»Ich empfinde das als ästhetische Zumutung!«

Viele Anwohner haben mit den Aufenthaltsmodulen in der Bergmannstraße so ihre Schwierigkeiten

Klarer Konsens: Die Parklets sind hässlich! Foto: ksk

Lutz Stolze von der Buchhandlung Kommedia in der Marheineke-Markthalle ist ein ruhiger, besonnener Mann. Aber wenn es um die neuen Parklets in der Bergmannstraße geht, verliert er die Fassung. «Ich empfinde das als ästhetische Zumutung«, schimpft er. »Das hat den Flair einer Bundesbahn-Zentrale in Gütersloh! Lieblos ist das!«

Wer herauskriegen will, was Ortsansässige von der Begegnungszone halten, hat schnell ein Problem: Er trifft fast niemanden, der die grellorange gestrichenen Sitzmöbel am Straßenrand auch nur einigermaßen okay findet.

 »Sauhässlich« seien die Dinger, sagt Peter Klunker vom Weing’schäft. »Das ist nicht der Wille der Kreuzberger aus dem Kiez. Ich sehe jeden Tag, wie die vollgemüllt und beschmiert werden.« Besondere Probleme bereitet ihm das Querungselement vor dem Geschäft. Dreimal die Woche wird er beliefert: »Da zählt jeder Meter, das geht alles mit Muskelkraft.« Aber nun darf der Lkw nicht mehr dort parken. Klunker bekam schon drei Strafzettel.

»Die passen nicht ins Straßenbild. Damit wird die Bergmannstraße tot gemacht«, klagt Lalo vom Imbiss El Chilenito über die Parklets. »Absolut ungemütlich und zudem gefährlich«, urteilt Gabi Lück von der Boutique Bijondo. Und Svenja Hagen Greuner vom Modeladen Brenøe prophezeit: »Es wird sich niemand, der hier lebt, auf diese Dinger setzen. Nur die Touristen. Das Schlimmste kommt erst, wenn es wärmer wird.« Davon kann Daniela Behrendt, die über dem Ararat wohnt, ein Lied singen. Sie hat schon letzten  Sommer gelitten, als es nur zwei und nicht 18 Aufenthaltsmodule gab – weil da »nachts Leute sitzen und Party machen«. Unzählige Male lief sie hinunter und bat, die Musik leiser zu stellen.  »Wenn man abends ins Bett ging, wusste man nicht, ob man die Nacht durchschlafen kann. Das hält keiner aus.«

»Niemand braucht Parklets, wenn dadurch neue soziale Brennpunkte entstehen«, sagt auch Hans-Peter Hubert von der Bürgerinitiative »Leiser Bergmannkiez«. Aber es gehe nicht nur um die Sitzmöbel. Fahrradbügel auf der Fahrbahn statt auf dem Bürgersteig sind in seinen Augen sinnvoll.  Und die Test-Querungselemente ein erster Schritt, dass Rollstuhlfahrer künftig vielleicht »an vier oder fünf Stellen barrierefrei über die Straße können«. Aber natürlich hätte er noch mehr Wünsche: zum Beispiel eine abgepollerte, schmalere Fahrbahn mit Schwellen.

Und dann finden sich tatsächlich noch zwei, die wirklich zufrieden sind. Zwei junge Kerle aus Bielefeld, Touristen, die Strickmützen tief ins Gesicht gezogen. Ja gut, der Sitzplatz sei vielleicht nicht ganz optimal. »Aber der Döner«, sagt einer, »der schmeckt echt lecker!«

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2019.

Empanadas, ganz original

Lalo lockt mit leckeren chilenischen Spezialitäten

»El Chilenito« heißt unter Freunden Lalo und lebt seit 1975 in Berlin. Foto: ksk

Besonders stolz ist Eduardo Estrada (Spitzname: Lalo) auf seine Empanadas. Das sind leckere Teigtaschen, gefüllt mit Rinderhack, einer Olive, drei Rosinen und zu Würfeln geschnittenen Zwiebeln, gewürzt mit Salz, ein bisschen Kreuzkümmel und einer Prise Merkén. »In anderen Teilen Südamerikas machen sie das mit allem Möglichen, mit Yucca zum Beispiel, aber in Chile gibt es keine anderen«, berichtet er und lächelt dabei vergnügt.

Seit mehr als einem Jahr betreibt Lalo einen Imbissstand in der Bergmannstraße, im Innenhof beim Drogeriemarkt, wo es hinten zum Ballhaus geht. Man merkt gleich, dass er mit viel Liebe bei der Sache ist. Draußen auf dem Trottoir wirbt ein Aufsteller, über dem Stand ein großes Schild mit der Aufschrift »El Chilenito« und chilenischen Fähnchen. Ein paar Stühle und Tische, chilenische Comics zum Angucken, ein Behälter mit Wasser – und im Hintergrund läuft Radio Corazón aus Pudahuel, einem Vorort von Santiago de Chile.

Der Imbiss ist montags bis samstags von 11 bis 20.30 Uhr geöffnet. Man kann hier typisch chilenische Hot Dogs verspeisen, sogenannte »Completos«, oder Sandwiches – etwa das berühmte »Churrasco Italiano«, das natürlich auch aus Chile kommt, aber so heißt, weil die roten Tomaten, die grünen Avocados und die weiße Mayonnaise an die italienischen Farben erinnern. Neben der klassischen Variante mit Hüftsteak steht auch eine vegetarische Version auf der Speisekarte. Und danach vielleicht Alfajores, das sind süße Doppelkekse, gefüllt mit Dulce de Leche und verziert mit Kokosstreuseln.

Lalo lebt seit 1975 in Berlin. Zusammen mit seinen Eltern floh er vor der Pinochet-Diktatur und spricht fließend Spanisch. An seinem Stand kommen viele junge Chilenen aus dem »Working-Holiday«-Programm vorbei, aber auch Landsleute aus der älteren Generation, erzählt er. Dann schimpfen wir noch ein bisschen über die neuen Sitzmöbel in der Bergmannstraße und trinken gemütlich einen heißen Kaffee.

facebook.com/elchilenito-berlin

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2019.