Harald Schulzes »Blaue Filme« sind ein szenisches Zeitdokument
Hält man das Buch in der Hand und beginnt zu lesen, zeigt sich schnell: Es besteht aus einer Folge literarischer Momentaufnahmen aus einem längst vergangenen Berlin und eröffnet Räume zwischen Erinnerung, Traum und filmischer Imagination. Die Texte entfalten sich wie Szenen eines alten Super-8-Films: verschwommen, sprunghaft und manchmal irritierend, zugleich aber von großer atmosphärischer Dichte.
Harald Schulze montiert Dialogsplitter, Straßenbilder, Musik und Traumsequenzen zu einem kaleidoskopartigen Panorama, das eher erlebt als entschlüsselt werden will. Die einzelnen Episoden wirken oft wie Fragmente eines nie vollständig gezeigten Drehbuchs. Vieles bleibt offen, Andeutungen ersetzen Erklärungen. Gerade dadurch entsteht ein besonderer Reiz: Der Lesende bewegt sich dabei eigenständig zwischen vertrauten und unbekannten Orten, folgt Assoziationen und Stimmungen statt einer klaren Handlung.
Im Zentrum steht weniger eine Geschichte als ein bestimmtes Lebensgefühl. Das West-Berlin der späten siebziger und frühen achtziger Jahre erscheint als Ort zwischen kultureller Aufbruchsstimmung und urbanem Verfall. Die Vielfalt jener Zeit prägt jede Seite: alternative Musikszene, kleine Tonstudios, nächtliche Begegnungen, Hausbesetzer, Punks, Popper und Randfiguren des Großstadtlebens bilden eine schillernde Kulisse. Kneipen, improvisierte Konzerte und nächtliche U-Bahnfahrten verdichten sich zu Bildern einer eingeschlossenen Inselstadt, die zugleich rau und voller kreativer Energie wirkt.
Die Nähe zu Kreuzberg ist spürbar – Mehringdamm, Yorckschlösschen, Kreuzberg, Tempodrom. Prägend für die Texte: das Nebeneinander von Chaos, politischer Spannung und künstlerischer Freiheit. Kreuzberg als Sinnbild einer unangepassten Stadtkultur.
»Blaue Filme« funktioniert deshalb nicht nur als Literatur, sondern auch als szenisches Zeitdokument eines verschwundenen West-Berlins. Sprachlich fühlt man Rhythmus und bildhafte Verdichtungen. Manche Passagen lesen sich wie Songtexte oder Notizen für einen experimentellen Film. Das macht die Lektüre faszinierend, verlangt aber auch Geduld. Wer einen stringenten Handlungsverlauf oder psychologisch ausgearbeitete Figuren erwartet, wird hier kaum fündig.
Die Stärke des Buches liegt klar in seiner sprachlichen Dichte und Stimmungskraft. Lesende, die offen für experimentelle Literatur sind, werden an »Blaue Filme« Gefallen finden. Schulze gelingt ein eindringliches Porträt eines verschwundenen West-Berliner Lebensgefühls – melancholisch, roh und zugleich voller flüchtiger Schönheit, wie ein nächtlicher Spaziergang durch Kreuzberg kurz vor dem Morgengrauen.
Harald Schulze ist ein in Berlin lebender Autor und Anästhesist. Veröffentlicht wurde das Hardcover-Buch 2025 bei BoD – Books on Demand, 84 Seiten, ISBN 978-3-6951-9116-1. Collagen, Fotos und Zeichnungen verleihen dem Buch eine besondere Wirkung.
Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2026 (auf Seite 7).




