Die Invasion der Fahrradfahrer

Beim Kampf um den Straßenraum bleiben Fußgänger zunehmend auf der Strecke

Was Fußgänger nervt: Zu wenig Platz! Links der Fahrradweg, rechts die Tische des Restaurants. Und auch noch Gegenverkehr! / Radfahrer haben auf Fußwegen nichts verloren. Mit Ausnahme von Kindern, evtl. in Begleitung von Erwachsenen. Fotos: ksk

Dass die Corona-Pandemie nicht mehr so ernst genommen wurde und die Menschen sich wieder auf die Straße trauten, erkannte man auch an den vielen Fahrradfahrern auf den Trottoirs. Aus Angst vor Viren in der U-Bahn holten offenbar viele ihr kaum genutztes Rad aus dem Keller, und weil sie wenig Erfahrung im Straßenverkehr hatten, fluteten sie damit erst einmal die Bürgersteige.

Nur ein aktueller Akzent in dem sich seit Jahren zuspitzenden Kampf um den Straßenraum. Dieser Raum ist begrenzt, miteinander konkurrierende Nutzer gibt es bekanntlich viele. Üblicherweise stehen dabei Auto und Fahrrad im Vordergrund. Mit Recht: 2018 starben in Berlin bei Unfällen elf Radler, 2019 sechs, im laufenden Jahr bisher neun.

Bei dem Streit geht es aber nicht nur um Sicherheit und eine optimale Verteilung der Verkehrsfläche. Weil es einerseits Ressourcen verbraucht und andererseits Schadstoffe produziert, gilt das Auto grundsätzlich als obsolet und das alternative Fahrrad oft als Allheilmittel. Dabei wird übersehen, dass es auch zwischen Fahrradfahrern und Fußgängern massive Konflikte gibt. Fußgänger sind die mit Abstand schwächsten Verkehrsteilnehmer und bleiben in der Regel – ob nun mit oder ohne Rollator, mit oder ohne Kinderwagen und Einkaufstaschen – außen vor.

Ihre Hauptbedrohung ist ebenfalls das Auto. 2018 starben in Berlin 19 Fußgänger auf der Straße, 2019 sogar 24. Wenn hingegen Fußgänger und Radler aneinandergeraten, geht es meistens eher glimpflich ab. Aber während der Fußgänger weiß, wo er mit Autos zu rechnen hat und wie er sich schützen kann, trifft ihn die Invasion der Fahrradfahrer unvorbereitet und überall. Auch der Bürgersteig, wo er sich bisher sicher fühlen konnte, wird zu einem Ort der Gefahr. Damit wird der Fußgänger im öffentlichen Raum heimatlos.

An keinem Ort sind Fußgänger wirklich sicher

Wie stark der Fahrradverkehr Fußgänger beeinträchtigt, hat Kiez und Kneipe an der Kreuzung Blücherstraße / Zossener Straße untersucht. Eigentlich eine recht normale Kreuzung – mit Ausnahme des Rad-/Fußwegs zur Gedenkbibliothek, der an der Nordwest-Ecke abzweigt. Im Sommer 2017 wurde der nordöstliche Quadrant fahrradgerecht umgebaut: Von der Blücherstraße rechts abbiegende Radler werden nun vorher ausgefädelt und erhielten eine Abbiegespur ohne Ampelstopp auf dem Bürgersteig. Linksabbieger auf der Zossener Straße bekamen ebenfalls eine eigene Spur.

Die Kreuzung Blücherstraße / Zossener Straße: rechts oben die Heilig-Kreuz-Kirche; links oben geht es zur AGB. Grau sind für Fahrradfahrer reservierte Flächen markiert; die roten Pfeile bezeichnen ergänzend ihre tatsächlichen Wege. Viele davon verlaufen auf dem Gehsteig, auf Fußgängerfurten oder in der eigentlich verbotenen Gegenrichtung. Skizze: ksk

Die Verkehrsführung wirkt kompliziert und erinnert insgesamt an ein kreuzungsfreies Autobahnkleeblatt. Damit würden »Nutzungskonflikte zwischen dem motorisierten und dem Fahrradverkehr reduziert«, sagte Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) bei der Eröffnung stolz. Über Konflikte mit Fußgängern sprach er nicht – diese werden durch den Abbieger auf dem Trottoir erst geschaffen.

Die KuK hat den Verkehr an einem Wochentag um 17 Uhr dokumentiert. Es zeigte sich:

•  Viele Radfahrer lieben den Bürgersteig. Selbst in Ost-West-Richtung wird oft der geschwungene Rechtsabbieger auf dem Trottoir benutzt, um dann direkt vor der Heilig-Kreuz-Kirche die Zossener Straße via Fußgängerfurt zu überqueren.

•  Alle Radwege sind Einbahnstraßen. Tatsächlich spielt das keine große Rolle, Geisterfahrer sind angesagt. Wenn es auf dem Radweg zu voll wird, dann eben auf dem Bürgersteig.

•  Linksabbieger nehmen fast immer die für Radfahrer verbotenen Fußgängerfurten; die neue Abbiegespur auf der Zossener Straße wurde nicht benutzt.

Resümee: Egal was die Markierungen sagen mögen, auf dieser Kreuzung ist ein Fußgänger an keinem einzigen Ort wirklich sicher. Aus allen Richtungen wird er von in der Regel deutlich schnelleren Radlern bedroht. Ganz heikel ist die Situation vor der Heilig-Kreuz-Kirche. Die Abbiegespur, ohne Warnschilder oder Zebrastreifen, macht diesen Raum praktisch tot. Hier herrscht für unaufmerksame Flaneure tatsächlich Lebensgefahr.

Soweit erste Ergebnisse der improvisierten KuK-Dokumentation.

Ein „Vertiefungsplan Fußverkehr“ soll es jetzt besser machen

Immerhin wurde auf Antrag der Grünen kürzlich beschlossen, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einen »Vertiefungsplan Fußverkehr« auf­stellen soll. Von massiven Konflikten mit Fahrradfahrern ist dort aber keine Rede. Verbesserungen für Fußgänger sollen offenbar weitgehend zu Lasten des Autoverkehrs erfolgen.

Viele Forderungen (mehr Kontrollen von Falschparkern, optimierte Ampelphasen, Absenkung von Bordsteinen etc.) sind zu begrüßen, werden an der Situation auf den Bürgersteigen aber nichts ändern. Andere Vorschläge sind ohnehin nur kosmetischer Natur. Man möge zur besseren Orientierung der Fußgänger, heißt es zum Beispiel, doch bitte auf Straßenschildern künftig wieder die Nummerierung der Häuser bis zur nächsten Querstraße anzeigen.

 

Was Fußgänger nervt: Hindernisse auf dem Trottoir. Ganz besonders verhasst sind versiffte Sofagarnituren, Leihfahrräder und Elektro-Roller. / Grün für die Fußgänger, rot für die Radlerin. Trotzdem glaubt sie offenbar, dass sie Vorfahrt hat. Fotos: ksk

An den Rand gedrängt

Roland Stimpel Foto: Silke Reents

Roland Stimpel ist Vorstand des Fachverbandes Fuss e.V. Mit ihm sprach Klaus Stark.

KuK: Warum brauchen Fußgänger einen eigenen Verband?

Stimpel: Fußgänger werden seit hundert Jahren an den Rand gedrängt. Das Auto steht im Mittelpunkt. Schnell geht vor langsam. Das muss sich ändern.

Berlin besitzt seit 2012 eine Fußverkehrsstrategie. Wird die Situation langsam besser?

In der Theorie schon. Aber in der Praxis ist nicht viel geschehen. Das hängt auch mit der Berliner Bürokratie zusammen. Sie brauchen drei Jahre und 18 Verwaltungsschritte, nur um einen einzigen Zebrastreifen einzurichten. Insgesamt gibt es ein großes Vollzugsdefizit.

Betrachten Sie neben Autos auch Radfahrer als Gefahr?

Wir sehen die vielen Fahrradfahrer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Keine Frage: Jedes Fahrrad ist besser als jedes Auto. Aber es ist auch heikel, dass das Rad in Räume eindringt, die vom Auto bisher verschont wurden.

Wie kriegt man die Gehwegradler in den Griff?

Mit Zuckerbrot und Peitsche. Man muss ihnen klarmachen, dass ihr Verhalten auf Kosten der noch Schwächeren geht. Aber was verboten ist, sollte auch härter bestraft werden. In Paris zahlen Sie dafür 135 Euro, das spricht sich herum und auf den Boulevards können Sie recht frei flanieren.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Innerorts sollte generell Tempo 30 gelten. Das ist der Schlüssel für ganz viel mehr Sicherheit. Dann sollte man die Bürgersteige wirklich freihalten zum Gehen und für die menschliche Kommunikation, Breite mindestens 2,50 Meter. Drittens sollten Gehwege an Kreuzungen ihr Niveau beibehalten, Autos also über eine Schwelle müssen. Schließlich ist Gehen nach wie vor das zentrale und wichtigste Mittel der Fortbewegung.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Endlich mit Aufzug

U-Bahnhof Gneisenaustraße wird barrierefrei und bekommt einen dritten Eingang

Noch nicht das Dach über dem geplanten Aufzug, aber der erste Schritt dazu: Arbeiten am Ost-Eingang. Foto: ksk

Ein oranger Bauwagen ist zu sehen, ein Container-Standplatz, kürzlich wurde sogar ein mächtiger Wetterschutz aufgerichtet. Am östlichen Eingang des U-Bahnhofs Gnei­se­nau­stra­ße wird seit Wochen gebaut. Die KuK hat bei der BVG nachgefragt: Derzeit wird die bisherige Treppe abgerissen, ein neuer Treppenlauf betoniert und außerdem noch ein schönes, neues Bahnhofsschild aufgestellt, ein sogenannter Gre­nan­der­bo­gen. Das alles dauert bis zum zweiten Quartal 2021 – solange ist der Eingang an der Mittenwalder also zu.

Das ist aber erst der Anfang, denn dann beginnen die »Grund­instandsetzung« und der barrierefreie Ausbau, die noch einmal zwei Jahre dauern und insgesamt 15 Millionen Euro verschlingen. Dabei bekommt der U-Bahnhof auf dem Mittelstreifen zwi­schen den beiden bisherigen Zugängen einen dritten, komplett neuen Ausgang mit Treppenanlage und Aufzug. So sehen es die Pläne vor, für die derzeit die Genehmigung läuft.

Laut Verkehrssenato­rin Regine Günther sollte das Berliner U-Bahn-Netz ursprünglich bereits 2020 komplett barrierefrei sein. Vom Gesetz ist der 1. Januar 2022 als Termin für barrierefreie Zugänge vorgeschrieben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Könnte es bitte eine Scharlach-Kastanie sein?

Der Bezirk bekommt im Herbst 155 neue Bäume – wenn die Bürger kräftig in die Tasche greifen

Straßenbaum … Foto: ksk

In der Großstadt gibt es drei Arten von Bäumen. Die Straßenbäume: Platanen, Linden, die im Sommer süßlich duften, Baumhaseln, über die sich Eichhörnchen freuen. Und natürlich Kastanien. Wenn ihre Früchte im Herbst auf die Autodächer prasseln, klingt es wie Gewehrschüsse und überall heulen die Alarmanlagen auf.

Dann gibt es die Straßenbäumchen, Chinesische Wildbirne etwa. Im Frühjahr blüht sie ein bisschen rot, ab und zu werden Äste dürr und wenn ein etwas heftigeres Lüftchen weht, fällt so ein Bäumchen schon mal mit einem leisen Seufzer um.

… und Straßenbaum-Attrappe. Foto: ksk

In der Mittenwalder Straße ist das vor ein paar Jahren passiert, da konnte man dann sehen, wie flach der Wurzelballen eigentlich ist. Ohnehin fragt man sich, wie sie in ihrer Mini-Baumscheibe überhaupt leben können. Außerdem existieren noch Straßenbaum-Attrappen in hässlichen Pflanzkübeln. Die sind häufig dürr und könnten genauso aus Plastik sein.

Jedes Jahr müssen Bäume gefällt werden. Allein in Friedrichshain-Kreuzberg sind es in diesem Jahr 622 Stück – aber da zählen auch die Anlagenbäume mit. Zum Ausgleich sollen immerhin 155 neue Bäume gepflanzt werden. Aber so wenig der Bezirk im Sommer Wasser zum Gießen hat, so wenig Geld hat die Senatsverwaltung für Umwelt für die neuen Bäume. Von den 2000 Euro, die ein Bäumchen in den ersten zwei Jahren kostet, sollen deshalb Anwohner 500 Euro übernehmen.

Entlang der Mittenwalder Straße werden noch für die Hausnummern 34, 37, 39, 41, 47, 49 und 50 Baumpaten gesucht, für den schönen Platz vor dem »Zweiten Büro« an der Fürbringer / Zossener wurden offenbar schon Spender gefunden. Aber bitte, könnte es statt der vorgesehenen Wildbirne vielleicht eine gegen Miniermotten resistente Scharlach-Kastanie sein?

Hier kann man die Kampagne verfolgen; hier ist die Liste der Bäume und hier wird jeder einzelne Baum aufgeführt. Nur dass viele der dort eingezeichneten Schwengelpumpen leider gar nicht funktionieren.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Bis zu 500 Millionen Euro

Entwürfe für neue Bibliothek am Blücherplatz vorgestellt

Wer im Kiez um die Mittenwalder Straße wohnt, hat das große Glück, dass es bis zur Amerika-Gedenkbibliothek nur ein paar Schritte sind. Hingegen nervt der lange Anmarsch zur Stadtbibliothek in der Breiten Straße. Doch das wird sich ändern – zwar nicht sofort, aber vielleicht in 15 oder 20 Jahren.

Dann werden die beiden bisher getrennten Standorte der Zentral- und Landesbibliothek am Blücherplatz zusammengelegt. Nun ist auch klar, wie das ungefähr aussehen soll: Mitte Januar wurden die Ergebnisse einer Machbarkeitsstu-die präsentiert.

Der Neubau mit einer Nutzfläche von 38.000 Quadratmetern soll spätestens 2026 beginnen und darf bis zu 500 Millionen Euro kosten. Nur zur Erinnerung: Als Ex-Regierender Klaus Wowereit am Rande des Tempelhofer Feldes 270 Millionen Euro ausgeben wollte, war er bald darauf seinen Job los.

Konkret sind derzeit drei Varianten im Gespräch, zwischen denen ein Architekturwettbewerb entscheiden soll. Geplant sind monumentale Baukörper von bis zu 50 Metern Höhe, neben denen die Heilig-Kreuz-Kirche eher wie ein Spielzeug aussieht:

  • Variante 1: zwei Gebäude rechts und links der bisherigen AGB
  • Variante 2: ein einziger riesiger Würfelbau
  • Variante 3: ein u-förmiger Riegel an der Ostseite des Platzes

Zusätzlich soll die Blücherstraße zwischen Mehringdamm und Zossener Straße für den Autoverkehr gesperrt werden und es könnte auch eine Straßenbahnverbindung zum Potsdamer Platz geschaffen werden. Der kleine Park am Waterloo-Ufer mit den hohen Bäumen wird in der gegenwärtigen Form nicht überleben. Auch ist unklar, ob im Zusammenspiel mit den von einer Mauer umgebenen Friedhöfen so etwas wie eine einheitliche Grünfläche entsteht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Geheimnisvoll schimmert das magische Auge

Klaus Stark unternimmt mit dem Kreuzberger Rundfunk- und Fernsehtechnikermeister Horst Dieter Schmahl eine Reise in die Vergangenheit

Horst Dieter und Karin Schmahl. Im Hintergrund drei der berühmten „Philettas“ von Philips; in der Hand von Frau Schmahl ein kleines Philips-Transistorradio aus den 60er Jahren. Foto: ksk

Gleich vorne am Eingang sind die Prunkstücke versammelt. Ein wunderbarer Saba Freudenstadt 8 von 1956/58 – damals fast unerschwinglich. Das edle Gehäuse in dunklem Nussbaum, die handgemachten Tasten erinnern eher an eine Klaviatur, der Lautsprecherstoff ist mit Seidenfäden durchsetzt. Das Modell von Philips direkt daneben besitzt sogar drei Klangregler für Jazz, Orchester und Sprache – je nachdem, welche Taste gedrückt wird, leuchten die entsprechenden hübschen Symbole auf.

Aber die alten Röhrenradios sind nicht nur optisch, sondern auch technisch beeindruckend. Wenn Horst Dieter Schmahl auf den Einschaltknopf drückt, dauert es erst eine Weile. Gemächlich knacken die Röhren – aber dann wird das runde magische Auge über der Skala plötzlich lebendig und fängt in geheimnisvollen Grüntönen zu schimmern an. Aus den Lautsprechern prasseln und pfeifen die Störgeräusche der Mittelwelle.

Auf 750 Kilohertz nahm 1923 unweit des Potsdamer Platzes der erste deutsche Rundfunksender seinen Betrieb auf. Heute sind die meisten Frequenzen tot. Beromünster aus der Schweiz abgeschaltet, Limoges und Nancy aus Frankreich verschwunden, Radio Luxemburg nicht mehr da. In Deutschland schweigen alle öffentlich-rechtlichen Mittelwellensender seit Ende 2015. Aus Kostengründen, wie es hieß. Die Digitalisierung macht keine Gefangenen. »UKW bleibt uns ja hoffentlich bis 2028 erhalten«, sagt Schmahl. »Gegen den Willen der Regierung.«

Viel mehr als nur ein normales Geschäft

Horst Dieter Schmahl und seine Frau Karin betreiben in der Zossener Straße 2 einen Laden namens »Radio-Art«. Zunächst denkt man wenigstens, es sei ein ganz normales Geschäft. Aber nach einer Weile stellt sich heraus, dass es eher ein Museum ist und vielleicht sogar noch viel mehr, nämlich eine Art Terminal für Reisen in die Vergangenheit.

Magisches Auge und Skala eines Imperial 60WK der Stassfurter LIcht- und Kraftwerke AG von 1939/40 mit vielen längst nicht mehr existierenden Sendern. Foto: ksk

Schmahl ist Rundfunk- und Fernsehtechnikermeister. Seine ersten beiden Läden hatte er in Neukölln, in der Sonnenallee. In dem einen verkaufte Ehefrau Karin Schallplatten, in dem anderen befand sich die

Werkstatt mit drei Mitarbeitern. »Aber nach der Wende war der Handel für so ein kleines Geschäft nicht mehr möglich. Große Firmen kamen hierher.« Allerdings wollten immer mehr Kunden alte Geräte repariert bekommen. Der Fachmann witterte eine Nische im zunehmend von Billigprodukten überfluteten Markt.

Im Jahr 1996 hat er in Kreuzberg neu angefangen: »Seitdem läuft das, kann man sagen.« Zuerst verkaufte Schmahl vor allem Röhrenradios oder Fernseher in alten, vom Kunsttischler restaurierten Gehäusen. Inzwischen geht es meistens um Reparaturen. Häufig bringen Kunden Erbstücke vorbei, die der Meister in stundenlanger Kleinarbeit wieder zum Klingen bringt. Besitzen die alten Röhrenradios einen Plattenspieler-Ausgang, kann man daran sogar einen CD-Player oder ein iPhone anschließen.

Die restaurierten Schmuckstücke wandern in alle Welt. Ein Telefunken-Gerät von 1950 landete in Japan, eine Gruppe aus Mexiko erstand einen Volksempfänger und auch nach New York war schon ein 20 Kilo schweres Paket unterwegs. Requisiteure von Film und Theater schauen ebenfalls vorbei.

Statussymbole der Väter, Großväter, Urgroßväter

Ein ausgesprochenes Prunkstück für jedes Wirtschaftswunder-Wohnzimmer: Saba Freudenstadt 8, 1956-58. Foto: ksk

Der Rundfunktechniker lobt die hohe Qualität der oft sehr aufwändig gebauten Geräte: »Der Klang der Röhre in einem Holzgehäuse hat für das Ohr genau die gleiche Hörfrequenz wie die menschliche Stimme.« Mit der sich in den 70er Jahren durchsetzenden Transistortechnik kann er wenig anfangen. Noch weniger mit der digitalen CD: »Das ist wie ein Essen aus einer Chrom-Edelstahlküche: Es fehlt das Verbrannte!«

An der Wand hängen Werbeplakate aus den 50er Jahren, auf dem Plattenteller liegen Scheiben von Tommy Dorsey und Howard Carpendale. Um sie herum die Statussymbole der Väter, Großväter, Urgroßväter aus der Wirtschaftswunderzeit, die hier ein Zuhause gefunden haben – damals genauso geliebt, begehrt und vielleicht sogar mit mehr Hingabe und Sachverstand angefertigt als die heutigen Tablets und Smartphones.

Und plötzlich wird die Geschichte lebendig: Aus diesem Volksempfänger tönte wohl einmal die sich überschlagende Stimme von Joseph Goebbels. Aus jenem Telefunken-Radio im Kalten Krieg live die Botschaft von John F. Kennedy: »Ich bin ein Berliner!«

Natürlich werden auch persönliche Erinnerungen wach. An die goldene Philetta, die in den 60er Jahren erstmals die »Schlager der Woche« mit Beatles und Rolling Stones ins Kinderzimmer brachte. Und an den Grundig Satellit-Weltempfänger im Elternschlafzimmer mit der geheimnisvoll leuchtenden Kurzwellenskala, Radio Schweden, Radio Peking und Radio Canada International. Aber das war dann schon eine ganz andere, neue Zeit.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Unglaublicher Zauber

»Just Juggling« zieht aus dem Hinterhof vor an die Straße

Jongleur Alan Blim hebt nur gerade ein wenig die Schwerkraft auf. Foto: ksk

Rot, gelb, orange, grün, blau. Die hübschen Bälle in den Regalen leuchten in grellen Farben und liegen gut in der Hand. »Hirse und Leinsamen«, sagt der Jongleur fachmännisch. Ein Modell mit dem Namen »Spot« schätzt er besonders. »Das ist ein bisschen fest, das schafft Klarheit, und ein bisschen weich für das Spielerische.«

Wer Alan Blim in seinem Laden »Just Juggling« im Hinterhof an der Zossener Straße trifft, merkt sofort, dass er es mit einem besonderen Menschen zu tun hat. Beim Sprechen nimmt er die Bälle fast zärtlich in die Hand. Der kann aber gut jonglieren, denkt man zuerst. Dann entsteht ein ganzes Planetensystem und plötzlich begreift man: Dieser Mann hebt gerade die Schwerkraft auf!

Alan ist in Kenia geboren, hat die Jugend in England verbracht, erst das Klavierspielen, dann das Klettern entdeckt und mit 17 zu jonglieren begonnen. »Ein klassisches Gauklerleben«, resümiert der 54-Jährige. 1996 hat er in Berlin Fuß gefasst. Dort hob er die legendären Jonglier-Katakomben in der Monumentenstraße aus der Taufe. Ein Mekka für Artisten aus aller Welt, aber eben auch ein finanzielles Desaster.

Also eröffnete Blim »Just Juggling« und wieder schuf er einen zentralen Treffpunkt für die Szene. Zweieinhalb Jahre lang hatte er außerdem den Spielzeugladen in der Marheineke-Markthalle. Den musste er zum Jahreswechsel schließen und auch »Just Juggling« wurde ihm gekündigt. Glücklicherweise bekam er noch am gleichen Tag den früheren Friseurladen neben dem »Orientesspress«. Dort will Blim im Februar neu eröffnen – mit Jonglierbedarf, Spielzeug und auch ein paar Schreibwaren.

Was ist am Jonglieren so toll? »Du verlierst das Zeitgefühl. Es befestigt den Charakter, weil man ständig Zwischenziele hat. Jongleure stehen oft stark im Leben. Und es entfaltet einen unglaublichen Zau ber.« Alan erzählt noch die Geschichte von den zwei feindlichen Armeen, die sich im alten China gegenüberlagen. Ein Mann trat vor, begann mit zehn Bällen zu jonglieren – und der Gegner floh.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Mehr Kameras, weniger Müll

Karneval der Kulturen setzt auf Nachhaltigkeit – und verschärft sein Sicherheitskonzept

Umzugshelferin in Dienstkleidung. Foto: rsp

Bereits zum 24. Mal findet am Pfingstwochenende der Karneval der Kulturen statt. Neben dem Straßenfest rund um den Blücherplatz lockt vor allem der Umzug am Sonntag jedes Jahr unzählige Besucher in den Kiez – 2018 waren es zusammen eine knappe Million Menschen.

Wie schon im letzten Jahr geht der Umzug wieder in der noch etwas ungewohnten Richtung von der Yorckstraße über Gneisenaustraße und Hasenheide bis zum Hermannplatz. 74 Gruppen mit gut 4.400 Beteiligten ziehen über die Strecke. Neu ist, dass rund ein Drittel der Gruppen ohne motorbetriebenen Wagen auskommt. Stattdessen kommen Lastenräder, Rikscha und geschobene Plattformen zum Einsatz. 

Überhaupt solle der Karneval nachhaltiger werden, erklärte Leiterin Nadja Mau bei der Pressekonferenz zwei Wochen vor dem Event und hob unter anderem das ausgeklügelte Mehrwegsystem des Straßenfests hervor. Die Berliner Wasserbetriebe, die die Akteure des Umzugs seit 16 Jahren mit Trinkwasser versorgen, verzichten zudem komplett auf Einweg-Plastikbecher. Für den trotzdem allenthalben anfallenden Müll stehen drei Mal soviele Behälter bereit wie noch im Vorjahr.

Nachhaltigkeit und Achtsamkeit finden sich auch im Programm wieder: Bei zahlreichen Gruppen des Umzugs stehen explizit Themen wie Umweltschutz, Müllvermeidung und Artenvielfalt im Vordergrund. Mit »Shanti Town« wird mitten auf dem Festgelände ein Aktionscamp gegen Rassismus und Krieg, für Vielfalt, Nachhaltigkeit und Verantwortung errichtet. Unter anderem gibt es dort Filmprojektionen, Workshops und Mitmach-Aktionen.

Weniger Müll und überhaupt mehr Nachhaltigkeit ist eines der Ziele des Karnevals der Kulturen. Foto: rsp

Die kulturelle Vielfalt, für die der Karneval steht, schlägt sich wie immer auch im Musikangebot nieder. Neben den drei großen Bühnen »Latinauta« (Gitchiner Straße; Latin Grooves), »Black Atlantica« (vor der Heilig-Kreuz-Kirche; afrikanische Musik) und »East2West« (AGB; u.a. Reggae, Ska, Balkan Beats) gibt es zehn kleinere »Music Corners«, die übers ganze Festgelände verteilt sind.

»Eine neue Kultur des Miteinanders auf Großveranstaltungen« wollen die Veranstalter des Karnevals der Kulturen etablieren, und dazu gehöre es auch, alle Beteiligten für die Bedürfnisse der Anwohner zu sensibilisieren – etwa durch eine Reduktion der Zeit für den Soundcheck im Aufstellungsbereich des Umzugs.

Zudem sind die Gruppen angehalten, unsoziales Verhalten in der Umgebung ihres Wagens zu identifizieren und anzusprechen. Angespannte Situationen sollen mit angepasster Musik beruhigt werden.

Zur Entspannung der Sicherheitslage soll eine punktuelle Videoüberwachung entlang der Strecke und auf dem Straßenfest beitragen. Damit sollen Besucherströme beobachtet und gegebenenfalls gelenkt werden. Am Tag des Umzugs sind Nostitz‑, Solms‑, Zossener und Mittenwalder Straße zwischen Gneisenau- und Baruther bzw. Fürbringerstraße auch für Fußgänger komplett gesperrt, Mehringdamm und Schleiermacherstraße funktionieren als Einbahnstraße (siehe Plan). Anwohner sollten deshalb unbedingt einen Ausweis oder ein ähnliches Dokument dabei haben, wenn sie vorhaben, vor Ende des Umzugs nach Hause zu kommen. In den genannten Straßen wird es auch ein flächendeckendes Parkverbot geben.

Quo vadis, Karnevalsbesucher? Am Pfingstsonntag sind zahlreiche Straßen komplett gesperrt, auch für Fußgänger. Grafik: KdK

Ob speziell die Straßensperrungen bei den unmittelbaren Anwohnern für eine höhere Akzeptanz sorgen, erscheint fraglich. Immerhin dürfte die Zahl der Wild- und Hauseingangspinkler in den gesperrten Straßen rückläufig sein. 

Die Fürbringerstraße fungiert als eine Art »Rückstaubereich« – für ortsfremde Besucher vermutlich verwirrend, da es von dort keinen Zugang zum Umzug und keinen direkten Rückweg zum Fest gibt. Von außerhalb des Festes kommt man nur via Baruther oder Schleiermachenstraße in die Fürbringerstraße.

Wer doch in diesen Bereich findet – oder nicht mehr heraus –, ist jedenfalls herzlich willkommen vor den Redaktionsräumen der Kiez und Kneipe (Fürbringerstraße 6), wo wie immer der Bierzelttisch aufgestellt ist und Caipirinha bereitsteht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2019.

Er hat sogar Atatürks Flügel repariert

Seit mehr als 40 Jahren sorgt Kadir Albay für die richtige Stimmung von Tasteninstrumenten

Klavierbaumeister Kadir Albay kümmert sich darum, dass auch dieses Klavier wieder hundert Jahre hält. Foto: ksk

Gleich am Eingang steht ein wunderschönes schwarzes Klavier der Firma Weissbrod aus dem Jahr 1937. »Die Hammerköpfe aus Filz, die Dämpfung, das alles musste komplett erneuert werden«, sagt Kadir Albay, »zu Weihnachten geht es nach Istanbul.« Und er ergänzt: »In den 1930er Jahren wurden die besten Instrumente gebaut.« Die weißen Tasten waren damals noch aus Elfenbein, nicht wie heute aus Kunststoff, die Oberfläche der Flügel aus Schellack und nicht aus Polyester.

Der 79-Jährige führt zusammen mit seinem Sohn Hakan ein Pianohaus in der Zossener Straße 8, kauft und verkauft gebrauchte Klaviere oder Flügel, bringt sie wieder in Ordnung und kümmert sich auch um die richtige Stimmung. In Istanbul hatte er bei einem bekannten Klavierbauer gelernt, der gab ihm den Rat, nach Deutschland zu gehen. Albay arbeitete bei Bechstein und anderen berühmten Firmen. Im Jahr 1977 machte er sich selbstständig, erst mit einem Laden an der Ecke Zossener / Fürbringerstraße, die Monatsmiete lag damals bei 120 Mark, wie er sich erinnert. Dann fünf Jahre lang in den Räumen der heutigen KuK-Redaktion und seit 1993 dort, wo das Geschäft heute ist. »Das ist schon wieder 25 Jahre her«, seufzt er. »Meine Güte, wie die Zeit vergeht!«

Im Keller findet man eine von Kollegen aus ganz Berlin benutzte Spinnmaschine für die Bass-Saiten, im Geschäft Instrumente aller großen Marken. Ein gebrauchter Flügel kostet heutzutage zwischen 3.000 und 30.000 Euro, ein Klavier zwischen 1.200 und 7.000 Euro. Wenn so ein gutes Instrument einmal gründlich überholt wurde, meint Albay, »kann man noch hundert Jahre darauf spielen«.

Der Klavierbaumeister hat viel erlebt und kann viel erzählen. Zum Beispiel die Geschichte des Bechstein-Flügels von Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei. Der war 1932 angeschafft worden, wurde 70 Jahre lang weder gestimmt noch reguliert und musste 2004 für ein Konzert vor dem russischen Präsidenten Wladimir Putin dringend generalüberholt werden. Albay flog dafür extra nach Ankara und war acht Tage beschäftigt. »Das hab’ ich natürlich umsonst gemacht«, sagt er. »Ich hab’ keinen Cent genommen, es war eine Ehre für mich.«

pianoservicealbay.de

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2019.

Auf der Suche nach seltenen Vögeln

Klaus Stark plaudert mit Wolfgang Sobeck über Analog- und Digitalfotografie

Wolfgang Sobeck Foto: ksk

Es ist nicht so einfach, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, den man nur vom Sehen kennt. Ich sitze am Ladentisch von »Foto Objektiv«, Ecke Zossener / Gneisenaustraße, gucke mich im Geschäft um, und Inhaber Wolfgang Sobeck erzählt erst ein bisschen von seinem Hobby. Er fotografiert gerne Tiere. Hier in Berlin sind es vor allem Vögel: Habicht, Roter und Schwarzer Milan, Graureiher, Silberreiher.

Und Eisvögel natürlich. Am Schloss Charlottenburg und an der Spandauer Zitadelle, da sitzen sie mit ihrem wunderschönen blauen Gefieder oft über dem Fluss und fischen. »Wenn man in die Natur geht, öffnet sich ein Fenster«, sagt Herr Sobeck. »Für einen Moment bekommt man einen Einblick. Dann ist es wieder zu.« Zusammen mit seiner Frau ist er auch im Kranichschutz aktiv. Wenn im Herbst in Linum bis zu 75.000 Kraniche stehen, schaut er ihnen gerne beim Tanzen zu.

Zwischendrin betreten immer wieder Kunden den Laden. Ein Paar studiert eine gebrauchte Hasselblad, die im Schaukasten liegt, und will morgen wiederkommen. Das Geschäft hat der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann seit 1981, ursprünglich befand es sich auf der anderen Straßenseite. Er erinnert sich noch genau, wie die Zossener zwischen Gneisenau- und Bergmannstraße damals aussah: Es gab drei Buchläden, einen Friseur alten Stils für die alten Damen mit Wasser- und Dauerwelle, eine Hutmacherei. »Heute ist das ja eine Fressmeile«, klagt er. »Und in der Bergmannstraße dasselbe.

«Wenn er seltene Vögel fotografiert, geht er selbst mit einer digitalen Sony A 99 auf Pirsch. Das lässt sich nicht anders machen, weil von 20 Bildern höchstens eins etwas wird. Ansonsten aber ist »Foto Objektiv« ein Hort der Analogfotografie. Natürlich verkauft der gebürtige Hesse auch Speicherkarten, USB-Sticks, gebrauchte Digitalkameras und Ferngläser, aber der Schwerpunkt liegt auf Negativ- und Diafilmen, Sofortbildkameras, Stativen und Fotoarbeiten: Der Kunde bringt einen belichteten Film vorbei und kann später die Abzüge abholen. Außerdem gibt es Fotoalben und Fotoecken. Fotoecken? Als ich stutze, lächelt der Ladenbesitzer: »Sehen Sie, das kennen Sie schon gar nicht mehr.«

Überwiegend verkauft er mittlerweile an Touristen. »Das Bildergeschäft ist komplett eingebrochen. Das wird dazu führen, dass die Leute irgendwann keine Erinnerung mehr haben. Die Festplatte ist abgestürzt, das Smartphone weggeworfen, auch CDs halten nicht ewig – und Bilder gibt es nicht mehr.« Herr Sobeck hält gar nichts von der blinden digitalen Knipserei. »Die Leute machen tausend Fotos, gelöscht wird nichts, dann finden sie sich im Datenmüll nicht mehr zurecht. Und wie banal! Guck mal, was ich mache! Guck mal, was ich esse! Was für ein Blödsinn! Wen interes-siert das im Netz?

«Er trauert den alten Zeiten hinterher, als Fotos noch nicht die Datenspeicher und sozialen Medien überschwemmten. Es kostete jedesmal Geld, auf den Auslöser zu drücken: »Da überlegt man sich, was, wie und ob man fotografiert.« Die Suche nach dem perfekten Bild, nach dem richtigen Augenblick, die Vorfreude auf die Abzüge, der Aha-Effekt in der Dunkelkammer. Aber er weiß natürlich auch, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt.

Ausgerechnet in diesem Moment kommt ein Pärchen in den Laden und kauft zwei Negativfilme von Kodak, einen schwarz-weiß, einen farbig. Warum? »Weil es schöne Bilder sind«, sagt der Mann. »Ich mag das, wenn man sie erst entwickeln muss.«

Dann erzählt Wolfgang Sobeck noch ein wenig von seinen Vögeln. In Costa Rica, wo er häufig gewesen ist, hat er lange nach dem Quetzal gesucht, dem berühmten Göttervogel der alten Azteken. Ein prächtiges Tier mit gelbem Schnabel, rotem Bauch, das übrige Gefieder schimmert je nach Lichteinfall blau oder grün. Manchmal sieht man tagelang keinen einzigen, aber er hat ihn schon oft fotografiert. Die Schwanzfedern des Quetzal sind bis zu einem Meter lang. »Der ist richtig groß«, sagt Herr Sobeck und strahlt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2018.

Böse Falle Blücherstraße

Ordnungsamt verläuft sich im Schildawald

Böse Falle: Was aus Richtung der Zossener Straße ein Radweg ist (hier: linke Spur) …

Fahrradfahrer sind in Berlin einiges gewöhnt, was blockierte Radwege, Baustellen und unverständliche Beschilderungen angeht. In der Blücherstraße, gegenüber der Heilig-Kreuz-Kirche, drohte wochenlang eine ganz böse Falle. Eine harmlose Baustelle mit Gerüst und Tunnel für Radweg (links) und Gehweg (rechts). In der Gegenrichtung, von der Mittenwalder Straße aus, waren beide Passagen jedoch als Gehweg ausgeschildert. Ahnungslose Fußgänger wurden damit geradezu dazu eingeladen, auch den straßenseitigen Tunnel zu benutzen und dort mit entgegenkommenden Radlern zu kollidieren. »Das geht überhaupt nicht«, sagt Dirk von Schneidemesser vom Netzwerk Fahrradfreundliches Friedrichshain-Kreuzberg. »Damit werden Unfälle geradezu provoziert.«

… bringt in der Gegenrichtung als Gehweg Fußgänger auf Kollisionskurs. Fotos: ksk

Gefahr im Verzug? Radweg? Fußweg? Eine Beschwerde beim Ordnungsamt Mitte Juni hatte keinen Erfolg. Erst eine Mail an die Verkehrslenkung Berlin – sechs Wochen später. Nun ist das falsche Schild verschwunden, beide Spuren sind durch orange Streifen getrennt, die Einfahrt in den Radfahrertunnel ist weniger holprig. Wer wäre schuld gewesen, wäre es in diesen sechs Wochen zu einem Unfall gekommen?

»Dass unser Ordnungsamt völlig überlastet ist, ist ein offenes Geheimnis«, so Sprecherin Sara Lühmann vom Bezirksamt. Bezirksstadtrat Andy Hehmke sagt, die nicht einmal 30 Beschäftigten im Außendienst seien jetzt schon »in zwei Schichten unterwegs an sieben Tagen der Woche. Sie können nicht überall sein.«

Inzwischen stehen aus Richtung Mittenwalder gar keine Schilder mehr, aus Richtung Zossener Straße dafür aber zwei Fußgänger- und ein Radfahrerschild. Keine Ahnung, was das jetzt wieder zu bedeuten hat.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2018.

Wahlkreise wurden geschrumpft

Grüne schielen in Kreuzberg auf alle Direktmandate bei der Abgeordnetenwahl

Die wichtigste Neuerung bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus betrifft die Wahlkreise. Gab es bisher drei für Friedrichshain und drei für Kreuzberg, gibt es nun mehr fünf. Den spreeübergreifenden Wahlkreis 2 teilen sich nun beide Teilbezirke und er reicht von der Stralau in Friedrichshain bis zum Kotti im Herzen Kreuzbergs. Ein kleines Stück des nördlichen Graefekiezes ist ebenfalls noch dem Wahlreis 2 zugeschlagen worden. Im Süden Kreuzbergs liegt der Wahlkreis 1, der vom Chamissoplatz bis in den Graefekiez reicht. Aus dem massiven Block ist ein fast quadratisches Stück herausgeschnitten und dem Wahlkreis 3 zugeschlagen worden. Es wird von Gneisenau-, Zossener, Baerwald- und Johanniterstraße begrenzt.

In Friedridrichshain-Kreuzberg treten SPD, CDU, FDP, ÖPD, Bergpartei und die Violetten mit Bezirkslisten an, alle anderen Parteien gehen mit Landeslisten ins Rennen. Favorit sind, wie bereits bei den letzten Wahlen, die Grünen. Sie eroberten vor fünf Jahren fünf von sechs Wahlkreisen.

Grüne

Die Direktkandidaten der Grünen: Katrin Schmidberger (WK1), Marianne Burkert-Eulitz (WK2) und Dr. Turgut Altug (WK3).

Fotos: Grüne / Erik MarquardDie Direktkandidaten der Grünen: Katrin Schmidberger (WK1), Marianne
Burkert-Eulitz (WK2) und Dr. Turgut
Altug (WK3). Fotos: Grüne / Erik Marquard

Der »Tagesspiegel« titelte: »Grüner wird’s wirklich nicht«. In der Tat scheint der neue Zuschnitt der Wahlkreise die Grünen nicht gerade zu benachteiligen. Es hat sich allerdings einiges getan. Mit Heidi Kosche und Dirk Behrendt, die nicht mehr antreten, verlieren die Grünen in Kreuzberg zwei echte Zugpferde. Behrendt hatte für die Grünen sogar das beste Ergebnis überhaupt eingefahren.

Trotzdem, diejenigen Kandidaten, die in Kreuzberg diekt antreten, sollten auch alle das Duell gegen die Mitbewerber gewinnen.

Dr. Turgut Altug (WK3), Katrin Schmidberger (WK1) und Marianne Burkert-Eulitz (WK2) sitzen alle bereits im Abgeordnetenhaus und würden auch gerne in der nächsten Legislatur dabei sein. Abgesichert über die Landesliste ist hier keiner. Es sollte trotzdem reichen.

SPD

Die Direktkandidaten der SPD: Börn Eggert (WK1), Sven Heinemann (WK2) und Sevim Aydin (WK3).

Fotos: SPD Berlin/Joachim GernDie Direktkandidaten der SPD: Börn Eggert (WK1), Sven Heinemann (WK2) und Sevim Aydin (WK3). Fotos: SPD Berlin/Joachim Gern

Die SPD ist in ihrer einstigen Hochburg inzwischen klar und ungefährdet die Nummer zwei. Björn Eggert kandidiert für den Wahlkreis 1 und dürfte es hier sehr schwer haben, sich gegen Katrin Schmidberger durchzusetzen, ihm bleibt die Hoffnung auf die Bezirksliste. Das gilt auch für Sevim Aydin, die im Wahlkreis 3 antritt. Sven Heinemann kandidiert im neugebildeten Wahlkreis 2.

Auch für ihn wird es nicht leicht. Immerhin hat die SPD in Friedrichshain vor vier Jahren ein Direktmandat gewonnen, dass sich Susanne Kitschun auch diesmal wieder holen möchte.

Linke

Direktkandidaten der Linken: Gaby Gottwald (WK1), Pascal Meisner (WK2) und Jiyan Durgun (WK3).

Fotos: Linke BerlinDirektkandidaten der Linken: Gaby Gottwald (WK1), Pascal Meisner (WK2) und Jiyan Durgun (WK3). Fotos: Linke Berlin

Für die Linke ist es klar, dass sie ihre Position als dritte Kraft verteidigen will, und sie stützt sich dabei natürlich auch auf ihre traditionelle Stärke in Friedrichshain. Doch auch in Kreuzberg sind die Linken längst angekommen und profitieren vor allem von zwei Dingen: Einerseits betreibt die Bundestagsabgeordnete Halina Wawzyniak ein sehr engagiertes Bürgerbüro am Mehringplatz, andererseits verfügt sie mit Knut Mildner-Spindler auf kommunaler Ebene über einen rührigen Bezirksstadtrat. Trotzdem wird es für das Trio um den Kreisvorsitzenden Pascal Meisner, der selbst im Wahlkreis 2 antritt, sehr schwer werden. Er und Jiyan Durgun (WK3) müssten schon direkt durchkommen. Gaby Gottwald muss auf Platz 25 der Landesliste schon auf ein sehr gutes Abschneiden der eigenen Partei hoffen, um ins Abgeordnetenhaus einzuziehen.

Piraten

Es war leider ein recht kurzes Intermezzo, das die Piraten im Preußischen Landtag gegeben haben. Immerhin sorgten sie dort für viel Unterhaltung – und mit dem Vorsitz im BER-Untersuchungsausschuss prägten sie auch die Legislatur entscheidend mit. Der bekannteste Bezirkspirat ist Fabio Reinhard, der im Wahlkreis 3 antritt.

Rest-Pirat: Fabio Reinhardt wird der Einzug ins Abgeordnetenhaus kaum wieder gelingen. Als Trostpreis winkt aber die BVV. Foto: B. StadlerRest-Pirat: Fabio Reinhardt wird der Einzug ins Abgeordnetenhaus kaum wieder gelingen. Als Trostpreis winkt aber die BVV. Foto: B. Stadler
Der Ewige Wansner Kurt Wansner wird als CDU-Minderheitenvertreter für Kreuzberg wohl wieder ins Abgeordnetenhaus kommen. Foto: pskDer Ewige Wansner
Kurt Wansner wird als CDU-Minderheitenvertreter für Kreuzberg wohl wieder ins Abgeordnetenhaus kommen. Foto: psk

CDU

Dass die Kreuzberger Christdemokraten eher eine Splitterpartei im Bezirk darstellen, wissen sie selbst am besten. Trotzdem hat es für den ewigen Kurt Wansner über die Liste ins Abgeordnetenhaus gereicht. Er führt die Bezirksliste an, und so sollte der streitbare Handwerksmeister, der angeblich schon selbst die Kanzlerin zur Weißglut getrieben hat, seinen Platz in der letzten Bankreihe der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus verteidigen zu können.

FDP

Vielleicht sorgt ja die FDP für eine Überraschung. Landesweit kämpft sie derzeit um die Fünf-Prozent-Hürde. Sollte sie die überschreiten, dann ist ein FDP-Abgeordneter für Friedrichshain-Kreuzberg nicht wahrscheinlich, aber denkbar.

AfD

Ganz undenkbar scheint vielen im multikulturellen und weltoffenen Kreuzberg, dass ein AfD-Abgeordneter den Bezirk verteten könnte. Ausgeschlossen ist das nicht. Die Stimmen kämen dann auch nicht, wie man sich zwischen Kotti und PladeLü dann gerne einreden würde, nur aus Friedrichshain. Auch in Kreuzberg gibt es Ecken, wo man die AfD gar nicht so schrecklich findet. Wer mal ein wenig in die Luisenvorstadt zwischen Linden- und Alexandrinenstraße reinhört, wird da Erstaunliches vernehmen.

Und der Rest …

Bunt ist die Mischung wie immer bei Wahlen in Friedrichshain-Kreuzberg, wenngleich der Exoten weniger sind. Für die Bergpartei geht zum Beispiel der gelernte Grabredner Jan Theiler ins Rennen, der als Beruf Clown angibt. Zudem treten im Wahlkreis 3 auch noch zwei Einzelkandidaten an.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2016.

Kühler Karneval-Neustart

Fehlende Klos lassen Besucher verzweifeln

In nahezu letzter Minute war im vergangenen Jahr der Karneval der Kulturen vor dem Aus gerettet worden. So war 2015 die Handschrift des neuen Veranstalters noch nicht erkennbar. 2016 sollte nun den wirklichen Neuanfang markieren.

Musikalischer und grüner sollte vor allem das Straßenfest werden. Mit dem neuen Veranstalter war auch die Hoffnung verbunden, dass die Kommerzialisierung, die in den letzten Jahren auf dem Blücherplatz stetig zugenommen hatte, ein wenig eingedämmt werden würde.

Der »Grüne Bereich« beim Straßenfest gehörte zu den Neuerungen des neuen Veranstalters.

Foto: pskDer »Grüne Bereich« beim Straßenfest gehörte zu den Neuerungen des neuen Veranstalters. Foto: psk

Momentaufnahmen während und nach dem Fest lassen eher darauf schließen, dass die Neuerungen noch nicht richtig angekommen sind, oder dass sich manche Dinge sogar fundamental verschlechtert haben.

Der »Grüne Bereich« führte bei einigen Besuchern zu gewissen Irritationen. So manch einer hatte es noch nicht einmal richtig mitbekommen, dass in der neu hinzugekommenen Baruther Straße und in der Zossener bis zur Blücherstraße eigentlich der Raum für ökologische Angebote sein sollte. Dass dazu auch Fischstände und Bierwagen gehörten, fiel wiederum jenen auf, die die Grüne Meile als solche durchaus erkannt hatten.

Die hölzernen Klo­häuschen kamen zwar pittoresk daher, waren aber offensichtlich auch nicht für jeden als solche zu erkennen. Andere, denen der Sinn und Zweck klar war, gaben unumwunden zu, dass ihnen Dixie-Klos lieber seien. Da wird also noch einige Überzeugungsarbeit auf die Öko-Klobetreiber zukommen.

Doch gerade die Notdurft war ein ganz großes Thema während des Karnevals der Kulturen. Viel zu wenig öffentliche Toiletten habe es gegeben, klagten viele Besucher. Diesem Umstand ist es wohl auch geschuldet, dass die Zahl der Wild- und Baumpinkler sprunghaft angestiegen ist. Selbst die Lücke zwischen zwei parkenden Autos musste so manches Mal als kurzfristige Bedürftnisanstalt herhalten. Hauseingänge, Bäume, Sträucher, Hecken und Zäune – nichts war vor den den Urin­strah­len sicher.

Auch die »Standpolitik« am Tag des große Umzugs warf Fragen auf. So musste ein überraschter und wenig erfreuter Wirt feststellen, dass ausgerechnet unmittelbar vor seinem Biergarten ein Zelt zum Zwecke des Bierausschanks aufgestellt worden war. Früher, so meinte der Wirt, hätten die Veranstalter Rücksicht auf die angrenzende Gastronomie im Kiez genommen.

Frühes Pfingstfest verhagelt Händlern die Geschäfte

Das erweiterte Musikprogramm dagegen stieß bei vielen Gästen auf Zuspruch. Zu den vier großen Bühnen sind nun noch acht kleine Bühnen in Seitenstraßen gekommen.

Allerdings war ein Besuch auf dem Straßenfest nun auch nicht gerade ein Schnäppchen. Der Caipi-Preis, so etwas wie die Preisreferenz des Festes, ist an manchen Ständen inzwischen auf sechs Euro geklettert. Allerdings ließ sich das nicht von jedem das ganze Fest über durchhalten. Überhaupt war es an dem sehr frühen Pfingstfest viel zu kühl und zu feucht, als dass die Straßenhändler voll auf ihre Kosten gekommen wären.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2016.

Frau bei Verkehrsunfall schwer verletzt

Eine Fußgängerin erlitt bei einem Verkehrsunfall in Kreuzberg in der Nacht zu Donnerstag schwere Verletzungen. Nach den bisherigen Ermittlungen befuhr gegen halb zwei ein 53jähriger Mercedes-Fahrer die Gneisenaustraße in Richtung Mehringdamm. An der Kreuzung Gneisenau-/Zossener Straße betrat die 23jährige bei Rot die Straße und übersah den heranfahrenden Wagen. Die junge Frau wurde von dem Auto erfasst und erlitt schwere Verletzungen. Die Feuerwehr brachte sie mit Kopfverletzungen und Beinbrüchen zur stationären Behandlung in ein Krankenhaus.