Moritzplatz wird Kältebahnhof

BVG und Senat einigen sich doch noch auf eine gemeinsame Lösung

Noteingang: Der U-Bahnhof Moritzplatz bleibt im Winter nachts für Obdachlose geöffnet. Foto: ksk

Der Ostwind bläst über den Moritzplatz. Es ist bitterkalt. Jetzt um Mitternacht ist auf dem U-Bahnhof nicht mehr viel los. Im Zwischengeschoss liegen zwei Obdachlose neben dem Geldautomaten, an der Wand gegenüber redet ein dritter laut mit sich selbst. Unten bei den Gleisen kauert ein weiterer Mann in sich versunken zwischen acht leeren Bierflaschen. Hier sind sie wenigstens vor der schneidenden Kälte geschützt. Die ganze Nacht über – auch nach der letzten U-Bahn um 0:54 Uhr – wird der Bahnhof bis zum Morgen offen bleiben.

Nach längerem Streit haben sich die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die Senatsverwaltung für Soziales endlich auf eine gemeinsame Lösung verständigt: Neben dem Moritzplatz (U8) öffnet auch Lichtenberg (U5) nachts für Obdachlose die Tore. Inzwischen wurden mobile Toiletten eingerichtet, Sicherheitsleute und Sozialarbeiter sollen regelmäßig vorbeischauen, auch der Kältebus wird die Bahnhöfe nachts anfahren. Von der Stadtmission stammt die Idee, direkt daneben beheizte Wartecontainer aufzustellen, die ständig besetzt sind und wo heißer Tee ausgeschenkt wird. Wie schnell das geht und wo genau sie dann stehen werden, ist noch unklar. »Auf jeden Fall noch vor Weihnachten«, verspricht Sprecherin Ortrud Wohlwend.

»Niemand wird in Berlin in kalten Nächten einfach auf die Straße geschickt«, hatte BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta verkündet. Und Sozialsenatorin El­ke Breitenbach (Linke) dankte allen Beteilig­ten, dass sie »in einer schwierigen Situation den Dialog gesucht und gemeinsam eine Lösung gefunden haben«. Tatsächlich hatte es hinter den Kulissen ganz gewaltig gekracht.

Erst verkündete die BVG im September, dass es diesen Winter gar keine Kältebahnhöfe geben werde. Begründet wurde das vor allem mit Sicherheitsbedenken. Wegen der wachsenden Anzahl von Wohnungslosen vor allem aus Osteuropa sei die Lage nicht mehr beherrschbar: Immer wieder stürzten Menschen ins Gleisbett oder verrichteten dort ihre Notdurft – was wegen der Stromschienen lebensgefährlich sein kann.

Als Sozialverbände diese Entscheidung als »unmenschlich« kritisierten, bot die BVG im Oktober rund 30 leerstehende Technikräume an. »Es gab eine Menge Begehungen«, bestätigt Regina Kneiding, Sprecherin der Senatsverwaltung für Soziales.

BVG sieht Bahnhöfe nur als Notnagel

Aber der Senat konnte sich mit keinem Vorschlag anfreunden, auch ein ungenutzter Fußgängertunnel am Alexanderplatz fiel unter den Tisch.Ende November sanken die Nachttemperaturen dann erstmals unter den Gefrierpunkt und der BVG blieb nicht anderes übrig als nachzugeben. »Es war klar, dass am Ende wieder alles an uns hängen bleibt«, schimpft Sprecherin Petra Reetz.

Die Zahl der Obdachlosen in Berlin wird auf 4.000 bis 6.000 geschätzt. Im Rahmen der Kältehilfe stehen bis zu 1.200 Übernachtungsplätze zur Verfügung. Die beiden U-Bahnhöfe sind für die ungefähr 80 bis 100 Menschen gedacht, die diese Einrichtungen aus unterschiedlichen Gründen nicht nutzen – weil sie ihren Hund mitnehmen, nachts Alkohol trinken, Drogen einwerfen oder einfach ihre Ruhe haben wollen. Manche haben auch psychische Probleme mit geschlossenen Räumen.

Für die BVG sind die Bahnhöfe trotzdem allenfalls ein Notnagel, aber keine Lösung. »Da können Sie sich nicht mal die Hände waschen«, sagt Sprecherin Reetz. Sie verlangt vom Senat alternative, niederschwellige Angebote. Dort setzt man offenbar auf die geplanten, noch gar nicht existierenden »Warte- und Wärmehallen« an den Bahnhofseingängen und feiert sie schon als Modellprojekt, das sich »dauerhaft etablieren« könnte.

Mehr Infos: Kältehilfe Berlin

Wärmebus des DRK: 0170 / 910 00 42

Kältebus der Berliner Stadtmission: 0178 / 523 58 38

Kommentar: Winter ist nicht irgendwann

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2018.

Auf begehbaren Pfaden

Fußgänger haben es in diesem Winterchaos besser als im letzten

Es war ein Déjà-Vu der schlimmeren Sorte, als der Dezember mit Eis und Schnee begann. »Geht das schon wieder los«, hat der eine oder andere gedacht und der nächste hatte schlagartig Frühling, Sommer und Herbst verdrängt: »Hatten wir das nicht erst vor drei Wochen?«

Verschneite AutosWer braucht schon sein Auto? Die meisten Wagen im Kiez bekamen Winterferien. Foto: phils

Dass das neue Jahr mit Tauwetter begonnen hat, kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass die letzten vier Wochen von 2010 auf manche wie ein Spiegelbild der ersten sechs wirkten.
Trotzdem gibt es doch einige gravierende Unterschiede. Beispielsweise war es im letzen Winter nicht nötig gewesen, das Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg zu sperren. Diesmal hielt es das Bezirksamt für dringend geraten, den Schinkelbau vor Silvester dicht zu machen. Gesperrt war eine höfliche Untertreibung. Das Denkmal war mit einem Bauzaun verrammelt.
Manch ein Räumdienst hat nach dem zweiten schneereichen Winter in Folge die weiße Fahne gehisst. Die, die übrig geblieben sind, machen es, so scheint es, dann doch ein wenig besser. Zwar war es niemandem gegeben, die ganze weiße Pracht einfach verschwinden zu lassen, doch zumindest auf den Gehsteigen gibt es diesmal erkenn- und vor allem begehbare Pfade. Die hatte es vor einem knappen Jahr fast nirgendwo mehr gegeben. Vorherrschend waren meist unpassierbare hochgefährliche Eisbahnen.
Die Erkenntnis, dass Split auch für Fußwege eine durchaus segensreiche Einrichtung ist, hat sich im Winter 2010/11 offensichtlich ziemlich flächendeckend durchgesetzt.
Insgesamt scheint es so, als habe der Kiez aus den sechs Horrorwochen zu Beginn des vergangenen Jahres einige wichtige Lehren gezogen, wenngleich nach dem dezemberlichen Wintereinbruch viele genau dieses bezweifelt hatten.
Ob daran die drastischen Strafandrohungen für Räummuffel schuld sind, oder ob die neue Begehlichkeit der Wege auf die Einsicht der Hauseigentümer zurückzuführen ist, ist letzlich egal.
Dass diesmal wenigstens die Gehwege zu begehen sind, macht schließlich Sinn, denn die Straßen für Auto- oder gar Radfahrer freizumachen, ist zwar löblich, aber die meisten von denen sind inzwischen auch Fußgänger geworden. Das erkennt man an ihren Fahrzeugen, die sie seit Wochen unter gigantischen Schneehaufen versteckt haben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2011.