Buntes Kreuzberg: Blau

Auch der UnterRock hat schon einmal bessere Tage gesehen

   Foto: ksk

Kreuzberg ist bekannt für seine Vielfalt und Farbigkeit in jeder Hinsicht. Nun erscheint die gedruckte KIEZ UND KNEIPE leider nur in klassischem Schwarz-Weiß – was in der heutigen, reizüberfluteten Zeit aber schon fast wieder als stilbildendes Alleinstellungsmerkmal gelten kann. Unser Internet-Auftritt hingegen kennt die Farbe sehr wohl.

Deshalb gibt es dort künftig eine neue Rubrik „Buntes Kreuzberg“, immer so ungefähr zur Monatsmitte, wenn die gedruckte KuK ausgelesen ist. Ohne viel Text, mit einem Foto, das jeweils eine bestimmte Farbe in den Vordergrund rückt. „Schmuckbild“ hieß das früher. Der große Dichter Arthur Rimbaud wies den Vokalen bestimmte Farben zu, der polnische Regisseur Krzysztof Kieślowski schuf eine Trilogie mit den Farben Blau, Weiß, Rot. So anspruchsvoll sind wir nicht. Die KuK will nur ein bisschen mithelfen, die Augen dafür zu öffnen, wie bunt unser Kiez wirklich ist.

Maskenpflicht jetzt auch im Einzelhandel

Berliner Senat folgt Empfehlung von KIEZ UND KNEIPE

Schlagzeilen von rbb24, Berliner Zeitung, BZ, Tagesspiegel, Berliner Kurier.

Es kommt nicht allzuoft vor, dass der Berliner Senat sich an die Ratschläge unseres kleinen Stadtteilmagazins KIEZ UND KNEIPE hält. Aber genau das ist jetzt passiert!

Am 21. April hatte der Senat im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie beschlossen, dass im Berliner ÖPNV künftig eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden muss. In Einzelhandelsgeschäften hingegen wurde das lediglich „empfohlen“. Damit gab es in ganz Deutschland nur in Berlin in den Geschäften keine Maskenpflicht.

Die KuK berichtet darüber in ihrer Mai-Ausgabe unter dem Titel „Maskenpflicht nur im ÖPNV“ und deutet im Kommentar „Fauler Kompromiss“ vorsichtig an, dass die Redaktion diese Beschränkung auf den Nahverkehr für einen Fehler hält. Und kaum waren die Texte am Wochenende produziert, kam Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) schon ins Grübeln. „Ich habe mir das sehr genau angeschaut und war wirklich erschrocken, dass nur ungefähr ein Fünftel der einkaufenden Menschen eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen haben“, sagte sie prompt am Sonntagabend einer Nachrichtenagentur. „Ich halte deshalb auch dort eine Verpflichtung für unumgänglich.“ Und sieh an, die kritischen Stimmen mehrten sich von Tag zu Tag. Schließlich war am Dienstag nach einer erneuten Sitzung des Senats auch die Maskenpflicht in den Läden – wie von der KuK angeregt – unter Dach und Fach.

Wir fühlen uns in unserer Funktion als kritische Kiez-Presse verstanden und natürlich sehr geehrt! Allerdings hatte das nun den Nachteil, dass die Schlagzeile der gedruckten Mai-Ausgabe schon bei Erscheinen zumindest ergänzungsbedürftig war. Gerade in Corona-Zeiten ändern sich die Verhältnisse eben ziemlich schnell und auch als Monats-Publikation kann man sich nicht auf Dinge beschränken, die garantiert 30 Tage lang so bleiben, wir sie sind. Wenn es der Verbesserung der Welt dient, nehmen wir eine gewisse Unschärfe ohnehin gern in Kauf.

Apropos, da die KuK ja im Moment das Ohr des Regierenden Bürgermeisters zu besitzen scheint: Lieber Herr Müller, wäre es nicht sinnvoll, wenn in den Geschäften außer den Kunden auch alle Beschäftigten einen solchen Mundschutz tragen würden?

Maskenpflicht nur im ÖPNV

Berlin macht es wieder einmal anders als alle anderen

Die KuK-Redaktion produziert aktuell ausschließlich im Home-Office, trotzdem sind Mund-Nasen-Masken natürlich Ehrensache! Foto: kuk

Blicken wir ein paar Tage in die Zukunft? Die U 7 morgens im Stoßverkehr, die Leute drängen sich dicht an dicht und jeder hat so ein Stück Stoff im Gesicht. Das wäre für Kreuzberg wohl ein sehr ungewöhnliches Bild! Wie viele werden sich an die Maskenpflicht halten? Im Voraus kann das keiner wissen. Bei Erscheinen der Mai-Ausgabe von Kiez und Kneipe lässt sich die Frage wahrscheinlich besser beantworten.

Über eine verpflichtende Mund-Nasen-Maske im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie war lange gestritten worden. Die Bundeskanzlerin mischte sich ein, die Bundesländer stritten erneut und dann verkündete der Berliner Senat: »Bei der Nutzung des ÖPNV ist ab 27. April eine textile Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.« Ein Schal oder ein Tuch tut es also auch.

Berlin ist bei Redaktionsschluss (Stand: 26. April) das einzige Bundesland, das einen Mund-Nasen-Schutz zwar im ÖPNV, jedoch nicht in Einzelhandelsgeschäften vorschreibt. Dort wird er lediglich »dringend empfohlen«. Das Tragen von Masken in Bussen und U-Bahn wird von der BVG nicht kontrolliert. »Wir sind ein Verkehrsunternehmen, keine Ordnungsmacht«, heißt es. Bußgelder bei Verstößen sind laut dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller ebenfalls nicht vorgesehen.

Ohnehin scheint es in Teilen der rot-rot-grünen Koalition Widerstände gegeben zu haben. Die Linken befürchten offenbar, dass die Maske zu einer »Virenfalle« wird. Bei den Grünen hört man, Masken könnten »auch in falscher Sicherheit wiegen«. Die SPD hingegen will nun nachbessern und die Maskenpflicht wie in anderen Bundesländern auf die Geschäfte ausweiten.

Immer mehr Initiativen im Kiez versuchen sich an der Nähmaschine

Wo man solche behelfsmäßigen Mund-Nasen-Masken tragen muss, ist die eine Frage. Die andere: Wo bekommt man so ein Teil überhaupt her? Die Senatsverwaltung für Wirtschaft verweist auf ein Portal, wo sich Anbieter und Nutzer vernetzen können. Der Senat will diese Woche außerdem 147.000 Masken kostenlos an Bedürftige verteilen. Schon am Montag, 27. April, sollen die meisten davon den Bezirken zugestellt werden. Die Masken sind für diejenigen bestimmt, die keine Möglichkeit haben, sich eigene Masken zu besorgen. Laut Senat können Bürger die Masken bei den örtlichen Rathäusern abholen. Details sind dazu aber noch unklar.

Im Kiez gibt es inzwischen viele Ini­­tiativen, die solche Behelfsmasken aus Stoff selbst herstellen. Dabei gilt, dass sie den Träger nicht vor dem Corona-Virus schützen, unter Umständen aber das Risiko vermindern, dass er andere ungewollt infiziert.

  • mog61 Miteinander oh­ne Grenzen e.V. hat früh begonnen, Masken zu nähen. Sie kommen sozialen Organisationen, Mitgliedern von Risikogruppen, Men­schen mit systemrelevanten Berufen und Geflüchteten zugute und sind kostenlos. Wer noch mithelfen möchte, ist herzlich willkommen. Der Verein freut sich auch sehr über Stoffspenden (vgl. Interview auf Seite 10).
  • Auch das Nachbarschaftshaus Urban­straße will nach mog61-Vorbild G­e­­sichts­masken nähen und sucht Stoffe aus reiner Baumwolle.
  • Bei der WollLust in der Mittenwalder Straße werden ebenfalls hübsche Masken genäht. Der Erlös geht an Kneipen, die wegen Corona schließen mussten, etwa an den UnterRock, an Backbord und Dodo.

Insgesamt entsteht derzeit der Eindruck, dass Masken nicht mehr ausverkauft, sondern hier und da zu kriegen sind. Wenn es nicht um eine Spende geht, sollte man sich aber vor überhöhten Preisen hüten. Als eine fliegende Händlerin am Marheinekeplatz kürzlich das Geschäft ihres Lebens machen wollte, wurde sie prompt als »Krisengewinnlerin« beschimpft.

Kommentar: Fauler Kompromiss

Update: Maskenpflicht jetzt auch im Einzelhandel



Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Fauler Kompromiss

Die Berliner Politik hinterlässt einmal mehr Ratlosigkeit. Wenn die behelfsmäßigen Mund-Nasen-Masken, von denen jetzt überall die Rede ist, tatsächlich sinnvoll sind – warum werden sie dann um alles in der Welt nur im ÖPNV, aber nicht im Einzelhandel vorgeschrieben?

Die Antwort ist relativ einfach. In Berlin hat derzeit niemand vor, das Tragen von Masken in Bus und Bahn zu kontrollieren oder Verstöße zu ahnden. Deshalb ist die Maskenpflicht dort im Grunde gar keine Maskenpflicht, sondern auch nicht viel mehr als eine Empfehlung. In den Geschäften hingegen wären die Händler dafür verantwortlich gewesen, dass die Regeln beachtet werden.

Politisch gesehen ist es ein fauler Kompromiss. Wer die Maskenpflicht haben wollte, bekommt sie. Und wer sie nicht haben wollte, kann sich damit trösten, dass es in Wirklichkeit gar keine ist. In der Sache – mit Blick auf das längst noch nicht besiegte Virus – macht Berlin vermutlich gerade einen Fehler.

Siehe auch: Maskenpflicht nur im ÖPNV

Update: Maskenpflicht jetzt auch im Einzelhandel

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Autos fahren hier künftig einspurig

Pop-up-Radweg am Kottbusser Damm lässt Radler jubeln

Pressetermin am Kottbusser Damm: Kein Mundschutz, nirgends. Abstand eher fragwürdig. Foto: ksk

Es geht um temporäre Radwege oder »Pop-up-Radwege«, wie sie inzwischen heißen. Der Bezirk fing Ende März damit an, zusätzliche Radspuren anzulegen. Begründet wurde das mit der Corona-Krise. Die »existente Radinfrastruktur«, hieß es damals, sei »nicht umfassend geeignet«, die nun geltenden Abstandsvorschriften für Radfahrer einzuhalten und sie auf diese Weise vor dem Virus zu schützen.

Rund zwölf Kilometer neue Radwege wurden bereits angelegt, letzte Woche ein besonders spektakulärer Abschnitt am Kottbusser Damm. Hier fahren Autos künftig nur noch einspurig. Denn am Rande enthüllte Weisbrich die eigentliche Nachricht: Fast alle neuen Radwege werden bleiben, da sie ohnehin vom Mobilitätsgesetz gefordert würden.

Linken-Fraktionschef Oliver Nöll findet das Handeln des Bezirks gut und richtig Der ADAC wittert »Partialinteressen«, Fahrradaktivisten sind begeistert: »Ein Traum wird wahr!«, twittert einer. Würde man sich als Fußgänger nur wünschen, dass mit der gleichen Argumentation endlich die lästigen Leihfahrräder und Elektroroller von den Trottoirs verschwinden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Wie sich der Kiez verändert hat (Teil 2)

Klaus Stark berichtet von seinen Erfahrungen während der Corona-Pandemie

Der wolkenlose, blaue Himmel, die Sonne und der kalte Ostwind werden in Erinnerung bleiben. Menschen in Supermärkten, die seltsame Tänze aufführen. Als wäre überraschend die Choreographie geändert worden und sie fänden sich noch nicht ganz zurecht. Wenn sie dann einen falschen Schritt machen, lächeln sie unsicher und ein bisschen entschuldigend.

Manche sagen, die Leute rücken in der Krise näher zusammen. Mir scheint der Kiez genau so bruchstückhaft wie zuvor. »Liebe Bedürftige«, schreiben da manche an Leute, denen sie vorher niemals die Hand gedrückt hätten, und hängen Lebensmittel an einen Gabenzaun, über die sich am Ende vermutlich die Ratten freuen. In einer Edelboutique werden schon wieder Kleiderständer auf die Straße gestellt – und ja, wenn man genau hinsieht, kann man in den Augen die Euro-Zeichen blinken sehen.

Krankenschwestern rackern für einen Hungerlohn, ein Rentnerpaar mit Mundschutz schlurft verängstigt und seltsam zukunftslos übers Trottoir. Gegenüber beim Späti klumpen Männer mit braunen Gesichtern und schwarzen Bärten zusammen. Breite Ellbogen, große Gesten. Kontaktverbot? Abstand zueinander? Nie gehört. Mir doch egal!

Ein großes Ganzes oder auch nur ein Gemeinsames ist nirgends in Sicht. Stattdessen treten im grellen Licht der Ge-ahr die Unterschiede nur umso plastischer hervor: Der Mundschutz verbirgt nicht, er macht sichtbar. Früher war das schwieriger. Jetzt braucht man nur kurz hinzusehen, um zu erkennen, ob einer sozial kompatibel ist oder nicht.

Ohnehin verläuft es sich. Die menschenleeren Straßen, die geschlossenen Spielplätze gaben der Pandemie ein Stück weit ein Gesicht. Jetzt tobt auf der Zossener wieder der übliche Stau, alle atmen auf und gehen den gewohnten, lieb gewordenen Fetischen nach. Die Katastrophe hat sich in häusliche Quarantäne zurückgezogen, in die Krankenhäuser und Altenheime. Dort wartet sie.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Fast wie in der Kneipe

Online-Treffpunkt bei mog61

Marie Hoepfner. Foto: ksk

Marie Hoepfner ist Vorsitzende des Vereins mog61 Miteinander oh­ne Grenzen e.V. Mit ihr sprach Klaus Stark.

KuK: Schick schaust du aus mit Maske! Hast du die selbst gemacht?

Marie: Danke, danke! Ja, das ist eine von den fast 600 Stück, die mog61 inzwischen hergestellt hat. Wir sind zwölf Leute, darunter zwei Jugendliche. Die einen schneiden den Stoff zu, andere bügeln die Falten rein, nähen die Bänder oder machen die Masken fertig.

Für wen sind die Masken bestimmt?

Große Posten gingen an das Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße, die Sozialstation der Diakonie und an die Caritas. Weitere Masken sind für Kitas und Menschen, die Risikogruppen angehören oder in systemrelevanten Berufen arbeiten wie Krankenschwestern und Ehrenamtliche.

Warum macht ihr das?

Mund-Nasen-Masken von mog61. Foto: mog61

Es ist uns wichtig, in Zeiten von Corona unseren Teil beizutragen – auch wenn es nur ein kleiner Beitrag ist. Wir wollen uns solidarisch zeigen und helfen.

mog61 hat wegen Corona auch einen Online-Treffpunkt eingerichtet.

Ja, es geht darum, bei aller sozialer Distanz so etwas wie Nähe zu behalten. Es gibt verschiedene Themen. Mittwochs kann man mit Maike über Dinge reden, die einen belasten, und sich Mut zusprechen lassen. Donnerstags liest Gabi lustige und ernste Geschichten vor. Freitags ist Plauder­ecke mit Hilfsangeboten in der Nachbarschaft.

Kommt der virtuelle Treffpunkt gut an?

Wir machen das ja erst seit drei Wochen, so etwas muss sich etablieren. Aber wir hatten schon viele sehr gute Unterhaltungen. Simone etwa stammt aus Wien und hat erzählt, wie das mit Corona in Österreich läuft. Es ist ein wenig wie in der Kneipe, nur dass jeder sein Bier alleine trinkt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Wunderbarer Gesang

Wildes Kreuzberg: Nachtigall (Luscinia megarhynchos) / Um Mitternacht auf einer Bank am Landwehrkanal

Optisch eher unscheinbar – die Nachtigall vom Böcklerpark. Foto: ksk

In diesem Heft sollte eigentlich ein sehr besonderes Insekt gewürdigt werden. Aber das müssen wir leider verschieben, denn es ist etwas Außerordentliches passiert: Die Nachtigall vom Böcklerpark ist aus Afrika zurückgekehrt!

Mit den Nachtigallen ist es ganz ähnlich wie mit Glühwürmchen: Jeder hat von ihnen gehört, aber tatsächlich gesehen haben sie bisher nur wenige. Es sind gleichsam mystische Lebewesen. So hielten manche Leuchtkäfer sogar schon für ausgestorben, was aber gar nicht stimmt. Sie werden nur immer weniger.

Nachtigallen hingegen gibt es ausgerechnet in Berlin eine Menge – so viele, dass Berlin als »Hauptstadt der Nachtigallen« gilt. Experten zählen bis zu 1700 Brutpaare, angeblich mehr als in ganz Bayern. Als Bodenbrüter lieben sie ungepflegte Grünflächen, verwilderte Parks und verwahrlostes Straßenbegleitgrün. Ungefähr in der zweiten Aprilhälfte kehren sie aus dem tropischen Afrika zurück und errichten ihr Territorium. Während die Weibchen die Klappe halten und schweigen, stimmen die Männchen den wunderbaren, hochkomplexen Gesang an, der sie berühmt gemacht hat und seit Jahrhunderten Literatur wie Musik inspiriert.

Dabei sind es scheue, unauffällige Vögel, die man tagsüber kaum zu Gesicht bekommt. Was für ein Glück, als mittags im Böcklerpark plötzlich so ein graubraunes Vögel­chen auf einem Ast sitzt und unüberhörbar zu schmettern beginnt!

Tagsüber markieren sie nur ihr Revier, aber nachts locken sie mit schmelzenden Tönen die Geliebte an. Also lädt man jemanden ein, den man gerne hat, verspricht eine »Überraschung« und setzt sich mitten in der Nacht auf eine Bank am Landwehrkanal. Enten knarzen herum, Schwäne gleiten lautlos Richtung Spree. Es dauert lange. Aber dann, genau um 23.54 Uhr, fängt die Nachtigall tatsächlich zu singen an.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Was man über das Corona-Virus wissen muss

Händewaschen

Gründliches Händewaschen ist eine ganz zentrale Abwehrstrategie gegen das Corona-Virus. Wie das funktioniert, kann man sich z.B. in diesem lustigen Video ansehen. Und wie wichtig es ist, lernt man von diesen sehr eindrücklichen Fotos im »Tagesspiegel«.

Abstand halten

Das Virus überlebt auch eine Weile auf Oberflächen, wird aber anscheinend vor allem durch Anhusten oder eine feuchte Aussprache weiter verbreitet. Deshalb gilt: Zu Menschen, die nicht im gleichen Haushalt wohnen, mindestens 1,5 bis 2 Meter Abstand halten! Schwere Zeiten für Leute, die gerne mit anderen rumknutschen

Mundschutz

Normale Atemschutzmasken schützen vermutlich nicht vor Corona, können aber evtl. verhindern, dass andere von einem selbst ungewollt angesteckt werden. Da der Markt inzwischen leergekauft ist, sollten professionelle Masken Ärzten und Pflegern vorbehalten bleiben. Es wird aber zunehmend als »Akt der Höflichkeit« angesehen, sich selber welche zu basteln.

Symptome

Die Symptome von Covid-19 ähneln auf den ersten Blick einer Erkältung oder einer Grippe. Besonders auffällig dabei sind Fieber und ein trockener Husten. Bereits im März hat der »Spiegel« die wichtigsten Ähnlichkeiten und Unterschiede übersichtlich zusammengestellt.

In Leichter Sprache

Das Bundesgesundheitsministerium hat wichtige Informationen in Leichter Sprache zusammengestellt mit einem PDF, das man sich herunterladen kann. Überhaupt sind auf der Corona-Seite des Ministeriums sehr viele nützliche Beiträge, Tipps, Links und Informationsplakate versammelt – darunter auch ein Video in Gebärdensprache.

Neueste Zahlen

Die offiziellen Zahlen zu den Corona-Infizierten in Deutschland und in den einzelnen Bundesländern werden jeden Tag gegen 10 Uhr vom Robert Koch Institut mit Stand 0:00 Uhr bekannt gegeben. Meistens sind sie dann aber auch schon wieder überholt. Aktueller und genauer ist die Datensammlung der Berliner Morgenpost.

Berliner Regeln

Der Berliner Senat hat mit Wirkung vom 23. März umfangreiche Kontaktbeschränkungen beschlossen. Eine sehr hilfreiche Übersicht dazu findet sich hier. Dort gibt es auch weitere Erläuterungen für Handel, Gastronomie, Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheime und für Privatpersonen.

(Stand: 31.03.2020; ohne Gewähr)

 

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Mag Lupinen und Glockenblumen

Wildes Kreuzberg: Waldmaus (Apodemus sylvaticus) / Mindestens drei Familien sind im Kiez unterwegs

Apodemus sylvaticus bei nächtlichen Abenteuern. Foto: ksk

An der Kreuzung Mittenwalder / Gneisenaustraße wohnen mindestens drei Mäusefamilien. Die eine ist hinter einem Regenfallrohr gleich rechts vom Edeka-Markt zu Hause. Nachts wagen sich die Angehörigen mutig aufs Trottoir, schnuppern neugierig auf der Baumscheibe herum, wo im Moment schöne gelbe Narzissen blühen, und verschwinden dann wieder schnell in einem kleinen Loch am Verteilerkasten.

Die zweite ist unten an der U-Bahn zugange und scheint eine ziemlich große Sippe zu sein. Wenn man genau hinguckt, sieht man ab und zu ein graues Mäuschen über den Schotter wieseln. Dann machen die Touristen »Ah« und »Oh« (jedenfalls taten sie das, als in Berlin noch Touristen erlaubt waren), schnippen ein Stück Abfall auf die Gleise und die Mäuse freuen sich. Der U-Bahn-Lärm scheint sie nicht zu stören. Ob die beiden Clans sich gegenseitig besuchen, weiß man nicht, aber bei so Mäusen muss man mit allem rechnen.

Die dritte Familie bewirtschaftet das Straßenbegleitgrün oben vor der »Transmitter«-Sprachschule, wo seit letztem Sommer der Verein »mog61 Miteinander ohne Grenzen« Blumen pflanzt. Oder vielmehr zu pflanzen versucht. Denn die Mäuse dort lieben nicht nur die Körner heiß und innig, welche Rentner Herrmann mit vollen Händen an Spatzen verteilt, sondern auch die kleinen grünen Sämlinge. »Lupinen und Sonnenblumen haben sie ratzeputz aufgefressen«, klagt mog-Gärtner K. empört. »Und von den hübschen Glockenblumen, die uns Frau Koll geschenkt hat, ist auch fast nichts mehr übrig!«

Bleibt zu hoffen, dass die Koexistenz zwischen mog61 und den Mäusen dieses Jahr besser funktioniert. Es ist übrigens nicht ganz sicher, welche Spezies es genau ist. Vieles spricht für die Waldmaus. Wer beweisen kann, dass es sich um eine überaus ähnliche, selbst von Experten kaum unterscheidbare Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis) handelt, bekommt eine Tüte Gummibärchen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Kreuzberg war immer sein Sehnsuchtsort

Der Maler und Poet Kurt Mühlenhaupt hat nun in der Fidicinstraße 40 ein eigenes Museum

Ein Suchbild: Christina Schulz (li.) und Hannelore Mühlenhaupt (re). Aber ist das wirklich die Arndt- mit Blick auf die Friesenstraße? Und wer ist der kleine Mann links unten mit der roten Zipfelmütze? Fotos: ksk

Erst einmal gibt es ein herzhaftes Frühstück mit frischen Brötchen und leckerem Käse, und Christina Schulz berichtet schon mal ein wenig über den Umzug: »Wir hatten nie ein festes Datum, das hat so vor zwölf, vierzehn Monaten angefangen.« Kiste um Kiste wurde von Bergsdorf in die Fidicinstraße geschleppt. »Wir sind ja in der Regel da, und wenn jemand vorbeikommt, dann schließen wir die Tür auf und kochen Kaffee«, heißt es.

Ein paar Veranstaltungen fanden schon statt. Aber jetzt, Anfang März, geht es ganz offiziell los. Der bekannte Kreuzberger Milieumaler, Bildhauer, Trödler und Poet Kurt Mühlenhaupt ist nach Berlin zurückgekehrt und hat jetzt dort ein eigenes Museum bekommen.

Schulz selbst ist künstlerische Leiterin und so etwas wie die rechte Hand von Hannelore Mühlenhaupt. Zusammen mit Hund »Othello« sitzen sie inmitten all der bunten Bilder, Porträts, Straßenszenen, Stilleben und erzählen Geschichten.

Noch kurz vor der Wende hatten die Mühlenhaupts den urigen Hinterhof erworben. Das Theater Thikwa ist dort untergebracht, das englische Theater, ein Puppenspieltheater – und jetzt eben das neue Kurt-Mühlenhaupt-Museum. »Dreimal wurde der Kurt wegsaniert in Kreuzberg – in der Blücherstraße, am Chamissoplatz und letztendlich auch im Leierkasten«, sagt seine Frau. »Mein Mann hatte ungern jemanden über sich, er hatte viele Visionen und es hat ihn ganz toll gefuchst, dass jemand stärker ist als er und ihn einfach rauswerfen kann.«

Eigentlich sollten die Höfe in der Fidicinstraße schon damals zum neuen Lebensmittelpunkt werden. Aber das hatte seine Tücken: Bald saßen alle möglichen Lebenskünstler und Schluckspechte mit Kurt im Atelier, Hannelore spielte den Zerberus und verbannte allen Alkohol. »Das hat nichts genützt, da gab es morgens um zehn schon das erste Bier.« Schließlich zogen die beiden nach Bergsdorf bei Zehdenick im schönen Brandenburg und erkundeten dort den Osten – wo der Maler 2006 im Alter von 85 Jahren starb.

Hannelore stammt von einem Einödhof, zehn Einwohner, hundert Kühe, aus dem Fränkischen. Sie glaubt, dass dieses West-Ost-Ding eigentlich »ein Stadt-Land-Ding« ist, und kann wunderbare Geschichten aus Bergsdorf erzählen, wie der Ex-LPG-Vorsitzende »mit dem Jeep vorfuhr« und »Uschi und Sandra« beim Kuchen backen halfen.

Aber »das Kurtchen« war eben doch Kreuzberger, wo er die kleinen Leute, die Handwerker, Putzfrauen, Kellner und Straßenkehrer porträtiert hatte. Deshalb wurde der Gutshof nun an Chinesen verkauft, Hannelore stapft jeden Morgen den Kreuzberg hinauf und sagt: »Wir sind ganz glücklich hier. Die Fidicinstraße ist ja auch eine Art Dorf.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der KuK vom Januar 2020: Kurt Mühlenhaupt kehrt nach Kreuzberg zurück

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Mein Freund, der Baum, lebt!

Anfang März gehen an der Mittenwalder / Blücherstraße endlich die Lichter an

Trotz neuer Ampeln dürfen an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße alle Bäume stehen bleiben. Foto: ksk

Uns erreichen immer mehr Anfragen, ja sogar Beschwerden, was es mit den Ampeln an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße auf sich hat. Nicht eigentlich zu den Ampeln, die sind ja noch gar nicht da, sondern gerade deswegen: Warum sie nämlich so lange auf sich warten lassen. Seit Ende August wird an der Kreuzung herumgebastelt. Es wurden wundervolle Linksabbiegerspuren eingerichtet, ein aufwändiges Blindenleitsystem, sogar Tempo 30 gibt es dort im Moment – allerdings nur vorläufig, wie man erfährt. Nur die versprochenen Ampeln fehlen noch. Die stählernen Masten existieren schon, wären sie lebendig, würde man vielleicht sagen, sie strecken „anklagend die Hände zum grauen Winterhimmel“ empor, aber statt dessen stehen sie nur etwas ratlos in der Gegend herum und das tun viele verunsicherte Anwohner auch.

Da hat die KuK natürlich nachgefragt. Die gute Nachricht: Es liegt nicht am üblichen Berliner Schlendrian, den böse Zungen gern unterstellen, dass der harmlose Umbau einer Kreuzung nicht Ende Oktober 2019 fertig geworden ist, wie ursprünglich angekündigt, sondern immer noch nicht. Es liegt an einem Baum! Tatsächlich stehen direkt an der Kreuzung ein paar Bäume herum, vermutlich Platanen, und da musste erst umfänglich geklärt werden, ob angesichts der „neuen Lichtsignalanlage“ speziell „der Standort eines Baumes so bleiben kann“. Bei der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr heißt es nun: „Diese Klärung ist abgeschlossen, der Baum kann stehen bleiben.“ Das ist die zweite gute Nachricht.

Die dritte gute Nachricht ist, dass die Ampeln jetzt endlich – Ende Februar, Anfang März – doch kommen sollen, wie die zuständige Alliander Stadtlicht GmbH versichert. Die vierte: Der Umbau sollte mit Stand August 380.000 Euro kosten, inzwischen ist von 385.000 Euro die Rede. Und über so eine geringe Steigerung muss sich nun wirklich niemand aufregen.

 

Nur von den Obdachlosen ist keiner da

Der Wind bläst kalt ins Gesicht und die Strecke zieht sich: »Nacht der Solidarität« mit mog61 e.V.

Um halb zehn zieht der erste Trupp los. Mit hellblauen Warnwesten, die Taschenlampen griffbereit und – glaubt man den entschlossenen Gesichtern – für alles gerüstet, was da in dunkler Nacht auf einen zukommen mag. Nein, keine Polarexpedition, nur die »Nacht der Solidarität«.

In ganz Berlin wollten 2600 Freiwillige mithelfen, erstmals obdachlose Menschen zu zählen. Mehr als 100 sind im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße versammelt, das als Zählbüro dient. Vom Verein »mog61 – Miteinander ohne Grenzen« ist Marie dabei, als Teamleiterin.

In gewohnter Großzügigkeit gibt es erst mal tonnenweise Butterbrezeln, Kekse und Getränke. Erneut werden wichtige Regeln verkündet: Wir machen keine Fotos! Wir wecken niemanden auf! Wir sprechen sanft und leise!

Zu Maries Team gehören acht Leute, viele kommen aus dem sozialen Bereich. Sie machen sich flüchtig bekannt, Aufgaben werden verteilt. Wer bestimmt den Weg? Wer hält das Licht? Gewissenhaft wird geprobt: »Möchten Sie mit uns sprechen? Schlafen Sie auf der Straße?

«Draußen regnet es glücklicherweise nicht. Es ist eher mild, aber der Wind bläst kalt ins Gesicht. Gute Idee, das mit dem zusätzlichen Pulli. Busse fahren, auf den Straßen ist kaum jemand unterwegs. Ein ganz normaler Wochentag, zwei Stunden vor Mitternacht. Der Zählbezirk südlich des Landwehrkanals zieht sich, wenn man jede, aber auch jede Straße abläuft. Eine Passantin sagt: »Gut, dass ihr das macht!«

Nach zwei Stunden tun tatsächlich die Beine weh. Das Ergebnis: Team »Kreuzberg 8« hat keinen einzigen Obdachlosen entdeckt, nur drei verlassene Schlafstellen, die vielleicht im Sommer benutzt werden. Marie macht das nichts: »Das war nur der Anfang. Mit dem Thema Obdachlosigkeit wollen wir uns künftig intensiver beschäftigen.«

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Bis zu 500 Millionen Euro

Entwürfe für neue Bibliothek am Blücherplatz vorgestellt

Wer im Kiez um die Mittenwalder Straße wohnt, hat das große Glück, dass es bis zur Amerika-Gedenkbibliothek nur ein paar Schritte sind. Hingegen nervt der lange Anmarsch zur Stadtbibliothek in der Breiten Straße. Doch das wird sich ändern – zwar nicht sofort, aber vielleicht in 15 oder 20 Jahren.

Dann werden die beiden bisher getrennten Standorte der Zentral- und Landesbibliothek am Blücherplatz zusammengelegt. Nun ist auch klar, wie das ungefähr aussehen soll: Mitte Januar wurden die Ergebnisse einer Machbarkeitsstu-die präsentiert.

Der Neubau mit einer Nutzfläche von 38.000 Quadratmetern soll spätestens 2026 beginnen und darf bis zu 500 Millionen Euro kosten. Nur zur Erinnerung: Als Ex-Regierender Klaus Wowereit am Rande des Tempelhofer Feldes 270 Millionen Euro ausgeben wollte, war er bald darauf seinen Job los.

Konkret sind derzeit drei Varianten im Gespräch, zwischen denen ein Architekturwettbewerb entscheiden soll. Geplant sind monumentale Baukörper von bis zu 50 Metern Höhe, neben denen die Heilig-Kreuz-Kirche eher wie ein Spielzeug aussieht:

  • Variante 1: zwei Gebäude rechts und links der bisherigen AGB
  • Variante 2: ein einziger riesiger Würfelbau
  • Variante 3: ein u-förmiger Riegel an der Ostseite des Platzes

Zusätzlich soll die Blücherstraße zwischen Mehringdamm und Zossener Straße für den Autoverkehr gesperrt werden und es könnte auch eine Straßenbahnverbindung zum Potsdamer Platz geschaffen werden. Der kleine Park am Waterloo-Ufer mit den hohen Bäumen wird in der gegenwärtigen Form nicht überleben. Auch ist unklar, ob im Zusammenspiel mit den von einer Mauer umgebenen Friedhöfen so etwas wie eine einheitliche Grünfläche entsteht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.