Artikel von Peter S. Kaspar

Sport

5. Oktober 2018 (16:04)

Alleine am Südstern

Zuschauer sehen den sensationellen Alleingang des neuen Marathonweltrekordhalters

Kipchoge und der letzte Hase: Auf der Gneisenaustraße war der Olympiasieger schon ziemlich alleine. Foto: ksk

Es war einiges anders beim Berlin-Marathon 2018. Erdoğan-Besuch und Bayern-Gastspiel hatten schon für eine Vorverlegung gesorgt. Die Startzeiten hatten sich geändert, aber das eigentlich Sensationelle ereignete sich auf dem 42 Kilometer langen Rundkurs.

Zuschauer, die schon früh an der Strecke standen, um die Spitzenläufer anzufeuern, erlebten eine kolossale Überraschung. Es gab nicht mehrere Spitzenläufer zu bejubeln, sondern genau einen einzigen. Das hatte es in dieser Form noch nicht gegeben. Als der Kenianer Eliud Kipchoge schon fast am Südstern war, erreichten seine Verfolger gerade den Hermannplatz. Nur drei Tempomacher begleiteten ihn noch, von denen auf der Gnei­se­nau­straße zwei auch noch ausstiegen. 

In all den Jahren war es stets so gewesen, dass sich auf der langen Geraden zwischen Hermannplatz und Yorckstraße eine Spitzengruppe von vier bis fünf Läufern belauert hatte. Doch der 33-jährige Kenianer, der im Jahr zuvor beinahe an den Sohlen seiner Laufschuhe gescheitert wäre – und trotzdem gewann – ließ dieses  Jahr schon nach wenigen Kilometern keine Zweifel mehr aufkommen, wer hier der Sieger sein würde. 

In Kreuzbergs Süden, der etwa die Hälfte des Rennens markierte, war im Grunde alles entschieden. Dass es auch noch einen Weltrekord geben sollte, war mindestens zu erahnen. Doch mit seiner Fabelzeit von 2:01:39h schockte Kipchoge die Fachwelt. Inzwischen wird munter darüber spekuliert, wann Berlin erstmals einen Marathonläufer sehen wird, der die Strecke unter zwei Stunden meistert.

Keine Chance hatte auch die rbb-Marathonstaffel, die seit einigen Jahren versucht, schneller als der jeweilige Sieger zu sein. Das hatte zuletzt auch immer wieder geklappt. Doch dieses Mal scheiterte die Staffel nicht nur an dem Fabelweltrekord Kipchoges. Bei Kilometer 19 auf der Gneisenaustraße suchte der Staffelläufer vergebens nach seinem Partner, dem er den Staffelstab hätte übergeben können. Der hatte sich beim Warmmachen verlaufen und war nicht rechtzeitig in die Wechselzone gekommen. So musste der Läufer für den Abschnitt Kilometer 18 bis 19 auch noch den 20. Kilometer in Angriff nehmen. Damit waren die Chancen dahin.

Der Stimmung tat das keinen Abbruch. Im Kiez begleiteten wieder Tausende von begeisterten Zuschauern bei strahlendem und windstillem Wetter diesen größten deutschen Sportwettbewerb. Fast 45.000 Läufer waren dieses Mal auf die Strecke gegangen, von denen 40.775 auch das Ziel erreichten.

Kiez

10. Juli 2018 (15:26)

Nachbarschaftshaus wieder eröffnet

Mit viel Liebe zum Detail wurde das Nachbarschaftshaus restauriert, wie dieser Wandfries im großen Saal beweist. Die Arbeiten an Fassade und Dach gehen aber weiter. Der Garten des NHU bleibt deshalb auch weiter geschlossen. Foto: psk

Es scheint fast, als sei der Verhüllungskünstler Christo in der Urbanstraße am Werk gewesen. Das Nachbarschaftshaus ist jedenfalls dicht verpackt. Und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.  Fast ein Jahr war das NHU wegen Bauarbeiten geschlossen. Seit 22. Juni ist es wieder für das Publikum zugänglich. Auch das gute Dutzend Gruppen konnte wieder in ihre angestammten Räumlichkeiten zurückkehren. Doch erst seit Anfang Mai verhüllen Bauplanen das Gebäude. Auch wenn die Bauarbeiten weitergehen, bleibt das NHU nun geöffnet.

Für den Geschäftsführer des Nachbarschaftshauses Matthias Winter ist die Geschichte der Renovierung ein treffliches Beispiel, was für Überraschungen ein denkmalgeschütztes Gebäude bergen kann. Eigentlich hatten er und seine Mitarbeiter damit gerechnet, ein halbes Jahr früher wieder ins Haus zurückkehren zu können. Doch dann kam alles ganz anders.

Das Haus wurde 1913 errichtet und diente zunächst als Offizierskasino für die umliegenden Kasernen. Es hat immerhin zwei Weltkriege überstanden. Und das ziemlich unbeschadet. »Das Haus hat eine sehr gute Bausubstanz«, erklärt Matthias Winter. Trotzdem war es nun dringend renovierungsbedürftig.

Doch schnell stellte sich heraus, dass es mit ein paar Eimern Farbe nicht getan war. Zudem entdeckten Denkmalschützer immer wieder neue schützenswerte Details, die teils sehr aufwendig restauriert wurden, etwa das Parkett im großen Saal.

Auch bei Dach und Fassade wurde schnell klar, dass es mit einer simplen Renovierung nicht getan war. Das Dach etwa, muss erneuert werden. Dazu sollten eigens Ziegel nach dem historischen Vorbild gebrannt werden.

Garten bleibt noch ein Jahr geschlossen

Das ließ sich jedoch deshalb nicht umsetzen, weil die alten Ziegel so wertvoll sind, dass sie nicht entsorgt werden durften. Stattdessen sollen sie auch nach der Renovierung das Dach des NHU zieren. Dafür müssen die alten Ziegel aber aufwändig von Bauschaum und anderen Spuren, die ein Jahrhundert hinterlassen hat, gereinigt werden. Das wird dann etwas teurer.

Doch Matthias Winter will den Denkmalpflegern keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil, er würdigt ihr Engagement. Auch dass die Renovierung nun teurer ausfallen wird, als geplant, kann er verkraften. Allerdings meint er: »Ich hätte mir im Vorfeld mehr Gutachten gewünscht.« So kommt es nun zu neuen Verzögerungen. Er zeigt das am Beispiel des Daches: »Seit Wochen haben wir bestes Dachdeckerwetter, können aber nicht anfangen.« Durch die Neubewertung von »Reparatur« in »Erneuerung« sei nun auch eine neue Ausschreibung nötig. Er glaube nicht, dass man jetzt auf die Schnelle eine Dachdeckerfirma  finden werde, die Kapazitäten für so ein Projekt habe. »Das ist schließlich kein Garagendach.«

Die Folgen sind in der Tat gravierend. Solange die Außen- und Dacharbeiten nicht beendet sind, kann das NHU seinen Garten nicht nutzen.

Das war auch der Grund, warum das NHU seine Wiedereröffnung beim traditionellen Tag der offenen Tür nicht im Garten, sondern im Saale feierte. Die Veranstaltung war trotzdem sehr gut besucht und viele Gruppen feierten ihre Rückkehr mit entsprechenden Darbietungen. Der Andrang war so groß, dass sich das NHU nur wenig Sorgen machen muss. Es wird sich schnell herumsprechen, dass es wieder offen ist. Auch wenn es von außen so verpackt aussieht.

Kiez

4. Mai 2018 (14:58)

Karneval verkehrt herum

Es ist wohl die deutlichste Neuerung beim diesjährigen Karneval der Kulturen: Der Zug, der sich bislang vom Hermannplatz kommend durch Kreuzberg wälzte, nimmt dieses Jahr von den Yorckbrücken seinen Ausgang und bewegt sich von da aus in Richtung Neukölln.

Der Zug kommt dieses Mal aus der anderen Richtung. Foto: phils

Ansonsten wird sich beim Umzug am 20. Mai nicht soviel ändern. »Sapucaiu no Samba« wird den Zug anführen, weitere Details waren zu Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Aber große Veränderungen dürfte es in diesem Jahr nicht geben. Auch das Straßenfest, dessen Konzeption vor zwei Jahren geändert wurde, folgt dem nun neu eingeschlagenen Weg. Das heißt konkret, dass es neben den großen Hauptbühnen noch mehrere »Music-Corners« gibt. Der »Grüne Bereich« bietet Workshops, Filme, Musik, Informationen und zahlreiche andere Veranstaltungen bis hin zu einer Recycling-Modenschau. Das unterstreicht den nachhaltigen Anspruch des Bezirks.

Bunt und spektakulär geht es auch auf dem Rasen zwischen Waterlooufer und Blücherstraße zu. Das Programm umfasst Straßentheater, Capoeira, Musik, verschiedene Performances und Installationen.

Am Tag vor dem großen Umzug startet am Mariannenplatz zu 22. Mal der Kinderkarneval um 13:30 Uhr zu seinem Umzug in Richtung Görlitzer Park. Wie immer trägt der Kinderkarneval ein tierisches Motto – und wie meist hat es auch einen aktullen Bezug. »Sag mir wo die Bienen sind, wo sind sie geblieben« ist ein deutlicher Hinweis auf die Glyphosat-Debatte und die Furcht vor einem Aussterben der Bienen.

Veranstalter des Kinderkarnevals ist die Kreuzberger Musikalische Aktion. Sie hat auch Grund zu feiern, denn die KMA wird dieses Jahr 30 Jahre alt.

Dragonerareal

1. März 2018 (17:35)

Die Stunde der Begehrlichkeiten

Im »Lernlabor« wird über die Zukunft des Dragonerareals nachgedacht

Objekt der Begierde: Was wird aus dem Dragonerareal? Foto: psk

47.000 Quadratmeter sind eine verdammt große Fläche. Und auch eine Fläche, die Begehrlichkeiten weckt. Offiziell wird die Fläche Ende Juni an das Land Berlin rückübertragen. Es handelt sich um das heftig umstrittene Dragonerareal, das um ein Haar an einen Investor in Wien gegangen wäre. Letztlich hatte der Bundesrat den 36-Millionen-Deal gestoppt.

Noch immer gehört das Gelände offiziell der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Und solange das so ist, wird sich auf dem Gelände nichts tun. Dagegen bringen sich jetzt all jene in Stellung, die an der Zukunftsgestaltung mitwirken – oder doch noch ihr Geschäft machen wollen.

Letzteres fürchtet die Berliner Mietergemeinschaft. Die beobachtet, dass Häuser, die in das Sanierungsgebiet »Rathausblock« fallen und direkt an das Dragonerareal grenzen, jetzt plötzlich den Besitzer wechseln, Mieter gekündigt und Wohnungen teuer saniert werden. Das musste auch der türkische Kulturverein Orhan Gazi erfahren. Sein Mietvertrag für die Vereinsräumlichkeiten ist im Februar ausgelaufen und wurde nicht verlängert. Nun hofft der Verein auf ein Unterkommen irgendwo auf dem Dragonerareal. Da hofft er derzeit allerdings vergeblich, und da helfen auch die 5.500 Unterschriften nicht, die der CDU-Fraktionsvorsitzende in der BVV, Timur Husein gesammelt hat.

Zumindest kann sich der Verein am »Lernlabor« beteiligen, das sich am 20. Februar zum ersten Mal im Sitzungssal des Kreuzberger Rathauses getroffen hatte. Hier soll unter anderem auch geklärt werden, was denn die oft beschworene »Kreuzberger Mischung« eigentlich ist. Vor allem aber soll an der Kooperationsvereinbarung zwischen Senat, Bezirk und Zivilgesellschaft gefeilt werden. Die­se Vereinbarung soll die Grundlage für die künftige Nutzung des Dragonerareals darstellen.

An dem Lernlabor sind 13 Initiativen beteiligt, die alle ihre eigenen Vorstellungen über die Zukunft des Geländes haben.

Dragonerareal ist noch immer ein Zankapfel

Die einen hoffen zum Beispiel, dass sie mit ihrem Verein einen Platz auf dem Gelände finden, wie etwa Orhan Gazi, der ja schon mit 5.500 Unterstützerunterschriften im Rücken daher kommt. Anderen geht es um die ganz drängende Frage des bezahlbaren Wohnraums.

Differenzen sind da vorprogrammiert, und aus diesem Grund hat sich das Lernlabor gleich drei erfahrene Institutionen ins Haus geholt. Das Hamburger Gängeviertel mit Michael Ziehl, Mediationsverfahren Landwehrkanal mit Doris Fortwengel und Christoph Bonny sowie  Stadtdebatte Berliner Mitte mit Maria Brückner sollen ihre Erfahrungen mit einbringen, damit am Ende ein tragfähiger Kooperationsvertrag herauskommt. Michael Ziel vom Hamburger Gängeviertel mahnte schon, dass man den Unterschied zwischen Interessen und Zielen erkennen müsse.

Das ganze Verfahren liegt in Händen der S.T.E.R.N GmbH, die für behutsame Stadterneuerung steht. Das Unternehmen, beziehungsweise sein Vorgänger, begleitete bereits die Internationale Bauausstellung in Berlin vor nun mehr 34 Jahren.

Selbst wenn es den erfahrenen Mediatoren gelingen sollte, alle unter einen Hut zu bekommen, und tatsächlich ein Kooperationsvertrag auf dem Tisch liegt, ist noch lange nicht klar, ob und wann der dann Auswirkungen zeigen würde. Das Dragonerareal ist nämlich nach wie vor ein Zankapfel. So wird sich das Oberverwaltungsgericht noch mit den Einsprüchen von sechs Eigentümern auseinandersetzen müssen.

Kurioserweise läuft auch noch eine Klage der BImA gegen den Verkauf. Die wird allerdings zurückgezogen werden, sobald das Areal auch offiziell von Bundes- in Landeseigentum übergeht. Ein ernster Konflikt mit der BImA droht daher nicht mehr. Das ist wohl nur noch eine Formalie.

Ein anderes gerichtliches Nachspiel betrifft den regierenden Bürgermeister Müller und Finanzsenator Kollatz-Ahnen. Sie wurden von Arne Piepgras, Strohmann des Investors, auf 2,5 Millionen Euro Schadensersatz verklagt.

Kiez

1. Dezember 2017 (20:27)

Silvio-Meier-Preis an Edeltraut Pohl

Auch Initiave gegen Rassismus wird ausgezeichnet

Edeltraut Pohl ist eine der Preisträgerinnen des diesjährigen Silvio-Meier-Preises. Foto: Giovanni Lo Curto

Es ist jetzt 25 Jahre her, dass in Friedrichshain in der Samariterstraße Silvio Meier von Rechtsextremisten erstochen wurde. Im vergangenen Jahr vergab der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zum ersten Mal den Silvio-Meier-Preis. Damit will der Bezirk »Menschen, Vereine, Initiativen und Projekte ehren und unterstützen, die sich in herausragender Weise gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung einsetzen«

Geehrt wurde in diesem Jahr Edeltraut Pohl von der Samaritergemeinde. Einst kam sie als Sekretärin des damaligen Pfarrers Reiner Eppelmann in die Gemeinde, die in der Vorwendezeit unter anderem durch ihre Blues-Messen von sich reden machte. Auch Silvio Meier war in der Gemeinde aktiv.

Nach der Wende wurde die Samaritergemeinde unter anderem durch ihr Kirchenasyl bekannt. Edeltraut Pohl organsierte auch das Kirchencafé, das auch heute noch ein wichtiger Anlaufpunkt für Geflüchtete und Asylsuchende ist.

Außerdem ging der Preis auch noch an die Initiative »Aufstehen gegen Rassismus«. Die hat sich ganz besonders dem Kampf gegen die AfD verschrieben. Unter anderem bietet die Initiative Seminare an, wie man Rassismus und Intoleranz im Alltag richtig begegnet.

Hinter der Initiative stehen die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten. Dass die Initiative »Aufstehen gegen Rassismus« sich explizit gegen die AfD positioniert, hat dem Bezirk nicht nur eine Klage eingebracht, sondern auch die Feier zur Preisverleihung nicht unerheblich beeinflusst.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann zeigte sich an jenem Abend ziemlich bestürzt: »Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass wir so eine Veranstaltung mit Security schützen lassen müssen«.

AfD versuchte, Preisverleihung zu verhindern

Tatsächlich hatte man sich von Bezirksseite aus auf mögliche Angriffe oder Provokationen von rechts gewappnet. Doch die blieben an diesem Abend in den Räumen der Jugendwiderstandsmuseums aus.

Allerdings hatte die AfD im Vorfeld schon sehr schweres Geschütz gegen den Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg aufgefahren. Der verletze seine Neutralitätspflicht, wetterte der Landesvorsitzende Georg Pazderski. Doch dabei beließ er es nicht. Auch die Justiz wurde gleich in doppelter Hinsicht bemüht. Einerseits sollte das Berliner Verwaltungsgericht die Preisverleihung per einstweiliger Verfügung stoppen, aber auch strafrechtlich legte Pazderski nach. Wegen »Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung« stellte der Landesvorsitzende eine Strafanzeige.

Ob es zum Strafverfahren kommt, ist eher ungewiss. Mit der einstweiligen Verfügung gegen die Preisverleihung jedenfalls scheiterte Paz­derski vor dem Verwaltungsgericht.

So ging der Abend der Preisverleihung mit Glühwein nahezu besinnlich zu Ende. Immerhin hatte das rechtliche Hickhack um den Silvio-Meier-Preis der Auszeichnung auch überregional eine gebührende Aufmerksamkeit in den Medien verschafft.

Kiez

5. November 2017 (13:21)

Nach Farbbeuteln fliegen Steine

Der Protest gegen das Hotel »Orania« nimmt nicht ab

Ärger ums Hotel: das neue Orania. Foto: psk

Hier irrt die Bezirksbürgermeisterin: »Es hätten auch Luxuslofts sein können«, kommentierte sie das noble Hotel »Orania«, das seine Pforten im Sommer am Oranienplatz geöffnet hat und seither immer wieder Ziel unerfreulicher Aktionen ist. Mal fliegen Farbbeutel, zuletzt gar Pflastersteine.

Und warum irrt die Bürgermeisterin? Weil es natürlich ein Loft im Dachgeschoss gibt, das das »Orania« so bewirbt: »354 qm Loft im Dachgeschoss inklusive Orania.45 Suite + Orania.60 Juniorsuite + Orania.Salon, eigener Bar, Küche, Leinwand mit Beamer für TV & Kino, Steinway B Flügel, Bibliothek, offenem Kamin, 2 Esstische, drei franz. Balkone und große Fensterfront mit Balkon und herrlichem Ausblick über die Skyline von Kreuzberg & Berlin. Kapazität 10 bis 150 Personen.«

Wer es etwas kleiner mag, kann auch eine 86 Quadratmeter große Suite beziehen. Kostenpunkt 1889,25 Euro – pro Nacht. Das alles ist in einem Haus zu haben, in dem vor wenigen Jahren noch ein Discounter angesiedelt war, der am Ende aufgeben musste, weil er am 1. Mai immer wieder gerne mal ausgeräumt wurde.

Dass in Kreuzberg immer wieder Farbbeutel oder Schlimmeres gegen Gebäude fliegen, die für Gentrifizierung stehen, ist nichts Neues. Bisher war das Lieblingsziel das Carloft in der Reichenberger Straße. Vielen galt es als der Gipfel der spießbürgerlichen Dekadenz und Symbol für den Gentrifizierungs-Wahnsinn. Die Luxusherberge am O-Platz hat nun alle Möglichkeiten, den Carlofts den Rang abzulaufen.

Noch immer ist SO 36 der Hotspot für Spontis und Autonome. Sie betrachten einen Edelschuppen am Oranienplatz als Einbruch in ihr ureigenes Territorium. Nun besteht SO 36 nicht nur aus Autonomen und Spontis. Für gutwilligere Nachbarn gibt es regelmäßig Konzerte.

Der Besitzer, Dietmar Müller-Elmau wollte ganz bewusst ein Hotel im kreativen Zentrum Berlins. Dass er ausgerechnet auch noch Schloss Elmau besitzt, in dem 2015 der G7-Gipfel stattfand, macht die Situation nicht gerade einfacher. Gentrifizierungs- und Globalisierungsgegner gehen meistens Hand in Hand.

Gegner planen Daueraktionen

Über 200 Millionen Euro hatte das Spektakel in den bayerischen Alpen damals gekostet, der Löwenanteil ging dafür drauf, die Globalisierungs- und Gipfelgegner so weit wie möglich von Schloss Elmau fernzuhalten.

So ganz fern liegt der Gedanke da nicht, dass der eine oder andere nun vielleicht noch eine Rechnung begleichen will, die seit dem Sommer 2015 in seinen Augen noch offen ist.

Zunächst war das Hotel nur Opfer von Farbbeutelwerfern geworden. Mitte Oktober hat sich das Bild nun geändert. Erstmals wurden die großzügigen Scheiben mit Pflastersteinen attackiert. Für Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann ein Unding. Sie sagt, der Kampf gegen die Gentrifizierung könne nicht mit Pflastersteinen vollzogen werden. Doch das wird die Gegner des Hotels am Oranienplatz kaum abschrecken, denn die hatten sich schon nach den ersten Farbbeutelwürfen mit Bekennerschreiben zu Wort gemeldet. Darin stellten sie Überlegungen an, wie sie den »Investor aus dem Kiez jagen können«. Auch von Daueraktionen ist schon die Rede.

Das Unbehagen über das Hotel Orania ist aber nicht nur bei Autonomen und Spontis groß. Auch viele Nachbarn fürchten die langfristigen Folgen für den Kiez, wovon etliche Plakate rund um den Oranienplatz zeugen.

Allerdings weist der Bezirk auch darauf hin, dass das ehemalige Kaufhaus lange leergestanden habe. Immerhin, so sagen viele, sei kein Hostel eingezogen. Die Zahl der Easy-Jetter sollte wohl in der Tat durch die neue Nobelherberge in Kreuzberg nicht steigen. Auch irgendwie ein Trost.

Bundestagswahl 2017

7. August 2017 (14:55)

Wer kommt in den Bundestag?

Kiez und Kneipe lädt zu öffentlichen Redaktionsgesprächen ein

Eine gute Gelegenheit, die Direktkandidaten kennenzulernen: Kiez und Kneipe lädt zu öffentlichen Redaktionsgesprächen ein.

Die Bundestagswahl naht und wie vor jedem bundesweiten Urnengang lädt die Kiez und Kneipe Kreuzberg auch dieses Mal wieder die Kandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien ein.

Die Redaktion entwickelte das Format 2005. Jeder Kandidat wird seither einzeln in einer Kneipe befragt. Nach einem etwa dreiviertelstündigen Interview haben dann Gäste die Möglichkeit, Fragen an den Gast des Abends zu stellen.

Der scheidende Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele war nach seinem eigenen Bekunden immer ein großer Fan dieses Formates. »Normalerweise treffen wir Kandidaten uns vor der Wahl immer  auf einem Podium. Am Ende könnte jeder auch die Argumente der anderen heruntersagen«, sagte der Grüne einmal nach einer Veranstaltung im Too Dark. Zudem schätze er, dass jeder Kandidat in anderthalb Stunden ausreichend Zeit habe, seine Standpunkte ausführlich zu erläutern.

Hans-Christian Ströbele wird nicht mehr antreten. Ihn will Canan Bayram beerben, die sich am 22. August im Heidelberger Krug den Fragen der KuK stellt. Einen Tag später kommt die SPD-Abgeordnete Cansel Kiziltepe ins Valentin. Den Auftakt macht Timur Husein für die CDU am 15. August im Dodo. Pascal Meiser geht am 21. August im backbord für die Linke in den Ring.

Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 19:30 Uhr und dauern etwa 90 Minuten.

Nachruf

10. Juni 2017 (18:08)

Ein zu kurzes Leben für die Kunst

Marianne Latsch 2. Oktober 1967 – 9. Juni 2017 Foto: kappa-photo

Marianne Latsch stirbt mit 49 bei Wohnungsbrand

Aber Dienstag! Dienstag blieb dann Zeit für die Kunst. „Da bin ich malen“, erklärte sie kategorisch, wenn irgend jemand an diesem Tag etwas von ihr wollte. Und was war auch gut so, denn die restlichen sechs Tage war sie die Hilfsbereitschaft in Person, das wußten viele, vielleicht sogar zu viele.

Nach Berlin war sie in den 90er Jahren gekommen, erst nach Steglitz, später nach Kreuzberg. Doch eigentlich stammte sie aus Mudersbach, einem kleinen Ort nahe Siegen. Dem blieb sie auch bis zum Ende verbunden. Die „Mudersbacher Kirmes“ Anfang Oktober war für sie Plichttermin und Geburtstagsgeschnek in einem. Hier tankte sie Kraft, Kraft, die sie für ihr Großstadtleben brauchte, denn die Metropole war ihre eigentliche Bestimmung. Austellungen, Galerien, Vernissagen, Finissagen, Modeschauen, Modemessen, das waren ihr Leben und ihre Leidenschaft – und das bot ihr so nur Berlin.

Studiert hat Marianne Modedesign. Das half ihr weiter, als sie eine Anstellung bei der UFA in Babelsberg fand. Da ging es allerdings oft weniger um Haute Couture, als mehr um handfestere Dinge. Nicht ohne Stolz erzählte sie die Geschichte, wie sie „Tausend Russen angezogen“ habe. Gedreht wurde Jean-Jacques Annauds „Duell – Enemy at the Gates“ mit Jude Law und Ed Harris in den Hauptrollen. Erzählt wird eine Geschichte während der Schlacht von Stalingrad. Und dazu brauchte es unter anderem 1000 Statisten, die russische Soldaten darstellten – und nun war es Mariannes Aufgabe, die Kleindarsteller möglichst authentisch einzukleiden.

Vor sechs Jahren schließlich landete Marianne bei Kiez und Kneipe. Gekannt hat man sich schon seit vielen Jahren und dann hatte es sich schließlich ergeben, dass sie mit ins Team einstieg und sich fortan um das Anzeigengeschäft kümmerte. Sie machte das so, wie sie fast alles anging, mit viel Charme und noch mehr Herzlichkeit. Ein anderes Beispiel: Als sie vor fast zwei Jahren gebeten wurde mit den Bewohnern des House of Life in der Blücherstraße einen Kalender zu gestalten, war sie sofort dabei. Sie kleidete die Bewohner ein und brachte sie in die beste Pose. Es wurde ein wunderbarer Kalender.

Und dann kam jener verhängnisvolle Abend. Im „Backbord“ in der Gneisenaustraße hatte sich die „Beergroup Tempelhofer Vorstadt“ getroffen, ein lockerer Kreis, zu dem auch sie gehörte. Sie verabschiedete sich gegen Mitternacht. Spätestens am Montag sollte sie beim „Pubquiz“ im Bad Kreuzberg wie jeden Monat die „bezaubernde Assistentin“ geben. Sie traf sich danach noch mit einem Freund in SO36. Als sie schließlich zu Hause in der Reichenberger Straße ankam, brach wenig später zwei Stockwerke unter ihr ein Feuer aus. Sie rief noch einmal bei dem Freund an und verlor während des Telefongesprächs das Bewußtsein. Als die Feuerwehr sie schließlich fand, versuchten die Retter sie noch einmal ins Leben zurück zu holen. Vergeblich.

Das ganze KuK-Team ist unendlich traurig. Marianne, wir alle vermissen Dich.

Peter S. Kaspar

In eigener Sache

8. Mai 2017 (13:20)

In eigener Sache

Die Kollegen unserer Ausgabe in Neukölln haben sich entschieden, im Rahmen ihrer Vorberichterstattung über die Bundestagswahl 2017 auch eine Veranstaltung mit dem Kandidaten der AfD zu organisieren. Die Kiez und Kneipe Kreuzberg wurde daraufhin von verschiedenen Seiten dazu aufgefordert, sich von ihrer Schwesterzeitung in Neukölln zu distanzieren.

Dazu nehmen wir wie folgt Stellung:

Die KuK-Ausgaben in Kreuzberg und Neukölln verbinden die gleichen Werte und beide Blätter sind in ihren Grundüberzeugungen und journalistischen Vorstellungen ähnlich aufgestellt. Allerdings entscheidet jede Redaktion für sich, ohne eine Einmischung der anderen Redaktion befürchten zu müssen. Schon aus diesem Grunde steht es uns gar nicht zu, die Kollegen für ihr Format zu maßregeln.

Auch wir haben in der Kreuzberger Redaktion lange darüber diskutiert, wie wir mit der AfD grundsätzlich und während des Wahlkampfes speziell umgehen sollen und sind dabei zu einem anderen Ergebnis gekommen. Wir werden die AfD weder zu einer Diskussionsveranstaltung einladen, noch irgendwelche Pressemitteilungen veröffentlichen oder Anzeigen annehmen. Das hat allerdings nichts damit zu tun, dass es sich um eine rechte Partei handelt, der wir kein Forum bieten wollen. Wir stehen auf dem Standpunkt: Wenn eine Partei die Presse allgemein (und die KuK übrigens auch schon direkt) als »Lügenpresse« beschimpft, dann sollte man dieser Partei auch ersparen, in irgendeiner Form in dieser Lügenpresse in Erscheinung zu treten. Im Übrigen werden wir zur Bundestagswahl nur mit Kandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien sprechen.

Trotzdem haben wir vor der Entscheidung der Kollegen in Neukölln großen Respekt. Sie zeugt durch und durch von demokratischer und journalistischer Überzeugung, überparteilich jeden Vertreter einer Partei zu Wort kommen zu lassen, die es in einer demokratischen Wahl in eine Volksvertretung geschafft hat. Das ist bei der AfD im Abgeordnetenhaus und der BVV Neukölln nun leider mal der Fall. Der Weg, den die Kollegen gehen, ist kein leichter. Mancher hat sich bei dem Versuch, die Rechten zu demaskieren, schon böse Schrammen geholt. Aber es ist nichts, aber auch gar nichts Unehrenhaftes dabei, diesen Versuch zu wagen. Im Gegenteil: Wer die Kollegen dafür im Vorfeld bereits kritisiert, hat alle Gründe, sein eigenes demokratisches Verständnis und sein Verhältnis zur Freiheit der Presse zu hinterfragen.

Peter S. Kaspar

Chefredakteur Kiez und Kneipe Kreuzberg

Kiez

5. Mai 2017 (14:17)

Kehren vor der eigenen Tür

Putzaktion für Toleranz in der Gneisenaustraße

Putzaktion Gneisenaustraße: Reinemachen als Toleranzkonzept. Foto: psk

Unter dem Moto: »Frühjahrsputz zum Kennenlernen« hatte die Initiative »Tolerantes Kreuzberg« an die U-Bahnstation Gnei­se­nau­straße eingeladen. Nachbarn aus dem Kiez und die Gruppe jener Methadonpatienten, die sich bei kühlem Wetter im U-Bahnhof treffen, sollten gemeinsam die Grünanlagen des Mittelstreifens säubern und sich dabei kennenlernen.

Schon im Vorfeld hatte es für diese Aktion große Unterstützung gegeben. Das Bezirksamt hatte unbürokratisch geholfen, die BSR stellte Reinigungsmaterial zur Verfügung, und aus der Nachbarschaft gingen zahlreiche Sachspenden zum gemeinsamen Verzehr ein. Selbst an die Hunde wurde gedacht. Passanten brachten Leckerlis für die Vierbeiner vorbei. Für den ständigen Kaffee-Nachschub sorgte das »backbord«. Das neu eröffnete »Nonne & Zwerg« überraschte die fleißige Truppe mit mediterranen Schnittchen. »Getränke George« sowie »Nah und gut« be­tei­lig­ten sich mit Getränkespenden, ebenso wie viele andere Privat- und Geschäftsleute, wie zum Beispiel Blumen-Heidi oder die Bäckerei in der Mittenwalder, die alle zum Gelingen dieses Tages irgendwie beitrugen.

Nur das Wetter schien zunächst nicht richtig mitzuspielen. Regen- und Graupelschauer sowie Temperaturen unter zehn Grad ließen nicht darauf schließen, dass sich am Ende insgesamt mehr als 50 Menschen an der Putzaktion beteiligten. Am Nachmittag besuchte auch der stellvertretende Bezirksbürgermeister und Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler den Ort des Geschehens und zeigte sich beeindruckt von diesem Beispiel des nachbarschaftlichen Miteinanders »für einen lebens- und liebenswerten Kiez«, wie es in einem Flyer der Initiative »Tolerantes Kreuzberg« hieß.

Mit diesem Flyer versuchten Mitglieder der Initiative und der Gruppe von U-Bahnhof auch mit Passanten ins Gespräch zu kommen. Ziel war es, Verständnis für die soziale Situation der Methadonpatienten zu wecken und klar zu machen, dass von der Gruppe weder Gewalttätigkeiten noch sonst eine Gefahr ausgehe.

»Trittbrettfahrer« sorgen für Verunsicherung

Meist stießen sie damit auf Verständnis. Doch nicht immer. Es gab allerdings manchmal auch harte Diskussionen und unüberbrückbare Gegensätze. Dann wurde die Gruppe zum Störfaktor erklärt und sie auch schon mal kriminalisiert.

Die Vorurteile schienen sich ausgerechnet wenige Tage nach der sehr gelungenen Veranstaltung zu bestätigen, als die Polizei gleich zwei Mal anrückte.

Tatsächlich hatten sich zwei harte Junkies unter die Gruppe gemischt, die es aber nicht zulassen wollte, dass hier gefixt wurde. Es kam zu körperlichen Auseinandersetzungen und es war schließlich ein Vertreter der Gruppe, der die Polizei alarmierte.

Der Vorfall sorgte anschließend für zahlreiche Spekulationen, die von »reiner Zufall« über »Trittbrettfahrer« bis hin zu »geplanter Provokation« reichten. Trotzdem hält die Gruppe auch weiter an ihrem Plan fest, sich möglichst bald als Verein zu konstituieren, um die Situation langfristig zu verbessern. Dafür haben das Bezirksamt und die Initiative »Tolerantes Kreuzberg« ihre Unterstützung zugesagt.

Zudem sind auch weitere Projekte angedacht. So steht zum Beispiel ein Modell zum Thema »Nachbarschaftshilfe« zur Diskussion.

Mit der Putzaktion, so glauben die Vertreter der Initiative, ist eine gute Grundlage für künftige Aktionen gelegt. Sylvia Zepfel, Kopf der Initiative, erklärte: »Mein Fazit ist, wir brauchen noch mehr solcher Aktionen und Toleranz, um diese Probleme zu lösen. Ich freue mich schon auf das nächste Miteinander.«

Nachruf

20. März 2017 (15:15)

Letzter Vorhang für Mänix

Manfred »Mänix« Wilhelm *1960 †2017 (Foto: phils)

»Es gibt Staatsschauspieler an staatlichen Bühnen, Stadtschauspieler an städtischen Bühnen und ich bin eben ein Bezirksschauspieler«, sagte Mänix einmal, mit seinem unverwechselbaren Humor, über sich selbst. Er reihte sich damit ein in das Heer jener Schauspieler, die ihrem Engagements über die »Zentrale für Bühne und Film« bekamen, meist ABM- oder MAE-Maßnahmen. Seiner Leidenschaft tat das keinen Abbruch. Häufig war die Kneipe seine Bühne. Zum Beispiel das legendäre »Mrs Lovell« in der Gneisenaustraße. Jeden Donnerstag gab er dort seinen »Stroganoff« zum Besten, jenes Gedicht von Friedrich Holländer, das die Legende über die Entstehung des Bœuf Stroganoff zum Inhalt hat. Die meisten Stammgäste kannten den Stroganoff irgendwann auswendig, und so ergab sich schließlich ein stimmungsvolles Wechselspiel, das sich Woche für Woche wiederholte.

Geld war damit nicht verdient, aber viel Applaus. Für den Lebensunterhalt mussten andere Engagements her, wie in Cottbus bei der Theaterinitiative C. In Neukölln verkörperte er den legendären Neuköllner Ermittler Borscht in Echtzeitfällen. Auch auf der Bühne des Straßenfestes in der Mittenwalder Straße trat er auf. Dann endlich schien sich das Blatt zum Guten zu wenden. Er wurde vom Spandauer Volkstheater Varianta engagiert und feierte mit dem Stück »Weihnachten sind wir alle wieder zu Hause« Erfolge. Doch sehr lange sollte das Glück nicht von Dauer sein. Eine Krebsdiagnose beendete seine Laufbahn endgültig. Mänix ging sehr offen mit seiner Krankheit um und zeigte nach außen hin dabei einen bewundernswerten Gleichmut. Mänix hat in seinem Leben vielen Menschen viel Freunde gemacht und am Ende einigen vielleicht auch Mut.

Ein ausführlicher Nachruf folgte in der April-Ausgabe der KuK

Peter S. Kaspar

Kiez

24. Februar 2017 (16:52)

Kreuzberg wehrt sich

Initiative gegen Initiative gegründet

Am 12. Februar titelte der Tagesspiegel: »Kreuzberger wollen Drogenabhängige vertreiben«. Dahinter verbirgt sich die Initiative einer Anwohnerin. Ihr missfällt eine Gruppe von Leuten, die sich täglich auf dem U-Bahnhof Gneisenaustraße trifft. Es handelt sich dabei um ehemalige Drogenabhängige, die in einem Methadonprogramm untergekommen sind. Die Ausgabestelle des Substituts ist in der Heimstraße. Es sind also Leidensgenossen, die sich dort treffen. Die Anwohnerin will, dass die Substituierten verschwinden. Sie verlangt auch die Schließung der Methadonausgabestelle. Unter anderem soll sie auch schon mit Flugblättern auf das Problem ausmerksam gemacht haben.

Unterdessen hat sich aber eine zweite Initiative gegründet, die eben nicht will, dass die Menschen von dort vertrieben wären. Die allerdings wären auch gerne woanders. Doch sie haben schlechterdings keine Möglichkeit, sich andernorts zu treffen. Die Initiative »Tolerantes Kreuzberg« will die Gruppe vom U-Bahnhof Gneisenaustraße nun unterstützen und erst Mal eine Vertreibung vom Bahnhof verhindert. In einem nächsten Schritt will sie mit allen beteiligten Lösungsmöglichkeiten für die verschiedenen Probleme erarbeiten. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage: Tolerantes Kreuzberg

Am Donnerstagabend wurde diese Initiative offiziell aus der Taufe gehoben. Tags darauf kommt dann auch schon die erste Pressemitteilung heraus:

Initiative wirbt für Tolerantes Kreuzberg
Über 100 Unterstützer stärken der Gruppe vom U-Bahnhof Gneisenaustraße den Rücken
»Tolerantes Kreuzberg«, diesen Namen hat sich eine neue Bürgerinitiative in Kreuzberg gegeben. Auslöser für die Gründung der Initiative waren Berichte über eine andere Initiative, die versucht, 15 bis 20 Methadon-Patienten, die sich tagsüber am U-Bahnhof Gneisenaustraße treffen, von dort zu vertreiben. Erstmals traf sich die Initiative »Tolerantes Kreuzberg« am Donnerstagabend im »Backbord« in der Gneisenaustraße. Mit dabei waren auch zwei der Betroffenen, die die Situation am U-Bahnhof aus ihrer Sicht schilderten. Dabei stellte sich heraus, dass die Gruppe sich nur deshalb dort trifft, weil sie sonst keine gar keine andere Möglichkeit habe.
Gemeinsam wollen nun die Initiative und die Gruppe vom U-Bahnhof Lösungsmöglichkeiten erarbeiten. Eine der ersten Maßnahmen der Initiative »Tolerantes Kreuzberg« wird eine Einladung zu einem Gespräch sein, die an den Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler geht und an die Initiative, die die Gruppe vom U-Bahnhof entfernen will. Der Verein Kiez-Community will dafür Räume in House of Life zur Verfügung stellen. Nach Vorstellung der Initiative »Tolerantes Kreuzberg« soll dieses Gespräch in der zweiten Märzwoche stattfinden.
Die Resonanz auf die Initiative im Kiez rund um den U-Bahnhof ist groß. In weniger als 48 Stunden hatten bei einer schnell improvisierten Unterschriftenaktion sich 100 Menschen solidarisch erklärt. »Vertreibung aus unserem Kiez geht gar nicht«, war dabei einer der Sätze, die die Unterschriftensammler am häufigsten zu hören bekamen. Auch die Nachbarschaftsvereine Kiezcommunity und mog61 sagten der neuen Initiative jegliche Unterstützung zu.

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Tageskommentar

29. November 2016 (18:23)

Ordnungsruf der Spaßpartei

Es sind ja nicht nur unverbesserliche Konservative, die die Wahl von Spaßparteien in Parlamente sehr kritisch sehen. Dass man mit diesen eigenwilligen Volksvertretern sehr entspannt umgehen kann, bewies der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD) in einem überaus amüsanten Schlagabtausch mit Martin Sonneborn (PARTEI). Dabei erfüllen Gruppierungen wie die Partei »Die PARTEI« durchaus einen sinnvollen Zweck, halten sie dem üblichen Parlamentsbetrieb bisweilen doch einen ganz lehrreichen Narrenspiegel vor. Was jedoch am Montag in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) der Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg passierte, hat noch einmal eine ganz andere Qualität. Da waren es ausgerechnet die Vertreter einen sogenannten »Spaßpartei«, die den Etablierten nicht nur den Spiegel vorhielten, sondern sie auch noch sehr energisch – und offenbar effektiv – zur Ordnung riefen. Dass Linke und SPD die Vorsteherin des Gremiums, Kristine Jaath (Grüne) beim ersten Versuch über die Klinge springen ließen, war schon sehr verwunderlich. Noch kurz zuvor hatten sich die drei Parteien gegenseitig heilige Eide geschworen, gegen die drohende Gefahr von rechts zusammenzuhalten. Die unmittelbar darauffolgenden Muskelspiele hatten dann aber mehr mit einem Kindergarten, als mit vernünftiger Lokalpolitik zu tun. Als dann Riza Cörtlen von der Fraktion »Die PARTEI« in die Bütt stieg, kehrte offenbar die Vernunft wieder zurück. Tatsächlich drohte der BVV bis zum Januar die Handlungsunfähigkeit. Die hat die PARTEI mit Cörtlens Kandidatur verhindert. Schon alleine dafür haben es die angeblichen Spaßpolitiker verdient, in die BVV gewählt worden zu sein. Das mag auch als Warnung für die Zukunft gelten. Wenn sich die großen Drei wieder zu unnötigen Kraftmeiereien hinreißen lassen, besteht nun immer die Gefahr, dass sie von einer kleinen Fraktion der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Tageskommentar

19. September 2016 (16:30)

Danke Frank Henkel! Danke AfD!

Die eigentliche Gewinnerin der Berlin-Wahl heißt Monika Herrmann. Oft angefeindet vom politischen Gegner und auch in den eigenen Reihen bisweilen misstrauisch beäugt, wird sie nun eine gefragte Gesprächspartnerin sein. Ihre Erfahrungen als erprobte Moderatorin einer rot-rot-grünen Zusammenarbeit sind von großem Nutzen für die anstehenden Koalitionsverhandlungen und die daraus vermutlich resultierende Koalition. Sie selbst hat stets beteuert, keinem Ruf in die Landesregierung zu folgen. Dazu sei sie zu sehr Kommunalpolitikerin. Es wäre auch unlogisch, denn mit einer neuen Regierung kann sie die Früchte ihrer Arbeit ernten. Mit Sicherheit wird es unter einem neuen Innensenator zu einem vernünftigen Sicherheitskonzept am Kotti kommen, auch die gescheiterte Null-Toleranz-Politik um den Görli eines mindestens ebenso gescheiterten Frank Henkel wird ein Ende haben. Monika Herrmanns Lieblingsprojekt – die Coffee-Shops – werden wieder auf der Agenda erscheinen. Sie bilden den Gegenentwurf zu Henkels kaputtem Görli-Plan. Es drängt sich bei einer R2G-Koalition geradezu auf, es mit der Methode Herrmann zu versuchen. Das ist doch mal ein fettes Dankeschön an den scheidenden Innensenator wert.

Dank gilt auch der rechtsnationalkonservativen Zusammenballung namens AfD. Die sorgt nämlich dafür, dass das notorisch zerstrittene linke Lager auf einmal zusammenrückt. Wenn das gelingen sollte, dann hätte das geradezu historische Dimensionen. Wer heute die Nazi-Keule über der AfD schwingt, sollte nämlich nicht vergessen, dass der Auftieg der Nazis auch dem Umstand geschuldet war, dass sich Sozialdemokraten und Kommunisten spinnefeind waren. Wenn die AfD Grüne, Linke und SPD zusammenschweißt, dann könnte es auf Jahre hinaus eine stabile linksliberale Mehrheit geben. Abgesehen davon ist das bürgerlich-rechte Lager, das in Berlin jetzt auf 38 Prozent kommt, so heterogen, wie es das linke Lager über Jahrezehnte war. Eine Zusammenarbeit von AfD und CDU ist auf lange Sicht nur schwer vorstellbar. Eine FDP, die sich gerade so berappelt hat, wird die Rechtspopulisten nicht einmal mit der Feuerzange anfassen, falls sie nicht erneut politischen Suizid begehen will. Das heißt, so ärgerlich die Existenz der AfD in den Bezirksparlamenten und im Abgeordnetenhaus ist, so sehr garantiert sie R2G eine lange und stabile Regierungszeit, in der sehr viel möglich ist. Eigentlich können sich die künftigen Koalitionäre nur selbst ein Bein stellen.

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