Wahrheiten in der Dachstube

Peter S. Kaspar über die erstaunliche Geschichte der Rahel Varnhagen von Ense

Der Pförtner in dem früheren Pförtnerhaus der Friedhöfe am Halleschen Tor hatte einen etwas unheimlichen Job. So hatte er unter anderem auf neun Glöckchen zu achten, die in seinem Raum hingen. Es ist nicht überliefert, dass auch nur einmal eines geläutet hätte.

Die Glöckchen waren über Schnüre mit dem benachbarten Kolumbarium verbunden, einem Raum, in dem Tote in ihren Särgen aufgebahrt waren. All diese Särge hatten ein kleines Loch, durch das die Schnüre führten, die mit den Zehen der Leichen verbunden waren. So sollte sichergestellt werden, dass nicht aus Versehen ein Scheintoter beerdigt wird.

Rahel Levin, später Varnhagen, war eine der ersten Saloniéren. Porträt von Moritz Daffinger 1800

Auch die bekannte Saloniére Rahel Varnhagen von Ense hatte eine so panische Angst davor, bei lebendigem Leibe begraben zu werden, dass sie sich nach ihrem Tod nicht bestatten, sondern im Kolumbarium aufbahren ließ.

Den leicht exzentrischen Wunsch verwehrte ihr niemand, noch war jemand davon besonders überrascht. Sie galt schon zu Lebzeiten als eher ungewöhnliche Frau.

Sie wurde am 19. Mai 1771 in Berlin als Rahel Levin geboren. Ihr Vater war Bankier und Juwelenhändler. Die Familie war zwar wohlhabend, aber auch jüdisch, was einen gesellschaftlichen Aufstieg schwierig machte.

Rahel gelang es trotzdem. Sie war eine der ersten Frauen, die einen literarischen Salon eröffneten. 1790 war das, und die Namen auf ihrer Gästeliste konnten sich wahrhaft sehen lassen. Namen wie die der Dichter Heinrich von Kleist, Adalbert von Chamisso, Jean Paul und Ludwig Tieck fanden sich darunter, aber auch von Wissenschaftlern wie den Brüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt. Der Neffe des Alten Fritz’, Louis Ferdinand, zählte ebenso zu dem Kreis. Für den Prinzen war die regelmäßige Begegnung mit »normalen« Menschen offensichtlich eine sehr wichtige Erfahrung. Rahel schrieb 1800 in einem Brief: »Wissen Sie, wer jetzt noch meine Bekanntschaft gemacht hat? Prinz Louis. Den find’ ich gründlich liebenswürdig. Solche Bekanntschaft soll er noch nicht genossen haben. Ordentliche Dachstuben-Wahrheit wird er hören.«

Das mit den Dachstubenwahrheiten darf durchaus wörtlich genommen werden, denn Rahels erster Salon war nicht in einem prächtigen Saal in einem pompösen Stadtpalast, sondern in einer vergleichsweise bescheidenen Wohnung im Dachgeschoss.

Das alles hatte sie ganz ohne männliches Zutun geschafft. Ihre Liebesgeschichten endeten immer tragisch, bis 1814, als sie Karl August Varnhagen kennen und lieben lernte. Die Beziehung hatte einen kleinen Schönheitsfehler: Er war 14 Jahre jünger als sie. Der Liebe tat das keinen Abbruch.

Nachdem ihr Gatte geadelt wurde, wurde aus der früheren Rahel Levin endgültig Rahel Varnhagen von Ense.

1819 gründete Rahel in der Mauerstraße ihren zweiten Berliner Salon. Und wieder lockte er zahlreiche große Namen an, wie etwa Heinrich Heine oder den Fürsten Pückler.

Mit 63 starb Rahel und wurde in einem Zinnsarg mit Sichtfernstern aufgebahrt. Erst 25 Jahre nach ihr starb ihr Mann – und erst neun Jahre nach seinem Tod wurde Rahel schließlich an seiner Seite beerdigt. Die beiden liegen nun gemeinsam in einem Grab, das 1956 vom Land Berlin zu einem Ehrengrab erklärt wurde.

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2019.

Über den Wolken

Anja Spranglewski trinkt mit Klaus Stark Bier und erzählt vom Fliegen

Anja Spranglewski Foto: ksk

Es ist nicht einfach, ein Date mit Anja Spranglewski zu haben. Beim ersten Versuch hatte sie am Tag zuvor ausgiebig ihren 36. Geburtstag gefeiert und war unpässlich. Beim zweiten lag sie mit Angina im Bett. Heute kommt sie direkt aus Norditalien, erst vor zwei Stunden ist der Flieger gelandet. »Ryanair«, sagt sie abfällig und rümpft die Nase.

Am Vormittag ist Anja noch auf der Piazza San Marco in Venedig herumspaziert. »Tauben ohne Ende. Ich hasse Tauben! Aber, boah, ey, was für ein geiles Wetter!« Den fauligen Geruch von Wasser in der Nase, die Ponte di Rialto vor Augen, Tausende von Touristen, die Gondolieri. »Eine Stunde in der Gondel kostet 80 Euro. Das ist echt happig!«

Anja hat es mit dem Fliegen, so viel sei verraten. Im Flugzeug kommt man viel in der Welt herum, hat nicht jederzeit festen Boden unter den Füßen und manchmal gerät der Passagier in Turbulenzen oder plumpst in ein Luftloch. Anja kann Karussells auf dem Jahrmarkt gar nicht leiden, aber diese Luftlöcher liebt sie. »Je heftiger, desto besser«, sagt sie und strahlt.

Vielleicht ist das Fliegen so etwas wie ein Gegenprogramm zur Kindheit im ländlichen Rathenow. Das liegt nicht ganz am Rande der Welt, aber nicht weit davon entfernt. Viel Natur, ein bisschen Havel. Anja nippt am Bier und erzählt den Witz von den drei Meeren: »Waldmeer, Sandmeer, gar nichts mehr.« Brandenburg halt.

Sie war viel mit dem Opa fischen und kennt heute noch Barsch, Zander, Hecht, Aal und Rotfeder. Und sonst? Abitur am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium. Schon damals war Berlin glücklicherweise zum Party-Machen nur eine Stunde entfernt. Freiwilliges ökologisches Jahr. Ausbildung zur Raumausstatterin. Der erste Aufbruch ins Ausland: Praktikum bei einem Möbelrestaurator in Vicenza. Dann Bachelor of Arts in Marketing. Ein paar Jobs in irgendwelchen Start-Ups. Weil dort wenig zu verdienen ist, kellnert Anja nebenbei in der »Roten Beete« in Schöneberg.

Plötzlich das große Los. »Es war reiner Zufall«, sagt sie. Bei Facebook stieß sie auf ein Casting im Hotel Riu Plaza. Flugbegleiterin bei Germania. Ein paar Tests, Allgemeinwissen, Englisch. Sie wird genommen. Sechs Wochen Schnellkurs in Prieros. Und dann hob Anja Spranglewski ab. Sie flog Kurz- und Mittelstrecken, Heimatbasis war erst Schönefeld, dann Tegel. Lanzarote, Teneriffa, auf die Balearen. Direktflüge nach Beirut und Tel Aviv. Gute Bezahlung, nette Kollegen, schicke Uniform. Das volle, pralle Leben.

Freundinnen mäkelten, sie sei doch viel zu intelligent, um nur zu fliegen. Aber sie meint: »Ich war angekommen! Entweder ist es ein Job oder eine Berufung – und für mich war es das Letztere.« Sie mag es, beobachtet zu werden und im Mittelpunkt zu stehen. Den Umgang mit Menschen, wenn Erwachsene zum ersten Mal fliegen und vor Begeisterung glänzende Augen wie kleine Kinder bekommen.

Aber Frau Spranglewski, ist Fliegen nicht gefährlich? Ja gut, ein paar Mal musste der Pilot durchstarten, in Madeira mit seinen heiklen Auf- und Abwinden. »Aber Fliegen ist safe. Radfahren ist viel gefährlicher! Deshalb habe ich zum Geburtstag auch einen Helm bekommen!«

Haben Flugbegleiterinnen tatsächlich Sex mit Piloten oder Passagieren? »Nein. Ich war voll anständig.« Was natürlich nicht ausschließt, dass man nach dem Flug so einen coolen Kerl daten kann. Anja nippt vielsagend an ihrem Bier.

Es waren die besten zwei Jahre ihres Lebens. Doch am 5. Februar 2019 ging die Fluggesellschaft Germania pleite. »Es war furchtbar. Vor allem am Anfang war es richtig, richtig hart.« Anja verlor ihren Job, sie verlor viele Freunde. Sie verlor ihren Lebensinhalt, ihr Glück. Jetzt kellnert sie wieder in der »Roten Beete« oder im »UnterRock« und wird ganz sentimental, wenn ihr irgendwo das satte Germania-Grün in die Augen fällt.

Und ist auf der Suche nach Plan B. Mit Ryanair will sie nicht fliegen, Easyjet ist dicht. Swissair vielleicht. Die fliegen Langstrecke. São Paolo, Johannesburg, Singapur, Peking. Aber dann müsste sie aus Berlin weg nach Zürich. »Schaun wir mal«, sagt sie. Am Wochenende will Anja erst mal zum Chillen nach Sardinien. Gerade sucht sie noch den passenden Flug. »Wenn es unter 100 Euro ist, mach ich’s«, sagt sie.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Es gibt nicht immer ein Happy End

Klaus Stark spricht mit Antje Lange vom Förderverein des House of Life

Antje Lange Foto: ksk

Wer erklären will, womit sich Antje Lange beschäftigt, muss zuerst über das House of Life reden. Das ist eine Pflegeeinrichtung für junge Erwachsene in der Blücherstraße. Hier landen Menschen, die zu jung für ein Seniorenheim sind und zu krank für betreutes Wohnen. Meist nach schweren Schicksalsschlägen: einem Unfall, einem Schlaganfall, einer langen Suchtproblematik oder chronischen Krankheiten – wie der furchtbaren Chorea Huntington, wo man nur zusehen kann, wie ein Mensch allmählich die Kontrolle über sich verliert.

Antje Lange ist 77 Jahre alt und engagiert sich seit zwölf Jahren im Förderverein. Die Einrichtung selbst ist für die Pflege der Patienten zuständig, der ehrenamtlich tätige Verein kümmert sich um ergänzende Angebote. »Projekte«, sagt sie. »Wir hatten schon so viele Projekte!« Da ist das »Café Bohne«, das am Wochenende geöffnet hat. Der Computerraum. Drei Bücher haben sie herausgegeben, über Bewohner, über Pflegekräfte und Angehörige, über den Kontakt mit Geflüchteten. Konzerte gibt es, jedes Jahr einen Kalender, die »Kiez-Community« knüpfte ein Netz mit der Nachbarschaft.

»Ziel ist immer, dass es ein Happy End gibt«, sagt sie. Doch in einer Einrichtung wie dem House of Life gibt es nur selten ein Happy End. Selbst zu einem Konzert unten auf der großen Bühne kommen von den mehr als hundert Bewohnern oft nur wenige herunter. »Aber wenn auch nur zwei, drei richtig begeistert sind, ist das schon ein sehr schönes Gefühl!«

Als sie damals in Rente ging, hatte sie nach einer neuen Herausforderung gesucht: »Ich hab immer bei irgendwas mitgemacht.« Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sie als Kriegskind noch die Flucht aus dem heimatlichen Danzig miterleben musste. Da saß sie als dreieinhalbjähriges Mädchen hinten im DKW, der von Pferden gezogen wurde, weil es keinen Sprit mehr gab. »Jedes Kind durfte ein Spielzeug mitnehmen, ich hab meinen Puppenwagen genommen und alles hineingestopft, aber das ging natürlich nicht.« Sie erinnert sich noch heute an Tieffliegerangriffe, bei denen alle in die Straßengräben sprangen: »Ich dachte, wir spielen Verstecken!«

Hamburg, eine kurze Episode in Bayern, dann Köln. Antje ging aufs Mädchengymnasium und hatte in der Oberstufe Dorothee Sölle als Religionslehrerin. Die große, unkonventionelle Theologin, die den christlichen Glauben von Auschwitz her neu interpretierte und Sätze prägte wie: »Am Ende der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.« Wenn sie an diese Zeit zurückdenkt, sagt Antje Lange: »Dadurch ist das alles gekommen.«

Das alles war erst einmal ein Studium der Germanistik, Philosophie und evangelischen Theologie, eine Stelle am Institut für Deutsche Sprache, dann in der Bundestagsverwaltung – zunächst in der Parlamentsdokumentation und die letzten 16 Jahre ihrer Berufstätigkeit als Gleichstellungsbeauftragte der Bundestagsverwaltung. Dort setzte sie sich für die Rechte der Frauen ein. Rita Süßmuth hat sie erlebt, Wolfgang Thierse, kurz noch Norbert Lammert.

An der Pforte saßen damals überwiegend Herren in Dienstkleidung, selbst die Bundestagsdrucksachen durften nur von gestandenen Männern verteilt werden. »Das entstand ja aus dem Nichts und musste alles neu aufgebaut werden. Da waren ein paar harte Bretter zu bohren!« Nun kann Lange schon eine Position vertreten, aber verbissen ist sie nicht. Nur in einer Sache kennt sie keinen Kompromiss: »In den Parlamenten sollten gleich viele Frauen wie Männer sitzen. Das fällt so auf bei der EU: Da ist nur Frau Merkel, ab und zu ein blauer oder roter Punkt, das ist doch unmöglich, wenn 50 Prozent der Einwohner Frauen sind!«

Aber darum sollen sich jetzt bitte Frau Barley und Frau Giffey kümmern. Antje Lange hat im House of Life zu tun. Ihr neuestes Projekt dort heißt »Kultur am Mittag«. Die Idee ist, dass große Konzertsäle und Theaterbühnen auch nachmittags öffnen, damit Menschen mit Behinderung besser daran teilnehmen können. »Das alles ist noch ganz am Anfang«, sagt sie eifrig, »aber Berlin hat den Auftrag, gemäß der UN-Behindertenkonvention.« Und die 77-Jährige strahlt, als ob sie gerade erst 50 geworden wäre.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2019.

Auf der Suche nach seltenen Vögeln

Klaus Stark plaudert mit Wolfgang Sobeck über Analog- und Digitalfotografie

Wolfgang Sobeck Foto: ksk

Es ist nicht so einfach, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, den man nur vom Sehen kennt. Ich sitze am Ladentisch von »Foto Objektiv«, Ecke Zossener / Gneisenaustraße, gucke mich im Geschäft um, und Inhaber Wolfgang Sobeck erzählt erst ein bisschen von seinem Hobby. Er fotografiert gerne Tiere. Hier in Berlin sind es vor allem Vögel: Habicht, Roter und Schwarzer Milan, Graureiher, Silberreiher.

Und Eisvögel natürlich. Am Schloss Charlottenburg und an der Spandauer Zitadelle, da sitzen sie mit ihrem wunderschönen blauen Gefieder oft über dem Fluss und fischen. »Wenn man in die Natur geht, öffnet sich ein Fenster«, sagt Herr Sobeck. »Für einen Moment bekommt man einen Einblick. Dann ist es wieder zu.« Zusammen mit seiner Frau ist er auch im Kranichschutz aktiv. Wenn im Herbst in Linum bis zu 75.000 Kraniche stehen, schaut er ihnen gerne beim Tanzen zu.

Zwischendrin betreten immer wieder Kunden den Laden. Ein Paar studiert eine gebrauchte Hasselblad, die im Schaukasten liegt, und will morgen wiederkommen. Das Geschäft hat der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann seit 1981, ursprünglich befand es sich auf der anderen Straßenseite. Er erinnert sich noch genau, wie die Zossener zwischen Gneisenau- und Bergmannstraße damals aussah: Es gab drei Buchläden, einen Friseur alten Stils für die alten Damen mit Wasser- und Dauerwelle, eine Hutmacherei. »Heute ist das ja eine Fressmeile«, klagt er. »Und in der Bergmannstraße dasselbe.

«Wenn er seltene Vögel fotografiert, geht er selbst mit einer digitalen Sony A 99 auf Pirsch. Das lässt sich nicht anders machen, weil von 20 Bildern höchstens eins etwas wird. Ansonsten aber ist »Foto Objektiv« ein Hort der Analogfotografie. Natürlich verkauft der gebürtige Hesse auch Speicherkarten, USB-Sticks, gebrauchte Digitalkameras und Ferngläser, aber der Schwerpunkt liegt auf Negativ- und Diafilmen, Sofortbildkameras, Stativen und Fotoarbeiten: Der Kunde bringt einen belichteten Film vorbei und kann später die Abzüge abholen. Außerdem gibt es Fotoalben und Fotoecken. Fotoecken? Als ich stutze, lächelt der Ladenbesitzer: »Sehen Sie, das kennen Sie schon gar nicht mehr.«

Überwiegend verkauft er mittlerweile an Touristen. »Das Bildergeschäft ist komplett eingebrochen. Das wird dazu führen, dass die Leute irgendwann keine Erinnerung mehr haben. Die Festplatte ist abgestürzt, das Smartphone weggeworfen, auch CDs halten nicht ewig – und Bilder gibt es nicht mehr.« Herr Sobeck hält gar nichts von der blinden digitalen Knipserei. »Die Leute machen tausend Fotos, gelöscht wird nichts, dann finden sie sich im Datenmüll nicht mehr zurecht. Und wie banal! Guck mal, was ich mache! Guck mal, was ich esse! Was für ein Blödsinn! Wen interes-siert das im Netz?

«Er trauert den alten Zeiten hinterher, als Fotos noch nicht die Datenspeicher und sozialen Medien überschwemmten. Es kostete jedesmal Geld, auf den Auslöser zu drücken: »Da überlegt man sich, was, wie und ob man fotografiert.« Die Suche nach dem perfekten Bild, nach dem richtigen Augenblick, die Vorfreude auf die Abzüge, der Aha-Effekt in der Dunkelkammer. Aber er weiß natürlich auch, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt.

Ausgerechnet in diesem Moment kommt ein Pärchen in den Laden und kauft zwei Negativfilme von Kodak, einen schwarz-weiß, einen farbig. Warum? »Weil es schöne Bilder sind«, sagt der Mann. »Ich mag das, wenn man sie erst entwickeln muss.«

Dann erzählt Wolfgang Sobeck noch ein wenig von seinen Vögeln. In Costa Rica, wo er häufig gewesen ist, hat er lange nach dem Quetzal gesucht, dem berühmten Göttervogel der alten Azteken. Ein prächtiges Tier mit gelbem Schnabel, rotem Bauch, das übrige Gefieder schimmert je nach Lichteinfall blau oder grün. Manchmal sieht man tagelang keinen einzigen, aber er hat ihn schon oft fotografiert. Die Schwanzfedern des Quetzal sind bis zu einem Meter lang. »Der ist richtig groß«, sagt Herr Sobeck und strahlt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2018.

Häufig sitzt er zwischen allen Stühlen

Klaus Stark besucht Parkmanager Cengiz Demirci in seinem Bauwagen im »Görli«

Cengiz Demirci Foto: ksk

Ein sonniger Herbsttag im Görlitzer Park. Ein paar Jogger, Fahrradfahrer, Frisbee-Spieler, eine junge Frau mit ihrer kleinen Tochter am Kinderbauernhof. Keine zehn Meter davon entfernt bietet ein Dealer seine Ware an. »Geht’s gut?«, flüstert er mit heiserer Stimme. »Weed?« Seine Kollegen lungern um die Bänke an den Kreuzungen und Parkeingängen herum, bis zu 200 sind es an manchen Tagen. Mitunter gehen die Drogengeschäfte ganz offen vor sich, und jeder kann zusehen, wie Stanniolpäckchen mit Gras den Besitzer wechseln. Alles wirkt ruhig und doch liegt eine leichte Spannung in der Luft.

»Es ist besser geworden«, sagt Cengiz Demirci, »es gibt weniger Beschwerden.« Der 45-Jährige ist seit zwei Jahren Parkmanager im »Görli« und kümmert sich darum, dass dort zumindest gewisse Regeln eingehalten werden: keine aggressive Anmache, kein Verkauf von Gras an Jugendliche, kein Sexismus gegenüber Frauen. »Wir haben zu den Dealern gesagt: Brüder, möchtet Ihr, dass jemand euren Schwestern hinterherpfeift und ruft: ‚Hey Baby, du hast aber einen heißen Knackarsch?‘ Nein? Dann lasst ihr es bitte auch.«

Der Parkmanager stellt so etwas wie die Antwort des rot-rot-grünen Senats auf das Scheitern der Null-Toleranz-Politik von Ex-Innensenator Frank Henkel (CDU) dar. »Friedliche Koexistenz« heißt jetzt das Motto. Die Dealer aus Nordafrika, Guinea, Gambia, Ghana, Mali oder Nigeria werden geduldet – soweit sie keine Randale machen. Demirci ist ohnehin der Meinung, dass Verbote nichts nutzen: »Berlin hat keine legalen Räume für Cannabis und ruft trotzdem Partytouristen in die Stadt. Die Nachfrage lässt das Angebot überhaupt erst entstehen. 80 Prozent der Dealer würden sofort arbeiten, wenn man sie nur arbeiten ließe.«

Cengiz Demirci wurde in Germersheim bei Lan-dau (Rheinland-Pfalz) ge-boren. »Ich bin eigentlich ein Gastarbeiterkind«, sagt er. Heilbronn, Istanbul, Kiel, Hamburg, in Hannover hat er Sozialpsychologie studiert, dann zog es ihn nach Berlin. Bei einer großen Fitness-Kette kümmerte er sich um Sozialprojekte, war Stadtteilkoordinator im Mierendorff-Kiez in Charlottenburg. Als er im Netz die Anzeige für den Parkmanager entdeckte, wusste er: »Das ist der Job, den ich gerne machen würde.«

Mit Ausgrenzung hat er selbst viel Erfahrung. »Ich lernte erst in der Schule, dass ich Ausländer bin. Meine Generation und die meiner Eltern, wir haben nie dazugehört, wir waren immer nur Humanressourcen.« Einmal hat der Psychologe 270 Bewerbungen umsonst weggeschickt. Schon seit Jahren sucht er eine Vier-Zimmer-Wohnung: »Wenn ich mit meinem Nachnamen anrufe, ist die Wohnung immer schon vergeben.«

Nicht nur wegen solcher Erlebnisse kann Demirci die Situation der Dealer gut verstehen. Tatsächlich sitzt Demirci in seinem Bauwagen im »Görli« meistens zwischen allen Stühlen. Beschäftigt wird er vom Bezirksamt, eine Art ideeller Chef war bisher der Gründungsrat, und ist nun der neu gewählte Parkrat. Und da hat es in der Vergangenheit mächtig gekracht.

Denn der Parkmanager hat große Visionen, die nicht alle teilen. Er versteht den Park als Experimentierfeld, möchte neue Formen der Bürgerbeteiligung ausprobieren, einen unabhängigen, autarken Görli schaffen, der sich selbst finanziert. Eine »Gemeinwohl-Ökonomie«, ein »besänftigter Kapitalismus« könnte das sein, mit Cafés, in denen Anwohner unter Anleitung technische Geräte reparieren, mit Werkstätten, wo aus Holzabfällen Souvenirs für Touristen hergestellt werden. Und Mieterträgen, die in einen Fonds fließen, eine Stiftung, die wiederum soziale Projekte speist. Demirci hat viele Ideen. »Auf diesem Weg könnten langfristig die Drogendealer zu einer würdevollen Arbeit finden«, sagt er.

Soweit die Utopie. Währenddessen schlägt draußen die Stimmung ganz plötzlich um. »Polizei, Polizei!«, schreit ein Schwarzer in Panik und rennt quer durch den Park. Zwei uniformierte Polizisten folgen, zwei Polizeiwagen mit Blaulicht hinterher. Nach ein paar Minuten hat sich alles beruhigt. Wachsame Augen sichern nach allen Seiten. Dann ist es wieder da, das heisere Flüstern: »Geht’s gut? Weed?«

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2018.

Mogeln ist seine Sache nicht

Klaus Stark trifft den Schauspieler, Dramaturgen und Regisseur Adolfo Assor

Adolfo Assor ist Schauspieler aus Leidenschaft und bespielt mit dem Garn-Theater eines der kleinsten Theater in Berlin. Foto: ksk

Im Innenhof geht es scharf nach links, eine Tür knarrt vielversprechend, dann viele steile Treppenstufen abwärts. Unvermutet ein Schwall kalte, feuchte, etwas modrig riechende Kellerluft. Schließlich ist der Besucher unten angekommen. In der Tiefe? Im Untergrund? Jedenfalls im Reich von Adolfo Assor. Wo früher einmal von einer Firma Obstliköre abgefüllt wurden, steht der 73-jährige Schauspieler seit 28 Jahren fast jeden Tag auf der Bühne, in seinem kleinen Ein-Personentheater am Viktoriapark.

Ein kleiner, höflicher, alter Mann mit markantem Gesicht. Bescheiden zündet er Kerzen an, verteilt Eintrittskarten und Lutschbonbons an die fünf Zuschauer, die gekommen sind. Ein paar Minuten später hat er den Pullover ausgezogen und erhebt sich mit verstrubbeltem Haar aus seinem Stuhl zu ganzer Größe. »Ich hörte, was im Himmel und auf der Erde geschah«, ruft Assor beschwörend. Ausdrucksvolle Pause. Lauter: »Ich hörte manches, was in der Hölle geschah!« Plötzlich wird aus dem harmlosen, kargen Keller ein geheimnisvoller, angstbesetzter Raum, in dem sogleich ein Mord geschehen wird.

Als der gebürtige Chilene 1986 nach Deutschland kam, so berichtet er im persönlichen Gespräch, blieb er zunächst beim Staatstheater Kassel hängen. »Ein Riesenkonzern. Aber alles so oberflächlich. Ich dachte: Ich bin kein Industriearbeiter, ich bin Künstler!«

Vom Berliner Ensemble war er ebenfalls enttäuscht. Also gründete er seine eigene Spielstätte, zunächst in den Räumen einer früheren Änderungsschneiderei, daher noch heute der Name »Garntheater«. Mit dem Ziel, »der größte deutschsprachige Schauspieler zu werden – was eigentlich nicht so schwer ist«. Assor lacht nicht ohne Selbstironie.

Erst dachte er ja, wegen Shakespeare, Englisch sei die Sprache der Bühne. Doch dann begriff er: Es ist Deutsch: »Die deutsche Sprache ist musikalisch, stark, hat viele Akzente und ist sehr genau.« Nun feilt der spanische Muttersprachler oft tagelang an schwierigen Monologen, an den Pausen, an den Betonungen. Dostojewski, Gogol, Pessoa, Ionesco, Kafka, immer wieder Beckett. Ihm fühlt sich Assor vielleicht am verwandtesten: »Meine Vision der Welt und des Lebens ist die Absurdität, auf alle Fälle.«

In seinem Theater existieren genau 22 Sitzplätze. Die Bühnenbeleuchtung hat er aus Ofenrohren zusammengebastelt. Organisation, Bühnenbild, Werbung – das macht er fast alles allein. Stolz erinnert sich Assor an proppenvolle Vorstellungen. Aber es gab auch »harte Zeiten«, wo Aufführungen mangels Zuschauern ausfielen. Glücklicherweise wurde der Chilene inzwischen vom Film entdeckt, was hilft, finanzielle Lücken zu füllen. Die »Sesamstraße« fand er lustig, eine Episode in »Gute Zeiten, schlechte Zeiten« auch. Aber dann klagt er doch über die »Konsumscheiße« und darüber, dass im Film nur »gemogelt« werde.

Mogeln ist Assors Sache nicht: »Ich will die Realität. Ich gehe zur Essenz der Dinge.« Und dann sagt er noch: »Es hat sich gelohnt.« Manchmal denkt er an seine Geburtsstadt Valdivia zurück, an Aufführungen auf Feuerland vor 200 Leuten, »wo sie so tolle Sombreros« haben. Oder an das Mädchen Soledar, die damals, als er mit zehn Jahren in der Schule erstmals ein Gedicht vortrug, so in ihn verschossen war. Einen Traum hat er übrigens noch. Er, der so meisterhaft den Worten nachspürt und sie zum Leben erweckt, möchte »auf der Bühne eine Figur erschaffen, die kein Wort sagt, nur Präsenz, nur Energie …«

An diesem Abend ist die Vorstellung zu Ende. Fünf Zuschauer applaudieren begeistert und klettern dann aus der Tiefe zurück zur warmen Luft an die Oberfläche. Busse rauschen vorüber, Touristen starren auf ihre Smartphones. Wochenlang war es heiß und trocken gewesen, jetzt das erste Gewitter. In den nächtlichen Straßen duftet es nach warmem Sommerregen.

Spielplan Garntheater

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2018.