Buntes Kreuzberg: Rosa

Wenn es in langen, dicken Rohren geheimnisvoll rauscht

Foto: ksk

Es sind Kunstwerke und sie führen eindrucksvoll vor, wie man einen simplen Gebrauchsgegenstand mit ein bisschen Kreativität in etwas ganz Besonderes verwandeln kann. Die auffälligen rosafarbenen Rohre zieren seit ein paar Wochen die Gneisenaustraße, schlängeln sich elegant am Finanzamt vorbei und münden schließlich östlich der Amerika-Gedenkbibliothek in den Landwehrkanal.

Nein, sie markieren nicht die Grenze zwischen dem Bergmann- und dem Mittenwalder Kiez, sie befördern auch kein Öl oder Gas, sondern lediglich Grundwasser, das bei einem Bauvorhaben an der Ecke Gneisenau- / Nostitzstraße abgepumpt wird. Die Berliner Firma Pollems ist auf solche Grundwasserabsenkungen spezialisiert und die Rohre sind so hübsch rosa, weil vor 25 Jahren Kinder bei Bastelarbeiten im Kindergarten das die schönste Farbe fanden.

Was für eine tolle Idee! Wenn man das Ohr an eines der Rohre legt, hört man es übrigens leise rauschen.

Die Invasion der Fahrradfahrer

Beim Kampf um den Straßenraum bleiben Fußgänger zunehmend auf der Strecke

Was Fußgänger nervt: Zu wenig Platz! Links der Fahrradweg, rechts die Tische des Restaurants. Und auch noch Gegenverkehr! / Radfahrer haben auf Fußwegen nichts verloren. Mit Ausnahme von Kindern, evtl. in Begleitung von Erwachsenen. Fotos: ksk

Dass die Corona-Pandemie nicht mehr so ernst genommen wurde und die Menschen sich wieder auf die Straße trauten, erkannte man auch an den vielen Fahrradfahrern auf den Trottoirs. Aus Angst vor Viren in der U-Bahn holten offenbar viele ihr kaum genutztes Rad aus dem Keller, und weil sie wenig Erfahrung im Straßenverkehr hatten, fluteten sie damit erst einmal die Bürgersteige.

Nur ein aktueller Akzent in dem sich seit Jahren zuspitzenden Kampf um den Straßenraum. Dieser Raum ist begrenzt, miteinander konkurrierende Nutzer gibt es bekanntlich viele. Üblicherweise stehen dabei Auto und Fahrrad im Vordergrund. Mit Recht: 2018 starben in Berlin bei Unfällen elf Radler, 2019 sechs, im laufenden Jahr bisher neun.

Bei dem Streit geht es aber nicht nur um Sicherheit und eine optimale Verteilung der Verkehrsfläche. Weil es einerseits Ressourcen verbraucht und andererseits Schadstoffe produziert, gilt das Auto grundsätzlich als obsolet und das alternative Fahrrad oft als Allheilmittel. Dabei wird übersehen, dass es auch zwischen Fahrradfahrern und Fußgängern massive Konflikte gibt. Fußgänger sind die mit Abstand schwächsten Verkehrsteilnehmer und bleiben in der Regel – ob nun mit oder ohne Rollator, mit oder ohne Kinderwagen und Einkaufstaschen – außen vor.

Ihre Hauptbedrohung ist ebenfalls das Auto. 2018 starben in Berlin 19 Fußgänger auf der Straße, 2019 sogar 24. Wenn hingegen Fußgänger und Radler aneinandergeraten, geht es meistens eher glimpflich ab. Aber während der Fußgänger weiß, wo er mit Autos zu rechnen hat und wie er sich schützen kann, trifft ihn die Invasion der Fahrradfahrer unvorbereitet und überall. Auch der Bürgersteig, wo er sich bisher sicher fühlen konnte, wird zu einem Ort der Gefahr. Damit wird der Fußgänger im öffentlichen Raum heimatlos.

An keinem Ort sind Fußgänger wirklich sicher

Wie stark der Fahrradverkehr Fußgänger beeinträchtigt, hat Kiez und Kneipe an der Kreuzung Blücherstraße / Zossener Straße untersucht. Eigentlich eine recht normale Kreuzung – mit Ausnahme des Rad-/Fußwegs zur Gedenkbibliothek, der an der Nordwest-Ecke abzweigt. Im Sommer 2017 wurde der nordöstliche Quadrant fahrradgerecht umgebaut: Von der Blücherstraße rechts abbiegende Radler werden nun vorher ausgefädelt und erhielten eine Abbiegespur ohne Ampelstopp auf dem Bürgersteig. Linksabbieger auf der Zossener Straße bekamen ebenfalls eine eigene Spur.

Die Kreuzung Blücherstraße / Zossener Straße: rechts oben die Heilig-Kreuz-Kirche; links oben geht es zur AGB. Grau sind für Fahrradfahrer reservierte Flächen markiert; die roten Pfeile bezeichnen ergänzend ihre tatsächlichen Wege. Viele davon verlaufen auf dem Gehsteig, auf Fußgängerfurten oder in der eigentlich verbotenen Gegenrichtung. Skizze: ksk

Die Verkehrsführung wirkt kompliziert und erinnert insgesamt an ein kreuzungsfreies Autobahnkleeblatt. Damit würden »Nutzungskonflikte zwischen dem motorisierten und dem Fahrradverkehr reduziert«, sagte Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) bei der Eröffnung stolz. Über Konflikte mit Fußgängern sprach er nicht – diese werden durch den Abbieger auf dem Trottoir erst geschaffen.

Die KuK hat den Verkehr an einem Wochentag um 17 Uhr dokumentiert. Es zeigte sich:

•  Viele Radfahrer lieben den Bürgersteig. Selbst in Ost-West-Richtung wird oft der geschwungene Rechtsabbieger auf dem Trottoir benutzt, um dann direkt vor der Heilig-Kreuz-Kirche die Zossener Straße via Fußgängerfurt zu überqueren.

•  Alle Radwege sind Einbahnstraßen. Tatsächlich spielt das keine große Rolle, Geisterfahrer sind angesagt. Wenn es auf dem Radweg zu voll wird, dann eben auf dem Bürgersteig.

•  Linksabbieger nehmen fast immer die für Radfahrer verbotenen Fußgängerfurten; die neue Abbiegespur auf der Zossener Straße wurde nicht benutzt.

Resümee: Egal was die Markierungen sagen mögen, auf dieser Kreuzung ist ein Fußgänger an keinem einzigen Ort wirklich sicher. Aus allen Richtungen wird er von in der Regel deutlich schnelleren Radlern bedroht. Ganz heikel ist die Situation vor der Heilig-Kreuz-Kirche. Die Abbiegespur, ohne Warnschilder oder Zebrastreifen, macht diesen Raum praktisch tot. Hier herrscht für unaufmerksame Flaneure tatsächlich Lebensgefahr.

Soweit erste Ergebnisse der improvisierten KuK-Dokumentation.

Ein „Vertiefungsplan Fußverkehr“ soll es jetzt besser machen

Immerhin wurde auf Antrag der Grünen kürzlich beschlossen, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einen »Vertiefungsplan Fußverkehr« auf­stellen soll. Von massiven Konflikten mit Fahrradfahrern ist dort aber keine Rede. Verbesserungen für Fußgänger sollen offenbar weitgehend zu Lasten des Autoverkehrs erfolgen.

Viele Forderungen (mehr Kontrollen von Falschparkern, optimierte Ampelphasen, Absenkung von Bordsteinen etc.) sind zu begrüßen, werden an der Situation auf den Bürgersteigen aber nichts ändern. Andere Vorschläge sind ohnehin nur kosmetischer Natur. Man möge zur besseren Orientierung der Fußgänger, heißt es zum Beispiel, doch bitte auf Straßenschildern künftig wieder die Nummerierung der Häuser bis zur nächsten Querstraße anzeigen.

 

Was Fußgänger nervt: Hindernisse auf dem Trottoir. Ganz besonders verhasst sind versiffte Sofagarnituren, Leihfahrräder und Elektro-Roller. / Grün für die Fußgänger, rot für die Radlerin. Trotzdem glaubt sie offenbar, dass sie Vorfahrt hat. Fotos: ksk

An den Rand gedrängt

Roland Stimpel Foto: Silke Reents

Roland Stimpel ist Vorstand des Fachverbandes Fuss e.V. Mit ihm sprach Klaus Stark.

KuK: Warum brauchen Fußgänger einen eigenen Verband?

Stimpel: Fußgänger werden seit hundert Jahren an den Rand gedrängt. Das Auto steht im Mittelpunkt. Schnell geht vor langsam. Das muss sich ändern.

Berlin besitzt seit 2012 eine Fußverkehrsstrategie. Wird die Situation langsam besser?

In der Theorie schon. Aber in der Praxis ist nicht viel geschehen. Das hängt auch mit der Berliner Bürokratie zusammen. Sie brauchen drei Jahre und 18 Verwaltungsschritte, nur um einen einzigen Zebrastreifen einzurichten. Insgesamt gibt es ein großes Vollzugsdefizit.

Betrachten Sie neben Autos auch Radfahrer als Gefahr?

Wir sehen die vielen Fahrradfahrer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Keine Frage: Jedes Fahrrad ist besser als jedes Auto. Aber es ist auch heikel, dass das Rad in Räume eindringt, die vom Auto bisher verschont wurden.

Wie kriegt man die Gehwegradler in den Griff?

Mit Zuckerbrot und Peitsche. Man muss ihnen klarmachen, dass ihr Verhalten auf Kosten der noch Schwächeren geht. Aber was verboten ist, sollte auch härter bestraft werden. In Paris zahlen Sie dafür 135 Euro, das spricht sich herum und auf den Boulevards können Sie recht frei flanieren.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Innerorts sollte generell Tempo 30 gelten. Das ist der Schlüssel für ganz viel mehr Sicherheit. Dann sollte man die Bürgersteige wirklich freihalten zum Gehen und für die menschliche Kommunikation, Breite mindestens 2,50 Meter. Drittens sollten Gehwege an Kreuzungen ihr Niveau beibehalten, Autos also über eine Schwelle müssen. Schließlich ist Gehen nach wie vor das zentrale und wichtigste Mittel der Fortbewegung.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Menschenkette mit Maskenpflicht

#Unteilbar verlangt in Kreuzberg: »Black Lives Matter!«

An die 20.000 Menschen spannten ein »Band der Solidarität«. Foto: ksk

Die Sonne schien, überhaupt herrschte wunderbares Sommerwetter, die Stimmung war sehr entspannt und endlich einmal musste man zum Demonstrieren nicht bis zum Kanzleramt oder zum Alexanderplatz laufen. Das »Band der Solidarität«, welches das Bündnis #Unteilbar am 14. Juni spannte, reichte bis nach Kreuzberg: über Baer­wald-, Gneisenau­straße und Hasenheide bis zum Hermannplatz.

Die Polizei sprach nachher von rund 8000 Teilnehmern, die Veranstalter von 20.000. In dem Aufruf zur Menschenkette ging es um eine kostenlose Gesundheitsversorgung oder eine Demokratisierung der Wirtschaft. Vor Ort überwogen dann aber vor allem aktuelle Forderungen wie »Black Lives Matter«, »Stoppt die AfD« oder »Rassismus ist keine Alternative«.

Demos während einer laufenden Pandemie sind natürlich eher heikel – deshalb gab es eine strenge Maskenpflicht. Die Polizei jedenfalls war des Lobes voll: »Das Hygienekonzept ist voll aufgegangen«, hieß es zufrieden. Na ja, Verdi und Linke haben bei Masken offenbar noch etwas Nachholbedarf. Und wenn selbst Ordner­innen Auflagen fröhlich ignorieren, kommt das nicht so gut.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Durstige Straßenbäume …

… würden Bewässerungssäcke ausleihen (wenn sie könnten)

Bewässerungssack wartet auf Wasser. Foto: ksk

So ein Bewässerungssack ist eine nützliche Sache. Im Prinzip ist es nur ein großer Plastikbeutel, in den man 75 Liter Wasser hineinschütten kann. Aber weil er unten viele kleine Löcher hat, gibt er das Wasser nur langsam wieder ab und wirkt wie eine Betropfungsanlage, erklärt Christian Hönig vom BUND.

Das mögen die Bäume und es ist viel besser, als wenn man mit dem Schlauch herumhantiert und das meiste Wasser im Gully landet.

Solche Bewässerungssäcke, dazu aber auch Standrohre für Hydranten, Handhacken und Eimer, kann sich jetzt jeder am Werkhof an der Wiener Straße, gegenüber Ecke Ratiborstraße, ausleihen (Mi 14-16, Fr 16-18 Uhr). Damit will das Bezirksamt engagierte Anwohner unterstützen und das Gießen von Straßenbäumen erleichtern.

Umweltstadträtin Clara Herrmann griff letzte Woche selbst demonstrativ zur Gießkanne und stellte gleich fest: »Die ist aber schwer!« Außerdem will sie mithelfen, versprach sie, dass die kaputte Schwengelpumpe 92 in der Mittenwalder Straße bald wieder funktioniert.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Dilek Kalaycis Angst vor klaren Worten

Großes Rätselraten um die neue Corona-Quarantäne-Station in der Blücherstraße 26B

Die Haupstadtpflege ist eigentlich eine »Temporäre Notfall-Pflegeeinrichtung«. Foto: ksk

Am Ende ging alles so schnell, dass man schier nicht mehr hinterherkam. An einem Tag saß noch der Maler auf der Leiter vor der Front des »House of Life« und tilgte den alten Schriftzug. Am nächsten prangte dort schon das neue Logo von »Vivantes«. Der vom Förderverein liebevoll gepflegte Schaukasten wurde ausgeräumt, jetzt hängt dort nicht mehr der Flyer von »Kultur am Mittag«, sondern Werbung für »Vivantes Hauptstadtpflege«.

Das steht auch auf den Schildern am Eingang. Aber ist das überhaupt richtig? Ist das ehemalige House of Life ein ganz normales Seniorenwohnheim? Die Senatsverwaltung für Gesundheit spricht von einer »Temporären Notfall-Pflegeeinrichtung«. Das klingt schon ganz anders. Aber was soll das nun wieder sein?

Es hatte sich schon Ende Mai herumgesprochen, dass das House of Life einen Monat früher dicht macht, das Gebäude in der Blücherstraße 26B von der Senatsverwaltung für Gesundheit angemietet und bis Jahresende von Vivantes betrieben werden soll. In einem Aushang sprach der bisherige Träger FSE von einem »Ausweichquartier« zur Versorgung von Coronapatienten und Verdachtsfällen bei einer befürchteten zweiten Coronawelle. Das sei bereits am 19. Mai entschieden worden.

Auf dem Bezirksamt hieß es klipp und klar, das Haus werde ab 1. Juni als »Corona-Quarantäne-Station« genutzt. Das Gesundheitsamt habe es abgenommen. Nur die Pressestelle von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci wusste von nichts. Auf eine einschlägige KuK-Anfrage vom 27. Mai lautete die Antwort »Der Senatsverwaltung für Gesundheit … liegen hierzu keine Informationen vor.« Das kann jetzt bedeuten, dass der zuständige Pressereferent keine Ahnung hat, was in seinem Hause passiert. Oder dass er versuchte, den Deckel drauf­zuhalten, mithin die Unwahrheit sprach.

Erst zwei Wochen später kam die offizielle Pressemitteilung zur neuen »Temporären Notfall-Pflegeeinrichtung« heraus. O-Ton Kalayci: »Diese Einrichtung soll pflegebedürftigen Menschen übergangsweise eine Unterkunft bieten, wenn sie in der aktuellen Pandemielage nicht in ihrer häuslichen Umgebung gepflegt werden können«. Geschwurbelter geht es kaum. In dem ganzen Text kommt das Wort »Corona« nur ein einziges Mal, das Wort »Quarantäne« über­haupt nicht vor. Und für wen ist das Haus nun bestimmt? Für pflegebedürftige Menschen mit Corona? Ohne Corona? Oder vermutete Kontaktpersonen?

Das House of Life ist tot, es lebe Vivantes. Aber die Musik spielt nicht mehr. Foto: ksk

Man darf rätseln, warum sich die Senatorin so bedeckt hält. Hat sie Angst, dass schon beim Wort »Corona« Anwohner gegen einen befürchteten Hot-Spot im Kiez Sturm laufen? Sollen die Kosten vorsichtshalber unter dem Teppich bleiben, falls die zweite Welle ausbleibt? Keine Ahnung.

Klarheit schuf erst ein internes Schreiben der Berliner Krankenhausgesellschaft. Dort heißt es sinngemäß, der Corona-Ausbruch in einem Seniorenheim im Lichtenberger Ortsteil Fenn­pfuhl Ende April habe zu Diskussionen geführt. Damals seien alle Bewohner mangels Alternative in Krankenhäuser gebracht worden: »Mit der Errichtung und dem Betrieb einer Notfall-Pflegeeinrichtung soll die Wiederholung einer solchen Erfahrung vermieden werden.«

Es ist genau das, was FSE von Anfang an geschrieben und das Bezirksamt bestätigt hat: ein »Ausweichquartier« oder eben eine »Corona-Quarantäne-Station«.

Jetzt wollte die KuK von Frau Kalaycis Pressestelle nur noch wissen, wann das Haus den Betrieb aufnimmt, ob es ständig belegt oder nur als Reserve gedacht ist, wie viel Personal benötigt wird und was der Umbau kostet. Keine Antwort.

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement, Ein ganz einzigartiges Projekt, House of Life wird geschlossen sowie Kleiner Verein sucht neues Zuhause und Corona-Quarantäne im House of Life (Stand: 10.06.2020).

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Kleiner Verein sucht neues Zuhause

Trauer und Wut über die Schließung des House of Life / namu Art for Life Network e.V. in Not

Aponis Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling im House of Life. Foto: namu

Die kurzfristige Schließung des House of Life Ende Mai hinterlässt im Kiez Spuren. Eineinhalb Jahrzehnte waren die Bewohner des Pflegeheims Teil der Nachbarschaft. Waren auf den Straßen präsent, tauchten beim Späti auf. Umgekehrt kam der Kiez dank dem ehrenamtlichen Förderverein aber auch zu ihnen ins Haus. Jetzt ist das alles vorbei,

In seinem letzten Newsletter blickt der Verein »mit Wehmut« auf das Ende: »Wir versuchen ein bisschen von dem, was wir aufgebaut haben, im Kiez weiterzuführen«, heißt es traurig. Kalt erwischt hat es auch den Verein »namu Art for Life Network«, der im House of Life ein kleines Büro und einen Lagerraum nutzen durfte. Er muss bis Ende August ausziehen und sucht nun dringend neue Räume. »Wir haben 15 Jahre lang zusammengearbeitet«, klagt Vereinsvorstand Una Gonschorr. »Es ging so sang- und klanglos zu Ende!« Namu kümmert sich um schwer kranke Kinder in Kliniken und in Hospizen.

Zur Schließung gibt es auf der KuK-Webseite zahlreiche Kommentare. Eine kleine Auswahl: »Es macht mich traurig und wütend!« – »Ich bin einfach nur sprachlos und regelrecht angewidert. Die Mitbewohner dann auch noch in so einer kurzen Zeitspanne abzuschieben, ist ein Skandal!« – »War selbst Mitbegründerin des Wochenend-Cafés und die Schließung macht mich sehr traurig. Den Bewohnern wünsche ich ein gutes Eingewöhnen in neue Wohneinheiten.« – »So geht man weder mit Bewohnern noch Mitarbeitern um!«

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement und Ein ganz einzigartiges Projekt sowie House of Life wird geschlossen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Die Sprache der Vögel

Wildes Kreuzberg: Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus) / Hotel Mama auf den Friedhöfen am Halleschen Tor

Kleiner Gartenrotschwanz hat großen Hunger. Foto: ksk

Die Sprache der Vögel zu verstehen, ist eine schwierige, nicht leicht zu erlernende Kunst. Der heilige Franziskus hat sie beherrscht, von dem Filmemacher Pier Paolo Pasolini gibt es in »Uccellacci e uccellini« einen hinreißenden Kommentar dazu. Die Friedhöfe am Halleschen Tor sind ein sehr guter Ort, um ein wenig zu üben.

Am besten setzt man sich irgendwo auf eine Bank und macht sich möglichst unsichtbar. Bewundert vielleicht die schönen Bäume, ärgert sich über das viel zu kurz geschnittene gelbe Gras. Vorne am Mehringdamm fechten Nebelkrähen mit rauen Stimmen Revierkämpfe aus. Amseln flöten, eine Herde Spatzen tschilpt.

Plötzlich kommt ein Gartenrotschwanz angeflogen, ein braunes Weibchen. Auf den ersten Blick sehen sie ein bisschen wie Spatzen aus, sind aber viel schlanker und graziler. Sie sitzen gerne gut sichtbar auf Ästen oder Büschen, inspizieren von dort aus das Gelände und zittern dabei auffallend mit ihrem rostroten Schwanz.

Das Weibchen stößt lockende Laute aus und tatsächlich sitzt da noch so ein kleines Federbällchen herum, die Mutter fliegt hin und blitzschnell wird das Junge von ihr gefüttert. Das dauert keine Sekunde, erst auf dem Foto ist zu beobachten, wie das hungrige Kleine den Schnabel aufsperrt. Boah ey, denkt man überrascht, das ist jetzt aber ziemlich intim!

Die Erklärung: Anfang Juni sind die Jungen zwar flügge, kennen sich aber mit Käfern und Spinnen noch nicht so gut aus und werden von der Mama deshalb eine Woche länger ernährt.

Am nächsten Tag erkennt das Weibchen den merkwürdigen Besucher mit rotem Sweatshirt und Knipse gleich wie­der und kommt neugierig angeflattert. Auch das prächtige, bunt gefärbte Männchen taucht auf, um den Gast zu besichtigen. Ein wenig fühlt man sich schon als Teil der Vogelfamilie. In ein paar Tagen sind die Jungen selbstständig, die Eltern brüten vielleicht noch ein zweites Mal und im September machen sich die kleinen Vögel dann auf die gefährliche Reise nach Zentralafrika.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Buntes Kreuzberg: Gelb

Warum ein „farbenfroher Blühaspekt“ noch keine biologische Vielfalt garantiert

Foto: ksk

Es schaut auf den ersten Blick aus wie ein Rapsfeld, ist aber Weißer Senf (Sinapis alba) und noch ein wenig Kleinfrüchtiger Leindotter (Camelina microcarpa). Der breite Mittelstreifen in der Baer­waldstraße leuchtete Ende Mai in grellem Gelb. Im Zeichen der »biologischen Vielfalt« hat das Bezirksamt dort eine 1200 Quadratmeter große Blühwiese für Wildbienen, Hummeln und andere Insekten angelegt.

Jetzt kann man natürlich fragen, was so eine Senf-Monokultur mit biologischer Vielfalt zu tun hat. Tatsächlich sei das nur eine »Akzeptanzart«, heißt es dazu bei der Deutschen Wildtier Stiftung, die einen »farbenfohen Blühaspekt« erzeugen soll, bevor sie als einjährige Pflanze dann wieder verschwindet. Die meisten der 40 ausgesäten Wildblumenarten blühen nämlich erst 2021.

Corona-Quarantäne im House of Life

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci richtet dort eine „Temporäre Notfall-Pflegeeinrichtung“ ein

Noch erinnert der Inhalt des Schaukastens an das House of Life. Foto: ksk

Plötzlich ging alles ganz schnell: Zunächst sollte das „House of Life“ in der Blücherstraße 26B erst zum 30. Juni geschlossen werden, ganz überraschend war es dann aber schon am 31. Mai soweit. Flugs wurden neue Schilder angebracht mit dem Vivantes-Schriftzug, der alte „House-of-Life“-Schriftzug übermalt. Große Geheimnistuerei allerorten. Der städtische Gesundheitskonzern Vivantes gab keine Auskunft, die Senatsverwaltung für Gesundheit drückte sich zwei Wochen lang um eine Antwort auf die Anfrage von Kiez und Kneipe herum. Jetzt ist es endlich offiziell: Im ehemaligen Pflegeheim für Jüngere, das mehr als ein Jahrzehnt lang den Kiez mitgeprägt hat, wird bis zum Ende des Jahres eine „Temporäre Notfall-Pflegeinrichtung“ im Rahmen der Corona-Pandemie eingerichtet.

Was das genau sein soll, wird aus der Pressemitteilung nicht recht deutlich. „Diese Einrichtung soll pflegebedürftigen Menschen übergangsweise eine Unterkunft bieten, wenn sie in der aktuellen Pandemielage nicht in ihrer häuslichen Umgebung gepflegt werden können oder sie nach einem Krankenhausaufenthalt kurzfristig nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können“, schreibt Senatorin Dilek Kalayci dazu eher wolkig. Im beigelegten Informationsblatt werden als künftige Bewohner ausdrücklich pflegebedürftige Menschen sowohl ohne als auch mit einer bestätigten Covid-19-Infektion genannt – soweit sie nicht im Krankenhaus behandelt werden müssen. Sie können aufgenommen werden, wenn sie nach einem Klinikaufenthalt unter Quarantäne stehen oder im Seniorenheim oder in ihrer Wohngemeinschaft „die eigene häusliche Versorgung nicht sicher gestellt werden kann“. Das zentrale Wort „Quarantäne“ wird dabei vermieden und taucht im offiziellen Pressetext kein einziges Mal auf.

Das House of LIfe ist tot, es lebe Vivantes. Schon wird der alte Schriftzug übermalt. Foto: ksk

Nach KuK-Informationen ist die Senatsverwaltung für Gesundheit bereits seit 1. Juni Mieterin des Gebäudes, betrieben wird die Einrichtung mit insgesamt 118 Plätzen von der Vivantes Forum für Senioren GmbH. Gedacht ist an eine Unterbringung von in der Regel bis zu zwei, maximal jedoch vier Wochen. Das Projekt läuft bis zum Jahresende und soll, wie es heißt, „eine Lücke schließen“. In Ergänzung zu der bereitgestellten Notklinik in Messehalle 26 will die Senatsverwaltung offenbar Kapazitäten schaffen, um pflegebedürftige Menschen bei befürchteten Corona-Ausbrüchen für eine begrenzte Zeit an einem geschützten Ort unterbringen zu können.

In einer Mitteilung an die Beschäftigten des „House of Life“ hatte der Träger FSE von einem „Ausweichquartier im Kampf gegen Corona“ gesprochen, Neben der Klinik in der Messehalle werde „nun auch das ehemalige House of Life im Falle einer weiteren Krankheitswelle zur Versorgung der Patient*innen beitragen“. Tatsächlich, so Vivantes, sei vor Ort aber keine Behandlung und auch kein Krankenhaus geplant.

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement  und Ein ganz einzigartiges Projekt sowie House of Life wird geschlossen.

Endlich mit Aufzug

U-Bahnhof Gneisenaustraße wird barrierefrei und bekommt einen dritten Eingang

Noch nicht das Dach über dem geplanten Aufzug, aber der erste Schritt dazu: Arbeiten am Ost-Eingang. Foto: ksk

Ein oranger Bauwagen ist zu sehen, ein Container-Standplatz, kürzlich wurde sogar ein mächtiger Wetterschutz aufgerichtet. Am östlichen Eingang des U-Bahnhofs Gnei­se­nau­stra­ße wird seit Wochen gebaut. Die KuK hat bei der BVG nachgefragt: Derzeit wird die bisherige Treppe abgerissen, ein neuer Treppenlauf betoniert und außerdem noch ein schönes, neues Bahnhofsschild aufgestellt, ein sogenannter Gre­nan­der­bo­gen. Das alles dauert bis zum zweiten Quartal 2021 – solange ist der Eingang an der Mittenwalder also zu.

Das ist aber erst der Anfang, denn dann beginnen die »Grund­instandsetzung« und der barrierefreie Ausbau, die noch einmal zwei Jahre dauern und insgesamt 15 Millionen Euro verschlingen. Dabei bekommt der U-Bahnhof auf dem Mittelstreifen zwi­schen den beiden bisherigen Zugängen einen dritten, komplett neuen Ausgang mit Treppenanlage und Aufzug. So sehen es die Pläne vor, für die derzeit die Genehmigung läuft.

Laut Verkehrssenato­rin Regine Günther sollte das Berliner U-Bahn-Netz ursprünglich bereits 2020 komplett barrierefrei sein. Vom Gesetz ist der 1. Januar 2022 als Termin für barrierefreie Zugänge vorgeschrieben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Für Kinder und Erwachsene

Panzerartige SUVs haben auf Spielstraßen keine Chance

Temporäre Spielstraße an einem verregneten Sonntagnachmittag am Kreuzberger Chamissoplatz. Foto: ksk

Gerade erst hat es kräftig geregnet. Der lang ersehnte Schauer nach wochenlanger Trockenheit. Das Kopfsteinpflaster auf der Arndtstraße glänzt nass und silbrig. Kein Mensch ist bei dem Wetter unterwegs. Aber stimmt gar nicht: Ganz da vorne steht einsam eine Frau in türkisgrüner Warnweste. Das ist eine Ordnerin für die temporäre Spielstraße.

Spielstraße? Braucht man das, wenn es doch gleich daneben den Spielplatz auf dem Chamissoplatz gibt? »Die Kinder gehen zu den Spielgeräten, die wollen nicht auf der Straße spielen«, moniert eine ältere Frau, die sich an der Absperrung herumdrückt. »Die verstehen das nicht, am Sonntag dürfen sie auf die Straße und unter der Woche nicht.«

Aber dann steht man eine Weile herum und plaudert, die Sonne wagt sich hervor. Alle paar Minuten kommt ein protziger Daimler oder ein hässliches, panzerartiges SUV die Nostitzstraße hochgeschlichen, bleibt eine Weile auffordernd stehen und dreht dann ratlos wieder um.

Irgendwie ist das ziemlich lustig. »Jawohl«, denkt man bei sich, »hier kommst du nicht durch! Hier ist heute Verkehrswende, hast du verstanden, und überhaupt könntest du deine blöde, lächerliche Angeberkarre mal stehen lassen und aufs Fahrrad umsteigen!« Eigentlich ist so eine temporäre Spielstraße doch eine coole Sache.

Inzwischen bevölkern kleine Grüppchen die immer noch sehr breite Straße, mit und ohne Kinder. Sprachfetzen sind zu hören: »Die probieren wenigstens was!« – »Du glaubst gar nicht, wie schnell das aufgebaut wurde!« – »Erst gestern habe ich mit meiner Nachbarin darüber diskutiert!«

Knapp 20 solcher Spielstraßen hat der Bezirk inzwischen mit Unterstützung von Anwohnern eingerichtet. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um die Kinder, denkt man noch, die sind auf den Spielplätzen gut aufgehoben. Viel­leicht geht es viel mehr um die Erwachsenen, die auf einmal miteinander zu reden beginnen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Könnte es bitte eine Scharlach-Kastanie sein?

Der Bezirk bekommt im Herbst 155 neue Bäume – wenn die Bürger kräftig in die Tasche greifen

Straßenbaum … Foto: ksk

In der Großstadt gibt es drei Arten von Bäumen. Die Straßenbäume: Platanen, Linden, die im Sommer süßlich duften, Baumhaseln, über die sich Eichhörnchen freuen. Und natürlich Kastanien. Wenn ihre Früchte im Herbst auf die Autodächer prasseln, klingt es wie Gewehrschüsse und überall heulen die Alarmanlagen auf.

Dann gibt es die Straßenbäumchen, Chinesische Wildbirne etwa. Im Frühjahr blüht sie ein bisschen rot, ab und zu werden Äste dürr und wenn ein etwas heftigeres Lüftchen weht, fällt so ein Bäumchen schon mal mit einem leisen Seufzer um.

… und Straßenbaum-Attrappe. Foto: ksk

In der Mittenwalder Straße ist das vor ein paar Jahren passiert, da konnte man dann sehen, wie flach der Wurzelballen eigentlich ist. Ohnehin fragt man sich, wie sie in ihrer Mini-Baumscheibe überhaupt leben können. Außerdem existieren noch Straßenbaum-Attrappen in hässlichen Pflanzkübeln. Die sind häufig dürr und könnten genauso aus Plastik sein.

Jedes Jahr müssen Bäume gefällt werden. Allein in Friedrichshain-Kreuzberg sind es in diesem Jahr 622 Stück – aber da zählen auch die Anlagenbäume mit. Zum Ausgleich sollen immerhin 155 neue Bäume gepflanzt werden. Aber so wenig der Bezirk im Sommer Wasser zum Gießen hat, so wenig Geld hat die Senatsverwaltung für Umwelt für die neuen Bäume. Von den 2000 Euro, die ein Bäumchen in den ersten zwei Jahren kostet, sollen deshalb Anwohner 500 Euro übernehmen.

Entlang der Mittenwalder Straße werden noch für die Hausnummern 34, 37, 39, 41, 47, 49 und 50 Baumpaten gesucht, für den schönen Platz vor dem »Zweiten Büro« an der Fürbringer / Zossener wurden offenbar schon Spender gefunden. Aber bitte, könnte es statt der vorgesehenen Wildbirne vielleicht eine gegen Miniermotten resistente Scharlach-Kastanie sein?

Hier kann man die Kampagne verfolgen; hier ist die Liste der Bäume und hier wird jeder einzelne Baum aufgeführt. Nur dass viele der dort eingezeichneten Schwengelpumpen leider gar nicht funktionieren.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Ein ganz einzigartiges Projekt

Das House of Life leistete Pionierarbeit – macht jetzt aber leider dicht

Dank der Aktivitäten des ehrenamtlichen Fördervereins ging es im House of Life hoch her: Fest der Inklusion mit Fanfare Gertrude. Foto: ksk

Wenn man vor dem House of Life in der Blücherstraße 26B steht, wirkt es nicht besonders einladend. Eine graue, etwas heruntergekommene Betonburg, düster und unnahbar – auch die bunten Wandmalereien von Sergej Dott helfen wenig. Aber nach ein paar Schritten ins Innere ändert sich der Eindruck: Im »Café Bohne« gibt es leckeren Kuchen, im Garten lässt sich wunderbar in der Sonne sitzen und nach einer Weile wird klar, dass diese Menschen im Rollstuhl nicht einfach Menschen im Rollstuhl sind, sondern dass man mit ihnen reden kann.

Jahreskalender 2020. Zeichnung: Hardo

Als das House of Life 2006 gegründet wurde, war es ein ganz einzigartiges Projekt. Den Hintergrund bildete die wachsende Anzahl an schwer AIDS-Kranken, die intensive Betreuung benötigten, aber so gar nicht in ein übliches Seniorenheim mit einem Durchschnittsalter von 85 Jahren passten. Also entstand in langjähriger Kooperation der Berliner Aids-Hilfe mit der FSE Pflegeeinrichtungen gGmbH unter dem Dach der AWO die Idee, ein Pflegeheim nur für Jüngere einzurichten.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann bekommt den „Prize of Life“. Foto: privat

Das war das eine Bein des neuen Konzepts. Das andere bestand darin, dieses Heim nicht zu verstecken, sondern mitten hinein in das bunte, vielfältige Kreuzberg zu setzen. Die Bewohner*innen sollten ihr Gesicht nicht verlieren, sie sollten es zeigen, auch »draußen«, Brücken sollten geschlagen werden. »Das größte Geschenk, das man den Bewohner*innen machen kann«, hieß es damals, »ist eine starke und vitale Verbindung zum Leben der Stadt.«

Das ist 14 Jahre her. Viele sind im House of Life gestorben. Neben AIDS stehen inzwischen andere schwere Krankheiten im Vordergrund. In diesen 14 Jahren hat der ehrenamtliche Förderverein ein unglaubliches Feuerwerk an Veranstaltungen und anderen kreativen Ideen abgebrannt (s. rechte Seite). Aber jetzt ist damit Schluss: Nachdem es ursprünglich hieß, das House of Life werde zum 30. Juni geschlossen, ist es nun bereits seit dem 31. Mai dicht.

Der damalige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (mit Cello) beim Herbstfest 2008 mit Una Gonschorr. Foto: privat

»Die Bausubstanz des Gebäudes lässt ein weiteres Betreiben der Einrichtung durch uns leider nicht mehr zu«, schreibt die Geschäftsführung zur Begründung. Alle zuletzt 80 Bewohner*innen haben inzwischen eine neue Unterkunft gefunden, einige davon offenbar im Goldenherz in der Maxstraße. Die 65 Beschäftigten würden weiterbeschäftigt, heißt es.

Während der Träger FSE in seiner Stellungnahme geltend macht, der Entscheidung sei »ein intensiver Beratungsprozess« vorausgegangen, kam die Schließung für viele Betroffene doch sehr überraschend. Von »vollendeten Tatsachen« ist die Rede, Bekanntschaften seien zerrissen und vieles, was im Lauf der Jahre mühsam geschaffen wurde, mit einem Schlag zerstört worden. »Jetzt gehen sie wieder zurück ins Seniorenheim«, klagt einer.

Beim Träger FSE bemüht man sich hingegen um optimistischere Töne. Das House of Life habe mit der Idee der Teilhabe »wichtige Pionierarbeit geleistet«, heißt es. Und man verspricht: »Das Konzept der Jungen Pflege wird von der FSE weiter verfolgt. Wir sind auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie.«

Aufregende Zeit

Nicole Katschewitz. Foto: privat

Nicole Katschewitz ist Vorsitzende des Fördervereins House of Life e.V . Mit ihr sprach Klaus Stark.

KuK: Nicole, seit wann weißt du, dass das House of Life geschlossen wird?

Nicole Katschewitz: Das haben wir in einem persönlichen Gespräch am 5. März erfahren.

Wie habt ihr im Förderverein darauf reagiert?

Wir hätten nie gedacht, in welcher kurzen Zeitspanne das Haus geschlossen wird. Wir wollten bis zum Ende alle ehrenamtlichen Angebote weiter anbieten, aber wegen Corona herrschte seit 13. März offizielles Hausverbot.

Ist das House of Life am Ende gescheitert?

Das Konzept einer Pflegeeinrichtung für Jüngere ist nicht gescheitert. Alle Beteiligten haben immer wieder betont, dass dies wichtig und richtig war. Es war eine spannende und aufregende Zeit, die ich im House of Life verbringen durfte, wofür ich sehr dankbar bin.

Löst sich der Verein jetzt auf oder macht ihr weiter?

Das entscheidet die Mitgliederversammlung. We­gen Corona konnten wir die noch nicht durchführen.

 

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Feuerwerk an Ideen und Engagement

Eineinhalb Jahrzehnte stand der Förderverein den Bewohner*innen des House of Life zur Seite

Fragt man Marie Hoepfner nach den Höhepunkten der vergangenen Jahre, muss sie erst ein wenig nachdenken. Aber dann sprudelt es nur so aus ihr heraus: »Der Tag der Inklusion im Mai 2014. Der große Saal war proppenvoll! Jocelyn B. Smith, die hat hier 2017 einen Workshop gegeben! Oder der erste Kalender mit Fotos der Bewohner*innen, toll gestylt und im Abendkleid. Das Motto damals war: Ich bin schön! Das hat mich sehr stolz gemacht!«

Marie hat für den Förderverein House of Life e.V. die kulturellen Veranstaltungen organisiert. Der gemeinnützige Förderverein stand dem House of Life von Anfang an zur Seite, war vom Träger unabhängig und arbeitete komplett ehrenamtlich. Sein Ziel war, wie es ein Mitglied einmal formulierte, »in erster Linie das Leben der Bewohner*innen so schön und angenehm wie möglich zu gestalten«. Sein Zeichen ist die rot-grüne Schleife, die Solidarität mit HIV-Positiven symbolisiert, aber auch an die Hoffnung und das Leben erinnern möchte.

Wichtiges Werkzeug dabei war der große Speisesaal mit seiner guten Akustik, der zu einem einzigartigen Ort der Begegnung wurde, einer Schnittstelle zwischen der Innenwelt des House of Life und der Welt draußen. Aber auch ohne die Zeitschenker*innen wäre nichts gegangen – so hießen die zeitweise bis zu 20 Ehrenamtler, die im Pflegeheim für Abwechslung sorgten.

Und was hat sich der Förderverein in diesen 14 Jahren nicht alles einfallen lassen:
• Das Café Bohne öffnete jeden Samstag und Sonntag die Pforten und servierte Kaffee, Tee und Kuchen.
• Im Computerraum wurden die Bewohner*innen beim Surfen angeleitet.
• Mit Hilfe des Restkartenangebots von KulturLeben e.V. besuchten Bewohner*innen Konzerte, Theateraufführungen und Sportveranstaltungen.
• Im Freizeitraum gab es Billard, Dart, Kicker, Wii-Konsole, im Garten Kräuter-Hochbeet und Naschgarten.
• Der Verein mog61 e.V. veranstaltete im Garten des House of Life jedes Jahr Anfang Mai ein Fest der Inklusion mit Livemusik.

• Im Rahmen der Fête de la Musique am 21. Juni fand jedes Jahr das Sommerfest des House of Life statt, wo auch der »Prize of Life« verliehen wurde.
• Im Juli gab es ein Kennenlern-Picknick und im Herbst zusammen mit mog61 e.V. einen Jahreskalender mit schönen Fotos oder Zeichnungen von Bewohner*innen.
• Ganz viel los war zwischen 2015 und 2018 bei der von »Aktion Mensch« geförderten »Kiez Community« – einem Inklusionsprojekt, das ein lebendiges Netzwerk im Kiez knüpfte. Mit vielen Konzerten, Rikscha-Fahren, Mobilitätswerkstatt, Theatergruppe, Ukulele-Unterricht, Blasorchestergruppe, Kiez-Atlas und Fest der Nachbarn am »European Neighbours’ Day«.
• Insgesamt drei Bücher hat der Förderverein herausgebracht mit Biografien von Bewohner*innen und Interviews mit Pflegekräften, Ehrenamtlichen und mit Angehörigen.

• Das Projekt »Kultur am Mittag« sorgt dafür, dass Kulturveranstaltungen künftig vermehrt auch tagsüber und nicht immer nur abends stattfinden.
Was für ein Feuerwerk von Ideen und Engagement! Das alles ist jetzt vorbei. Der Förderverein hat sein Büro bereits räumen müssen. »Es war etwas Besonderes und das Konzept ist auch aufgegangen«, sagt Marie. »Dass es jetzt so hat enden müssen, ist wirklich traurig.«

Immerhin gibt es einen kleinen Lichtblick, berichtet Antje Lange, die sich von Anfang an intensiv für den Verein eingesetzt hat: Möglicherweise werden die Konzerte und andere inklusive Veranstal­tungen, für die das House of Life bekannt geworden ist, unter dem Dach des Nachbarschaftshauses in der Urbanstraße fortgeführt.

 

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Ein ganz einzigartiges Projekt

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.