Was will er mir sagen?

HipHop zum Mitdenken

Zwischen Karneval der Kulturen und Fête de la Musique ist im Juni musikalische Verwirrung in Kreuzberg angesagt. Wer noch den kubanischen Trommeln hinterhertrauert oder sich vorbereitend mit dicken Bässen umgibt, kann hier auch schon wieder aufhören zu lesen. Für den Rest gibt es: Hiphop.

Ein kleines Berliner Künstlerkollektiv um den Sänger und Schauspieler Robert Gwisdek aka Käptn Peng und seiner Band »Die Tentakel von Delphi« hat es mir diesen Monat besonders angetan. Für den Kontext und im weiteren Verlauf wichtig zu wissen ist, dass ich sonst gar nicht so gern gerapptes und gesprochenes Deutsch höre (schon für die seichte Poesie der Beginner habe ich Jahre gebraucht). Allerdings besingen die fünf Musiker, die sich nebenbei bemerkt schon aus Kindheitstagen kennen, genau das nicht, was ich sonst an Hiphop so missraten finde: Diss. Konsequentes Beleidigen anderer Menschen, anderer Städte, generell anderem Alles.

Bei Käptn Peng & den Tentakeln von Delphi habe ich eher das Gefühl, etwas zu lernen. Na ja, oder wenigstens einen Blick dafür zu bekommen, über was man sonst noch so alles Musik machen kann. Die sehr verkopften Tracks handeln von der Unmöglichkeit und Unwahrscheinlichkeit der menschlichen Existenz, einer Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich in Füchse verwandeln und einer verqueren Vorstellung von Zeit und Raum. Der O-Ton: Nimm dich und dein Leben einfach nicht ganz so ernst, du bist auch nur ein kleiner Teil des Universums, lass dich fallen, leb spontan. Sarkastisch, ironisch, skurril sind die Worte, die die Lyrics wohl am besten beschreiben. Begleitet wird der MC dadurch von Beats, die konsequenterweise keinem normalen Schlagzeug entstammen, sondern wahlweise Koffern, einem Betonmischer oder dem Kontrabass.

Im Dezember erst hat die Gruppe im Lido ihr neuestes Werk vor einem schwitzenden, lachenden und komischerweise alle Texte mitrappenden Publikum zum Besten gegeben – Hut ab dafür, das ist nämlich in Anbetracht der hohen Wort­an­zahl pro Sekunde gar nicht so leicht.

In den nächsten Monaten gibt es leider erstmal kein Konzert in heimischen Gefilden. Schließlich steht, wie so üblich um diese Jahreszeit, ein langer Festivalsommer bevor. Gut für uns: genug Zeit, um unsere Zungen zu trainieren und beim nächsten Mal so richtig loszufeuern. Und vielleicht ist dann auch endlich der Moment gekommen, an dem wir alle Meta- und Betaebenen der gerappten Gedichte semantisch durchblicken können.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2018.

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