Ein Schiff wird kommen …

Klaus Stark wartet um Mitternacht am Kreuzberger Landwehrkanal auf die MS »Rudolf Kloos«

Das Belüftungsschiff auf nächtlicher Tour im Urbanhafen … Foto: ksk

Tagsüber war es heiß und auch jetzt hat es noch mehr als 20 Grad. Straßenlaternen malen orange-gelbe Streifen auf das tintenschwarze Wasser. Ein Flaschensammler scheppert aufdringlich mit seinem Einkaufswagen, irgendwo dunkle Bässe einer Coronaparty. Rechts kauert ein Pärchen. »Al­so weißt du, ich meine ja nur, manchmal den­ke ich …«, sagt sie. Er: »Ich verstehe dich schon.« Schweigen.

Kurz vor Mitternacht am Kreuzberger Urbanhafen. Wir warten auf ein Schiff. Ein ganz besonderes Schiff, wie Derk Ehlert von der Senatsverwaltung für Umwelt versichert hat. Es heißt »Rudolf Kloos« und es ist ein Belüftungsschiff.

Um zu verstehen, was es so treibt, muss man ein wenig über Hydrologie reden. Im Vergleich zu Flüssen wie Elbe oder Rhein fließen die Berliner Gewässer sehr langsam. Dies gilt besonders für die Kanäle, wo das Wasser praktisch steht.

So steigt im Sommer die Temperatur im Landwehrkanal schon mal auf 26 Grad. Dann ist der Sauerstoff im Wasser ziemlich knapp. »Wenn dann noch ein Starkregen viel organische Substanz von den Straßen ins Wasser spült, brauchen die Bakterien, die das zersetzen, noch mehr Sauerstoff und da kann es sein, dass es zu wenig für die Fische gibt«, resümiert Fachmann Ehlert.

Damit Plötze, Blei, Zan­der, Hecht und Aal nicht sterben und das Öko­sys­tem komplett aus den Fugen gerät, ist die »Rudolf Kloos« unterwegs und bläst Sauerstoff in die schmutzige Brühe. Von Mai bis September, montags bis freitags, bei Bedarf sogar jede Nacht. Gegen 22 Uhr legt sie im Oberhafen Neukölln ab, dreht ihre Runde durch den Neuköllner Schifffahrtskanal und den Landwehrkanal und ist dann bis 4 Uhr morgens wieder zurück.

Berlin ist die einzige Stadt mit einem Belüftungsschiff. Es wurde für 1,7 Millionen Euro entwickelt, ist seit 1995 im Einsatz und kostet jährlich rund 500 000 Euro. Am Bug nehmen sechs Pumpen Wasser auf, reichern es mit Flüssigsauerstoff an – pro Nacht mit bis zu 1600 Litern – und blasen es am Heck wieder in den Kanal. Nachts auch deshalb, weil da ein Fahrverbot gilt und nichts anderes entgegenkommen kann.

Leider darf niemand mitfahren. Ehlert hat es einmal geschafft: »Da sind viele Maschinen, es ist wenig Platz, man kriegt gar nicht so viel mit. Am tollsten sind die vielen Bläschen im Wasser, die das Schiff hinterlässt.« Und natürlich die Biber am Ufer, die Wasservögel und die vielen Fledermäuse unter den Brückenbogen.

… und tagsüber im Oberhafen Neukölln. Foto: ksk

Jetzt wissen wir eigentlich alles. Und prompt kommt das seltsame Schiff. Ein heller Scheinwerfer, grü­­nes und rotes Licht. Ganz langsam und breit gleitet es heran: überraschend recht­eckig der Bug. Tanks, Sauerstoffflaschen, Rettungsboot, gedämpftes Maschinengeräusch. Und wie versprochen lustige Luftbläschen am Heck!

Gleich hat das Schiff die Baer­wald­brücke passiert. Wie eine Erscheinung verschwindet es allmählich in der dunklen Nacht. Ein einsamer Fahrradfahrer, Polizei tutet über die Brücke. In der Luft hängt noch ein leichter Geruch nach Kanalisation.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Was ist eigentlich Nachbarschaft?

Simone Tappert erklärt Klaus Stark den Kiez rund um die Mittenwalder Straße

Simone Tappert. Foto: ksk

Vor eineinhalb Jahren trafen wir uns erstmals im »UnterRock« und plauderten über den Kiez. Über verschiedene Gruppen, über Grenzen und über Lieblingsräume. Heute sitzen wir wieder dort und Simone Tappert erzählt ausführlich, was sie macht

Simone ist 37 Jahre alt, stammt aus Wien, hat einen Job in Basel und forscht seit drei Jahren über »Nachbarschaft« rund um die Mittenwalder Straße. Niemand kennt den Kiez so genau wie sie. Derzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit. Dazu sucht sie übrigens noch Interviewpartner, die gern etwas über ihre Nachbarschaft erzählen.

Simone, warum interessierst du dich ausgerechnet für unseren Kiez?

Einmal, weil er sozio­kulturell sehr durchmischt ist. Es gibt hier unterschiedliche Mi­li­eus, Altersgruppen, Men­­schen mit unterschiedlichen Herkünften. Wenn man herumläuft, sieht man aber auch: Ganz viele Leute machen etwas. Blumen, Schildchen, die angebracht werden, Kleinigkeiten, aber es löst eine ganz eigene Atmosphäre aus. Für mich hat das mit Entschleunigung zu tun. Ich habe das Gefühl, ich kann mich hinsetzen und komme leicht mit Leuten ins Gespräch.

Wir haben hier, von Corona abgesehen, auch ein tolles Straßenfest!

Ja genau! Leute machen etwas und das ist für mich gewinnbringend.

Diese vielen verschiedenen Leute, leben die zusammen oder eher nebeneinander her?

Einerseits ist es ein Nebeneinander, aber ein toleriertes Nebeneinander. Es fällt auf, in einer Bar oder beim Bäcker, wie homogen die Gruppen sind. Man merkt es auch sprachlich. Die einen sprechen Deutsch, die anderen Türkisch, die nächsten Arabisch.

Aber in den Häusern findet auf alle Fälle eine Durchmischung statt. Nachbarschaft lebt ja von Begegnungen. Das muss gar nicht heißen, dass man viel miteinander zu tun hat, sondern man nimmt sich wahr. Ein Gruß im Treppenhaus, im Hinterhof, wo man den Müll wegwirft. Da gibt es viel Begegnung. Das hat Potenzial, dass man lernt, das Andere auszuhalten und anzuerkennen, dass da andere sind. Es hat aber auch Konfliktpotenzial.

Jetzt sind wir schon bei der Nachbarschaft. Was ist »Nachbarschaft«?

Häufig meint man damit so etwas wie sozialen Kitt, eben engagierte Bürger und Bürgerinnen. Aber ich finde das einen sehr normativen Anspruch und habe Lust, das etwas zu entrümpeln. Nachbarschaft hat vor allem mit sozialen, aber auch mit räumlichen Praktiken zu tun. Wo bin ich gerne? Wo bin ich nicht gerne? Wie nehme ich andere wahr? Wie ist das Leben im meinem Wohnhaus? Nachbarschaft kann ein Sehnsuchtsort sein.

Aber auch bedrohlich!

Ja! Vielleicht will ich überhaupt keine Nachbarn und anonym sein. Das ist sehr verschieden. Wir haben heute viele Bezugspunkte. Die Arbeit, vielleicht die Eltern in einem anderen Land, das Internet. Welche Bedeutung hat das Lokale eigentlich im Alltag?

Du hast selbst zwei Jahre lang in der Mittenwal­der Straße gewohnt.

Das ist ethnographische Forschung, da taucht man in den Forschungsgegenstand ein. Ich bin jetzt dreieinhalb Jahre in Berlin, das ist für mich eine lange Zeit. Ich habe in Wien Kultur- und Sozialanthropologie studiert. Dann war ich ein Jahr in Holland, ein Semester in Argentinien, in Spanien, in Irland hab ich einen Master in angewandter Sozialwissenschaft gemacht. Ich war immer sehr rastlos und wollte etwas Neues entdecken. Hier in Berlin habe ich erstmals das Gefühl, ich bin ein bisschen angekommen.

Und guckst auf die Stadt mit der Brille der Wissenschaft …

Ich forsche total gerne, aber mich drängt es viel mehr in die Praxis. Eigentlich möchte ich beides verbinden. Ich würde nie komplett an die Universität gehen, das ist nicht mein Ding. Lieber mache ich noch einen Master in Stadtplanung an der TU.

Du hast einmal gesagt, du träumst davon, mit dem Pferd allein durch die Steppe zu reiten. Aber als Doktor galoppiert man nicht durch die Mongolei!

Das weiß man nicht! Alles ist möglich! Ich hab übrigens letztens mit dem Reiten angefangen. Ich fahr einmal die Woche nach Brandenburg raus und das finde ich total schön!

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Eine Tasche mit dem Nötigsten

Corona Care Pakete von mog61 enthalten Nützliches für Obdachlose und Bedürftige

Martina, Uwe und Marie (von li.) von mog 61 mit großzügigen Spenden vor dem dm-Drogeriemarkt in der Bergmannstraße. Foto: ksk

Am Anfang stand wie immer eine Idee. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass der Verein mog61 – Miteinander oh­ne Grenzen e.V. im Januar bei der Zählung von Obdachlosen mithalf und damals nicht einen Betroffenen fand. Jedenfalls überlegte sich mog-Vorsitzende Ma­rie Hoepf­ner, ob Menschen ohne Wohnung und andere Bedürftige nicht ganz besonders unter der Corona-Pandemie zu leiden hätten.

Tun sie natürlich, klarer Fall. Es entstand der Plan einer Notration, einer bequem über der Schulter zu tragenden Tasche mit dem, was ein Mensch in Not am dringendsten braucht. Toilettenpapier natürlich, im heißen Sommer Wasser, Hygieneartikel wie Seife, Zahnpasta, Zahnbürste, ein Handtuch. Haltbare Sachen zum Essen, Trockensalami vielleicht, Marmelade, Reiswaffeln, dazu Kekse und Süßigkeiten. Und eine Mund-Nasen-Maske.

Arbeitsname des Projekts: Corona Care Pakete. An die 300 sollten es werden. Und Marie und Martina schwangen sich auf den Roller und suchten nach Sponsoren. Erstaunlicherweise fanden sich richtig viele. Der dm-Drogeriemarkt in der Bergmannstraße überschüttete die beiden geradezu mit Gaben. Das NHU spendete Desinfektionsmittel, Sirplus in der Bergmannstraße unglaubliche Leckereien. Es wurde immer mehr.

Schnell türmte sich Kiste auf Kiste. Wo sollten sie alle hin? Das Mehrgenerationenhaus in der Gneisenaustraße bot sich als Zwischenlager an. Aber bald wurden es zu viele Pakete und mog61 zog in die Gitschiner Straße 15 um, ins Zentrum gegen Ausgrenzung und Armut der Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion, wo Jürgen Horn freundlicherweise Obdach bot.

Wareneingang, Warenausgang. Sorgfältig stapeln, zählen, eintüten. Toilettenpapier besorgen, Zahnbürsten fehlen noch. Das will alles organisiert sein. Und bei 300 Taschen kommen gehörige Mengen ins Spiel. Das bedeutet schon mal Rücken und Schmerzen im Knie vom Bücken.

Im Juli verteilte mog61 in der Gitschiner Straße die ersten Corona Care Pakete. Mehr als 70 Taschen wurden letzten Don­nerstag bei »Laib und Seele« verschenkt, der Essensausgabe für Bedürftige an der Passionskirche. »Die Taschen kommen sehr gut an«, berichtet Pfarrerin Dörthe Gülzow. Und es geht voran! Klopapier wird langsam knapp, Duschgel fehlt und bald muss auch wieder neu eingetütet werden.

Weitere Infos gibt es hier.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Mit mog-Mobil

Jens Walter von »Saitenreiter« hilft

mog-Vorsitzende Marie Hoepfner (li.), Jens Walter (r.) mit Kollege und das mog-Mobil. Foto: ksk

mog61 e.V. hat ein mog-Mobil geschenkt bekommen. Was das ist? Nun ja, ein einachsiger kleiner Karren, den man praktischerweise ans Fahrrad anhängen, aber auch wunderbar mit der Hand ziehen kann. Und glücklicherweise passen genau vier Gießkannen drauf.

Das hat alles damit zu tun, dass mog61 einige Blumenbeete in der Gneisenaustraße pflegt, dass es diesen Sommer ziemlich trocken war und dass der Straßenbrunnen Kr092 in der Mittenwalder Straße nach wie vor nicht funktioniert.

Also musste das Wasser zum Gießen vom Marheinekeplatz geholt werden. Ganz schön langer Weg, mit zwei schweren Gießkannen in der Hand! Das sah Jens Walter von der Gitarrenbau-Werkstatt »Saitenreiter«, hatte Mitleid und schenkte mog 61 spontan sein von ihm selbst nicht mehr benötigtes Wägelchen. mog61 freut sich. Seither ist das mit dem Gießen viel einfacher!

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Kiezwoche Kreuzberg

Urban Gardening in der Gneisenaustraße

Am Freitag, 28. August, hat die diesjährige Kiezwoche am Kreuzberg begonnen. Eröffnet wurde sie mit einer Videopräsentation aus den Räumen des Möckernkiez e.V. Am Samstag gab es einen Kiezspaziergang gegen Verdrängung und Privatisierung mit Treffpunkt am Eingang von Riehmers Hofgarten.

Danach lud mog61 e.V. bei bestem Sommerwetter in der Gneisenaustraße zum »Urban Gardening« ein, stellte seine ambitionierten Pläne für das kommende Jahr vor und würde sich natürlich über weitere botanische Mitstreiter*innen freuen.

Diese und einige andere spannende Veranstaltungen sind leider schon vorbei, wenn Sie diese Kiez und Kneipe in den Händen halten. Aber vielleicht reicht es noch für die folgenden:

• Donnerstag, 3. September, 19:00 Uhr: Infoveranstaltung zum Sanierungsgebiet Rathausblock vor der Adlerhalle auf dem Dragonerareal.

• Freitag, 4. September, 19:00 Uhr: Auf den Spuren des Kolonialismus in Kreuzberg. Diskussionsveranstaltung auf dem Kiezplatz 2, Möckernkiez, mit einem Dokumentarfilm von Helma Sanders-Brahms.

• Samstag, 5. September, 16:00 Uhr: Abschluss der Kiezwoche mit Cansel Kiziltepe (SPD) im Kiezraum im Dragonerareal.

Die Kiezwoche wird veranstaltet vom Kiezbündnis am Kreuzberg und begleitet von der Zeitschrift »Kreuzberger Horn«.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

1300 Mund-Nasen-Masken genäht

Als die Covid19-Pandemie begann, war schnell klar, dass es nicht genug Atemschutzmasken gab. Also fing mog61 e.V. an, behelfsmäßige Mund-Nasen-Masken aus Stoff anzufertigen. Eine zwölfköpfige Gruppe um die Schneiderin Marianne hat inzwischen mehr als 1300 produziert und kostenlos verteilt. Allein 450 Masken bekam das Übergangswohnheim STK 118 im Prenzlauer Berg, 250 das NHU, 150 die Berliner Caritas, 200 die Sozialstation der Diakonie, weitere gingen direkt an Menschen, die Risikogruppen angehören oder in systemrelevanten Berufen arbeiten. »Das ist toll, wir können die wirklich brauchen«, freute sich STK 118-Einrichtungsleiter Ingo Büchner-Ferner kürzlich bei der Übergabe.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Mehr los als am Flughafen Tegel

Wildes Kreuzberg: Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris) / Kontrollierte Abstürze ins Mauseloch

Dunkle Erdhummel im Landeanflug auf ihren Heimat-Airport. Foto: ksk

Sie machen es im Prinzip so wie ein großes, viermotoriges Passagierflugzeug. Erst drehen sie ein paar Platzrunden, um sicher zu sein, dass es wirklich ihr Heimatflughafen ist. Dann nehmen sie das Gas weg, gehen in den Gleitflug und stellen zur Erhöhung des Luftwiderstandes die Flügel schräg.

Nun ist so eine Punktlandung mitten im Nirgendwo nicht viel mehr als ein kontrollierter Absturz. Das gilt für einen Flugzeugträger auf hoher See genauso wie für ein Hummelnest. Manche fallen bei der Landung kräftig auf die Nase, gucken verwirrt und purzeln dann eher unkontrolliert in ihr Erdloch hinein.

Genauer: In das ehemalige Mauseloch, das jetzt die neue Heimat der Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris) ist. Das ist hierzulande die häufigste Hummelart. Wer schon gelernt hat, Bienen, Wespen und Hornissen zu unterscheiden, kann mit ihr ganz gut die Erforschung der mehr als 40 verschiedenen heimischen Hummelvarianten beginnen.

Man erkennt sie leicht an ihrem weißen Hinterteil. Dazu kommen zwei dunkelgelbe Querstreifen auf dem ersten Brust- und dem zweiten Hinterleibssegment. Hummeln können zwar stechen, sind aber ausgesprochen friedliche Zeitgenossen. Und außerdem Vegetarier: Sie ernähren sich vollständig von Pollen und Nektar.

Die Dunkle Erdhummel lebt in Völkern von bis zu 500 Tieren unter Steinen oder in unterirdischen Höhlen. Im Frühjahr sucht sich die Jungkönigin ein solches Nest und beginnt mit der Eiablage. Nach wenigen Tagen schlüpfen die ersten Arbeiterinnen, ab September auch Drohnen und neue Königinnen. Nach der Begattung stirbt außer den Königinnen dann das gesamte Hummelvolk.

Aber noch lebt es. Über dem Mauseloch ist mehr los als am Flughafen Tegel, ganz zu schweigen vom nie fertigen BER. Alle paar Sekunden kommt eine Hummel mit ihrer reichen Pollenlast angeflogen. Der Start ist übrigens ganz unproblematisch: Ein kräftiger Sprung in die Luft – und weg ist sie.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Buntes Kreuzberg: Weiß

Es schaut aus wie Waschpulver, ist aber tatsächlich nur schäumendes Wasser

Foto: ksk

Ohne dieses Wasser aus dem Brunnen am Marheinekeplatz hätten die Beete von mog61 – Miteinander ohne Grenzen e.V. an der Gneisenaustraße diesen trockenen, windigen Sommer nicht überlebt. Der hässliche Trinkwasserspender ein paar Meter weiter ist nur ein Touristen-Gimmick und taugt zu gar nichts; die beiden Schwengelpumpen in der Mittenwalder Straße, die helfen könnten, sind nach wie vor defekt und werden nicht repariert

Aber der Marheinekeplatz ist im Sommer ein guter Ort, um jede Menge Wasser zu schöpfen, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, sich über protzige SUVs aufzuregen, die in falscher Richtung durch die Einbahnstraße rasen, oder einfach nur spielenden Kindern zuzusehen. Ja, und hausgemachte schwäbische Spätzle mit Pfifferlingen gab es dort auch.  .

 

Neue Pop-up-Fahrradstraße

Auf der Körtestraße dürfen jetzt nur noch Anlieger mit dem Auto unterwegs sein

Ein Eimer weiße Farbe – und schon ist eine neue Fahrradstraße geboren. Foto: ksk

Es sind nur ein paar Schilder, aber sie bewirken eine Menge. Autofahrer gucken irritiert, ein paar Radler zögern. Eine Anwohnerin freut sich ganz ungeniert. »Ich arbeite seit 30 Jahren in dieser Straße, ich fahre Fahrrad und das ist ein historischer Tag!«

Seit Juli ist die Körtestraße eine ausgewiesene Fahrradstraße. Das bedeutet, dass Radler Vorrang haben, nebeneinander fahren dürfen und Autos nur gestattet sind, wenn es Zusatzschilder erlauben. In der Körtestraße werden Anlieger geduldet, der Durchgangsverkehr soll gefälligst draußen bleiben.

»Wir fangen jetzt an, das erste Schild ist schon da, alles steht in den Startlöchern«, rief Bürgermeisterin Monika Herrmann fröhlich, als sie zur Eröffnung am 14. Juli mit grünem Helm und grüner Brille angeradelt kam. Da gossen Bauarbeiter gerade schwungvoll weiße Farbe in die hübschen Markierungen auf dem Asphalt.

Vier Tage später war die Fahrradstraße bereits fertig. Die Körtestraße ist nur das letzte Stück einer neuen Nord-Süd-Trasse vom Mariannenplatz über Mariannen-, Grimm- und Körtestraße bis zum Südstern. Dort wiederum gibt es eine Anbindung an die bereits bestehende Bergmann-Fahrradstraße.

Herrmann lobte die »attraktive Radverbindung zwischen dem westlichen Teil des Bezirks und Friedrichshain bzw. Mitte«. Natürlich ist die Trasse bisher nur ein Provisorium, das von nicht viel mehr als einer Handvoll Verkehrszeichen lebt. Aber schon allein dadurch befeuert sie die Fantasie.

Große Bäume, Tische, Bänke, Blumenbeete und vielleicht ein Teich

Schilder, Schilder, Schilder. Foto: ksk

Was könnte man mit der jetzt schon sehr einladend, fast französisch wirkenden Körtestraße mit ihrem Kopfsteinpflaster und den breiten Trottoirs nicht anfangen, wenn dort die Autos verschwänden? Ein paar wirklich große Bäume? Darunter Tische, Bänke, Blumenbeete, ein kleiner Teich? Mitten auf der Straße ein neues Café? Das findet Herrmann keine gute Idee: Sie hält nichts von der »Durchkommerzialisierung des öffentlichen Raumes«.

Auch die Grimmstraße mit ihrem Mittelstreifen hat Potenzial. Nördlich davon verläuft sich die neue Fahrradstraße eher. Das Planufer ist verkehrsberuhigter Bereich mit Schrittgeschwindigkeit und die Mariannenstraße ein Gewirr aus Einbahnstraßen und Tempo-30-Zonen.

Ohnehin ist die Frage, wer den Autoverkehr wie oft kontrolliert. Wir sind schließlich in Berlin. »Wenn wir Regeln haben, müssen wir diese Regeln auch durchsetzen«, mahnt die Bezirksbürgermeisterin.

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

»De Noantri« darf nicht sterben!

Kiez und Kneipe testet die von Gentrifizierung bedrohte Pizzeria am Görlitzer Park

Pizza Valtellinese mit Büffelmozarella und Bresaola. Ziemlich lecker. Foto: ksk

Ein entspannter, lauschiger Sommerabend an der Ecke Görlitzer / Lübbener Straße. Die Sonne steht tief, irgendwo dudelt Livemusik. Die Pizzeria »De Noantri« ist proppenvoll. Gut gelaunte Menschen warten auf freie Tische oder ihre Mitnehmpizza.

Doch die Idylle trügt: Das italienische Restaurant steht vor dem Ende: Der Mietvertrag läuft aus und soll nicht verlängert werden. Mitte Juli haben Anwohner mit Unterstützung von Bizim Kiez und GloReiche Nachbarschaft machtvoll gegen die bevorstehende Schließung demonstriert. Für Kiez und Kneipe Anlass zu einem Test: Wie gut schmeckt eigentlich die Pizza dort? Soll das Restaurant bleiben oder ist es entbehrlich? KuK-Re­stau­rant­testerin M. und ihre Kollegen S. und K. (die wahren Namen sind der Redaktion bekannt) haben zugegriffen.

M. über Vitello Tonnato: Ich bin selbst eine begnadete Köchin und habe Vitello Tonnato oft gemacht. Was ich schön finde, es war wie im Original mit Kapern. Das Kalbfleisch hatte eine sehr gute Qualität, aber die Thunfischpaste, das ist das Einfachste, die war mir zu salzig. Und da stand auf der Karte: mit Limone. Also da war keine einzige Spur von Limone. Schulnote drei.

K. über Pizza Rucola: Kostenpunkt zehn Euro, das ist ganz schön happig. Ziemlich trocken, am Rand auch angebrannt, ein bisschen lieblos Tomatensauce draufgekippt, na ja, da gibt es in Berlin bestimmt 30 oder 40 Pizzerias, wo das besser ist. Drei minus. Ach so: Die Vorspeise kam nach 38 Minuten. Und Kellner ohne Mund-Nase-Masken gehen gar nicht.

S. über Pizza Valtellinese: Der Teig war nicht zu dick, nicht zu dünn, auch genau richtig gebacken, der Rand schön kross. Die Tomaten schmeckten gut. Eine schöne Kombination aus Bresaola, echtem Büffelmozarella, Parmesansplittern und Basilikum, das passt hervorragend, insgesamt eine sehr gute Pizza. Note zwei plus.

M. ergänzt: Dazu ist noch zu sagen, dass wir zuerst Rucola hatten und erst eine Stunde später Valtellinese. Vermutlich litt am Anfang der Service etwas, weil es so voll war. Aber dann haben sie sich Zeit gelassen und eine schöne Pizza geliefert. Was den Aperol Spritz angeht, glaube ich, das war mehr Spritz als Aperol! Aber Franziskaner gehört zu meinen Lieblingsbieren, kam vom Fass, war frisch und schön kalt.

Und nun das Urteil: Soll De Noantri bleiben?

K.: Na gut. M.: Ja! Sie haben gezeigt, dass sie ihr Handwerk verstehen. S.: Ja. Es gibt San Pellegrino als Wasser und ich liebe San Pellegrino!

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Viel zu viele sind kaputt

Der legendäre KuK-Schwengelpumpen-Test geht online

Fahrradfahrer mit besonders ausgeprägter Sozialkompetenz schließen ihr Rad direkt an den Schwengel an. Dann ist die Pumpe sowieso tot. Foto: ksk

Sie steht direkt vor dem Puff in der Mittenwalder Straße 43, schaut wegen der vielen Aufkleber etwas vergammelt aus und wenn man nach dem Schwengel greift, merkt man gleich, dass da etwas nicht stimmt. Das ist Schwengelpumpe KB 092. Alteingesessene erinnern sich, dass sie beim ersten Straßenfest von mog 61 e.V. 2013 noch Wasser spendete. Aber das ist lange her.

Auch diesen Sommer hat Kiez und Kneipe wieder 34 Straßenbrunnen im Kiez untersucht. Drei Brunnen waren ganz abgebaut, von den verbliebenen 31 lieferten immerhin 15 Wasser, die restlichen 16 nicht.

Das ist ernüchternd, gegenüber dem August 2019 aber sogar ein gewisser Fortschritt: Damals waren 21 Pumpen defekt. Vor allem Land beziehungsweise Bezirk haben Hausaufgaben ge­macht: Drei Brunnen wurden in Ordnung gebracht – einer in der Grimmstraße allerdings komplett abgebaut.

Von den 2070 historischen Straßenbrunnen in Berlin gehört etwa die Hälfte dem Land, die andere dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn. Sie dienen der Notwasserversorgung, lassen sich aber auch als Geheimwaffe gegen trockene Straßenbäume einsetzen. Deshalb sind die unauffälligen Stadtmöbel am Straßenrand ein ausgeprochenes Politikum. Wenn der Bezirk schon im März um Hilfe ruft: »Jeder Eimer zählt!« – gleichzeitig aber niemand die kaputten Pumpen repariert, kommt das nicht wirklich gut.

Besonders das Bundesamt nervt dabei als lästiger Bremser. 2018 wurden gar keine Mittel zur Instandsetzung überwiesen, dieses Jahr bekam der Bezirk statt der benötigten 300.000 Euro nur karge 52.000 Euro. Das führt dazu, dass laut Bezirksamt von den 84 Bundesschwengelpumpen in Friedrichshain-Kreuzberg 52 nicht funktionieren.

Aber auch die Senatsverwaltung für Umwelt befindet sich nicht auf der Höhe der Zeit. Während der Bezirk ins­gesamt 75 kaputte Pumpen auflistet, sind es laut Umweltsenatorin Regine Günther nur 34. Diese Zahl ist überholt und dürfte falsch sein.

Bei Gieß den Kiez und auf OpenStreetMap sind die Pumpen eingezeichnet. Aber nirgends finden sich Informationen, welche wirklich geht. Die KuK springt in die Bresche – mit der weltweit ersten Schwengelpumpen-App für unseren Kiez.

> Pumpentest vom August 2019

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Tragödie im Viktoriapark

Wildes Kreuzberg: Grasfrosch (Rana temporaria) / Nun fällt eine ganze Generation von Amphibien aus

Ein Grasfrosch trauert um seine ungeborenen Kinder. Foto: ksk

Normalerweise überwiegen in dieser Rubrik die guten Nachrichten. Vom ausufernden Liebesleben des Marienkäfers, von nied­lichen Eichhörnchen oder hungrigen Gartenrotschwänzen. In diesem Heft allerdings müssen wir eine Umwelttragödie beklagen – und das ausgerechnet im idyllischen Viktoria­park mitten in Kreuzberg.

Am Anfang der Geschichte steht ein Zettel, den ein neunjähriges Mädchen dort Mitte April aufgehängt hat. »Der Wasserfall im Viktoriapark ist immer noch nicht an«, schrieb sie verzweifelt. »Ein sehr großes Problem für Frösche, denn Kaulquappen brauchen Wasser!«

Sie hatte völlig recht. Im Viktoriapark hausen Grasfrösche und Erdkröten. Der Bezirk ist so stolz auf die Amphibien, dass er ihnen in seiner Stadtnaturkarte ein eigenes Kapitel widmet. Die beiden künstlich angelegten Tümpel am Fuße des Wasserfalls nutzen sie als Laichgewässer und suchen sie jedes Jahr von Neuem auf. Die Laichzeit beginnt Mitte März, dabei sind die Erdkröten deutlich früher dran.

Doch dieses Jahr waren die Teiche noch im April völlig leer – weil die beiden 57 Jahre alten Pumpen des Wasserfalls ausgebaut und repariert werden mussten. Erst am 19. Mai wurden sie zurückgebracht und erst eine Woche später rauschte der Wasserfall.

Der Kreuzberger Stadtnatur-Ranger Toni Becker fürchtet nun, dass es für Grasfrösche und Erdkröten »dieses Jahr keinen Nachwuchs geben wird«. Das bestätigt der Augen­schein. Keine Kaulquappen, kein Froschregen, nichts. In der Wolfsschlucht entdeckte eine mitternächtliche Expedition immerhin einen ausgewachsenen Grasfrosch, der auf dem Asphalt Wärme suchte.

»Das ist gründlich schiefgelau­fen«, sagt Becker und spricht von ei­ner »mittelschweren Unpässlichkeit«. Doch sei es bei den Arten »eingebaut, dass sie mal einen Totalausfall haben«.

Aber oberpeinlich ist es schon. Da setzt sich der Bezirk für »biologische Vielfalt« ein, eröffnet eine »temporäre Klimastraße« – und dann wird eine Generation Amphibien einfach so plattgemacht. Boah!

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Buntes Kreuzberg: Rosa

Wenn es in langen, dicken Rohren geheimnisvoll rauscht

Foto: ksk

Es sind Kunstwerke und sie führen eindrucksvoll vor, wie man einen simplen Gebrauchsgegenstand mit ein bisschen Kreativität in etwas ganz Besonderes verwandeln kann. Die auffälligen rosafarbenen Rohre zieren seit ein paar Wochen die Gneisenaustraße, schlängeln sich elegant am Finanzamt vorbei und münden schließlich östlich der Amerika-Gedenkbibliothek in den Landwehrkanal.

Nein, sie markieren nicht die Grenze zwischen dem Bergmann- und dem Mittenwalder Kiez, sie befördern auch kein Öl oder Gas, sondern lediglich Grundwasser, das bei einem Bauvorhaben an der Ecke Gneisenau- / Nostitzstraße abgepumpt wird. Die Berliner Firma Pollems ist auf solche Grundwasserabsenkungen spezialisiert und die Rohre sind so hübsch rosa, weil vor 25 Jahren Kinder bei Bastelarbeiten im Kindergarten das die schönste Farbe fanden.

Was für eine tolle Idee! Wenn man das Ohr an eines der Rohre legt, hört man es übrigens leise rauschen.

Die Invasion der Fahrradfahrer

Beim Kampf um den Straßenraum bleiben Fußgänger zunehmend auf der Strecke

Was Fußgänger nervt: Zu wenig Platz! Links der Fahrradweg, rechts die Tische des Restaurants. Und auch noch Gegenverkehr! / Radfahrer haben auf Fußwegen nichts verloren. Mit Ausnahme von Kindern, evtl. in Begleitung von Erwachsenen. Fotos: ksk

Dass die Corona-Pandemie nicht mehr so ernst genommen wurde und die Menschen sich wieder auf die Straße trauten, erkannte man auch an den vielen Fahrradfahrern auf den Trottoirs. Aus Angst vor Viren in der U-Bahn holten offenbar viele ihr kaum genutztes Rad aus dem Keller, und weil sie wenig Erfahrung im Straßenverkehr hatten, fluteten sie damit erst einmal die Bürgersteige.

Nur ein aktueller Akzent in dem sich seit Jahren zuspitzenden Kampf um den Straßenraum. Dieser Raum ist begrenzt, miteinander konkurrierende Nutzer gibt es bekanntlich viele. Üblicherweise stehen dabei Auto und Fahrrad im Vordergrund. Mit Recht: 2018 starben in Berlin bei Unfällen elf Radler, 2019 sechs, im laufenden Jahr bisher neun.

Bei dem Streit geht es aber nicht nur um Sicherheit und eine optimale Verteilung der Verkehrsfläche. Weil es einerseits Ressourcen verbraucht und andererseits Schadstoffe produziert, gilt das Auto grundsätzlich als obsolet und das alternative Fahrrad oft als Allheilmittel. Dabei wird übersehen, dass es auch zwischen Fahrradfahrern und Fußgängern massive Konflikte gibt. Fußgänger sind die mit Abstand schwächsten Verkehrsteilnehmer und bleiben in der Regel – ob nun mit oder ohne Rollator, mit oder ohne Kinderwagen und Einkaufstaschen – außen vor.

Ihre Hauptbedrohung ist ebenfalls das Auto. 2018 starben in Berlin 19 Fußgänger auf der Straße, 2019 sogar 24. Wenn hingegen Fußgänger und Radler aneinandergeraten, geht es meistens eher glimpflich ab. Aber während der Fußgänger weiß, wo er mit Autos zu rechnen hat und wie er sich schützen kann, trifft ihn die Invasion der Fahrradfahrer unvorbereitet und überall. Auch der Bürgersteig, wo er sich bisher sicher fühlen konnte, wird zu einem Ort der Gefahr. Damit wird der Fußgänger im öffentlichen Raum heimatlos.

An keinem Ort sind Fußgänger wirklich sicher

Wie stark der Fahrradverkehr Fußgänger beeinträchtigt, hat Kiez und Kneipe an der Kreuzung Blücherstraße / Zossener Straße untersucht. Eigentlich eine recht normale Kreuzung – mit Ausnahme des Rad-/Fußwegs zur Gedenkbibliothek, der an der Nordwest-Ecke abzweigt. Im Sommer 2017 wurde der nordöstliche Quadrant fahrradgerecht umgebaut: Von der Blücherstraße rechts abbiegende Radler werden nun vorher ausgefädelt und erhielten eine Abbiegespur ohne Ampelstopp auf dem Bürgersteig. Linksabbieger auf der Zossener Straße bekamen ebenfalls eine eigene Spur.

Die Kreuzung Blücherstraße / Zossener Straße: rechts oben die Heilig-Kreuz-Kirche; links oben geht es zur AGB. Grau sind für Fahrradfahrer reservierte Flächen markiert; die roten Pfeile bezeichnen ergänzend ihre tatsächlichen Wege. Viele davon verlaufen auf dem Gehsteig, auf Fußgängerfurten oder in der eigentlich verbotenen Gegenrichtung. Skizze: ksk

Die Verkehrsführung wirkt kompliziert und erinnert insgesamt an ein kreuzungsfreies Autobahnkleeblatt. Damit würden »Nutzungskonflikte zwischen dem motorisierten und dem Fahrradverkehr reduziert«, sagte Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) bei der Eröffnung stolz. Über Konflikte mit Fußgängern sprach er nicht – diese werden durch den Abbieger auf dem Trottoir erst geschaffen.

Die KuK hat den Verkehr an einem Wochentag um 17 Uhr dokumentiert. Es zeigte sich:

•  Viele Radfahrer lieben den Bürgersteig. Selbst in Ost-West-Richtung wird oft der geschwungene Rechtsabbieger auf dem Trottoir benutzt, um dann direkt vor der Heilig-Kreuz-Kirche die Zossener Straße via Fußgängerfurt zu überqueren.

•  Alle Radwege sind Einbahnstraßen. Tatsächlich spielt das keine große Rolle, Geisterfahrer sind angesagt. Wenn es auf dem Radweg zu voll wird, dann eben auf dem Bürgersteig.

•  Linksabbieger nehmen fast immer die für Radfahrer verbotenen Fußgängerfurten; die neue Abbiegespur auf der Zossener Straße wurde nicht benutzt.

Resümee: Egal was die Markierungen sagen mögen, auf dieser Kreuzung ist ein Fußgänger an keinem einzigen Ort wirklich sicher. Aus allen Richtungen wird er von in der Regel deutlich schnelleren Radlern bedroht. Ganz heikel ist die Situation vor der Heilig-Kreuz-Kirche. Die Abbiegespur, ohne Warnschilder oder Zebrastreifen, macht diesen Raum praktisch tot. Hier herrscht für unaufmerksame Flaneure tatsächlich Lebensgefahr.

Soweit erste Ergebnisse der improvisierten KuK-Dokumentation.

Ein „Vertiefungsplan Fußverkehr“ soll es jetzt besser machen

Immerhin wurde auf Antrag der Grünen kürzlich beschlossen, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einen »Vertiefungsplan Fußverkehr« auf­stellen soll. Von massiven Konflikten mit Fahrradfahrern ist dort aber keine Rede. Verbesserungen für Fußgänger sollen offenbar weitgehend zu Lasten des Autoverkehrs erfolgen.

Viele Forderungen (mehr Kontrollen von Falschparkern, optimierte Ampelphasen, Absenkung von Bordsteinen etc.) sind zu begrüßen, werden an der Situation auf den Bürgersteigen aber nichts ändern. Andere Vorschläge sind ohnehin nur kosmetischer Natur. Man möge zur besseren Orientierung der Fußgänger, heißt es zum Beispiel, doch bitte auf Straßenschildern künftig wieder die Nummerierung der Häuser bis zur nächsten Querstraße anzeigen.

 

Was Fußgänger nervt: Hindernisse auf dem Trottoir. Ganz besonders verhasst sind versiffte Sofagarnituren, Leihfahrräder und Elektro-Roller. / Grün für die Fußgänger, rot für die Radlerin. Trotzdem glaubt sie offenbar, dass sie Vorfahrt hat. Fotos: ksk

An den Rand gedrängt

Roland Stimpel Foto: Silke Reents

Roland Stimpel ist Vorstand des Fachverbandes Fuss e.V. Mit ihm sprach Klaus Stark.

KuK: Warum brauchen Fußgänger einen eigenen Verband?

Stimpel: Fußgänger werden seit hundert Jahren an den Rand gedrängt. Das Auto steht im Mittelpunkt. Schnell geht vor langsam. Das muss sich ändern.

Berlin besitzt seit 2012 eine Fußverkehrsstrategie. Wird die Situation langsam besser?

In der Theorie schon. Aber in der Praxis ist nicht viel geschehen. Das hängt auch mit der Berliner Bürokratie zusammen. Sie brauchen drei Jahre und 18 Verwaltungsschritte, nur um einen einzigen Zebrastreifen einzurichten. Insgesamt gibt es ein großes Vollzugsdefizit.

Betrachten Sie neben Autos auch Radfahrer als Gefahr?

Wir sehen die vielen Fahrradfahrer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Keine Frage: Jedes Fahrrad ist besser als jedes Auto. Aber es ist auch heikel, dass das Rad in Räume eindringt, die vom Auto bisher verschont wurden.

Wie kriegt man die Gehwegradler in den Griff?

Mit Zuckerbrot und Peitsche. Man muss ihnen klarmachen, dass ihr Verhalten auf Kosten der noch Schwächeren geht. Aber was verboten ist, sollte auch härter bestraft werden. In Paris zahlen Sie dafür 135 Euro, das spricht sich herum und auf den Boulevards können Sie recht frei flanieren.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Innerorts sollte generell Tempo 30 gelten. Das ist der Schlüssel für ganz viel mehr Sicherheit. Dann sollte man die Bürgersteige wirklich freihalten zum Gehen und für die menschliche Kommunikation, Breite mindestens 2,50 Meter. Drittens sollten Gehwege an Kreuzungen ihr Niveau beibehalten, Autos also über eine Schwelle müssen. Schließlich ist Gehen nach wie vor das zentrale und wichtigste Mittel der Fortbewegung.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.