Ein Schiff wird kommen …

Klaus Stark wartet um Mitternacht am Kreuzberger Landwehrkanal auf die MS »Rudolf Kloos«

Das Belüftungsschiff auf nächtlicher Tour im Urbanhafen … Foto: ksk

Tagsüber war es heiß und auch jetzt hat es noch mehr als 20 Grad. Straßenlaternen malen orange-gelbe Streifen auf das tintenschwarze Wasser. Ein Flaschensammler scheppert aufdringlich mit seinem Einkaufswagen, irgendwo dunkle Bässe einer Coronaparty. Rechts kauert ein Pärchen. »Al­so weißt du, ich meine ja nur, manchmal den­ke ich …«, sagt sie. Er: »Ich verstehe dich schon.« Schweigen.

Kurz vor Mitternacht am Kreuzberger Urbanhafen. Wir warten auf ein Schiff. Ein ganz besonderes Schiff, wie Derk Ehlert von der Senatsverwaltung für Umwelt versichert hat. Es heißt »Rudolf Kloos« und es ist ein Belüftungsschiff.

Um zu verstehen, was es so treibt, muss man ein wenig über Hydrologie reden. Im Vergleich zu Flüssen wie Elbe oder Rhein fließen die Berliner Gewässer sehr langsam. Dies gilt besonders für die Kanäle, wo das Wasser praktisch steht.

So steigt im Sommer die Temperatur im Landwehrkanal schon mal auf 26 Grad. Dann ist der Sauerstoff im Wasser ziemlich knapp. »Wenn dann noch ein Starkregen viel organische Substanz von den Straßen ins Wasser spült, brauchen die Bakterien, die das zersetzen, noch mehr Sauerstoff und da kann es sein, dass es zu wenig für die Fische gibt«, resümiert Fachmann Ehlert.

Damit Plötze, Blei, Zan­der, Hecht und Aal nicht sterben und das Öko­sys­tem komplett aus den Fugen gerät, ist die »Rudolf Kloos« unterwegs und bläst Sauerstoff in die schmutzige Brühe. Von Mai bis September, montags bis freitags, bei Bedarf sogar jede Nacht. Gegen 22 Uhr legt sie im Oberhafen Neukölln ab, dreht ihre Runde durch den Neuköllner Schifffahrtskanal und den Landwehrkanal und ist dann bis 4 Uhr morgens wieder zurück.

Berlin ist die einzige Stadt mit einem Belüftungsschiff. Es wurde für 1,7 Millionen Euro entwickelt, ist seit 1995 im Einsatz und kostet jährlich rund 500 000 Euro. Am Bug nehmen sechs Pumpen Wasser auf, reichern es mit Flüssigsauerstoff an – pro Nacht mit bis zu 1600 Litern – und blasen es am Heck wieder in den Kanal. Nachts auch deshalb, weil da ein Fahrverbot gilt und nichts anderes entgegenkommen kann.

Leider darf niemand mitfahren. Ehlert hat es einmal geschafft: »Da sind viele Maschinen, es ist wenig Platz, man kriegt gar nicht so viel mit. Am tollsten sind die vielen Bläschen im Wasser, die das Schiff hinterlässt.« Und natürlich die Biber am Ufer, die Wasservögel und die vielen Fledermäuse unter den Brückenbogen.

… und tagsüber im Oberhafen Neukölln. Foto: ksk

Jetzt wissen wir eigentlich alles. Und prompt kommt das seltsame Schiff. Ein heller Scheinwerfer, grü­­nes und rotes Licht. Ganz langsam und breit gleitet es heran: überraschend recht­eckig der Bug. Tanks, Sauerstoffflaschen, Rettungsboot, gedämpftes Maschinengeräusch. Und wie versprochen lustige Luftbläschen am Heck!

Gleich hat das Schiff die Baer­wald­brücke passiert. Wie eine Erscheinung verschwindet es allmählich in der dunklen Nacht. Ein einsamer Fahrradfahrer, Polizei tutet über die Brücke. In der Luft hängt noch ein leichter Geruch nach Kanalisation.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Für Kinder und Erwachsene

Panzerartige SUVs haben auf Spielstraßen keine Chance

Temporäre Spielstraße an einem verregneten Sonntagnachmittag am Kreuzberger Chamissoplatz. Foto: ksk

Gerade erst hat es kräftig geregnet. Der lang ersehnte Schauer nach wochenlanger Trockenheit. Das Kopfsteinpflaster auf der Arndtstraße glänzt nass und silbrig. Kein Mensch ist bei dem Wetter unterwegs. Aber stimmt gar nicht: Ganz da vorne steht einsam eine Frau in türkisgrüner Warnweste. Das ist eine Ordnerin für die temporäre Spielstraße.

Spielstraße? Braucht man das, wenn es doch gleich daneben den Spielplatz auf dem Chamissoplatz gibt? »Die Kinder gehen zu den Spielgeräten, die wollen nicht auf der Straße spielen«, moniert eine ältere Frau, die sich an der Absperrung herumdrückt. »Die verstehen das nicht, am Sonntag dürfen sie auf die Straße und unter der Woche nicht.«

Aber dann steht man eine Weile herum und plaudert, die Sonne wagt sich hervor. Alle paar Minuten kommt ein protziger Daimler oder ein hässliches, panzerartiges SUV die Nostitzstraße hochgeschlichen, bleibt eine Weile auffordernd stehen und dreht dann ratlos wieder um.

Irgendwie ist das ziemlich lustig. »Jawohl«, denkt man bei sich, »hier kommst du nicht durch! Hier ist heute Verkehrswende, hast du verstanden, und überhaupt könntest du deine blöde, lächerliche Angeberkarre mal stehen lassen und aufs Fahrrad umsteigen!« Eigentlich ist so eine temporäre Spielstraße doch eine coole Sache.

Inzwischen bevölkern kleine Grüppchen die immer noch sehr breite Straße, mit und ohne Kinder. Sprachfetzen sind zu hören: »Die probieren wenigstens was!« – »Du glaubst gar nicht, wie schnell das aufgebaut wurde!« – »Erst gestern habe ich mit meiner Nachbarin darüber diskutiert!«

Knapp 20 solcher Spielstraßen hat der Bezirk inzwischen mit Unterstützung von Anwohnern eingerichtet. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um die Kinder, denkt man noch, die sind auf den Spielplätzen gut aufgehoben. Viel­leicht geht es viel mehr um die Erwachsenen, die auf einmal miteinander zu reden beginnen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Kreuzberg war immer sein Sehnsuchtsort

Der Maler und Poet Kurt Mühlenhaupt hat nun in der Fidicinstraße 40 ein eigenes Museum

Ein Suchbild: Christina Schulz (li.) und Hannelore Mühlenhaupt (re). Aber ist das wirklich die Arndt- mit Blick auf die Friesenstraße? Und wer ist der kleine Mann links unten mit der roten Zipfelmütze? Fotos: ksk

Erst einmal gibt es ein herzhaftes Frühstück mit frischen Brötchen und leckerem Käse, und Christina Schulz berichtet schon mal ein wenig über den Umzug: »Wir hatten nie ein festes Datum, das hat so vor zwölf, vierzehn Monaten angefangen.« Kiste um Kiste wurde von Bergsdorf in die Fidicinstraße geschleppt. »Wir sind ja in der Regel da, und wenn jemand vorbeikommt, dann schließen wir die Tür auf und kochen Kaffee«, heißt es.

Ein paar Veranstaltungen fanden schon statt. Aber jetzt, Anfang März, geht es ganz offiziell los. Der bekannte Kreuzberger Milieumaler, Bildhauer, Trödler und Poet Kurt Mühlenhaupt ist nach Berlin zurückgekehrt und hat jetzt dort ein eigenes Museum bekommen.

Schulz selbst ist künstlerische Leiterin und so etwas wie die rechte Hand von Hannelore Mühlenhaupt. Zusammen mit Hund »Othello« sitzen sie inmitten all der bunten Bilder, Porträts, Straßenszenen, Stilleben und erzählen Geschichten.

Noch kurz vor der Wende hatten die Mühlenhaupts den urigen Hinterhof erworben. Das Theater Thikwa ist dort untergebracht, das englische Theater, ein Puppenspieltheater – und jetzt eben das neue Kurt-Mühlenhaupt-Museum. »Dreimal wurde der Kurt wegsaniert in Kreuzberg – in der Blücherstraße, am Chamissoplatz und letztendlich auch im Leierkasten«, sagt seine Frau. »Mein Mann hatte ungern jemanden über sich, er hatte viele Visionen und es hat ihn ganz toll gefuchst, dass jemand stärker ist als er und ihn einfach rauswerfen kann.«

Eigentlich sollten die Höfe in der Fidicinstraße schon damals zum neuen Lebensmittelpunkt werden. Aber das hatte seine Tücken: Bald saßen alle möglichen Lebenskünstler und Schluckspechte mit Kurt im Atelier, Hannelore spielte den Zerberus und verbannte allen Alkohol. »Das hat nichts genützt, da gab es morgens um zehn schon das erste Bier.« Schließlich zogen die beiden nach Bergsdorf bei Zehdenick im schönen Brandenburg und erkundeten dort den Osten – wo der Maler 2006 im Alter von 85 Jahren starb.

Hannelore stammt von einem Einödhof, zehn Einwohner, hundert Kühe, aus dem Fränkischen. Sie glaubt, dass dieses West-Ost-Ding eigentlich »ein Stadt-Land-Ding« ist, und kann wunderbare Geschichten aus Bergsdorf erzählen, wie der Ex-LPG-Vorsitzende »mit dem Jeep vorfuhr« und »Uschi und Sandra« beim Kuchen backen halfen.

Aber »das Kurtchen« war eben doch Kreuzberger, wo er die kleinen Leute, die Handwerker, Putzfrauen, Kellner und Straßenkehrer porträtiert hatte. Deshalb wurde der Gutshof nun an Chinesen verkauft, Hannelore stapft jeden Morgen den Kreuzberg hinauf und sagt: »Wir sind ganz glücklich hier. Die Fidicinstraße ist ja auch eine Art Dorf.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der KuK vom Januar 2020: Kurt Mühlenhaupt kehrt nach Kreuzberg zurück

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Geheimnisvoll schimmert das magische Auge

Klaus Stark unternimmt mit dem Kreuzberger Rundfunk- und Fernsehtechnikermeister Horst Dieter Schmahl eine Reise in die Vergangenheit

Horst Dieter und Karin Schmahl. Im Hintergrund drei der berühmten „Philettas“ von Philips; in der Hand von Frau Schmahl ein kleines Philips-Transistorradio aus den 60er Jahren. Foto: ksk

Gleich vorne am Eingang sind die Prunkstücke versammelt. Ein wunderbarer Saba Freudenstadt 8 von 1956/58 – damals fast unerschwinglich. Das edle Gehäuse in dunklem Nussbaum, die handgemachten Tasten erinnern eher an eine Klaviatur, der Lautsprecherstoff ist mit Seidenfäden durchsetzt. Das Modell von Philips direkt daneben besitzt sogar drei Klangregler für Jazz, Orchester und Sprache – je nachdem, welche Taste gedrückt wird, leuchten die entsprechenden hübschen Symbole auf.

Aber die alten Röhrenradios sind nicht nur optisch, sondern auch technisch beeindruckend. Wenn Horst Dieter Schmahl auf den Einschaltknopf drückt, dauert es erst eine Weile. Gemächlich knacken die Röhren – aber dann wird das runde magische Auge über der Skala plötzlich lebendig und fängt in geheimnisvollen Grüntönen zu schimmern an. Aus den Lautsprechern prasseln und pfeifen die Störgeräusche der Mittelwelle.

Auf 750 Kilohertz nahm 1923 unweit des Potsdamer Platzes der erste deutsche Rundfunksender seinen Betrieb auf. Heute sind die meisten Frequenzen tot. Beromünster aus der Schweiz abgeschaltet, Limoges und Nancy aus Frankreich verschwunden, Radio Luxemburg nicht mehr da. In Deutschland schweigen alle öffentlich-rechtlichen Mittelwellensender seit Ende 2015. Aus Kostengründen, wie es hieß. Die Digitalisierung macht keine Gefangenen. »UKW bleibt uns ja hoffentlich bis 2028 erhalten«, sagt Schmahl. »Gegen den Willen der Regierung.«

Viel mehr als nur ein normales Geschäft

Horst Dieter Schmahl und seine Frau Karin betreiben in der Zossener Straße 2 einen Laden namens »Radio-Art«. Zunächst denkt man wenigstens, es sei ein ganz normales Geschäft. Aber nach einer Weile stellt sich heraus, dass es eher ein Museum ist und vielleicht sogar noch viel mehr, nämlich eine Art Terminal für Reisen in die Vergangenheit.

Magisches Auge und Skala eines Imperial 60WK der Stassfurter LIcht- und Kraftwerke AG von 1939/40 mit vielen längst nicht mehr existierenden Sendern. Foto: ksk

Schmahl ist Rundfunk- und Fernsehtechnikermeister. Seine ersten beiden Läden hatte er in Neukölln, in der Sonnenallee. In dem einen verkaufte Ehefrau Karin Schallplatten, in dem anderen befand sich die

Werkstatt mit drei Mitarbeitern. »Aber nach der Wende war der Handel für so ein kleines Geschäft nicht mehr möglich. Große Firmen kamen hierher.« Allerdings wollten immer mehr Kunden alte Geräte repariert bekommen. Der Fachmann witterte eine Nische im zunehmend von Billigprodukten überfluteten Markt.

Im Jahr 1996 hat er in Kreuzberg neu angefangen: »Seitdem läuft das, kann man sagen.« Zuerst verkaufte Schmahl vor allem Röhrenradios oder Fernseher in alten, vom Kunsttischler restaurierten Gehäusen. Inzwischen geht es meistens um Reparaturen. Häufig bringen Kunden Erbstücke vorbei, die der Meister in stundenlanger Kleinarbeit wieder zum Klingen bringt. Besitzen die alten Röhrenradios einen Plattenspieler-Ausgang, kann man daran sogar einen CD-Player oder ein iPhone anschließen.

Die restaurierten Schmuckstücke wandern in alle Welt. Ein Telefunken-Gerät von 1950 landete in Japan, eine Gruppe aus Mexiko erstand einen Volksempfänger und auch nach New York war schon ein 20 Kilo schweres Paket unterwegs. Requisiteure von Film und Theater schauen ebenfalls vorbei.

Statussymbole der Väter, Großväter, Urgroßväter

Ein ausgesprochenes Prunkstück für jedes Wirtschaftswunder-Wohnzimmer: Saba Freudenstadt 8, 1956-58. Foto: ksk

Der Rundfunktechniker lobt die hohe Qualität der oft sehr aufwändig gebauten Geräte: »Der Klang der Röhre in einem Holzgehäuse hat für das Ohr genau die gleiche Hörfrequenz wie die menschliche Stimme.« Mit der sich in den 70er Jahren durchsetzenden Transistortechnik kann er wenig anfangen. Noch weniger mit der digitalen CD: »Das ist wie ein Essen aus einer Chrom-Edelstahlküche: Es fehlt das Verbrannte!«

An der Wand hängen Werbeplakate aus den 50er Jahren, auf dem Plattenteller liegen Scheiben von Tommy Dorsey und Howard Carpendale. Um sie herum die Statussymbole der Väter, Großväter, Urgroßväter aus der Wirtschaftswunderzeit, die hier ein Zuhause gefunden haben – damals genauso geliebt, begehrt und vielleicht sogar mit mehr Hingabe und Sachverstand angefertigt als die heutigen Tablets und Smartphones.

Und plötzlich wird die Geschichte lebendig: Aus diesem Volksempfänger tönte wohl einmal die sich überschlagende Stimme von Joseph Goebbels. Aus jenem Telefunken-Radio im Kalten Krieg live die Botschaft von John F. Kennedy: »Ich bin ein Berliner!«

Natürlich werden auch persönliche Erinnerungen wach. An die goldene Philetta, die in den 60er Jahren erstmals die »Schlager der Woche« mit Beatles und Rolling Stones ins Kinderzimmer brachte. Und an den Grundig Satellit-Weltempfänger im Elternschlafzimmer mit der geheimnisvoll leuchtenden Kurzwellenskala, Radio Schweden, Radio Peking und Radio Canada International. Aber das war dann schon eine ganz andere, neue Zeit.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Wenn Gaia noch schläft

Ninell Oldenburg hat beim Rebschnitt am Fuße des Kreuzbergs geholfen

Rebschnitt am Fuße des KreuzbergsRebschnitt in der Kälte mit Peter (Mitte links) und Timo (Mitte rechts). Foto: no

Es ist Sonntag. Es ist kalt. Es ist nass. Berlin liegt im Bett.

Ich stehe auf, ziehe mir fünf Paar Socken und sechs Schichten obenrum an und fahre zum Kreuzberg. Ich bin verabredet: zum Rebschnitt.

So vielfältig Kreuzberg auch ist, eine der wenigen Sachen, die man neben Sonne im Januar garantiert nicht mit dem Stadtteil verbindet, ist Wein. Und nun stehe ich da wie ein Michelin-Männchen und habe eine Gartenschere, nein, Rebschere in der Hand.

Ich treffe Timo und Peter auf dem Wingert am Kreuzberg. In der vorherigen Einladung zum gemeinsamen Beschneiden der Schwestern und Brüder Rebe wurde freundlich darauf hingewiesen, bitte auf metallische Elemente an den Gartengeräten zu verzichten. Und die Handys, die sollten wir lieber am Eingang lassen. Wir wollen ja die Schwingungen spüren.

Ich weise Timo darauf hin, dass die tolle Reb­schere, die meine Schwester mir hat zukommen lassen, doch irgendwie aus Metall ist. Mir fällt in genau diesem Moment auf, dass Plastik- oder Holzscheren vielleicht gar nicht taugen würden. Timo grinst. Das würden die Reben vielleicht doch noch gerade so verkraften.

Seit den späten 60ern gibt es den »Weinberg«. Timo ist seit gut sieben Jahren, Peter seit drei Jahren dabei. Die Reben stehen bei der Hofgrün GmbH in der Methfesselstraße, und zwar auf einem historisch ziemlich wertvollen Platz. In dem Haus, das dort stand, bevor es zerbombt wurde, setzte Konrad Zuse seinerzeit den ersten laufenden programmierbaren Computer, den Z3, zusammen.

Doch zur Sache. Die Rebscheren sind am Platz, scharf und bereit zum Einsatz. »Dann gehen wir mal runter und fragen die Reben, wie sie es denn gerne haben wollen«, grinst Peter. Mit mir zusammen helfen noch zwei weitere Menschen. Einer von ihnen ist Victor, der Azubi in der Weinhandlung »Wein & Vinos« in der Mittenwalder Straße. Der soll jetzt auch mal lernen, was eigentlich vor dem Verkauf so passiert.

Und wir lernen: zwei Triebe lässt man stehen. Einen links, einen rechts. Die Verzweigung zu dem Trieb soll möglichst nah am Kopf sein. Also nah an dem Teil, wo die Triebe vom Stamm abtreiben. Die Augen, das sind die dicken Knubbel, die in regelmäßigen Abständen am Zweig sind, lassen wir mit ein bisschen Abstand stehen. Da treiben dann »im Frühjahr, wenn Gaia erwacht« die neuen Triebe aus und die Reben können »den Strom des Lebens in ihre Zweige lenken«. Vertrocknete Spitzen werden abgeschnitten, das versteht sich von selbst.

Nach zwei Stunden meditierender Arbeit im Wingert sagt das erste Mal wieder jemand etwas. Es ist Timo. »Pause! Kosten!« Der Spätburgunder aus den Jahren 15/16: Kalt und lecker. Natürlich gehöre das Weintrinken auch dazu. So passiere es ja überhaupt erstmal, dass man dazu kommt: »Drogen konsumieren, Drogen verkaufen, Drogen anbauen.« Erwerben kann man dann eine der 700-800 halben Flaschen Weiß- und 200 halben Flaschen Rotwein bei der Abteilung für Wirtschaftsförderung beim Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg.

Als es dunkel wird, stellen wir die Arbeit ein. Ich bin mittlerweile erkältet und zu Eis erstarrt. Und trotzdem habe ich mich lange nicht mehr so gesund gefühlt. Irgendwie gereinigt, geordnet und durchmeditiert. Gaia hat vielleicht doch ihre Spuren hinterlassen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Engagement fast bis zum Umfallen

Der Möckernkiez e.V. kümmert sich um Kultur, sozialen Zusammenhalt und mischt sich ein

Im Möckernkiez e.V. aktiv: Eva Zimmermann, Meike von Appen, Anja Koeller, Thomas Fues (v.li.). Foto: ksk

An der Wand hängen ganz viele Zettel. Da steht mit buntem Filzstift geschrieben: »AG Mobilität«, »AG Barrierefreiheit«, »AG Kommunikation« und »AG Grüner Daumen«. Wer im Netz den Terminkalender des Möckernkiez e.V. studiert, gewinnt vollends den Eindruck, es handle sich um eine ausgewachsene Volkshochschule.

Anderswo leben Menschen häufig nebeneinander her und wissen kaum voneinander. Im Möckernkiez soll das anders sein. »Ich bin hergezogen mit dem Gedanken: Hier kann man sich engagieren, bis man tot umfällt. Hier gibt es soziale Treffpunkte«, sagt Meike von Appen von der AG Kultur.

Heute Vormittag zum Beispiel einen Kurs zum »Sicheren Umgang mit dem Smartphone«. Danach tagt die Öko AG zum Dragonerareal, später ist »Yoga am Mittag« angesagt. Am Nachmittag Kindercafé, Malgruppe und noch ein Hausgruppentreffen.

Die 471 Wohnungen im Möckernkiez gehören alle einer Genossenschaft. Vor einigen Jahren geriet das ehrgeizige Projekt wegen Geldproblemen in die Schlagzeilen. Doch inzwischen sind alle Wohnungen bezogen und es ist Ruhe eingekehrt.

Gewiss, die Mieten liegen nicht eben niedrig. Andererseits muss niemand fürchten, von Spekulanten herausgeklagt zu werden. Es ist ein ökologisches und vor allem ein soziales Modellprojekt. Besonders wichtig sind die Gemeinschaftsräume – der schöne »Multifunktionsraum«, die Werkstatt, der Cafébereich »Möca«.

Dort treffen sich Arbeitsgruppen, dort wird der 14-tägige Newsletter erstellt, dort tagen die Hausgruppen. Heute zie­hen Eva Zimmermann, Meike von Appen, Anja Koeller und Thomas Fues vom Moeckernkiez e.V. dort eine Bilanz.

Treffpunkt Möca. Foto: ksk

Tatsächlich ist der Verein sogar älter als die Genossenschaft selbst und so etwas wie ihre Keimzelle gewesen. Aber mit den vielen Angeboten richtig in Fahrt gekommen ist er erst jetzt. Ein Jahr lang haben die Aktiven Erfahrungen gesammelt. Jetzt wollen sie »noch mehr nach außen gehen«, sagen sie, »und klarmachen, dass Menschen aus der Umgebung auch eingeladen sind«.

Denn der Verein betreibt nicht nur Nabelschau, sondern mischt sich ein. Zu einem Vortrag des Verbands der Wohnungsunternehmen kamen mehr als 100 Zuhörer. Spitzenpolitiker von Linken und Grünen sprachen vor, und weil der Möckernkiez eine »Genossenschaft von unten« ist, so Thomas Fues, gehen Mitglieder auch mal demonstrieren, wenn es gegen hohe Mieten geht.

Im Möckernkiez ist mächtig viel los. Von Appen erinnert an den Vortrag eines Bestatters: »Nachher konnte ich mit meiner 98-jährigen Mutter über das Thema sprechen.« Eva Zimmermann stellt Fotos aus und hat einen eigenen Film mit dem Titel »Zeitzeugen« gezeigt.

Jetzt muss sich das reiche kulturelle und soziale Leben hinter der eher abschreckend wirkenden Front an der Yorckstraße nur noch mehr herumsprechen. Zimmermann hat schon Leute getroffen, die sagten: »Dass hinter diesem Block da Menschen wohnen – da wäre ich nie drauf gekommen.«

Hier der aktuelle Veranstaltungskalender des Möckernkiez e.V.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Die meisten Brunnen sind kaputt

Mitten in der Jahrhunderthitze macht Kiez und Kneipe den großen Schwengelpumpentest

Seltene Glücksmomente für Bienenschützer und die Freunde von Straßenbäumen: Das Wasser fließt! Hier an der Ecke Schleiermacher- / Blücherstraße. Foto: ksk

Unauffällig stehen sie am Gehsteigrand. Wer nicht bewusst auf sie achtet, sieht sie oft gar nicht. Wahre Kunstwerke sind darunter, zum Beispiel die alten Lauchhammerpumpen aus dem 19. Jahrhundert mit dem Fischkopf, dem Drachenkopf oder dem Pelikan. Berlin hat einen großen Schatz: Es sind an die 2000 von der öffentlichen Wasserversorgung unabhängige Straßenbrunnen.

Die Idee mit den Pumpen geht auf den Großen Kurfürsten zurück, der 1666 »für Berlin und Cölln die Ordnung feststellte, welche bei der Benutzung und Unterhaltung der öffentlichen Straßenbrunnen beobachtet werden sollte«, wie der Historiker Ernst Fidicin später berichtete. Heute existieren in Kreuzberg noch rund 100 und in Friedrichshain knapp 50 davon.

Sie heißen im Volksmund »Plumpe«, liefern nur Brauchwasser und dienen in Zeiten, in denen das Trinkwasser auf Knopfdruck sprudelt, als eine Art Notwasserversorgung für Krisenfälle. Etwa die Hälfte gehört dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die andere dem Land.

Natürlich können Kinder an so einer Pumpe auch wunderbar herumplanschen. Und sie könnten die Geheimwaffe gegen trockene Sommer, gegen dürstende Straßenbäume und dahinwelkende Wildblumen sein. Wenn, ja wenn die wunderbaren Pumpen nur funktionieren würden. Denn das tun sie häufig nicht.

Mitten in der Jahrhunderthitze hat die KuKden großen Plumpentest gemacht. Im engeren Verbreitungsgebiet existieren laut Plan 34 solcher Pumpen. Zwei davon wurden ohnehin entfernt. Von den übrigen 32 Straßenbrunnen spenden lediglich elf frisches Wasser. Die restlichen 21 sind versiegt.

Wie Pumpe Nummer 4 am Marheinekeplatz. »Die ist schon lange kaputt«, klagt eine Frau, die auf dem Flohmarkt einen Stand mit Playmobilfiguren betreibt. »Wenn Touristen kommen, sag ich immer: Pass auf, sonst fällt dir der Schwengel noch auf den Kopf!« Nummer 52 am Chamissoplatz war ein Jahr lang tot, jetzt geht sie wieder. »Aber die ist so schwergängig, dass ich immer Leute zum Helfen brauche«, beschwert sich eine Frau, die dort Blumen einpflanzt.

Der Pumpentyp »Lauchhammer I« von 1895 mit dem berühmten Fischmaul. Hier vor der Nostitzstraße 49. Foto: ksk

Laut Bezirksamt kostet die Reparatur einer Pumpe nur zwischen 2000 und 10 000 Euro. Warum werden sie nicht flächendeckend alle wieder in Gang gebracht? Vor allem der Bund lässt sich damit Zeit. Tatsächlich haben beim KuK-Test von den 18 Landesbrunnen im Kiez immerhin acht, von den 14 Bundesbrunnen aber nur drei funktioniert.

Es sei in den letzten Jahren ein »erheblicher Investitionsstau« entstanden, gibt das Bonner Bundesamt für Bevölkerungsschutz zu. Gegen das Wässern von Straßenbäumen hat man dort nichts einzuwenden. Allerdings bestehe kein Anspruch auf eine »irgendwie geartete Lieferleistung«.

Derweil hat der Bezirk wieder alle Bürger dazu aufgerufen, angesichts der herrschenden Trockenheit bei der Rettung der Straßenbäume mitzuhelfen. »Jeder Liter zählt«, so Stadtrat Florian Schmidt. Zwei bis drei Eimer pro Baum und Tag sollten es mindestens sein. Woher das Wasser kommen soll, erklärt er nicht. Notfalls eben von der Rentnerin aus dem fünften Stock.

Letzten Sommer wurde noch eine Karte der Schwengelpumpen publiziert. Traut man sich offenbar gar nicht mehr. Hülfe auch wenig genug – die meisten sind ohnehin außer Betrieb.

 

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2019.

Der große Frust am Snooker-Tisch

Die KuK-Redaktion verschwendet ihre wertvolle Freizeit beim Spiel mit bunten Bällen

Snooker-Spielen will gelernt sein – insbesondere wenn Mitredakteure kritisch dabei zuschauen. Foto: ksk

Es fühlt sich an wie das Meer. Gut, da sind keine Wellen und es ist auch nicht blau, sondern grasgrün, aber der Tisch ist mindestens genau so groß. Am anderen Ufer sind vage die Umrisse eines roten Balls zu erkennen. Den muss man jetzt mit dem anderen, dem weißen Ball, treffen, und am Ende läuft es natürlich gerade so wie befürchtet: Der Stoß geht daneben, und man ist schon froh, die Weiße nicht verfehlt zu haben.

Das ist Snooker.

Snooker ist eigentlich mein Lieblingssport. Es fühlt sich wunderbar an, im warmen Sessel zu sitzen, eine Tüte Chips auf den Knien, und Ronnie O’Sullivan beim Potten zuzusehen. Am Anfang wirkt das Spiel ein wenig langweilig, und tatsächlich hat es fast ein Jahr gedauert, bis ich mir die Reihenfolge merken konnte, in der die bunten Bälle in ihre Löcher plumpsen müssen.

Aber langsam offenbaren sich die Feinheiten. Wie raffiniert ist das denn, den Gegner so zu blockieren, dass er keine Kugel mehr anspielen kann! Ich begriff, dass es vor allem auf die Ablage ankommt, auf den nächsten und den übernächsten Stoß! Schon ist man Fan, und so wie sich andere über Dortmund, Hertha oder den VfB ereifern, streitet man plötzlich über Ronnie »The Rocket« und John Higgins. Was für ein geniales Spiel!

Soweit die Theorie.

Dann steht der Autor plötzlich im Ballhaus in der Bergmannstraße am Snookertisch, der mit seinen 3,56 mal 1,78 Metern wirklich gewaltig ist, und versteht die Welt nicht mehr. Eben noch fühlte er sich als erwachsener Mann, der elegant rückwärts einparken kann, wahrscheinlich mit Leichtigkeit einen Bagger, vielleicht sogar ein Überschallflugzeug lenken könnte – aber die dämlichen Bälle weigern sich beharrlich, in den Löchern zu verschwinden, in die sie gehören.

Vielleicht fehlt es an der richtigen Haltung? Also Beine auseinander, Oberkörper nach unten, Kinn aufs Queue. »Du weißt schon, dass du Rücken hast?«, lässt sich der Rücken vernehmen. Und die Gleitsichtbrille, die auf die Nasenspitze rutscht, ist auch nicht wirklich amüsiert.

Ab und zu ein scheuer Seitenblick zu den KollegInnen. Glücklicherweise scheinen die vor allem mit ihrem eigenen Unglück beschäftigt und kriegen gar nicht mit, was man für ein Loser ist. Keine Frage: Das Queue in der rechten Hand fühlt sich ganz cool an. Es kommt auch gut, mit nachdenklicher Miene einmal rund um den Tisch zu spazieren, als ob man über komplizierte Stellungen brüten würde. Nur wäre es eben auch ganz schön, wenn das mit dem Einlochen besser klappen würde.

Nach viereinhalb Stunden haben alle fürs Erste genug. Im Laufe des Abends habe sie Fortschritte wahrgenommen, freut sich die Kollegin – »von abgrundtief schlecht zu ganz normal schlecht«. Ein Mit-Redakteur war beeindruckt »von der schieren Größe des Sportgeräts«. Ein zweiter ist frustriert. Er spiele lieber am Computer, sagt er: »Dort klappt es schon ziemlich gut.«

Auch der Autor zieht sich nach ein paar Bierchen an den heimischen Bildschirm zurück. Chips und Gummibärchen halt. Um sich dann das Maximum Break von Ronnie O’Sullivan von 1997 in fünf Minuten, 20 Sekunden reinzuziehen. Meine Fresse, ist das ein geniales Spiel!

Ballhaus, Bergmannstraße 102: Mo-Sa ab 17 Uhr, So ab 15 Uhr. Wer Pool lernen will, kann im Ballhaus auch Unterricht bekommen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2019.

Die KuK-Drucker

Wie kommt die Kiez und Kneipe eigentlich auf Papier? Wir waren zu Besuch bei unserer Druckerei KOMAG

Drucker Uli Sattler beim Einspannen der Druckplatte. Trotz Schnellspannvorrichtung ist die Benutzung eines Schraubenschlüssels obligatorisch.

Foto: rspDrucker Uli Sattler beim Einspannen der Druckplatte. Trotz Schnellspannvorrichtung ist die Benutzung eines Schraubenschlüssels obligatorisch. Foto: rsp

Es ist nicht wenig Arbeit, eine Zeitung wie die Kiez und Kneipe zu machen. Artikel müssen recherchiert und geschrieben werden, Fotos müssen gemacht werden, Anzeigen müssen akquiriert werden, und dann muss die ganze Angelegenheit auch noch umbrochen, also in eine Form gegossen werden, die nach Zeitung aussieht. Doch wenn sich die Redaktion nach einem erfolgreichen Umbruchwochenende erschöpft zurücklehnt, geht die Arbeit für andere Akteure erst richtig los. Denn was wäre eine Zeitung ohne die Druckerei?

Seit der ersten Ausgabe wird die KuK bei der »Kommunikations- und Marketingagentur GmbH«, kurz KOMAG, in der Schlesischen Straße gedruckt. Der kleine Kreuzberger Betrieb ist seit 1995 im Geschäft und eigentlich auf das Komplettprogramm von Satz, Layout und Druck spezialisiert. Doch auch der Druck alleine ist aufwendig genug.

Schwer reißend vom Spachtel zieht sich die ölige Druckfarbe. Ein Pfund reicht für 3000 Zeitungen.

Foto: piSchwer reißend vom Spachtel zieht sich die ölige Druckfarbe. Ein Pfund reicht für 3000 Zeitungen. Foto: pi

Aber der Reihe nach: Wenn die fleißigen Redakteure die Zeitung fertiggestellt haben, laden sie die Druckdatei auf den Server von KOMAG hoch. Früher wurden dort direkt vor Ort Filme hergestellt, von denen die Druckplatten belichtet wurden. Inzwischen bedient man sich eines externen Dienstleisters, der die nicht einmal einen Millimeter starken Metallbleche direkt und ohne Umweg aus der Datei erzeugt.

Gedruckt wird die KuK im Bogenoffset-Druckverfahren. Dazu verfügt die Druckplatte über eine spezielle Beschichtung, die die Eigenschaft hat, dass die aufgetragene Druckfarbe nur an bestimmten Stellen haftet, denjenigen Stellen nämlich, an denen später Buchstaben auf dem Papier landen sollen. Mit dieser Druckplatte, die um eine Walze herum eingespannt ist, wird nicht direkt auf Papier gedruckt, sondern zunächst auf eine Gummiwalze, die die Farbe aufnimmt und wiederum an das Papier abgibt. Im Unterschied zum Rollenoffset, der bei »großen« Zeitungen Verwendung findet, wird nicht auf Papier von der Rolle, sondern auf Einzelblätter gedruckt. Das Einzelblatt hat allerdings DIN-A2-Format und entspricht 8 Seiten Kiez und Kneipe.

Bei KOMAG stehen gleich zwei Druckmaschinen für Offsetdruck, die zwar kleiner als ihre großen Kollegen bei Axel Springer und Co sind, daheim in der guten Stube aber trotzdem arg im Weg wären.

Doch bevor gedruckt werden kann, muss einerseits Farbe in die Maschine – für die Monatsauflage einer KuK wird etwa ein Pfund der öligen Masse gebraucht – und andererseits Wasser, mit dem die Druckplatte benetzt wird, um den beschriebenen Adhäsionseffekt auf der Druckplatte zu erzeugen. Zwar kommt das Wasser aus der KOMAGschen Teeküche, doch bevor es in die Maschine darf, muss sein pH-Wert – und damit die Oberflächenspannung – durch einen speziellen Feuchtwasserzusatz gesenkt werden.

Neugierige Redakteure mit KOMAG-Chef Stefan Kriebel

Foto: piNeugierige Redakteure mit KOMAG-Chef Stefan Kriebel Foto: pi

Außerdem braucht man natürlich Papier. Etwa 80 cm hoch ist der Stapel, den Drucker Uli Sattler einmal pro Monat von Hand in die Druckmaschine einlegen muss. Das wuchtige Gerät, eine »Heidelberg« aus den 90ern, verfügt über einen sogenannten Schuppenanleger: Um die Geschwindigkeit zu erhöhen, wird das Papier den Druckwalzen nicht Blatt für Blatt, sondern überlappend zugeführt. Damit es nicht zu Papierstau kommt und auch nicht etwa zwei Bögen auf einmal eingezogen werden – das würde zu weißen Seiten in der Zeitung führen – gibt es eine komplizierte Vorrichtung aus Luftdüsen, Lichtschranken und Rädchen, die die Druckwalzen im Fehlerfall sofort stoppen.

Wenn‘s dann endlich losgeht, landen die ersten paar dutzend Exemplare erst einmal als Makulatur im Müll, weil sich die Farbe noch nicht optimal im Druckwerk verteilt hat.

Prinzipbedingt wird der Bogen zunächst nur einseitig bedruckt, was bedeutet, dass der ganze Stapel erneut – mit der Rückseite nach oben – auf den Einzugsstapel gewuchtet werden muss. Zuvor muss Uli Sattler aber erst die Druckplatte wechseln, was trotz Schnellspannvorrichtung eine Angelegenheit ist, die etliche Handgriffe und einen Schraubenschlüssel erfordert. Außerdem muss nach jedem Druckvorgang die Gummituchwalze, die die Farbe aufs Papier aufträgt, gereinigt werden. Die dafür erforderliche Chemie ist zwar heutzutage einigermaßen umweltfreundlich, beschert Druckereien wie KOMAG aber trotzdem regelmäßige Kontrollen durchs Umweltamt.

Bei 20 Seiten KuK wiederholt sich dieser Vorgang sechs Mal. Alles in allem dauert das Ganze vier bis fünf Stunden.

Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Fehlen nur noch der Druck der Rückseite, Beschnitt, Heftung, Vertrieb...

Foto: piEntscheidend ist, was hinten rauskommt. Fehlen nur noch der Druck der Rückseite, Beschnitt, Heftung, Vertrieb... Foto: pi

Sind schließlich die drei Stapel Kiez-und-Kneipe-Bögen gedruckt, dann ist die Zeitung natürlich trotzdem noch nicht fertig. Denn bevor Du, lieber Leser, das Endprodukt in die Hände bekommst, müssen die Seiten noch geschnitten und geheftet werden. Das erledigt allerdings auch nicht KOMAG selbst, sondern ein externer Buchbinder.

Wie der das macht, das ist eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll – genauso, wie die rätselhaften redaktionellen Ereignisse, in deren Verlauf die Druckdatei zustande kommt.

Robert S. Plaul

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2009.