Ungewöhnliche Offenheit

Marie Hoepfner macht eine literarische Entdeckung

»Was du nie siehst« von Tibor Baumann ist ein biographischer Roman mit und über Hansi Mühlbauer. Ob ich ein 378 Seiten langes Buch über das Leben eines fremden Mannes, der weder berühmt noch mir irgendwie bekannt ist, lesen möchte, fragte ich mich beim Aufschlagen. Grenzt es nicht an Voyeurismus, zumal Hansi blind ist?

Nein! Ganz im Gegenteil! In »Was du nie siehst« tauchen wir in die Welt eines blinden Menschen und sein Innerstes ein. Der Titel – im Einband wie Brailleschrift hervorgehoben – spielt auf das Kinderspiel »Ich sehe was, was du nicht siehst« an. Baumann stellt diese beiden Sichtweisen – die des sehenden und die des blinden Menschen – in seinem Roman nebeneinander.

Der Roman erzählt das ganze Leben von Hansi anhand einer fiktiven Woche, die damit be­ginnt, dass Hansi sein Handy mit der Nummer von Alexa, einer tollen Frau, vielleicht sogar seiner große Liebe, verloren hat. Der Leser wird auf die verzweifelte Suche nach dem verlorenen Handy mitgenommen und während dieser Reise mit dem Leben des Protagonisten auf berührende Weise vertraut gemacht.

Johann »Hansi« Mühlbauer bekam mit 2 Jahren beide Augäpfel entfernt, um ihn von einem Retinoblastom, einem bösartigen Augen-Tumor, zu befreien. Von Kind an bis zum beruflichen Werdegang als Physiotherapeut, durchlebt er Phasen der tiefsten Niedergeschlagenheit, aber auch Augenblicke der Hoffnung und des Glückes. Er führt ein vergleichsweise autonomes Leben. Fingerspitzen, Ohren und Intuition ersetzen seine Augen. Er hat einen Job und eine Wohnung. Mit seinen sehenden Freunden führt er zahlreiche Unternehmungen durch, wie Surfen, Klettern, pädagogische Leitung einer Wildnisschule oder das Singen in einer Rockband, mit der er Charitykonzerte organisiert. Sein Leben ist voller Leidenschaft, er bereist die Welt, geht gerne aus, raucht und trinkt, war kurz verheiratet und bandelt gelegentlich mit Frauen an, wenn die Chemie stimmt. Sogar Radio- und Fernsehbeiträge wurden über ihn veröffentlich. Eigentlich ein ganz normaler cooler Typ.

»Was du nie siehst« ist ein wirklich ungewöhnlicher Roman. Nicht nur, dass man die Geschichte aus der Sicht des Protagonisten Hansi erlebt, sondern auch weil der Autor als Ich-Erzähler vorkommt. Literarisch hat Tibor Baumann eine Metafiktion, also einen Roman im Roman, mit einem Literaturhybrid zwischen Fiktion und Biografie geschaffen, in der Protagonist und Autor abwechselnd erzählen. So enthält die Geschichte immer wieder unerwartete Wendungen und Überraschungen und erst zum Ende hin bekommt man ein Gesamtbild.

Mit »Was du nie siehst« hat Tibor Baumann es geschafft, dass man sich als Leser in die Welt eines erblindeten Menschen versetzen kann. Obwohl manche Szenen so absurd anmuten, sind sie so real beschrieben, dass man eine Gänsehaut bekommt. Wie zum Beispiel, als Hansi auf einer Party tastend durch ein mit Menschen gefülltes Zimmer den Dieb seines Handys verfolgt und sich mit ihm prügelt.

In diesem Buch stellt sich der Autor mit ungewöhnlicher Offenheit, Nachdenklichkeit, humoriger Attitüde und »augenzwinkernden« Dialogen diesen aufeinanderprallenden Welten von Blinden und Sehenden.

Ein absolut empfehlenswertes Buch, das zum Nachdenken anregt. Tiefgründig, dabei aber leicht zu lesen und vor allem spannend. Es waren lange Lesenächte, in denen es mir schwerfiel, dieses Buch aus der Hand zu legen, nachdem ich mich einmal auf die turbulente Achterbahnfahrt durch die Tücken des Alltags mit Hansi, diesem so besonderen blinden Typen, eingelassen hatte.

Tibor Baumann: »Was du nie siehst«, Carpathia Verlag, ISBN 978-3-943709-75-9, Hardcover, 25 Euro. Das Buch ist auch als E-Book erhältlich und erscheint voraussichtlich im Herbst als Braille-Version.
Marie Hoepfner, die Rezensentin, engagiert sich ehrenamtlich im Mitarbeiterkreis des Evangelischen Blindendienstes Berlin der Berliner Stadtmission. Sie begleitet blinde Menschen bei Freizeitausflügen, kulturellen Veranstaltungen sowie bei Workshops und Seminaren in und außerhalb Berlins.

Mehr zum Buch auf der Website des Verlags

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Schön sortiert von A bis Z

Tocotronic-Texter Dirk von Lowtzow verrät erneut Privates

Es ist Mittwoch, ich bin seit einer Woche wieder in Berlin und freue mich auf die »Aus dem Dachsbau«-Lesung von Dirk von Lowtzow im Kreuzberger HAU. In dieser Kolumne hier habe ich schon einmal über Dirk von Lowtzow erzählt, der als zauberhaftes Sprachtalent die so kunstvoll ausgestalteten, perfekt pointierten, lehrreich verwobenen und anmutig schönen Texte der Band Tocotronic schreibt und interpretiert.

Dirk von Lowtzow ist, obwohl im zugegebenermaßen recht kleinen Tocotronic-Kosmos eine gottähnliche Figur, eher eine Hintergrundperson. Im Gegensatz zu so manch anderen Stars weiß man praktisch nichts über ihn. Seine sexuelle Orientierung ist genauso unklar wie irgendetwas über seine Familie. Bis jetzt. Oder zumindest bis vor ein paar Jahren.

Mit dem Album »Die Unendlichkeit« thematisiert Dirk (wie er sich wohl selbst auch in Interviews nennen würde) neben der 25-jährigen, fühlbar unendlichen Bandgeschichte auch seine eigene Geschichte. Er singt erstmals über seine Homosexualität, einen unerwarteten Tod und seine Kindheit. Die Songs sind dabei so privat, als würde man mit dem Sänger ganz trinkselig vorm Kamin sitzen. Aber wer mehr dazu lesen will, guckt lieber noch einmal in die KuK vom Februar 2018.
Nun hat er unter dem Titel »Aus dem Dachsbau« ein Buch geschrieben, in dem Dirk den (bitte nicht falsch verstehen) im Unendlichkeits-Album noch nicht verarbeiteten Narzissmus in Form einer Autobiografie herauslässt.

Es wäre komisch, hätte der Sänger seine Autobiografie so einfach chronologisch über sein Leben verfasst. Es ist eine Enzyklopädie. Ein Wort, das wie kein anderes so hervorragend zur Dirk von Lowtzow passt. Und die Leserin erwarten kleine Lebensgeschichten, schön sortiert von A bis Z.
Im HAU beginnt er die Lesung mit einer Geschichte von seinem verstorbenen, langen und besten Freund Alexander. Eigentlich, so stellt er später heraus, drehe sich das ganze Buch um Alexander. Na ja, und eben ganz viel um Gitarre, Stimme, Schlagzeug, Bass. Und das alles in schönstem Tocotronic-Deutsch.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2019.