Rezitieren statt Rechnen

Robert S. Jakob sah den Dokumentarfilm »Korankinder«

Als Regisseur Shaheen Dill-Riaz 1992 sein Heimatland Bangladesh verließ, gab es das noch nicht: Mit 3 Millionen Menschen findet in Dhaka jährlich das nach Mekka größte Pilgertreffen der Welt statt. Die neue islamische Religiosität zeichnet sich aber auch im alltäglichen Leben der Bevölkerung ab, in der wachsenden Anzahl der Koranschulen, der Madrasas. Sorgten diese Schulen früher für eine umfassende Bildung, so beschränkt sich das Unterrichtsangebot heute oft auf ein einziges Fach: Koranrezitation.

Schon im Grundschulalter beginnen viele Kinder in Bangladesh mit dem Auswendiglernen des Koran.

Foto: MAYALOKSchon im Grundschulalter beginnen viele Kinder in Bangladesh mit dem Auswendiglernen des Koran. Foto: MAYALOK

Dill-Riaz hat es geschafft, trotz des traditionellen Bilderverbots mit seiner Kamera Zugang zu den Madrasas zu bekommen und mit den Kindern zu sprechen, die dort leben und lernen. Fast den ganzen Tag sind sie damit beschäftigt, die insgesamt 6234 Verse des Koran auswendig zu lernen. Es sieht aus, als wären sie in Trance, wenn sie auf dem Boden sitzen, 70 Kinder in einem Raum, vor sich den Koran. Sie wippen mit dem Oberkörper vor und zurück, um den Takt der kosmischen Zeit zu halten und lesen laut die arabischen Suren, deren Inhalt sie nicht verstehen – die Landessprache in Bangladesh ist Bengali.

Wenn sie fertig sind mit ihrer Ausbildung, dürfen sie sich Hafiz nennen und können selbst als Koranlehrer arbeiten oder sich ihr Auskommen bei feierlichen Anlässen wie Hochzeiten, Todesfällen oder Einweihungen durch Koranrezitation verdienen. Damit bietet die einseitige Ausbildung gerade Kindern ärmerer Familien tatsächlich eine Chance, später ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Doch es gibt auch Madrasas, die mit einem vielfältigeren Fächerangebot aufwarten, und an denen ein staatlicher Schulabschluss erlangt werden kann. Immer muss bei allem aber auch die Geschichte bedacht werden, sind doch die reinen Koranschulen auch eine Gegenbewegung zum kolonialistisch aufoktroyierten britischen Bildungssystem.

Die Interviews mit Schülern, Lehrern und Eltern stellen die Situation in Bangladesh auf äußerst differenzierte Weise dar, auch wenn sie sie für einen religiös wie kulturell Außenstehenden niemals vollkommen erklären können.

Ab 4. Juni im Moviemento.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2009.

Tradition schleicht sich beim Karneval ein

Holzmasken zwischen Sambatrommeln und Pappmaschee-Köpfen

Alleine der große Umzug am Pfingstsonntag hatte wieder ganze Heerscharen von Zuschauern an Hasenheide, Gneisenau und Yorckststraße gelockt. Rund eine dreiviertel Million Menschen säumten die Umzugsstrecke und jubelten den 4.700 Teilnehmern mit 70 Nationalitäten in 98 Gruppen zu.

Nicht nur Ein Fest für Fotografen – der Karneval der Kulturen bot für 700.000 Zuschauer reichlich Augenschmaus.

Foto: pskNicht nur Ein Fest für Fotografen – der Karneval der Kulturen bot für 700.000 Zuschauer reichlich Augenschmaus. Foto: psk

Traditionell bildeten »Afoxé Luni« den Auftakt der Parade zum 14. Karneval der Kulturen. Die weiß und gelb gewandete Gruppe mit den weit vernehmbaren Sambatrommeln war in der Vergangenheit schon das ein oder anderer Mal als Regentänzerensemble verspottet worden. Doch diesmal trommelten sie zunächst Sonne und sehr angenehme Temperaturen herbei.

Sie führten einen bunten Zug an, in dem auch dieses Mal neue Aspekte zu entdecken waren. Leichte Einflüsse des rheinischen Karnevals waren jedenfalls erkennbar, als Pappmascheefiguren von Kanzlerin Angela Merkel, Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit und dem ehemaligen Finanzsenator Sarazin in dem Umzug auftauchen. Auch Elemente der schwäbisch-alemannischen Fasnet mit ihren handgeschnitzten Hexen- und Teufelsmasken, den Larven, setzten dem Karneval der Kulturen ungewohnte Farbtupfer auf.

Ungewöhnlich war allerdings auch, dass der Umzug kurzfristig durch eine Demo aufgehalten wurde. Mit einer Sitzblockade machten zwölf Demonstranten auf die Situtation der Roma aufmerksam, die in den letzten Tagen durch ihren Einzug ins Bethanien in die Schlagzeilen gekommen waren.

Dass es gegen Ende des Umzuges dann doch noch zu dem nachgerade traditionellen Gewitterguss kam, störte die Gäste und Teilnehmer schließlich nur wenig. Auf dem Straßenfest am Blücherplatz wurde munter weiter gefeiert. Bei rund 400 Ständen war die Auswahl auch groß.

Tags zuvor hatte sich schon die Parade des Kinderkarnevals vom Mariannenplatz zum Görlitzer Park gewälzt. Motto der Nachwuchs-Karnevalisten: »Der Eisvogel ist los.«

Vorstadtkrokodile

Robert S. Jakob hat die Neuverfilmung eines Kinderbuchklassikers gesehen

vorstadtkrokodileDie Vorstadtkrokodile verstecken sich. Foto: © 2008 Constantin Film Verleih GmbH

Um bei den Vorstadtkrokodilen, der „coolsten Jugendbande der Welt“ mitmachen zu dürfen, muss Hannes (Nick Romeo Reimann) als Mutprobe das Dach einer alten Ziegelei erklettern. Als er beim Abstieg abzustürzen droht, wird er von Kai (Fabian Halbig) gerettet, der die Szene per Fernrohr beobachtet und die Feuerwehr gerufen hat. Auch Kai wäre gerne bei den Krokodilen dabei. Einziges Problem: er ist querschnittsgelähmt, sitzt im Rollstuhl und wird als „Spasti“ verlacht, der noch nicht mal wegrennen kann, wenn’s brenzlig wird. Doch der durchaus selbständige Junge weiß etwas, das ihn für die Krokos interessant macht: Mit seinem Fernrohr hat er auch die Täter eines Einbruchs gesehen, auf deren Ergreifung eine hohe Belohnung ausgesetzt ist. Die Suche nach den Verbrechern verbindet die Kinder, doch als sich abzeichnet, dass einer der Täter der große Bruder von Krokodil Frank ist, drohen die Freundschaften auseinander zu brechen.

Regisseur Christian Ditter ist es gelungen, Max von der Grüns Kinderbuchklassiker von 1976 behutsam in die Gegenwart zu übertragen, ohne den Ruhrgebietscharme des Originals zu verlieren und vor allem ohne in eine unrealistische Pseudo-Jugendsprache zu verfallen. Zwar wurde die Bande von zehn auf acht Kinder reduziert, die meisten Namen geändert und die Biografien den heutigen Verhältnissen angepasst – so lebt etwa Hannes alleine mit seiner jungen Mutter (großartig gespielt von Nora Tschirner) – doch das, worum es geht, ist erhalten geblieben: Freundschaft, Mut und der Umgang mit Vorurteilen. Die schauspielerischen Leistungen der jugendlichen Darsteller sind beeindruckend, und die Rollen wirken realistisch. Denn anders als der Titelsong es behauptet, sind die Vorstadtkrokodile keine Superhelden, sondern ganz normale Kinder, wenngleich ziemlich coole. Nicht nur die minderjährigen Zuschauer dieses hervorragenden Familienfilms werden sich wünschen, selbst ein Krokodil zu sein. Die gesunde Mischung aus Spaß, Abenteuer und ernsten Themen bietet auch nach Ende der 98 Minuten genug Potential zum darüber Nachdenken und Reden.

Abgerundet wird der Film durch die Gastauftritte von Martin Semmelrogge (der schon zusammen mit seinem Vater Willy in der WDR-Verfilmung von 1977 mitspielte) als Minigolfplatzbesitzer und Ralf Richter als mürrischer Ruhrpottpolizist.

FSK 6, ab 26. März im Kino.

Schattentheater im F40

Theater Thikwa verzaubert mit „Umbra“

thikwa_p1150504 Foto: pi

Schatten sind irgendwie unheimlich. Man kann sie nicht fassen, sie verfolgen einen ständig, in der ganzen Welt finden sich verschiedenste Riten und Aberglauben. Und liefern damit wunderbaren Stoff für Theater. Für das Theater Thikwa inszenierten Choreographin und Tänzerin Yuko Kaseki und der Musiker und Komponist Antonis Anissegos mit acht Schauspielern des Thikwa ein zauberhaftes Gesamtkunstwerk aus Farben, Licht und Schatten, untermalt durch Stimmen, elektronische und instrumentale Klanggebilde.

Die in der Fotostrecke gezeigten Bilder können leider nur eine kleine Vorstellung dieser einzigartigen Performance vermitteln.

Bis zum kommenden Freitag gibt es noch die Gelegenheit, sich in eine faszinierende Schattentraumwelt entführen zu lassen.

Alle Infos finden sich auf www.thikwa.de

Friedenssäule verhüllt

Der Textilkünstler Jan Bejšovec präsentiert seine öffentliche Installation an der Brunnenanlage auf dem Mehringplatz. Durch eine textile Hülle wird die 166 Jahre alte Friedenssäule von Christian Gottlieb Cantain zur “Bildersäule”, deren Applikationen aus der bewegten Geschichte des Mehringplatzes erzählen.

Zum 64. Jahrestag der Zerstörung dieses Wohnviertels am 03.02.1945 durch einen Bombenangriff im II. Weltkrieg öffnet die Säule bis Ende April 2009 als letzter Zeuge der ursprünglichen Bebauung ein Zeitfenster für den Betrachter. Auf dem als Rondell angelegten, später zuerst in Belle-Alliance-Platz und seit 1947 in Mehringplatz umbenannten Platz spiegeln sich fast 300 Jahre Berliner Geschichte.

Vier Bevölkerungsgruppen haben diesen Kiez am deutlichsten geprägt: Soldaten, Bürger, Arbeiter und Einwanderer. Ihre Spuren macht die textile Installation weithin sichtbar.

Die Friedenssäule wird durch eine textile Hülle zur BildersäuleDie Friedenssäule wird durch eine textile Hülle zur "Bildersäule"

Soldaten
Exerzierender Soldat – Seit der Anlage des Rondells wurde der Platz hinter dem Halleschen Tor als Exerzierplatz genutzt. In unmittelbarer
Nähe lag eine Vielzahl von Kasernen.
Eisernes Kreuz – Die Friedenssäule markierte bis 1945 als Siegessäule
den militärischen Sieg Preußens und seiner Allierten über Napoleon.
Bomben – 1945 wurde der Platz durch einen amerikanischen
Bombenangriff zerstört. Mit der Niederlage im von den Nazis verursachten II. Welkrieg endet die militaristische Deutung des Platzes durch die Umbenennung in Mehringplatz.

Bürger
Seit der Gründerzeit wandelte sich der Belle-Alliance-Platz durch den Zuzug wohlsituierter Bürger in repräsentative Neubauten. Die Parkanlage um den Brunnen wurde mit vier Skulpturengruppen verschönert. Der Platz war als Promenade und vor allem als Kinderspielplatz beliebt.

Arbeiter
Ochsenkopf – Das Armenhaus „Ochsenkopf“ am Rondell Nr. 5 beherbergte die Verlierer der Preußischen Gesellschaft.
3 Pfeile – In der Lindenstraße 3 saß bis 1933 die SPD-Parteiführung. Das nach dem Zentralorgan benannte „Vorwärts“-Haus war 1918 heftig umkämpft. Die drei Pfeile der „Eiseren Front“ stehen für die Verteidigung der Weimarer Republik. Seit 1996 hat die SPD ihren Sitz in der Wilhelmstraße.
Zahnrad – 1848, 1918 und 1933 kämpfen Arbeiter auf und in der Nähe des Platzes für ihre Rechte. In der Lindenstraße hatte seit 1930 die Metallgewerkschaft ihre Zentrale. Heute befindet sich dort die IGM als Nachfolgeorganisation.

Einwanderer
Hugenottenkreuz und Böhmischer Kelch – Beide protestantischen Gruppen wurden in ihrer Heimat verfolgt und von Preußen aufgenommen. Sie prägten den Platz besonders im 18. Jhd.
Halbmond – Heute leben viele muslimische Einwanderer in den Plattenbauten. Als „Gastarbeiter“ stützten sie den Wohlstand Westdeutschlands und kämpfen bis heute für eine Integration in die deutsche Gesellschaft.
Platzsymbol – Bis zur Neubebauung nach dem Krieg vereinigten sich drei wichtige Straßen (Wilhelm-, Friedrich- und Lindenstraße) auf dem Mehringplatz. Die heutige Situation einer Sackgasse im verkehrs- und gesellschaftspolitischen Sinn soll durch Umbauten ab 2010 verbessert werden.

Kinder Küche Kunst

Frühlingsfest am Chamissoplatz geplant

Mit Ökomarkt, Kiezmeile und Kunstgalerie wird am 9. Mai im Chamissokiez gefeiert. Nach langer Pause ist das Fest von allen für alle Auftakt zu einer Reihe von Projekten, die die Bewohner des Kiezes wieder vermehrt miteinander in Kontakt bringen soll. Vorgesehen ist ein Fest, auf dem gemeinsam gespielt, geredet, getanzt, gegessen, gelacht und nachgedacht werden kann.

Der Ökomarkt am Chamissoplatz.

Foto: pskDer Ökomarkt am Chamissoplatz. Foto: psk

Auf dem Ökomarkt kann lecker und gesund eingekauft werden. Er präsentiert die direkte Verbindung der Innenstadtbezirke mit dem Umland. Biohöfe und -hofgemeinschaften informieren über ihre Arbeit und das Leben auf ihren Höfen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Informationen über Ausflüge und „Ferien auf dem Bauernhof“, speziell auch für Großstadtkinder mit kleinem Geldbeutel.

Die Kiezmeile dient als Forum für Anwohner, soziale Projekte, Initiativen, Schulen und Kitas des Wohnbezirks, auf dem jeder seine Ideen verwirklichen und sich dar- und vorstellen kann. Musiker und andere kreativen Geister des Kiezes finden hier und auf zwei Bühnen ihren Platz. Auch die leiblichen Bedürfnisse werden nicht zu kurz kommen: ansässige Restaurants, der Wasserturm e.V. und andere inspirierte Hobbyköche bieten Leckereien aus allen Ecken der Welt an!

Auf der Kunstgalerie werden Künstler der Gegend und Künstler, die sich mit der kulturellen Vielfalt des Bezirkes auseinandersetzen, ihre Werke zeigen. Eine wunderbare Gelegenheit, auch mal die Menschen hinter den Bildern kennen zu lernen. Kleine Kunstführungen tragen dazu bei, auch Kindern und Jugendlichen den Zugang zur Malerei leicht zu machen.

Organisiert wird das Ganze vom DTK-Wasserturm Kreuzberg, dem Ökomarkt Chamissoplatz / Gäa e.V. Nordost, dem Jugend-, Kultur- und Kommunikationszentrum Wasserturm e.V. und dem Dreigroschen e.V. – Verein zur Förderung solidarischer Strukturen. Unterstützt wird das Frühlingsfest außerdem vom Stadtteilausschuss Kreuzberg e.V.

Mehr Informationen gibt’s hier.

Galerie Kiez

Es gibt viel Gesprühtes im Kiez. Vieles davon ist relativ hirnarmes Getagge, Reviermarkierungen mittels Sprühlack statt Urin. Der ästhetische Wert rangiert leider in den meisten Fällen zwischen null und minus unendlich und das Geschribbel trägt in den wenigsten Fällen zur Bereicherung des Stadtbildes bei.

streetart49Ein Klick auf dieses aufwendig mit drei Schablonen gesprühte Affenbaby führt zur Fotostrecke "Streetart". Foto: pi

Wirklich schöne Tags und frei gesprühte Motive sind traurigerweise selten. Dagegen gibt es allerdings Streetart in verschiedensten Varianten und Techniken, von Stencils (Sprühschablonen) und sogenannten
Paste-Ups über modifizierte Paketaufkleber bis hin zu regelrechten Installationen (sehr schön: die mitten im Winter mit Plastikblumen bepflanzte Baumscheibe in der Körtestraße). Teils im offiziellen Auftrag von Café- oder Ladenbesitzern, teils politisch, teils verspielt, meist illegale, aber auch oft wirklich schöne Kleinode, die einfach zu schön sind, als daß mensch sie wieder entfernt haben möchte. Allerdings stehen die Künstler meist unter einem enormen Zeitdruck: es muss, da erwischt werden schnell teuer werden kann, schnell gehen. Aufwendige Arbeiten wie die eines Banksy oder eines Pablo Fiasco, die zum Teil zig verschiedene Schablonen erstellen, um sie hinter zu einem hochkomplexen Gesamtkunstwerk zusammenzusetzen, sind wie Schneeziegen: sehr rar gesät.

Hier die komplette Serie als Fotostrecke, gesammelt in einer mehrtägigen Fototour quer durch den Kiez.