Was ist wichtig im Leben?

Buddha-Bärchen von mindsweets helfen beim Nachdenken

Meditierende Buddha-Bärchen in der Mittenwalder Straße mit Arne Schaefer. Foto: ksk

Sie sehen auf den ersten Blick aus wie Gummibärchen. Aber es sind gar keine Gummibärchen, sondern Buddha-Bärchen. Erstens erkennt man das natürlich sofort an ihrer meditativen Haltung. Zweitens sind sie nicht aus Gelatine, sondern von Kopf bis Fuß vegan, gluten- und lactosefrei und ohne künstliche Aromen.

Und drittens meditieren nicht nur die Bärchen selbst, sondern auch der Konsument sollte oder könnte das zumindest tun, wenn er sie sich auf der Zunge zergehen lässt. Arne Schaefer, der Gründer der mindsweets GmbH, hat dafür ein eigenes Wort erfunden: »Naschdenken«. Das bedeutet: Süßigkeiten genießen und dabei über das wirklich Wichtige im Leben nachdenken.

Mindsweets entstand 2010 in Kreuzberg und stellt vegane Bio-Süßigkeiten her. Vor allem für den Großhandel, wo sie dann an Supermärkte wie Bio Company oder LPG verteilt werden, oder für den Online-Shop. Im April zog das Büro von der Arndtstraße in die Mittenwalder Straße und natürlich kann man auch dort ein paar Bärchen bekommen.

Im Sommer sitzen Marketingfrau Elisabeth Illgen und ihre Kollegen gerne vor der Tür in der Sonne und basteln an neuen Ideen. Neben Buddha- gibt es inzwischen freche Berlin-Bärchen, die sich über den nicht existenten Flughafen lustig machen. Pro Tütchen gehen zehn Cent an Kinder und Jugendliche in Not.

Denn die Bärchen sind nicht nur ökologisch, sondern auch sozial: »Sie werden in einer Behindertenwerkstatt in Berlin von Hand konfektioniert«, sagt Illgen. Tatsächlich balanciert die Bärchen-Firma mutig zwischen Kapitalismus und Buddhismus. Natürlich geht es ums Geldverdienen. Andererseits sind alle vier Beschäftigten aktive Buddhisten und »Naschdenken« ist im Prinzip die buddhistische Achtsamkeitsübung in Form einer Ess-Meditation.

Deshalb sollte der »Schoko-Schamane«, der große Bruder der Buddha-Bärchen, auch nicht einfach so, sondern besser nach dem in der aufwendigen Verpackung genau beschriebenen Ritual verzehrt werden.

Zum mindsweets-Shop

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Gänsehaut im Kerzenlicht

Akanthus organisiert für Heilig Kreuz-Passion die Kultur

Die starken Frauen von Akanthus: Kerstin Rüve, Lilia Weiser, Sigrid Künstner (v. li.). Fotos: ksk

»Für mich ist es die schönste Kirche auf der Welt«, sagt Sigrid Künstner mit einem Augenzwinkern. »So ein toller Raum. Die hohen Wände, das Licht, die Stimmung. Und jedes Mal sieht es wieder anders aus!« Gemeint ist die Heilig-Kreuz-Kirche an der Ecke Zossener / Blücherstraße – seit dem Umbau 1995 eine sehr gelungene Mischung aus Neogotik und moderner Industriearchitektur.

Sigrid Künstner muss es wissen: Sie ist Chefin von Akanthus und hat in der Kirche ihren Arbeitsplatz. Akanthus kümmert sich um das Kultur- und Veranstaltungsmanagement in der Heilig-Kreuz- und der Passionskirche am Marheinekeplatz. Beides sind offene Kirchen, wo neben Gottesdiensten auch weltliche Veranstaltungen stattfinden.

Natürlich gibt es Grenzen: Ein Parteitag wäre nicht denkbar. Aber Tagungen, Kongresse oder Konzerte sind gern gesehen. »Beide Gebäude kosten unglaublich viel Geld«, so Künstner. »Akanthus erhält keine Kirchensteuermittel, wir müssen uns komplett selbst finanzieren.«

Rechtlich gesehen ist Akanthus ein Arbeitsbereich der Gemeinde wie Kirchenmusik oder Obdachlosenarbeit. Viele Veranstaltungen sind ohnehin kostenlos, bei anderen bleibt der größte Teil des nicht immer ganz billigen Eintritts bei Künstlern, Tontechnik oder Konzertagentur.

Künstner stammt aus Schwäbisch Hall und ist studierte Germanistin mit Weiterbildung zum Kulturmanagement. »Hätten wir nicht so ein tolles Team, würde das nicht so gut laufen«, sagt sie. In der Passionskirche werden schon seit den 80er Jahren spezielle Konzerte organisiert. Sie eignet sich wegen ihrer festen Bestuhlung besonders gut dafür, Heilig-Kreuz auch für noch fantasievollere Dinge.

Was waren die schönsten Events? Kerstin Rüve ist für die Passionskirche zuständig und schwärmt von Tangerine Dream, Marc Almond und Jamie Cullum. Sigrid Künstner mag besonders die Weih-NachtKlänge von Vox Nostra: »Da ist die Kirche dunkel und es brennen nur ein paar Kerzen. Da krieg ich immer Gänsehaut.«

Akanthus: Das aktuelle Programm

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

»Argumente aus der Eiszeit«

Die spektakulären »Kreuzberg-Rocks« jetzt auch als Weihnachtsgeschenk

Die Stonelets aus der Bergmannstraße eignen sich im Klein­format hervorragend als Briefbeschwerer. Foto: ksk

Egal wie man sie nun nennen mag: Die »Kreuzberg-Rocks« oder »Stonelets« waren eine der großen Überraschungen des vergangenen Jahres. Erst lagen die Findlinge aus der Eiszeit auf dem »Begegnungsplatz« herum, um Falschparker abzuschrecken. Dann auf den verwaisten Parklet-Flächen.

Jetzt liegen sie bei »Herrlich Männergeschenke« am Ende der Bergmannstraße im Schaufenster und vielleicht auch bald in anderen Geschäften. Als Briefbeschwerer und ideales Weihnachtsgeschenk mit kritischem Lokalbezug. »Dir fehlen mal die Argumente? Nimm: Kreuzberg-Rock! Ein Argument aus der Eiszeit«, so der schriftliche Ratschlag.

Michael Becker hat sie gebastelt, und man darf vermuten, dass seine Erfahrungen mit der Bürgerbeteiligung in der Bergmannstraße dabei ihren Niederschlag fanden. Becker ist Sprecher der Gewerbetreibenden dort. Im Oktober hatte er aus Protest die »Steuerungsrunde« verlassen, eine Art Runder Tisch von Bezirk, Planungsbüros und Vertretern der Zivilgesellschaft. Er vermisse ein »echtes Interesse an ausgewogenen Lösungen«, sagte er damals zur Begründung. »Hauruck-Lösungen und Wackersteine« alleine würden nicht weiterhelfen: »Hier will ich nicht mehr länger als Quoten-Fuzzi herhalten.«

Zudem erhob Becker beim Verwaltungsgericht eine Untätigkeitsklage, weil die Gewerbetreibenden auf einen Brief an den Bezirk vom Juli keine Antwort erhalten hätten. Darin beklagen sie die Verlegung des Bergmannstraßenfestes in die Kreuzbergstraße.

Die KuK hat natürlich das Bezirksamt um eine Stellungnahme gebeten. Die Forderungen der Gewerbetreibenden seien in der Steuerungsrunde ausführlich besprochen worden, so Baustadtrat Florian Schmidt. Daher hätte sich eine schriftliche Beantwortung des Briefes erübrigt. Die Vorwürfe Beckers an die Steuerungsrunde selbst wies er als »haltlos und ehrabschneidend« zurück.

Jetzt sind auch die grünen Punkte weg

Bewundert viel und viel gescholten: Die grünen Punkte werden abgeschliffen. Foto: ksk

Unterdessen ist das Beteiligungsverfahren in der Bergmannstraße praktisch abgeschlossen. »Die Ergebnisse werden derzeit in einem Abschlussbericht zusammengefasst und zu einem Vorschlag zur weiteren verkehrlichen Gestaltung der Straße und des Kiezes verdichtet«, so der Baustadtrat. Beide würden im ersten Quartal 2020 in der BVV und auch bei einer öffentlichen Abschlussveranstaltung vorgestellt.

Das Verfahren sei von Anfang an »ergebnisoffen« konzipiert worden. Schon jetzt lasse sich aber erkennen, dass von den Anwohnern mehrheitlich eine deutliche Verkehrsberuhigung und eine Sperrung des Durchgangsverkehrs gewünscht würden. Das ist auch Tenor eines Einwohnerantrags, den sich die BVV inzwischen mit großer Mehrheit zu eigen gemacht hat. Dort wird verlangt, den ganzen Bergmannkiez zur verkehrsberuhigten Zone zu erklären und auf Hauptstraßen Tempo 30 einzuführen.

Abseits der Politik liegen in der Bergmannstraße immer noch ein paar Stonelets herum. Andere Ex-Parklet-Flächen werden meist von parkenden Autos okkupiert, da­­bei stören allerdings die einbetonierten Warnbaken. In einer offenbar recht aufwändigen Aktion wurden letzte Woche die grünen Punkte eliminiert. Einmal mehr reagierten Anwohner mit Staunen und Ratlosigkeit. Fragte einer: »Kommen jetzt vielleicht goldene Sterne – passend zur Jahreszeit?«

Kommentar: Erschöpft und ratlos

KuK-Erfahrungen mit der Steuerungsrunde: Hinter verschlossenen Türen

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

»bUm« statt Google Campus

Das Umspannwerk wird zu einem Haus für die engagierte Zivilgesellschaft

Kunstprojekt »Streetlife« im bUmDas Kunstprojekt »Streetlife« von Erik Sturm und Jugendlichen von KARUNA. Foto: bUm

Einst wollte Google das Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer selbst beziehen. Es wäre der weltweit siebte Google-Campus geworden, mit einem Betreuungsprogramm für Start-ups und einem Google-Café. Jetzt hat dort stattdessen das bUm eröffnet, ein Haus für die engagierte Zivilgesellschaft, in dem gemeinnützigen Organisationen und sozial engagierten AkteurInnen Raum zum Arbeiten geboten wird. Die Trägerorganisationen sind betterplace und Karuna, denen Google das Umspannwerk fünf Jahre mietfrei zur Verfügung stellt. Dass es dazu kam, ist ein Verdienst der organisierten Kiezbewohner Kreuzbergs.

Der Widerstand gegen einen Google-Campus in Kreuzberg wurde von Initiativen wie Bizim Kiez, Lause bleibt, GloReiche Nachbarschaft und Fuck Off Google geführt. Die Kritik wurde unter verschiedenen Gesichtspunkten betrieben. Für manche ist Google das Böse schlechthin, ein Überwachungskomplex und Datendealer. Für andere stand die Befürchtung einer beschleunigten Gentrifizierung im Mittelpunkt. Als das Beispiel für die Wohnraumaufwertung und Verdrängung, die Googles Einzug in eine Stadt oder Nachbarschaft auslösen kann, gilt ihnen San Francisco, wo steigende Mietpreise zu einer Obdachlosenkrise beitrugen. Wenn Kreuzberg gegen einen Google-Campus protestiert, protestiert es zum einen ganz konkret für den Bäcker an der Ecke, für den alten Schallplattenladen und dafür, dass langjährige Mieter nicht wegziehen müssen. Zum anderen protestiert es gegen Google als Symbol der Monopolisierung und der Überwachungsgesellschaft.

Nachdem zahlreiche Demos abgehalten, angeblich ein paar Kaffeebecher und Farbbeutel geworfen wurden und letzlich sogar die Baustelle am Umspannwerk besetzt wurde, gab Google den Plan eines Campus in Kreuzberg auf. Kurz darauf verkündete die Firma, dass das Umspannwerk der Spendenplattform betterplace und der Sozialgenossenschaft Karuna fünf Jahre mietfrei zur Verfügung gestellt werden würde. Statt einem Google-Campus und Inkubator für Start-ups sollte im Umspannwerk also ein Haus für soziales Engagement entstehen – das bUm.

bUm, so wurde auf der Eröffnungsfeier Anfang Oktober verkündet, steht für den Herzschlag der Stadt. Auf insgesamt 3000m², davon 1000m² Gemeinschaftsfläche, ist dort nun eine Art Coworking- und Eventspace für den sozialen Sektor entstanden. Fest eingezogen sind das betterplace lab, die Straßenzeitung Karuna Kompass und die Jugendinitiative MOMO Voice of disconnected Youth. Die restlichen 80 sogenannten flexiblen Arbeitsplätze werden langfristig sowie kurzfristig zu reduzierten Preisen an gemeinnützige Organisationen und sozial engagierte AkteurInnen vermietet. Ein reduzierter Tagespass kostet zum Beispiel 6 Euro, ein Monatspass 45 Euro. Mit dem Solipreis (15 bzw. 60 Euro) kann jeder dazu beitragen, dass auch Organisationen ohne nennenswertes Budget kostenfrei Räume nutzen dürfen. Auch profitorientierte Unternehmen können begrenzt Arbeitsplätze mieten, jedoch zu Normalpreisen.

Dass es keinen Google-Campus in Kreuzberg geben wird, wurde unterschiedlich aufgenommen. »Der 100-Milliarden-Dollar-Umsatz-Tech-Konzern aus Amerika ist vor ein paar Kreuzberger Nachbarschaftsaktivisten in die Knie gegangen«, stand als eine Hypothese bei der Zeit Online. Die taz zelebrierte es ebenfalls als eine »Kapitulation«. Der Fraktionschef der FDP im Abgeordnetenhaus dagegen nannte den Schritt eine »fatale Botschaft an alle zukünftigen Unternehmen und Investoren«.
Als die Aussicht auf einen Kreuzberger Campus endgültig vernebelt wurde, hatte Google den Mietvertrag bereits unterschrieben. Dass Google für das verlorene Investment in Imagekapital entschädigt werden möchte, liegt auf der Hand. Aber das sagt natürlich erstmal nichts über die Arbeit aus, die im bUm geleistet werden wird. Diese Arbeit erscheint sehr vielversprechend. Wer sich einen eigenen Eindruck machen will, kann jeden Mittwoch um 18 Uhr an einer Tour durch das Gebäude teilnehmen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2019.

Unterwegs zum Heiligen Gral

»Oh Madriz« lockt mit Tapas und Schinken aus Eichelmast

Nach zu vielen Cocktails kommt einem manches Gerade ziemlich schräg vor. Foto: ksk

An den Wänden hängen Bilder von spanischen Künstlern wie Ceesepe und Ouka Leele, Stierkampfplakate und der Don Quijote von Pablo Picasso. Das Türkis der Wände spielt auf das Mittelmeer an, eine dekorative Sammlung von High Heels soll Flamenco-Atmosphäre verbreiten.

»Wir haben die Bude komplett renoviert, damit sie unseren Vorstellungen entspricht«, berichtet Bar-Chefin Lisa. Wo vor Jahren der legendäre Pony Saloon in der Dieffenbachstraße mit Plüschsesseln zu Dart und Billard einlud, hat jetzt eine ziemlich schnieke Tapas-Bar eröff net.

Das neue Etablissement heißt »Oh Madriz«, was – wie man auf Nachfrage erfährt – die originale Aussprache der Madrilenen für die spanische Hauptstadt ist. Vorbild ist das unkonventionelle Szeneviertel Malasaña, das mit seiner Kreativität und Originalität an Kreuzberg erinnert. Mobiliar, Spiegel und ein altes Klavier sollen die Stimmung der 1980er Jahre wiedergeben. Lisa hat selbst einige Jahre in Spanien gelebt, Betreiber Miguel Angel Olivera Diaz ist tief in den Handel mit spanischen Gourmetprodukten verstrickt. Dafür gründeten er und Lisa die »Wie Gott GbR«, was schon einen gewissen Ehrgeiz verrät.

Im September öffnete das »Oh Madriz« seine Tore – derzeit ist es täglich außer sonntags ab 18 Uhr offen, bis 22 Uhr kann man die Küche genießen. Auf der Speisekarte stehen mehr als 20 verschiedene Tapas sowie einige Cocas (Flammkuchen); zu trinken gibt es reichlich Cocktails sowie 17 Gin-Tonic-Variationen. Wer zum Beispiel ein »Madriz Plato« bestellt, bekommt eine Auswahl mit scharfer Wurst, Käse, gefüllten Paprikas, All-i-oli und Oliven. Das schmeckt schon mal ausgesprochen lecker.

Absolute Spezialität ist ein spanischer Schinken aus der Extremadura von Schweinen, die nur mit Eicheln gefüttert wurden. Bei den Rotweinen wetteifern Viña Puebla und Heiliger Gral, wer der beste ist – wobei der Gral nach Ansicht unabhängiger Beobachter im Moment wegen der erotisch gestalteten Etiketten deutlich vorne liegt.

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Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2018.

Eine gerechte Welt ohne Armut

Oxfam sucht Ehrenamtliche für neuen Shop

In der Bergmannstraße eröffnet im November ein neuer Oxfam-Shop. Foto: ksk

Derzeit macht das Geschäft noch einen verlassenen Eindruck, nur im Schaufenster hängt schon ein großes grünes Plakat. Das soll sich jetzt bald ändern: In der Bergmannstraße, direkt neben dem Stadtteilausschuss, eröffnet am 24. November ein neuer Oxfam-Shop. Die internationale Hilfsorganisation betreibt in Deutschland bereits 52 solcher Shops, in Berlin wird es neben Schöneberg, Wilmersdorf, Spandau und Prenzlauer Berg nun der siebte sein.

Oxfam wurde 1942 in Großbritannien gegründet, damals mit dem Ziel, die Folgen der deutschen Besatzungspolitik in Griechenland während des Zweiten Weltkriegs zu lindern. Heute schreibt sich die Organisation den Kampf für eine gerechte Welt ohne Armut auf die Fahnen. Dazu wird kurzfristige Nothilfe bei Katastrophen geleistet, es werden längerfristige Projekte und Kampagnen organisiert. Neben staatlichen Geldern und Spenden sind die Shops, in denen Ehrenamtliche gut erhaltene Second-Hand-Sachen verkaufen, eines der Standbeine der Organisation.

In dem Laden in der Bergmannstraße, so Shop-Referent Jonas Lumpe, soll es Kleidung geben, gebrauchte Bücher, Medien und »dies und das«, also Porzellan, Glaswaren und Schmuck. Dringend sucht er aber noch Ehrenamtliche, die Lust haben, möglichst feste Schichten von wöchentlich fünf Stunden zu übernehmen und auch mal samstags zu arbeiten. Der gesamte Shop wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut, nötig sind am Ende etwa 60 Helfer.

»Und die haben wir noch nicht alle«, sagt Lumpe. Aber pessimistisch ist er trotzdem nicht. Ob nun Rentner, die sich ein wenig langweilen, oder Studenten, die Erfahrungen im Einzelhandel sammeln wollen: »Ich merke immer wieder, dass Leute einfach Spaß daran haben.«

Kontakt: Oxfam, Shop-Referent Jonas Lumpe: jlumpe@oxfam.de oder 030 / 453069-223. Am Donnerstag, 4. Oktober, 17:30 Uhr sowie am Freitag, 5. Oktober, 12:00 Uhr finden im neuen Shop, Bergmannstraße 15, Informationsverantaltungen statt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2018.

Im Rathaus gibt es nur noch fairen Kaffee

Als fünfter Berliner Bezirk darf sich jetzt auch Kreuzberg »Fairtrade-Town« nennen

Mit seinen fairen Fußbällen hat Michael Jopp alle Hände voll zu tun. Foto: ksk

Charlottenburg-Wilmersdorf, Mitte, Tempelhof-Schöneberg und Pankow waren ein ganzes Stück schneller, jetzt aber hat es auch Friedrichshain-Kreuzberg geschafft: Seit dem 20. Juli darf sich der Bezirk als »Fairtrade-Town« bezeichnen. Diese Auszeichnung wird von dem gemeinnützigen Verein Transfair in Köln vergeben, der auch für das Fairtradesiegel auf Kaffee und anderen Waren verantwortlich ist.

Bei einer kleinen Feier in der Alten Feuerwache musste Bezirksstadträtin Clara Herrmann (Grüne) erst mal erklären, warum es so lange gedauert hat. »Es war nicht so schwer für uns, die Kriterien zu erfüllen«, sagte sie. »Aber wir wollten uns den Titel wirklich verdienen!« Tatsächlich hat Kreuzberg manche Forderungen des Siegels übertroffen: Etwa gibt es im Bezirk nicht nur 39 Geschäfte mit fairen Produkten, wie in Relation zur Einwohnerzahl verlangt wird, sondern mindestens 82.

Auch andere Hürden hat der Bezirk mit Bravour gemeistert. So haben sich die Bezirksbürgermeisterin und die Stadträte verpflichtet, auf Sitzungen nur noch fairen Kaffee und ein zweites faires Produkt zu konsumieren. Auch in der Kantine wurde mit einem Kaffee-Tasting bereits für gerechteren Handel geworben.

Transfair fordert neben der Einrichtung einer Koordinationsgruppe jede Menge Öffentlichkeitsarbeit und Engagement von Schulen und Vereinen, um Aufmerksamkeit für faire Handelsbeziehungen zu wecken. Und da ist noch die Sache mit den Fußbällen, um die sich Michael Jopp von der Steuerungsgruppe mit Hingabe kümmert. »Der größte Teil der weltweit verkauften Fußbälle stammt aus Pakistan. Aber Bälle aus fairer Produktion sind definitiv genauso gut und kosten auch nicht mehr«, berichtete er. Nun kickt der Kreuzberger Verein Hansa 07 als erster großer Sportverein Deutschlands nur noch mit fairen Bällen.

Neben vielen bunten Fußbällen konnte man im Innenhof der Alten Feuerwache leckere Kartoffelchips aus Ecuador, Schokolade aus Peru oder Bio-Bettwäsche mit Baumwolle aus Kirgisien bestaunen. Und milden Arabica-Hochlandkaffee aus dem ostafrikanischen Ruanda probieren, der überhaupt nicht im Hals kratzt, wie böse Zungen dem legendären Kaffee aus Nicaragua oft nachsagten.

Generell will der faire Handel die Position der Kleinbauern stützen und die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards garantieren. Häufig wird den Produzenten ein von den Schwankungen des Weltmarktes unabhängiger Mindestpreis gezahlt. In Deutschland stammen derzeit 4,8 Prozent des verkauften Röstkaffees aus fairer Produktion. Der Umsatz mit Waren aus fairem Handel wuchs 2017 gegenüber dem Vorjahr um 13 Prozent – allerdings gibt der Durchschnittsdeutsche nur 18 Euro pro Jahr für faire Produkte aus.

»Es ist noch mächtig Luft nach oben«, so Katrin Frank vom »Forum Fairer Handel«. Sie erinnerte an die ursprüngliche Absicht der Bewegung, die »großen Ungerechtigkeiten im Welthandel zu beseitigen«. Auch im rot-rot-grünen Berlin gibt es da noch einiges zu tun. Als nächstes Projekt soll nun die gesamte Hauptstadt »Fairtrade-Town« werden – dazu müssen acht Bezirke das Siegel erfüllen. Größte Herausforderung, witzelte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) am Rande, könnte sein, den Regierenden Bürgermeister an fairen Kaffee zu gewöhnen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2018.

Glück und Pech und Willkür

»Glücksrad könnte auch zu Jubel führen, und Sie wissen, das dürfen Sie nicht.« Diese Auskunft einer Mitarbeiterin des Umweltamtes war wenig hilfreich für Gerald, Wirt des Anno64, der unlängst sämtliche Konzerte in seiner Kneipe bis auf weiteres absagen musste und jetzt nach Alternativen sucht. Denn für Live-Musik fehlt ihm die passende Konzession, und ohne beträchtlichen finanziellen Aufwand für Lärmschutzmaßnahmen und Gutachten wird sich daran auch nichts ändern. Denn was schon immer geduldet wurde, wird auf einmal behördlich verfolgt. Und damit ist Gerald nicht alleine. Die meisten Gastwirte im Kiez hatten schon Besuch vom Ordnungsamt und fühlen sich immer mehr gegängelt. Daher lud die KuK eine Reihe von Wirten zu einem Treffen ein, um über die Problematik zu sprechen.

Joachim vom Valentin konnte von ähnlichen Problemen berichten. Für seinen »Kabarettistischen Jahresrückblick« hatte er eigens eine Sondergenehmigung für 200 Euro beantragt – nachdem er einen längeren Behördenmarathon zwischen Ordnungs- und Umweltamt absolviert hatte. Dabei nützt ihm der teure Wisch im Zweifelsfall auch nichts, sollte es Beschwerden über Lärmbelästigungen geben. Und die gibt es bei fast jedem Gastronom, und sei es, weil er seine Gäste vorschriftsmäßig zum Rauchen vor die Tür schickt.

Vor die Tür schicken muss auch Sylvia ihre Gäste, denn weil es im hinteren Bereich Billard und Kicker gibt, herrscht im Logo trotz eigens eingerichtetem Raucherraum Rauchverbot. Gerade im Winter gehen da viele Gäste lieber gleich nach Hause statt noch auf ein Bier wieder reinzukommen. Andere Wirte, wie zum Beispiel Andreas vom Backbord, gerieten in Konflikt mit der behördlichen Definition von »zubereiteten Speisen«: Obwohl das Backbord unter die Einraumkneipenregelung des Bundesverfassungsgerichtes fällt, darf er das Rauchen nicht erlauben, ohne sein Essensangebot einzustellen. Genau das hat er jetzt getan, denn seinen Gästen ist die Möglichkeit, auch im Winter im Warmen zu rauchen, wichtiger.

»Glück und Pech und Willkür finden momentan ganz unten statt«, meint Andreas. Denn häufig scheint es von der Tagesform der Kontrolleure abzuhängen, was erlaubt sein soll und was nicht oder welche Bußgelder fällig werden.

So erntete dann auch Sylvias Vorschlag, sich einen gemeinsamen Rechtsbeistand zu suchen, der auch die einzelnen laufenden Verfahren miteinander vergleicht, regen Zuspruch. Überhaupt würde sie gerne eine Art Interessensgemeinschaft gründen, die dem Erfahrungsaustausch dienen soll. Zwar wurden organisatorische Details noch vertagt, doch einigte man sich darauf, sich auf jeden Fall wiedertreffen zu wollen. Dann sollen auch weitere ‚Schlachtpläne‘ geschmiedet werden, um die schwierige Situation gemeinsam zu meistern. Gefragt sein werden einerseits Ideen, wie die Bedrohung der Kneipenkultur auch politisch zu thematisieren ist, andererseits gilt es, die Probleme auch als Chance für neue Konzepte wahrzunehmen und zu nutzen. So hat etwa Gerald gerade ein neues Programm angekündigt – mit wöchentlichen Terminen für Kartenspiel und After-Work-Partys, letztere sogar mit Glücksrad. Jetzt kann er nur hoffen, dass der Jubel unbemerkt bleibt.

Der Wirtestammtisch trifft sich wieder am 16.3. um 18:00 Uhr im Mrs. Lovell’s in der Gneisenaustraße 53. Weitere interessierte Gastwirte sind herzlich eingeladen vorbeizukommen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2009.

Fasching im Kiez

...und in der Cantina Orange...und in der Cantina Orange
Faschingsparty im Mrs. LovellFaschingsparty im Mrs. Lovell...

Berlin liegt nicht im Rheinland, und das ist auch gut so. Trotzdem ließen die Cantina Orange und das Mrs. Lovell es sich nicht nehmen, am Karnevalssamstag kräftig zu feiern.

Kiez und Kneipe war natürlich vor Ort und dokumentierte die ausgelassene Stimmung fotografisch. Ein Klick auf die Bilder führt zu den beiden Fotostrecken.