Für Bedürftige

Neue Corona-Aktion von mog61

Auch wenn jetzt die Kneipen wieder öffnen, ist Corona noch längst nicht vorbei. Der Verein »mog61 – Miteinander ohne Grenzen« hat sich in der Corona-Pandemie bereits stark engagiert, jetzt startet er eine neue Initiative: Noch im Juni sollen an die 300 Care-Pakete an Bedürftige und Obdachlose verteilt werden. Gedacht ist an eine kleine Textiltasche mit Überlebenshilfen in dieser schwierigen Zeit: Haltbare Lebensmittel wie abgepacktes Brot, Wurst und Käse, Schokolade, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Toilettenpapier, Desinfektionsmittel – das alles könnte sehr nützlich sein.

Um die Taschen zu füllen, ist der Verein auf großzügige Spender angewiesen. Vor allem Gewerbetreibende dürfen sich angesprochen fühlen, aber auch andere Menschen werden gebeten, die Aktion zu unterstützen. Eine Spendenquittung wird gerne erstellt.

»Die Corona-Pandemie bedroht viele Menschen in ihrer Gesundheit und Existenz und stellt unsere Gesellschaft vor neue Herausforderungen«, sagt mog61-Vorsitzende Marie Hoepfner. »Besonders Menschen mit sozialen Schwierigkeiten sind gefährdet, wie Straßenkinder, Obdachlose und Bedürftige.«

Der Verein, der in Nicht-Corona-Zeiten vor allem durch sein jährliches Straßenfest in der Mittenwalder Straße bekannt geworden ist, hat gleich zu Beginn der Pandemie als Ersatz für physischen Kontakt einen Online-Treffpunkt eingerichtet und inzwischen mehr als 800 Mund-Nasen-Masken genäht, die an soziale Einrichtungen verteilt wurden. Kontakt: 0176 99 743 624 oder info@mog61ev.de

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Nur von den Obdachlosen ist keiner da

Der Wind bläst kalt ins Gesicht und die Strecke zieht sich: »Nacht der Solidarität« mit mog61 e.V.

Um halb zehn zieht der erste Trupp los. Mit hellblauen Warnwesten, die Taschenlampen griffbereit und – glaubt man den entschlossenen Gesichtern – für alles gerüstet, was da in dunkler Nacht auf einen zukommen mag. Nein, keine Polarexpedition, nur die »Nacht der Solidarität«.

In ganz Berlin wollten 2600 Freiwillige mithelfen, erstmals obdachlose Menschen zu zählen. Mehr als 100 sind im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße versammelt, das als Zählbüro dient. Vom Verein »mog61 – Miteinander ohne Grenzen« ist Marie dabei, als Teamleiterin.

In gewohnter Großzügigkeit gibt es erst mal tonnenweise Butterbrezeln, Kekse und Getränke. Erneut werden wichtige Regeln verkündet: Wir machen keine Fotos! Wir wecken niemanden auf! Wir sprechen sanft und leise!

Zu Maries Team gehören acht Leute, viele kommen aus dem sozialen Bereich. Sie machen sich flüchtig bekannt, Aufgaben werden verteilt. Wer bestimmt den Weg? Wer hält das Licht? Gewissenhaft wird geprobt: »Möchten Sie mit uns sprechen? Schlafen Sie auf der Straße?

«Draußen regnet es glücklicherweise nicht. Es ist eher mild, aber der Wind bläst kalt ins Gesicht. Gute Idee, das mit dem zusätzlichen Pulli. Busse fahren, auf den Straßen ist kaum jemand unterwegs. Ein ganz normaler Wochentag, zwei Stunden vor Mitternacht. Der Zählbezirk südlich des Landwehrkanals zieht sich, wenn man jede, aber auch jede Straße abläuft. Eine Passantin sagt: »Gut, dass ihr das macht!«

Nach zwei Stunden tun tatsächlich die Beine weh. Das Ergebnis: Team »Kreuzberg 8« hat keinen einzigen Obdachlosen entdeckt, nur drei verlassene Schlafstellen, die vielleicht im Sommer benutzt werden. Marie macht das nichts: »Das war nur der Anfang. Mit dem Thema Obdachlosigkeit wollen wir uns künftig intensiver beschäftigen.«

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Endlich ein Wärme-Container

Obdachlose am U-Bahnhof Moritzplatz dürfen hoffen

Blumen und Kerzen erinnern an den Obdachlosen, der am 13. Januar auf dem U-Bahnhof Moritzplatz tot aufgefunden wurde. Foto: ksk

Es ist ein Ort ohne Würde. Nackter Beton, an den Wänden kahle Fliesen. Fünf Obdachlose liegen zusammengekauert in ihren Schlafsäcken, umgeben von Abfällen. Immer wieder laufen achtlos Touristen vorbei. Es ist saukalt: Durch das Zwischengeschoß im U-Bahnhof Moritzplatz pfeift eisig der Wind.

»Ich finde das schwierig«, sagt Ulrich Neugebauer von der Kältehilfe der Stadtmission. »Es ist keine gute Unterbringungsmöglichkeit.« Der U-Bahnhof tauge nicht als Notunterkunft, findet auch Markus Falkner von der BVG – »allenfalls als allerletzte Zuflucht vor dem Erfrieren«,

Ende November hatte die Senatsverwaltung für Soziales versprochen, »innerhalb weniger Wochen« beheizte Wärme- und Wartehallen am U-Bahnhof Moritzplatz und Lichtenberg aufzustellen. Großspurig war schon von einem »Modellprojekt« die Rede. Neun Wochen später ist davon noch nichts zu sehen. Inzwischen ist am Moritzplatz ein Mann gestorben – wenn auch wohl nicht an der Kälte.

Nun soll in den letzten Januartagen endlich der versprochene Wärme-Container aufgebaut werden. Mit Heizung, heißem Tee und Betreuung während der Nachtstunden. Warum das so lange gedauert hat, kann niemand erklären.

Von 1.200 Übernachtungsplätzen sind derzeit noch 200 frei

Der Kältebus der Stadtmission beim nächtlichen Einsatz. Foto: ksk

Wenn der Container erst einmal steht, sollen die Wohnungslosen laut Neugebauer ermutigt werden, den unwirtlichen, kalten Bahnhof zu verlassen – der dann nachts auch wieder geschlossen werden kann.

In Berlin gibt es insgesamt 1.200 Übernachtungsplätze für Menschen ohne Obdach, davon sind derzeit trotz der tiefen Temperaturen rund 200 frei. Sowohl von der Stadtmission als auch vom DRK sind Kältebusse unterwegs, um in Not geratene Obdachlose aufzulesen.

In den vergangenen Tagen wurden im Volkspark Humboldthain und im ehemaligen Spaßbad »Blub« in Neukölln jeweils ein toter Obdachloser aufgefunden. Möglicherweise handelt es sich um die ersten Kältetoten dieses Winters in Berlin –- eine Bestätigung der Polizei steht noch aus.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2019.

Moritzplatz wird Kältebahnhof

BVG und Senat einigen sich doch noch auf eine gemeinsame Lösung

Noteingang: Der U-Bahnhof Moritzplatz bleibt im Winter nachts für Obdachlose geöffnet. Foto: ksk

Der Ostwind bläst über den Moritzplatz. Es ist bitterkalt. Jetzt um Mitternacht ist auf dem U-Bahnhof nicht mehr viel los. Im Zwischengeschoss liegen zwei Obdachlose neben dem Geldautomaten, an der Wand gegenüber redet ein dritter laut mit sich selbst. Unten bei den Gleisen kauert ein weiterer Mann in sich versunken zwischen acht leeren Bierflaschen. Hier sind sie wenigstens vor der schneidenden Kälte geschützt. Die ganze Nacht über – auch nach der letzten U-Bahn um 0:54 Uhr – wird der Bahnhof bis zum Morgen offen bleiben.

Nach längerem Streit haben sich die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die Senatsverwaltung für Soziales endlich auf eine gemeinsame Lösung verständigt: Neben dem Moritzplatz (U8) öffnet auch Lichtenberg (U5) nachts für Obdachlose die Tore. Inzwischen wurden mobile Toiletten eingerichtet, Sicherheitsleute und Sozialarbeiter sollen regelmäßig vorbeischauen, auch der Kältebus wird die Bahnhöfe nachts anfahren. Von der Stadtmission stammt die Idee, direkt daneben beheizte Wartecontainer aufzustellen, die ständig besetzt sind und wo heißer Tee ausgeschenkt wird. Wie schnell das geht und wo genau sie dann stehen werden, ist noch unklar. »Auf jeden Fall noch vor Weihnachten«, verspricht Sprecherin Ortrud Wohlwend.

»Niemand wird in Berlin in kalten Nächten einfach auf die Straße geschickt«, hatte BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta verkündet. Und Sozialsenatorin El­ke Breitenbach (Linke) dankte allen Beteilig­ten, dass sie »in einer schwierigen Situation den Dialog gesucht und gemeinsam eine Lösung gefunden haben«. Tatsächlich hatte es hinter den Kulissen ganz gewaltig gekracht.

Erst verkündete die BVG im September, dass es diesen Winter gar keine Kältebahnhöfe geben werde. Begründet wurde das vor allem mit Sicherheitsbedenken. Wegen der wachsenden Anzahl von Wohnungslosen vor allem aus Osteuropa sei die Lage nicht mehr beherrschbar: Immer wieder stürzten Menschen ins Gleisbett oder verrichteten dort ihre Notdurft – was wegen der Stromschienen lebensgefährlich sein kann.

Als Sozialverbände diese Entscheidung als »unmenschlich« kritisierten, bot die BVG im Oktober rund 30 leerstehende Technikräume an. »Es gab eine Menge Begehungen«, bestätigt Regina Kneiding, Sprecherin der Senatsverwaltung für Soziales.

BVG sieht Bahnhöfe nur als Notnagel

Aber der Senat konnte sich mit keinem Vorschlag anfreunden, auch ein ungenutzter Fußgängertunnel am Alexanderplatz fiel unter den Tisch.Ende November sanken die Nachttemperaturen dann erstmals unter den Gefrierpunkt und der BVG blieb nicht anderes übrig als nachzugeben. »Es war klar, dass am Ende wieder alles an uns hängen bleibt«, schimpft Sprecherin Petra Reetz.

Die Zahl der Obdachlosen in Berlin wird auf 4.000 bis 6.000 geschätzt. Im Rahmen der Kältehilfe stehen bis zu 1.200 Übernachtungsplätze zur Verfügung. Die beiden U-Bahnhöfe sind für die ungefähr 80 bis 100 Menschen gedacht, die diese Einrichtungen aus unterschiedlichen Gründen nicht nutzen – weil sie ihren Hund mitnehmen, nachts Alkohol trinken, Drogen einwerfen oder einfach ihre Ruhe haben wollen. Manche haben auch psychische Probleme mit geschlossenen Räumen.

Für die BVG sind die Bahnhöfe trotzdem allenfalls ein Notnagel, aber keine Lösung. »Da können Sie sich nicht mal die Hände waschen«, sagt Sprecherin Reetz. Sie verlangt vom Senat alternative, niederschwellige Angebote. Dort setzt man offenbar auf die geplanten, noch gar nicht existierenden »Warte- und Wärmehallen« an den Bahnhofseingängen und feiert sie schon als Modellprojekt, das sich »dauerhaft etablieren« könnte.

Mehr Infos: Kältehilfe Berlin

Wärmebus des DRK: 0170 / 910 00 42

Kältebus der Berliner Stadtmission: 0178 / 523 58 38

Kommentar: Winter ist nicht irgendwann

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2018.

Der Südstern bleibt zu

BVG und Senat suchen nach Kältebahnhöfen

Statt am Südstern werden Obdachlose in diesem Winter an anderen Berliner U-Bahnhöfen übernachten können. Foto: ksk

Nachts nähern sich die Temperaturen draußen allmählich dem Gefrierpunkt. Währenddessen verhandeln die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) weiter darüber, auf welchen U-Bahnhöfen diesen Winter Obdachlose übernachten können. Eines scheint sicher: Der Bahnhof Südstern, wo die Tore im vergangenen Winter – neben Lichtenberg – auch nachts offen blieben, gehört nicht dazu.

Als die BVG im September ankündigte, die Bahnhöfe generell zu schließen, war die Empörung groß. Tatsächlich hatten die Verkehrsbetriebe gute Gründe: Angesichts einer stark zunehmenden Anzahl von Wohnungslosen aus Osteuropa entstünden Situationen, die »nicht beherrschbar sind«, hieß es. Immer wieder Stürze ins Gleisbett – was wegen der dort verlaufenden Stromschienen lebensgefährlich sein kann – , Notdurft, die zwischen den Gleisen verrichtet wurde, Alkohol- und Drogenmissbrauch. Alles das sei weder den BVG-Mitarbeitern noch den Fahrgästen noch den Obdachlosen selbst zuzumuten.

Deshalb wurde das Konzept jetzt geändert: Die Bahnsteige selbst bleiben zu, dafür will die BVG aber einige nicht genutzte, vielleicht sogar heizbare Räume in U-Bahnhöfen zur Verfügung stellen, zum Beispiel ehemalige Technikflächen. Infoflyer in sieben Sprachen sollen erstellt werden, die Sozialverwaltung müsste für Dixi-Klos, tägliche Reinigung und für Ansprechpartner sorgen. Weil zentral gelegen, sei der Alexanderplatz für so etwas eine gute Adresse, meint BVG-Sprecherin Petra Reetz: »Irgendetwas wird’s geben.« Von der BVG seien mehrere Orte angeboten worden, die Entscheidung läge jetzt beim Senat.

Es hätten bereits zwei Besichtigungen stattgefunden, nun gebe es noch eine weitere, bestätigt dort Sprecherin Karin Rietz: »Die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales ist weiterhin im konstruktiven Dialog mit der BVG.«

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2018.