Das Festivalgefühl kann kommen

In Kreuzberg ist die Open-Air-Saison gestartet

Bühne auf dem Karneval der KulturenSeit 30 Jahren steht der Karneval der Kulturen für musikalische und kulinarische Vielfalt. Foto: bm

Sobald in Berlin die ersten warmen Nächte beginnen, startet in Kreuzberg die schönste Zeit des Jahres. Cafés stellen ihre Tische auf die Gehwege, Musiker spielen bis spät in die Nacht und zwischen Bergmannkiez und Landwehrkanal entsteht echtes Festivalgefühl. Der Open-Air-Sommer 2026 bringt drei Höhepunkte: den Karneval der Kulturen, die Fête de la Musique und das Kreuzberg-Festival. 

Den Auftakt machte der Karneval der Kulturen vom 22. bis 25. Mai, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feierte. Der Blücherplatz wurde über Pfingsten erneut zum Treffpunkt für Musik, Tanz und kulinarische Vielfalt. Höhepunkt war der Straßenumzug am 24. Mai. Wegen der Baustellen in der Gneisenaustraße verlief die Parade erneut durch Friedrichshain entlang der Frankfurter Allee und Karl-Marx-Allee. Knapp 70 Gruppen mit Sambabands, Stelzenläufern, afrikanischen Tänzern und karibischen Klängen verwandelten die Straßen in ein Fest der Vielfalt. Viele Besucher schätzen die Mischung aus Kultur, Politik und ausgelassener Stimmung. »Der Karneval zeigt jedes Jahr, wie offen und international Berlin sein kann«, sagte Besucherin Judy aus Neukölln. Seit seiner Gründung versteht sich das Festival als Zeichen gegen Ausgrenzung und für ein solidarisches Miteinander. Mehr als 1,1 Mio. Menschen besuchten den diesjährigen Karneval. Gleichzeitig mussten die Veranstalter erstmals zu Spenden aufrufen, da die öffentlichen Fördermittel nicht mehr ausreichten.

Nur wenige Wochen später übernimmt die Musik die Straßen: Am 21. Juni macht die Fête de la Musique Berlin erneut zur offenen Bühne. Zwischen Oranienstraße, Bergmannstraße und Paul-Lincke-Ufer wechseln sich DJs, Brassbands und Singer-Songwriter ab. Das Besondere: Alle Konzerte sind kostenlos und frei zugänglich.

Fête de la Musique und Kreuzberg-Festival locken auf die Straße

Viele Besucher ziehen spontan von Bühne zu Bühne oder tanzen direkt auf dem Gehweg. Ab 14 Uhr präsentieren sich zum Beispiel auf der mog61-Bühne in der Fürbringerstraße sieben Live-Acts.

Straßenfest zum Karnveval der Kulturen vor der Heilig-Kreuz-KircheStraßenfest am Blücherplatz. Foto: phils

Ende des Monats folgt schließlich das Kreuzberg-Festival vom 26. bis 28. Juni, vielen älteren Berlinern noch als Bergmannstraßenfest bekannt. Der Kiez nördlich des Viktoriaparks verwandelt sich dann in eine lebendige Flaniermeile mit Livemusik, Kunsthandwerk und internationalen Spezialitäten. Familien sitzen mit Picknickdecken am Straßenrand, Kinder tanzen vor den Bühnen und Nachbarn treffen sich zwischen Fa­la­fel­stand und Cocktailbar.

Kreuzberg wird im Sommer 2026 wieder zum Treffpunkt für internationale Kultur, pulsierendes Nachtleben und kreative Bühnen im ganzen Kiez.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2026 (auf Seite 1).

»Ich habe immer viel das Maul aufgemacht«

Robert S. Plaul traf die LGBTQI-Aktivistin und Kulturvermittlerin Mahide Lein

LGBTQI-Aktivistin und Kulturvermittlerin: Mahide Lein. Foto: rsp

Vielleicht war es die evangelische Erziehung, die Mahide Lein schon als Kind zu so etwas wie einer Kämpferin für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung machte. Denn wenn Jesus alle Menschen gleichermaßen liebte, dann lag es ja nahe, dass auch Mahide einsprang, wenn jemand ungerecht behandelt wurde. »Das hat mich sehr geprägt, mich auch einzusetzen für Tabu-Themen. Und mir war auch oft egal, was andere von mir denken«, sagt sie. »Ich habe immer viel das Maul aufgemacht.«

1949 wird Mahide in Frankfurt am Main geboren, und außer ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn deutet noch wenig auf ihren bevorstehenden außergewöhnlichen Lebensweg hin. Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau, arbeitet auch kurz in dem Job, studiert Politik und Religion. Doch bald fängt sie an, sich in der noch jungen alternativen Szene Frankfurts zu engagieren.

Es ist die Zeit der 68er-Bewegung, die Zeit von Hausbesetzungen, vor allem aber auch die Zeit der Frauen-/Lesbenbewegung. Mahide organisiert ein Kulturcafé für Frauen mit Konzerten, Ausstellungen und Diskussionen. Die Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten ist eine Stärkung für ihre eigene lesbische Lebensweise. Sie gründet das erste Lesbenzentrum Frankfurts mit. Es ist auch ein Streben nach Sichtbarkeit in einer Zeit, in der vieles noch tabuisiert ist. »Wir hatten überlegt, ob wir an den Briefkasten ‚Lesbenzentrum‘ schreiben oder ‚L-Zentrum‘«, erzählt Mahide. Überhaupt geht es immer wieder um Tabus – und um Aufklärung. »Es gab damals noch kein Buch über weibliche Sexualität, also ein Aufklärungsbuch für Mädchen. Da war immer nur von Penissen und Kinder zeugen die Rede.«

Wegen der Liebe zieht Mahide 1977 nach Berlin. »Da war ja die Frauen-/Lesbenbewegung noch viel stärker. Es gab 44 Frauentreffpunkte in den 70ern/80ern.« Einer davon ist das »Kaffee Winterfeldt«, das Mahide im Kollektiv in einem von Frauen besetzten Haus betreibt. Später übernimmt sie den Künstlerinnentreff »PELZE-multimedia«, eine Art Nachtclub für Frauen.

1991 bietet ihr Rosa von Praunheim an, im Wechsel mit dessen schwulem TV-Magazin »Andersrum« ein lesbisches Magazin zu machen. Über zwei Jahre entstehen 27 einstündige Sendungen von »Läsbisch-TV«, die im Berliner Kabelsender FAB ausgestrahlt werden, bis der Sender beide Formate absetzt.

Doch Mahide belässt es nicht bei Frauen- und Lesbenthemen und auch nicht bei Berlin. Sie beginnt, auch mit Männern der Queer-Community zu arbeiten, organisiert 1992 den ersten Christopher-Street-Day Russ­lands in St. Petersburg, holt Musiker*innen nach Deutschland, veranstaltet das erste lesbisch-schwule Filmfestival und arbeitet beim Teddy Award, dem queeren Filmpreis der Berlinale, mit.

Der wohl größte Einschnitt in Sachen Horizonterweiterung ist ihre erste Afrikareise, die sie 1996 zusammen mit der Filmemacherin Sue Maluwa Bruce nach Sim­bab­we führt. »Da in Sim­bab­we habe ich angefangen, alle Menschen zu lieben.«

So zieht ihr multikulturelles Engagement, das in ihrer Event-Agentur AHOI-Kultur zusammenläuft, immer weitere Kreise: Mit Lama Gelek, Santrra Oxyd und Nina Hagen veranstaltet sie jahrelang eine Party zum tibetischen Neujahrsfest Losar. Auf der AHOI-Bühne, seit Mitte der 2000er fester Bestandteil des Bergmannstraßenfests bzw. Kreuzberg-Festivals, treten Künstler*innen aus aller Welt auf.

Und »alle Welt« kann man bei Mahide durchaus wörtlich nehmen: Über all die Jahre hat sie mit Menschen aus fast allen Ländern Afrikas und Asiens gearbeitet, mit Latinos und Americans, hat weltweit unzählige Konzerte und Festivals geplant und organisiert. Nur Australien fehlt noch in der Liste – aber das kann ja noch kommen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2024.

Karneval wieder da, MyFest wohl nicht

Planungen für Straßenfeste konkretisieren sich

Drei Jahre Corona-Pandemie mit Lockdowns und Kontaktbeschränkungen haben auch dazu geführt, dass die meisten der üblichen Straßenfeste drei Jahre lang nicht oder nicht wie gewohnt stattfinden konnten. 2023 werden die meisten Feste aber ihr Comeback feiern.

Bunt gekleidete Tänzerinnen auf dem Umzug beim Karneval der KulturenDer Karneval der Kulturen kommt 2023 zurück – allerdings mit verkürzter Umzugsstrecke. Foto: rsp

So kündigten die Veranstalter des Karnevals der Kulturen Anfang Januar an, dass es zum diesjährigen Pfingstwochenende wieder Straßenfest und Umzug geben werde. Um den durch Pandemie und Inflation gestiegenen Kosten entgegenzuwirken, werde der Umzug allerdings kürzer ausfallen als früher – wie man sich das genau vorstellen darf, ist indessen noch nicht bekannt. Der Ankündigung war ein Beteiligungsverfahren mit über 1000 Personen vorausgegangen, bei dem auch Alternativ­szenarios wie ein anderer Ort oder ein anderer Termin diskutiert worden waren. Zumindest beim eigentlichen Straßenfest wird die Ortsfrage voraussichtlich ab 2025 relevant, wenn auf dem Blücherplatz der Neubau der Amerika-Gedenkbibliothek entsteht.

Weniger rosig sieht die Zukunft des MyFests aus, das dieses Jahr sein zwanzigjähriges Jubiläum feiern würde. Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne) hatte in einer BVV-Sitzung Mitte Dezember berichtet, dass der private Trägerverein seine Arbeit nicht fortsetzen wolle. Ihre Aussage, das Bezirksamt sei nicht dafür zuständig, sich um Ersatz zu bemühen, hatte ihr Kritik vor allem von Seiten der Linksfraktion eingebracht.

Auch in Kreuzberg- und Mittenwalder Straße wird wieder gefeiert

Ob in Sachen MyFest das letzte Wort gesprochen ist, bleibt abzuwarten – ein wenig Zeit ist ja noch bis zum 1. Mai.

Blick von hinter einer Bühne in Richtung Publikum in der Mittenwalder StraßeMusik in der Nachbarschaft. Foto: phils

Als gefühlt einziges Kreuzberger Straßenfest hat das Kreuzberg-Fes­ti­val, der Nachfolger des ehemaligen Bergmannstraßenfests, auch in 2022 stattgefunden. Und auch in diesem Jahr soll es am Wochenende vom 30. Juni bis 2. Juli wieder ein buntes Kultur- und Musikprogramm auf den Bühnen in der Kreuzbergstraße geben. Das Fest war 2019 an den Viktoriapark umgezogen, weil wegen der Verkehrsberuhigungsmaßnahmen in der Bergmannstraße Platz für Stände fehlte, um das Event zu finanzieren. Inzwischen scheint die neue Location auch bei den Besuchern auf überwiegend positive Resonanz zu stoßen.

Nach drei Jahren Unterbrechung feiert auch das vom Verein mog61 organisierte Fest in der Mittenwalder Straße eine Neuauflage. Es soll am 2. September stattfinden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2023.