Kreuzberg war immer sein Sehnsuchtsort

Der Maler und Poet Kurt Mühlenhaupt hat nun in der Fidicinstraße 40 ein eigenes Museum

Ein Suchbild: Christina Schulz (li.) und Hannelore Mühlenhaupt (re). Aber ist das wirklich die Arndt- mit Blick auf die Friesenstraße? Und wer ist der kleine Mann links unten mit der roten Zipfelmütze? Fotos: ksk

Erst einmal gibt es ein herzhaftes Frühstück mit frischen Brötchen und leckerem Käse, und Christina Schulz berichtet schon mal ein wenig über den Umzug: »Wir hatten nie ein festes Datum, das hat so vor zwölf, vierzehn Monaten angefangen.« Kiste um Kiste wurde von Bergsdorf in die Fidicinstraße geschleppt. »Wir sind ja in der Regel da, und wenn jemand vorbeikommt, dann schließen wir die Tür auf und kochen Kaffee«, heißt es.

Ein paar Veranstaltungen fanden schon statt. Aber jetzt, Anfang März, geht es ganz offiziell los. Der bekannte Kreuzberger Milieumaler, Bildhauer, Trödler und Poet Kurt Mühlenhaupt ist nach Berlin zurückgekehrt und hat jetzt dort ein eigenes Museum bekommen.

Schulz selbst ist künstlerische Leiterin und so etwas wie die rechte Hand von Hannelore Mühlenhaupt. Zusammen mit Hund »Othello« sitzen sie inmitten all der bunten Bilder, Porträts, Straßenszenen, Stilleben und erzählen Geschichten.

Noch kurz vor der Wende hatten die Mühlenhaupts den urigen Hinterhof erworben. Das Theater Thikwa ist dort untergebracht, das englische Theater, ein Puppenspieltheater – und jetzt eben das neue Kurt-Mühlenhaupt-Museum. »Dreimal wurde der Kurt wegsaniert in Kreuzberg – in der Blücherstraße, am Chamissoplatz und letztendlich auch im Leierkasten«, sagt seine Frau. »Mein Mann hatte ungern jemanden über sich, er hatte viele Visionen und es hat ihn ganz toll gefuchst, dass jemand stärker ist als er und ihn einfach rauswerfen kann.«

Eigentlich sollten die Höfe in der Fidicinstraße schon damals zum neuen Lebensmittelpunkt werden. Aber das hatte seine Tücken: Bald saßen alle möglichen Lebenskünstler und Schluckspechte mit Kurt im Atelier, Hannelore spielte den Zerberus und verbannte allen Alkohol. »Das hat nichts genützt, da gab es morgens um zehn schon das erste Bier.« Schließlich zogen die beiden nach Bergsdorf bei Zehdenick im schönen Brandenburg und erkundeten dort den Osten – wo der Maler 2006 im Alter von 85 Jahren starb.

Hannelore stammt von einem Einödhof, zehn Einwohner, hundert Kühe, aus dem Fränkischen. Sie glaubt, dass dieses West-Ost-Ding eigentlich »ein Stadt-Land-Ding« ist, und kann wunderbare Geschichten aus Bergsdorf erzählen, wie der Ex-LPG-Vorsitzende »mit dem Jeep vorfuhr« und »Uschi und Sandra« beim Kuchen backen halfen.

Aber »das Kurtchen« war eben doch Kreuzberger, wo er die kleinen Leute, die Handwerker, Putzfrauen, Kellner und Straßenkehrer porträtiert hatte. Deshalb wurde der Gutshof nun an Chinesen verkauft, Hannelore stapft jeden Morgen den Kreuzberg hinauf und sagt: »Wir sind ganz glücklich hier. Die Fidicinstraße ist ja auch eine Art Dorf.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der KuK vom Januar 2020: Kurt Mühlenhaupt kehrt nach Kreuzberg zurück

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Mein Freund, der Baum, lebt!

Anfang März gehen an der Mittenwalder / Blücherstraße endlich die Lichter an

Trotz neuer Ampeln dürfen an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße alle Bäume stehen bleiben. Foto: ksk

Uns erreichen immer mehr Anfragen, ja sogar Beschwerden, was es mit den Ampeln an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße auf sich hat. Nicht eigentlich zu den Ampeln, die sind ja noch gar nicht da, sondern gerade deswegen: Warum sie nämlich so lange auf sich warten lassen. Seit Ende August wird an der Kreuzung herumgebastelt. Es wurden wundervolle Linksabbiegerspuren eingerichtet, ein aufwändiges Blindenleitsystem, sogar Tempo 30 gibt es dort im Moment – allerdings nur vorläufig, wie man erfährt. Nur die versprochenen Ampeln fehlen noch. Die stählernen Masten existieren schon, wären sie lebendig, würde man vielleicht sagen, sie strecken „anklagend die Hände zum grauen Winterhimmel“ empor, aber statt dessen stehen sie nur etwas ratlos in der Gegend herum und das tun viele verunsicherte Anwohner auch.

Da hat die KuK natürlich nachgefragt. Die gute Nachricht: Es liegt nicht am üblichen Berliner Schlendrian, den böse Zungen gern unterstellen, dass der harmlose Umbau einer Kreuzung nicht Ende Oktober 2019 fertig geworden ist, wie ursprünglich angekündigt, sondern immer noch nicht. Es liegt an einem Baum! Tatsächlich stehen direkt an der Kreuzung ein paar Bäume herum, vermutlich Platanen, und da musste erst umfänglich geklärt werden, ob angesichts der „neuen Lichtsignalanlage“ speziell „der Standort eines Baumes so bleiben kann“. Bei der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr heißt es nun: „Diese Klärung ist abgeschlossen, der Baum kann stehen bleiben.“ Das ist die zweite gute Nachricht.

Die dritte gute Nachricht ist, dass die Ampeln jetzt endlich – Ende Februar, Anfang März – doch kommen sollen, wie die zuständige Alliander Stadtlicht GmbH versichert. Die vierte: Der Umbau sollte mit Stand August 380.000 Euro kosten, inzwischen ist von 385.000 Euro die Rede. Und über so eine geringe Steigerung muss sich nun wirklich niemand aufregen.

 

Nur von den Obdachlosen ist keiner da

Der Wind bläst kalt ins Gesicht und die Strecke zieht sich: »Nacht der Solidarität« mit mog61 e.V.

Um halb zehn zieht der erste Trupp los. Mit hellblauen Warnwesten, die Taschenlampen griffbereit und – glaubt man den entschlossenen Gesichtern – für alles gerüstet, was da in dunkler Nacht auf einen zukommen mag. Nein, keine Polarexpedition, nur die »Nacht der Solidarität«.

In ganz Berlin wollten 2600 Freiwillige mithelfen, erstmals obdachlose Menschen zu zählen. Mehr als 100 sind im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße versammelt, das als Zählbüro dient. Vom Verein »mog61 – Miteinander ohne Grenzen« ist Marie dabei, als Teamleiterin.

In gewohnter Großzügigkeit gibt es erst mal tonnenweise Butterbrezeln, Kekse und Getränke. Erneut werden wichtige Regeln verkündet: Wir machen keine Fotos! Wir wecken niemanden auf! Wir sprechen sanft und leise!

Zu Maries Team gehören acht Leute, viele kommen aus dem sozialen Bereich. Sie machen sich flüchtig bekannt, Aufgaben werden verteilt. Wer bestimmt den Weg? Wer hält das Licht? Gewissenhaft wird geprobt: »Möchten Sie mit uns sprechen? Schlafen Sie auf der Straße?

«Draußen regnet es glücklicherweise nicht. Es ist eher mild, aber der Wind bläst kalt ins Gesicht. Gute Idee, das mit dem zusätzlichen Pulli. Busse fahren, auf den Straßen ist kaum jemand unterwegs. Ein ganz normaler Wochentag, zwei Stunden vor Mitternacht. Der Zählbezirk südlich des Landwehrkanals zieht sich, wenn man jede, aber auch jede Straße abläuft. Eine Passantin sagt: »Gut, dass ihr das macht!«

Nach zwei Stunden tun tatsächlich die Beine weh. Das Ergebnis: Team »Kreuzberg 8« hat keinen einzigen Obdachlosen entdeckt, nur drei verlassene Schlafstellen, die vielleicht im Sommer benutzt werden. Marie macht das nichts: »Das war nur der Anfang. Mit dem Thema Obdachlosigkeit wollen wir uns künftig intensiver beschäftigen.«

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Bis zu 500 Millionen Euro

Entwürfe für neue Bibliothek am Blücherplatz vorgestellt

Wer im Kiez um die Mittenwalder Straße wohnt, hat das große Glück, dass es bis zur Amerika-Gedenkbibliothek nur ein paar Schritte sind. Hingegen nervt der lange Anmarsch zur Stadtbibliothek in der Breiten Straße. Doch das wird sich ändern – zwar nicht sofort, aber vielleicht in 15 oder 20 Jahren.

Dann werden die beiden bisher getrennten Standorte der Zentral- und Landesbibliothek am Blücherplatz zusammengelegt. Nun ist auch klar, wie das ungefähr aussehen soll: Mitte Januar wurden die Ergebnisse einer Machbarkeitsstu-die präsentiert.

Der Neubau mit einer Nutzfläche von 38.000 Quadratmetern soll spätestens 2026 beginnen und darf bis zu 500 Millionen Euro kosten. Nur zur Erinnerung: Als Ex-Regierender Klaus Wowereit am Rande des Tempelhofer Feldes 270 Millionen Euro ausgeben wollte, war er bald darauf seinen Job los.

Konkret sind derzeit drei Varianten im Gespräch, zwischen denen ein Architekturwettbewerb entscheiden soll. Geplant sind monumentale Baukörper von bis zu 50 Metern Höhe, neben denen die Heilig-Kreuz-Kirche eher wie ein Spielzeug aussieht:

  • Variante 1: zwei Gebäude rechts und links der bisherigen AGB
  • Variante 2: ein einziger riesiger Würfelbau
  • Variante 3: ein u-förmiger Riegel an der Ostseite des Platzes

Zusätzlich soll die Blücherstraße zwischen Mehringdamm und Zossener Straße für den Autoverkehr gesperrt werden und es könnte auch eine Straßenbahnverbindung zum Potsdamer Platz geschaffen werden. Der kleine Park am Waterloo-Ufer mit den hohen Bäumen wird in der gegenwärtigen Form nicht überleben. Auch ist unklar, ob im Zusammenspiel mit den von einer Mauer umgebenen Friedhöfen so etwas wie eine einheitliche Grünfläche entsteht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Alles Müll, oder was?

Kreuzberg wird Zero-Waste-Bezirk

Stört ungemein: Müll im öffentlichen Raum. Foto: ksk

Freunde des »Karnevals der Kulturen« wissen, dass die eigentlichen Höhepunkte der Veranstaltung erst am späteren Abend zu besichtigen sind. Dann schieben sich die Kehrmaschinen der BSR wie Mähdrescher aus dem amerikanischen Mittelwesten über die vierspurigen Straßen, saugen alles ein, was ihnen nur vor die gefräßigen Rüssel kommt, und arbeiten wie von unsichtbaren Händen gesteuert perfekt mit den Radladern und Straßenfegern zusammen, die alle nichts anderes im Sinn haben, als die gigantischen Mülllawinen zu beseitigen.

Diesem Müll im öffentlichen Raum hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg nun den Kampf angesagt. Dabei geht es gar nicht um die Sofas, die versifften Matratzen, lädierten Drehstühle, Regalreste oder kaputten Fernsehapparate, die immer häufiger die Trottoirs schmücken. Diese Art Abfall einzusammeln, das machte Umweltstadträtin Clara Herrmann bei der Präsentation des neuen Konzeptes klar, sei »nur Symptombekämpfung: Abfall soll gar nicht erst entstehen!«

»Fair-Trade-Bezirk« ist Kreuzberg schon, jetzt soll es auch noch »Zero-Waste-Bezirk« werden. Dazu wurde für 60.000 Euro ein umfangreiches Konzept erstellt mit einer Analyse des Ist-Zustandes, Best-Practice-Beispielen und Handlungsempfehlungen. So will der Bezirk noch in diesem Jahr Einweggrills verbieten, Zigarettenkippen-Mülleimer installieren und »Bibliotheken der Dinge« ausbauen. 2021 sollen dann alle Großveranstaltungen ein Abfallvermeidungskonzept vorlegen. Ob das wirklich hilft, bleibt abzuwarten. Liebhaber der großen Müllschlacht am Ende des Karnevals der Kulturen müssen sich vermutlich vorerst keine Sorgen machen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Unglaublicher Zauber

»Just Juggling« zieht aus dem Hinterhof vor an die Straße

Jongleur Alan Blim hebt nur gerade ein wenig die Schwerkraft auf. Foto: ksk

Rot, gelb, orange, grün, blau. Die hübschen Bälle in den Regalen leuchten in grellen Farben und liegen gut in der Hand. »Hirse und Leinsamen«, sagt der Jongleur fachmännisch. Ein Modell mit dem Namen »Spot« schätzt er besonders. »Das ist ein bisschen fest, das schafft Klarheit, und ein bisschen weich für das Spielerische.«

Wer Alan Blim in seinem Laden »Just Juggling« im Hinterhof an der Zossener Straße trifft, merkt sofort, dass er es mit einem besonderen Menschen zu tun hat. Beim Sprechen nimmt er die Bälle fast zärtlich in die Hand. Der kann aber gut jonglieren, denkt man zuerst. Dann entsteht ein ganzes Planetensystem und plötzlich begreift man: Dieser Mann hebt gerade die Schwerkraft auf!

Alan ist in Kenia geboren, hat die Jugend in England verbracht, erst das Klavierspielen, dann das Klettern entdeckt und mit 17 zu jonglieren begonnen. »Ein klassisches Gauklerleben«, resümiert der 54-Jährige. 1996 hat er in Berlin Fuß gefasst. Dort hob er die legendären Jonglier-Katakomben in der Monumentenstraße aus der Taufe. Ein Mekka für Artisten aus aller Welt, aber eben auch ein finanzielles Desaster.

Also eröffnete Blim »Just Juggling« und wieder schuf er einen zentralen Treffpunkt für die Szene. Zweieinhalb Jahre lang hatte er außerdem den Spielzeugladen in der Marheineke-Markthalle. Den musste er zum Jahreswechsel schließen und auch »Just Juggling« wurde ihm gekündigt. Glücklicherweise bekam er noch am gleichen Tag den früheren Friseurladen neben dem »Orientesspress«. Dort will Blim im Februar neu eröffnen – mit Jonglierbedarf, Spielzeug und auch ein paar Schreibwaren.

Was ist am Jonglieren so toll? »Du verlierst das Zeitgefühl. Es befestigt den Charakter, weil man ständig Zwischenziele hat. Jongleure stehen oft stark im Leben. Und es entfaltet einen unglaublichen Zau ber.« Alan erzählt noch die Geschichte von den zwei feindlichen Armeen, die sich im alten China gegenüberlagen. Ein Mann trat vor, begann mit zehn Bällen zu jonglieren – und der Gegner floh.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Nietzsche, Hitchcock & Poe

Wildes Kreuzberg: Nebelkrähe (Corvus cornix) / Ein ruiniertes Image wird man nicht so leicht wieder los

Eine Nebelkrähe, hier einmal ganz ohne Nebel. Foto: ksk

Krähen und ihre engen Verwandten, die Raben, sind ausgesprochen symbolische Vögel. »Die Krähen schrei’n / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt«, dichtete der halb wahnsinnige Nietzsche. Edgar Allan Poe und Alfred Hitchcock haben sich von ihnen inspirieren lassen, und in Rilkes berühmtem Gedicht »Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr« kommen zwar keine Krähen vor, aber er hat sie wohl nur vergessen – denn Alleen mit Herbstlaub kann man sich gar nicht ohne Krähengeschrei vorstellen.

Krähen haben es schwer. Weil sie schwarz sind, werden sie gern mit dem Tod in Verbindung gebracht. Sie verschmähen weder Abfälle noch Aas, und ihr heiseres, raues Krächzen macht sie nicht eben beliebter. Spätestens hier muss erwähnt werden, dass es verschiedene Krähen gibt: Die Rabenkrähe ist komplett schwarz, die Saatkrähe schwarz mit einem hellen Schnabel und die Nebelkrähe hellgrau mit schwarzen Flügeln und einem schwarzem Kopf.

Nebelkrähen brüten vor allem östlich der Elbe, lieben Großstädte und sind im Widerspruch zu ihrem schlechten Image kluge und sehr soziale Vögel. Während sich anderswo die Männchen geckenhaft herausputzen oder mit wildem Getriller Eindruck schinden, beteiligt sich die männliche Krähe am Nestbau und zieht gemeinsam mit dem Weibchen die Jungen groß.

Eine Nebelkrähe würde sich übrigens nie wie ein Eichhörnchen an einen ausgestreckten Arm mit Nüssen heranschmeißen. Stattdessen stolziert sie damenhaft durch den Müll, guckt allenfalls etwas neugierig, und wenn das seltsame Wesen mit dem Teleobjektiv immer näher rückt, schwingt sie sich verächtlich auf einen Ast.

Generell beobachten Nebelkrähen die Dinge gerne mit einem gewissen Abstand von oben. Dann kreisen sie paarweise oder in großen Schwärmen am grauen Winterhimmel, kontrollieren sorgfältig, ob auch alles in Ordnung ist, und machen zufrieden »kra-kra«.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Kurt Mühlenhaupt kehrt nach Kreuzberg zurück

Ab März hat das neue Museum in der Fidicinstraße 40 geöffnet

Sein Grabstein am Halleschen Tor – so sah sich Kurt Mühlenhaupt selbst. Foto: ksk

Der Maler, Bildhauer und Schriftsteller Kurt Mühlenhaupt kehrt in seine Wahlheimat Kreuzberg zurück. Jedenfalls das von seiner Frau Hannelore gegründete Museum, das das Andenken an den legendären Kreuzberger Milieukünstler hochhält.

Mühlenhaupt selbst war nach der Wende vom Chamissoplatz nach Bergsdorf bei Zehdenick in Brandenburg gezogen, wo er mit seiner Frau einen alten Gutshof ausbaute und 2006 im Alter von 85 Jahren starb. Dort war seither das Kurt-Mühlenhaupt-Museum zuhause, das Ausstellungen und Konzerte organisiert hat.

Inzwischen hat Hannelore Mühlenhaupt den malerischen Gutshof an einen chinesischen Investor verkauft, der dort ein Künstlerdorf einrichten will. Das Museum selbst zog schon vor einigen Monaten nach Berlin zurück, in die Fidicinstraße 40. Denn eigentlich habe Kurt ja immer nach Kreuzberg gehört, findet seine Frau.

»Bei all dem Kram und Krempel, den wir im Laufe von dreißig Jahren in Bergsdorf angehäuft haben«, sei der Umzug »eine echte Herausforderung« gewesen, verrät sie. »Wenn man ein so großes Haus und Grundstück mit Dachböden, Garagen und Rübenkellern hat, hebt man einfach alles auf.« Am Sonntag, 5. Januar, gab es am neuen Ort bereits einen kleinen Neujahrsempfang mit Peter Subway, ab März soll das Museum freitags und samstags von 15 bis 19 Uhr geöffnet sein.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Schafe, Nebel & Sherlock Holmes

Broken English ist wieder da – jetzt in der Arndtstraße

Antje Blank, die neue Inhaberin von Broken English, zusammen mit ihren Lieblingskeksen. Foto: ksk

Links vom Eingang liegen die Kekse. »Walkers Pure Butter Shortbread Highlanders« zum Beispiel oder »Tunnock‘s Milk Chocolate Coated Caramel Wafer Biscuits«. Daneben »Duke & Duchess of Sussex English Breakfast Tea« und natürlich »Frank Cooper‘s Original Oxford Marmalade«. Was für eine Fundgrube für Freunde des Vereinigten Königreichs!

Broken English ist wieder da. Aus Sorge vor dem bevorstehenden Brexit hatte Dale Carr ihren legendären Laden für englische Spezialitäten in der Körtestraße schließen müssen. Aber jetzt hat sie eine Nachfolgerin gefunden und seit Oktober ist der neue Laden in der Arndtstraße 29 geöffnet.

Ein schönes, helles, liebevoll eingerichtetes Geschäft. Die neue Inhaberin Antje Blank ist eigentlich studierte Anglistin und hat über radikale Schriftstellerinnen im 18. Jahrhundert promoviert. Mit ihrem Mann lebte sie 15 Jahre lang in Großbritannien. Noch heute schwärmt sie davon: »Die Landschaft, die Berge, oft stehen Schafe an der Straße, es ist neblig und man kommt sich vor wie bei Sherlock Holmes.« Auch vermisst sie den lockeren britischen Umgang, »diese geflissentlich leicht witzige Sprache, mit der man sich sehr geschickt durch den Alltag manövrieren kann«.

Seit 2007 wohnt sie in Berlin und ging fleißig bei Dale Carr einkaufen. »Eines Morgens lag ich im Bett und habe bei Spiegel Online gesehen, dass Frau Carr ihren Laden zumacht. Das hat mich schockiert! Da hab ich einfach eine E-Mail geschrieben.«

Die beiden Frauen haben verhandelt, sich mehrfach getroffen und am Ende war nicht nur eine Nachfolgerin, sondern auch ein neuer Standort in Sicht. Und der Brexit? Wenigstens sei mit dem Wahlsieg von Boris Johnson jetzt die Ungewissheit beseitigt, ob er kommt. Aber ein No-Deal wäre schon schwierig. »Wir haben viele kleine Familienunternehmen. Ich glaube nicht, dass die für jedes Päckchen einen Exportschein ausfüllen.«

Broken English: mo-fr 11-18, sa 11-16 Uhr.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Von Australien bis Venezuela

… kommen Studenten zu »Transmitter« und lernen Deutsch

Der Unterricht in der Gneisenaustraße 86 macht offenbar mächtig Spaß. Foto: Dana Engfer

»Wie viele Sprachen du sprichst, so oftmal bist du Mensch.« Das soll der große Goethe einmal gesagt haben. Nun gut, das ist schon eine ganze Weile her, aber Vu Hoang spricht jedenfalls eine Menge Sprachen. Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Vietnamesisch. Ein wenig Japanisch, das Große Latinum hat er auch und im Moment lernt er Hebräisch. »Faszinierende Schriftzeichen«, sagt er.

Hoang gehört die Sprachschule »Transmitter« und die ist letzten Sommer vom Neuköllner Schillerkiez in die Gneisenaustraße 86 umgezogen. »Wir waren ein Opfer der Gentrifizierung«, sagt Hoang. Teile des Hauses in der Allerstraße sollten an einen Investor verkauft werden, die Miete lag plötzlich doppelt so hoch und da blieb nur die Suche nach neuen Räumen.

Die Sprachschule selbst existiert schon seit sieben Jahren. Hier wird Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Die Studenten kommen aus der ganzen Welt und sind meistens zwischen 25 bis 35 Jahre alt. Sogenannte »Young Professionals«: Architekten, Designer, Medienleute, Künstler, viele Doktoranden, die alle nicht nur ein paar Brocken Deutsch sprechen wollen. Tatsächlich reicht die Liste der Herkunftsländer von Australien bis Venezuela.

Es gibt Intensiv- und Abendkurse, jeweils vier oder sechs Wochen lang. Sie kosten 240 oder 150 Euro und müssen in der Regel privat bezahlt werden. Mit vielen Studenten bleibt Hoang auch nachher in Kontakt. So stellte die Japanerin Saki Nagatani im Sommer bei Transmitter eigene Illustrationen aus. Hoang selbst hat zuvor als Kurator und Galeriemanager gearbeitet und längere Zeit in New York und in Neapel gelebt. Jetzt sagt er: »Berlin ist mein Zuhause!«

Und wie gefällt es dem 38-Jährigen in Kreuzberg? »Der Start im Sommer war ziemlich rau!« Wegen der Starkregen gab es zwei Überschwemmungen, dann noch zwei Einbrüche in sehr kurzer Zeit. Bis Juli 2007 war übrigens im selben Souterrain die KuK-Redaktion untergebracht – aber daran erinnert sich schon fast niemand mehr.

Sprachschule Transmitter

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Es ist sehr, sehr lange her

Gregorianik und frühe Mehrstimmigkeit in Heilig Kreuz

Ein kleines Licht in der Heilig-Kreuz-Kirche. Foto: ksk

Sie kommen mit Isomatten, Schlafsäcken, Decken und Luftmatratzen. Manche haben eine Thermosflasche mit Kaffee dabei und eine Tüte Weihnachtsplätzchen. Alle diese Utensilien, die eher an einen Campingplatz oder einen Yoga-Wohlfühl-Workshop denken lassen als an ein Gotteshaus, breiten sie auf dem Boden aus und dann, nach einer Weile, erlischt das Licht.

Weih-NachtKlänge ist ein Konzert in der Heilig-Kreuz-Kirche, bei dem man traditionell auf dem Boden liegen darf, um sich ganz dem Klang hinzugeben. Nur ein paar Kerzen leuchten in der riesigen, dunklen Kirche, im Chor noch ein Stern und natürlich der Weihnachtsbaum.

Und dann ertönen Stimmen in der Dunkelheit. Warme, kraftvolle, starke und selbstbewusste Stimmen. Erst vorne am Altar, dann klettern sie hoch auf die Empore und schließlich hat man das Gefühl, sie kämen von überall. Das ist Vox Nostra: Burkhard Wehner, Werner Blau, Amy Green, Susanne Wilsdorf und Ellen Hüningen. Sie singen nicht irgendetwas, sondern Stücke aus dem Gregorianischen Choral und der frühen abendländischen Mehrstimmigkeit.

Das ist sehr weit weg und sehr, sehr lange her. Keine Krankenversicherung, keine Rente, ach was, kein Internet, kein Automobil, kein Telefon, noch nicht einmal Dampfmaschine und elektrische Beleuchtung. Shakespeare hatte seine Dramen nicht geschrieben, noch nicht einmal Amerika war entdeckt.

Aber in den Wäldern Europas wuchs, vorerst im Banne des christlichen Glaubens, eine neue Kultur. Schlanke Gesänge, streng und archaisch, schraubten sich fast schwerelos zum Himmel empor. Eroberten vom Grundton aus Quart und Quint, manchmal die Sext, ein tiefer Halteton kam bald hinzu.

Um 1220 komponierte Magister Perotin in der Kathedrale Notre Dame, wo dieses Jahr erstmals seit 200 Jahren keine Christmette stattfand, bereits vierstimmig. »Mundus vergens« – die Welt sinkt dahin, aus heutiger Sicht fast ein wenig prophetisch. Aber was war das auf einmal für eine Pracht!

Nun ist das lange her und die Musik – ohne Dur, Moll und Akzentstufentakt – wirkt auf heutige Ohren ausgesprochen befremdlich. Aber ein schöneres, intensiveres Klangerlebnis wäre in dieser Zeit wohl kaum denkbar gewesen. Nur am Ende, nach langem Applaus, wurde es trotz Fußbodenheizung in der Kirche empfindlich kalt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Fridolin, Fridolina, Transhörnchen

Wildes Kreuzberg: Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) / Warum auf dem Friedhof ein paar Haselnüsse sehr nützlich sind

Fridolin bei der Nahrungsaufnahme, ganz konzentriert. Foto: ksk

Bevor man ein paar nette Worte über Eichhörnchen verlieren kann, muss erst im befreundeten Umfeld geklärt werden, ob sie nicht eigentlich »böse« sind. Klar, im Frühling machen sich die kleinen Räuber schon mal über die Nester von Vögeln her. Schließlich kämpft so ein Eichhörnchen ums Überleben und hat nicht den Bio-Supermarkt direkt um die Ecke, wie der gewöhnliche vegane Kreuzberger. Aber lassen wir das auf sich beruhen.

Eichhörnchen sind ausgesprochen niedliche Tiere. Auf den Friedhöfen vor dem Halleschen Tor gibt es mindestens drei: Fridolin, Fridolina und Transhörnchen. Fridolina ist, wie bei Mädchen häufig, etwas hübscher als Fridolin und sie hat eine besonders nette Art, den Kopf schief zu legen und um Nüsse zu betteln. Transhörnchen heißt so, nicht weil es nicht wüsste, ob es männlich oder weiblich ist. Aber wir haben es noch nicht herausgefunden, deshalb nennen wir es so. Vielleicht lebt es schon länger hier, vielleicht ist es ein Geflüchtetes, keine Ahnung. Auch das lassen wir lieber auf sich beruhen.

Abgesehen von der Paarungszeit sind Eichhörnchen Einzelgänger, aber die drei scheinen sich gut zu verstehen. Sie toben die Bäume hinauf und hinunter, lassen ihre rotbraune Rute zwischen den Grabsteinen leuchten und verbuddeln fleißig Nüsse im Boden, die sie ohnehin nie wieder finden.

Wenn sie einen noch nicht so gut kennen, pirschen sie sich vorsichtig von hinten aus der Deckung heran, schnappen nach einer Nuss und bringen sich gleich wieder in Sicherheit. Nach einer Weile kommen sie direkt auf einen zugesprungen, gucken fragend und bleiben sitzen. Schönes Gefühl, wenn so ein lebendiges Wesen, das doch bei aller Zutraulichkeit immer noch ein wildes Tier voller Würde ist, keine Angst mehr vor einem hat.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Was ist wichtig im Leben?

Buddha-Bärchen von mindsweets helfen beim Nachdenken

Meditierende Buddha-Bärchen in der Mittenwalder Straße mit Arne Schaefer. Foto: ksk

Sie sehen auf den ersten Blick aus wie Gummibärchen. Aber es sind gar keine Gummibärchen, sondern Buddha-Bärchen. Erstens erkennt man das natürlich sofort an ihrer meditativen Haltung. Zweitens sind sie nicht aus Gelatine, sondern von Kopf bis Fuß vegan, gluten- und lactosefrei und ohne künstliche Aromen.

Und drittens meditieren nicht nur die Bärchen selbst, sondern auch der Konsument sollte oder könnte das zumindest tun, wenn er sie sich auf der Zunge zergehen lässt. Arne Schaefer, der Gründer der mindsweets GmbH, hat dafür ein eigenes Wort erfunden: »Naschdenken«. Das bedeutet: Süßigkeiten genießen und dabei über das wirklich Wichtige im Leben nachdenken.

Mindsweets entstand 2010 in Kreuzberg und stellt vegane Bio-Süßigkeiten her. Vor allem für den Großhandel, wo sie dann an Supermärkte wie Bio Company oder LPG verteilt werden, oder für den Online-Shop. Im April zog das Büro von der Arndtstraße in die Mittenwalder Straße und natürlich kann man auch dort ein paar Bärchen bekommen.

Im Sommer sitzen Marketingfrau Elisabeth Illgen und ihre Kollegen gerne vor der Tür in der Sonne und basteln an neuen Ideen. Neben Buddha- gibt es inzwischen freche Berlin-Bärchen, die sich über den nicht existenten Flughafen lustig machen. Pro Tütchen gehen zehn Cent an Kinder und Jugendliche in Not.

Denn die Bärchen sind nicht nur ökologisch, sondern auch sozial: »Sie werden in einer Behindertenwerkstatt in Berlin von Hand konfektioniert«, sagt Illgen. Tatsächlich balanciert die Bärchen-Firma mutig zwischen Kapitalismus und Buddhismus. Natürlich geht es ums Geldverdienen. Andererseits sind alle vier Beschäftigten aktive Buddhisten und »Naschdenken« ist im Prinzip die buddhistische Achtsamkeitsübung in Form einer Ess-Meditation.

Deshalb sollte der »Schoko-Schamane«, der große Bruder der Buddha-Bärchen, auch nicht einfach so, sondern besser nach dem in der aufwendigen Verpackung genau beschriebenen Ritual verzehrt werden.

Zum mindsweets-Shop

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Engagement fast bis zum Umfallen

Der Möckernkiez e.V. kümmert sich um Kultur, sozialen Zusammenhalt und mischt sich ein

Im Möckernkiez e.V. aktiv: Eva Zimmermann, Meike von Appen, Anja Koeller, Thomas Fues (v.li.). Foto: ksk

An der Wand hängen ganz viele Zettel. Da steht mit buntem Filzstift geschrieben: »AG Mobilität«, »AG Barrierefreiheit«, »AG Kommunikation« und »AG Grüner Daumen«. Wer im Netz den Terminkalender des Möckernkiez e.V. studiert, gewinnt vollends den Eindruck, es handle sich um eine ausgewachsene Volkshochschule.

Anderswo leben Menschen häufig nebeneinander her und wissen kaum voneinander. Im Möckernkiez soll das anders sein. »Ich bin hergezogen mit dem Gedanken: Hier kann man sich engagieren, bis man tot umfällt. Hier gibt es soziale Treffpunkte«, sagt Meike von Appen von der AG Kultur.

Heute Vormittag zum Beispiel einen Kurs zum »Sicheren Umgang mit dem Smartphone«. Danach tagt die Öko AG zum Dragonerareal, später ist »Yoga am Mittag« angesagt. Am Nachmittag Kindercafé, Malgruppe und noch ein Hausgruppentreffen.

Die 471 Wohnungen im Möckernkiez gehören alle einer Genossenschaft. Vor einigen Jahren geriet das ehrgeizige Projekt wegen Geldproblemen in die Schlagzeilen. Doch inzwischen sind alle Wohnungen bezogen und es ist Ruhe eingekehrt.

Gewiss, die Mieten liegen nicht eben niedrig. Andererseits muss niemand fürchten, von Spekulanten herausgeklagt zu werden. Es ist ein ökologisches und vor allem ein soziales Modellprojekt. Besonders wichtig sind die Gemeinschaftsräume – der schöne »Multifunktionsraum«, die Werkstatt, der Cafébereich »Möca«.

Dort treffen sich Arbeitsgruppen, dort wird der 14-tägige Newsletter erstellt, dort tagen die Hausgruppen. Heute zie­hen Eva Zimmermann, Meike von Appen, Anja Koeller und Thomas Fues vom Moeckernkiez e.V. dort eine Bilanz.

Treffpunkt Möca. Foto: ksk

Tatsächlich ist der Verein sogar älter als die Genossenschaft selbst und so etwas wie ihre Keimzelle gewesen. Aber mit den vielen Angeboten richtig in Fahrt gekommen ist er erst jetzt. Ein Jahr lang haben die Aktiven Erfahrungen gesammelt. Jetzt wollen sie »noch mehr nach außen gehen«, sagen sie, »und klarmachen, dass Menschen aus der Umgebung auch eingeladen sind«.

Denn der Verein betreibt nicht nur Nabelschau, sondern mischt sich ein. Zu einem Vortrag des Verbands der Wohnungsunternehmen kamen mehr als 100 Zuhörer. Spitzenpolitiker von Linken und Grünen sprachen vor, und weil der Möckernkiez eine »Genossenschaft von unten« ist, so Thomas Fues, gehen Mitglieder auch mal demonstrieren, wenn es gegen hohe Mieten geht.

Im Möckernkiez ist mächtig viel los. Von Appen erinnert an den Vortrag eines Bestatters: »Nachher konnte ich mit meiner 98-jährigen Mutter über das Thema sprechen.« Eva Zimmermann stellt Fotos aus und hat einen eigenen Film mit dem Titel »Zeitzeugen« gezeigt.

Jetzt muss sich das reiche kulturelle und soziale Leben hinter der eher abschreckend wirkenden Front an der Yorckstraße nur noch mehr herumsprechen. Zimmermann hat schon Leute getroffen, die sagten: »Dass hinter diesem Block da Menschen wohnen – da wäre ich nie drauf gekommen.«

Hier der aktuelle Veranstaltungskalender des Möckernkiez e.V.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.