Dilek Kalaycis Angst vor klaren Worten

Großes Rätselraten um die neue Corona-Quarantäne-Station in der Blücherstraße 26B

Die Haupstadtpflege ist eigentlich eine »Temporäre Notfall-Pflegeeinrichtung«. Foto: ksk

Am Ende ging alles so schnell, dass man schier nicht mehr hinterherkam. An einem Tag saß noch der Maler auf der Leiter vor der Front des »House of Life« und tilgte den alten Schriftzug. Am nächsten prangte dort schon das neue Logo von »Vivantes«. Der vom Förderverein liebevoll gepflegte Schaukasten wurde ausgeräumt, jetzt hängt dort nicht mehr der Flyer von »Kultur am Mittag«, sondern Werbung für »Vivantes Hauptstadtpflege«.

Das steht auch auf den Schildern am Eingang. Aber ist das überhaupt richtig? Ist das ehemalige House of Life ein ganz normales Seniorenwohnheim? Die Senatsverwaltung für Gesundheit spricht von einer »Temporären Notfall-Pflegeeinrichtung«. Das klingt schon ganz anders. Aber was soll das nun wieder sein?

Es hatte sich schon Ende Mai herumgesprochen, dass das House of Life einen Monat früher dicht macht, das Gebäude in der Blücherstraße 26B von der Senatsverwaltung für Gesundheit angemietet und bis Jahresende von Vivantes betrieben werden soll. In einem Aushang sprach der bisherige Träger FSE von einem »Ausweichquartier« zur Versorgung von Coronapatienten und Verdachtsfällen bei einer befürchteten zweiten Coronawelle. Das sei bereits am 19. Mai entschieden worden.

Auf dem Bezirksamt hieß es klipp und klar, das Haus werde ab 1. Juni als »Corona-Quarantäne-Station« genutzt. Das Gesundheitsamt habe es abgenommen. Nur die Pressestelle von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci wusste von nichts. Auf eine einschlägige KuK-Anfrage vom 27. Mai lautete die Antwort »Der Senatsverwaltung für Gesundheit … liegen hierzu keine Informationen vor.« Das kann jetzt bedeuten, dass der zuständige Pressereferent keine Ahnung hat, was in seinem Hause passiert. Oder dass er versuchte, den Deckel drauf­zuhalten, mithin die Unwahrheit sprach.

Erst zwei Wochen später kam die offizielle Pressemitteilung zur neuen »Temporären Notfall-Pflegeeinrichtung« heraus. O-Ton Kalayci: »Diese Einrichtung soll pflegebedürftigen Menschen übergangsweise eine Unterkunft bieten, wenn sie in der aktuellen Pandemielage nicht in ihrer häuslichen Umgebung gepflegt werden können«. Geschwurbelter geht es kaum. In dem ganzen Text kommt das Wort »Corona« nur ein einziges Mal, das Wort »Quarantäne« über­haupt nicht vor. Und für wen ist das Haus nun bestimmt? Für pflegebedürftige Menschen mit Corona? Ohne Corona? Oder vermutete Kontaktpersonen?

Das House of Life ist tot, es lebe Vivantes. Aber die Musik spielt nicht mehr. Foto: ksk

Man darf rätseln, warum sich die Senatorin so bedeckt hält. Hat sie Angst, dass schon beim Wort »Corona« Anwohner gegen einen befürchteten Hot-Spot im Kiez Sturm laufen? Sollen die Kosten vorsichtshalber unter dem Teppich bleiben, falls die zweite Welle ausbleibt? Keine Ahnung.

Klarheit schuf erst ein internes Schreiben der Berliner Krankenhausgesellschaft. Dort heißt es sinngemäß, der Corona-Ausbruch in einem Seniorenheim im Lichtenberger Ortsteil Fenn­pfuhl Ende April habe zu Diskussionen geführt. Damals seien alle Bewohner mangels Alternative in Krankenhäuser gebracht worden: »Mit der Errichtung und dem Betrieb einer Notfall-Pflegeeinrichtung soll die Wiederholung einer solchen Erfahrung vermieden werden.«

Es ist genau das, was FSE von Anfang an geschrieben und das Bezirksamt bestätigt hat: ein »Ausweichquartier« oder eben eine »Corona-Quarantäne-Station«.

Jetzt wollte die KuK von Frau Kalaycis Pressestelle nur noch wissen, wann das Haus den Betrieb aufnimmt, ob es ständig belegt oder nur als Reserve gedacht ist, wie viel Personal benötigt wird und was der Umbau kostet. Keine Antwort.

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement, Ein ganz einzigartiges Projekt, House of Life wird geschlossen sowie Kleiner Verein sucht neues Zuhause und Corona-Quarantäne im House of Life (Stand: 10.06.2020).

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Corona-Quarantäne im House of Life

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci richtet dort eine „Temporäre Notfall-Pflegeeinrichtung“ ein

Noch erinnert der Inhalt des Schaukastens an das House of Life. Foto: ksk

Plötzlich ging alles ganz schnell: Zunächst sollte das „House of Life“ in der Blücherstraße 26B erst zum 30. Juni geschlossen werden, ganz überraschend war es dann aber schon am 31. Mai soweit. Flugs wurden neue Schilder angebracht mit dem Vivantes-Schriftzug, der alte „House-of-Life“-Schriftzug übermalt. Große Geheimnistuerei allerorten. Der städtische Gesundheitskonzern Vivantes gab keine Auskunft, die Senatsverwaltung für Gesundheit drückte sich zwei Wochen lang um eine Antwort auf die Anfrage von Kiez und Kneipe herum. Jetzt ist es endlich offiziell: Im ehemaligen Pflegeheim für Jüngere, das mehr als ein Jahrzehnt lang den Kiez mitgeprägt hat, wird bis zum Ende des Jahres eine „Temporäre Notfall-Pflegeinrichtung“ im Rahmen der Corona-Pandemie eingerichtet.

Was das genau sein soll, wird aus der Pressemitteilung nicht recht deutlich. „Diese Einrichtung soll pflegebedürftigen Menschen übergangsweise eine Unterkunft bieten, wenn sie in der aktuellen Pandemielage nicht in ihrer häuslichen Umgebung gepflegt werden können oder sie nach einem Krankenhausaufenthalt kurzfristig nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können“, schreibt Senatorin Dilek Kalayci dazu eher wolkig. Im beigelegten Informationsblatt werden als künftige Bewohner ausdrücklich pflegebedürftige Menschen sowohl ohne als auch mit einer bestätigten Covid-19-Infektion genannt – soweit sie nicht im Krankenhaus behandelt werden müssen. Sie können aufgenommen werden, wenn sie nach einem Klinikaufenthalt unter Quarantäne stehen oder im Seniorenheim oder in ihrer Wohngemeinschaft „die eigene häusliche Versorgung nicht sicher gestellt werden kann“. Das zentrale Wort „Quarantäne“ wird dabei vermieden und taucht im offiziellen Pressetext kein einziges Mal auf.

Das House of LIfe ist tot, es lebe Vivantes. Schon wird der alte Schriftzug übermalt. Foto: ksk

Nach KuK-Informationen ist die Senatsverwaltung für Gesundheit bereits seit 1. Juni Mieterin des Gebäudes, betrieben wird die Einrichtung mit insgesamt 118 Plätzen von der Vivantes Forum für Senioren GmbH. Gedacht ist an eine Unterbringung von in der Regel bis zu zwei, maximal jedoch vier Wochen. Das Projekt läuft bis zum Jahresende und soll, wie es heißt, „eine Lücke schließen“. In Ergänzung zu der bereitgestellten Notklinik in Messehalle 26 will die Senatsverwaltung offenbar Kapazitäten schaffen, um pflegebedürftige Menschen bei befürchteten Corona-Ausbrüchen für eine begrenzte Zeit an einem geschützten Ort unterbringen zu können.

In einer Mitteilung an die Beschäftigten des „House of Life“ hatte der Träger FSE von einem „Ausweichquartier im Kampf gegen Corona“ gesprochen, Neben der Klinik in der Messehalle werde „nun auch das ehemalige House of Life im Falle einer weiteren Krankheitswelle zur Versorgung der Patient*innen beitragen“. Tatsächlich, so Vivantes, sei vor Ort aber keine Behandlung und auch kein Krankenhaus geplant.

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Feuerwerk an Ideen und Engagement  und Ein ganz einzigartiges Projekt sowie House of Life wird geschlossen.

Schweinegrippe auch bald im Kiez?

Bisher verlief alles glimpflich

»Wenn Sie die Schweinegrippe haben, kommen Sie nicht in die Sprechstunde!« Was im ersten Moment wie ein Bruch des hippokratischen Eides klingt, ist durchaus ernst gemeint. Dr. Dieter Schmidt, Allgemeinarzt in der Blücherstraße appelliert: »Rufen Sie erst an, dann machen wir einen Termin«. Wer also fürchtet, sich mit dem hochansteckenden Virus infiziert zu haben, sollte logischerweise gut gefüllte Wartezimmer meiden.

Schnief! Das wird doch hoffentlich keine Schweinegrippe sein?

Foto: pskSchnief! Das wird doch hoffentlich keine Schweinegrippe sein? Foto: psk

»Fieber über 38 Grad, Halsschmerzen und/oder Husten und/oder Luftnot und Schnupfen sind die Symptome«, erläutert der Arzt. Das kommt einem irgendwie bekannt vor, und in der Tat lässt sich die Schweinegrippe von einem normalen grippalen Infekt nur im Labor unterscheiden. Dazu macht der Arzt drei Abstriche aus Nase und Mund.

Bestätigt sich der Verdacht, dann muss der Patient in Quarantäne. Erwachsene sieben, Kinder zehn Tage. Allerdings ist der Krankheitsverlauf nicht besonders aggressiv.

Das könnte sich allerdings ändern, wenn die saisonale Grippe kommt. Die echte Virusgrippe ist selten: »Ich habe hier in meiner Praxis erst einen einzigen Fall von echter Grippe diagnostiziert«, erzählt Dr. Schmidt. Während der Verlauf der Grippe sehr aggrssiv ist (schlagartig hohes Fieber und Mattigkeit), das Virus dagegen nicht besonders ansteckend, verhält es sich bei der Schweinegrippe genau anders herum. Wenn sich diese beiden Virustypen im Herbst verbinden könnten, dann ist die Gefahr hoch, dass es eine hochansteckende und aggressive Grippe geben wird. Selbst eingefleischten Impfmuffeln empfiehlt Dr. Schmidt daher dringend: »Ende September sind die Impfstoffe verfügbar. Dieses Mal sollte sich wirklich jeder impfen lassen.«

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2009.