Engagement fast bis zum Umfallen

Der Möckernkiez e.V. kümmert sich um Kultur, sozialen Zusammenhalt und mischt sich ein

Im Möckernkiez e.V. aktiv: Eva Zimmermann, Meike von Appen, Anja Koeller, Thomas Fues (v.li.). Foto: ksk

An der Wand hängen ganz viele Zettel. Da steht mit buntem Filzstift geschrieben: »AG Mobilität«, »AG Barrierefreiheit«, »AG Kommunikation« und »AG Grüner Daumen«. Wer im Netz den Terminkalender des Möckernkiez e.V. studiert, gewinnt vollends den Eindruck, es handle sich um eine ausgewachsene Volkshochschule.

Anderswo leben Menschen häufig nebeneinander her und wissen kaum voneinander. Im Möckernkiez soll das anders sein. »Ich bin hergezogen mit dem Gedanken: Hier kann man sich engagieren, bis man tot umfällt. Hier gibt es soziale Treffpunkte«, sagt Meike von Appen von der AG Kultur.

Heute Vormittag zum Beispiel einen Kurs zum »Sicheren Umgang mit dem Smartphone«. Danach tagt die Öko AG zum Dragonerareal, später ist »Yoga am Mittag« angesagt. Am Nachmittag Kindercafé, Malgruppe und noch ein Hausgruppentreffen.

Die 471 Wohnungen im Möckernkiez gehören alle einer Genossenschaft. Vor einigen Jahren geriet das ehrgeizige Projekt wegen Geldproblemen in die Schlagzeilen. Doch inzwischen sind alle Wohnungen bezogen und es ist Ruhe eingekehrt.

Gewiss, die Mieten liegen nicht eben niedrig. Andererseits muss niemand fürchten, von Spekulanten herausgeklagt zu werden. Es ist ein ökologisches und vor allem ein soziales Modellprojekt. Besonders wichtig sind die Gemeinschaftsräume – der schöne »Multifunktionsraum«, die Werkstatt, der Cafébereich »Möca«.

Dort treffen sich Arbeitsgruppen, dort wird der 14-tägige Newsletter erstellt, dort tagen die Hausgruppen. Heute zie­hen Eva Zimmermann, Meike von Appen, Anja Koeller und Thomas Fues vom Moeckernkiez e.V. dort eine Bilanz.

Treffpunkt Möca. Foto: ksk

Tatsächlich ist der Verein sogar älter als die Genossenschaft selbst und so etwas wie ihre Keimzelle gewesen. Aber mit den vielen Angeboten richtig in Fahrt gekommen ist er erst jetzt. Ein Jahr lang haben die Aktiven Erfahrungen gesammelt. Jetzt wollen sie »noch mehr nach außen gehen«, sagen sie, »und klarmachen, dass Menschen aus der Umgebung auch eingeladen sind«.

Denn der Verein betreibt nicht nur Nabelschau, sondern mischt sich ein. Zu einem Vortrag des Verbands der Wohnungsunternehmen kamen mehr als 100 Zuhörer. Spitzenpolitiker von Linken und Grünen sprachen vor, und weil der Möckernkiez eine »Genossenschaft von unten« ist, so Thomas Fues, gehen Mitglieder auch mal demonstrieren, wenn es gegen hohe Mieten geht.

Im Möckernkiez ist mächtig viel los. Von Appen erinnert an den Vortrag eines Bestatters: »Nachher konnte ich mit meiner 98-jährigen Mutter über das Thema sprechen.« Eva Zimmermann stellt Fotos aus und hat einen eigenen Film mit dem Titel »Zeitzeugen« gezeigt.

Jetzt muss sich das reiche kulturelle und soziale Leben hinter der eher abschreckend wirkenden Front an der Yorckstraße nur noch mehr herumsprechen. Zimmermann hat schon Leute getroffen, die sagten: »Dass hinter diesem Block da Menschen wohnen – da wäre ich nie drauf gekommen.«

Hier der aktuelle Veranstaltungskalender des Möckernkiez e.V.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Mit zweierlei Maß gemessen

Natürlich kann man sich, so wie es der Senat tut, schulterzuckend auf den Standpunkt stellen und zur Möckerkiez-Genossenschaft sagen: »Pech, verzockt.« Ausgerechnet der Senat, der König aller Zockervereine, der sich seit Jahren beim Flughafen ebenso verzockt hat wie bei der Abstimmung übers Tempelhofer Feld.

Bis zu 22.000 neue Wohnungen will der neue Regierende Michael Müller jedes Jahr aus dem Hut zaubern. Doch gegen viele Projekte regt sich Widerstand. Ob auf den Buckower Feldern oder der ehemaligen Kleingartenkolonie Oeynhausen.

Hier gab es keinen Protest, sondern engagierte Bürger. Und würde der Senat an die Genossenschaft die gleiche Messlatte anlegen, wie an BER, müsste er nicht nur eine Bürgschaft abgeben, sondern die Genossen mit Geld überschütten. Am Gleisdreieck wird sich zeigen, wie ernst es Müller mit seiner Wohnungspolitik ist.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2015.

Ein Projekt hängt in der Luft

Monika Herrmann hofft auf Landesbürgschaft für Möckernkiez

Stillstand: Derzeit geht auf den Baustellen am Gleisdreick nichts.

Foto: pskStillstand: Derzeit geht auf den Baustellen am Gleisdreick nichts. Foto: psk

Es hätte zumindest eine gute Antwort auf die Verdrängungsdebatte sein können: das Projekt Möckernkiez. Am Rande des Ostparks am Gleisdreieck sollte auf genossenschaftlicher Basis ein ganz neues Stadtviertel entstehen, mit bezahlbarem Wohnraum, einem Biosupermarkt, einem integrativen Hotel. Insgesamt 464 Wohnungen verteilt auf 15 Gebäude auf drei Hektar.

Die Rechnung klang zunächst recht vielversprechend: Die Genossen sollten 30 Prozent des Wertes der Wohnung einzahlen und nach dem Bezug eine vergleichsweise moderate Miete von im Schnitt acht Euro pro Quadaratmeter berappen. Das hätte – aus Sicht des Jahres 2010, als das Projekt startete – vielleicht auch funktioniert. Allerdings sind in Berlin in diesen vier Jahren die Mieten um satte 40 Prozent gestiegen. Das blieb auch nicht ohne Folgen für das Projekt Möckernkiez. War 2010 mit einem Quadratmeterpreis von 2000 Euro kalkuliert worden, liegt er jetzt bei 2750 Euro.

Doch damit noch nicht genug der Probleme. Weder das geplante Hotel, noch der Biosupermarkt werden nach jetzigem Stand realisiert werden.

Alles in allem fehlten der Genossenschaft Anfang Dezember noch rund fünf Millionen Euro, um das angestrebte Eigenkapital von 32,6 Millionen zu erreichen. Das Gesamtprojekt umfasst inzwischen ein Volumen von 124 Millionen Euro. Geplant waren 80 Millionen. Das Problem bislang: Die Banken wollen nicht mitmachen.

Für die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann sollte das Projekt an dieser Hürde nicht scheitern. »Eine Bürgschaft vom Senat fände ich nicht schlecht«, meint sie. »Man kann die Leute jetzt nicht hängen lassen. Da hängen Existenzen kleiner Leute dran. Hier sollte sich die Landesregierung einen Ruck geben.«

Doch im Moment scheint die Landesregierung noch gar nicht daran zu denken. Bau-Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup jedenfalls sagte dem rbb gegenüber klipp und klar: »Das Land bürgt nicht.«

Senatserinnerungen an das Tempodrom

Der Staatssekretär erinnert daran, dass der Senat gerade in Kreuzberg mit Bürgschaften schlechte Erfahrungen gemacht hat und verweist auf das Tempodrom, das ja in Sichtweite des Möckernkiezes liegt.

Die Empfehlung ist denn auch eine ganz einfache: Entweder soll sich die Genossenschaft irgendwie mit den Banken einigen oder eine größere Wohnungsgenossenschaft mit ins Boot nehmen.

Ob das allerdings die Lösung ist? Mit ihrer Planung wollten sich die Genossen ja gerade von anderen genossenschaftlichen Projekten abheben.

Das sieht auch die Bezirksbürgermeisterin so. Sie spricht von einem »sehr bezirklichen Herangehen.« Zwar räumt sie ein, dass die Planungen vielleicht etwas großzügig ausgefallen sind, erinnert aber daran, wer hier investiert. Hier gehe es um Menschen, die nicht zu den Besserverdienenden gehörten und die zum Teil ihre ganzen Ersparnisse als eine Art Alterssicherung in das Projekt gesteckt hätten.

Von den 15 geplanten Gebäuden stehen bislang vier im Rohbau, die vorerst alle winterfest gemacht worden sind. Ansonsten ist auf den Baustellen in den letzten Monaten nicht mehr sehr viel gelaufen.

Das heißt nicht, dass das Projekt am Ende ist, aber es hängt in der Schwebe. Derzeit hat die Genossenschaft etwa 1.300 Mitglieder und es kommen noch neue hinzu. Für die wird es allerdings deutlich teurer, als ursprünglich gedacht. Sie werden nun 40 statt 30 Prozent der Bausumme einbezahlen müssen. Bei einer vier Zimmer-Wohnung mit 100 Quadratmetern sind das trotzdem noch weniger als 100.000 Euro. Allerdings dürften dann die Mieten nicht mehr ganz so günstig sein, wie gedacht.

Letztlich hängt alles daran, was für einen Partner die Möckernkiez Genossenschaft am Ende finden wird und zu welchen Konzessionen die Mitglieder bereit sind. So scheinen derzeit noch viele Möglichkeiten offen. Allerdings wird die Situation neu bewertet werden müssen. Die Genossenschaft hat reagiert und den Vorstand zum Jahrebeginn auf fünf Mitglieder erweitert.

Das einzige was sicher ist: Eine Bauruine wird dort nicht stehen bleiben. Was jetzt schon steht ist ein gefundenes Fressen für Baulöwen und Immobilienhaie.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2015.