Bis zu 500 Millionen Euro

Entwürfe für neue Bibliothek am Blücherplatz vorgestellt

Wer im Kiez um die Mittenwalder Straße wohnt, hat das große Glück, dass es bis zur Amerika-Gedenkbibliothek nur ein paar Schritte sind. Hingegen nervt der lange Anmarsch zur Stadtbibliothek in der Breiten Straße. Doch das wird sich ändern – zwar nicht sofort, aber vielleicht in 15 oder 20 Jahren.

Dann werden die beiden bisher getrennten Standorte der Zentral- und Landesbibliothek am Blücherplatz zusammengelegt. Nun ist auch klar, wie das ungefähr aussehen soll: Mitte Januar wurden die Ergebnisse einer Machbarkeitsstu-die präsentiert.

Der Neubau mit einer Nutzfläche von 38.000 Quadratmetern soll spätestens 2026 beginnen und darf bis zu 500 Millionen Euro kosten. Nur zur Erinnerung: Als Ex-Regierender Klaus Wowereit am Rande des Tempelhofer Feldes 270 Millionen Euro ausgeben wollte, war er bald darauf seinen Job los.

Konkret sind derzeit drei Varianten im Gespräch, zwischen denen ein Architekturwettbewerb entscheiden soll. Geplant sind monumentale Baukörper von bis zu 50 Metern Höhe, neben denen die Heilig-Kreuz-Kirche eher wie ein Spielzeug aussieht:

  • Variante 1: zwei Gebäude rechts und links der bisherigen AGB
  • Variante 2: ein einziger riesiger Würfelbau
  • Variante 3: ein u-förmiger Riegel an der Ostseite des Platzes

Zusätzlich soll die Blücherstraße zwischen Mehringdamm und Zossener Straße für den Autoverkehr gesperrt werden und es könnte auch eine Straßenbahnverbindung zum Potsdamer Platz geschaffen werden. Der kleine Park am Waterloo-Ufer mit den hohen Bäumen wird in der gegenwärtigen Form nicht überleben. Auch ist unklar, ob im Zusammenspiel mit den von einer Mauer umgebenen Friedhöfen so etwas wie eine einheitliche Grünfläche entsteht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Es ist sehr, sehr lange her

Gregorianik und frühe Mehrstimmigkeit in Heilig Kreuz

Ein kleines Licht in der Heilig-Kreuz-Kirche. Foto: ksk

Sie kommen mit Isomatten, Schlafsäcken, Decken und Luftmatratzen. Manche haben eine Thermosflasche mit Kaffee dabei und eine Tüte Weihnachtsplätzchen. Alle diese Utensilien, die eher an einen Campingplatz oder einen Yoga-Wohlfühl-Workshop denken lassen als an ein Gotteshaus, breiten sie auf dem Boden aus und dann, nach einer Weile, erlischt das Licht.

Weih-NachtKlänge ist ein Konzert in der Heilig-Kreuz-Kirche, bei dem man traditionell auf dem Boden liegen darf, um sich ganz dem Klang hinzugeben. Nur ein paar Kerzen leuchten in der riesigen, dunklen Kirche, im Chor noch ein Stern und natürlich der Weihnachtsbaum.

Und dann ertönen Stimmen in der Dunkelheit. Warme, kraftvolle, starke und selbstbewusste Stimmen. Erst vorne am Altar, dann klettern sie hoch auf die Empore und schließlich hat man das Gefühl, sie kämen von überall. Das ist Vox Nostra: Burkhard Wehner, Werner Blau, Amy Green, Susanne Wilsdorf und Ellen Hüningen. Sie singen nicht irgendetwas, sondern Stücke aus dem Gregorianischen Choral und der frühen abendländischen Mehrstimmigkeit.

Das ist sehr weit weg und sehr, sehr lange her. Keine Krankenversicherung, keine Rente, ach was, kein Internet, kein Automobil, kein Telefon, noch nicht einmal Dampfmaschine und elektrische Beleuchtung. Shakespeare hatte seine Dramen nicht geschrieben, noch nicht einmal Amerika war entdeckt.

Aber in den Wäldern Europas wuchs, vorerst im Banne des christlichen Glaubens, eine neue Kultur. Schlanke Gesänge, streng und archaisch, schraubten sich fast schwerelos zum Himmel empor. Eroberten vom Grundton aus Quart und Quint, manchmal die Sext, ein tiefer Halteton kam bald hinzu.

Um 1220 komponierte Magister Perotin in der Kathedrale Notre Dame, wo dieses Jahr erstmals seit 200 Jahren keine Christmette stattfand, bereits vierstimmig. »Mundus vergens« – die Welt sinkt dahin, aus heutiger Sicht fast ein wenig prophetisch. Aber was war das auf einmal für eine Pracht!

Nun ist das lange her und die Musik – ohne Dur, Moll und Akzentstufentakt – wirkt auf heutige Ohren ausgesprochen befremdlich. Aber ein schöneres, intensiveres Klangerlebnis wäre in dieser Zeit wohl kaum denkbar gewesen. Nur am Ende, nach langem Applaus, wurde es trotz Fußbodenheizung in der Kirche empfindlich kalt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2020.

Gänsehaut im Kerzenlicht

Akanthus organisiert für Heilig Kreuz-Passion die Kultur

Die starken Frauen von Akanthus: Kerstin Rüve, Lilia Weiser, Sigrid Künstner (v. li.). Fotos: ksk

»Für mich ist es die schönste Kirche auf der Welt«, sagt Sigrid Künstner mit einem Augenzwinkern. »So ein toller Raum. Die hohen Wände, das Licht, die Stimmung. Und jedes Mal sieht es wieder anders aus!« Gemeint ist die Heilig-Kreuz-Kirche an der Ecke Zossener / Blücherstraße – seit dem Umbau 1995 eine sehr gelungene Mischung aus Neogotik und moderner Industriearchitektur.

Sigrid Künstner muss es wissen: Sie ist Chefin von Akanthus und hat in der Kirche ihren Arbeitsplatz. Akanthus kümmert sich um das Kultur- und Veranstaltungsmanagement in der Heilig-Kreuz- und der Passionskirche am Marheinekeplatz. Beides sind offene Kirchen, wo neben Gottesdiensten auch weltliche Veranstaltungen stattfinden.

Natürlich gibt es Grenzen: Ein Parteitag wäre nicht denkbar. Aber Tagungen, Kongresse oder Konzerte sind gern gesehen. »Beide Gebäude kosten unglaublich viel Geld«, so Künstner. »Akanthus erhält keine Kirchensteuermittel, wir müssen uns komplett selbst finanzieren.«

Rechtlich gesehen ist Akanthus ein Arbeitsbereich der Gemeinde wie Kirchenmusik oder Obdachlosenarbeit. Viele Veranstaltungen sind ohnehin kostenlos, bei anderen bleibt der größte Teil des nicht immer ganz billigen Eintritts bei Künstlern, Tontechnik oder Konzertagentur.

Künstner stammt aus Schwäbisch Hall und ist studierte Germanistin mit Weiterbildung zum Kulturmanagement. »Hätten wir nicht so ein tolles Team, würde das nicht so gut laufen«, sagt sie. In der Passionskirche werden schon seit den 80er Jahren spezielle Konzerte organisiert. Sie eignet sich wegen ihrer festen Bestuhlung besonders gut dafür, Heilig-Kreuz auch für noch fantasievollere Dinge.

Was waren die schönsten Events? Kerstin Rüve ist für die Passionskirche zuständig und schwärmt von Tangerine Dream, Marc Almond und Jamie Cullum. Sigrid Künstner mag besonders die Weih-NachtKlänge von Vox Nostra: »Da ist die Kirche dunkel und es brennen nur ein paar Kerzen. Da krieg ich immer Gänsehaut.«

Akanthus: Das aktuelle Programm

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

»A one, two, three, four …«

Kreuzberger Klarinettenkollektiv lässt die Gesichter glänzen

Die neueste CD des Kreuzberger Klarinettenkollektivs.

Sieben Klarinetten sind schon da. Die achte macht gerade draußen ein Selfie vor dem Kirchenportal. Sieben weibliche und eine männliche Klarinette, dazu noch Bassklarinette, Schlagzeug und Kontrabass. Dann kommt von links ein Geräusch aus dem Nebenraum. Es klingt wie Wasser, das silbrig und glitzernd über Steine springt, mit vielen geheimnisvollen, bunten Dingen drin. Das ist Jürgen Kupke.

Das Kreuzberger Klarinettenkollektiv probt in der Heilig-Kreuz-Kirche für das Konzert am Abend. Das Ensemble existiert seit zehn Jahren, es besteht vor allem aus derzeitigen oder ehemaligen Schülern von Kupkes Klarinettenklassen. Kupke selbst ist ein bekannter Jazz-Klarinettist und unterrichtet an zwei Musikschulen.

Zuerst geht es um die Akustik. »Na ja, man hört schon was. Aber es ist etwas matschig«, heißt es. Also ein paar Schritte vor – oder doch wieder zurück, wegen der Beleuchtung? Die Gruppe probiert. »One, two, a one, two, three, four …«, sagt Kupke. Füße tippen im Takt auf den Boden. Mal der Absatz, mal die Fußspitze, mal die ganze Sohle. Bei ihm wippt jedes Mal der ganze Körper mit. »Wunderbar, genau so«, sagt er. »Aber etwas zusammenrücken, damit wir mehr Kontakt zueinander haben!«

So eine Klarinette hat mächtig Wumms. Immerhin ist sie lose mit dem antiken Aulos verwandt, der dem Dionysos zugerechnet wird und damals immer dabei war, wenn getanzt, gefeiert oder getrunken wurde. Neun Klarinetten haben noch viel mehr Wumms. Sie jammern, seufzen, stöhnen, klagen, schreien oder jubilieren – manchmal sogar alles gleichzeitig. Und wenn dann noch ein wilder Rhythmus die Verhältnisse zum Tanzen bringt, brechen alle Dämme.

Der Veranstaltungstechniker ordnet letztmals die Kabel, die Herbstsonne wirft freundliche helle Flecke auf die roten Backsteinpfeiler, das Kollektiv probt »All Together«, übt den »Säbeltanz« und Ravels »Bolero«. Kupke springt mit dem Instrument in der Hand auf und ab wie ein Kobold. Am Ende hat man den Eindruck, dass die Musik gar nicht aus den Klarinetten kommt, sondern anderswoher. Alle strahlen und haben glänzende Gesichter.

Nachher beim Konzert wird das, was während der Probe so leicht schien, doch etwas schwerer. Freunde und Verwandte im Publikum machen erwartungsvolle Mienen und bewegen zur Musik kaum eine Zehenspitze. Aber dafür können die tapferen Klarinettist*innen nichts. Sie fahren jetzt erst mal zu einer Konzertreise nach Israel. Der nächste feste Termin in Berlin ist erst wieder am 17. Dezember 2020 im Musikinstrumenten-Museum.

Update: Aktuelle Konzerttermine

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Mehr Kameras, weniger Müll

Karneval der Kulturen setzt auf Nachhaltigkeit – und verschärft sein Sicherheitskonzept

Umzugshelferin in Dienstkleidung. Foto: rsp

Bereits zum 24. Mal findet am Pfingstwochenende der Karneval der Kulturen statt. Neben dem Straßenfest rund um den Blücherplatz lockt vor allem der Umzug am Sonntag jedes Jahr unzählige Besucher in den Kiez – 2018 waren es zusammen eine knappe Million Menschen.

Wie schon im letzten Jahr geht der Umzug wieder in der noch etwas ungewohnten Richtung von der Yorckstraße über Gneisenaustraße und Hasenheide bis zum Hermannplatz. 74 Gruppen mit gut 4.400 Beteiligten ziehen über die Strecke. Neu ist, dass rund ein Drittel der Gruppen ohne motorbetriebenen Wagen auskommt. Stattdessen kommen Lastenräder, Rikscha und geschobene Plattformen zum Einsatz. 

Überhaupt solle der Karneval nachhaltiger werden, erklärte Leiterin Nadja Mau bei der Pressekonferenz zwei Wochen vor dem Event und hob unter anderem das ausgeklügelte Mehrwegsystem des Straßenfests hervor. Die Berliner Wasserbetriebe, die die Akteure des Umzugs seit 16 Jahren mit Trinkwasser versorgen, verzichten zudem komplett auf Einweg-Plastikbecher. Für den trotzdem allenthalben anfallenden Müll stehen drei Mal soviele Behälter bereit wie noch im Vorjahr.

Nachhaltigkeit und Achtsamkeit finden sich auch im Programm wieder: Bei zahlreichen Gruppen des Umzugs stehen explizit Themen wie Umweltschutz, Müllvermeidung und Artenvielfalt im Vordergrund. Mit »Shanti Town« wird mitten auf dem Festgelände ein Aktionscamp gegen Rassismus und Krieg, für Vielfalt, Nachhaltigkeit und Verantwortung errichtet. Unter anderem gibt es dort Filmprojektionen, Workshops und Mitmach-Aktionen.

Weniger Müll und überhaupt mehr Nachhaltigkeit ist eines der Ziele des Karnevals der Kulturen. Foto: rsp

Die kulturelle Vielfalt, für die der Karneval steht, schlägt sich wie immer auch im Musikangebot nieder. Neben den drei großen Bühnen »Latinauta« (Gitchiner Straße; Latin Grooves), »Black Atlantica« (vor der Heilig-Kreuz-Kirche; afrikanische Musik) und »East2West« (AGB; u.a. Reggae, Ska, Balkan Beats) gibt es zehn kleinere »Music Corners«, die übers ganze Festgelände verteilt sind.

»Eine neue Kultur des Miteinanders auf Großveranstaltungen« wollen die Veranstalter des Karnevals der Kulturen etablieren, und dazu gehöre es auch, alle Beteiligten für die Bedürfnisse der Anwohner zu sensibilisieren – etwa durch eine Reduktion der Zeit für den Soundcheck im Aufstellungsbereich des Umzugs.

Zudem sind die Gruppen angehalten, unsoziales Verhalten in der Umgebung ihres Wagens zu identifizieren und anzusprechen. Angespannte Situationen sollen mit angepasster Musik beruhigt werden.

Zur Entspannung der Sicherheitslage soll eine punktuelle Videoüberwachung entlang der Strecke und auf dem Straßenfest beitragen. Damit sollen Besucherströme beobachtet und gegebenenfalls gelenkt werden. Am Tag des Umzugs sind Nostitz‑, Solms‑, Zossener und Mittenwalder Straße zwischen Gneisenau- und Baruther bzw. Fürbringerstraße auch für Fußgänger komplett gesperrt, Mehringdamm und Schleiermacherstraße funktionieren als Einbahnstraße (siehe Plan). Anwohner sollten deshalb unbedingt einen Ausweis oder ein ähnliches Dokument dabei haben, wenn sie vorhaben, vor Ende des Umzugs nach Hause zu kommen. In den genannten Straßen wird es auch ein flächendeckendes Parkverbot geben.

Quo vadis, Karnevalsbesucher? Am Pfingstsonntag sind zahlreiche Straßen komplett gesperrt, auch für Fußgänger. Grafik: KdK

Ob speziell die Straßensperrungen bei den unmittelbaren Anwohnern für eine höhere Akzeptanz sorgen, erscheint fraglich. Immerhin dürfte die Zahl der Wild- und Hauseingangspinkler in den gesperrten Straßen rückläufig sein. 

Die Fürbringerstraße fungiert als eine Art »Rückstaubereich« – für ortsfremde Besucher vermutlich verwirrend, da es von dort keinen Zugang zum Umzug und keinen direkten Rückweg zum Fest gibt. Von außerhalb des Festes kommt man nur via Baruther oder Schleiermachenstraße in die Fürbringerstraße.

Wer doch in diesen Bereich findet – oder nicht mehr heraus –, ist jedenfalls herzlich willkommen vor den Redaktionsräumen der Kiez und Kneipe (Fürbringerstraße 6), wo wie immer der Bierzelttisch aufgestellt ist und Caipirinha bereitsteht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2019.

Gegen Verdrängung und hohe Mieten

Kiezversammlung in der Heilig-Kreuz-Kirche

Oben auf dem Empore lagen noch die Liedtexte vom Konfirmationsgottesdienst, in den Ecken kuschelte sich das rote Licht der Scheinwerfer. Durch den dämmrigen Kirchenraum bewegten sich einzelne Wortfetzen wie Schiffe auf hoher See: »Milieuschutz! Umwandlung! Vorkaufsrecht! Negativzeugnis! Dachgenossenschaft!«

Kiezversammlung in der Heilig-Kreuz-Kirche gegen Verdrängung und steigende Mieten. Immer mehr Menschen sind in Kreuzberg von Mieterhöhungen betroffen, von Kündigungen, von Gentrifizierung und dem Verkauf von Wohnraum an Spekulanten. Bei dem Treffen ging es darum, sich besser zu vernetzen, um Solidarität und Erfahrungsaustausch. Und darüber schwebte die klassische Frage: Was tun? – wie das große weiße Segel im Kircheninnenraum.

Steff warb für Systemveränderung: »Die Probleme lassen sich nicht regulieren, sondern nur abschaffen.« Rainer will »die Verdrängung drastisch stoppen«. André bekannte: »Wir setzen uns vor das Haus, wenn der Gerichtsvollzieher kommt.« Dann wurde in Arbeitsgruppen etwas substantieller zu Detailproblemen diskutiert.

Wichtigstes Ergebnis des Abends war wohl, dass sich die Initiativen vorstellten und nun jeder weiß, an wen er sich notfalls wenden kann:

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2019.

Böse Falle Blücherstraße

Ordnungsamt verläuft sich im Schildawald

Böse Falle: Was aus Richtung der Zossener Straße ein Radweg ist (hier: linke Spur) …

Fahrradfahrer sind in Berlin einiges gewöhnt, was blockierte Radwege, Baustellen und unverständliche Beschilderungen angeht. In der Blücherstraße, gegenüber der Heilig-Kreuz-Kirche, drohte wochenlang eine ganz böse Falle. Eine harmlose Baustelle mit Gerüst und Tunnel für Radweg (links) und Gehweg (rechts). In der Gegenrichtung, von der Mittenwalder Straße aus, waren beide Passagen jedoch als Gehweg ausgeschildert. Ahnungslose Fußgänger wurden damit geradezu dazu eingeladen, auch den straßenseitigen Tunnel zu benutzen und dort mit entgegenkommenden Radlern zu kollidieren. »Das geht überhaupt nicht«, sagt Dirk von Schneidemesser vom Netzwerk Fahrradfreundliches Friedrichshain-Kreuzberg. »Damit werden Unfälle geradezu provoziert.«

… bringt in der Gegenrichtung als Gehweg Fußgänger auf Kollisionskurs. Fotos: ksk

Gefahr im Verzug? Radweg? Fußweg? Eine Beschwerde beim Ordnungsamt Mitte Juni hatte keinen Erfolg. Erst eine Mail an die Verkehrslenkung Berlin – sechs Wochen später. Nun ist das falsche Schild verschwunden, beide Spuren sind durch orange Streifen getrennt, die Einfahrt in den Radfahrertunnel ist weniger holprig. Wer wäre schuld gewesen, wäre es in diesen sechs Wochen zu einem Unfall gekommen?

»Dass unser Ordnungsamt völlig überlastet ist, ist ein offenes Geheimnis«, so Sprecherin Sara Lühmann vom Bezirksamt. Bezirksstadtrat Andy Hehmke sagt, die nicht einmal 30 Beschäftigten im Außendienst seien jetzt schon »in zwei Schichten unterwegs an sieben Tagen der Woche. Sie können nicht überall sein.«

Inzwischen stehen aus Richtung Mittenwalder gar keine Schilder mehr, aus Richtung Zossener Straße dafür aber zwei Fußgänger- und ein Radfahrerschild. Keine Ahnung, was das jetzt wieder zu bedeuten hat.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2018.

Der Spielplatz bleibt – die Kritik auch

Lebhafte Infoveranstaltung zum geplanten Bauprojekt in der Blücherstraße

Das Problem ist dasselbe wie vor einem Jahr. Plätze für Therapieeinrichtungen werden mit steigendem Wachstum der Stadt rarer und rarer. Die Mietpreiserhöhungen führen laut Bezirksstadtrat Knut Mildner-Spindler (DIE LINKE) immer häufiger dazu, dass Plätze in sozialen Einrichtungen wegfallen. Um dem entgegenzuwirken, planen die sozialen Träger »Jugendwohnen im Kiez« und »Vita e.V.« ein Gebäudeensemble in der Schleiermacher- und Blücherstaße, um den nötigen Wohnraum selbst zu schaffen.

Doch als vor knapp einem Jahr in der Heilig-Kreuz-Kirche zum ersten Infoabend über das Bauvorhaben geladen wurde, forderten die späteren Mitglieder der Nachbarschaftsinitiative »NizKe« den Erhalt des örtlichen Spielplatzes. Dieser sollte nach den ursprünglichen Plänen der sozialen Einrichtungen rund 50 Meter verschoben werden.

Nach mehreren Gesprächen der Initiative mit Baustadtrat Hans Panhoff wurden die Pläne geändert und Ende Mai auf der zweiten öffentlichen Informationsveranstaltung vorgestellt. Dazu hatten Baustadtrat Hans Panhoff sowie die Bauherren Gunter Fleischmann und Roland Schirmer in die Aula des Leibniz-Gymnasiums eingeladen.

Die Kritik an dem Bauvorhaben hatte sich jedoch inzwischen weiterentwickelt. Während die Bürgerinitiative »NizKe« ihre Ziele erreichte, bildete sich eine weitere Nachbarschaftsinitiative. Die Gegner des Bauvorhabens kritisierten mangelnde Transparenz während des Planungs- und Genehmigungsprozesses. Das Ziel sei eine rechtskonforme, baum- und klimafreundliche sowie kiezangemessene Bebauung, erklärte die Sprecherin der Initiative, Claudia Bartholomeyczik. Zusätzlich forderte die »Initiative für den Kiezerhalt« eine Aufstellung eines Bebauungsplanes zur Prüfung aller relevanten Belange. In diesem Zusammenhang berief sie sich auf einen BVV-Beschluss aus dem Februar 2016, der das Bezirksamt beauftragt, die Planungen zu überdenken und eine Bürgerbeteiligung einzurichten.

Die urspüngliche Planung (links) sah eine Verlegung des Spielplatzes in den Innenbereich vor. Nach Einwänden der Anwohner soll der Spielplatz (rechts) nun an seinem bisherigen Platz bleiben. Lediglich  seine Spitze wird ein wenig gekappt, dafür wird er etwas breiter.

Foto: pskDie urspüngliche Planung (links) sah eine Verlegung des Spielplatzes in den Innenbereich vor. Nach Einwänden der Anwohner soll der Spielplatz (rechts) nun an seinem bisherigen Platz bleiben. Lediglich seine Spitze wird ein wenig gekappt, dafür wird er etwas breiter. Foto: psk

Den Wünschen der Bürgerschaft sei man nachgegangen, entgegnete Baustadtrat Hans Panhoff. Er plädierte nach Rücksprache mit dem Baukollegium für angemessene städtebauliche Formen und »günstigere Verteilung der Baukörper und Baumassen«. Dieser Prozess sei zwar nicht ganz konfliktfrei gewesen, jedoch sei man sich darüber einig, dass sich die Überarbeitung gelohnt habe.

Die neuen Pläne berücksichtigen nun den Erhalt des Spielplatzes sowie des davor liegenden »kleinen Stadtplatzes«, wie Panhoff den verbreiterten Gehweg mit seinen Parkbänken bezeichnete. Zusätzlich wurde die Höhe der geplanten Gebäude auf maximal 18 Meter begrenzt. Dies entspricht in etwa vier Altbau-Stockwerken.

Einen Bebauungsplan soll es jedoch nicht geben. Eine informelle Bürgerbeteiligung wäre nach Aussagen Panhoffs durch die Infoveranstaltung gewährleistet. Weiterhin sollten dieser und zukünftige Info­abende genutzt werden, um Wünsche zu Änderungen an dem Bauvorhaben zu äußern.

Im Anschluss an die offiziellen Satements entspann sich eine lebhafte Diskussion über das Für und Wider des Bauprojektes. Die Gegner des Projekts konzentrierten sich dabei in erster Linie auf Anwürfe gegen die Bauverwaltung. Jedoch legte sich im Verlauf des Abends zunehmend die Kritik an dem sozialen Bauvorhaben. Ganz verstummt ist sie indes nicht. Und nachdem Hans Panhoff schon weitere Informationsveranstaltungen zu diesem Thema angekündigt hat, dürfte es noch den ein oder anderen turbulenten Abend geben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2016.