Dem Fögelchen ihr Mann sein Platz

Rolf-Dieter Reuter ist gegen jegliche Art der Diskriminierung – und Bevorzugung

Die Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg hat sehr ernsthaft mit sich gerungen. Einerseits stand da der Grundsatzbeschluss, solange Straßen im Bezirk nach Frauen zu benennen, bis die Zahl von Frauen- und Männerbenamten Straßen gleich groß ist. Andererseits war da die Umbenennung eines Teils der Koch- in Rudi-Dutschke-Straße und der Gabelsberg- in Silvo-Meier-Straße.

Gretchen-Dutschke-Klotz-und-Rudi-Dutschke-Straße Ecke Friede-und-Axel-Cäsar-Springer-StraßeDann aber bitte konsequent! Foto: psk/cs

Und jetzt ging es es um den Vorplatz des Education-Centers am Jüdischen Museum. Und so kam es, wie es kommen musste: Mit Regina Jonas trat die erste deutsche Rabbinerin an, verfolgt und ermordet von den Nazis, gegen Moses Mendelssohn, bedeutender Philosoph der Aufklärung und Ahnherr einer bedeutenden Familie, wie man gerade in Kreuzberg durchaus erkennen kann. Doch dazu später mehr.

Vorab Grundsätzliches: Ich persönlich habe ja nie verstanden, was das für ein Fortschritt sein soll, wenn gleichviel Straßen nach Frauen benannt werden , wie nach Männern. Das ist Unsinn. Die Geschichte hat eindeutig gezeigt, dass unter Generälen, Massenmördern, Tyrannen, Betrügern, Hochstaplern, Politganoven und ähnlich angenehmen Zeitgenossen, nach denen gemeinhin Straßen benannt werden, deutlich weniger Frauen sind als Männer. Straßennamen spiegeln doch nur die geschichtliche und gesellschaftliche Realität. Je nun. Wenn frau es so will, seufz!

Der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau hatte auf die Frage, ob ein Fußballstadion nicht auch mal nach einer Frau benannt werden könnte, geantwortet: »Und wie soll das dann heißen? Ernst Kuzorra seine Frau ihr Stadion?« Die Geschichte hat Rau überholt. Heute heißen Fußballstadien nach Versicherungsgesellschaften und Automarken.

Aber was war nun mit dem Vorplatz des Education-Centers? Nun ja, Frau Jonas hat verloren, aber Herr Mendelssohn nicht gewonnen . Der Platz sollte nach ihm und seiner Ehefrau benannt werden.

»Das kann nicht ihr Ernst sein«, dachte ich entsetzt , nachdem ich in Wikipedia auf den Namen der Frau gestoßen war: Fögelchen Philipp Neustädtel. Welcher Platz will schon Fögelchen-Philipp-Neustädtel-und Moses-MendelsohnPlatz heißen?
Doch dann die Entwarnung. Mir war ein mendelssohnsches S verloren gegangen. Der Moses mit dem Fögelchen kam zudem aus Hamburg und hatte mit Berlin rein gar nichts zu tun.

Ich persönlich finde es schade, dass Regina Jonas leer ausging. Aber immerhin hat Fromet Mendelssohn zehn Kindern das Leben geschenkt, das ist ja schon einen halben Vorplatz wert.

Der eigentliche Skandal an der Geschichte ist: Während sich die BVV über Gendergeschichten streitet, ist ihr ganz entgangen, dass die Familie in Kreuzberg und Umgebung mit Namen schon ganz gut vertreten ist: Felix Mendelssohn-Bartholdy und seine Schwester Fanny Hensel waren nämlich die Enkel von Moses und Fromet. Wird da am Ende etwa eine Familie bevorzugt behandelt?

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2013.

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