Das Leben der Lotte Rotholz
Lotte Rotholz starb mit nur 19 Jahren. Sie und ihr vier Jahre älterer Ehemann Siegbert Rotholz kämpften im jüdischen Widerstand. Ihr letztes Lebenszeichen stammt vom 23. Dezember 1942 aus dem Frauengefängnis Barnimstraße. Kurz darauf deportierten die Nationalsozialisten sie nach Auschwitz. Ihr Todestag bleibt unbekannt. Siegbert, genannt Siegi, richteten sie im März 1943 in Plötzensee hin.
Lotte war die Tochter des Predigers Willy Jastrow und kam 1923 in Bentheim zur Welt. Mit zehn Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Berlin, wo ihr Vater in der Synagoge in der Lindenstraße arbeitete. Die Familie wohnte im Vorderhaus der Synagoge. Im selben Jahr ernannte man Adolf Hitler zum Reichskanzler. Nur etwa 1,5 Kilometer trennten die Synagoge von Hitlers Reichskanzlei.
1936 gründete der jüdische Elektriker Herbert Baum die Herbert-Baum-Gruppe. Die meisten Mitglieder hatten zuvor jüdischen Jugendverbänden angehört, einige waren kommunistisch, andere sozialistisch oder links-zionistisch geprägt. Zeitweise zählte die Gruppe bis zu 100 Mitglieder, etwa die Hälfte davon Frauen.
Die Mitglieder waren so jung, dass die 32-jährige Charlotte Paech von ihnen scherzhaft »Großmutter« genannt wurde.
Sie spendeten einen Teil ihres Einkommens, um Papier für Flugblätter gegen das NS-Regime zu kaufen. Da Juden keine Schreibmaschinen benutzen durften, halfen zwei »arische« Mitglieder und tippten die Parolen. Später stahlen sie, um den Widerstand zu finanzieren. Die Gruppe unterstützte jüdische Emigranten bei der Ausreise und half Verfolgten beim Untertauchen.
1941 heiratete Lotte ihren Siegi und zog nach dem Tod des Vaters zu ihrer Mutter in die Wohnung in der Synagoge. Die Synagoge war inzwischen geschlossen und diente als Getreidespeicher.
Das Paar schloss sich gemeinsam der Baum-Gruppe an. In der Spätphase fehlte Lotte jedoch. Sie litt unter einer schweren Schwangerschaft, verlor vermutlich das Kind und erkrankte an Scharlach. Währenddessen verübte die Gruppe einen Brandanschlag auf die antisowjetische Ausstellung »Das Sowjet-Paradies«. Danach begann die Gestapo mit intensiven Ermittlungen und enttarnte die Gruppe.
Lotte lag krank und geschwächt von einer Fehlgeburt im Bett, als die Gestapo sie abholte. Sie zogen sie aus dem Bett und transportierten sie ab. Siegbert verhafteten sie gleichzeitig an seinem Arbeitsplatz.
Siegi Rotholz verurteilte das Gericht im Dezember 1942 zum Tode und richtete ihn später in Plötzensee hin. Lottes Mutter Cecilie deportierten die Nationalsozialisten im März 1943 nach Auschwitz. Lotte selbst erhielt acht Jahre Zuchthaus, kam aber später nach Berlin zurück. Am 14. Oktober 1943 deportierten sie sie mit dem 44. Osttransport nach Auschwitz und ermordeten sie.
Die DDR stilisierte die Baum-Gruppe zur kommunistischen Widerstandsbewegung, obwohl die Mitglieder politisch unterschiedlich dachten. 1981 stellte man im Berliner Lustgarten, dem Ort des Brandanschlags, einen Gedenkstein auf. Die Inschrift erinnert an den »Jung-Kommunisten Herbert Baum«. Dass es sich um jüdischen Widerstand handelte, erwähnte man nicht. In der Bundesrepublik geriet die Baum-Gruppe weitgehend in Vergessenheit. Dass einige Mitglieder Kommunisten waren, passte nicht ins westdeutsche Bild vom NS-Widerstand. Erst in den 2000er Jahren erkannte die Forschung die Baum-Gruppe als bedeutende Vertreter des jüdischen Widerstands an.
Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 2).


