Kritik der Gewerbetreibenden

Initiative will »Testphase Begegnungsplatz«

Gewerbetreibende in der Bergmannstraße äußern scharfe Kritik am Bezirksamt und an der Senatsverwaltung für Verkehr. Anlass sind angebliche Äußerungen in der Steuerungsgruppe vom 2. April, wonach die Fahrradbügel auf der Fahrbahn nicht wieder entfernt werden und Teil einer »Vergrämungspolitik« gegenüber den Autofahrern sein sollen.

Damit wird aus Sicht der Gewerbetreibenden der »vereinbarte offene Prozess« in Frage gestellt. Seit Beginn des Modellprojekts habe das Versprechen des damaligen Baustadtrates gegolten: »Wenn die Maßnahmen keine Akzeptanz der Bevölkerung erfahren, dann kommen sie wieder weg!« Diese Zusage werden nun offenbar aufgehoben, heißt es. Es sei ein Skandal, so ein Vertreter, dass die Öffentlichkeit in dieser Weise getäuscht werde.

Währenddessen fordert die Initiative »Leiser Bergmannkiez« eine »Testphase Begegnungsplatz«. Gemeint ist der Platz vor der Marheineke-Markthalle, der während der Komplettsperrung der Friesenstraße im Juni und Juli autofrei sein wird. Die Initiative fordert, die Sperrgitter an den beiden Straßenseiten abzubauen und damit einen »Begegnungsplatz« auszuprobieren. Sie lädt am 14. Mai, 18.30 Uhr, zu einem »Verkehrsgespräch« im Wasserturm ein.

Siehe auch Lauter gelbgrüne Punkte im gleichen Heft.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2019.

Die Parklets bleiben bis November

Bezirksamt stellt Konzept zur Begegnungszone Bergmannstraße vor

Auch nicht schöner als vorher: Parklet als Sperrmüllablageort. Foto: ksk

Als die Bezirksverordnetenversammlung Ende Januar verlangte, die Testphase in der Bergmannstraße bereits im Juli zu beenden, machten sich schon Gerüchte breit, auch die umstrittenen orangen Parklets würden bald verschwinden. Die Hoffnung war verfrüht. Bezirksamt und Senatsverwaltung brauchten mehr als zwei Monate, um sich auf eine gemeinsame Antwort zu einigen. Jetzt liegt endlich ein Konzept vor, wie es mit der Begegnungszone weitergehen soll. Große Überraschung: Die Parklets werden nicht abgebaut, sondern bleiben bis November stehen.

Der neue Chef des Straßen- und Grünflächenamts, Felix Weisbrich, erläuterte die Pläne Anfang April im Umweltausschuss. Danach wird mit Blick auf die Begegnungszone verbal zwischen einer »Erprobungsphase« und einer »Evaluierungsphase« unterschieden. Erstere soll tatsächlich – wie von der BVV gefordert – Ende Juli enden. Bisher habe sich die Diskussion vor allem in »gestalterischen Details und Betriebsproblematiken« erschöpft, kritisierte Weisbrich, und wenig zu Fragen der »dauerhaften Gestaltung« beigetragen. Das soll sich mit der im August startenden Evaluierungsphase nun schlagartig ändern.

Im Sommer sind zwei von Experten und Verbänden begleitete »repräsentative Bürgerwerkstätten« geplant, im August eine weitere »Sommerwerkstatt«. Mehr als 9000 Bürger werden angeschrieben und zur Mitarbeit aufgefordert. Dabei geht es nicht nur um die künftige Gestaltung der Bergmannstraße, auch der Knoten an der Marheinekehalle wird – wie etwa von der Initiative »Leiser Bergmannkiez« mehrfach gefordert – einbezogen. Ziel sei es, »mehrere Varianten zu erarbeiten«, über die dann diskutiert werden könne, so Weisbrich.

Es blieb im Detail offen, wer genau an diesen »Werkstätten« teilnimmt, welche Rolle der interessierte Bürger dabei gegenüber professionellen Planern und Verbänden spielen kann und ob frühere, detaillierte Vorschläge etwa der Gewerbetreibenden berücksichtigt werden. Bereits Ende Mai will das Bezirksamt das weitere Vorgehen öffentlich in der Columbiahalle vorstellen.

Und die Parklets? Sie werden von Sitzmöbeln zu »Diskussionsorten« umfunktioniert, dabei umgebaut und teilweise verlegt und verschwinden erst mit dem Ende der Evaluierungsphase im November. Alle weiteren Elemente, vor allem Poller und Fahrradbügel, sind gar nicht so temporär, sondern bleiben, bis über die »dauerhafte Gestaltung« entschieden wurde. Im ersten Quartal 2020 soll es dazu eine Vorlage für die BVV geben.

Bei der Präsentation im Ausschuss wurden Sorgen laut, ob tatsächlich eine neutrale Abwägung verschiedener Varianten gesichert sei. Und Ärger, dass Fahrradbügel und Poller erst einmal Tatsachen schaffen und überhaupt erst errichtet wurden, als die BVV längst ein frühzeitiges Ende der Testphase gefordert hatte. Auch im Kreis der Gewerbetreibenden herrscht eher Skepsis. Angesichts des heiklen BVV-Beschlusses, vermutet Sprecher Michael Becker, »wollen die möglichst günstig und ohne Gesichtsverlust aus der Nummer rauskommen«.

»Ich empfinde das als ästhetische Zumutung!«

Viele Anwohner haben mit den Aufenthaltsmodulen in der Bergmannstraße so ihre Schwierigkeiten

Klarer Konsens: Die Parklets sind hässlich! Foto: ksk

Lutz Stolze von der Buchhandlung Kommedia in der Marheineke-Markthalle ist ein ruhiger, besonnener Mann. Aber wenn es um die neuen Parklets in der Bergmannstraße geht, verliert er die Fassung. «Ich empfinde das als ästhetische Zumutung«, schimpft er. »Das hat den Flair einer Bundesbahn-Zentrale in Gütersloh! Lieblos ist das!«

Wer herauskriegen will, was Ortsansässige von der Begegnungszone halten, hat schnell ein Problem: Er trifft fast niemanden, der die grellorange gestrichenen Sitzmöbel am Straßenrand auch nur einigermaßen okay findet.

 »Sauhässlich« seien die Dinger, sagt Peter Klunker vom Weing’schäft. »Das ist nicht der Wille der Kreuzberger aus dem Kiez. Ich sehe jeden Tag, wie die vollgemüllt und beschmiert werden.« Besondere Probleme bereitet ihm das Querungselement vor dem Geschäft. Dreimal die Woche wird er beliefert: »Da zählt jeder Meter, das geht alles mit Muskelkraft.« Aber nun darf der Lkw nicht mehr dort parken. Klunker bekam schon drei Strafzettel.

»Die passen nicht ins Straßenbild. Damit wird die Bergmannstraße tot gemacht«, klagt Lalo vom Imbiss El Chilenito über die Parklets. »Absolut ungemütlich und zudem gefährlich«, urteilt Gabi Lück von der Boutique Bijondo. Und Svenja Hagen Greuner vom Modeladen Brenøe prophezeit: »Es wird sich niemand, der hier lebt, auf diese Dinger setzen. Nur die Touristen. Das Schlimmste kommt erst, wenn es wärmer wird.« Davon kann Daniela Behrendt, die über dem Ararat wohnt, ein Lied singen. Sie hat schon letzten  Sommer gelitten, als es nur zwei und nicht 18 Aufenthaltsmodule gab – weil da »nachts Leute sitzen und Party machen«. Unzählige Male lief sie hinunter und bat, die Musik leiser zu stellen.  »Wenn man abends ins Bett ging, wusste man nicht, ob man die Nacht durchschlafen kann. Das hält keiner aus.«

»Niemand braucht Parklets, wenn dadurch neue soziale Brennpunkte entstehen«, sagt auch Hans-Peter Hubert von der Bürgerinitiative »Leiser Bergmannkiez«. Aber es gehe nicht nur um die Sitzmöbel. Fahrradbügel auf der Fahrbahn statt auf dem Bürgersteig sind in seinen Augen sinnvoll.  Und die Test-Querungselemente ein erster Schritt, dass Rollstuhlfahrer künftig vielleicht »an vier oder fünf Stellen barrierefrei über die Straße können«. Aber natürlich hätte er noch mehr Wünsche: zum Beispiel eine abgepollerte, schmalere Fahrbahn mit Schwellen.

Und dann finden sich tatsächlich noch zwei, die wirklich zufrieden sind. Zwei junge Kerle aus Bielefeld, Touristen, die Strickmützen tief ins Gesicht gezogen. Ja gut, der Sitzplatz sei vielleicht nicht ganz optimal. »Aber der Döner«, sagt einer, »der schmeckt echt lecker!«

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2019.

Parklets in der Schwebe

Bezirksamt verhandelt mit Senatsverwaltung für Verkehr

»Bergmannstraße wird ihre Parklets wieder los«, jubilierte die BZ, und auch der gemeinhin als seriöser geltende rbb berichtete auf seiner Online-Plattform: »Vorzeitiges Aus der Begegnungszone Bergmannstraße«. Diese und andere Medien bezogen sich auf die Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) vom 30. Januar. Dort hatte das Bezirksparlament für ein vorzeitiges Ende der Testphase in der Bergmannstraße votiert. Danach sollte schon im Juli Schluss sein, damit das Bergmannstraßenfest an seinem angestammten Ort bleiben könne.

Gegen die Stimmen der Grünen war das so beschlossen worden. Die Sache hat allerdings zwei Haken. Zum einen haben die Veranstalter des Jazzfestes bereits angekündigt, dass es dieses Jahr jenseits des Meh­ring­damms in der Kreuzbergstraße stattfinden soll. Damit gehr dem Antrag auf ein vorzeitiges Ende der Testphase aber ein zentrales Argument verloren.

Zum anderen kann die BVV zwar viel beschließen, ob das dann aber auch umgesetzt wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Im vorliegenden Fall hat das Bezirksparlament auf Antrag der Fraktion Die LINKE das Bezirksamt aufgefordert, die Erprobungsphase Ende Juli abzubrechen. Doch selbst wenn das Bezirksamt wollte, könnte es diesen Antrag nicht ohne weiteres umsetzen. Tatsächlich kann der Bezirk den Versuch in der Bergmannstraße nur gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Verkehr vorzeitig stoppen.

»Das können wir alleine ja gar nicht entscheiden«, betont die Pressesprecherin des Bezirks, Sara Lühmann. Für den  Beschluss der BVV gäbe es jetzt keinen Automatismus. Zunächst müsse geprüft und Gespräche geführt werden.

Auf eine Prognose, wiedie Gespräche zwischen Bezirk und Verkehrssenat ausgehen, wollte sich Lühmann indes nicht einlassen.

Schmidt will kiezorientierte Verkehrsplanung

Ob der Bezirk noch immer so hundertprozentig hinter den Parklets steht, ist nach der BVV-Sitzung im Januar so sicher nicht. Baustadtrat Florian Schmidt jedenfalls gab sich bei der Sitzung ziemlich defensiv und selbstkritisch. Er gab zu, dass das Projekt Begegnungszone einen schlechten Start gehabt habe. Da werden Erinnerungen an das Projekt Begegnungszone Maaßenstraße in Schöneberg wach. Es war die erste Erprobung einer Begegnungszone, eine zweite sollte eben in der Bergmannstraße folgen und auch ein dritter Versuch am Checkpoint Charlie war im Gespräch.

Ein vorzeitiges Scheitern der Begegnungszone Bergmannstraße könnte möglicherweise dazu führen, dass das Konzept Begegnungszone völlig beerdigt wird. Doch das will auch Schmidt nicht. Deshalb spricht er von einem größeren Verkehrskonzept, von einer »kiezorientierten Verkehrsplanung«. Von der Erprobung in der Bergmannstraße erhofft sich Florian Schmidt eine ganze Fülle von Erkenntnissen, die dann in solch eine »kiezorientierte Verkehrsplanung« einfließen könnte.

Während rund um die Bergmannstraße die gelben Parklets der Aufreger sind, wurde an der Schönhauser Allee eines der ersten beiden massiven Holzparklets aufgestellt, mit denen die Erprobung der Begegnungszone in der Bergmannstraße ihren Ausgang nahm. Doch auch am Prenzlauer Berg sind die Parklets noch nicht der große Hit.

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2019.

Der große Frust am Snooker-Tisch

Die KuK-Redaktion verschwendet ihre wertvolle Freizeit beim Spiel mit bunten Bällen

Snooker-Spielen will gelernt sein – insbesondere wenn Mitredakteure kritisch dabei zuschauen. Foto: ksk

Es fühlt sich an wie das Meer. Gut, da sind keine Wellen und es ist auch nicht blau, sondern grasgrün, aber der Tisch ist mindestens genau so groß. Am anderen Ufer sind vage die Umrisse eines roten Balls zu erkennen. Den muss man jetzt mit dem anderen, dem weißen Ball, treffen, und am Ende läuft es natürlich gerade so wie befürchtet: Der Stoß geht daneben, und man ist schon froh, die Weiße nicht verfehlt zu haben.

Das ist Snooker.

Snooker ist eigentlich mein Lieblingssport. Es fühlt sich wunderbar an, im warmen Sessel zu sitzen, eine Tüte Chips auf den Knien, und Ronnie O’Sullivan beim Potten zuzusehen. Am Anfang wirkt das Spiel ein wenig langweilig, und tatsächlich hat es fast ein Jahr gedauert, bis ich mir die Reihenfolge merken konnte, in der die bunten Bälle in ihre Löcher plumpsen müssen.

Aber langsam offenbaren sich die Feinheiten. Wie raffiniert ist das denn, den Gegner so zu blockieren, dass er keine Kugel mehr anspielen kann! Ich begriff, dass es vor allem auf die Ablage ankommt, auf den nächsten und den übernächsten Stoß! Schon ist man Fan, und so wie sich andere über Dortmund, Hertha oder den VfB ereifern, streitet man plötzlich über Ronnie »The Rocket« und John Higgins. Was für ein geniales Spiel!

Soweit die Theorie.

Dann steht der Autor plötzlich im Ballhaus in der Bergmannstraße am Snookertisch, der mit seinen 3,56 mal 1,78 Metern wirklich gewaltig ist, und versteht die Welt nicht mehr. Eben noch fühlte er sich als erwachsener Mann, der elegant rückwärts einparken kann, wahrscheinlich mit Leichtigkeit einen Bagger, vielleicht sogar ein Überschallflugzeug lenken könnte – aber die dämlichen Bälle weigern sich beharrlich, in den Löchern zu verschwinden, in die sie gehören.

Vielleicht fehlt es an der richtigen Haltung? Also Beine auseinander, Oberkörper nach unten, Kinn aufs Queue. »Du weißt schon, dass du Rücken hast?«, lässt sich der Rücken vernehmen. Und die Gleitsichtbrille, die auf die Nasenspitze rutscht, ist auch nicht wirklich amüsiert.

Ab und zu ein scheuer Seitenblick zu den KollegInnen. Glücklicherweise scheinen die vor allem mit ihrem eigenen Unglück beschäftigt und kriegen gar nicht mit, was man für ein Loser ist. Keine Frage: Das Queue in der rechten Hand fühlt sich ganz cool an. Es kommt auch gut, mit nachdenklicher Miene einmal rund um den Tisch zu spazieren, als ob man über komplizierte Stellungen brüten würde. Nur wäre es eben auch ganz schön, wenn das mit dem Einlochen besser klappen würde.

Nach viereinhalb Stunden haben alle fürs Erste genug. Im Laufe des Abends habe sie Fortschritte wahrgenommen, freut sich die Kollegin – »von abgrundtief schlecht zu ganz normal schlecht«. Ein Mit-Redakteur war beeindruckt »von der schieren Größe des Sportgeräts«. Ein zweiter ist frustriert. Er spiele lieber am Computer, sagt er: »Dort klappt es schon ziemlich gut.«

Auch der Autor zieht sich nach ein paar Bierchen an den heimischen Bildschirm zurück. Chips und Gummibärchen halt. Um sich dann das Maximum Break von Ronnie O’Sullivan von 1997 in fünf Minuten, 20 Sekunden reinzuziehen. Meine Fresse, ist das ein geniales Spiel!

Ballhaus, Bergmannstraße 102: Mo-Sa ab 17 Uhr, So ab 15 Uhr. Wer Pool lernen will, kann im Ballhaus auch Unterricht bekommen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2019.

Empanadas, ganz original

Lalo lockt mit leckeren chilenischen Spezialitäten

»El Chilenito« heißt unter Freunden Lalo und lebt seit 1975 in Berlin. Foto: ksk

Besonders stolz ist Eduardo Estrada (Spitzname: Lalo) auf seine Empanadas. Das sind leckere Teigtaschen, gefüllt mit Rinderhack, einer Olive, drei Rosinen und zu Würfeln geschnittenen Zwiebeln, gewürzt mit Salz, ein bisschen Kreuzkümmel und einer Prise Merkén. »In anderen Teilen Südamerikas machen sie das mit allem Möglichen, mit Yucca zum Beispiel, aber in Chile gibt es keine anderen«, berichtet er und lächelt dabei vergnügt.

Seit mehr als einem Jahr betreibt Lalo einen Imbissstand in der Bergmannstraße, im Innenhof beim Drogeriemarkt, wo es hinten zum Ballhaus geht. Man merkt gleich, dass er mit viel Liebe bei der Sache ist. Draußen auf dem Trottoir wirbt ein Aufsteller, über dem Stand ein großes Schild mit der Aufschrift »El Chilenito« und chilenischen Fähnchen. Ein paar Stühle und Tische, chilenische Comics zum Angucken, ein Behälter mit Wasser – und im Hintergrund läuft Radio Corazón aus Pudahuel, einem Vorort von Santiago de Chile.

Der Imbiss ist montags bis samstags von 11 bis 20.30 Uhr geöffnet. Man kann hier typisch chilenische Hot Dogs verspeisen, sogenannte »Completos«, oder Sandwiches – etwa das berühmte »Churrasco Italiano«, das natürlich auch aus Chile kommt, aber so heißt, weil die roten Tomaten, die grünen Avocados und die weiße Mayonnaise an die italienischen Farben erinnern. Neben der klassischen Variante mit Hüftsteak steht auch eine vegetarische Version auf der Speisekarte. Und danach vielleicht Alfajores, das sind süße Doppelkekse, gefüllt mit Dulce de Leche und verziert mit Kokosstreuseln.

Lalo lebt seit 1975 in Berlin. Zusammen mit seinen Eltern floh er vor der Pinochet-Diktatur und spricht fließend Spanisch. An seinem Stand kommen viele junge Chilenen aus dem »Working-Holiday«-Programm vorbei, aber auch Landsleute aus der älteren Generation, erzählt er. Dann schimpfen wir noch ein bisschen über die neuen Sitzmöbel in der Bergmannstraße und trinken gemütlich einen heißen Kaffee.

facebook.com/elchilenito-berlin

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2019.

»Alles noch vage«

Zukunft des Bergmannstraßenfestes ungewiss

Vielleicht zum letzten Mal: »Kreuzberg jazzt« in der Bergmannstraße war 2018 wie gewohnt gut besucht. Foto: rsp

Schon bei der Ankündigung der mittlerweile in der Bergmannstraße aufgestellten Parklets der zweiten Generation hatte es Kritik von den Organisatoren des Bergmannstraßenfestes gegeben: Weil die »Aufenthalts- und Querungsmodule«, wie die Plattformen offiziell heißen, einen erheblichen Teil der Straßenfläche beanspruchen, fehle der Platz für Verkaufsstände, die das seit 1994 stattfindende Jazzfest finanzieren. Jetzt hat der »Kiez und Kultur e.V.«, Veranstalter seit 2006, die Reißleine gezogen und sich aufgelöst. Zumindest mit dem alten Team wird es kein Bergmannstraßenfest mehr geben.

Tatsächlich war die Problematik mit der Begegnungszone zwar Anlass für die Vereins­auf­lö­sung, aber nicht der alleinige Grund. Viele der Mitglieder gingen auf die Siebzig zu und seien nach 15 Jahren der Sache einfach müde, sagt Olaf Dähmlow, Inhaber des Yorckschlösschens und Programmkoordinator des Festes. »Da ist es die ideale Gelegenheit zu sagen: Dann lassen wir’s, lassen wir’s mal andere probieren.«

Diese anderen könnten die ehemaligen Mitglieder Ingrid und Toge Schenck sein, die jetzt planen, einen neuen Verein zu gründen und das Fest weiterzuführen.

Derzeit sei aber »alles noch vage«, so Ingrid Schenck. Fest steht, dass auch der Bezirk an einer Weiterführung der Veranstaltung interessiert ist. Neben der eher temporären Lösung, die Parklet-Testphase früher zu beenden, wird vor allem die Möglichkeit erwogen, das Fest in die Kreuzbergstraße zu verlegen. Gegenüber dem Tagesspiegel merkte Bezirksamtssprecherin Sara Lühmann an, dass das Fest urprünglich gar nicht Bergmannstraßenfest geheißen habe.

Ingrid Schenck steht der Idee einer Verlegung in die Kreuzbergstraße indessen eher skeptisch gegenüber. Neben dem sich dadurch deutlich verändernden Charakter des Festes macht sie sich vor allem Sorgen, dass es dort zu ganz neuen Problemen kommen könne, etwa mit dem für den Viktoriapark zuständigen Grünflächenamt.

So ist die Zukunft des Festes weiterhin ungewiss. Zumindest für 2019 wird es aber langsam knapp.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2019.

Auf der Suche nach seltenen Vögeln

Klaus Stark plaudert mit Wolfgang Sobeck über Analog- und Digitalfotografie

Wolfgang Sobeck Foto: ksk

Es ist nicht so einfach, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, den man nur vom Sehen kennt. Ich sitze am Ladentisch von »Foto Objektiv«, Ecke Zossener / Gneisenaustraße, gucke mich im Geschäft um, und Inhaber Wolfgang Sobeck erzählt erst ein bisschen von seinem Hobby. Er fotografiert gerne Tiere. Hier in Berlin sind es vor allem Vögel: Habicht, Roter und Schwarzer Milan, Graureiher, Silberreiher.

Und Eisvögel natürlich. Am Schloss Charlottenburg und an der Spandauer Zitadelle, da sitzen sie mit ihrem wunderschönen blauen Gefieder oft über dem Fluss und fischen. »Wenn man in die Natur geht, öffnet sich ein Fenster«, sagt Herr Sobeck. »Für einen Moment bekommt man einen Einblick. Dann ist es wieder zu.« Zusammen mit seiner Frau ist er auch im Kranichschutz aktiv. Wenn im Herbst in Linum bis zu 75.000 Kraniche stehen, schaut er ihnen gerne beim Tanzen zu.

Zwischendrin betreten immer wieder Kunden den Laden. Ein Paar studiert eine gebrauchte Hasselblad, die im Schaukasten liegt, und will morgen wiederkommen. Das Geschäft hat der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann seit 1981, ursprünglich befand es sich auf der anderen Straßenseite. Er erinnert sich noch genau, wie die Zossener zwischen Gneisenau- und Bergmannstraße damals aussah: Es gab drei Buchläden, einen Friseur alten Stils für die alten Damen mit Wasser- und Dauerwelle, eine Hutmacherei. »Heute ist das ja eine Fressmeile«, klagt er. »Und in der Bergmannstraße dasselbe.

«Wenn er seltene Vögel fotografiert, geht er selbst mit einer digitalen Sony A 99 auf Pirsch. Das lässt sich nicht anders machen, weil von 20 Bildern höchstens eins etwas wird. Ansonsten aber ist »Foto Objektiv« ein Hort der Analogfotografie. Natürlich verkauft der gebürtige Hesse auch Speicherkarten, USB-Sticks, gebrauchte Digitalkameras und Ferngläser, aber der Schwerpunkt liegt auf Negativ- und Diafilmen, Sofortbildkameras, Stativen und Fotoarbeiten: Der Kunde bringt einen belichteten Film vorbei und kann später die Abzüge abholen. Außerdem gibt es Fotoalben und Fotoecken. Fotoecken? Als ich stutze, lächelt der Ladenbesitzer: »Sehen Sie, das kennen Sie schon gar nicht mehr.«

Überwiegend verkauft er mittlerweile an Touristen. »Das Bildergeschäft ist komplett eingebrochen. Das wird dazu führen, dass die Leute irgendwann keine Erinnerung mehr haben. Die Festplatte ist abgestürzt, das Smartphone weggeworfen, auch CDs halten nicht ewig – und Bilder gibt es nicht mehr.« Herr Sobeck hält gar nichts von der blinden digitalen Knipserei. »Die Leute machen tausend Fotos, gelöscht wird nichts, dann finden sie sich im Datenmüll nicht mehr zurecht. Und wie banal! Guck mal, was ich mache! Guck mal, was ich esse! Was für ein Blödsinn! Wen interes-siert das im Netz?

«Er trauert den alten Zeiten hinterher, als Fotos noch nicht die Datenspeicher und sozialen Medien überschwemmten. Es kostete jedesmal Geld, auf den Auslöser zu drücken: »Da überlegt man sich, was, wie und ob man fotografiert.« Die Suche nach dem perfekten Bild, nach dem richtigen Augenblick, die Vorfreude auf die Abzüge, der Aha-Effekt in der Dunkelkammer. Aber er weiß natürlich auch, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt.

Ausgerechnet in diesem Moment kommt ein Pärchen in den Laden und kauft zwei Negativfilme von Kodak, einen schwarz-weiß, einen farbig. Warum? »Weil es schöne Bilder sind«, sagt der Mann. »Ich mag das, wenn man sie erst entwickeln muss.«

Dann erzählt Wolfgang Sobeck noch ein wenig von seinen Vögeln. In Costa Rica, wo er häufig gewesen ist, hat er lange nach dem Quetzal gesucht, dem berühmten Göttervogel der alten Azteken. Ein prächtiges Tier mit gelbem Schnabel, rotem Bauch, das übrige Gefieder schimmert je nach Lichteinfall blau oder grün. Manchmal sieht man tagelang keinen einzigen, aber er hat ihn schon oft fotografiert. Die Schwanzfedern des Quetzal sind bis zu einem Meter lang. »Der ist richtig groß«, sagt Herr Sobeck und strahlt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2018.

Eine gerechte Welt ohne Armut

Oxfam sucht Ehrenamtliche für neuen Shop

In der Bergmannstraße eröffnet im November ein neuer Oxfam-Shop. Foto: ksk

Derzeit macht das Geschäft noch einen verlassenen Eindruck, nur im Schaufenster hängt schon ein großes grünes Plakat. Das soll sich jetzt bald ändern: In der Bergmannstraße, direkt neben dem Stadtteilausschuss, eröffnet am 24. November ein neuer Oxfam-Shop. Die internationale Hilfsorganisation betreibt in Deutschland bereits 52 solcher Shops, in Berlin wird es neben Schöneberg, Wilmersdorf, Spandau und Prenzlauer Berg nun der siebte sein.

Oxfam wurde 1942 in Großbritannien gegründet, damals mit dem Ziel, die Folgen der deutschen Besatzungspolitik in Griechenland während des Zweiten Weltkriegs zu lindern. Heute schreibt sich die Organisation den Kampf für eine gerechte Welt ohne Armut auf die Fahnen. Dazu wird kurzfristige Nothilfe bei Katastrophen geleistet, es werden längerfristige Projekte und Kampagnen organisiert. Neben staatlichen Geldern und Spenden sind die Shops, in denen Ehrenamtliche gut erhaltene Second-Hand-Sachen verkaufen, eines der Standbeine der Organisation.

In dem Laden in der Bergmannstraße, so Shop-Referent Jonas Lumpe, soll es Kleidung geben, gebrauchte Bücher, Medien und »dies und das«, also Porzellan, Glaswaren und Schmuck. Dringend sucht er aber noch Ehrenamtliche, die Lust haben, möglichst feste Schichten von wöchentlich fünf Stunden zu übernehmen und auch mal samstags zu arbeiten. Der gesamte Shop wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut, nötig sind am Ende etwa 60 Helfer.

»Und die haben wir noch nicht alle«, sagt Lumpe. Aber pessimistisch ist er trotzdem nicht. Ob nun Rentner, die sich ein wenig langweilen, oder Studenten, die Erfahrungen im Einzelhandel sammeln wollen: »Ich merke immer wieder, dass Leute einfach Spaß daran haben.«

Kontakt: Oxfam, Shop-Referent Jonas Lumpe: jlumpe@oxfam.de oder 030 / 453069-223. Am Donnerstag, 4. Oktober, 17:30 Uhr sowie am Freitag, 5. Oktober, 12:00 Uhr finden im neuen Shop, Bergmannstraße 15, Informationsverantaltungen statt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2018.

Lebensgefährliche Messerattacke

Eine 40-Jährige ist am Donnerstagmorgen von ihrem getrennt lebenden Ehemann in Kreuzberg lebensgefährlich verletzt worden. Der 47-Jährige hatte seine Frau kurz vor 6 Uhr in der Bergmannstraße mit einem Messer attackiert und ihr mehrere Stiche zugefügt. Zeugen hatten die schwer verletzte Frau auf dem Gehweg gefunden und die Polizei alarmiert. Rettungskräfte brachten das lebensgefährlich verletzte Opfer in ein Krankenhaus. Der Ehemann wurde kurz nach der Tat festgenommen. Die Ermittlungen hat eine Mordkommission beim Landeskriminalamt übernommen.

Mieter raus und Touris rein

Kurze Momentaufnahmen zum Thema Gentrifzierung im Kiez

Gentrifizierung und die Folgen. Foto: psk

Die Gentrifizierung schlägt immer stärker zu. In der Willibald-Alexis-Straße 34 wollen sie sich die Bewohner nun Hilfe beim Regierenden Bürgermeister holen, an den sie sich in einem offenen Brief wenden.

Hier nun einige Beispiel, was gerade in Sachen Gentrifizierung passiert:

Nachdem die Eck-Kneipe »Tabula Rasa« im Chamisso-Kiez vor zwei Jahren nach Verkauf des Hauses und einer heftigen Mieterhöhung schließen musste, werden nun die Räume zu Ferienwohnungen umgebaut. Da Touristen bereit sind, im beliebten Kiez in der Nähe der Bergmannstraße 50 Euro pro Nacht und mehr zu zahlen, werden schnell Gelddruckmaschinen aus Räumen, in denen sich auf Grund der hohen Miete keine Kneipe mehr wirtschaftlich betreiben lässt.

Im Graefekiez ist nun das eingetreten, was angeblich nicht eintreten sollte. Bewohner der Luxuswohnungen im Fichtebunker haben nun gegen den benachbarten Sportplatz geklagt. Gegen den Bau dieser Wohnungen hatte es vor drei Jahren massive Proteste gegeben, weil genau dieses befürchtet wurde.

Die AG Mieten im Graefekiez hat bei ihrem jüngsten Kiezspaziergang festgestellt, dass es auch im Graefekiez starke Tendenzen gibt, Mieter aus ihren Wohnungen zu vertreiben, um sie dann in Eigentums- oder Ferienwohnungen zu verwandeln. Konkrete Fälle haben sie dabei in Böckhstraße, zweimal in der Dieffenbachstraße, in der Graefestraße und in der Grimmstraße ausgemacht.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2010.

Fähnlein flattern im Wind

Aha, Kunst also. Mindestens was den kabarettistischen und parodistischen Wert betrifft sind die Fähnlein, die über der Bergmannstraße flattern, ganz große Klasse. Wahrscheinlich sind sie eine Erfindung des Satiremagazins »Titanic«, wenn nicht, werden sich die NFS-Epigonen ein Monogramm in den Allerwertesten beißen. Man stelle sich vor, dass im GRÜNSTEN Fleck der Republik ein Kunstprojekt intalliert wird, das alle Singvögel vertreibt. Konnte ja auch keiner ahnen, außer vielleicht pfälzische Weinbauern, die ihre Weinberge durch ähnliche Kunstinstallationen schützen. Im übrigen nennt man solche Installationen im Südwesten der Republik Narrenbändel. Sie werden von Dreikönig bis zum Aschermittwoch in jedem kleinen Dorf über die Straße gespannt – und nicht das ganze Jahr. Narrenbändel!!! Wer würde wohl Böses dabei denken.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2009.

Beobachtungen zur Bergmannstraße

Die Vertreibung der Singvögel

Wimpelmeer in der Bergmannstraße

Foto: csWimpelmeer in der Bergmannstraße Foto: cs

Kurz nach dem diesjährigen Jazzfest in der Bergmannstraße machte der interessierte Kreuzberger Bürger eine eigenartige Beobachtung: von einem Tag zum anderen war die Straße mit dreieckigen Fähnchen in den munteren Farben gelb, blau, rot und weiß geschmückt. Von einem Haus zum anderen auf der gegenüber liegende Straßenseite waren in unterschiedlicher Höhe und kreuz und quer diese kleinen Wimpel, die sich eifrig im Wind bewegten, zu sehen.

Neugierig fragte der interessierte Kreuzberger nach: Sollte vielleicht ein weiteres Straßenfest angekündigt werden oder hatte man einen Feiertag vergessen oder war das vielleicht eine politische Aktion? »Nein, diese kleinen Fähnchen sind Kunst«, sagte eine aufgeklärte Geschäftsfrau. Oh, das also ist Kunst.

Kurze Zeit darauf beklagten Anwohner eine verminderte Wohnqualität, denn die kleinen bunten Fähnchen verursachen durch ihr Gewedel ein Geräusch, das sich wie Regen anhört. Also wurden die Fenster geschlossen, der Sonnenschein sollte doch nicht vom Regengeräusch gestört werden und man schwitzte lieber hinter geschlossenen Fenstern.

»Das alles ließe sich noch ertragen, wenn nicht alle Singvögel vor dem Gewedel geflohen wären«, so eine Vogelliebhaberin. In der Tat lassen sich Vögel von flatternden Wimpeln vertreiben. Ersatzweise kann auch Wäsche genommen werden. Nun war dies sicherlich nicht beabsichtigt.

In der Bergmannstraße gibt es etliche Vogelfreunde, die sich auch im Winter darum sorgen, dass die Vögel gut versorgt werden. Das hatte zur Folge, dass neben Staren, Amseln und Rotkehlchen auch Buchfinken über die Jahre mitten in der Straße heimisch wurden. Die Anwohner haben immer wieder mit Stolz auf die Artenvielfalt der Singvögel verwiesen und hatten große Freude an deren Gesang.

So kann Kunst auch Lebensfreude trüben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2009.