Im Rathaus gibt es nur noch fairen Kaffee

Als fünfter Berliner Bezirk darf sich jetzt auch Kreuzberg »Fairtrade-Town« nennen

Mit seinen fairen Fußbällen hat Michael Jopp alle Hände voll zu tun. Foto: ksk

Charlottenburg-Wilmersdorf, Mitte, Tempelhof-Schöneberg und Pankow waren ein ganzes Stück schneller, jetzt aber hat es auch Friedrichshain-Kreuzberg geschafft: Seit dem 20. Juli darf sich der Bezirk als »Fairtrade-Town« bezeichnen. Diese Auszeichnung wird von dem gemeinnützigen Verein Transfair in Köln vergeben, der auch für das Fairtradesiegel auf Kaffee und anderen Waren verantwortlich ist.

Bei einer kleinen Feier in der Alten Feuerwache musste Bezirksstadträtin Clara Herrmann (Grüne) erst mal erklären, warum es so lange gedauert hat. »Es war nicht so schwer für uns, die Kriterien zu erfüllen«, sagte sie. »Aber wir wollten uns den Titel wirklich verdienen!« Tatsächlich hat Kreuzberg manche Forderungen des Siegels übertroffen: Etwa gibt es im Bezirk nicht nur 39 Geschäfte mit fairen Produkten, wie in Relation zur Einwohnerzahl verlangt wird, sondern mindestens 82.

Auch andere Hürden hat der Bezirk mit Bravour gemeistert. So haben sich die Bezirksbürgermeisterin und die Stadträte verpflichtet, auf Sitzungen nur noch fairen Kaffee und ein zweites faires Produkt zu konsumieren. Auch in der Kantine wurde mit einem Kaffee-Tasting bereits für gerechteren Handel geworben.

Transfair fordert neben der Einrichtung einer Koordinationsgruppe jede Menge Öffentlichkeitsarbeit und Engagement von Schulen und Vereinen, um Aufmerksamkeit für faire Handelsbeziehungen zu wecken. Und da ist noch die Sache mit den Fußbällen, um die sich Michael Jopp von der Steuerungsgruppe mit Hingabe kümmert. »Der größte Teil der weltweit verkauften Fußbälle stammt aus Pakistan. Aber Bälle aus fairer Produktion sind definitiv genauso gut und kosten auch nicht mehr«, berichtete er. Nun kickt der Kreuzberger Verein Hansa 07 als erster großer Sportverein Deutschlands nur noch mit fairen Bällen.

Neben vielen bunten Fußbällen konnte man im Innenhof der Alten Feuerwache leckere Kartoffelchips aus Ecuador, Schokolade aus Peru oder Bio-Bettwäsche mit Baumwolle aus Kirgisien bestaunen. Und milden Arabica-Hochlandkaffee aus dem ostafrikanischen Ruanda probieren, der überhaupt nicht im Hals kratzt, wie böse Zungen dem legendären Kaffee aus Nicaragua oft nachsagten.

Generell will der faire Handel die Position der Kleinbauern stützen und die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards garantieren. Häufig wird den Produzenten ein von den Schwankungen des Weltmarktes unabhängiger Mindestpreis gezahlt. In Deutschland stammen derzeit 4,8 Prozent des verkauften Röstkaffees aus fairer Produktion. Der Umsatz mit Waren aus fairem Handel wuchs 2017 gegenüber dem Vorjahr um 13 Prozent – allerdings gibt der Durchschnittsdeutsche nur 18 Euro pro Jahr für faire Produkte aus.

»Es ist noch mächtig Luft nach oben«, so Katrin Frank vom »Forum Fairer Handel«. Sie erinnerte an die ursprüngliche Absicht der Bewegung, die »großen Ungerechtigkeiten im Welthandel zu beseitigen«. Auch im rot-rot-grünen Berlin gibt es da noch einiges zu tun. Als nächstes Projekt soll nun die gesamte Hauptstadt »Fairtrade-Town« werden – dazu müssen acht Bezirke das Siegel erfüllen. Größte Herausforderung, witzelte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) am Rande, könnte sein, den Regierenden Bürgermeister an fairen Kaffee zu gewöhnen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2018.

Drei Neue im Bezirksamt

Wahl der neuen Stadträte verläuft weitgehend reibungslos

Nachdem es im November in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) drei Anläufe bis zur Wahl der Vorsteherin Kristine Jaath (Grüne) und damit der Konstituierung der BVV gebraucht hatte, wurde in der letzten Sitzung vor Weihnachten endlich auch das neue Bezirksamt gewählt.

Bezirksbürgermeisterin bleibt Monika Herrmann (Grüne), die auch weiterhin das Jugendamt unter sich haben wird. Ebenfalls wiedergewählt wurde der Linke Knut Mildner-Spindler (Gesundheit, Soziales, Beschäftigung und Bürgerdienste), der zusätzlich den Vize-Bürgermeisterposten vom scheidenden Peter Beckers (SPD) übernimmt.

Das neue Bezirksamt (v.l.n.r.): Knut Mildner-Spindler, Monika Herrmann, Andy Hehmke, Clara Herrmann und Florian Schmidt. Foto: rsp

Neuer Stadtrat für Schule, Sport, Ordnungsamt und Wirtschaftsförderung wird der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende Andy Hehmke.

Den vakant gewordenen Finanzstadtratsposten konnten die Grünen mit Clara Herrmann besetzen. Die 31-Jährige war zuletzt im Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses tätig.

Der dritte Neuzugang des Quintetts ist der Stadtsoziologe Florian Schmidt, der erst kurz zuvor von den Grünen überraschend ins Rennen geschickt worden war. Schmidt leitet seit 2009 das »Projektbüro Kreativquartier Südliche Friedrichstadt« und ist Gründer der »Initiative Stadt Neudenken«.

Während die übrigen Wahlen ohne weitere Vorkommnisse über die Bühne gingen, gab es bei Schmidt vor dem Wahlgang Kritik aus den Reihen der SPD-Fraktion.

Der Bezirksverordnete John Dahl zweifelte nicht nur Expertise und Durchsetzungsvermögen des designierten Baustadtrats an, sondern sprach ihm auch die nötige politische Integrität ab. Für einen ehemaligen Investor des Dragoner­areals habe Schmidt auf Honorarbasis eine fragwürdige Bürgerbeteiligung durchgeführt und sich damit »zum Steigbügelhalter von Spekulanten« gemacht.

Auch wenn Dahl vor seinem Statement erklärt hatte, nicht für die SPD-Fraktion zu sprechen, sah sich deren Vorsitzender Sebastian Forck dennoch genötigt, noch einmal darauf hinzuweisen, dass seine Meinung nicht von der ganzen Fraktion geteilt werde. Im anschließenden Wahlgang erhielt der 41-jährige Kandidat trotz allem 37 von 53 Stimmen.

Monika Herrmann kündigte in ihrer Vorstellung an, sich für eine sozialere und gerechtere Politik im Bezirk einsetzen zu wollen. Dazu gehöre vor allem ein Stopp der stetig steigenden Mieten, die zu einer Verdrängung von Menschen führen. Im kleinsten Bezirk Berlins müsse beim Wohnungsbau aber auch geschaut werden, wo noch weiter verdichtet werden kann, um weiteren bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

In der Flüchtlingsfrage sprach sich die neue und alte Bezirksbürgermeisterin dafür aus, möglichst viele Menschen im Bezirk unterkommen zu lassen. Allerdings musste sie einräumen, dass es derzeit leider an Unterbringungsmöglichkeiten mangele.

Prioritär wolle sie auch die Verbesserung der Infrastruktur für Radfahrer vorantreiben. »Manchmal«, klagte sie aus eigener Erfahrung, »braucht man eigentlich ein Mountainbike, weil die Hügeligkeit dann doch sehr prägend ist.«

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2017.