Obacht, morsche Unterzüge!

Dominik Bardow über Berliner Bauzäune, die sinnlos Spielplätze und Gehwege absperren

Ein Kunstkritiker schrieb 1910: Berlin ist »dazu verdammt: immerfort zu werden, niemals zu sein«. Vermutlich meinte er Bauzäune, hinter denen nimmermehr gearbeitet wird – das wahre Wahrzeichen dieser Stadt. 37 Jahre nach Mauerfall sind sinnfrei herumstehende Gerüste das neue Symbol für Unfreiheit, Beschneidung von Bürgerrechten und das Versagen eines Systems staatlicher Willkür.

Das mag jetzt sehr pathetisch klingen. Machen wir es konkret: Es war ein schöner Spätsommertag, als ich mit Kind am Lausitzer Platz entlanglief und andere Kids auf dem Klettergerüst spielen sah. An sich nicht ungewöhnlich. Ist ja ein Spielplatz – wären die Holztürme mit Rutsche nicht umzäunt. Seit Juli stehen da Absperrgitter rundherum, ohne dass ein Schild verraten würde, warum eigentlich.

Absperrgitter vor einem Klettergerüst auf einem Spielplatz.Dieser Zaun wahrt die Verkehrssicherheit des Spielgeräts. Foto: db

Wer sich die Mühe macht, im Web zu suchen, findet online einen Zweizeiler des Bezirksamts dazu: die »Unterzüge« seien morsch. Das Spielgerät daher »zur Wahrung der Verkehrssicherheit« gesperrt. Seither ist sichtbar nichts passiert. Außer dass Gitter umknicken und Kinder dort weiterhin klettern. Richtig so, dachte ich beim Anblick. Sie sollen möglichst früh lernen, wie sinnlos viele Regeln sind.

Speziell wenn sie von Erwachsenen kommen, in Berlin. Das lässt sich gleich gegenüber bewundern. Dort steht der Görli-Zaun zwar, aber wird nach einem Gerichtsurteil nachts nicht mehr geschlossen. Stattdessen klettert da mein Kind herum, klemmt den Kopf im Drehkreuz ein. Soviel zur Sicherheit. Dafür bleibt hinten die Fußgängerbrücke über den Kanal gesperrt bis es ein Schadensgutachten gibt.

Das Leben muss sehr einfach sein aus Verwaltungsbeamtensicht: Zaun drumherum, Problem gelöst. Vertagt auf St. Nimmerlein. Wenn weiter oder überhaupt gebaut wird. Hauptsache, man haftet nicht. Für die Anwohner bleiben so Gehwege, Parks, Brücken und Spielplätze blockiert. So lange, bis sich Gutachter über Zuständigkeiten der Gutachter geeinigt haben, die als Fachkräfte aber leider fehlen.

Es gibt zwar Reformen und Gesetze gegen Geisterbaustellen, aber weiterhin kaum Kontrollen. Die Wahlsiegerin Linke will das mit mehr Amtspersonal und Eigenregie lösen. Aber ob Verwaltung der bessere Bauherr ist? Wenn sie nicht mal ein Schild »Obacht, morsche Unterzüge!« aufhängen kann? Also überlege ich, was ich meinem Kind erzähle. Wie es mit den Zäunen und Gittern umgehen soll.

Ich habe in einer Doku gesehen, dass Punks in Kreuzberg einst jedes Jahr Mauergeburtstag feierten. Da gab es Kerzen, Konzerte und Graffiti. Aus Dankbarkeit, dass die Mauerlage Normalos fernhielt. Vielleicht muss man es so sehen: Wäre alles saniert, kämen noch mehr Reiche und kauften alles auf. Also sollte man Bauzäune nicht umtreten, sie eher hegen, pflegen, begrünen, verschönern, besingen.

Die Kunstkritiker würden schreiben: Berlin ist gesegnet, immerfort im morschen Unterzug zu leben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 6).