Ein zu kurzes Leben für die Kunst

Marianne Latsch 2. Oktober 1967 – 9. Juni 2017 Foto: kappa-photo

Marianne Latsch stirbt mit 49 bei Wohnungsbrand

Aber Dienstag! Dienstag blieb dann Zeit für die Kunst. „Da bin ich malen“, erklärte sie kategorisch, wenn irgend jemand an diesem Tag etwas von ihr wollte. Und was war auch gut so, denn die restlichen sechs Tage war sie die Hilfsbereitschaft in Person, das wußten viele, vielleicht sogar zu viele.

Nach Berlin war sie in den 90er Jahren gekommen, erst nach Steglitz, später nach Kreuzberg. Doch eigentlich stammte sie aus Mudersbach, einem kleinen Ort nahe Siegen. Dem blieb sie auch bis zum Ende verbunden. Die „Mudersbacher Kirmes“ Anfang Oktober war für sie Plichttermin und Geburtstagsgeschnek in einem. Hier tankte sie Kraft, Kraft, die sie für ihr Großstadtleben brauchte, denn die Metropole war ihre eigentliche Bestimmung. Austellungen, Galerien, Vernissagen, Finissagen, Modeschauen, Modemessen, das waren ihr Leben und ihre Leidenschaft – und das bot ihr so nur Berlin.

Studiert hat Marianne Modedesign. Das half ihr weiter, als sie eine Anstellung bei der UFA in Babelsberg fand. Da ging es allerdings oft weniger um Haute Couture, als mehr um handfestere Dinge. Nicht ohne Stolz erzählte sie die Geschichte, wie sie „Tausend Russen angezogen“ habe. Gedreht wurde Jean-Jacques Annauds „Duell – Enemy at the Gates“ mit Jude Law und Ed Harris in den Hauptrollen. Erzählt wird eine Geschichte während der Schlacht von Stalingrad. Und dazu brauchte es unter anderem 1000 Statisten, die russische Soldaten darstellten – und nun war es Mariannes Aufgabe, die Kleindarsteller möglichst authentisch einzukleiden.

Vor sechs Jahren schließlich landete Marianne bei Kiez und Kneipe. Gekannt hat man sich schon seit vielen Jahren und dann hatte es sich schließlich ergeben, dass sie mit ins Team einstieg und sich fortan um das Anzeigengeschäft kümmerte. Sie machte das so, wie sie fast alles anging, mit viel Charme und noch mehr Herzlichkeit. Ein anderes Beispiel: Als sie vor fast zwei Jahren gebeten wurde mit den Bewohnern des House of Life in der Blücherstraße einen Kalender zu gestalten, war sie sofort dabei. Sie kleidete die Bewohner ein und brachte sie in die beste Pose. Es wurde ein wunderbarer Kalender.

Und dann kam jener verhängnisvolle Abend. Im „Backbord“ in der Gneisenaustraße hatte sich die „Beergroup Tempelhofer Vorstadt“ getroffen, ein lockerer Kreis, zu dem auch sie gehörte. Sie verabschiedete sich gegen Mitternacht. Spätestens am Montag sollte sie beim „Pubquiz“ im Bad Kreuzberg wie jeden Monat die „bezaubernde Assistentin“ geben. Sie traf sich danach noch mit einem Freund in SO36. Als sie schließlich zu Hause in der Reichenberger Straße ankam, brach wenig später zwei Stockwerke unter ihr ein Feuer aus. Sie rief noch einmal bei dem Freund an und verlor während des Telefongesprächs das Bewußtsein. Als die Feuerwehr sie schließlich fand, versuchten die Retter sie noch einmal ins Leben zurück zu holen. Vergeblich.

Das ganze KuK-Team ist unendlich traurig. Marianne, wir alle vermissen Dich.

Peter S. Kaspar

In eigener Sache

Die Kollegen unserer Ausgabe in Neukölln haben sich entschieden, im Rahmen ihrer Vorberichterstattung über die Bundestagswahl 2017 auch eine Veranstaltung mit dem Kandidaten der AfD zu organisieren. Die Kiez und Kneipe Kreuzberg wurde daraufhin von verschiedenen Seiten dazu aufgefordert, sich von ihrer Schwesterzeitung in Neukölln zu distanzieren. Dazu nehmen wir wie folgt Stellung: Die KuK-Ausgaben […]

Kehren vor der eigenen Tür

Putzaktion für Toleranz in der Gneisenaustraße Unter dem Moto: »Frühjahrsputz zum Kennenlernen« hatte die Initiative »Tolerantes Kreuzberg« an die U-Bahnstation Gnei­se­nau­straße eingeladen. Nachbarn aus dem Kiez und die Gruppe jener Methadonpatienten, die sich bei kühlem Wetter im U-Bahnhof treffen, sollten gemeinsam die Grünanlagen des Mittelstreifens säubern und sich dabei kennenlernen. Schon im Vorfeld hatte es […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2017.

Deutliches Warnsignal

Wenn attraktive Altbauhäuser luxussaniert und in teure Eigentumswohnungen umgewandelt werden, wie dies seit Jahren in Kreuzberg passiert, dann ist das zwar tragisch für das Kiezgefüge im Allgemeinen und die betroffenen Mieter im Besonderen, aber in gewisser Weise immerhin noch nachvollziehbar. Stichwort: Angebot und Nachfrage. Dass sich Spekulanten jetzt aber um das traditionell nicht gerade unproblematische […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2017.

Bezirk prüft Vorkaufsrecht fürs NKZ

Privater Investor bietet 60 Millionen für den Wohnblock am Kotti Knapp 60 Millionen Euro sollen Medienberichten zufolge von einem privaten Investor für das »Zentrum Kreuzberg« geboten worden sein. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft GEWOBAG unterlag in der Bieterrunde knapp. Mit dem Verkauf droht den über tausend Bewohnern des in den Siebzigern als »Neues Kreuzberger Zentrum« (NKZ) errichteten […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2017.

Gegendarstellung

Gegendarstellung zum Artikel »Kreuzberg wehrt sich« In der März-Ausgabe von »Kiez und Kneipe« ist unter der Überschrift »Kreuzberger wollen keine Vertreibung« ein Beitrag erschienen, in denen der Autor unrichtige Behauptungen über mich und die Initiative »Lebenswerter Kiez« aufgestellt hat. Der Artikel beruht auf einer falschen Berichterstattung des »Tagesspiegel«, gegen die ich am 09.03.2017 vor dem […]

Letzter Vorhang für Mänix

»Es gibt Staatsschauspieler an staatlichen Bühnen, Stadtschauspieler an städtischen Bühnen und ich bin eben ein Bezirksschauspieler«, sagte Mänix einmal, mit seinem unverwechselbaren Humor, über sich selbst. Er reihte sich damit ein in das Heer jener Schauspieler, die ihrem Engagements über die »Zentrale für Bühne und Film« bekamen, meist ABM- oder MAE-Maßnahmen. Seiner Leidenschaft tat das […]

Kreuzberg wehrt sich

Initiative gegen Initiative gegründet Am 12. Februar titelte der Tagesspiegel: »Kreuzberger wollen Drogenabhängige vertreiben«. Dahinter verbirgt sich die Initiative einer Anwohnerin. Ihr missfällt eine Gruppe von Leuten, die sich täglich auf dem U-Bahnhof Gneisenaustraße trifft. Es handelt sich dabei um ehemalige Drogenabhängige, die in einem Methadonprogramm untergekommen sind. Die Ausgabestelle des Substituts ist in der […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2017.

Schwamm drin oder Schwamm drüber?

Erste Ergebnisse der Initiative »Gedenkort Fontanepromenade 15« In der Fontanepromenade 15 weist nur eine Stele auf die »Zentrale Dienststelle für Juden« hin, die dort ab November 1938 Juden zu Zwangsarbeitseinsätzen vermittelte. Nachdem bekannt wurde, dass das Gebäude im vergangenen Jahr an einen Investor verkauft wurde, beklagte die Stadt­teil­ini­tia­tive »Wem gehört Kreuzberg«, dass »ein solcher Geschichtsort […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2017.

Drei Neue im Bezirksamt

Wahl der neuen Stadträte verläuft weitgehend reibungslos Nachdem es im November in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) drei Anläufe bis zur Wahl der Vorsteherin Kristine Jaath (Grüne) und damit der Konstituierung der BVV gebraucht hatte, wurde in der letzten Sitzung vor Weihnachten endlich auch das neue Bezirksamt gewählt. Bezirksbürgermeisterin bleibt Monika Herrmann (Grüne), die auch weiterhin das […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2017.

PARTEI ebnet Jaath den Weg

BVV-Vorsteherin im dritten Versuch doch noch gewählt Kristine Jaath (Grüne) hat im Rathaus in Friedrichshain-Kreuzberg am 28. November die Wahl zur BVV-Vorsteherin gewonnen. 53 Stimmen wurden abgegeben und mit einem etwas niedrigen, aber eindeutigen Ergebnis wurde Jaath mit 29 Stimmen bei 12 Enthaltungen erneut zur BVV-Vorsteherin gewählt. Der Konkurrent von der Partei »Die Partei« Riza […]

Ordnungsruf der Spaßpartei

Es sind ja nicht nur unverbesserliche Konservative, die die Wahl von Spaßparteien in Parlamente sehr kritisch sehen. Dass man mit diesen eigenwilligen Volksvertretern sehr entspannt umgehen kann, bewies der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD) in einem überaus amüsanten Schlagabtausch mit Martin Sonneborn (PARTEI). Dabei erfüllen Gruppierungen wie die Partei »Die PARTEI« durchaus einen […]

Danke Frank Henkel! Danke AfD!

Die eigentliche Gewinnerin der Berlin-Wahl heißt Monika Herrmann. Oft angefeindet vom politischen Gegner und auch in den eigenen Reihen bisweilen misstrauisch beäugt, wird sie nun eine gefragte Gesprächspartnerin sein. Ihre Erfahrungen als erprobte Moderatorin einer rot-rot-grünen Zusammenarbeit sind von großem Nutzen für die anstehenden Koalitionsverhandlungen und die daraus vermutlich resultierende Koalition. Sie selbst hat stets […]

Das Ende des gallischen Dorfes

Die Wahlanalyse: Vom Schmuddelkind zum Vorzeigeobjekt Natürlich war in Friedrichshain-Kreuzberg wieder alles ganz anders, als im Rest von Berlin, sonst wäre der Bezirk ja auch nicht das chaotische Epizentrum dieser Republik. Die Grünen erreichten in absoluten Stimmen gerechnet ein besseres Ergebnis als vor vier Jahren. Die Linken zog triumphal an der SPD vorbei. Die AfD […]