbau, die noch einmal zwei Jahre dauern und insgesamt 15 Millionen Euro verschlingen. Dabei bekommt der U-Bahnhof auf dem Mittelstreifen zwi­schen den beiden bisherigen Zugängen einen dritten, komplett neuen Ausgang mit Treppenanlage und Aufzug. So sehen es die Pläne vor, für die derzeit die Genehmigung läuft.

Laut Verkehrssenato­rin Regine Günther sollte das Berliner U-Bahn-Netz ursprünglich bereits 2020 komplett barrierefrei sein. Vom Gesetz ist der 1. Januar 2022 als Termin für barrierefreie Zugänge vorgeschrieben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Ein ganz einzigartiges Projekt

Das House of Life leistete Pionierarbeit – macht jetzt aber leider dicht

Dank der Aktivitäten des ehrenamtlichen Fördervereins ging es im House of Life hoch her: Fest der Inklusion mit Fanfare Gertrude. Foto: ksk

Wenn man vor dem House of Life in der Blücherstraße 26B steht, wirkt es nicht besonders einladend. Eine graue, etwas heruntergekommene Betonburg, düster und unnahbar – auch die bunten Wandmalereien von Sergej Dott helfen wenig. Aber nach ein paar Schritten ins Innere ändert sich der Eindruck: Im »Café Bohne« gibt es leckeren Kuchen, im Garten lässt sich wunderbar in der Sonne sitzen und nach einer Weile wird klar, dass diese Menschen im Rollstuhl nicht einfach Menschen im Rollstuhl sind, sondern dass man mit ihnen reden kann.

Jahreskalender 2020. Zeichnung: Hardo

Als das House of Life 2006 gegründet wurde, war es ein ganz einzigartiges Projekt. Den Hintergrund bildete die wachsende Anzahl an schwer AIDS-Kranken, die intensive Betreuung benötigten, aber so gar nicht in ein übliches Seniorenheim mit einem Durchschnittsalter von 85 Jahren passten. Also entstand in langjähriger Kooperation der Berliner Aids-Hilfe mit der FSE Pflegeeinrichtungen gGmbH unter dem Dach der AWO die Idee, ein Pflegeheim nur für Jüngere einzurichten.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann bekommt den „Prize of Life“. Foto: privat

Das war das eine Bein des neuen Konzepts. Das andere bestand darin, dieses Heim nicht zu verstecken, sondern mitten hinein in das bunte, vielfältige Kreuzberg zu setzen. Die Bewohner*innen sollten ihr Gesicht nicht verlieren, sie sollten es zeigen, auch »draußen«, Brücken sollten geschlagen werden. »Das größte Geschenk, das man den Bewohner*innen machen kann«, hieß es damals, »ist eine starke und vitale Verbindung zum Leben der Stadt.«

Das ist 14 Jahre her. Viele sind im House of Life gestorben. Neben AIDS stehen inzwischen andere schwere Krankheiten im Vordergrund. In diesen 14 Jahren hat der ehrenamtliche Förderverein ein unglaubliches Feuerwerk an Veranstaltungen und anderen kreativen Ideen abgebrannt (s. rechte Seite). Aber jetzt ist damit Schluss: Nachdem es ursprünglich hieß, das House of Life werde zum 30. Juni geschlossen, ist es nun bereits seit dem 31. Mai dicht.

Der damalige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (mit Cello) beim Herbstfest 2008 mit Una Gonschorr. Foto: privat

»Die Bausubstanz des Gebäudes lässt ein weiteres Betreiben der Einrichtung durch uns leider nicht mehr zu«, schreibt die Geschäftsführung zur Begründung. Alle zuletzt 80 Bewohner*innen haben inzwischen eine neue Unterkunft gefunden, einige davon offenbar im Goldenherz in der Maxstraße. Die 65 Beschäftigten würden weiterbeschäftigt, heißt es.

Während der Träger FSE in seiner Stellungnahme geltend macht, der Entscheidung sei »ein intensiver Beratungsprozess« vorausgegangen, kam die Schließung für viele Betroffene doch sehr überraschend. Von »vollendeten Tatsachen« ist die Rede, Bekanntschaften seien zerrissen und vieles, was im Lauf der Jahre mühsam geschaffen wurde, mit einem Schlag zerstört worden. »Jetzt gehen sie wieder zurück ins Seniorenheim«, klagt einer.

Beim Träger FSE bemüht man sich hingegen um optimistischere Töne. Das House of Life habe mit der Idee der Teilhabe »wichtige Pionierarbeit geleistet«, heißt es. Und man verspricht: »Das Konzept der Jungen Pflege wird von der FSE weiter verfolgt. Wir sind auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie.«

Aufregende Zeit

Nicole Katschewitz. Foto: privat

Nicole Katschewitz ist Vorsitzende des Fördervereins House of Life e.V . Mit ihr sprach Klaus Stark.

KuK: Nicole, seit wann weißt du, dass das House of Life geschlossen wird?

Nicole Katschewitz: Das haben wir in einem persönlichen Gespräch am 5. März erfahren.

Wie habt ihr im Förderverein darauf reagiert?

Wir hätten nie gedacht, in welcher kurzen Zeitspanne das Haus geschlossen wird. Wir wollten bis zum Ende alle ehrenamtlichen Angebote weiter anbieten, aber wegen Corona herrschte seit 13. März offizielles Hausverbot.

Ist das House of Life am Ende gescheitert?

Das Konzept einer Pflegeeinrichtung für Jüngere ist nicht gescheitert. Alle Beteiligten haben immer wieder betont, dass dies wichtig und richtig war. Es war eine spannende und aufregende Zeit, die ich im House of Life verbringen durfte, wofür ich sehr dankbar bin.

Löst sich der Verein jetzt auf oder macht ihr weiter?

Das entscheidet die Mitgliederversammlung. We­gen Corona konnten wir die noch nicht durchführen.

 

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Feuerwerk an Ideen und Engagement

Eineinhalb Jahrzehnte stand der Förderverein den Bewohner*innen des House of Life zur Seite

Fragt man Marie Hoepfner nach den Höhepunkten der vergangenen Jahre, muss sie erst ein wenig nachdenken. Aber dann sprudelt es nur so aus ihr heraus: »Der Tag der Inklusion im Mai 2014. Der große Saal war proppenvoll! Jocelyn B. Smith, die hat hier 2017 einen Workshop gegeben! Oder der erste Kalender mit Fotos der Bewohner*innen, toll gestylt und im Abendkleid. Das Motto damals war: Ich bin schön! Das hat mich sehr stolz gemacht!«

Marie hat für den Förderverein House of Life e.V. die kulturellen Veranstaltungen organisiert. Der gemeinnützige Förderverein stand dem House of Life von Anfang an zur Seite, war vom Träger unabhängig und arbeitete komplett ehrenamtlich. Sein Ziel war, wie es ein Mitglied einmal formulierte, »in erster Linie das Leben der Bewohner*innen so schön und angenehm wie möglich zu gestalten«. Sein Zeichen ist die rot-grüne Schleife, die Solidarität mit HIV-Positiven symbolisiert, aber auch an die Hoffnung und das Leben erinnern möchte.

Wichtiges Werkzeug dabei war der große Speisesaal mit seiner guten Akustik, der zu einem einzigartigen Ort der Begegnung wurde, einer Schnittstelle zwischen der Innenwelt des House of Life und der Welt draußen. Aber auch ohne die Zeitschenker*innen wäre nichts gegangen – so hießen die zeitweise bis zu 20 Ehrenamtler, die im Pflegeheim für Abwechslung sorgten.

Und was hat sich der Förderverein in diesen 14 Jahren nicht alles einfallen lassen:
• Das Café Bohne öffnete jeden Samstag und Sonntag die Pforten und servierte Kaffee, Tee und Kuchen.
• Im Computerraum wurden die Bewohner*innen beim Surfen angeleitet.
• Mit Hilfe des Restkartenangebots von KulturLeben e.V. besuchten Bewohner*innen Konzerte, Theateraufführungen und Sportveranstaltungen.
• Im Freizeitraum gab es Billard, Dart, Kicker, Wii-Konsole, im Garten Kräuter-Hochbeet und Naschgarten.
• Der Verein mog61 e.V. veranstaltete im Garten des House of Life jedes Jahr Anfang Mai ein Fest der Inklusion mit Livemusik.

• Im Rahmen der Fête de la Musique am 21. Juni fand jedes Jahr das Sommerfest des House of Life statt, wo auch der »Prize of Life« verliehen wurde.
• Im Juli gab es ein Kennenlern-Picknick und im Herbst zusammen mit mog61 e.V. einen Jahreskalender mit schönen Fotos oder Zeichnungen von Bewohner*innen.
• Ganz viel los war zwischen 2015 und 2018 bei der von »Aktion Mensch« geförderten »Kiez Community« – einem Inklusionsprojekt, das ein lebendiges Netzwerk im Kiez knüpfte. Mit vielen Konzerten, Rikscha-Fahren, Mobilitätswerkstatt, Theatergruppe, Ukulele-Unterricht, Blasorchestergruppe, Kiez-Atlas und Fest der Nachbarn am »European Neighbours’ Day«.
• Insgesamt drei Bücher hat der Förderverein herausgebracht mit Biografien von Bewohner*innen und Interviews mit Pflegekräften, Ehrenamtlichen und mit Angehörigen.

• Das Projekt »Kultur am Mittag« sorgt dafür, dass Kulturveranstaltungen künftig vermehrt auch tagsüber und nicht immer nur abends stattfinden.
Was für ein Feuerwerk von Ideen und Engagement! Das alles ist jetzt vorbei. Der Förderverein hat sein Büro bereits räumen müssen. »Es war etwas Besonderes und das Konzept ist auch aufgegangen«, sagt Marie. »Dass es jetzt so hat enden müssen, ist wirklich traurig.«

Immerhin gibt es einen kleinen Lichtblick, berichtet Antje Lange, die sich von Anfang an intensiv für den Verein eingesetzt hat: Möglicherweise werden die Konzerte und andere inklusive Veranstal­tungen, für die das House of Life bekannt geworden ist, unter dem Dach des Nachbarschaftshauses in der Urbanstraße fortgeführt.

 

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Ein ganz einzigartiges Projekt

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Maskenpflicht nur im ÖPNV

Berlin macht es wieder einmal anders als alle anderen

Die KuK-Redaktion produziert aktuell ausschließlich im Home-Office, trotzdem sind Mund-Nasen-Masken natürlich Ehrensache! Foto: kuk

Blicken wir ein paar Tage in die Zukunft? Die U 7 morgens im Stoßverkehr, die Leute drängen sich dicht an dicht und jeder hat so ein Stück Stoff im Gesicht. Das wäre für Kreuzberg wohl ein sehr ungewöhnliches Bild! Wie viele werden sich an die Maskenpflicht halten? Im Voraus kann das keiner wissen. Bei Erscheinen der Mai-Ausgabe von Kiez und Kneipe lässt sich die Frage wahrscheinlich besser beantworten.

Über eine verpflichtende Mund-Nasen-Maske im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie war lange gestritten worden. Die Bundeskanzlerin mischte sich ein, die Bundesländer stritten erneut und dann verkündete der Berliner Senat: »Bei der Nutzung des ÖPNV ist ab 27. April eine textile Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.« Ein Schal oder ein Tuch tut es also auch.

Berlin ist bei Redaktionsschluss (Stand: 26. April) das einzige Bundesland, das einen Mund-Nasen-Schutz zwar im ÖPNV, jedoch nicht in Einzelhandelsgeschäften vorschreibt. Dort wird er lediglich »dringend empfohlen«. Das Tragen von Masken in Bussen und U-Bahn wird von der BVG nicht kontrolliert. »Wir sind ein Verkehrsunternehmen, keine Ordnungsmacht«, heißt es. Bußgelder bei Verstößen sind laut dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller ebenfalls nicht vorgesehen.

Ohnehin scheint es in Teilen der rot-rot-grünen Koalition Widerstände gegeben zu haben. Die Linken befürchten offenbar, dass die Maske zu einer »Virenfalle« wird. Bei den Grünen hört man, Masken könnten »auch in falscher Sicherheit wiegen«. Die SPD hingegen will nun nachbessern und die Maskenpflicht wie in anderen Bundesländern auf die Geschäfte ausweiten.

Immer mehr Initiativen im Kiez versuchen sich an der Nähmaschine

Wo man solche behelfsmäßigen Mund-Nasen-Masken tragen muss, ist die eine Frage. Die andere: Wo bekommt man so ein Teil überhaupt her? Die Senatsverwaltung für Wirtschaft verweist auf ein Portal, wo sich Anbieter und Nutzer vernetzen können. Der Senat will diese Woche außerdem 147.000 Masken kostenlos an Bedürftige verteilen. Schon am Montag, 27. April, sollen die meisten davon den Bezirken zugestellt werden. Die Masken sind für diejenigen bestimmt, die keine Möglichkeit haben, sich eigene Masken zu besorgen. Laut Senat können Bürger die Masken bei den örtlichen Rathäusern abholen. Details sind dazu aber noch unklar.

Im Kiez gibt es inzwischen viele Ini­­tiativen, die solche Behelfsmasken aus Stoff selbst herstellen. Dabei gilt, dass sie den Träger nicht vor dem Corona-Virus schützen, unter Umständen aber das Risiko vermindern, dass er andere ungewollt infiziert.

  • mog61 Miteinander oh­ne Grenzen e.V. hat früh begonnen, Masken zu nähen. Sie kommen sozialen Organisationen, Mitgliedern von Risikogruppen, Men­schen mit systemrelevanten Berufen und Geflüchteten zugute und sind kostenlos. Wer noch mithelfen möchte, ist herzlich willkommen. Der Verein freut sich auch sehr über Stoffspenden (vgl. Interview auf Seite 10).
  • Auch das Nachbarschaftshaus Urban­straße will nach mog61-Vorbild G­e­­sichts­masken nähen und sucht Stoffe aus reiner Baumwolle.
  • Bei der WollLust in der Mittenwalder Straße werden ebenfalls hübsche Masken genäht. Der Erlös geht an Kneipen, die wegen Corona schließen mussten, etwa an den UnterRock, an Backbord und Dodo.

Insgesamt entsteht derzeit der Eindruck, dass Masken nicht mehr ausverkauft, sondern hier und da zu kriegen sind. Wenn es nicht um eine Spende geht, sollte man sich aber vor überhöhten Preisen hüten. Als eine fliegende Händlerin am Marheinekeplatz kürzlich das Geschäft ihres Lebens machen wollte, wurde sie prompt als »Krisengewinnlerin« beschimpft.

Kommentar: Fauler Kompromiss

Update: Maskenpflicht jetzt auch im Einzelhandel



Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

»House of Life« wird geschlossen

Ende Juni ist Schluss / 80 Bewohner und 65 Mitarbeiter betroffen

Das »House of Life« in der Blücherstraße wird zum 30. Juni dieses Jahres geschlossen. Das teilte der Betreiber FSE in einer Pressemitteilung mit.

»Die mangelhafte Bausubstanz mit einem enormen Instandsetzungsbedarf, zwingt uns, den Standort aufzugeben«, erklärte der Geschäftsführer der FSE-Gruppe Christian Mannewitz, der die Situation als »sehr traurig« bezeichnete.

Die Schließung des 2006 eröffneten Hauses trifft 80 Bewohner und 65 Mitarbeiter. Ursprünglich hatte das »House of Life« eine Kapazität von über 100 Plätzen. In der Vergangenheit war jedoch bereits ein komplettes Stockwerk geschlossen worden. Tatsächlich hatte es immer wieder Berichte über Mängel gegeben. So sei zum Beispiel der Aufzug regelmäßig ausgefallen, heißt es aus dem Umfeld.

Mit dem »House of Life« schließt die bundesweit einzige Pflegeeinrichtung für jüngere Erwachsene. Menschen, die in jüngeren Jahren zum Pflegefall werden, können normalerweise nur in Altenpflegeheimen untergebracht werden. Auch die jetzigen Bewohnern, von denen viele unter 40 sind, etliche sogar unter 30, werden nun auf verschiedene Einrichtungen der FSE-Group verteilt, das heißt in Altenpflegeheimen. Das Unternehmen versichert allerdings, an dem Konzept einer Einrichtung für jüngere pflegebedürftige Menschen festhalten zu wollen. Nach einem geeigneten Stadort in Berlin werde bereits gesucht.

Zu Kündigungen soll es im Zusammenhang mit der Schließung nicht kommen. Den 65 Beschäftigten würden innerhalb der FSE-Group neue Arbeitsplätze angeboten

Nur von den Obdachlosen ist keiner da

Der Wind bläst kalt ins Gesicht und die Strecke zieht sich: »Nacht der Solidarität« mit mog61 e.V.

Um halb zehn zieht der erste Trupp los. Mit hellblauen Warnwesten, die Taschenlampen griffbereit und – glaubt man den entschlossenen Gesichtern – für alles gerüstet, was da in dunkler Nacht auf einen zukommen mag. Nein, keine Polarexpedition, nur die »Nacht der Solidarität«.

In ganz Berlin wollten 2600 Freiwillige mithelfen, erstmals obdachlose Menschen zu zählen. Mehr als 100 sind im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße versammelt, das als Zählbüro dient. Vom Verein »mog61 – Miteinander ohne Grenzen« ist Marie dabei, als Teamleiterin.

In gewohnter Großzügigkeit gibt es erst mal tonnenweise Butterbrezeln, Kekse und Getränke. Erneut werden wichtige Regeln verkündet: Wir machen keine Fotos! Wir wecken niemanden auf! Wir sprechen sanft und leise!

Zu Maries Team gehören acht Leute, viele kommen aus dem sozialen Bereich. Sie machen sich flüchtig bekannt, Aufgaben werden verteilt. Wer bestimmt den Weg? Wer hält das Licht? Gewissenhaft wird geprobt: »Möchten Sie mit uns sprechen? Schlafen Sie auf der Straße?

«Draußen regnet es glücklicherweise nicht. Es ist eher mild, aber der Wind bläst kalt ins Gesicht. Gute Idee, das mit dem zusätzlichen Pulli. Busse fahren, auf den Straßen ist kaum jemand unterwegs. Ein ganz normaler Wochentag, zwei Stunden vor Mitternacht. Der Zählbezirk südlich des Landwehrkanals zieht sich, wenn man jede, aber auch jede Straße abläuft. Eine Passantin sagt: »Gut, dass ihr das macht!«

Nach zwei Stunden tun tatsächlich die Beine weh. Das Ergebnis: Team »Kreuzberg 8« hat keinen einzigen Obdachlosen entdeckt, nur drei verlassene Schlafstellen, die vielleicht im Sommer benutzt werden. Marie macht das nichts: »Das war nur der Anfang. Mit dem Thema Obdachlosigkeit wollen wir uns künftig intensiver beschäftigen.«

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Engagement fast bis zum Umfallen

Der Möckernkiez e.V. kümmert sich um Kultur, sozialen Zusammenhalt und mischt sich ein

Im Möckernkiez e.V. aktiv: Eva Zimmermann, Meike von Appen, Anja Koeller, Thomas Fues (v.li.). Foto: ksk

An der Wand hängen ganz viele Zettel. Da steht mit buntem Filzstift geschrieben: »AG Mobilität«, »AG Barrierefreiheit«, »AG Kommunikation« und »AG Grüner Daumen«. Wer im Netz den Terminkalender des Möckernkiez e.V. studiert, gewinnt vollends den Eindruck, es handle sich um eine ausgewachsene Volkshochschule.

Anderswo leben Menschen häufig nebeneinander her und wissen kaum voneinander. Im Möckernkiez soll das anders sein. »Ich bin hergezogen mit dem Gedanken: Hier kann man sich engagieren, bis man tot umfällt. Hier gibt es soziale Treffpunkte«, sagt Meike von Appen von der AG Kultur.

Heute Vormittag zum Beispiel einen Kurs zum »Sicheren Umgang mit dem Smartphone«. Danach tagt die Öko AG zum Dragonerareal, später ist »Yoga am Mittag« angesagt. Am Nachmittag Kindercafé, Malgruppe und noch ein Hausgruppentreffen.

Die 471 Wohnungen im Möckernkiez gehören alle einer Genossenschaft. Vor einigen Jahren geriet das ehrgeizige Projekt wegen Geldproblemen in die Schlagzeilen. Doch inzwischen sind alle Wohnungen bezogen und es ist Ruhe eingekehrt.

Gewiss, die Mieten liegen nicht eben niedrig. Andererseits muss niemand fürchten, von Spekulanten herausgeklagt zu werden. Es ist ein ökologisches und vor allem ein soziales Modellprojekt. Besonders wichtig sind die Gemeinschaftsräume – der schöne »Multifunktionsraum«, die Werkstatt, der Cafébereich »Möca«.

Dort treffen sich Arbeitsgruppen, dort wird der 14-tägige Newsletter erstellt, dort tagen die Hausgruppen. Heute zie­hen Eva Zimmermann, Meike von Appen, Anja Koeller und Thomas Fues vom Moeckernkiez e.V. dort eine Bilanz.

Treffpunkt Möca. Foto: ksk

Tatsächlich ist der Verein sogar älter als die Genossenschaft selbst und so etwas wie ihre Keimzelle gewesen. Aber mit den vielen Angeboten richtig in Fahrt gekommen ist er erst jetzt. Ein Jahr lang haben die Aktiven Erfahrungen gesammelt. Jetzt wollen sie »noch mehr nach außen gehen«, sagen sie, »und klarmachen, dass Menschen aus der Umgebung auch eingeladen sind«.

Denn der Verein betreibt nicht nur Nabelschau, sondern mischt sich ein. Zu einem Vortrag des Verbands der Wohnungsunternehmen kamen mehr als 100 Zuhörer. Spitzenpolitiker von Linken und Grünen sprachen vor, und weil der Möckernkiez eine »Genossenschaft von unten« ist, so Thomas Fues, gehen Mitglieder auch mal demonstrieren, wenn es gegen hohe Mieten geht.

Im Möckernkiez ist mächtig viel los. Von Appen erinnert an den Vortrag eines Bestatters: »Nachher konnte ich mit meiner 98-jährigen Mutter über das Thema sprechen.« Eva Zimmermann stellt Fotos aus und hat einen eigenen Film mit dem Titel »Zeitzeugen« gezeigt.

Jetzt muss sich das reiche kulturelle und soziale Leben hinter der eher abschreckend wirkenden Front an der Yorckstraße nur noch mehr herumsprechen. Zimmermann hat schon Leute getroffen, die sagten: »Dass hinter diesem Block da Menschen wohnen – da wäre ich nie drauf gekommen.«

Hier der aktuelle Veranstaltungskalender des Möckernkiez e.V.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Endlich wieder Schlange stehen

Mustafa’s Gemüse Kebap hat den Brand überlebt

Das Ziel aller Träume – Mustafa’s Gemüse Kebap, jetzt direkt neben dem Finanzamt. Foto: ksk

Ein Döner ist ein Döner, könnte man meinen, aber bei näherer Betrachtung ist das gar nicht so. Neben Dönern, die einfach nur Döner sind, existiert nämlich Mustafa’s Gemüse Kebap. Der ist etwas Besonderes und weil das nicht nur so ist, sondern auch in vielen Reiseführern steht, gibt es dort außer Kebap fast immer eine unglaublich lange Schlange.

Gab es jedenfalls bis Anfang Oktober. Damals brannte am Mehring­damm ei­ne Fri­­teuse, glück­licherweise wurde keiner verletzt, aber seitdem war Schluss mit dem Kebap und mit der Schlange, wo Touristen ein schönes Selfie hätten schießen können.

Jetzt sind sie wieder da! Zwar nicht am alten Standort, das war »aus Gründen der Behinderung des Fuß- und Radverkehrs nicht möglich«, so mäkelte das Bezirksamt. Aber ein paar Meter weiter, in ei­nem Imbisswagen, Richtung Finanzamt. Kebap wieder da, Schlange wie­der da. Die KuK wünscht Guten Appetit!

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Weine nicht, wenn der Regen fällt …

Auf einigen Balkonen im Gewobag-Hochhaus in der Friedrichstraße kommt es dann zu Problemen

Alexander Gustov ist mit dem Service des kommunalen Wohnungsunternehmens sehr unzufrieden. Foto: ksk

Ortstermin in der Friedrichstraße 4. Es ist heiß, seit zwei Wochen hat es nicht mehr geregnet. Trotzdem sind auf dem Balkon von Frau Melnikowa noch die Spuren zu sehen, die das Wasser hinterlassen hat. Auf dem Balkon einer Nachbarwohnung steht es sogar jetzt noch zentimeterhoch. Die Frau vom Gesundheitsamt legt die Stirn in sehr kritische Falten. »Das ist ja nicht schön«, sagt sie. »Wir kümmern uns darum.«

Das markante Hochhaus am Mehringplatz gehört der Gewobag, einem von sechs kommunalen Wohnungs-unternehmen in Berlin. In Zeiten steigender Mieten und drohender Gentrifizierung erscheinen kommunale Gesellschaften vielen als eine Art Paradies, das Schutz bietet vor dem Angriff geldgieriger Immobilienspekulanten. Dass das Wohnen bei der Gewobag nicht immer so paradiesisch ist, erfahren gerade einige Mieter in der Friedrichstraße.

»Es geht um die Balkone«, sagt Alexander Gustov. »Jedes Mal wenn es regnet, stehen sie voller Wasser. Das ist richtig schmutzig und steht dort tagelang, bis es verdunstet.« Er vermutet, dass bei der umfangreichen Sanierung des Hochhauses die Abwasserrohre verstopft worden sind. Die Eltern des 41-Jährigen wohnen im fünften Stock, weil sie wenig Deutsch sprechen, hat er sich der Sache angenommen.

• Nach dem Wolkenbruch vom 6. Juni gibt Gustov im Gewobag-Callcenter eine Mängelanzeige auf. Einen Handwerkertermin bekommt er nicht.

• Ein paar Tage später regnet es erneut, der Balkon steht komplett unter Wasser. Gustov ruft wieder an: »Das ist praktisch ein Notfall!« Er sei nicht der einzige, habe man ihm gesagt, berichtet er. Er solle warten, bis er an der Reihe sei. Gustov wendet sich an das übergeordnete Service-Center. »Es ist eine Überflutung im Gang«, sagt er. Nichts geschieht.

• Dienstag nach Pfingsten verlangt Gustov erneut einen Handwerkertermin. Statt immer nur im Call-Center abgefertigt zu werden, will er jetzt einen Mitarbeiter der Firma sprechen. Vergeblich. Man habe ihm versprochen, der Zuständige werde zurückrufen, erzählt er. Aber Gustov wartet umsonst.

• Nach einer Woche ist Gustov richtig sauer. Er fährt schweres Geschütz auf, alarmiert den zentralen sowie den örtlichen Mieterbeirat und regt dort an, am besten gleich den Berliner Senat einzuschalten. Er macht eine Anzeige beim Gesundheitsamt und bei der Wohnungsaufsicht.

Plötzlich entsteht Bewegung: Zwei Gewobag-Leute inspizieren den Balkon. Handwerker machen einen Termin. Endlich! »Zwei Wochen lang ist nichts passiert«, schimpft Gustov. »Man ruft an und wird immer nur vertröstet. Das kann doch nicht sein!«

Die Gewobag selbst gibt auf Nachfrage zu, dass es »durch den Starkregen der letzten Wochen im Ablaufsystem einiger Balkone der Friedrichstraße zu Problemen kam«. Inzwischen sei eine Rohrreinigungsfirma mit der Reparatur beauftragt worden. Dass es so lange dauerte, sei auch Schuld der Mieter. Diese hätten »verschiedene Wege zur Klärung des Problems genutzt«, heißt es, ‚»wodurch es zu Informations- und Zeitverlusten kam«.

Alexander Gustov sieht das natürlich anders. Er hält die Gewobag für hoffnungslos überfordert. »Vom Allgemeinwohl haben die sich in meinen Augen längst verabschiedet. Das ist sozialer Wohnungsbau, da wohnen Menschen, die sich nicht viel leisten können. Das nutzen die schamlos aus!« Dass über das Vorkaufsrecht noch mehr Wohnungen an die Gewobag fallen, findet er keine gute Idee – »wenn man bedenkt, welche chaotischen Zustände von dieser Firma verursacht werden«.

Und das Wasser? Gustov glaubt nicht, dass die Handwerksfirma das Problem wirklich lösen konnte. Jetzt warten er und seine Eltern gespannt darauf, dass wieder Regen fällt.

Update in der September-Ausgabe: Die KuK berichtete …

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2019.

Gegen Verdrängung und hohe Mieten

Kiezversammlung in der Heilig-Kreuz-Kirche

Oben auf dem Empore lagen noch die Liedtexte vom Konfirmationsgottesdienst, in den Ecken kuschelte sich das rote Licht der Scheinwerfer. Durch den dämmrigen Kirchenraum bewegten sich einzelne Wortfetzen wie Schiffe auf hoher See: »Milieuschutz! Umwandlung! Vorkaufsrecht! Negativzeugnis! Dachgenossenschaft!«

Kiezversammlung in der Heilig-Kreuz-Kirche gegen Verdrängung und steigende Mieten. Immer mehr Menschen sind in Kreuzberg von Mieterhöhungen betroffen, von Kündigungen, von Gentrifizierung und dem Verkauf von Wohnraum an Spekulanten. Bei dem Treffen ging es darum, sich besser zu vernetzen, um Solidarität und Erfahrungsaustausch. Und darüber schwebte die klassische Frage: Was tun? – wie das große weiße Segel im Kircheninnenraum.

Steff warb für Systemveränderung: »Die Probleme lassen sich nicht regulieren, sondern nur abschaffen.« Rainer will »die Verdrängung drastisch stoppen«. André bekannte: »Wir setzen uns vor das Haus, wenn der Gerichtsvollzieher kommt.« Dann wurde in Arbeitsgruppen etwas substantieller zu Detailproblemen diskutiert.

Wichtigstes Ergebnis des Abends war wohl, dass sich die Initiativen vorstellten und nun jeder weiß, an wen er sich notfalls wenden kann:

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2019.

Es gibt nicht immer ein Happy End

Klaus Stark spricht mit Antje Lange vom Förderverein des House of Life

Antje Lange Foto: ksk

Wer erklären will, womit sich Antje Lange beschäftigt, muss zuerst über das House of Life reden. Das ist eine Pflegeeinrichtung für junge Erwachsene in der Blücherstraße. Hier landen Menschen, die zu jung für ein Seniorenheim sind und zu krank für betreutes Wohnen. Meist nach schweren Schicksalsschlägen: einem Unfall, einem Schlaganfall, einer langen Suchtproblematik oder chronischen Krankheiten – wie der furchtbaren Chorea Huntington, wo man nur zusehen kann, wie ein Mensch allmählich die Kontrolle über sich verliert.

Antje Lange ist 77 Jahre alt und engagiert sich seit zwölf Jahren im Förderverein. Die Einrichtung selbst ist für die Pflege der Patienten zuständig, der ehrenamtlich tätige Verein kümmert sich um ergänzende Angebote. »Projekte«, sagt sie. »Wir hatten schon so viele Projekte!« Da ist das »Café Bohne«, das am Wochenende geöffnet hat. Der Computerraum. Drei Bücher haben sie herausgegeben, über Bewohner, über Pflegekräfte und Angehörige, über den Kontakt mit Geflüchteten. Konzerte gibt es, jedes Jahr einen Kalender, die »Kiez-Community« knüpfte ein Netz mit der Nachbarschaft.

»Ziel ist immer, dass es ein Happy End gibt«, sagt sie. Doch in einer Einrichtung wie dem House of Life gibt es nur selten ein Happy End. Selbst zu einem Konzert unten auf der großen Bühne kommen von den mehr als hundert Bewohnern oft nur wenige herunter. »Aber wenn auch nur zwei, drei richtig begeistert sind, ist das schon ein sehr schönes Gefühl!«

Als sie damals in Rente ging, hatte sie nach einer neuen Herausforderung gesucht: »Ich hab immer bei irgendwas mitgemacht.« Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sie als Kriegskind noch die Flucht aus dem heimatlichen Danzig miterleben musste. Da saß sie als dreieinhalbjähriges Mädchen hinten im DKW, der von Pferden gezogen wurde, weil es keinen Sprit mehr gab. »Jedes Kind durfte ein Spielzeug mitnehmen, ich hab meinen Puppenwagen genommen und alles hineingestopft, aber das ging natürlich nicht.« Sie erinnert sich noch heute an Tieffliegerangriffe, bei denen alle in die Straßengräben sprangen: »Ich dachte, wir spielen Verstecken!«

Hamburg, eine kurze Episode in Bayern, dann Köln. Antje ging aufs Mädchengymnasium und hatte in der Oberstufe Dorothee Sölle als Religionslehrerin. Die große, unkonventionelle Theologin, die den christlichen Glauben von Auschwitz her neu interpretierte und Sätze prägte wie: »Am Ende der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.« Wenn sie an diese Zeit zurückdenkt, sagt Antje Lange: »Dadurch ist das alles gekommen.«

Das alles war erst einmal ein Studium der Germanistik, Philosophie und evangelischen Theologie, eine Stelle am Institut für Deutsche Sprache, dann in der Bundestagsverwaltung – zunächst in der Parlamentsdokumentation und die letzten 16 Jahre ihrer Berufstätigkeit als Gleichstellungsbeauftragte der Bundestagsverwaltung. Dort setzte sie sich für die Rechte der Frauen ein. Rita Süßmuth hat sie erlebt, Wolfgang Thierse, kurz noch Norbert Lammert.

An der Pforte saßen damals überwiegend Herren in Dienstkleidung, selbst die Bundestagsdrucksachen durften nur von gestandenen Männern verteilt werden. »Das entstand ja aus dem Nichts und musste alles neu aufgebaut werden. Da waren ein paar harte Bretter zu bohren!« Nun kann Lange schon eine Position vertreten, aber verbissen ist sie nicht. Nur in einer Sache kennt sie keinen Kompromiss: »In den Parlamenten sollten gleich viele Frauen wie Männer sitzen. Das fällt so auf bei der EU: Da ist nur Frau Merkel, ab und zu ein blauer oder roter Punkt, das ist doch unmöglich, wenn 50 Prozent der Einwohner Frauen sind!«

Aber darum sollen sich jetzt bitte Frau Barley und Frau Giffey kümmern. Antje Lange hat im House of Life zu tun. Ihr neuestes Projekt dort heißt »Kultur am Mittag«. Die Idee ist, dass große Konzertsäle und Theaterbühnen auch nachmittags öffnen, damit Menschen mit Behinderung besser daran teilnehmen können. »Das alles ist noch ganz am Anfang«, sagt sie eifrig, »aber Berlin hat den Auftrag, gemäß der UN-Behindertenkonvention.« Und die 77-Jährige strahlt, als ob sie gerade erst 50 geworden wäre.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2019.