Besser als ein Bullen-Witz

Tierisch große Polizeieinsätze im Görlitzer Park

Die legendärsten Polizeieinsätze im Görlitzer Park hatten nichts mit Drogen zu tun, sondern mit Tieren, die sich anders verhielten als ihre Artgenossen außerhalb Kreuzbergs. Diese ungewöhnlichen Protagonisten des zivilen Ungehorsams lösten großangelegte Polizeieinsätze aus.

Anfang der 1980er Jahre, kurz nach der Eröffnung des Kinderbauernhofs im Görli, arbeitete dort ein Pfleger namens Michael. Er brachte einen jungen Bären und einen Hund mit und übte mit ihnen Zirkustricks. Der Bär entwickelte eine so enge Bindung zu Michael, dass dieser in einem Zirkuswagen auf dem Hof schlafen musste. Eines Nachts, als Michael nicht da war, begann der Bär bitterlich zu weinen. Die Nachbarn hielten das Geräusch für einen Hilferuf. Gegen 23 Uhr rückten fünf Polizeiwagen und drei Feuerwehrautos an. Innerhalb kurzer Zeit versammelten sich 300 Menschen auf der Straße. Die Polizei fühlte sich zum Handeln gezwungen, obwohl ein weinender Bär keine Gefahr darstellte. Sie forderte Hundefänger an, um das Tier zu betäuben. Doch die Anwohner stellten sich auf die Seite des Bären und protestierten lautstark. Um eine Straßenschlacht zu verhindern, holte jemand Michael. Er beruhigte den Bären und beendete den Einsatz.

Historische Aufnahme des Kinderbauernhofs im Görlitzer Park aus dem Jahr 1990.Der Kinderbauernhof auf dem Görli im Jahr 1990. Foto: Claus Uwe Erb/Kinderbauernhof Görlitzer Park

Dreißig Jahre später sorgte die Pute »Puti« für Aufregung im Görli. Puti kam 2017 von einer Geflügelfarm auf den Bauernhof. Zunächst allein, suchte sie Anschluss bei den Enten. Doch da sie nicht schwimmen konnte, soff sie bei ihren Annäherungsversuchen beinahe ab.

Der SPD-Politiker Sven Heinemann wollte Abhilfe schaffen und schenkte dem Bauernhof einen Gefährten für Puti. Diesen taufte er Martin, nach dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Doch Martin zeigte sich in der Balz ebenso ungeschickt wie sein Namensvetter im Wahlkampf. Erst flirtete Puti mit einem viel kleineren Perlhuhnmännchen, dann fiel Martin eines Morgens einfach tot um.

Am 15. Oktober 2017 verschwand Puti spurlos. Die Kinder vom Bauernhof starteten eine Suche wie in »Emil und die Detektive«. Zwei Polizeistreifen schlossen sich an, doch die Fahndung blieb erfolglos. Wahrscheinlich landete die charakterstarke Puti in einem Kochtopf. Ihr Perlhuhn-Partner verstummte und verfiel in Depressionen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 12).

Eine junge Frau im Widerstand

Das Leben der Lotte Rotholz

Lotte Rotholz starb mit nur 19 Jahren. Sie und ihr vier Jahre älterer Ehemann Siegbert Rotholz kämpften im jüdischen Widerstand. Ihr letztes Lebenszeichen stammt vom 23. Dezember 1942 aus dem Frauengefängnis Barnimstraße. Kurz darauf deportierten die Nationalsozialisten sie nach Auschwitz. Ihr Todestag bleibt unbekannt. Siegbert, genannt Siegi, richteten sie im März 1943 in Plötzensee hin.

Historisches Porträt von Lotte Rotholz.Lotte Rotholz. Fotograf unbekannt

Lotte war die Tochter des Predigers Willy Jastrow und kam 1923 in Bentheim zur Welt. Mit zehn Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Berlin, wo ihr Vater in der Synagoge in der Lindenstraße arbeitete. Die Familie wohnte im Vorderhaus der Synagoge. Im selben Jahr ernannte man Adolf Hitler zum Reichskanzler. Nur etwa 1,5 Kilometer trennten die Synagoge von Hitlers Reichskanzlei.

1936 gründete der jüdische Elektriker Herbert Baum die Herbert-Baum-Gruppe. Die meisten Mitglieder hatten zuvor jüdischen Jugendverbänden angehört, einige waren kommunistisch, andere sozialistisch oder links-zionistisch geprägt. Zeitweise zählte die Gruppe bis zu 100 Mitglieder, etwa die Hälfte davon Frauen.

Die Mitglieder waren so jung, dass die 32-jährige Charlotte Paech von ihnen scherzhaft »Großmutter« genannt wurde.

Sie spendeten einen Teil ihres Einkommens, um Papier für Flugblätter gegen das NS-Regime zu kaufen. Da Juden keine Schreibmaschinen benutzen durften, halfen zwei »arische« Mitglieder und tippten die Parolen. Später stahlen sie, um den Widerstand zu finanzieren. Die Gruppe unterstützte jüdische Emigranten bei der Ausreise und half Verfolgten beim Untertauchen.

1941 heiratete Lotte ihren Siegi und zog nach dem Tod des Vaters zu ihrer Mutter in die Wohnung in der Synagoge. Die Synagoge war inzwischen geschlossen und diente als Getreidespeicher.

Das Paar schloss sich gemeinsam der Baum-Gruppe an. In der Spätphase fehlte Lotte jedoch. Sie litt unter einer schweren Schwangerschaft, verlor vermutlich das Kind und erkrankte an Scharlach. Währenddessen verübte die Gruppe einen Brandanschlag auf die antisowjetische Ausstellung »Das Sowjet-Paradies«. Danach begann die Gestapo mit intensiven Ermittlungen und enttarnte die Gruppe.

Lotte lag krank und geschwächt von einer Fehlgeburt im Bett, als die Gestapo sie abholte. Sie zogen sie aus dem Bett und transportierten sie ab. Siegbert verhafteten sie gleichzeitig an seinem Arbeitsplatz.

Siegi Rotholz verurteilte das Gericht im Dezember 1942 zum Tode und richtete ihn später in Plötzensee hin. Lottes Mutter Cecilie deportierten die Nationalsozialisten im März 1943 nach Auschwitz. Lotte selbst erhielt acht Jahre Zuchthaus, kam aber später nach Berlin zurück. Am 14. Oktober 1943 deportierten sie sie mit dem 44. Osttransport nach Auschwitz und ermordeten sie.

Die DDR stilisierte die Baum-Gruppe zur kommunistischen Widerstandsbewegung, obwohl die Mitglieder politisch unterschiedlich dachten. 1981 stellte man im Berliner Lustgarten, dem Ort des Brandanschlags, einen Gedenkstein auf. Die Inschrift erinnert an den »Jung-Kommunisten Herbert Baum«. Dass es sich um jüdischen Widerstand handelte, erwähnte man nicht. In der Bundesrepublik geriet die Baum-Gruppe weitgehend in Vergessenheit. Dass einige Mitglieder Kommunisten waren, passte nicht ins westdeutsche Bild vom NS-Widerstand. Erst in den 2000er Jahren erkannte die Forschung die Baum-Gruppe als bedeutende Vertreter des jüdischen Widerstands an.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2026 (auf Seite 2).