Linke empört über »Selbstbedienungsmentalität«

Sibylle Schmidt kehrt überraschend als neue Vorsitzende in die AfD-Fraktion zurück

Die AfD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ist wieder komplett. Erst Ende September war sie ausgetreten, seit 31. Oktober ist Sibylle Schmidt jetzt wieder Mitglied der Fraktion. Gleichzeitig wurde sie zur neuen Vorsitzenden gewählt. Die Linke vermutet einen Zusammenhang mit der höheren Entschädigung, welche die Verordneten ab Januar erhalten, und spricht von »Selbstbedienungsmentalität«. Fraktionschef Oliver Nöll will den Vorgang vom Rechtsamt des Bezirks überprüfen lassen.

Im Kreuzberger Rathaus in der Yorckstraße hat die AfD jetzt wieder Fraktionsstärke. Foto: ksk

Sibylle Schmidt galt immer schon als bunter Vogel in der sonst eher biederen dreiköpfigen AfD-Fraktion im Kreuzberger Kommunalparlament. Immerhin machte sie sich in Kreuzberg früher als Sponti-Akteurin der linken Subkultur einen Namen und führte einen so illustren Titel wie »Männerbeauftragte« der Spaßpartei »Patriotische Demokraten / Realistisches Zentrum« (KPD/RZ). Nach mehr als einem Jahrzehnt bei der SPD sitzt sie seit September 2016 nun als parteilose Verordnete für die AfD in der Kreuzberger BVV.

Zu ihrem Austritt Ende September sagte sie gegenüber dem »Tagesspiegel«, sie sei als Kassenprüferin nicht mit den Ausgaben und Verteilung von Geldern der Bezirks-AfD einverstanden. Die Personal- und Fraktionsarbeit laufe nicht so, wie sie sich das vorstelle. Mit ihr verlor die AfD ihren Fraktionsstatus und war nur noch eine Gruppe. Das bedeutet weniger Geld, kein Stimmrecht in den Ausschüssen und kein Recht auf einen eigenen Raum – also eine ganze Reihe handfester Nachteile.

Gestern dann die große Überraschung: Am 31. Oktober kehrte Schmidt zu ihren Kameraden zurück, die damit wieder eine eigene Fraktion bilden können. »Die drei Mitglieder der BVV, die auf dem Wahlvorschlag ›Alternative für Deutschland‹ gewählt wurden, haben wieder zueinander gefunden und bilden ab heute die Fraktion der AfD«, heißt es in einer Mitteilung des BVV-Büros. Die zweite Überraschung: Der bisherige Vorsitzende Christof Meuren wird von Sibylle Schmidt, die bis September nur Stellvertreterin war, als neuer Fraktionschefin abgelöst. Die Fraktion der Linken in der BVV vermutet jetzt einen Zusammenhang mit der höheren Aufwandsentschädigung, welche die Verordneten ab 2020 erhalten.

Im Herbst hatte das Berliner Abgeordnetenhaus seine Diäten nämlich deutlich erhöht. Bezirksverordnete sind im Prinzip ehrenamtlich tätig, bekommen aber eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 15 Prozent einer Abgeordnetendiät. Das bedeutet, dass auch ihre Entschädigungen ab 1. Januar stark steigen. So erhält ein einfacher Bezirksverordneter bisher 590 Euro pro Monat, künftig aber 937 Euro (zusätzlich gibt es noch Sitzungsgelder und eine Fahrgeldentschädigung). Der Vorsitzende einer Fraktion bekommt doppelt so viel – also bisher 1180 Euro, künftig 1874 Euro pro Monat. Die Verwandlung einer einfachen Verordneten im Jahr 2019 zur Fraktionsvorsitzenden im Jahr 2020 bedeutet in harten Zahlen also einen Sprung von monatlich 590 Euro auf 1874 Euro.

Witzigerweise hatte ausgerechnet die AfD im Abgeordnetenhaus gegen die Diätenerhöhung votiert, von der Schmidt jetzt indirekt profitiert. Laut »Tagesspiegel« sprach der parlamentarische Geschäftsführer Frank-Christian Hansel damals von einem »egoistischen Alleingang« der Altparteien und einem »faulen Kompromiss auf Kosten der Steuerzahler«.

Die Linken in der Kreuzberger BVV werfen der AfD-Fraktion nun ihrerseits eine »Selbstbedienungsmentalität« vor. Vor allem die kurze Zeitspanne, die zwischen dem Austritt von Schmidt, ihrem Wiedereintritt und der gleichzeitigen Wahl zur Fraktionsvorsitzenden liegt, sorgt für Empörung. »Unabhängig von der politischen Ausrichtung der AfD, die wir natürlich ablehnen«, sagt Linken-Fraktionschef Oliver Nöll, »halten wir das für einen bemerkenswerten Vorgang, weil sich hier der Eindruck aufdrängt, dass man jemanden quasi in die Fraktion zurückgekauft hat.« Die Links-Fraktion habe sich am Freitag entschieden, diesen Vorgang durch das Rechtsamt des Bezirks überprüfen zu lassen.

Am frühen Abend gelang es der KuK endlich, Sibylle Schmidt persönlich ans Telefon zu bekommen. »Es gab Differenzen, die Kollegen sind nicht so kämpferisch wie ich«, erklärt sie ihren Rückzug im September. Konkret sei es dabei darum gegangen, die Fraktionsgelder produktiver einzusetzen. »Dann hab ich verhandelt, schließlich bin ich Betriebswirtin, und gesagt: Wenn wir wieder zusammengehen wollen, bin ich die Chefin!« Dieser Plan hat offenbar funktioniert. Dass sich der neue Status für sie auch finanziell rentiert, war ihr dabei nach eigenen Angaben gar nicht klar. Aber als die KuK die einschlägigen Zahlen vorrechnet, hat die frühere Sponti-Frau auch nichts dagegen einzuwenden. »Ist ja geil«, sagt sie. »Das passt. Ich find’s natürlich fantastisch!«

Nach den Parklets jetzt Stonelets

In der Bergmannstraße häufen sich die Steine des Anstoßes

Wo noch vor Kurzem ein hässliches Parklet war, liegen jetzt drei schöne Findlinge. Foto: ksk

Die Bergmannstraße besitzt eine neue Attraktion: Wo bis vor kurzem grell-orange Parklets zum Verweilen einluden, blockieren jetzt große Findlinge den Straßenraum. Und sorgen für erregte Diskussionen: Einige Anwohner wirkten am Wochenende eher ratlos, ein Tourist lobte »die Gelegenheit, über den Tellerrand zu blicken« und stieg prompt auf einen Felsen. Besonders weit sieht man von da aus allerdings nicht.

Hintergrund der Aktion ist der anhaltende Streit um die Begegnungszone. Nachdem die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) immer wieder gefordert hatte, dass die umstrittenen Sitzmöbel verschwinden, hat deren Abbau inzwischen begonnen. Eingelagert werden sie laut Baustadtrat Florian Schmidt vorläufig in der Yorckstraße und am Viktoriapark. Auch die allmählich verblassenden grünen Punkte werden komplett entfernt – allerdings war der Auftrag dazu vergangene Woche noch nicht ausgelöst.

Unklar blieb bisher, was an Stelle der Parklets kommen soll. In der BVV sagte Schmidt, dies müsse von den Bezirksverordneten noch beraten werden. Ein dort kurzfristig von Grünen und Linken eingereichter Antrag, Fahrradbügel, Blumenkübel, Hochbeete oder Tiny Houses zu installieren, wurde zunächst vertagt.

Jetzt hat Schmidt selbst ein deutliches Zeichen gesetzt: Die Findlinge, die im Sommer schon einmal an der Marheineke-Markthalle zum Einsatz kamen, sollen zusätzlich zu den üblichen Baustellen-Absperrungen die Flächen sichern. »#kreuzberg-rocks sind zurück in der #Bergmannstraße«, twitterte Schmidt dazu. »Parklet-Flächen werden zu #stonelets und sichern Freiräume gegen Falschparken, bis Nutzungen definiert sind.«

Die politischen Gegner reagieren genervt bis empört. »Weiß nicht, was der @f_schmidt_BB genommen hat. Das ist keine Politik, sondern Wild-West-Manier«, twitterte Sven Kohlmeier von der SPD. Für die CDU verlangte Kurt Wansner, dem Baustadtrat die Verantwortung für die Begegnungszone zu entziehen.

Vier Varianten, die sich widersprechen

Felix Weisbrich vom Straßen- und Grünflächenamt beim »Real-Labor« in der Bergmannstraße. Foto: ksk

Während die Findlinge in der Bergmannstraße für neue Aufregung sorgen, ist die Bürgerbeteiligung zur Begegnungszone mittlerweile fast an ihr Ende gelangt. Nach dem großen Workshop Ende Mai im Columbiatheater fanden Mitte August zwei geschlossene »Bürgerwerkstätten« mit zusammen rund 100 Teilnehmern statt.

Deren Ergebnisse wurden im September auf Schautafeln in der Bergmannstraße präsentiert und am 20. September bei einem »Real-Labor« ausführlich vorgestellt. Es entstanden vier, sich teilweise widersprechende Varianten:

  • Teilung in zwei Einbahnstraßen; zwischen Friesen- und Schenkendorfstraße autofrei.
  • Fahrradachse mit Fußgängerzone zwischen Zossener Straße und Gesundheitszentrum.
  • Vorrang für Fußgänger, Begrünung, keine Radwege, Aufteilung in drei Bereiche mit teilweise Autoverkehr.
  • Komplett autofrei, Begrünung, Radschnellverkehr wird in die Gneisenaustraße verlegt.

Laut Baustadtrat Florian Schmidt lässt das bisherige Verfahren einen »einhelligen Trend zur dauerhaften Umgestaltung mit weitestgehender Herausnahme des motorisierten Individualverkehrs« erkennen.

Anfang 2020 soll es noch eine Abschlussver-anstaltung geben, dann müssen sich Bezirksamt und BVV irgendwann im Frühjahr zu einer tragfähigen Lösung zusammenraufen.

Kommentar: Willkommen im Kindergarten

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Willkommen im Kindergarten

Man wird den Verdacht nicht ganz los, dass Baustadtrat Florian Schmidt ein schlechter Verlierer ist. Da nimmt ihm das böse Bezirksparlament seine geliebten Parklets weg. Als Antwort spielt er erst auf Zeit, dann setzt er mit ein paar Felsbrocken ein deutliches Signal, wer in der Bergmannstraße das letzte Wort bzw. das Sagen hat. Das mag man lustig finden oder albern, aber eigentlich ähnelt es eher dem Verhalten von kleinen Jungs, die darüber streiten, wessen Ding nun länger und dicker ist.

Die wahren Herausforderungen der Begegnungszone liegen, vorsichtig ausgedrückt, anderswo. Zum Beispiel deutet sich in den vier erarbeiteten Varianten ein ernsthafter Konflikt zwischen Fußgängern und Radfahrern an. Ist der Autoverkehr einmal eingedämmt, wird schon die Fahrradachse, auf der es auch »Durchgangsverkehr« gibt, eine »Begegnung« stören. Die Autos mögen vor Ort ein großes Problem sein, aber sie sind bei weitem nicht das einzige.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Hausbesetzer im Gegenlicht

Klaus Stark betrachtet Bilder des verstorbenen Fotografen Wolfgang Krolow

Die Fotos lassen einen nicht mehr los. Das müde Gesicht einer alten Frau, das aus dem Fenster einer Jugendstilfassade blickt. Neben ihr blättert der Putz und man erkennt noch Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg. Oder ein riesiger Platz mit Kopfsteinpflaster, darauf sehr allein und verletzlich eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn.

Viele Punks mit Irokesenfrisur, das war ja die Zeit damals. Und Hausbesetzer natürlich: »Wir sind die Terroristen und grüßen die Touristen. Aber hallo!« steht auf einem Transparent. Davor eine Gruppe Kinder mit Migrationshintergrund, wie man heute sagen würde, die lustig in die Kamera winkt.

Es sind Fotografien aus dem Kreuzberg der 70er und 80er Jahre, sie sind alle in klassischem Schwarz-Weiß und Wolfgang Krolow hat sie gemacht. Die Mauer steht noch, West-Berlin ist eine Insel, und in Kreuzberg treffen links-alternative Lebensentwürfe, die gegen das »Schweinesystem« mobil machen, auf deutsche Rentner und türkische und arabische Immigranten der ersten Generation. Krolow hat diese Welt, die längst nicht mehr existiert, mit scharfem Auge und großem Einfühlungsvermögen porträtiert.

Auf seinen Fotos ist viel Raum für Menschen und ihre Gefühle – für Hoffnung und Trauer, Freude und Einsamkeit. Auf das chaotische, schier unbeherrschbare Leben um ihn herum antwortet der Fotograf mit strengen Formen, harten Kontrasten und einem sorgsam komponierten Bildaufbau. So gelingen ihm wahre Kunstwerke. Da humpelt ein Rentner mit Stock eine Mauer entlang. Krolow fotografiert ihn von hinten im Gegenlicht mit langen Schatten – und im Gegensatz der gebeugten Haltung des Mannes zum regelmäßigen, mitleidslosen Muster der Mauer hinter ihm spiegelt sich ein ganzes Leben. Und eine Welt.

Krolow selbst wurde 1950 im Pfälzer Wald geboren. Wie manch anderer verzichtete er auf Abitur und Bundeswehr und brach stattdessen 1968 in Richtung Indien auf. Nach einer kurzen Episode in Mannheim kam er 1970 nach Berlin, jobbte als Verputzer und Lagerarbeiter und studierte ab 1975 an der Hochschule der Künste Visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Fotografie und Grafikdesign.

Zwei Jahre später zog Krolow an den Chamissoplatz und jetzt wurde Kreuzberg zum beherrschenden Thema. Er arbeitete als freier Mitarbeiter für Zeitungen und Verlage. 1979 erschien sein erster Bildband: »Kinder in Kreuzberg«. Es folgten das »Instandbesetzer Bilderbuch«, »Seiltänze« mit Texten von Peter-Paul Zahl, weitere Bildbände und viele Ausstellungen. Später unternahm Krolow Fotoreisen nach Albanien und Wolgograd.

Ende September ist Wolfgang Krolow im Alter von 69 Jahren überraschend gestorben. KuK-Mitarbeiter Lothar Eberhardt ist einer von vielen Freunden, die um ihn trauern. »Er war immer zum Schwatz und inhaltsreichen Gespräch aufgelegt«, sagt er. »Sein pralles, mit Schöpfungskraft angereichertes Leben bleibt uns in seiner Bilderwelt erhalten.«

Wolfgang Krolows Webseite

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Riesendrachen unterwegs

Seltsame fliegende Wesen über dem Tempelhofer Feld

Dass Schmetterlinge fliegen können, ist jetzt nicht so ungewöhnlich. Aber bei Teddybären und Haifischen wundert es einen schon. Dazu muss man hinzufügen, dass sie im Prinzip zwar fliegen können, aber beim »Festival der Riesendrachen« am 21. September auf dem Tempelhofer Feld nur hin und wieder ein wenig abhoben, weil es häufig am Aufwind fehlte. Und ohne den geht für so einen Drachen natürlich nichts.

Aber der Himmel war strahlend blau. Zehntausende tranken Bier, vertilgten Rostbratwürste und warfen immer wieder hoff nungsvoll ihre kleinen selbstgebastelten bunten Drachen in die Luft. Oft vergeblich, aber manchmal stiegen sie hoch empor, spielten mit dem launenhaften Wind und zogen dort oben lange Zeit ihre Kreise.

 

Fotos: ksk

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Wasser marsch!

mog61 sitzt nicht auf dem Trockenen

Der Verein »Miteinander ohne Grenzen – mog61 e.V.« veranstaltet nicht nur das jährliche Straßenfest in der Mittenwalder Straße und organisiert im Sommer eine Bühne zur »Fête de la Musique«. Schon vor Jahren sah mog61 mit Blick auf den Klimawandel auch nach Baumscheiben und anderem Straßenbegleitgrün.

In diesem Sommer beteiligte sich der Verein an der Aktion »Jede Wiese zählt!« des Netzwerks Nachbarschaft und nahm sich besonders der Stockrosen am U-Bahnhof Gneisenaustraße an. Einziges Problem – zumal in einem so heißen, trockenen Sommer: Woher kommt das Wasser zum Gießen?

Die Schwengelpumpe K092 vor der Hausnummer 44 könnte es liefern, die ist aber leider kaputt. Die Lösung kam in Gestalt von Felix Weisbrich, dem Chef des Straßen- und Grünflächenamts des Bezirks: Der stellte unbürokratisch ein Standrohr zur Verfügung, mit dem Wasser aus Hydranten am Straßenrand entnommen werden kann. Die Stockrosen sind gerettet und Vereinschefin Marie Hoepfner sagt: »Wir sind dem Bezirk ganz besonders dankbar, dass er uns geholfen und uns nicht auf dem Trockenen sitzen gelassen hat!«

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

»A one, two, three, four …«

Kreuzberger Klarinettenkollektiv lässt die Gesichter glänzen

Die neueste CD des Kreuzberger Klarinettenkollektivs.

Sieben Klarinetten sind schon da. Die achte macht gerade draußen ein Selfie vor dem Kirchenportal. Sieben weibliche und eine männliche Klarinette, dazu noch Bassklarinette, Schlagzeug und Kontrabass. Dann kommt von links ein Geräusch aus dem Nebenraum. Es klingt wie Wasser, das silbrig und glitzernd über Steine springt, mit vielen geheimnisvollen, bunten Dingen drin. Das ist Jürgen Kupke.

Das Kreuzberger Klarinettenkollektiv probt in der Heilig-Kreuz-Kirche für das Konzert am Abend. Das Ensemble existiert seit zehn Jahren, es besteht vor allem aus derzeitigen oder ehemaligen Schülern von Kupkes Klarinettenklassen. Kupke selbst ist ein bekannter Jazz-Klarinettist und unterrichtet an zwei Musikschulen.

Zuerst geht es um die Akustik. »Na ja, man hört schon was. Aber es ist etwas matschig«, heißt es. Also ein paar Schritte vor – oder doch wieder zurück, wegen der Beleuchtung? Die Gruppe probiert. »One, two, a one, two, three, four …«, sagt Kupke. Füße tippen im Takt auf den Boden. Mal der Absatz, mal die Fußspitze, mal die ganze Sohle. Bei ihm wippt jedes Mal der ganze Körper mit. »Wunderbar, genau so«, sagt er. »Aber etwas zusammenrücken, damit wir mehr Kontakt zueinander haben!«

So eine Klarinette hat mächtig Wumms. Immerhin ist sie lose mit dem antiken Aulos verwandt, der dem Dionysos zugerechnet wird und damals immer dabei war, wenn getanzt, gefeiert oder getrunken wurde. Neun Klarinetten haben noch viel mehr Wumms. Sie jammern, seufzen, stöhnen, klagen, schreien oder jubilieren – manchmal sogar alles gleichzeitig. Und wenn dann noch ein wilder Rhythmus die Verhältnisse zum Tanzen bringt, brechen alle Dämme.

Der Veranstaltungstechniker ordnet letztmals die Kabel, die Herbstsonne wirft freundliche helle Flecke auf die roten Backsteinpfeiler, das Kollektiv probt »All Together«, übt den »Säbeltanz« und Ravels »Bolero«. Kupke springt mit dem Instrument in der Hand auf und ab wie ein Kobold. Am Ende hat man den Eindruck, dass die Musik gar nicht aus den Klarinetten kommt, sondern anderswoher. Alle strahlen und haben glänzende Gesichter.

Nachher beim Konzert wird das, was während der Probe so leicht schien, doch etwas schwerer. Freunde und Verwandte im Publikum machen erwartungsvolle Mienen und bewegen zur Musik kaum eine Zehenspitze. Aber dafür können die tapferen Klarinettist*innen nichts. Sie fahren jetzt erst mal zu einer Konzertreise nach Israel. Der nächste feste Termin in Berlin ist erst wieder am 17. Dezember 2020 im Musikinstrumenten-Museum.

Update: Aktuelle Konzerttermine

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Mit Feuerwehr und Fahrradcheck

In der Mittenwalder ist am 7. September zum siebten Mal großes Straßenfest

Ausgelassene Stimmung in der Mittenwalder Straße beim Fest im vergangenen Jahr. Foto: mog 61

Das Fest ist ganz bewusst nicht-kommerziell – das heißt, die Rostbratwurst ist erschwinglich und die anderswo üblichen Billigprodukte aus Fernost fehlen sowieso. Am Samstag, 7. September, von 12 bis 22 Uhr ist wieder Straßenfest in der Mittenwalder Straße. Zum siebten Mal übrigens – schon eine kleine Tradition.

Organisiert wird das Fest vom Verein »mog 61 – Miteinander ohne Grenzen«. Einer der Höhepunkte ist ein knallrotes Feuerwehrauto der  Wache Urban, an dem vor allem Kinder ihr Vergnügen haben dürften. Es gibt Bachi-Ki-Do-, Aikido- und Capoeira-Vorführungen, ein Kinderprogramm mit Clowndame Julchen und andere spannende Mitmachaktionen. Außerdem den fast schon traditionellen kostenlosen Fahrradcheck.

Dazu natürlich eine große Bühne mit Live-Musik, auf der in diesem Jahr unter anderem die Musikschule BKMZ Musik aus Anatolien präsentieren wird. Das Lesezelt, das letztes Jahr so großen Anklang fand, wird es ebenfalls wieder geben. Die Künstlerinnen Maria M. Hahmann  und Kerstin Zobus stellen im Rahmen der ART Kreuzberg auf dem Fest ihre Werke vor.

Und Essen und Trinken? Erstmals werden in diesem Jahr äthiopische Speisen angeboten. Singhalesisch, italienisch, türkisch, Rostbratwürste sowieso. Bier auch.

Zum siebten Mal

Marie Hoepfner ist Vorsitzende des Vereins mog 61 e.V., der das Straßenfest zum siebten Mal veranstaltet. Foto: ksk

Marie Hoepfner ist Vorsitzende des mog 61 e.V., der das Mittenwalder Straßenfest organisiert.

KuK: Was ist das Besondere am diesjährigen Straßenfest?

Marie: Wir haben zum ersten Mal äthiopisches Essen. Darauf freue ich mich ganz besonders.  Insgesamt sind wir sehr multikulturell aufgestellt: Die türkische Musikschule ist mit dabei. An einem Stand wird ein Friseur die Haare schneiden. Er ist ein Geflüchteter, und wir wollen so zeigen, dass Integration funktioniert.

Was war diesmal am schwierigsten?

Weil die Standgebühren so niedrig sind, melden sich immer wieder Leute an und springen dann in letzter Minute ab. Das ist für uns schwierig zu koordinieren. Außerdem gibt es eine große Baustelle in der Straße. An einer anderen Stelle waren Tiefbauarbeiten geplant, die wurden glücklicherweise verschoben.

Funktionierte der Kontakt mit dem Ordnungsamt?

Seit 2013 werden wir vom Ordnungsamt Friedrichshain-Kreuzberg immer, immer unterstützt. Ohne diese Hilfestellung wäre so ein Fest nicht zu machen.

Wie wird das Straßenfest überhaupt finanziert?

Wir bekommen keine institutionelle Förderung und sind komplett auf Spenden angewiesen. Wichtigster Baustein dabei ist die kräftige Unterstützung durch »Aktion Mensch«. Von Stromnetz Berlin bekommen wir nicht nur den elektrischen Strom, sondern auch den Anschluss umsonst. Das wären sonst mehr als 2000 Euro. Dafür bedanken wir uns sehr.

Gibt es auch wieder den legendären Fahrradcheck?

Ja. Die Idee ist, dass die Leute ihr Fahrrad mitbringen. Wir gucken dann, ob alles in Ordnung ist. Kleine Reparaturen können kostenlos vor Ort erledigt werden, bei größeren Sachen gibt es eine Empfehlung fürs Fachgeschäft.

Kannst du in der Nacht vor dem Fest überhaupt schlafen?

Ja, das geht schon. Es ist ja mittlerweile das siebte Straßenfest, das wir organisieren, und vieles ist inzwischen Routine geworden. Obwohl im letzten Moment immer wieder Probleme entstehen, wo man sie vorher am wenigsten erwartet hat.

Nicht nur für Kinder

»Es geht darum, sich selbst zu finden«, sagt Ralf Bartzsch. Foto: ksk

Wer glaubt, Bachi-Ki-Do sei nur eine Sache von Muskelkraft und von roher Gewalt, liegt ganz falsch. »Es geht darum, sich selbst zu finden«, erklärt Ralf Bartzsch. »Um Fragen wie: Wer bin ich? Bin ich stark? Durch das Training soll Selbstbewusstsein entstehen und

Ausstrahlung, damit man gar nicht erst in schwierige Situationen kommt.«

Der 65-Jährige hat Bachi-Ki-Do begründet und aus anderen chinesischen Kampfkünsten für moderne Zeiten weiterentwickelt. Auf dem Straßenfest gibt seine Kampfsportschule Proben ihres Könnens. 

Gleich daneben breitet der Kranich Dojo vom Mehringdamm seine Matte aus und demonstriert Aikido – eine  traditionelle japanische Kampfkunst, bei der ebenfalls Konzentration, Disziplin und Selbstbehauptung im Mittelpunkt stehen. Und der Capoeira Angola e.V. ist mit einer Kampftanz-Show vertreten. Capoeira stammt aus Brasilien und wurde dort während der Kolonialzeit von aus Afrika verschleppten Sklaven praktiziert.

Außerdem gibt es auf dem mog-Straßenfest wieder viele spannende Mitmachspiele für Kinder mit Clowndame Julchen, Kinder­yoga und einen kreativenTextildruck-Workshop – der ist aber auch für interessierte Erwachsene.

Essen & Trinken

Ethiopia Mandefro  serviert leckere Speisen auf Injera. Foto: privat

Zum ersten Mal ist auf diesem Straßenfest ein Stand mit original äthiopischem Essen vertreten. Ethiopia Mandefro  vom »Little Ethiopia« in der Gneisenaustraße 63 serviert leckere Speisen auf Injera, dem leicht säuerlich schmeckenden  Fladenbrot, das in Afrika traditionell auf einem heißen Stein  gebacken wird. Vegan mit Linsensoße, Grünkohl, Weißkohl, Karotten und Kartoffeln oder mit scharfem Rindfleisch und mildem Hüttenkäse. 

Aber das ist nicht alles: Außerdem gibt es leckere  Gemüse- und Fleischgerichte aus Sri Lanka, gut gewürzte türkische Köfte direkt vom Grill, italienische Kleinigkeiten und natürlich die klassische Rostbratwurst im Brötchen mit Ketchup oder Senf. Und »ganz, ganz viel Kuchen«, wie mog-Chefin Marie Hoepfner versichert.

Und zu trinken? Fassbier ohne Ende, spanische Weine von »Wein & Vinos«, Cocktails, Raki, die üblichen Softdrinks und selbstverständlich Kaffee.

Knallrote Feuerwehr

Das Lösch- und Hilfsfahrzeug (LHF) 16/12 wurde speziell für die Großstadt  entwickelt. Foto: ksk

Auf der Feuerwache Urban in der Wilmsstraße ist neben der  Berufsfeuerwehr auch eine Abteilung der Freiwilligen Feuerwehr stationiert. Mit ihren 19 Mann und einer Frau rückt sie immer aus, wenn die hauptberuflichen Kollegen Unterstützung brauchen. Deshalb müssen Ausbildung und  Qualifikation genauso gut sein wie bei der Berufsfeuerwehr. Die freiwilligen Feuerwehrleute haben ständig einen Piepser dabei und im Alarmfall sind sie innerhalb von 30 Minuten einsatzbereit.

Ihr Schmuckstück und Hauptarbeitsmittel ist ein Lösch- und Hilfsfahrzeug (LHF) 16/12, das speziell für die Großstadt  entwickelt wurde. Es hat einen Löschwassertank mit 1200 Litern, Pumpe, Schaummittel und  jede Menge technische Geräte an Bord. Das knallrote Feuerwehrauto ist eine der Hauptattraktionen dieses Straßenfestes. Kinder können sich die Technik erklären lassen und auch darin herumklettern.

»Natürlich kann es bei so einem Einsatz auch mal gefährlich werden«, gibt der stellvertretende Wachleiter Dominique Schimo Auskunft. »Aber aufgrund unserer Ausbildung ist das ein kalkuliertes Risiko. Im Grunde leben wir hier den Traum jedes kleinen Jungen aus.«

Kultur im Lesezelt

Carpathia-Verleger Robert S. Plaul will Literatur auf die Straße bringen. Foto: ksk

Auch diesmal gibt es auf dem Straßenfest wieder ein Lesezelt. Die Idee stammt vom Carpathia Verlag und stieß im vergangenen Jahr auf große Resonanz. Autoren und Autorinnen von Kleinverlagen im Kiez und anderswo lesen zwischen 15 und 20 Uhr aus ihren Werken, jeder eine halbe Stunde lang. »Wir wollen damit Kultur auf die Straße bringen und gleichzeitig die Vielfalt des Programms unabhängiger Verlage zeigen«, so Carpathia-Chef Robert S. Plaul. Das Programm:

15:00 Nadire Biskin: »Flexen. Flâneusen* schreiben Städte« (Verbrecher Verlag)

15:45 Carsten Zehm: »Operation Romulus« (acabus Verlag)

16:30 Maik Gereckes: »Zerschlagen« (VHV-Verlag)

17:15 Kathrin Wildenberger: »ZwischenLand« (Verlag duotincta)

18:00 Thilo Bock: »Der Berliner ist dem Pfannkuchen sein Tod« (Satyr Verlag)

18:45 Tibor Baumann: »Was du nie siehst« (Carpathia Verlag)

19:30 Marion Alexa Müller: »Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren« (Periplaneta Verlag).

Und weil wir schon bei der Kultur und beim Lesen sind: Natürlich ist auch die KuK-Redaktion auf dem Fest mit einem eigenen Stand vertreten.

Musikprogramm

13:30 Barny and the Pale Blue Dot Arkestra 

(Jazz / Soul / R&B / Rap)

Barny ist ein alter Bekannter, der schon auf früheren Straßenfesten mit dabei war. Jetzt hat er sich eine Band zugelegt. Neben Gesang und Keyboards gibt es nun auch Gitarre, Schlagzeug und Bass.

15:00 Bildung Kultur Musik Zentrum e.V.

(Musik aus Anatolien)

Das BKMZ von Müzik Okulu ist eine Musikschule in der Mittenwalder Straße 15. Es treten Kinder, Jugendliche und Frauen auf und natürlich darf auch getanzt werden!

17:00 Melodi

(Pop und Balladen)

Melodi ist 17 Jahre alt und macht eine Ausbildung als Altenpflegerin. Sie singt auf Englisch – zum Beispiel den berühmten Song »Hallelujah«.

17:30 DJ Mixanthrope

(Afrikanische Musik zum Tanzen)

DJ Mixanthrope kommt aus Frankreich und legt afrikanische Musik auf, die er auf ausgesprochen kreative Weise verändert. Kenner der Szene sagen über ihn: »He loves shaking dancefloors with african voices, electronic beats and tropical grooves.«

19:30 Pirilampos Experimental Flights

(Musik mit südafrikanisch-brasilianischen Wurzeln)

Pirilampos spielten diesen Sommer beim »Karneval der Kulturen«. Meditative Gedichte treffen auf heiße Rhythmen, traditionelle afrikanische Instrumente auf modernen Pop. 

21:00 Orquesta Randalera

(Swing / Latin / Rock / Jazz / Funk)

Das Orquesta Randalera beweist, dass Humor und Musik zusammengehören. Die witzigen spanischen Texte machen sich über das nicht immer einfache moderne Leben lustig, und die Musik reißt selbst den mit, der nicht besonders gut Spanisch versteht.

Die komplette Themenseite mit Plan vom Straßenfest gibt es hier als PDF zum Downloaden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Über den Wolken

Anja Spranglewski trinkt mit Klaus Stark Bier und erzählt vom Fliegen

Anja Spranglewski Foto: ksk

Es ist nicht einfach, ein Date mit Anja Spranglewski zu haben. Beim ersten Versuch hatte sie am Tag zuvor ausgiebig ihren 36. Geburtstag gefeiert und war unpässlich. Beim zweiten lag sie mit Angina im Bett. Heute kommt sie direkt aus Norditalien, erst vor zwei Stunden ist der Flieger gelandet. »Ryanair«, sagt sie abfällig und rümpft die Nase.

Am Vormittag ist Anja noch auf der Piazza San Marco in Venedig herumspaziert. »Tauben ohne Ende. Ich hasse Tauben! Aber, boah, ey, was für ein geiles Wetter!« Den fauligen Geruch von Wasser in der Nase, die Ponte di Rialto vor Augen, Tausende von Touristen, die Gondolieri. »Eine Stunde in der Gondel kostet 80 Euro. Das ist echt happig!«

Anja hat es mit dem Fliegen, so viel sei verraten. Im Flugzeug kommt man viel in der Welt herum, hat nicht jederzeit festen Boden unter den Füßen und manchmal gerät der Passagier in Turbulenzen oder plumpst in ein Luftloch. Anja kann Karussells auf dem Jahrmarkt gar nicht leiden, aber diese Luftlöcher liebt sie. »Je hef-tiger, desto besser«, sagt sie und strahlt.

Vielleicht ist das Fliegen so etwas wie ein Gegenprogramm zur Kindheit im ländlichen Rathenow. Das liegt nicht ganz am Rande der Welt, aber nicht weit davon entfernt. Viel Natur, ein bisschen Havel. Anja nippt am Bier und erzählt den Witz von den drei Meeren: »Waldmeer, Sandmeer, gar nichts mehr.« Brandenburg halt.

Sie war viel mit dem Opa fischen und kennt heute noch Barsch, Zander, Hecht, Aal und Rotfeder. Und sonst? Abitur am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium. Schon damals war Berlin glücklicherweise zum Party-Machen nur eine Stunde entfernt. Freiwilliges ökologisches Jahr. Ausbildung zur Raumausstatterin. Der erste Aufbruch ins Ausland: Praktikum bei einem Möbelrestaurator in Vicenza. Dann Bachelor of Arts in Marketing. Ein paar Jobs in irgendwelchen Start-Ups. Weil dort wenig zu verdienen ist, kellnert Anja nebenbei in der »Roten Beete« in Schöneberg.

Plötzlich das große Los. »Es war reiner Zufall«, sagt sie. Bei Facebook stieß sie auf ein Casting im Hotel Riu Plaza. Flugbegleiterin bei Germania. Ein paar Tests, Allgemeinwissen, Englisch. Sie wird genommen. Sechs Wochen Schnellkurs in Prieros. Und dann hob Anja Spranglewski ab. Sie flog Kurz- und Mittelstrecken, Heimatbasis war erst Schönefeld, dann Tegel. Lanzarote, Teneriffa, auf die Balearen. Direktflüge nach Beirut und Tel Aviv. Gute Bezahlung, nette Kollegen, schicke Uniform. Das volle, pralle Leben.

Freundinnen mäkelten, sie sei doch viel zu intelligent, um nur zu fliegen. Aber sie meint: »Ich war angekommen! Entweder ist es ein Job oder eine Berufung – und für mich war es das Letztere.« Sie mag es, beobachtet zu werden und im Mittelpunkt zu stehen. Den Umgang mit Menschen, wenn Erwachsene zum ersten Mal fliegen und vor Begeisterung glänzende Augen wie kleine Kinder bekommen.

Aber Frau Spranglewski, ist Fliegen nicht gefährlich? Ja gut, ein paar Mal musste der Pilot durchstarten, in Madeira mit seinen heiklen Auf- und Abwinden. »Aber Fliegen ist safe. Radfahren ist viel gefährlicher! Deshalb habe ich zum Geburtstag auch einen Helm bekommen!«

Haben Flugbegleiterinnen tatsächlich Sex mit Piloten oder Passagieren? »Nein. Ich war voll anständig.« Was natürlich nicht ausschließt, dass man nach dem Flug so einen coolen Kerl daten kann. Anja nippt vielsagend an ihrem Bier.

Es waren die besten zwei Jahre ihres Lebens. Doch am 5. Februar 2019 ging die Fluggesellschaft Germania pleite. »Es war furchtbar. Vor allem am Anfang war es richtig, richtig hart.« Anja verlor ihren Job, sie verlor viele Freunde. Sie verlor ihren Lebensinhalt, ihr Glück. Jetzt kellnert sie wieder in der »Roten Beete« oder im »UnterRock« und wird ganz sentimental, wenn ihr irgendwo das satte Germania-Grün in die Augen fällt.

Und ist auf der Suche nach Plan B. Mit Ryanair will sie nicht fliegen, Easyjet ist dicht. Swissair vielleicht. Die fliegen Langstrecke. São Paolo, Johannesburg, Singapur, Peking. Aber dann müsste sie aus Berlin weg nach Zürich. »Schaun wir mal«, sagt sie. Am Wochenende will Anja erst mal zum Chillen nach Sardinien. Gerade sucht sie noch den passenden Flug. »Wenn es unter 100 Euro ist, mach ich’s«, sagt sie.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Die meisten Brunnen sind kaputt

Mitten in der Jahrhunderthitze macht Kiez und Kneipe den großen Schwengelpumpentest

Seltene Glücksmomente für Bienenschützer und die Freunde von Straßenbäumen: Das Wasser fließt! Hier an der Ecke Schleiermacher- / Blücherstraße. Foto: ksk

Unauffällig stehen sie am Gehsteigrand. Wer nicht bewusst auf sie achtet, sieht sie oft gar nicht. Wahre Kunstwerke sind darunter, zum Beispiel die alten Lauchhammerpumpen aus dem 19. Jahrhundert mit dem Fischkopf, dem Drachenkopf oder dem Pelikan. Berlin hat einen großen Schatz: Es sind an die 2000 von der öffentlichen Wasserversorgung unabhängige Straßenbrunnen.

Die Idee mit den Pumpen geht auf den Großen Kurfürsten zurück, der 1666 »für Berlin und Cölln die Ordnung feststellte, welche bei der Benutzung und Unterhaltung der öffentlichen Straßenbrunnen beobachtet werden sollte«, wie der Historiker Ernst Fidicin später berichtete. Heute existieren in Kreuzberg noch rund 100 und in Friedrichshain knapp 50 davon.

Sie heißen im Volksmund »Plumpe«, liefern nur Brauchwasser und dienen in Zeiten, in denen das Trinkwasser auf Knopfdruck sprudelt, als eine Art Notwasserversorgung für Krisenfälle. Etwa die Hälfte gehört dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die andere dem Land.

Natürlich können Kinder an so einer Pumpe auch wunderbar herumplanschen. Und sie könnten die Geheimwaffe gegen trockene Sommer, gegen dürstende Straßenbäume und dahinwelkende Wildblumen sein. Wenn, ja wenn die wunderbaren Pumpen nur funktionieren würden. Denn das tun sie häufig nicht.

Mitten in der Jahrhunderthitze hat die KuKden großen Plumpentest gemacht. Im engeren Verbreitungsgebiet existieren laut Plan 34 solcher Pumpen. Zwei davon wurden ohnehin entfernt. Von den übrigen 32 Straßenbrunnen spenden lediglich elf frisches Wasser. Die restlichen 21 sind versiegt.

Wie Pumpe Nummer 4 am Marheinekeplatz. »Die ist schon lange kaputt«, klagt eine Frau, die auf dem Flohmarkt einen Stand mit Playmobilfiguren betreibt. »Wenn Touristen kommen, sag ich immer: Pass auf, sonst fällt dir der Schwengel noch auf den Kopf!« Nummer 52 am Chamissoplatz war ein Jahr lang tot, jetzt geht sie wieder. »Aber die ist so schwergängig, dass ich immer Leute zum Helfen brauche«, beschwert sich eine Frau, die dort Blumen einpflanzt.

Der Pumpentyp »Lauchhammer I« von 1895 mit dem berühmten Fischmaul. Hier vor der Nostitzstraße 49. Foto: ksk

Laut Bezirksamt kostet die Reparatur einer Pumpe nur zwischen 2000 und 10 000 Euro. Warum werden sie nicht flächendeckend alle wieder in Gang gebracht? Vor allem der Bund lässt sich damit Zeit. Tatsächlich haben beim KuK-Test von den 18 Landesbrunnen im Kiez immerhin acht, von den 14 Bundesbrunnen aber nur drei funktioniert.

Es sei in den letzten Jahren ein »erheblicher Investitionsstau« entstanden, gibt das Bonner Bundesamt für Bevölkerungsschutz zu. Gegen das Wässern von Straßenbäumen hat man dort nichts einzuwenden. Allerdings bestehe kein Anspruch auf eine »irgendwie geartete Lieferleistung«.

Derweil hat der Bezirk wieder alle Bürger dazu aufgerufen, angesichts der herrschenden Trockenheit bei der Rettung der Straßenbäume mitzuhelfen. »Jeder Liter zählt«, so Stadtrat Florian Schmidt. Zwei bis drei Eimer pro Baum und Tag sollten es mindestens sein. Woher das Wasser kommen soll, erklärt er nicht. Notfalls eben von der Rentnerin aus dem fünften Stock.

Letzten Sommer wurde noch eine Karte der Schwengelpumpen publiziert. Traut man sich offenbar gar nicht mehr. Hülfe auch wenig genug – die meisten sind ohnehin außer Betrieb.

 

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2019.

Hinter verschlossenen Türen

Bezirksamt will Protokolle zur Bergmannstraße nicht veröffentlichen

Was keiner sehen soll: Unterlagen der Steuerungsgruppe zur Begegnungszone. Foto: rsp

Es ist eine Art Runder Tisch. Offiziell nennt er sich »Steuerungsgruppe« und wurde im Sommer 2015 ins Leben gerufen, als es um die Bürgerbeteiligung im Rahmen der Einrichtung einer Begegnungszone in der Bergmannstraße ging. Um diesen Tisch sitzen acht Vertreter von Senatsverwaltung, Bezirksamt, von Planungsbüros und aus Verbänden der Stadtgesellschaft, die vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg bestimmt wurden. Sie treffen sich regelmäßig, bisher an die 25 Mal.

Die Mission dieser Steuerungsgruppe, um es auf den Punkt zu bringen, ist Transparenz. Was aber in der Gruppe selbst besprochen wird, darf sonst niemand wissen. Weder finden die Sitzungen unter Beteiligung der Öffentlichkeit statt, noch sind neuere Sitzungsprotokolle von interessierten Bürgern  irgendwo einsehbar.  Aus dem Jahr 2016 findet man einige im Internet, aktuellere sucht man dort jedoch vergebens.

Dabei ist es gerade Aufgabe der Runde, die umfangreiche Bürgerbeteiligung in der Bergmannstraße zu unterstützen und möglichst zu befördern. Laut ihrer eigenen Geschäftsordnung fungiert die Gruppe sogar als »Wächterin des Prozesses«: Sie soll für ein »offenes Verfahren« sorgen, eine »möglichst hohe Qualität und größtmögliche Transparenz des Beteiligungsprozesses« gewährleisten sowie einen »breiten Querschnitt von Teilnehmenden« einbeziehen. So steht es wörtlich in dem ­– ebenfalls nicht öffentlichen – Papier.

Wie das jedoch gelingen soll, wenn nicht einmal die Diskussionen und Beschlüsse des Runden Tisches selbst kommuniziert werden dürfen, erschließt sich nicht.

Die KuK hat hierzu um Auskunft und, stellvertretend für alle Bürger, um Einsicht in diese Protokolle gebeten. Wieso sind einige davon öffentlich, andere wiederum nicht? Von wem wurde das auf welcher Grundlage entschieden? Wie sollen sich die Vertreter der Verbände  verhalten? Dürfen sie Protokolle an Vereinsmitglieder weiterreichen oder nicht? Auf diese Fragen gab es bisher weder von Baustadtrat Florian Schmidt noch von der Pressestelle eine Antwort.

Öffentlichkeit ist unerwünscht

An der Steuerungsgruppe nehmen auch Vertreter von Initiativen teil – etwa von BUND, VCD, des Stadtteilausschusses oder der Gewerbetreibenden. Gerade für sie wird die Situation sehr kompliziert. Wer darf wie viel wissen und vor allem wie viel wem weitersagen? Wird die Zivilgesellschaft dadurch nicht in diejenigen gespalten, die Informationen besitzen dürfen, und andere, welche nicht?

Wenig Glück hatte die KuK auch mit einem anderen Anliegen. Als sie Ende März darum bat, an der nächsten Sitzung der Steuerungsgruppe teilnehmen und darüber berichten zu dürfen, wurde das zunächst von der Pressestelle nicht gestattet, nach einigem Drängen aber von Florian Schmidt höchstpersönlich genehmigt. 

Das half leider wenig: Tatsächlich wurde der KuK-Redakteur dann gleich zu Beginn der Sitzung – in Abwesenheit des Baustadtrats – vom Vertreter eines Planungsbüros aufgefordert, den Raum zu verlassen. 

Florian Schmidt hat sich inzwischen für diese »missliche Situation« entschuldigt. Er strebe »keinerlei  Verstecken mit der Presse« an, schrieb er. Außerdem versprach er, alle weiteren Fragen – auch die nach den Protokollen – vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe zu beantworten. Dies ist leider nicht geschehen.

Kommentar: Mauschelei ohne Not

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2019.

Die Parklets bleiben bis November

Bezirksamt stellt Konzept zur Begegnungszone Bergmannstraße vor

Auch nicht schöner als vorher: Parklet als Sperrmüllablageort. Foto: ksk

Als die Bezirksverordnetenversammlung Ende Januar verlangte, die Testphase in der Bergmannstraße bereits im Juli zu beenden, machten sich schon Gerüchte breit, auch die umstrittenen orangen Parklets würden bald verschwinden. Die Hoffnung war verfrüht. Bezirksamt und Senatsverwaltung brauchten mehr als zwei Monate, um sich auf eine gemeinsame Antwort zu einigen. Jetzt liegt endlich ein Konzept vor, wie es mit der Begegnungszone weitergehen soll. Große Überraschung: Die Parklets werden nicht abgebaut, sondern bleiben bis November stehen.

Der neue Chef des Straßen- und Grünflächenamts, Felix Weisbrich, erläuterte die Pläne Anfang April im Umweltausschuss. Danach wird mit Blick auf die Begegnungszone verbal zwischen einer »Erprobungsphase« und einer »Evaluierungsphase« unterschieden. Erstere soll tatsächlich – wie von der BVV gefordert – Ende Juli enden. Bisher habe sich die Diskussion vor allem in »gestalterischen Details und Betriebsproblematiken« erschöpft, kritisierte Weisbrich, und wenig zu Fragen der »dauerhaften Gestaltung« beigetragen. Das soll sich mit der im August startenden Evaluierungsphase nun schlagartig ändern.

Im Sommer sind zwei von Experten und Verbänden begleitete »repräsentative Bürgerwerkstätten« geplant, im August eine weitere »Sommerwerkstatt«. Mehr als 9000 Bürger werden angeschrieben und zur Mitarbeit aufgefordert. Dabei geht es nicht nur um die künftige Gestaltung der Bergmannstraße, auch der Knoten an der Marheinekehalle wird – wie etwa von der Initiative »Leiser Bergmannkiez« mehrfach gefordert – einbezogen. Ziel sei es, »mehrere Varianten zu erarbeiten«, über die dann diskutiert werden könne, so Weisbrich.

Es blieb im Detail offen, wer genau an diesen »Werkstätten« teilnimmt, welche Rolle der interessierte Bürger dabei gegenüber professionellen Planern und Verbänden spielen kann und ob frühere, detaillierte Vorschläge etwa der Gewerbetreibenden berücksichtigt werden. Bereits Ende Mai will das Bezirksamt das weitere Vorgehen öffentlich in der Columbiahalle vorstellen.

Und die Parklets? Sie werden von Sitzmöbeln zu »Diskussionsorten« umfunktioniert, dabei umgebaut und teilweise verlegt und verschwinden erst mit dem Ende der Evaluierungsphase im November. Alle weiteren Elemente, vor allem Poller und Fahrradbügel, sind gar nicht so temporär, sondern bleiben, bis über die »dauerhafte Gestaltung« entschieden wurde. Im ersten Quartal 2020 soll es dazu eine Vorlage für die BVV geben.

Bei der Präsentation im Ausschuss wurden Sorgen laut, ob tatsächlich eine neutrale Abwägung verschiedener Varianten gesichert sei. Und Ärger, dass Fahrradbügel und Poller erst einmal Tatsachen schaffen und überhaupt erst errichtet wurden, als die BVV längst ein frühzeitiges Ende der Testphase gefordert hatte. Auch im Kreis der Gewerbetreibenden herrscht eher Skepsis. Angesichts des heiklen BVV-Beschlusses, vermutet Sprecher Michael Becker, »wollen die möglichst günstig und ohne Gesichtsverlust aus der Nummer rauskommen.«

»Ich empfinde das als ästhetische Zumutung!«

Viele Anwohner haben mit den Aufenthaltsmodulen in der Bergmannstraße so ihre Schwierigkeiten

Klarer Konsens: Die Parklets sind hässlich! Foto: ksk

Lutz Stolze von der Buchhandlung Kommedia in der Marheineke-Markthalle ist ein ruhiger, besonnener Mann. Aber wenn es um die neuen Parklets in der Bergmannstraße geht, verliert er die Fassung. «Ich empfinde das als ästhetische Zumutung«, schimpft er. »Das hat den Flair einer Bundesbahn-Zentrale in Gütersloh! Lieblos ist das!«

Wer herauskriegen will, was Ortsansässige von der Begegnungszone halten, hat schnell ein Problem: Er trifft fast niemanden, der die grellorange gestrichenen Sitzmöbel am Straßenrand auch nur einigermaßen okay findet.

 »Sauhässlich« seien die Dinger, sagt Peter Klunker vom Weing’schäft. »Das ist nicht der Wille der Kreuzberger aus dem Kiez. Ich sehe jeden Tag, wie die vollgemüllt und beschmiert werden.« Besondere Probleme bereitet ihm das Querungselement vor dem Geschäft. Dreimal die Woche wird er beliefert: »Da zählt jeder Meter, das geht alles mit Muskelkraft.« Aber nun darf der Lkw nicht mehr dort parken. Klunker bekam schon drei Strafzettel.

»Die passen nicht ins Straßenbild. Damit wird die Bergmannstraße tot gemacht«, klagt Lalo vom Imbiss El Chilenito über die Parklets. »Absolut ungemütlich und zudem gefährlich«, urteilt Gabi Lück von der Boutique Bijondo. Und Svenja Hagen Greuner vom Modeladen Brenøe prophezeit: »Es wird sich niemand, der hier lebt, auf diese Dinger setzen. Nur die Touristen. Das Schlimmste kommt erst, wenn es wärmer wird.« Davon kann Daniela Behrendt, die über dem Ararat wohnt, ein Lied singen. Sie hat schon letzten  Sommer gelitten, als es nur zwei und nicht 18 Aufenthaltsmodule gab – weil da »nachts Leute sitzen und Party machen«. Unzählige Male lief sie hinunter und bat, die Musik leiser zu stellen.  »Wenn man abends ins Bett ging, wusste man nicht, ob man die Nacht durchschlafen kann. Das hält keiner aus.«

»Niemand braucht Parklets, wenn dadurch neue soziale Brennpunkte entstehen«, sagt auch Hans-Peter Hubert von der Bürgerinitiative »Leiser Bergmannkiez«. Aber es gehe nicht nur um die Sitzmöbel. Fahrradbügel auf der Fahrbahn statt auf dem Bürgersteig sind in seinen Augen sinnvoll.  Und die Test-Querungselemente ein erster Schritt, dass Rollstuhlfahrer künftig vielleicht »an vier oder fünf Stellen barrierefrei über die Straße können«. Aber natürlich hätte er noch mehr Wünsche: zum Beispiel eine abgepollerte, schmalere Fahrbahn mit Schwellen.

Und dann finden sich tatsächlich noch zwei, die wirklich zufrieden sind. Zwei junge Kerle aus Bielefeld, Touristen, die Strickmützen tief ins Gesicht gezogen. Ja gut, der Sitzplatz sei vielleicht nicht ganz optimal. »Aber der Döner«, sagt einer, »der schmeckt echt lecker!«

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2019.

Winter ist nicht irgendwann

U-Bahnhöfe sind gefährlich und eignen sich nicht wirklich gut als Übernachtungsplätze für eine wachsende Anzahl von Obdachlosen. Das hätte man schon im Sommer wissen können. Dass der Winter irgendwann vor der Tür stehen wird, ebenfalls. Trotzdem sah der Senat offenbar keinen Anlass, sich rechtzeitig um Alternativen für diejenigen Menschen zu kümmern, für welche die bereits existierenden Angebote der Kältehilfe eine zu hohe Hürde darstellen.

Das riecht nach Symbolpolitik: Hauptsache gute Gesinnung und große Worte – die Arbeit aber lässt man lieber andere machen. In diesem Fall die BVG, die aber mit der Betreuung von Wohnungslosen schlicht überfordert ist. Jetzt plötzlich sollen es neue »Warte- und Wärmehallen« richten – in zwei Wochen oder in drei Wochen oder halt irgendwann. Für eine Stadt wie Berlin ist das eher peinlich: Winter ist nicht in zwei Wochen oder an Weihnachten, sondern jetzt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2018.