Buntes Kreuzberg: Blau

Auch der UnterRock hat schon einmal bessere Tage gesehen

Foto: ksk

Kreuzberg ist bekannt für seine Vielfalt und Farbigkeit in jeder Hinsicht. Nun erscheint die gedruckte KIEZ UND KNEIPE leider nur in klassischem Schwarz-Weiß – was in der heutigen, reizüberfluteten Zeit aber schon fast wieder als stilbildendes Alleinstellungsmerkmal gelten kann. Unser Internet-Auftritt hingegen kennt die Farbe sehr wohl.

Deshalb gibt es dort künftig eine neue Rubrik „Buntes Kreuzberg“, immer so ungefähr zur Monatsmitte, wenn die gedruckte KuK ausgelesen ist. Ohne viel Text, mit einem Foto, das jeweils eine bestimmte Farbe in den Vordergrund rückt. „Schmuckbild“ hieß das früher. Der große Dichter Arthur Rimbaud wies den Vokalen bestimmte Farben zu, der polnische Regisseur Krzysztof Kieślowski schuf eine Trilogie mit den Farben Blau, Weiß, Rot. So anspruchsvoll sind wir nicht. Die KuK will nur ein bisschen mithelfen, die Augen dafür zu öffnen, wie bunt unser Kiez wirklich ist.

Geheimnisvoll schimmert das magische Auge

Klaus Stark unternimmt mit dem Kreuzberger Rundfunk- und Fernsehtechnikermeister Horst Dieter Schmahl eine Reise in die Vergangenheit

Horst Dieter und Karin Schmahl. Im Hintergrund drei der berühmten „Philettas“ von Philips; in der Hand von Frau Schmahl ein kleines Philips-Transistorradio aus den 60er Jahren. Foto: ksk

Gleich vorne am Eingang sind die Prunkstücke versammelt. Ein wunderbarer Saba Freudenstadt 8 von 1956/58 – damals fast unerschwinglich. Das edle Gehäuse in dunklem Nussbaum, die handgemachten Tasten erinnern eher an eine Klaviatur, der Lautsprecherstoff ist mit Seidenfäden durchsetzt. Das Modell von Philips direkt daneben besitzt sogar drei Klangregler für Jazz, Orchester und Sprache – je nachdem, welche Taste gedrückt wird, leuchten die entsprechenden hübschen Symbole auf.

Aber die alten Röhrenradios sind nicht nur optisch, sondern auch technisch beeindruckend. Wenn Horst Dieter Schmahl auf den Einschaltknopf drückt, dauert es erst eine Weile. Gemächlich knacken die Röhren – aber dann wird das runde magische Auge über der Skala plötzlich lebendig und fängt in geheimnisvollen Grüntönen zu schimmern an. Aus den Lautsprechern prasseln und pfeifen die Störgeräusche der Mittelwelle.

Auf 750 Kilohertz nahm 1923 unweit des Potsdamer Platzes der erste deutsche Rundfunksender seinen Betrieb auf. Heute sind die meisten Frequenzen tot. Beromünster aus der Schweiz abgeschaltet, Limoges und Nancy aus Frankreich verschwunden, Radio Luxemburg nicht mehr da. In Deutschland schweigen alle öffentlich-rechtlichen Mittelwellensender seit Ende 2015. Aus Kostengründen, wie es hieß. Die Digitalisierung macht keine Gefangenen. »UKW bleibt uns ja hoffentlich bis 2028 erhalten«, sagt Schmahl. »Gegen den Willen der Regierung.«

Viel mehr als nur ein normales Geschäft

Horst Dieter Schmahl und seine Frau Karin betreiben in der Zossener Straße 2 einen Laden namens »Radio-Art«. Zunächst denkt man wenigstens, es sei ein ganz normales Geschäft. Aber nach einer Weile stellt sich heraus, dass es eher ein Museum ist und vielleicht sogar noch viel mehr, nämlich eine Art Terminal für Reisen in die Vergangenheit.

Magisches Auge und Skala eines Imperial 60WK der Stassfurter LIcht- und Kraftwerke AG von 1939/40 mit vielen längst nicht mehr existierenden Sendern. Foto: ksk

Schmahl ist Rundfunk- und Fernsehtechnikermeister. Seine ersten beiden Läden hatte er in Neukölln, in der Sonnenallee. In dem einen verkaufte Ehefrau Karin Schallplatten, in dem anderen befand sich die

Werkstatt mit drei Mitarbeitern. »Aber nach der Wende war der Handel für so ein kleines Geschäft nicht mehr möglich. Große Firmen kamen hierher.« Allerdings wollten immer mehr Kunden alte Geräte repariert bekommen. Der Fachmann witterte eine Nische im zunehmend von Billigprodukten überfluteten Markt.

Im Jahr 1996 hat er in Kreuzberg neu angefangen: »Seitdem läuft das, kann man sagen.« Zuerst verkaufte Schmahl vor allem Röhrenradios oder Fernseher in alten, vom Kunsttischler restaurierten Gehäusen. Inzwischen geht es meistens um Reparaturen. Häufig bringen Kunden Erbstücke vorbei, die der Meister in stundenlanger Kleinarbeit wieder zum Klingen bringt. Besitzen die alten Röhrenradios einen Plattenspieler-Ausgang, kann man daran sogar einen CD-Player oder ein iPhone anschließen.

Die restaurierten Schmuckstücke wandern in alle Welt. Ein Telefunken-Gerät von 1950 landete in Japan, eine Gruppe aus Mexiko erstand einen Volksempfänger und auch nach New York war schon ein 20 Kilo schweres Paket unterwegs. Requisiteure von Film und Theater schauen ebenfalls vorbei.

Statussymbole der Väter, Großväter, Urgroßväter

Ein ausgesprochenes Prunkstück für jedes Wirtschaftswunder-Wohnzimmer: Saba Freudenstadt 8, 1956-58. Foto: ksk

Der Rundfunktechniker lobt die hohe Qualität der oft sehr aufwändig gebauten Geräte: »Der Klang der Röhre in einem Holzgehäuse hat für das Ohr genau die gleiche Hörfrequenz wie die menschliche Stimme.« Mit der sich in den 70er Jahren durchsetzenden Transistortechnik kann er wenig anfangen. Noch weniger mit der digitalen CD: »Das ist wie ein Essen aus einer Chrom-Edelstahlküche: Es fehlt das Verbrannte!«

An der Wand hängen Werbeplakate aus den 50er Jahren, auf dem Plattenteller liegen Scheiben von Tommy Dorsey und Howard Carpendale. Um sie herum die Statussymbole der Väter, Großväter, Urgroßväter aus der Wirtschaftswunderzeit, die hier ein Zuhause gefunden haben – damals genauso geliebt, begehrt und vielleicht sogar mit mehr Hingabe und Sachverstand angefertigt als die heutigen Tablets und Smartphones.

Und plötzlich wird die Geschichte lebendig: Aus diesem Volksempfänger tönte wohl einmal die sich überschlagende Stimme von Joseph Goebbels. Aus jenem Telefunken-Radio im Kalten Krieg live die Botschaft von John F. Kennedy: »Ich bin ein Berliner!«

Natürlich werden auch persönliche Erinnerungen wach. An die goldene Philetta, die in den 60er Jahren erstmals die »Schlager der Woche« mit Beatles und Rolling Stones ins Kinderzimmer brachte. Und an den Grundig Satellit-Weltempfänger im Elternschlafzimmer mit der geheimnisvoll leuchtenden Kurzwellenskala, Radio Schweden, Radio Peking und Radio Canada International. Aber das war dann schon eine ganz andere, neue Zeit.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Unglaublicher Zauber

»Just Juggling« zieht aus dem Hinterhof vor an die Straße

Jongleur Alan Blim hebt nur gerade ein wenig die Schwerkraft auf. Foto: ksk

Rot, gelb, orange, grün, blau. Die hübschen Bälle in den Regalen leuchten in grellen Farben und liegen gut in der Hand. »Hirse und Leinsamen«, sagt der Jongleur fachmännisch. Ein Modell mit dem Namen »Spot« schätzt er besonders. »Das ist ein bisschen fest, das schafft Klarheit, und ein bisschen weich für das Spielerische.«

Wer Alan Blim in seinem Laden »Just Juggling« im Hinterhof an der Zossener Straße trifft, merkt sofort, dass er es mit einem besonderen Menschen zu tun hat. Beim Sprechen nimmt er die Bälle fast zärtlich in die Hand. Der kann aber gut jonglieren, denkt man zuerst. Dann entsteht ein ganzes Planetensystem und plötzlich begreift man: Dieser Mann hebt gerade die Schwerkraft auf!

Alan ist in Kenia geboren, hat die Jugend in England verbracht, erst das Klavierspielen, dann das Klettern entdeckt und mit 17 zu jonglieren begonnen. »Ein klassisches Gauklerleben«, resümiert der 54-Jährige. 1996 hat er in Berlin Fuß gefasst. Dort hob er die legendären Jonglier-Katakomben in der Monumentenstraße aus der Taufe. Ein Mekka für Artisten aus aller Welt, aber eben auch ein finanzielles Desaster.

Also eröffnete Blim »Just Juggling« und wieder schuf er einen zentralen Treffpunkt für die Szene. Zweieinhalb Jahre lang hatte er außerdem den Spielzeugladen in der Marheineke-Markthalle. Den musste er zum Jahreswechsel schließen und auch »Just Juggling« wurde ihm gekündigt. Glücklicherweise bekam er noch am gleichen Tag den früheren Friseurladen neben dem »Orientesspress«. Dort will Blim im Februar neu eröffnen – mit Jonglierbedarf, Spielzeug und auch ein paar Schreibwaren.

Was ist am Jonglieren so toll? »Du verlierst das Zeitgefühl. Es befestigt den Charakter, weil man ständig Zwischenziele hat. Jongleure stehen oft stark im Leben. Und es entfaltet einen unglaublichen Zau ber.« Alan erzählt noch die Geschichte von den zwei feindlichen Armeen, die sich im alten China gegenüberlagen. Ein Mann trat vor, begann mit zehn Bällen zu jonglieren – und der Gegner floh.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Schafe, Nebel & Sherlock Holmes

Broken English ist wieder da – jetzt in der Arndtstraße

Antje Blank, die neue Inhaberin von Broken English, zusammen mit ihren Lieblingskeksen. Foto: ksk

Links vom Eingang liegen die Kekse. »Walkers Pure Butter Shortbread Highlanders« zum Beispiel oder »Tunnock‘s Milk Chocolate Coated Caramel Wafer Biscuits«. Daneben »Duke & Duchess of Sussex English Breakfast Tea« und natürlich »Frank Cooper‘s Original Oxford Marmalade«. Was für eine Fundgrube für Freunde des Vereinigten Königreichs!

Broken English ist wieder da. Aus Sorge vor dem bevorstehenden Brexit hatte Dale Carr ihren legendären Laden für englische Spezialitäten in der Körtestraße schließen müssen. Aber jetzt hat sie eine Nachfolgerin gefunden und seit Oktober ist der neue Laden in der Arndtstraße 29 geöffnet.

Ein schönes, helles, liebevoll eingerichtetes Geschäft. Die neue Inhaberin Antje Blank ist eigentlich studierte Anglistin und hat über radikale Schriftstellerinnen im 18. Jahrhundert promoviert. Mit ihrem Mann lebte sie 15 Jahre lang in Großbritannien. Noch heute schwärmt sie davon: »Die Landschaft, die Berge, oft stehen Schafe an der Straße, es ist neblig und man kommt sich vor wie bei Sherlock Holmes.« Auch vermisst sie den lockeren britischen Umgang, »diese geflissentlich leicht witzige Sprache, mit der man sich sehr geschickt durch den Alltag manövrieren kann«.

Seit 2007 wohnt sie in Berlin und ging fleißig bei Dale Carr einkaufen. »Eines Morgens lag ich im Bett und habe bei Spiegel Online gesehen, dass Frau Carr ihren Laden zumacht. Das hat mich schockiert! Da hab ich einfach eine E-Mail geschrieben.«

Die beiden Frauen haben verhandelt, sich mehrfach getroffen und am Ende war nicht nur eine Nachfolgerin, sondern auch ein neuer Standort in Sicht. Und der Brexit? Wenigstens sei mit dem Wahlsieg von Boris Johnson jetzt die Ungewissheit beseitigt, ob er kommt. Aber ein No-Deal wäre schon schwierig. »Wir haben viele kleine Familienunternehmen. Ich glaube nicht, dass die für jedes Päckchen einen Exportschein ausfüllen.«

Broken English: mo-fr 11-18, sa 11-16 Uhr.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Von Australien bis Venezuela

… kommen Studenten zu »Transmitter« und lernen Deutsch

Der Unterricht in der Gneisenaustraße 86 macht offenbar mächtig Spaß. Foto: Dana Engfer

»Wie viele Sprachen du sprichst, so oftmal bist du Mensch.« Das soll der große Goethe einmal gesagt haben. Nun gut, das ist schon eine ganze Weile her, aber Vu Hoang spricht jedenfalls eine Menge Sprachen. Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Vietnamesisch. Ein wenig Japanisch, das Große Latinum hat er auch und im Moment lernt er Hebräisch. »Faszinierende Schriftzeichen«, sagt er.

Hoang gehört die Sprachschule »Transmitter« und die ist letzten Sommer vom Neuköllner Schillerkiez in die Gneisenaustraße 86 umgezogen. »Wir waren ein Opfer der Gentrifizierung«, sagt Hoang. Teile des Hauses in der Allerstraße sollten an einen Investor verkauft werden, die Miete lag plötzlich doppelt so hoch und da blieb nur die Suche nach neuen Räumen.

Die Sprachschule selbst existiert schon seit sieben Jahren. Hier wird Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Die Studenten kommen aus der ganzen Welt und sind meistens zwischen 25 bis 35 Jahre alt. Sogenannte »Young Professionals«: Architekten, Designer, Medienleute, Künstler, viele Doktoranden, die alle nicht nur ein paar Brocken Deutsch sprechen wollen. Tatsächlich reicht die Liste der Herkunftsländer von Australien bis Venezuela.

Es gibt Intensiv- und Abendkurse, jeweils vier oder sechs Wochen lang. Sie kosten 240 oder 150 Euro und müssen in der Regel privat bezahlt werden. Mit vielen Studenten bleibt Hoang auch nachher in Kontakt. So stellte die Japanerin Saki Nagatani im Sommer bei Transmitter eigene Illustrationen aus. Hoang selbst hat zuvor als Kurator und Galeriemanager gearbeitet und längere Zeit in New York und in Neapel gelebt. Jetzt sagt er: »Berlin ist mein Zuhause!«

Und wie gefällt es dem 38-Jährigen in Kreuzberg? »Der Start im Sommer war ziemlich rau!« Wegen der Starkregen gab es zwei Überschwemmungen, dann noch zwei Einbrüche in sehr kurzer Zeit. Bis Juli 2007 war übrigens im selben Souterrain die KuK-Redaktion untergebracht – aber daran erinnert sich schon fast niemand mehr.

Sprachschule Transmitter

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Was ist wichtig im Leben?

Buddha-Bärchen von mindsweets helfen beim Nachdenken

Meditierende Buddha-Bärchen in der Mittenwalder Straße mit Arne Schaefer. Foto: ksk

Sie sehen auf den ersten Blick aus wie Gummibärchen. Aber es sind gar keine Gummibärchen, sondern Buddha-Bärchen. Erstens erkennt man das natürlich sofort an ihrer meditativen Haltung. Zweitens sind sie nicht aus Gelatine, sondern von Kopf bis Fuß vegan, gluten- und lactosefrei und ohne künstliche Aromen.

Und drittens meditieren nicht nur die Bärchen selbst, sondern auch der Konsument sollte oder könnte das zumindest tun, wenn er sie sich auf der Zunge zergehen lässt. Arne Schaefer, der Gründer der mindsweets GmbH, hat dafür ein eigenes Wort erfunden: »Naschdenken«. Das bedeutet: Süßigkeiten genießen und dabei über das wirklich Wichtige im Leben nachdenken.

Mindsweets entstand 2010 in Kreuzberg und stellt vegane Bio-Süßigkeiten her. Vor allem für den Großhandel, wo sie dann an Supermärkte wie Bio Company oder LPG verteilt werden, oder für den Online-Shop. Im April zog das Büro von der Arndtstraße in die Mittenwalder Straße und natürlich kann man auch dort ein paar Bärchen bekommen.

Im Sommer sitzen Marketingfrau Elisabeth Illgen und ihre Kollegen gerne vor der Tür in der Sonne und basteln an neuen Ideen. Neben Buddha- gibt es inzwischen freche Berlin-Bärchen, die sich über den nicht existenten Flughafen lustig machen. Pro Tütchen gehen zehn Cent an Kinder und Jugendliche in Not.

Denn die Bärchen sind nicht nur ökologisch, sondern auch sozial: »Sie werden in einer Behindertenwerkstatt in Berlin von Hand konfektioniert«, sagt Illgen. Tatsächlich balanciert die Bärchen-Firma mutig zwischen Kapitalismus und Buddhismus. Natürlich geht es ums Geldverdienen. Andererseits sind alle vier Beschäftigten aktive Buddhisten und »Naschdenken« ist im Prinzip die buddhistische Achtsamkeitsübung in Form einer Ess-Meditation.

Deshalb sollte der »Schoko-Schamane«, der große Bruder der Buddha-Bärchen, auch nicht einfach so, sondern besser nach dem in der aufwendigen Verpackung genau beschriebenen Ritual verzehrt werden.

Zum mindsweets-Shop

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Gänsehaut im Kerzenlicht

Akanthus organisiert für Heilig Kreuz-Passion die Kultur

Die starken Frauen von Akanthus: Kerstin Rüve, Lilia Weiser, Sigrid Künstner (v. li.). Fotos: ksk

»Für mich ist es die schönste Kirche auf der Welt«, sagt Sigrid Künstner mit einem Augenzwinkern. »So ein toller Raum. Die hohen Wände, das Licht, die Stimmung. Und jedes Mal sieht es wieder anders aus!« Gemeint ist die Heilig-Kreuz-Kirche an der Ecke Zossener / Blücherstraße – seit dem Umbau 1995 eine sehr gelungene Mischung aus Neogotik und moderner Industriearchitektur.

Sigrid Künstner muss es wissen: Sie ist Chefin von Akanthus und hat in der Kirche ihren Arbeitsplatz. Akanthus kümmert sich um das Kultur- und Veranstaltungsmanagement in der Heilig-Kreuz- und der Passionskirche am Marheinekeplatz. Beides sind offene Kirchen, wo neben Gottesdiensten auch weltliche Veranstaltungen stattfinden.

Natürlich gibt es Grenzen: Ein Parteitag wäre nicht denkbar. Aber Tagungen, Kongresse oder Konzerte sind gern gesehen. »Beide Gebäude kosten unglaublich viel Geld«, so Künstner. »Akanthus erhält keine Kirchensteuermittel, wir müssen uns komplett selbst finanzieren.«

Rechtlich gesehen ist Akanthus ein Arbeitsbereich der Gemeinde wie Kirchenmusik oder Obdachlosenarbeit. Viele Veranstaltungen sind ohnehin kostenlos, bei anderen bleibt der größte Teil des nicht immer ganz billigen Eintritts bei Künstlern, Tontechnik oder Konzertagentur.

Künstner stammt aus Schwäbisch Hall und ist studierte Germanistin mit Weiterbildung zum Kulturmanagement. »Hätten wir nicht so ein tolles Team, würde das nicht so gut laufen«, sagt sie. In der Passionskirche werden schon seit den 80er Jahren spezielle Konzerte organisiert. Sie eignet sich wegen ihrer festen Bestuhlung besonders gut dafür, Heilig-Kreuz auch für noch fantasievollere Dinge.

Was waren die schönsten Events? Kerstin Rüve ist für die Passionskirche zuständig und schwärmt von Tangerine Dream, Marc Almond und Jamie Cullum. Sigrid Künstner mag besonders die Weih-NachtKlänge von Vox Nostra: »Da ist die Kirche dunkel und es brennen nur ein paar Kerzen. Da krieg ich immer Gänsehaut.«

Akanthus: Das aktuelle Programm

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

»Argumente aus der Eiszeit«

Die spektakulären »Kreuzberg-Rocks« jetzt auch als Weihnachtsgeschenk

Die Stonelets aus der Bergmannstraße eignen sich im Klein­format hervorragend als Briefbeschwerer. Foto: ksk

Egal wie man sie nun nennen mag: Die »Kreuzberg-Rocks« oder »Stonelets« waren eine der großen Überraschungen des vergangenen Jahres. Erst lagen die Findlinge aus der Eiszeit auf dem »Begegnungsplatz« herum, um Falschparker abzuschrecken. Dann auf den verwaisten Parklet-Flächen.

Jetzt liegen sie bei »Herrlich Männergeschenke« am Ende der Bergmannstraße im Schaufenster und vielleicht auch bald in anderen Geschäften. Als Briefbeschwerer und ideales Weihnachtsgeschenk mit kritischem Lokalbezug. »Dir fehlen mal die Argumente? Nimm: Kreuzberg-Rock! Ein Argument aus der Eiszeit«, so der schriftliche Ratschlag.

Michael Becker hat sie gebastelt, und man darf vermuten, dass seine Erfahrungen mit der Bürgerbeteiligung in der Bergmannstraße dabei ihren Niederschlag fanden. Becker ist Sprecher der Gewerbetreibenden dort. Im Oktober hatte er aus Protest die »Steuerungsrunde« verlassen, eine Art Runder Tisch von Bezirk, Planungsbüros und Vertretern der Zivilgesellschaft. Er vermisse ein »echtes Interesse an ausgewogenen Lösungen«, sagte er damals zur Begründung. »Hauruck-Lösungen und Wackersteine« alleine würden nicht weiterhelfen: »Hier will ich nicht mehr länger als Quoten-Fuzzi herhalten.«

Zudem erhob Becker beim Verwaltungsgericht eine Untätigkeitsklage, weil die Gewerbetreibenden auf einen Brief an den Bezirk vom Juli keine Antwort erhalten hätten. Darin beklagen sie die Verlegung des Bergmannstraßenfestes in die Kreuzbergstraße.

Die KuK hat natürlich das Bezirksamt um eine Stellungnahme gebeten. Die Forderungen der Gewerbetreibenden seien in der Steuerungsrunde ausführlich besprochen worden, so Baustadtrat Florian Schmidt. Daher hätte sich eine schriftliche Beantwortung des Briefes erübrigt. Die Vorwürfe Beckers an die Steuerungsrunde selbst wies er als »haltlos und ehrabschneidend« zurück.

Jetzt sind auch die grünen Punkte weg

Bewundert viel und viel gescholten: Die grünen Punkte werden abgeschliffen. Foto: ksk

Unterdessen ist das Beteiligungsverfahren in der Bergmannstraße praktisch abgeschlossen. »Die Ergebnisse werden derzeit in einem Abschlussbericht zusammengefasst und zu einem Vorschlag zur weiteren verkehrlichen Gestaltung der Straße und des Kiezes verdichtet«, so der Baustadtrat. Beide würden im ersten Quartal 2020 in der BVV und auch bei einer öffentlichen Abschlussveranstaltung vorgestellt.

Das Verfahren sei von Anfang an »ergebnisoffen« konzipiert worden. Schon jetzt lasse sich aber erkennen, dass von den Anwohnern mehrheitlich eine deutliche Verkehrsberuhigung und eine Sperrung des Durchgangsverkehrs gewünscht würden. Das ist auch Tenor eines Einwohnerantrags, den sich die BVV inzwischen mit großer Mehrheit zu eigen gemacht hat. Dort wird verlangt, den ganzen Bergmannkiez zur verkehrsberuhigten Zone zu erklären und auf Hauptstraßen Tempo 30 einzuführen.

Abseits der Politik liegen in der Bergmannstraße immer noch ein paar Stonelets herum. Andere Ex-Parklet-Flächen werden meist von parkenden Autos okkupiert, da­­bei stören allerdings die einbetonierten Warnbaken. In einer offenbar recht aufwändigen Aktion wurden letzte Woche die grünen Punkte eliminiert. Einmal mehr reagierten Anwohner mit Staunen und Ratlosigkeit. Fragte einer: »Kommen jetzt vielleicht goldene Sterne – passend zur Jahreszeit?«

Kommentar: Erschöpft und ratlos

KuK-Erfahrungen mit der Steuerungsrunde: Hinter verschlossenen Türen

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

»bUm« statt Google Campus

Das Umspannwerk wird zu einem Haus für die engagierte Zivilgesellschaft

Kunstprojekt »Streetlife« im bUmDas Kunstprojekt »Streetlife« von Erik Sturm und Jugendlichen von KARUNA. Foto: bUm

Einst wollte Google das Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer selbst beziehen. Es wäre der weltweit siebte Google-Campus geworden, mit einem Betreuungsprogramm für Start-ups und einem Google-Café. Jetzt hat dort stattdessen das bUm eröffnet, ein Haus für die engagierte Zivilgesellschaft, in dem gemeinnützigen Organisationen und sozial engagierten AkteurInnen Raum zum Arbeiten geboten wird. Die Trägerorganisationen sind betterplace und Karuna, denen Google das Umspannwerk fünf Jahre mietfrei zur Verfügung stellt. Dass es dazu kam, ist ein Verdienst der organisierten Kiezbewohner Kreuzbergs.

Der Widerstand gegen einen Google-Campus in Kreuzberg wurde von Initiativen wie Bizim Kiez, Lause bleibt, GloReiche Nachbarschaft und Fuck Off Google geführt. Die Kritik wurde unter verschiedenen Gesichtspunkten betrieben. Für manche ist Google das Böse schlechthin, ein Überwachungskomplex und Datendealer. Für andere stand die Befürchtung einer beschleunigten Gentrifizierung im Mittelpunkt. Als das Beispiel für die Wohnraumaufwertung und Verdrängung, die Googles Einzug in eine Stadt oder Nachbarschaft auslösen kann, gilt ihnen San Francisco, wo steigende Mietpreise zu einer Obdachlosenkrise beitrugen. Wenn Kreuzberg gegen einen Google-Campus protestiert, protestiert es zum einen ganz konkret für den Bäcker an der Ecke, für den alten Schallplattenladen und dafür, dass langjährige Mieter nicht wegziehen müssen. Zum anderen protestiert es gegen Google als Symbol der Monopolisierung und der Überwachungsgesellschaft.

Nachdem zahlreiche Demos abgehalten, angeblich ein paar Kaffeebecher und Farbbeutel geworfen wurden und letzlich sogar die Baustelle am Umspannwerk besetzt wurde, gab Google den Plan eines Campus in Kreuzberg auf. Kurz darauf verkündete die Firma, dass das Umspannwerk der Spendenplattform betterplace und der Sozialgenossenschaft Karuna fünf Jahre mietfrei zur Verfügung gestellt werden würde. Statt einem Google-Campus und Inkubator für Start-ups sollte im Umspannwerk also ein Haus für soziales Engagement entstehen – das bUm.

bUm, so wurde auf der Eröffnungsfeier Anfang Oktober verkündet, steht für den Herzschlag der Stadt. Auf insgesamt 3000m², davon 1000m² Gemeinschaftsfläche, ist dort nun eine Art Coworking- und Eventspace für den sozialen Sektor entstanden. Fest eingezogen sind das betterplace lab, die Straßenzeitung Karuna Kompass und die Jugendinitiative MOMO Voice of disconnected Youth. Die restlichen 80 sogenannten flexiblen Arbeitsplätze werden langfristig sowie kurzfristig zu reduzierten Preisen an gemeinnützige Organisationen und sozial engagierte AkteurInnen vermietet. Ein reduzierter Tagespass kostet zum Beispiel 6 Euro, ein Monatspass 45 Euro. Mit dem Solipreis (15 bzw. 60 Euro) kann jeder dazu beitragen, dass auch Organisationen ohne nennenswertes Budget kostenfrei Räume nutzen dürfen. Auch profitorientierte Unternehmen können begrenzt Arbeitsplätze mieten, jedoch zu Normalpreisen.

Dass es keinen Google-Campus in Kreuzberg geben wird, wurde unterschiedlich aufgenommen. »Der 100-Milliarden-Dollar-Umsatz-Tech-Konzern aus Amerika ist vor ein paar Kreuzberger Nachbarschaftsaktivisten in die Knie gegangen«, stand als eine Hypothese bei der Zeit Online. Die taz zelebrierte es ebenfalls als eine »Kapitulation«. Der Fraktionschef der FDP im Abgeordnetenhaus dagegen nannte den Schritt eine »fatale Botschaft an alle zukünftigen Unternehmen und Investoren«.
Als die Aussicht auf einen Kreuzberger Campus endgültig vernebelt wurde, hatte Google den Mietvertrag bereits unterschrieben. Dass Google für das verlorene Investment in Imagekapital entschädigt werden möchte, liegt auf der Hand. Aber das sagt natürlich erstmal nichts über die Arbeit aus, die im bUm geleistet werden wird. Diese Arbeit erscheint sehr vielversprechend. Wer sich einen eigenen Eindruck machen will, kann jeden Mittwoch um 18 Uhr an einer Tour durch das Gebäude teilnehmen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2019.

Richtig geiler Stoff

Von Knippenbergs Käsestand direkt ins Paradies

Alles Käse bei Knippenbergs in der Markthalle am Marheinekeplatz. Foto: ksk

Firmenchef Ivo Knippenberg hat fast jeden Tag einen anderen Lieblingskäse. Heute schwärmt er vom Wrångebäck, einem schwedischen Hartkäse vom Westufer des Vättern-Sees, der nach einem Rezept von 1889 hergestellt wird. »Der hat eine Creme, dass das im Mund zum Orgasmus wird«, sagt er begeistert. »Das ist richtig geiler Stoff !«

Wer glaubt, die rechteckigen Plastikpäckchen, die in den Regalen der Discounter liegen, hätten etwas mit Käse zu tun, sollte dem Knippenberg-Stand in der Marheineke-Markthalle einen Besuch abstatten. »Käse muss immer gut sein«, philosophiert Knippenberg. »Aber manchmal öffnet er einen bestimmten Kanal. Du legst ihn auf die Zunge und er verschmilzt. Das sind Momente …«

Der 47-Jährige hat vor Jahrzehnten mit dem Markthandel angefangen. Noch heute konzentriert er sich mit seinen rund 25 Beschäftigten auf Wochenmärkte: »Das ist Abenteuer. Da ist jeder Tag anders.« An der Markthalle schätzt er die vielen Kunden: »Wir haben ja nur ein Produkt. Wo finden Sie sonst so viele Fachgeschäfte?« Im Vergleich zum Discounter ist Knippenbergs Käse natürlich teuer, ziemlich teuer sogar. Aber ganz umsonst ist das Paradies eben nicht zu haben.

Dann erzählt der Firmenchef vom L‘Etivaz Alpage – wohl einem der besten Käse der Welt. Er stammt aus den Waadtländer Alpen, hergestellt wird er im Kupferkessel über offenem Feuer, im Sommer, auf über 1000 Metern Höhe: »Das sind ganz einfache Hütten, da gibt es nur eine Holzbank, keine Couch, und geschlafen wird auf einem Matratzenlager.« Wenn alles gut geht, bekommt der Käse aus der Schweiz kein Plastik zu sehen. Nach langer Reise liegt der gelbe Laib in der Markthalle und darf probiert werden. Während er im Mund sein würziges Aroma entfaltet, denkt man: So ein richtig guter Käse ist ein bisschen wie der erste Kuss: Man vergisst ihn nie.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2019.

Empanadas, ganz original

Lalo lockt mit leckeren chilenischen Spezialitäten

»El Chilenito« heißt unter Freunden Lalo und lebt seit 1975 in Berlin. Foto: ksk

Besonders stolz ist Eduardo Estrada (Spitzname: Lalo) auf seine Empanadas. Das sind leckere Teigtaschen, gefüllt mit Rinderhack, einer Olive, drei Rosinen und zu Würfeln geschnittenen Zwiebeln, gewürzt mit Salz, ein bisschen Kreuzkümmel und einer Prise Merkén. »In anderen Teilen Südamerikas machen sie das mit allem Möglichen, mit Yucca zum Beispiel, aber in Chile gibt es keine anderen«, berichtet er und lächelt dabei vergnügt.

Seit mehr als einem Jahr betreibt Lalo einen Imbissstand in der Bergmannstraße, im Innenhof beim Drogeriemarkt, wo es hinten zum Ballhaus geht. Man merkt gleich, dass er mit viel Liebe bei der Sache ist. Draußen auf dem Trottoir wirbt ein Aufsteller, über dem Stand ein großes Schild mit der Aufschrift »El Chilenito« und chilenischen Fähnchen. Ein paar Stühle und Tische, chilenische Comics zum Angucken, ein Behälter mit Wasser – und im Hintergrund läuft Radio Corazón aus Pudahuel, einem Vorort von Santiago de Chile.

Der Imbiss ist montags bis samstags von 11 bis 20.30 Uhr geöffnet. Man kann hier typisch chilenische Hot Dogs verspeisen, sogenannte »Completos«, oder Sandwiches – etwa das berühmte »Churrasco Italiano«, das natürlich auch aus Chile kommt, aber so heißt, weil die roten Tomaten, die grünen Avocados und die weiße Mayonnaise an die italienischen Farben erinnern. Neben der klassischen Variante mit Hüftsteak steht auch eine vegetarische Version auf der Speisekarte. Und danach vielleicht Alfajores, das sind süße Doppelkekse, gefüllt mit Dulce de Leche und verziert mit Kokosstreuseln.

Lalo lebt seit 1975 in Berlin. Zusammen mit seinen Eltern floh er vor der Pinochet-Diktatur und spricht fließend Spanisch. An seinem Stand kommen viele junge Chilenen aus dem »Working-Holiday«-Programm vorbei, aber auch Landsleute aus der älteren Generation, erzählt er. Dann schimpfen wir noch ein bisschen über die neuen Sitzmöbel in der Bergmannstraße und trinken gemütlich einen heißen Kaffee.

facebook.com/elchilenito-berlin

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2019.

Er hat sogar Atatürks Flügel repariert

Seit mehr als 40 Jahren sorgt Kadir Albay für die richtige Stimmung von Tasteninstrumenten

Klavierbaumeister Kadir Albay kümmert sich darum, dass auch dieses Klavier wieder hundert Jahre hält. Foto: ksk

Gleich am Eingang steht ein wunderschönes schwarzes Klavier der Firma Weissbrod aus dem Jahr 1937. »Die Hammerköpfe aus Filz, die Dämpfung, das alles musste komplett erneuert werden«, sagt Kadir Albay, »zu Weihnachten geht es nach Istanbul.« Und er ergänzt: »In den 1930er Jahren wurden die besten Instrumente gebaut.« Die weißen Tasten waren damals noch aus Elfenbein, nicht wie heute aus Kunststoff, die Oberfläche der Flügel aus Schellack und nicht aus Polyester.

Der 79-Jährige führt zusammen mit seinem Sohn Hakan ein Pianohaus in der Zossener Straße 8, kauft und verkauft gebrauchte Klaviere oder Flügel, bringt sie wieder in Ordnung und kümmert sich auch um die richtige Stimmung. In Istanbul hatte er bei einem bekannten Klavierbauer gelernt, der gab ihm den Rat, nach Deutschland zu gehen. Albay arbeitete bei Bechstein und anderen berühmten Firmen. Im Jahr 1977 machte er sich selbstständig, erst mit einem Laden an der Ecke Zossener / Fürbringerstraße, die Monatsmiete lag damals bei 120 Mark, wie er sich erinnert. Dann fünf Jahre lang in den Räumen der heutigen KuK-Redaktion und seit 1993 dort, wo das Geschäft heute ist. »Das ist schon wieder 25 Jahre her«, seufzt er. »Meine Güte, wie die Zeit vergeht!«

Im Keller findet man eine von Kollegen aus ganz Berlin benutzte Spinnmaschine für die Bass-Saiten, im Geschäft Instrumente aller großen Marken. Ein gebrauchter Flügel kostet heutzutage zwischen 3.000 und 30.000 Euro, ein Klavier zwischen 1.200 und 7.000 Euro. Wenn so ein gutes Instrument einmal gründlich überholt wurde, meint Albay, »kann man noch hundert Jahre darauf spielen«.

Der Klavierbaumeister hat viel erlebt und kann viel erzählen. Zum Beispiel die Geschichte des Bechstein-Flügels von Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei. Der war 1932 angeschafft worden, wurde 70 Jahre lang weder gestimmt noch reguliert und musste 2004 für ein Konzert vor dem russischen Präsidenten Wladimir Putin dringend generalüberholt werden. Albay flog dafür extra nach Ankara und war acht Tage beschäftigt. »Das hab’ ich natürlich umsonst gemacht«, sagt er. »Ich hab’ keinen Cent genommen, es war eine Ehre für mich.«

pianoservicealbay.de

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2019.

Unterwegs zum Heiligen Gral

»Oh Madriz« lockt mit Tapas und Schinken aus Eichelmast

Nach zu vielen Cocktails kommt einem manches Gerade ziemlich schräg vor. Foto: ksk

An den Wänden hängen Bilder von spanischen Künstlern wie Ceesepe und Ouka Leele, Stierkampfplakate und der Don Quijote von Pablo Picasso. Das Türkis der Wände spielt auf das Mittelmeer an, eine dekorative Sammlung von High Heels soll Flamenco-Atmosphäre verbreiten.

»Wir haben die Bude komplett renoviert, damit sie unseren Vorstellungen entspricht«, berichtet Bar-Chefin Lisa. Wo vor Jahren der legendäre Pony Saloon in der Dieffenbachstraße mit Plüschsesseln zu Dart und Billard einlud, hat jetzt eine ziemlich schnieke Tapas-Bar eröff net.

Das neue Etablissement heißt »Oh Madriz«, was – wie man auf Nachfrage erfährt – die originale Aussprache der Madrilenen für die spanische Hauptstadt ist. Vorbild ist das unkonventionelle Szeneviertel Malasaña, das mit seiner Kreativität und Originalität an Kreuzberg erinnert. Mobiliar, Spiegel und ein altes Klavier sollen die Stimmung der 1980er Jahre wiedergeben. Lisa hat selbst einige Jahre in Spanien gelebt, Betreiber Miguel Angel Olivera Diaz ist tief in den Handel mit spanischen Gourmetprodukten verstrickt. Dafür gründeten er und Lisa die »Wie Gott GbR«, was schon einen gewissen Ehrgeiz verrät.

Im September öffnete das »Oh Madriz« seine Tore – derzeit ist es täglich außer sonntags ab 18 Uhr offen, bis 22 Uhr kann man die Küche genießen. Auf der Speisekarte stehen mehr als 20 verschiedene Tapas sowie einige Cocas (Flammkuchen); zu trinken gibt es reichlich Cocktails sowie 17 Gin-Tonic-Variationen. Wer zum Beispiel ein »Madriz Plato« bestellt, bekommt eine Auswahl mit scharfer Wurst, Käse, gefüllten Paprikas, All-i-oli und Oliven. Das schmeckt schon mal ausgesprochen lecker.

Absolute Spezialität ist ein spanischer Schinken aus der Extremadura von Schweinen, die nur mit Eicheln gefüttert wurden. Bei den Rotweinen wetteifern Viña Puebla und Heiliger Gral, wer der beste ist – wobei der Gral nach Ansicht unabhängiger Beobachter im Moment wegen der erotisch gestalteten Etiketten deutlich vorne liegt.

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Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2018.

Eine gerechte Welt ohne Armut

Oxfam sucht Ehrenamtliche für neuen Shop

In der Bergmannstraße eröffnet im November ein neuer Oxfam-Shop. Foto: ksk

Derzeit macht das Geschäft noch einen verlassenen Eindruck, nur im Schaufenster hängt schon ein großes grünes Plakat. Das soll sich jetzt bald ändern: In der Bergmannstraße, direkt neben dem Stadtteilausschuss, eröffnet am 24. November ein neuer Oxfam-Shop. Die internationale Hilfsorganisation betreibt in Deutschland bereits 52 solcher Shops, in Berlin wird es neben Schöneberg, Wilmersdorf, Spandau und Prenzlauer Berg nun der siebte sein.

Oxfam wurde 1942 in Großbritannien gegründet, damals mit dem Ziel, die Folgen der deutschen Besatzungspolitik in Griechenland während des Zweiten Weltkriegs zu lindern. Heute schreibt sich die Organisation den Kampf für eine gerechte Welt ohne Armut auf die Fahnen. Dazu wird kurzfristige Nothilfe bei Katastrophen geleistet, es werden längerfristige Projekte und Kampagnen organisiert. Neben staatlichen Geldern und Spenden sind die Shops, in denen Ehrenamtliche gut erhaltene Second-Hand-Sachen verkaufen, eines der Standbeine der Organisation.

In dem Laden in der Bergmannstraße, so Shop-Referent Jonas Lumpe, soll es Kleidung geben, gebrauchte Bücher, Medien und »dies und das«, also Porzellan, Glaswaren und Schmuck. Dringend sucht er aber noch Ehrenamtliche, die Lust haben, möglichst feste Schichten von wöchentlich fünf Stunden zu übernehmen und auch mal samstags zu arbeiten. Der gesamte Shop wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut, nötig sind am Ende etwa 60 Helfer.

»Und die haben wir noch nicht alle«, sagt Lumpe. Aber pessimistisch ist er trotzdem nicht. Ob nun Rentner, die sich ein wenig langweilen, oder Studenten, die Erfahrungen im Einzelhandel sammeln wollen: »Ich merke immer wieder, dass Leute einfach Spaß daran haben.«

Kontakt: Oxfam, Shop-Referent Jonas Lumpe: jlumpe@oxfam.de oder 030 / 453069-223. Am Donnerstag, 4. Oktober, 17:30 Uhr sowie am Freitag, 5. Oktober, 12:00 Uhr finden im neuen Shop, Bergmannstraße 15, Informationsverantaltungen statt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2018.