Artikel mit dem Schlagwort ‘Leiser Bergmannkiez’

Begegnungszone Bergmannstraße

12. April 2019 (19:07)

Die Parklets bleiben bis November

Bezirksamt stellt Konzept zur Begegnungszone Bergmannstraße vor

Auch nicht schöner als vorher: Parklet als Sperrmüllablageort. Foto: ksk

Als die Bezirksverordnetenversammlung Ende Januar verlangte, die Testphase in der Bergmannstraße bereits im Juli zu beenden, machten sich schon Gerüchte breit, auch die umstrittenen orangen Parklets würden bald verschwinden. Die Hoffnung war verfrüht. Bezirksamt und Senatsverwaltung brauchten mehr als zwei Monate, um sich auf eine gemeinsame Antwort zu einigen. Jetzt liegt endlich ein Konzept vor, wie es mit der Begegnungszone weitergehen soll. Große Überraschung: Die Parklets werden nicht abgebaut, sondern bleiben bis November stehen.

Der neue Chef des Straßen- und Grünflächenamts, Felix Weisbrich, erläuterte die Pläne Anfang April im Umweltausschuss. Danach wird mit Blick auf die Begegnungszone verbal zwischen einer »Erprobungsphase« und einer »Evaluierungsphase« unterschieden. Erstere soll tatsächlich – wie von der BVV gefordert – Ende Juli enden. Bisher habe sich die Diskussion vor allem in »gestalterischen Details und Betriebsproblematiken« erschöpft, kritisierte Weisbrich, und wenig zu Fragen der »dauerhaften Gestaltung« beigetragen. Das soll sich mit der im August startenden Evaluierungsphase nun schlagartig ändern.

Im Sommer sind zwei von Experten und Verbänden begleitete »repräsentative Bürgerwerkstätten« geplant, im August eine weitere »Sommerwerkstatt«. Mehr als 9000 Bürger werden angeschrieben und zur Mitarbeit aufgefordert. Dabei geht es nicht nur um die künftige Gestaltung der Bergmannstraße, auch der Knoten an der Marheinekehalle wird – wie etwa von der Initiative »Leiser Bergmannkiez« mehrfach gefordert – einbezogen. Ziel sei es, »mehrere Varianten zu erarbeiten«, über die dann diskutiert werden könne, so Weisbrich.

Es blieb im Detail offen, wer genau an diesen »Werkstätten« teilnimmt, welche Rolle der interessierte Bürger dabei gegenüber professionellen Planern und Verbänden spielen kann und ob frühere, detaillierte Vorschläge etwa der Gewerbetreibenden berücksichtigt werden. Bereits Ende Mai will das Bezirksamt das weitere Vorgehen öffentlich in der Columbiahalle vorstellen.

Und die Parklets? Sie werden von Sitzmöbeln zu »Diskussionsorten« umfunktioniert, dabei umgebaut und teilweise verlegt und verschwinden erst mit dem Ende der Evaluierungsphase im November. Alle weiteren Elemente, vor allem Poller und Fahrradbügel, sind gar nicht so temporär, sondern bleiben, bis über die »dauerhafte Gestaltung« entschieden wurde. Im ersten Quartal 2020 soll es dazu eine Vorlage für die BVV geben.

Bei der Präsentation im Ausschuss wurden Sorgen laut, ob tatsächlich eine neutrale Abwägung verschiedener Varianten gesichert sei. Und Ärger, dass Fahrradbügel und Poller erst einmal Tatsachen schaffen und überhaupt erst errichtet wurden, als die BVV längst ein frühzeitiges Ende der Testphase gefordert hatte. Auch im Kreis der Gewerbetreibenden herrscht eher Skepsis. Angesichts des heiklen BVV-Beschlusses, vermutet Sprecher Michael Becker, »wollen die möglichst günstig und ohne Gesichtsverlust aus der Nummer rauskommen.«

Kiez

2. März 2019 (13:02)

»Ich empfinde das als ästhetische Zumutung!«

Viele Anwohner haben mit den Aufenthaltsmodulen in der Bergmannstraße so ihre Schwierigkeiten

Klarer Konsens: Die Parklets sind hässlich! Foto: ksk

Lutz Stolze von der Buchhandlung Kommedia in der Marheineke-Markthalle ist ein ruhiger, besonnener Mann. Aber wenn es um die neuen Parklets in der Bergmannstraße geht, verliert er die Fassung. «Ich empfinde das als ästhetische Zumutung«, schimpft er. »Das hat den Flair einer Bundesbahn-Zentrale in Gütersloh! Lieblos ist das!«

Wer herauskriegen will, was Ortsansässige von der Begegnungszone halten, hat schnell ein Problem: Er trifft fast niemanden, der die grellorange gestrichenen Sitzmöbel am Straßenrand auch nur einigermaßen okay findet.

 »Sauhässlich« seien die Dinger, sagt Peter Klunker vom Weing’schäft. »Das ist nicht der Wille der Kreuzberger aus dem Kiez. Ich sehe jeden Tag, wie die vollgemüllt und beschmiert werden.« Besondere Probleme bereitet ihm das Querungselement vor dem Geschäft. Dreimal die Woche wird er beliefert: »Da zählt jeder Meter, das geht alles mit Muskelkraft.« Aber nun darf der Lkw nicht mehr dort parken. Klunker bekam schon drei Strafzettel.

»Die passen nicht ins Straßenbild. Damit wird die Bergmannstraße tot gemacht«, klagt Lalo vom Imbiss El Chilenito über die Parklets. »Absolut ungemütlich und zudem gefährlich«, urteilt Gabi Lück von der Boutique Bijondo. Und Svenja Hagen Greuner vom Modeladen Brenøe prophezeit: »Es wird sich niemand, der hier lebt, auf diese Dinger setzen. Nur die Touristen. Das Schlimmste kommt erst, wenn es wärmer wird.« Davon kann Daniela Behrendt, die über dem Ararat wohnt, ein Lied singen. Sie hat schon letzten  Sommer gelitten, als es nur zwei und nicht 18 Aufenthaltsmodule gab – weil da »nachts Leute sitzen und Party machen«. Unzählige Male lief sie hinunter und bat, die Musik leiser zu stellen.  »Wenn man abends ins Bett ging, wusste man nicht, ob man die Nacht durchschlafen kann. Das hält keiner aus.«

»Niemand braucht Parklets, wenn dadurch neue soziale Brennpunkte entstehen«, sagt auch Hans-Peter Hubert von der Bürgerinitiative »Leiser Bergmannkiez«. Aber es gehe nicht nur um die Sitzmöbel. Fahrradbügel auf der Fahrbahn statt auf dem Bürgersteig sind in seinen Augen sinnvoll.  Und die Test-Querungselemente ein erster Schritt, dass Rollstuhlfahrer künftig vielleicht »an vier oder fünf Stellen barrierefrei über die Straße können«. Aber natürlich hätte er noch mehr Wünsche: zum Beispiel eine abgepollerte, schmalere Fahrbahn mit Schwellen.

Und dann finden sich tatsächlich noch zwei, die wirklich zufrieden sind. Zwei junge Kerle aus Bielefeld, Touristen, die Strickmützen tief ins Gesicht gezogen. Ja gut, der Sitzplatz sei vielleicht nicht ganz optimal. »Aber der Döner«, sagt einer, »der schmeckt echt lecker!«

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