Die Invasion der Fahrradfahrer

Beim Kampf um den Straßenraum bleiben Fußgänger zunehmend auf der Strecke

Was Fußgänger nervt: Zu wenig Platz! Links der Fahrradweg, rechts die Tische des Restaurants. Und auch noch Gegenverkehr! / Radfahrer haben auf Fußwegen nichts verloren. Mit Ausnahme von Kindern, evtl. in Begleitung von Erwachsenen. Fotos: ksk

Dass die Corona-Pandemie nicht mehr so ernst genommen wurde und die Menschen sich wieder auf die Straße trauten, erkannte man auch an den vielen Fahrradfahrern auf den Trottoirs. Aus Angst vor Viren in der U-Bahn holten offenbar viele ihr kaum genutztes Rad aus dem Keller, und weil sie wenig Erfahrung im Straßenverkehr hatten, fluteten sie damit erst einmal die Bürgersteige.

Nur ein aktueller Akzent in dem sich seit Jahren zuspitzenden Kampf um den Straßenraum. Dieser Raum ist begrenzt, miteinander konkurrierende Nutzer gibt es bekanntlich viele. Üblicherweise stehen dabei Auto und Fahrrad im Vordergrund. Mit Recht: 2018 starben in Berlin bei Unfällen elf Radler, 2019 sechs, im laufenden Jahr bisher neun.

Bei dem Streit geht es aber nicht nur um Sicherheit und eine optimale Verteilung der Verkehrsfläche. Weil es einerseits Ressourcen verbraucht und andererseits Schadstoffe produziert, gilt das Auto grundsätzlich als obsolet und das alternative Fahrrad oft als Allheilmittel. Dabei wird übersehen, dass es auch zwischen Fahrradfahrern und Fußgängern massive Konflikte gibt. Fußgänger sind die mit Abstand schwächsten Verkehrsteilnehmer und bleiben in der Regel – ob nun mit oder ohne Rollator, mit oder ohne Kinderwagen und Einkaufstaschen – außen vor.

Ihre Hauptbedrohung ist ebenfalls das Auto. 2018 starben in Berlin 19 Fußgänger auf der Straße, 2019 sogar 24. Wenn hingegen Fußgänger und Radler aneinandergeraten, geht es meistens eher glimpflich ab. Aber während der Fußgänger weiß, wo er mit Autos zu rechnen hat und wie er sich schützen kann, trifft ihn die Invasion der Fahrradfahrer unvorbereitet und überall. Auch der Bürgersteig, wo er sich bisher sicher fühlen konnte, wird zu einem Ort der Gefahr. Damit wird der Fußgänger im öffentlichen Raum heimatlos.

An keinem Ort sind Fußgänger wirklich sicher

Wie stark der Fahrradverkehr Fußgänger beeinträchtigt, hat Kiez und Kneipe an der Kreuzung Blücherstraße / Zossener Straße untersucht. Eigentlich eine recht normale Kreuzung – mit Ausnahme des Rad-/Fußwegs zur Gedenkbibliothek, der an der Nordwest-Ecke abzweigt. Im Sommer 2017 wurde der nordöstliche Quadrant fahrradgerecht umgebaut: Von der Blücherstraße rechts abbiegende Radler werden nun vorher ausgefädelt und erhielten eine Abbiegespur ohne Ampelstopp auf dem Bürgersteig. Linksabbieger auf der Zossener Straße bekamen ebenfalls eine eigene Spur.

Die Kreuzung Blücherstraße / Zossener Straße: rechts oben die Heilig-Kreuz-Kirche; links oben geht es zur AGB. Grau sind für Fahrradfahrer reservierte Flächen markiert; die roten Pfeile bezeichnen ergänzend ihre tatsächlichen Wege. Viele davon verlaufen auf dem Gehsteig, auf Fußgängerfurten oder in der eigentlich verbotenen Gegenrichtung. Skizze: ksk

Die Verkehrsführung wirkt kompliziert und erinnert insgesamt an ein kreuzungsfreies Autobahnkleeblatt. Damit würden »Nutzungskonflikte zwischen dem motorisierten und dem Fahrradverkehr reduziert«, sagte Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) bei der Eröffnung stolz. Über Konflikte mit Fußgängern sprach er nicht – diese werden durch den Abbieger auf dem Trottoir erst geschaffen.

Die KuK hat den Verkehr an einem Wochentag um 17 Uhr dokumentiert. Es zeigte sich:

•  Viele Radfahrer lieben den Bürgersteig. Selbst in Ost-West-Richtung wird oft der geschwungene Rechtsabbieger auf dem Trottoir benutzt, um dann direkt vor der Heilig-Kreuz-Kirche die Zossener Straße via Fußgängerfurt zu überqueren.

•  Alle Radwege sind Einbahnstraßen. Tatsächlich spielt das keine große Rolle, Geisterfahrer sind angesagt. Wenn es auf dem Radweg zu voll wird, dann eben auf dem Bürgersteig.

•  Linksabbieger nehmen fast immer die für Radfahrer verbotenen Fußgängerfurten; die neue Abbiegespur auf der Zossener Straße wurde nicht benutzt.

Resümee: Egal was die Markierungen sagen mögen, auf dieser Kreuzung ist ein Fußgänger an keinem einzigen Ort wirklich sicher. Aus allen Richtungen wird er von in der Regel deutlich schnelleren Radlern bedroht. Ganz heikel ist die Situation vor der Heilig-Kreuz-Kirche. Die Abbiegespur, ohne Warnschilder oder Zebrastreifen, macht diesen Raum praktisch tot. Hier herrscht für unaufmerksame Flaneure tatsächlich Lebensgefahr.

Soweit erste Ergebnisse der improvisierten KuK-Dokumentation.

Ein „Vertiefungsplan Fußverkehr“ soll es jetzt besser machen

Immerhin wurde auf Antrag der Grünen kürzlich beschlossen, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg einen »Vertiefungsplan Fußverkehr« auf­stellen soll. Von massiven Konflikten mit Fahrradfahrern ist dort aber keine Rede. Verbesserungen für Fußgänger sollen offenbar weitgehend zu Lasten des Autoverkehrs erfolgen.

Viele Forderungen (mehr Kontrollen von Falschparkern, optimierte Ampelphasen, Absenkung von Bordsteinen etc.) sind zu begrüßen, werden an der Situation auf den Bürgersteigen aber nichts ändern. Andere Vorschläge sind ohnehin nur kosmetischer Natur. Man möge zur besseren Orientierung der Fußgänger, heißt es zum Beispiel, doch bitte auf Straßenschildern künftig wieder die Nummerierung der Häuser bis zur nächsten Querstraße anzeigen.

 

Was Fußgänger nervt: Hindernisse auf dem Trottoir. Ganz besonders verhasst sind versiffte Sofagarnituren, Leihfahrräder und Elektro-Roller. / Grün für die Fußgänger, rot für die Radlerin. Trotzdem glaubt sie offenbar, dass sie Vorfahrt hat. Fotos: ksk

An den Rand gedrängt

Roland Stimpel Foto: Silke Reents

Roland Stimpel ist Vorstand des Fachverbandes Fuss e.V. Mit ihm sprach Klaus Stark.

KuK: Warum brauchen Fußgänger einen eigenen Verband?

Stimpel: Fußgänger werden seit hundert Jahren an den Rand gedrängt. Das Auto steht im Mittelpunkt. Schnell geht vor langsam. Das muss sich ändern.

Berlin besitzt seit 2012 eine Fußverkehrsstrategie. Wird die Situation langsam besser?

In der Theorie schon. Aber in der Praxis ist nicht viel geschehen. Das hängt auch mit der Berliner Bürokratie zusammen. Sie brauchen drei Jahre und 18 Verwaltungsschritte, nur um einen einzigen Zebrastreifen einzurichten. Insgesamt gibt es ein großes Vollzugsdefizit.

Betrachten Sie neben Autos auch Radfahrer als Gefahr?

Wir sehen die vielen Fahrradfahrer mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Keine Frage: Jedes Fahrrad ist besser als jedes Auto. Aber es ist auch heikel, dass das Rad in Räume eindringt, die vom Auto bisher verschont wurden.

Wie kriegt man die Gehwegradler in den Griff?

Mit Zuckerbrot und Peitsche. Man muss ihnen klarmachen, dass ihr Verhalten auf Kosten der noch Schwächeren geht. Aber was verboten ist, sollte auch härter bestraft werden. In Paris zahlen Sie dafür 135 Euro, das spricht sich herum und auf den Boulevards können Sie recht frei flanieren.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Innerorts sollte generell Tempo 30 gelten. Das ist der Schlüssel für ganz viel mehr Sicherheit. Dann sollte man die Bürgersteige wirklich freihalten zum Gehen und für die menschliche Kommunikation, Breite mindestens 2,50 Meter. Drittens sollten Gehwege an Kreuzungen ihr Niveau beibehalten, Autos also über eine Schwelle müssen. Schließlich ist Gehen nach wie vor das zentrale und wichtigste Mittel der Fortbewegung.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Kreuzberg war immer sein Sehnsuchtsort

Der Maler und Poet Kurt Mühlenhaupt hat nun in der Fidicinstraße 40 ein eigenes Museum

Ein Suchbild: Christina Schulz (li.) und Hannelore Mühlenhaupt (re). Aber ist das wirklich die Arndt- mit Blick auf die Friesenstraße? Und wer ist der kleine Mann links unten mit der roten Zipfelmütze? Fotos: ksk

Erst einmal gibt es ein herzhaftes Frühstück mit frischen Brötchen und leckerem Käse, und Christina Schulz berichtet schon mal ein wenig über den Umzug: »Wir hatten nie ein festes Datum, das hat so vor zwölf, vierzehn Monaten angefangen.« Kiste um Kiste wurde von Bergsdorf in die Fidicinstraße geschleppt. »Wir sind ja in der Regel da, und wenn jemand vorbeikommt, dann schließen wir die Tür auf und kochen Kaffee«, heißt es.

Ein paar Veranstaltungen fanden schon statt. Aber jetzt, Anfang März, geht es ganz offiziell los. Der bekannte Kreuzberger Milieumaler, Bildhauer, Trödler und Poet Kurt Mühlenhaupt ist nach Berlin zurückgekehrt und hat jetzt dort ein eigenes Museum bekommen.

Schulz selbst ist künstlerische Leiterin und so etwas wie die rechte Hand von Hannelore Mühlenhaupt. Zusammen mit Hund »Othello« sitzen sie inmitten all der bunten Bilder, Porträts, Straßenszenen, Stilleben und erzählen Geschichten.

Noch kurz vor der Wende hatten die Mühlenhaupts den urigen Hinterhof erworben. Das Theater Thikwa ist dort untergebracht, das englische Theater, ein Puppenspieltheater – und jetzt eben das neue Kurt-Mühlenhaupt-Museum. »Dreimal wurde der Kurt wegsaniert in Kreuzberg – in der Blücherstraße, am Chamissoplatz und letztendlich auch im Leierkasten«, sagt seine Frau. »Mein Mann hatte ungern jemanden über sich, er hatte viele Visionen und es hat ihn ganz toll gefuchst, dass jemand stärker ist als er und ihn einfach rauswerfen kann.«

Eigentlich sollten die Höfe in der Fidicinstraße schon damals zum neuen Lebensmittelpunkt werden. Aber das hatte seine Tücken: Bald saßen alle möglichen Lebenskünstler und Schluckspechte mit Kurt im Atelier, Hannelore spielte den Zerberus und verbannte allen Alkohol. »Das hat nichts genützt, da gab es morgens um zehn schon das erste Bier.« Schließlich zogen die beiden nach Bergsdorf bei Zehdenick im schönen Brandenburg und erkundeten dort den Osten – wo der Maler 2006 im Alter von 85 Jahren starb.

Hannelore stammt von einem Einödhof, zehn Einwohner, hundert Kühe, aus dem Fränkischen. Sie glaubt, dass dieses West-Ost-Ding eigentlich »ein Stadt-Land-Ding« ist, und kann wunderbare Geschichten aus Bergsdorf erzählen, wie der Ex-LPG-Vorsitzende »mit dem Jeep vorfuhr« und »Uschi und Sandra« beim Kuchen backen halfen.

Aber »das Kurtchen« war eben doch Kreuzberger, wo er die kleinen Leute, die Handwerker, Putzfrauen, Kellner und Straßenkehrer porträtiert hatte. Deshalb wurde der Gutshof nun an Chinesen verkauft, Hannelore stapft jeden Morgen den Kreuzberg hinauf und sagt: »Wir sind ganz glücklich hier. Die Fidicinstraße ist ja auch eine Art Dorf.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der KuK vom Januar 2020: Kurt Mühlenhaupt kehrt nach Kreuzberg zurück

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2020.

Mein Freund, der Baum, lebt!

Anfang März gehen an der Mittenwalder / Blücherstraße endlich die Lichter an

Trotz neuer Ampeln dürfen an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße alle Bäume stehen bleiben. Foto: ksk

Uns erreichen immer mehr Anfragen, ja sogar Beschwerden, was es mit den Ampeln an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße auf sich hat. Nicht eigentlich zu den Ampeln, die sind ja noch gar nicht da, sondern gerade deswegen: Warum sie nämlich so lange auf sich warten lassen. Seit Ende August wird an der Kreuzung herumgebastelt. Es wurden wundervolle Linksabbiegerspuren eingerichtet, ein aufwändiges Blindenleitsystem, sogar Tempo 30 gibt es dort im Moment – allerdings nur vorläufig, wie man erfährt. Nur die versprochenen Ampeln fehlen noch. Die stählernen Masten existieren schon, wären sie lebendig, würde man vielleicht sagen, sie strecken „anklagend die Hände zum grauen Winterhimmel“ empor, aber statt dessen stehen sie nur etwas ratlos in der Gegend herum und das tun viele verunsicherte Anwohner auch.

Da hat die KuK natürlich nachgefragt. Die gute Nachricht: Es liegt nicht am üblichen Berliner Schlendrian, den böse Zungen gern unterstellen, dass der harmlose Umbau einer Kreuzung nicht Ende Oktober 2019 fertig geworden ist, wie ursprünglich angekündigt, sondern immer noch nicht. Es liegt an einem Baum! Tatsächlich stehen direkt an der Kreuzung ein paar Bäume herum, vermutlich Platanen, und da musste erst umfänglich geklärt werden, ob angesichts der „neuen Lichtsignalanlage“ speziell „der Standort eines Baumes so bleiben kann“. Bei der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr heißt es nun: „Diese Klärung ist abgeschlossen, der Baum kann stehen bleiben.“ Das ist die zweite gute Nachricht.

Die dritte gute Nachricht ist, dass die Ampeln jetzt endlich – Ende Februar, Anfang März – doch kommen sollen, wie die zuständige Alliander Stadtlicht GmbH versichert. Die vierte: Der Umbau sollte mit Stand August 380.000 Euro kosten, inzwischen ist von 385.000 Euro die Rede. Und über so eine geringe Steigerung muss sich nun wirklich niemand aufregen.

 

Ampeln am Unfallschwerpunkt

Mittenwalder Straße bis Oktober gesperrt

Labyrinthische Plastikabsperrungen an der Mittenwalder Straße. Fotos: ksk

Das erste Labyrinth der Geschichte, das König Minos auf Kreta anlegen ließ, war so kompliziert, dass man nur mit Hilfe von Ariadnes Faden wieder herausfand. So einen Faden hätte man jetzt gerne zwischen all den komplizierten Schranken und Hinweisschildern an der Kreuzung Mittenwalder / Blücherstraße. Nun ist das aber gar kein Labyrinth.

Vielleicht der neue Lagerplatz für alle hässlichen orangen Plastikabsperrungen in Berlin? Auch falsch. Nur eine simple Baustelle. Weil es an der Kreuzung immer wieder zu Unfällen kommt, erhält sie eine behindertengerecht ausgebaute Ampelanlage, Kosten: 380 000 Euro.

Mittenwalder Straße gesperrt, Brachvogelstraße gesperrt, mindestens bis Ende Oktober. Fehlen nur noch ein paar große Findlinge.

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Die meisten Brunnen sind kaputt

Mitten in der Jahrhunderthitze macht Kiez und Kneipe den großen Schwengelpumpentest

Seltene Glücksmomente für Bienenschützer und die Freunde von Straßenbäumen: Das Wasser fließt! Hier an der Ecke Schleiermacher- / Blücherstraße. Foto: ksk

Unauffällig stehen sie am Gehsteigrand. Wer nicht bewusst auf sie achtet, sieht sie oft gar nicht. Wahre Kunstwerke sind darunter, zum Beispiel die alten Lauchhammerpumpen aus dem 19. Jahrhundert mit dem Fischkopf, dem Drachenkopf oder dem Pelikan. Berlin hat einen großen Schatz: Es sind an die 2000 von der öffentlichen Wasserversorgung unabhängige Straßenbrunnen.

Die Idee mit den Pumpen geht auf den Großen Kurfürsten zurück, der 1666 »für Berlin und Cölln die Ordnung feststellte, welche bei der Benutzung und Unterhaltung der öffentlichen Straßenbrunnen beobachtet werden sollte«, wie der Historiker Ernst Fidicin später berichtete. Heute existieren in Kreuzberg noch rund 100 und in Friedrichshain knapp 50 davon.

Sie heißen im Volksmund »Plumpe«, liefern nur Brauchwasser und dienen in Zeiten, in denen das Trinkwasser auf Knopfdruck sprudelt, als eine Art Notwasserversorgung für Krisenfälle. Etwa die Hälfte gehört dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die andere dem Land.

Natürlich können Kinder an so einer Pumpe auch wunderbar herumplanschen. Und sie könnten die Geheimwaffe gegen trockene Sommer, gegen dürstende Straßenbäume und dahinwelkende Wildblumen sein. Wenn, ja wenn die wunderbaren Pumpen nur funktionieren würden. Denn das tun sie häufig nicht.

Mitten in der Jahrhunderthitze hat die KuKden großen Plumpentest gemacht. Im engeren Verbreitungsgebiet existieren laut Plan 34 solcher Pumpen. Zwei davon wurden ohnehin entfernt. Von den übrigen 32 Straßenbrunnen spenden lediglich elf frisches Wasser. Die restlichen 21 sind versiegt.

Wie Pumpe Nummer 4 am Marheinekeplatz. »Die ist schon lange kaputt«, klagt eine Frau, die auf dem Flohmarkt einen Stand mit Playmobilfiguren betreibt. »Wenn Touristen kommen, sag ich immer: Pass auf, sonst fällt dir der Schwengel noch auf den Kopf!« Nummer 52 am Chamissoplatz war ein Jahr lang tot, jetzt geht sie wieder. »Aber die ist so schwergängig, dass ich immer Leute zum Helfen brauche«, beschwert sich eine Frau, die dort Blumen einpflanzt.

Der Pumpentyp »Lauchhammer I« von 1895 mit dem berühmten Fischmaul. Hier vor der Nostitzstraße 49. Foto: ksk

Laut Bezirksamt kostet die Reparatur einer Pumpe nur zwischen 2000 und 10 000 Euro. Warum werden sie nicht flächendeckend alle wieder in Gang gebracht? Vor allem der Bund lässt sich damit Zeit. Tatsächlich haben beim KuK-Test von den 18 Landesbrunnen im Kiez immerhin acht, von den 14 Bundesbrunnen aber nur drei funktioniert.

Es sei in den letzten Jahren ein »erheblicher Investitionsstau« entstanden, gibt das Bonner Bundesamt für Bevölkerungsschutz zu. Gegen das Wässern von Straßenbäumen hat man dort nichts einzuwenden. Allerdings bestehe kein Anspruch auf eine »irgendwie geartete Lieferleistung«.

Derweil hat der Bezirk wieder alle Bürger dazu aufgerufen, angesichts der herrschenden Trockenheit bei der Rettung der Straßenbäume mitzuhelfen. »Jeder Liter zählt«, so Stadtrat Florian Schmidt. Zwei bis drei Eimer pro Baum und Tag sollten es mindestens sein. Woher das Wasser kommen soll, erklärt er nicht. Notfalls eben von der Rentnerin aus dem fünften Stock.

Letzten Sommer wurde noch eine Karte der Schwengelpumpen publiziert. Traut man sich offenbar gar nicht mehr. Hülfe auch wenig genug – die meisten sind ohnehin außer Betrieb.

 

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2019.

Es gibt nicht immer ein Happy End

Klaus Stark spricht mit Antje Lange vom Förderverein des House of Life

Antje Lange Foto: ksk

Wer erklären will, womit sich Antje Lange beschäftigt, muss zuerst über das House of Life reden. Das ist eine Pflegeeinrichtung für junge Erwachsene in der Blücherstraße. Hier landen Menschen, die zu jung für ein Seniorenheim sind und zu krank für betreutes Wohnen. Meist nach schweren Schicksalsschlägen: einem Unfall, einem Schlaganfall, einer langen Suchtproblematik oder chronischen Krankheiten – wie der furchtbaren Chorea Huntington, wo man nur zusehen kann, wie ein Mensch allmählich die Kontrolle über sich verliert.

Antje Lange ist 77 Jahre alt und engagiert sich seit zwölf Jahren im Förderverein. Die Einrichtung selbst ist für die Pflege der Patienten zuständig, der ehrenamtlich tätige Verein kümmert sich um ergänzende Angebote. »Projekte«, sagt sie. »Wir hatten schon so viele Projekte!« Da ist das »Café Bohne«, das am Wochenende geöffnet hat. Der Computerraum. Drei Bücher haben sie herausgegeben, über Bewohner, über Pflegekräfte und Angehörige, über den Kontakt mit Geflüchteten. Konzerte gibt es, jedes Jahr einen Kalender, die »Kiez-Community« knüpfte ein Netz mit der Nachbarschaft.

»Ziel ist immer, dass es ein Happy End gibt«, sagt sie. Doch in einer Einrichtung wie dem House of Life gibt es nur selten ein Happy End. Selbst zu einem Konzert unten auf der großen Bühne kommen von den mehr als hundert Bewohnern oft nur wenige herunter. »Aber wenn auch nur zwei, drei richtig begeistert sind, ist das schon ein sehr schönes Gefühl!«

Als sie damals in Rente ging, hatte sie nach einer neuen Herausforderung gesucht: »Ich hab immer bei irgendwas mitgemacht.« Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sie als Kriegskind noch die Flucht aus dem heimatlichen Danzig miterleben musste. Da saß sie als dreieinhalbjähriges Mädchen hinten im DKW, der von Pferden gezogen wurde, weil es keinen Sprit mehr gab. »Jedes Kind durfte ein Spielzeug mitnehmen, ich hab meinen Puppenwagen genommen und alles hineingestopft, aber das ging natürlich nicht.« Sie erinnert sich noch heute an Tieffliegerangriffe, bei denen alle in die Straßengräben sprangen: »Ich dachte, wir spielen Verstecken!«

Hamburg, eine kurze Episode in Bayern, dann Köln. Antje ging aufs Mädchengymnasium und hatte in der Oberstufe Dorothee Sölle als Religionslehrerin. Die große, unkonventionelle Theologin, die den christlichen Glauben von Auschwitz her neu interpretierte und Sätze prägte wie: »Am Ende der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.« Wenn sie an diese Zeit zurückdenkt, sagt Antje Lange: »Dadurch ist das alles gekommen.«

Das alles war erst einmal ein Studium der Germanistik, Philosophie und evangelischen Theologie, eine Stelle am Institut für Deutsche Sprache, dann in der Bundestagsverwaltung – zunächst in der Parlamentsdokumentation und die letzten 16 Jahre ihrer Berufstätigkeit als Gleichstellungsbeauftragte der Bundestagsverwaltung. Dort setzte sie sich für die Rechte der Frauen ein. Rita Süßmuth hat sie erlebt, Wolfgang Thierse, kurz noch Norbert Lammert.

An der Pforte saßen damals überwiegend Herren in Dienstkleidung, selbst die Bundestagsdrucksachen durften nur von gestandenen Männern verteilt werden. »Das entstand ja aus dem Nichts und musste alles neu aufgebaut werden. Da waren ein paar harte Bretter zu bohren!« Nun kann Lange schon eine Position vertreten, aber verbissen ist sie nicht. Nur in einer Sache kennt sie keinen Kompromiss: »In den Parlamenten sollten gleich viele Frauen wie Männer sitzen. Das fällt so auf bei der EU: Da ist nur Frau Merkel, ab und zu ein blauer oder roter Punkt, das ist doch unmöglich, wenn 50 Prozent der Einwohner Frauen sind!«

Aber darum sollen sich jetzt bitte Frau Barley und Frau Giffey kümmern. Antje Lange hat im House of Life zu tun. Ihr neuestes Projekt dort heißt »Kultur am Mittag«. Die Idee ist, dass große Konzertsäle und Theaterbühnen auch nachmittags öffnen, damit Menschen mit Behinderung besser daran teilnehmen können. »Das alles ist noch ganz am Anfang«, sagt sie eifrig, »aber Berlin hat den Auftrag, gemäß der UN-Behindertenkonvention.« Und die 77-Jährige strahlt, als ob sie gerade erst 50 geworden wäre.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2019.

Böse Falle Blücherstraße

Ordnungsamt verläuft sich im Schildawald

Böse Falle: Was aus Richtung der Zossener Straße ein Radweg ist (hier: linke Spur) …

Fahrradfahrer sind in Berlin einiges gewöhnt, was blockierte Radwege, Baustellen und unverständliche Beschilderungen angeht. In der Blücherstraße, gegenüber der Heilig-Kreuz-Kirche, drohte wochenlang eine ganz böse Falle. Eine harmlose Baustelle mit Gerüst und Tunnel für Radweg (links) und Gehweg (rechts). In der Gegenrichtung, von der Mittenwalder Straße aus, waren beide Passagen jedoch als Gehweg ausgeschildert. Ahnungslose Fußgänger wurden damit geradezu dazu eingeladen, auch den straßenseitigen Tunnel zu benutzen und dort mit entgegenkommenden Radlern zu kollidieren. »Das geht überhaupt nicht«, sagt Dirk von Schneidemesser vom Netzwerk Fahrradfreundliches Friedrichshain-Kreuzberg. »Damit werden Unfälle geradezu provoziert.«

… bringt in der Gegenrichtung als Gehweg Fußgänger auf Kollisionskurs. Fotos: ksk

Gefahr im Verzug? Radweg? Fußweg? Eine Beschwerde beim Ordnungsamt Mitte Juni hatte keinen Erfolg. Erst eine Mail an die Verkehrslenkung Berlin – sechs Wochen später. Nun ist das falsche Schild verschwunden, beide Spuren sind durch orange Streifen getrennt, die Einfahrt in den Radfahrertunnel ist weniger holprig. Wer wäre schuld gewesen, wäre es in diesen sechs Wochen zu einem Unfall gekommen?

»Dass unser Ordnungsamt völlig überlastet ist, ist ein offenes Geheimnis«, so Sprecherin Sara Lühmann vom Bezirksamt. Bezirksstadtrat Andy Hehmke sagt, die nicht einmal 30 Beschäftigten im Außendienst seien jetzt schon »in zwei Schichten unterwegs an sieben Tagen der Woche. Sie können nicht überall sein.«

Inzwischen stehen aus Richtung Mittenwalder gar keine Schilder mehr, aus Richtung Zossener Straße dafür aber zwei Fußgänger- und ein Radfahrerschild. Keine Ahnung, was das jetzt wieder zu bedeuten hat.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2018.

Der Spielplatz bleibt – die Kritik auch

Lebhafte Infoveranstaltung zum geplanten Bauprojekt in der Blücherstraße

Das Problem ist dasselbe wie vor einem Jahr. Plätze für Therapieeinrichtungen werden mit steigendem Wachstum der Stadt rarer und rarer. Die Mietpreiserhöhungen führen laut Bezirksstadtrat Knut Mildner-Spindler (DIE LINKE) immer häufiger dazu, dass Plätze in sozialen Einrichtungen wegfallen. Um dem entgegenzuwirken, planen die sozialen Träger »Jugendwohnen im Kiez« und »Vita e.V.« ein Gebäudeensemble in der Schleiermacher- und Blücherstaße, um den nötigen Wohnraum selbst zu schaffen.

Doch als vor knapp einem Jahr in der Heilig-Kreuz-Kirche zum ersten Infoabend über das Bauvorhaben geladen wurde, forderten die späteren Mitglieder der Nachbarschaftsinitiative »NizKe« den Erhalt des örtlichen Spielplatzes. Dieser sollte nach den ursprünglichen Plänen der sozialen Einrichtungen rund 50 Meter verschoben werden.

Nach mehreren Gesprächen der Initiative mit Baustadtrat Hans Panhoff wurden die Pläne geändert und Ende Mai auf der zweiten öffentlichen Informationsveranstaltung vorgestellt. Dazu hatten Baustadtrat Hans Panhoff sowie die Bauherren Gunter Fleischmann und Roland Schirmer in die Aula des Leibniz-Gymnasiums eingeladen.

Die Kritik an dem Bauvorhaben hatte sich jedoch inzwischen weiterentwickelt. Während die Bürgerinitiative »NizKe« ihre Ziele erreichte, bildete sich eine weitere Nachbarschaftsinitiative. Die Gegner des Bauvorhabens kritisierten mangelnde Transparenz während des Planungs- und Genehmigungsprozesses. Das Ziel sei eine rechtskonforme, baum- und klimafreundliche sowie kiezangemessene Bebauung, erklärte die Sprecherin der Initiative, Claudia Bartholomeyczik. Zusätzlich forderte die »Initiative für den Kiezerhalt« eine Aufstellung eines Bebauungsplanes zur Prüfung aller relevanten Belange. In diesem Zusammenhang berief sie sich auf einen BVV-Beschluss aus dem Februar 2016, der das Bezirksamt beauftragt, die Planungen zu überdenken und eine Bürgerbeteiligung einzurichten.

Die urspüngliche Planung (links) sah eine Verlegung des Spielplatzes in den Innenbereich vor. Nach Einwänden der Anwohner soll der Spielplatz (rechts) nun an seinem bisherigen Platz bleiben. Lediglich  seine Spitze wird ein wenig gekappt, dafür wird er etwas breiter.

Foto: pskDie urspüngliche Planung (links) sah eine Verlegung des Spielplatzes in den Innenbereich vor. Nach Einwänden der Anwohner soll der Spielplatz (rechts) nun an seinem bisherigen Platz bleiben. Lediglich seine Spitze wird ein wenig gekappt, dafür wird er etwas breiter. Foto: psk

Den Wünschen der Bürgerschaft sei man nachgegangen, entgegnete Baustadtrat Hans Panhoff. Er plädierte nach Rücksprache mit dem Baukollegium für angemessene städtebauliche Formen und »günstigere Verteilung der Baukörper und Baumassen«. Dieser Prozess sei zwar nicht ganz konfliktfrei gewesen, jedoch sei man sich darüber einig, dass sich die Überarbeitung gelohnt habe.

Die neuen Pläne berücksichtigen nun den Erhalt des Spielplatzes sowie des davor liegenden »kleinen Stadtplatzes«, wie Panhoff den verbreiterten Gehweg mit seinen Parkbänken bezeichnete. Zusätzlich wurde die Höhe der geplanten Gebäude auf maximal 18 Meter begrenzt. Dies entspricht in etwa vier Altbau-Stockwerken.

Einen Bebauungsplan soll es jedoch nicht geben. Eine informelle Bürgerbeteiligung wäre nach Aussagen Panhoffs durch die Infoveranstaltung gewährleistet. Weiterhin sollten dieser und zukünftige Info­abende genutzt werden, um Wünsche zu Änderungen an dem Bauvorhaben zu äußern.

Im Anschluss an die offiziellen Satements entspann sich eine lebhafte Diskussion über das Für und Wider des Bauprojektes. Die Gegner des Projekts konzentrierten sich dabei in erster Linie auf Anwürfe gegen die Bauverwaltung. Jedoch legte sich im Verlauf des Abends zunehmend die Kritik an dem sozialen Bauvorhaben. Ganz verstummt ist sie indes nicht. Und nachdem Hans Panhoff schon weitere Informationsveranstaltungen zu diesem Thema angekündigt hat, dürfte es noch den ein oder anderen turbulenten Abend geben.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2016.

Kühler Karneval-Neustart

Fehlende Klos lassen Besucher verzweifeln

In nahezu letzter Minute war im vergangenen Jahr der Karneval der Kulturen vor dem Aus gerettet worden. So war 2015 die Handschrift des neuen Veranstalters noch nicht erkennbar. 2016 sollte nun den wirklichen Neuanfang markieren.

Musikalischer und grüner sollte vor allem das Straßenfest werden. Mit dem neuen Veranstalter war auch die Hoffnung verbunden, dass die Kommerzialisierung, die in den letzten Jahren auf dem Blücherplatz stetig zugenommen hatte, ein wenig eingedämmt werden würde.

Der »Grüne Bereich« beim Straßenfest gehörte zu den Neuerungen des neuen Veranstalters.

Foto: pskDer »Grüne Bereich« beim Straßenfest gehörte zu den Neuerungen des neuen Veranstalters. Foto: psk

Momentaufnahmen während und nach dem Fest lassen eher darauf schließen, dass die Neuerungen noch nicht richtig angekommen sind, oder dass sich manche Dinge sogar fundamental verschlechtert haben.

Der »Grüne Bereich« führte bei einigen Besuchern zu gewissen Irritationen. So manch einer hatte es noch nicht einmal richtig mitbekommen, dass in der neu hinzugekommenen Baruther Straße und in der Zossener bis zur Blücherstraße eigentlich der Raum für ökologische Angebote sein sollte. Dass dazu auch Fischstände und Bierwagen gehörten, fiel wiederum jenen auf, die die Grüne Meile als solche durchaus erkannt hatten.

Die hölzernen Klo­häuschen kamen zwar pittoresk daher, waren aber offensichtlich auch nicht für jeden als solche zu erkennen. Andere, denen der Sinn und Zweck klar war, gaben unumwunden zu, dass ihnen Dixie-Klos lieber seien. Da wird also noch einige Überzeugungsarbeit auf die Öko-Klobetreiber zukommen.

Doch gerade die Notdurft war ein ganz großes Thema während des Karnevals der Kulturen. Viel zu wenig öffentliche Toiletten habe es gegeben, klagten viele Besucher. Diesem Umstand ist es wohl auch geschuldet, dass die Zahl der Wild- und Baumpinkler sprunghaft angestiegen ist. Selbst die Lücke zwischen zwei parkenden Autos musste so manches Mal als kurzfristige Bedürftnisanstalt herhalten. Hauseingänge, Bäume, Sträucher, Hecken und Zäune – nichts war vor den den Urin­strah­len sicher.

Auch die »Standpolitik« am Tag des große Umzugs warf Fragen auf. So musste ein überraschter und wenig erfreuter Wirt feststellen, dass ausgerechnet unmittelbar vor seinem Biergarten ein Zelt zum Zwecke des Bierausschanks aufgestellt worden war. Früher, so meinte der Wirt, hätten die Veranstalter Rücksicht auf die angrenzende Gastronomie im Kiez genommen.

Frühes Pfingstfest verhagelt Händlern die Geschäfte

Das erweiterte Musikprogramm dagegen stieß bei vielen Gästen auf Zuspruch. Zu den vier großen Bühnen sind nun noch acht kleine Bühnen in Seitenstraßen gekommen.

Allerdings war ein Besuch auf dem Straßenfest nun auch nicht gerade ein Schnäppchen. Der Caipi-Preis, so etwas wie die Preisreferenz des Festes, ist an manchen Ständen inzwischen auf sechs Euro geklettert. Allerdings ließ sich das nicht von jedem das ganze Fest über durchhalten. Überhaupt war es an dem sehr frühen Pfingstfest viel zu kühl und zu feucht, als dass die Straßenhändler voll auf ihre Kosten gekommen wären.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2016.

Karneval wird eine Frage des Geldes

Teilnehmerzahlen gehen zurück

Angetrieben mit Muskelkraft: Dieser Wagen benötigte wenigstens keinen Sprit.

Foto: mrAngetrieben mit Muskelkraft: Dieser Wagen benötigte wenigstens keinen Sprit. Foto: mr

Jahre lang hatte die brasilianische Samba-Formation Afoxé Loni den Umzug zum Karneval der Kulturen angeführt. Letztes Jahr fehlte die gelbweiße Formation. Auch in diesem Jahr hatten Gruppen abgewunken. Das Ganze wird einfach zu teuer.

Auch auf dem Straßenfest herrschte nicht nur ungetrübte Freude. Ein Wirt, der sich zum ersten Mal mit einem Stand am Straßenfest zwischen Blücherstraße und Waterloo-Ufer beteiligte, beklagte, dass er rund 3.000 Euro Verlust mit dem Abenteuer Karneval gemacht habe. Tatsächlich waren die Tage außer dem Sonntag alles andere als straßenfestkompatibel. Regen und Kühle vertrieb die meisten Festbesucher recht schnell wieder vom Ort des Geschehens.

Angesichts des Verlustes und der Standmiete von über 3.000 Euro wird der Wirt nicht wiederkommen. Auch Gruppen mit aufwändigen Kostümen und üppiger Ausstattung werden sich eine Teilnahme wohl zweimal überlegen.

Die Macher der größten Parade in Berlin fordern einen öffentlichen Topf, aus dem wenigstens die Teilnehmer des Umzugs ein wenig gesponsort werden können. Angesichts der Haushaltslage beim Senat und im Bezirk wird dies allerdings ein frommer Wunsch bleiben.

Noch immer ist der Karneval der Kulturen ein gewaltiger Magnet für die Besucher. Alleine der Umzug lockt fast eine Million Zuschauer an. Insgesamt waren die Publikumszahlen eher rückläufig, was jedoch dem Wetter geschuldet war.

Ein wenig Geld gibt‘s für die Teilnehmer ja doch – so sie zu dem Preisträgern gehörten. Bei den Gruppen gewann »Ghana« vor »Deutsch-Kameruner Grasland« und »Dancing Dragon«. Bei den Wagen wurde »Carnee« aus Argentinien und einmal mehr der Neuköllner Wagen »49 Kidz 44« ausgezeichnet.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2013.

Der Kiez hat was auf dem Kasten

Erstaunlich, wie eine kleine Idee plötzlich große Wellen wirft. Erst sollten es ja nur ein paar Kinder aus dem Kiez sein, die ein paar Verteilerkästen in der Mittenwalder Straße verschönern sollten. Inzwischen ist daraus ein ganzes Konzept für den Kiez geworden. Die Presse interessiert sich für das Treiben zwischen Blücher- und Gneisenaustraße. Es sieht nicht so aus, als ob das Projekt in absehbarer Zeit beendet würde. Im Gegenteil. Bunt bemalte ehemals graue Kästen könnten im ganzen Bezirk und vielleicht auch in der ganzen Stadt in Mode kommen. Wenn das passiert, dann hat einer ein Problem – und das ist der Energieversorger Vattenfall. Der ist ob seiner Preispolitik eh nicht besonders hoch angesiedelt auf der Beliebtheitssakala in der Stadt. Er tritt bei Großveranstaltungen gern mal als Sponsor auf, kleinere Projekte werden dagegen arrogant behandelt. Das könnte sich noch rächen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2012.

Bunte Kästen machen Schule

Projekt der MOG61 bekommt ganz neue Dimensionen

Angefangen hatte alles mit einer Idee, die eigentlich in erster Linie die Mittenwalder Straße ein wenig aufhübschen sollte. Mittlerweile hat sich das Projekt der MOG61 so verselbständigt, dass der ganze Kiez bunter wird. Außerdem sind berlinweit die Medien darauf aufmerksam geworden, dass einige graue Verteilkästen von Post und Telekom plötzlich quietschbunt mit allen denkbaren Motiven erstrahlen.

Die ersten Kästen wurden noch von Grundschülern aus der Reinhardswaldschule bemalt. Sie wurden dabei von dem Künstler Andora unterstützt. Im Sommer waren es dann Fünft- und Sechstklässler, die ihre künstlerische Ader an den Kästen erprobten. Und damit noch nicht genug. Die »Nachfolger« kamen aus dem Abiturjahrgang des Leibniz-Gymnasiums, wo das Kastenbemalungsprojekt sogar zum Objekt des Kunst-Leistungskurses geadelt wurde.

Die Vorsitzende des Vereins MOG61, Marie Hoepfner, stellt sich für die Zukunft sogar eine generationsübergreifende Zusammenarbeit vor. Wer jetzt schon dabei ist, ist Rick Ellis, vielen im Kiez bekannt, als früherer Wirt des »Mrs Lovell«. Doch Rick ist auch Künstler, der sich unter anderem auf das Schildermalen versteht, an großen Zeichentrickfilmen mitgewirkt hat, aber auch schon Zirkus- und Schaustellerwagen bemalt hat. Für ein solches Projekt, in dem es darum geht, die Straßenumgebung bunter zu gestalten, ist er nachgerade die Idealbesetzung.

Wenn es nach der MOG geht, dann sollen Rick und Andora nicht die einzigen Künstler sein, die sich an dem Bemalungsprojekt beteiligen. Im kommenden Jahr sollen auch junge Künstler in die Aktion mit einbezogen werden.

Bislang sind 19 Kästen im Kiez bemalt. Sie stehen in der Mittenwalder, der Fürbringer, der Schleiermacher und der Blücherstraße. Doch das soll längst noch nicht alles sein. Schließlich ist Kreuzberg groß und mit der Bemalung in der Gneisenaustraße warten schon die nächsten grauen Kästen auf ihre Verwandlung in ein buntes Kunstwerk.

Nur Vattenfall bleibt stur

Das ist zwar keine übermäßig teuere, aber sehr effektive Art, das Wohnumfeld zu verschönern. Trotzdem gibt‘s das alles nicht umsonst. Unterstützt wird die MOG61 dabei von Malerbetrieb Peter Dietze, der die Kästen grundiert und Farben zur Verfügung stellt.

Doch selbst, wenn die Idee noch weitere Kreise ziehen sollte, wird es trotzdem ein paar graue Flecken geben. Nicht nur Post und Telekom haben Kästen aufgestellt, sondern auch der Stromversorger Vattenfall. Der hat es bislang abgelehnt, seine Kästen bemalen zu lassen. Es wird vermutet, dass er sie als Werbeflächen nutzen will. Zumindest das wird den Kiez auch ein wenig bunter machen. Allerdings stellt sich die Frage, ob das dann so farbig und fidel wird, wie die jetzige Bemalung.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2012.

Bau auf, Bau auf

Baustellen legen Verkehr in Kreuzberg lahm

Hier baut der Bund: Baustelle Gneisenau.

Foto: piHier baut der Bund: Baustelle Gneisenau. Foto: pi

Selbst das Bauamt hat es inzwischen wohl aufgegeben und den Überblick über die Baustellen verloren. Eine Liste gibt es jedenfalls nicht. Nur soviel ist klar: Die Bauorgie im Bezirk wird noch einige Wochen weitergehen.

Ärgerlich ist es für die Autofahrer vor allem, wenn sie in Ost-West-Richtung unterwegs sind. Die drei Magistralen Gitschiner/Skalitzer, Urbanstraße und Gneise­nau­straße sind alle unterschiedlich von Baustellen betroffen. Es nützt also nicht besonders viel, von der einen auf die andere auszuweichen.

Hart hat es die Bewohner rund um den Südstern getroffen. Seit gefühlten fünf Jahren wird da nun gebaut. Grund war der Umbau des U-Bahnhofs. In den letzten Jahren waren sogar Karneval der Kulturen und der Berlin-Marathon immer wieder gezwungen gewesen, ihre angestammten Routen zu verändern. Endlich, so schien es, war ein Ende abzusehen. Die Anlagen nördlich der Kirche waren frisch eingesät, die letzten Bagger verschwunden, und dann kamen schon die nächsten. Jetzt wurde die Fahrbahndecke im Zuge der Stra­ßen­sa­nie­rung erneuert.

Inzwischen ist auch die Zufahrt zur Blücherstraße blockiert, womit eine weitere Ausweichmöglichkeit, dem zwangsläufigen Stau in der Gneisenau zu entkommen, genommen ist.

Immerhin outet sich der Übeltäter an der Gneisenau sehr klar. Hier baut nämlich die Bundesregierung, die dem staunenden Autofahrer mehr oder weniger aufdringlich auf einem Schild klarmacht, dass die Gelder aus dem Konjunkturpaket II gerade in der Gneisenaustraße verbuddelt werden.

Wenn diese Gelder ihre segensreiche Wirkung getan haben werden, dann wird der Verkehr wunderbar und ungestört durch die Gnei­se­nau­straße rollen? Von wegen. Die BVG saniert derzeit die Tunnel der U7, und das bleibt auch nicht ganz ohne Auswirkungen auf den oberirdischen Verkehr.

Wer sich dem Ost-West-Chaos entziehen will, der kann es ja einfach mit einer Nord-Süd-Verbindung versuchen. Auf der Baerwald- und Prinzenstraße kommt er allerdings auch nicht besonders weit. Auch hier wird seit Wochen gebaut. Dann nichts wie raus aus der Stadt, am besten über die Stadtautobahn, doch um dorthin zu kommen, muss der Autofahrer erstmal den Engpass auf dem Tempelhofer Damm passieren.

Bleibt noch die U-Bahn zu benutzen. Aber bitte nicht die U1. Zwischen Warschauer Brücke und Kotti gibt es Schienenersatzverkehr. Vorausgesetzt, der Bus steckt nicht im Stau fest.

Erschienen in der gedruckten KuK vom November 2009.