Das Blöde ist immer und überall

Marcel Marotzke lässt sich professionell beraten

Ischgl ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt für seine wunderschönen Konsonanten. Foto: unbek./ETH Zürich

Ich kam ein paar Minuten zu spät zu meiner samstäglichen kolumnistischen Beratungsstunde. In Mitte war fast alles gesperrt gewesen, weil rund 20.000 Menschen dort allen Ernstes »für das Ende von Corona« demonstriert hatten, wie ich einem Plakat entnehmen konnte. Wie sie sich das vorstellten, war nicht recht verständlich, und dass keiner eine Maske trug, machte ihr eigenartiges Anliegen um so unglaubwürdiger. Immerhin, mit dem Sprechchor »Wir sind die zweite Welle« mochten sie recht haben. Es war erbarmungswürdig.

»Du bist spät dran«, kommentierte meine Beraterin.

»Ja, ich weiß«, druckste ich herum und erklärte ihr, was mich aufgehalten hatte.

»Vielleicht solltest du die Schuld nicht immer bei anderen suchen?«, warf sie ein.

»Machen die doch auch!«, erwiderte ich patzig. »Immer muss irgendwer am eigenen Unwohlsein schuld sein. Bill Gates, Merkel, die 5G-Lobby … Das ist doch affig«, regte ich mich auf. »Nur weil die zu blöd oder faul sind, eine Maske zu tragen und ein bisschen Rücksicht auf andere zu nehmen.«

Meine kolumnistische Beraterin nickte verständnisvoll. Ihre Vergangenheit als Psychologin kam mal wieder zum Vorschein.

»Im Übrigen habe ich es satt, ständig über irgendwas mit Corona zu schreiben«, kam ich zum eigentlichen Grund meines Besuchs. »Ich brauche mal wieder ein Thema, das Menschen glücklich macht, statt sie zu frustrieren und … denen … in die Arme zu treiben.«

Sie überlegte. »Schreib doch was über Skifahrer«, sagte sie dann.

»Skifahrer?«, erwiderte ich irritiert. »Und wo ist da der Kreuzberg-Bezug?«

»Na, du wirst doch wohl auch Leute in Kreuzberg kennen, die Ski fahren.«

»Ja, aber du weißt schon, dass wir gerade den ersten August haben?« Draußen waren an die 30 Grad. Meine kolumnistische Beraterin musste einen Hitzschlag erlitten haben.

»Antizyklisch denken!«, forderte sie mich auf.

»Also ich denke beim Skifahren vor allem an Bänderrisse und Knochenbrüche«, überlegte ich. »Und an den Corona-Ausbruch in Ischgl natürlich.«

»Da hast du recht, das ist nicht gut«, gab sie zu. »Vielleicht was über den Postraub gestern am Hermannplatz?«

»Ich glaube, da ist der Kollege Reuter schon dran. Außerdem: Die Frage, die mich am meisten beschäftigt, ist ja, ob die Bankräuber eigentlich Masken trugen. Wir haben schließlich gerade eine Pandemie – auch wenn einige Leute das nicht glauben wollen.« Ich fing schon wieder an, mich aufzuregen.

Sanft legte sie ihre Hand auf meine Schulter. »Du fängst schon wieder an, dich aufzuregen«, stellte sie fest. »Schreib doch was über Kneipen. Das geht immer!«

»Kneipen und Aerosole?«, fragte ich. Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen, aber da ich eine Maske trug, konnte sie es nicht sehen.

»Oh Mann!« Sie fasste sich an den Kopf. »Hauptsache«, seufzte sie, »du lässt mich da raus.«

»Keine Sorge«, log ich. »Niemals würde ich öffentlich zugeben, dass ich kolumnistische Beratung in Anspruch nehme.«

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Dinieren statt Parkieren

»X-Hain-Terrassen« sollen Lokalen und Einzelhandel über die Krise helfen

X-Hain-Terrasse auf einem ParkstreifenWo gerade noch Autos standen, gibt es jetzt Wein und Köstlichkeiten. Foto: rsp

Mehr als 110 Gastwirte aus Friedrichshain-Kreuzberg, davon etwa die Hälfte aus Kreuzberg, haben bislang von dem Angebot des Bezirks Gebrauch gemacht, eine zusätzliche Sondernutzungsfläche für die Außengastronomie zu beantragen. Für die sogenannten »X-Hain-Terrassen« wird, abhängig von der Größe des Lokals, ein gewisser Teil des Parkstreifens auf der Straße abgesperrt und steht temporär als erweiterte Bewirtungsfläche zur Verfügung – allerdings nur freitags bis sonntags von jeweils 11 bis 22 Uhr. Der Antrag selbst ist kostenlos, lediglich die Kosten für Halteverbotsschilder und Absperrungen müssen selbst getragen werden.

Neben der Gastronomie können auch Einzelhändler und soziale Projekte eine Sondernutzung beantragen. Ihnen steht die umgewidmete Parkfläche montags bis freitags von 10 bis 20 Uhr zur Verfügung.

Mit dem Angebot will der Bezirk die Auswirkungen der geltenden Abstandsregelungen abmildern, mit denen eine Verringerung der maximalen Gästezahl einhergeht.

Nachdem in einer ersten Runde Online-Anträge für den Zeitraum bis Ende August möglich waren und das Formular kurzfristig vom Netz genommen wurde, steht es jetzt wieder zur Verfügung. Sofern der Ort des Betriebs die Bedingungen erfüllt (Nebenstraße, keine Spielstraße), werden jetzt Genehmigungen bis Ende Oktober erteilt. Bestehende Nutzer sollen unkompliziert verlängern können.

Auch wenn die Reduzierung der Parkflächen für Autos in die bezirkliche Verkehrsstrategie zu passen scheint, sei die Maßnahme ausdrücklich nur eine Reaktion auf die coronabedingten Herausforderungen, erklärt Pressesprecherin Sara Lühmann. Ob es eine Neuauflage im nächsten Jahr geben wird, »hängt vom Pandemie-Geschehen ab.«

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Die Nacht ist nicht lang genug

Marcel Marotzke hat eine Filmidee

Ein Glas Grüne Berliner Weisse»Weisse mit Schuss. Gerührt, nicht geschüttelt.« Foto: cs

Man kann über die Corona-Pandemie und die Social-Distancing-Maßnahmen sagen, was man will, aber zu einem waren sie immerhin gut: Ich konnte mich endlich einmal mit dieser DVD-Box beschäftigen, die vor ein paar Monaten im Sonderangebot war: eine vollständige Sammlung sämtlicher James-Bond-Filme, die bislang erschienen sind und von denen ich tatsächlich einige noch nicht kannte.

Der Film-Marathon brachte im Wesentlichen drei Erkenntnisse:

Erstens: Eigentlich gibt es nur ein bis zwei wahre Bond-Darsteller.

Zweitens: Das ist aber egal. Heutzutage darf offenbar jeder Bond spielen.

Drittens: Die Handlung ist eigentlich genauso beliebig wie die Besetzung.

Aus all dem folgt zwingend, dass es auch genauso gut einen Kreuzberger Bond-Ableger geben könnte, um nicht zu sagen: sollte.

»Mein Name ist Grabowski. Günther Grabowski.« Als Doppelschrägstrichagent im Geheimdienst des Ordnungsamtes hat Grabowski, von den Kollegen nach seinem Stellenkürzel stets »//7« genannt, die Lizenz zum Abschleppen. Er berichtet direkt an M, die ihn als Bezirksbürgermeisterin mit den wirklich heiklen Aufträgen betraut.

Seine jüngsten Ermittlungen im Kneipenmilieu führen ihn auf die Spuren der mächtigen Geheimorganisation DEHOGA, die offenbar die Übernahme der kulinarischen Weltherrschaft plant. Nach einer wilden Nacht mit Punk-Mädchen Heike, Bedienung in einer widerständigen Alternativkneipe in SO 36, kommt es zu einer Verfolgungsjagd auf dem Landwehrkanal, bei der ein Ausflugsdampfer der Reederei Riedel kentert und einige Gitarren von Touristen auf der Admiralbrücke zu Bruch gehen. M ist not amused über //7s Vorgehensweise, die dem Bezirkshaushalt empfindlichen Schaden zugefügt hat. Auch Q, Bastler in einem Friedrichshainer Maker-Space, ist wenig erbaut vom Ablauf der Verfolgungsjagd, weil dabei das von ihm konstruierte schwimmende Dienstlastenfahrrad vollständig zerstört wurde.

M, eigentlich loyal zu ihrem Mitarbeiter, hat keine andere Wahl, als Grabowski vorübergehend freizustellen, auch weil seitens des Senats Vorwürfe laut wurden, Grabowski sei ein Maulwurf der Gegenseite. Doch beim Verlassen von Ms Büros überreicht ihre Sekretärin Gudrun Moneypenny //7 ein Dossier, aus dem sich ein Zusammenhang des Falles mit den Machenschaften der Immobilienbranche ergibt.

Während des Umzugs beim Karneval der Kulturen kommt es schließlich zum Showdown. Grabowski kapert eine Kameradrohne des rbb und gelangt nach einer spektakulären Stunt-Szene auf das Dach des Post-Towers, wo Oberschurke Christian Blofeld sein Hauptquartier bezogen hat. An seiner Seite: eine weiße Katze und ein buntes Punk-Mädchen. Heike ist die unfreiwillige Gespielin des Bösewichts!

Tja, und an dieser Stelle sollte jetzt eigentlich das ganze Gebäude einstürzen, dem Grabowski und Heike in letzter Sekunde mit Blofelds Privat-Gyrokopter entkommen. Leider war der Baustadtrat für die Einholung der Genehmigung telefonisch nicht erreichbar.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Der Tresen bleibt tabu

Kneipen sind wieder offen

Leerer Tresen im unterRock (2018)So gemütlich und gewohnt es sein mag: Am Tresen sitzen ist erst einmal nicht erlaubt. Foto: rsp

Jetzt ging alles dann doch ganz schnell. War Mitte Mai noch nicht einmal absehbar, wann die Kneipen wieder öffnen, hieß es gegen Ende des Monats, dass der 21. Juni angepeilt sei. Doch dann kam der 28. Mai. Die Pressemitteilung des Senats umfasst eine Seite, auf der neun Punke zur Lockerung der Maßnahmen gegen die Verbreitung des SARS-Cov-2-Virus aufgeführt sind. Der vorletzte Punkt schließlich ließ den Wirten ganze Felsbrocken von den Herzen fallen: »Reine Schankwirtschaften (Gäste dürfen nur an Tischen bedient werden), Rauchergaststätten, Shisha-Gaststätten, Shisha-Bars dürfen ab dem 2. Juni 2020 geöffnet werden (bis 23 Uhr).«

Allerdings gelten auch für Kneipen strenge Auflagen, ähnlich wie für Restaurants. Es gilt ein strenges Hygienekonzept, an das sich Wirte und Gäste zu halten haben. Dazu gehört auch, dass der Tresen tabu bleibt.

Tasächlich war die unterschiedliche Behandlung von Restaurants und Kneipen nun ebenso schwer vermittelbar, wie noch im März, als am 14. die Kneipen schließen mussten und die Restaurants erst einige Tage später folgten.

Als nun die Restaurants unter Auflagen wieder öffnen durften, die Kneipen aber nicht, erhob sich unter den Wirten von Schankwirtschaften lauter Protest. Sie sahen sich einerseits ungerecht behandelt und fürchteten andererseits um ihre Existenz, sollten die Schließungen noch länger andaueren.

Es erinnerte ein wenig an die Situation mit der Einführung des Rauchverbotes vor rund zehn Jahren. Damals mussten sich viele Kneipen entscheiden, entweder auf das Rauchen oder das Angebot von zubereiteten Speisen zu verzichten. Ähnlich wie damals reagierten nun einige Kneipen, die kurzerhand das Rauchen verboten und stattdessen Speisen anboten.

Dass die Wiedereröffnung der Kneipen nun doch so schnell verfügt wurde, kam für die meisten überraschend. Wenige Tage zuvor stand sogar der ursprünglich angedachte Termin vom 21. Juni noch auf der Kippe. Vor allem der Vorfall im ostfriesischen Leer, als sich bei einer Restaurant-Eröffnung über 20 Menschen infiziert hatten, ließ Zweifel aufkommen.

Die langen Nächte enden um elf

Aber auch die Tatsache, dass die Reproduktionszahl in Berlin drei Tage hintereinander über den kritischen Wert bis auf 1,3 gestiegen war, galt als Warnzeichen. Inzwischen ist der Wert auf 0,4 gesunken und liegt im grünen Bereich.

Das alles bedeutet allerdings nicht, dass in den Kreuzberger Kneipen wieder unbeschwert gefeiert werden kann. Dazu sind die Auflagen noch zu streng. Die sprichwörtlich langen Nächte fallen zunächst einmal deutlich kürzer aus. Um 23 Uhr ist der Kneipenabend zu Ende. Bislang galt für die Restaurants, die seit 15. Mai wieder geöffnet haben, dass sie um 22 Uhr schließen mussten.

Die drangvolle Enge, die für viele Kneipen so typisch ist, wird es zunächst auch nicht geben. Natürlich gilt auch in Kneipen der Sicherheitsabstand. Und es heißt – zunächst – von lieben Gewohnheiten in der Kneipe Abschied nehmen. Wer seinen Stammplatz bislang am Tresen sah, wird sich in Zukunft einen Tisch suchen müssen, der auch noch über ausreichenden Abstand zum Nachbartisch verfügt. Zu eng darf es nicht werden.

Auch die Zahlungsmodalitäten werden sich für manchen ändern. Wer es gewohnt war, seine Rechnung direkt am Tresen zu begleichen, muss sich in Zukunft gedulden, bis er direkt am Tisch abkassiert wird.

Immerhin, das Bier darf dann ohne Mundschutz getrunken werden, aber bei Gang aufs stille Örtchen wird die Mund-Nasen-Abdeckung dann wieder fällig.

Wie sich das dann alles im realen Leben abspielen wird, bleibt noch abzuwarten. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hat jedenfalls schon mal weiteren Gesprächsbedarf in Sachen Hygienekonzept bei der Gastronomie angemahnt.

Kommentar: Auf Bewährung in die Kneipe?

Auf Bewährung in die Kneipe?

Wenn alles gut geht, wird es irgendwann mal heißen: »Corona dauerte vom 14. März bis zum 2. Juni 2020«. Für viele begann die wirkliche Wahrnehmung der Pandemie in dem Moment, als die Kneipen schlossen. Aber machen wir uns nichts vor. Corona gab’s schon vorher. Die ITB wurde zum Beispiel schon vorher abgesagt – und die Krise endet auch nicht am 2. Juni. Es gibt nicht wenige, die die Öffnung der Kneipen für voreilig halten. Allerdings ist fraglich, was in vier Wochen noch hätte öffnen können. Natürlich ist es wichtig, dass man nun auch den Wirt seines Vertrauens unterstützt, sonst kommt vielleicht doch noch das Aus.

Allerdings bedeutet die Öffnung auch, dass sich alle Gäste einer Kneipe darüber klar sein müssen, dass sie für sich und andere Verantwortung tragen und die Regeln, die jetzt gelten, auch befolgen. Sonst ist die Kneipe bald wieder zu.

Als Krankenschwester durch die Krise

Kendra Popa arbeitet auf der Intensivstation des Urban-Krankenhauses

Kendra Popa. Foto: privat

Dass die Menschen, die nun in ihren Wohnungen sitzen und auch nicht so recht wissen, was sie machen sollen, um sich erkenntlich zu zeigen, nun eben ein paar Mal auf ihren Balkonen geklatscht haben, sei ja auch irgendwo verständlich. Manche Teile des Pflegepersonals, so Kendra Popa, fänden es sogar schön, nun »endlich mehr« Aufmerksamkeit für die Anforderungen ihres Berufs in der Pflege zu bekommen. Einige Kolleginnen und Kollegen hatten in der Vergangenheit schon ein wenig Bedenken, zu wenig gesehen zu werden. Das war allerdings nie ein Thema für sie. Popa hingegen habe nun eher ein unbehagliches Gefühl, wenn es heißt, dass das Pflegepersonal – also nur das Pflegepersonal – mehr Geld bekommen solle. Was sei denn mit Technikern, den Menschen, die in der Kantine arbeiten, den Reinigungskräften, dem Servicepersonal, den Ärzten? Schließlich sei es für alle Angestellten im Krankenhaus gerade eine sehr anstrengende Situation.

Kendra Popa ist Krankenschwester in der Anästhesie des Urban-Krankenhauses. Und nun auch auf der ITS, der Intensivstation, seitdem Corona auch hier in Kreuzberg angekommen ist. Seit dem 9. März ändert sich ihr Alltag in regelmäßigen Abständen. Der 9. März war der Tag, an dem die Krankenhausleitung die Maßnahmen beschloss: mehr Vorsicht, viele Masken, ITS unterstützen. Während der ersten Woche sollte das Pflegepersonal in der Freizeit in der Stadt bleiben, Handy auf laut schalten, abrufbar sein. »Das war schon eine besondere Situation, die keiner von uns vorher je so kannte«, erklärt Popa. Diese ziehe sich durch das gesamte Personal: Auf einmal fragen die Kolleginnen lieber drei Mal nach, wie es einem geht. Eine ganz andere Dimension von Solidarität sei das jetzt.

Die Umstellung auf die ITS sei zum Anfang natürlich auch eine Herausforderung gewesen. Zum einen natürlich fachlich: In weiten Teilen unterschieden sich die neuen Aufgaben von denen in der Anästhesie. Herzinfarkte und Reanimation gebe es dort, in der Anästhesie, seltener. Gleichzeitig sei aber auch interessant, wie viel anästhetisches Wissen dann eben doch in der intensivmedizinischen Betreuung gebraucht wird. Zudem seien Therapieverläufe in der Anästhesie ja nicht so sichtbar wie auf der ITS – bemerkenswert.

Was ihr allerdings wirklich naheginge, sei der zurückgeschraubte intensive Patientenkontakt. Während Popa ihre sonstigen Patienten von vor der OP bis in den Aufwachraum begleite, sehe sie so manche, doch längst nicht alle ITS-Patienten nie in einem Wachzustand oder hat viele Patienten auf einmal.

Ist sie dann mal wieder in ihrem eigentlichen Fachbereich, der den Betrieb während der Krise auf Notoperationen heruntergefahren hat (von zehn werden nur noch vier OP-Säle genutzt), erfahre sie einen nicht wie sonst von Zeitdruck beherrschten Betrieb. Dass ein unvertretbarer Personalmangel herrscht, sei schon vorher klar gewesen. Jetzt, im Ausnahmezustand, wo die OPs auf die nö­tigs­ten begrenzt sind, zeige sich allerdings das große Ausmaß des Mangels im Normalzustand.

Wie es weitergeht, das wisse natürlich niemand. Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen denke Popa aber nicht, dass der Peak schon erreicht ist und der große Ansturm ausbleiben wird. »Letztendlich sind wir aber auch ein Level-3-Krankenhaus«, die meisten Corona-Patienten würden vorerst nämlich erstmal in Level-1- und Level-2-Krankenhäusern untergebracht werden und das Urban vielleicht noch nicht an seine Kapazitätsgrenzen stoßen. Knappheit an Masken und Handschuhen hätten sie trotzdem nach bereits einer Woche gehabt. Hier erhofft sich Popa eine Verbesserung: Die Versorgungsketten sollten doch bitte so wenig wie möglich vom Ausland abhängig sein. Und: Weniger Klatschen, mehr Demonstrieren.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

„Miteinander, füreinander, gemeinsam gegen Corona!“

Marie Hoepfner erklärt, wie mog61 für Zusammenhalt in schwierigen Zeiten kämpft

Wirkt inzwischen sehr fremd, ist aber noch gar nicht so lange her. Dieses Jahr wird es wohl kein mog61-Straßenfest in der MIttenwalder geben. Foto: mog61

Durch die Corona-Pandemie hat sich unser Alltag drastisch verändert. Auch der Verein mog61 – Miteinander ohne Grenzen e.V. ist in seiner Tätigkeit stark eingeschränkt. Alle unsere Aktivitäten sind derzeit bis auf Widerruf ausgesetzt. Aber unser Motto »Miteinander sind wir stark« gilt natürlich umso mehr in Zeiten von Covid-19. Wir möchten in dieser herausfordernden Situation zu einem solidarischen Miteinander und einer verlangsamten Ausbreitung des Virus sichtbar beitragen.

Helfen bedeutet im Moment, auf soziale Aktivitäten zu verzichten. Aber helfen kann man auch kontaktlos:

  • Wir sammeln auf unserer Webseite unter »Miteinander, füreinander, gemeinsam gegen Corona!« gute Beispiele, wie man sich gegenseitig beistehen kann.
  • Durch unser Netzwerk bieten wir Hilfen für Einkauf, Gassi gehen, Müll runterbringen und ähnliches an.
  • Wir koordinieren die Unterstützung im Kiez im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Bei uns melden sich viele Menschen, die sich engagieren wollen.
  • Wie beim Straßenfest bieten wir kleine Fahr-ad-Reparaturen kostenlos an. Fahrräder sind im Moment das Fortbewegungsmittel der Wahl.
  • Wir haben »Gabenzäune« eingerichtet für Spenden an Obdachlose und Bedürftige.

Mund-Nasen-Masken, bunt und kostenlos

In der Corona-Krise gibt es einen großen Bedarf an Atemschutzmasken. Wir starten deshalb ein neues Projekt: Mit dem Stoff, den wir freundlicherweise von dem Geschäft »Die WollLust« in der Mittenwalder Straße erhalten haben, näht Marianne kostenlose Mund-Nasen-Masken.

Um mehr und schneller Masken zu produzieren, suchen wir freiwillige Näher*innen und Helfer*innen, die bei der Herstellung Aufgaben übernehmen können. Folgende Arbeitsteilung ist vorgesehen: Maske zuschneiden, falten, bügeln und Maske fertig nähen. Marianne, die für mog61 das Projekt »Nähen ohne Grenzen« geleitet hat, ist gelernte Schneiderin und begleitet euch bis zu der fertigen Maske.

Achtung: Unsere Masken sind weder geprüft noch zertifiziert. Sie bieten keinen Schutz gegen Covid-19, können aber die Verbreitung von Tröpfchen reduzieren und das Risiko einer Schmierinfektion durch Berührung des Gesichts mit den Händen min-dern. Sie entbinden nicht von der Einhaltung der empfohlenen Hygieneregeln wie Abstand halten und sorgfältiges Händewaschen.

Wem es schon im normalen Leben schwer fällt, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, hat es angesichts von Isolation und Ausgangsbeschränkungen nicht leichter. Außerdem vermissen viele sicherlich auch das tägliche Abend-Bierchen in der Eckkneipe.

Mehrmals die Woche online plaudern

Deshalb wollen wir ohne Körperkontakt zusammenrücken und bieten regelmäßig mehrmals pro Woche online eine Video- oder Audio-konferenz an, bei der die Teilnehmer*innen sich unterhalten, Tipps zu Online-Kulturangeboten oder einfach nur Ratschläge gegen die Langeweile austauschen können. Wir wollen damit den Zusammenhalt fördern, die Nachbarschaftshilfe unterstützen und für Unterhaltung sorgen.

Wir sind füreinander da, wir gestalten und sehen nicht nur zu! Wer Unterstützung anbieten will, selbst benötigt oder einen kennt, der welche braucht, meldet sich bitte unter info@mog61ev.de

→ Zum mog61-Maskenprojekt

→ Zum mog61-Online-Kieztreffpunkt

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Bloß keine Langeweile

Online-Plattformen können helfen

Der beste Weg, die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen, ist die Vermeidung von Kontakten, das sogenannte »Social Distancing«. Für Menschen, die wenig verlässliche Freunde haben und Hilfe brauchen, gibt es viele Angebote:

  • Über die Online-Plattform nebenan.de können sich Nachbar*innen recht einfach vernetzen.
  • Bei der Telegram-Gruppe Corona Kreuzberg wird ebenfalls Un-terstützung koordiniert.
  • Wir gegen Corona bringt Hilfsbedürftige und Helfer aus der Nachbarschaft zusammen.
  • Über KreuzbergHilftbeiCorona bei Twitter lassen sich Informationen austauschen.
  • Wer selbst etwas tun will, findet vielleicht bei Vostel eine passende Organisation für sein Online-Volunteering.
  • Ein überaus lebendiger Austausch zu allen Corona-Themen und -Problemen herrscht in der Facebook-Gruppe Corona Help Team Berlin.

»Social Distancing« kann oft auch schlechte Stimmung bedeuten. Irgendwann ist die Wohnung aufgeräumt und dann fällt einem leicht die Decke auf den Kopf. Vor allem für kranke Menschen ist das besonders in diesen schwierigen Zeiten eine Herausforderung.

Wen am Ende dann doch die Langeweile plagt, dem hilft im Netz zum Beispiel

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Corona blockiert den letzten Weg

Zurzeit sind keine Urnenbestattungen möglich

Aussegnungskapelle an der BergmannstraßeFür trauernde geschlossen: In der Aussegnungskapelle an der Bergmannstraße dürfen keine Trauerfeierlichkeiten mehr abgehalten werden. Derzeit sind nur Erdbestattungen und die nur in kleinem Rahmen möglich. Foto: psk

Man könnte in diesen Zeiten auf den leicht makaberen Gedanken kommen, dass es ja doch noch Corona-krisensichere Berufe geben müsste, etwa Bestatter. Doch überraschenderweise ist auch diese Branche von der Covid-19-Krise direkt betroffen. Schnell bleibt einem das Lachen im Halse stecken, wenn man hört, was Kiezbestatter Klaus-Uwe Mecklenburg zu berichten hat.

»Aktuell habe ich noch drei Urnenbestattungen«, sagt er. »Aber Urnenbegräbnisse sind zur Zeit verboten.« Für die Angehörigen sei das zwar eine Belastung, jedoch hätten sie immerhin die Möglichkeit, sich bei der Einäscherung zu verabschieden. Hier begegnen die Angehörigen der Situation auch mit einem gewissen Verständnis.

Ganz anders liegt der Fall bei Erdbestattungen. Die sind erlaubt, jedoch mit sehr strengen Auflagen. So gibt es zum Beispiel keine Trauerfeier in der Aussegnungshalle. Die ist nämlich geschlossen. Außerdem muss eine Erdbestattung in einem sehr kleinen Rahmen gehalten werden, denn auch hier gelten die Kontaktbeschränkungen. Mit einer Erdbestattung einfach zu warten, sei auch keine Möglichkeit, denn die Kosten für die notwendige Kühlung des Leichnams seien sehr hoch.

Wenn sich die Corona-Krise noch weiter verschärfen sollte und die Zahl der Todesopfer plötzlich sprunghaft steigt, könnte die Situation für die Hinterbliebenen sogar noch schlimmer werden. Im schlimmsten Fall würde, wie in Italien, das Militär dann die Bestattungen übernehmen.

Allerdings wurde auch schon ohne solch ein Horrorszenario in der zweiten Märzhälfte die Situation deutlich verschärft. Da wurden die Friedhöfe sogar für drei Tage komplett geschlossen. Bestattungen gab es gar keine mehr.

Der Grund lag allerdings nicht in einer direkten Bedrohung durch das Corona-Virus, sondern in einem ziemlich erschütternden und pie­tätlosen Verhalten von einigen Friedhofsbesuchern. Klaus-Uwe Mecklenburg nennt zwei Beispiele, die sich auf den Friedhöfen an der Bergmannstraße zugetragen hatten, kurz nachdem die Kinderspielplätze geschlossen worden waren. »In einem Fall«, so berichtet er, »spielten fünf Väter mit ihren Söhnen mitten auf dem Friedhof Fußball.« Nicht weniger erschütternd ist ein anderer Fall. Da schleppten Eltern eine komplette Sandkiste für ihren Nachwuchs im Kita-Alter auf den Friedhof. »Und da begannen sie dann mit Buddelspielen«, zeigt sich Kiezbestatter Mecklenburg noch immer ziemlich fassungslos.

Ähnliche Vorfälle hat es offenbar in ganz Berlin gegeben. Das veranlasste die Verwaltung der evangelischen Friedhöfe, alle ihre 42 Gottesäcker kurzerhand komplett zu schließen. Das allerdings ließ sich dann doch nicht auf Dauer durchsetzen, Drei Tage später waren sie wieder geöffnet, und seither gibt es auch wieder Bestattungen, mit all den bereits genannten Einschränkungen allerdings.

Klaus-Uwe Mecklenburg trifft die Krise übrigens doppelt. Er betreibt neben seinem Bestattungsunternehmen auch den K-Salon in der Bergmannstraße. Doch wann es in dem kleinen Saal wieder Kultur zu sehen und zu hören gibt, ist nicht abzusehen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Nicht mehr draußen spielen

Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg schließt Spielplätze

Klettergerüst auf leerem SpielplatzBitte nicht benutzen: Friedrichshain-Kreuzberg schließt Spielplätze. Foto: rsp

Auch in Friedrichshain und Kreuzberg werden ab sofort die Spielplätze gesperrt, um die Corona-Pandemie weiter einzudämmen. Dies teilte das Bezirksamt soeben in einer Pressemitteilung mit.

Die komplette Pressemitteilung:

Bis auf weiteres sind auch in Friedrichshain-Kreuzberg die Spielplätze geschlossen. Dies geschieht nach Abstimmung zwischen den Berliner Gesundheitsstadträten am gestrigen Abend und auf Empfehlung unseres Amtsarztes.

Diese Maßnahme ist zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie wichtig. Mit Blick auf die Senkung der Infektionsrate bitten wir die Familien im Bezirk eindringlich und herzlichst, dieser Anordnung Folge zu leisten.

Mit der Sperrung der Spielplätze des Bezirks folgen wir der Empfehlung der Bundesregierung: Soziale Kontakte sind so weit wie möglich zu reduzieren. Auch im Bewusstsein darüber, dass die Kinderbetreuung in dieser Zeit für viele Eltern eine sehr große Herausforderung darstellt, bitten wir die Familien und Eltern um Verständnis für diese Maßnahme.

Sie stellt eine Rücksichtnahme zum Wohle aller dar. Wir appellieren an alle Bürgerinnen und Bürger in Friedrichshain-Kreuzberg, sich im Zuge der Corona-Pandemie umsichtig zu verhalten und körperliche Kontakte durch Menschenansammlungen, aber auch private Feiern, Veranstaltungen oder ähnliches zu vermeiden. Üben Sie Solidarität mit Älteren und Menschen mit Vorerkrankungen in ihrer Nachbarschaft, mit Bekannten und Familienmitgliedern. Meiden Sie körperliche Kontakte – aber lassen Sie niemanden allein. Nutzen Sie das Telefon, sprechen Sie miteinander.

In der aktuellen Situation ist es täglich neu notwendig, Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in ihrer infektionsschützenden, aber auch in ihrer einschränkenden Wirkung neu abzuwägen. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat sich in deshalb am 18. März dazu entschlossen, die bezirklichen Spielplätze zu sperren, um potentielle Ansteckungen zu minimieren. Die für Leib und Leben drohende Gefahr durch das Virus wurde als schwerwiegender eingeschätzt als eine zeitlich beschränkte Sperrung.

Die 180 bezirkseigenen Spielplätze werden mit zwei-sprachigen Hinweisschildern versehen und mit Flatterband abgesperrt. Das Straßen- und Grünflächenamt wird die Sperrungen im Außendienst kontrollieren. Wir weisen darauf hin, dass bei Missachtung die Mitarbeiter*innen des Bezirksamts sowie Polizeibeamten*innen befugt sind, Platzverweise zur Durchsetzung der auszusprechen.