Mal rauchig, mal melancholisch

Viele Liebeslieder über Kreuzberg

Sommerloch. Und weit und breit keine OpenAir-Bühne in Kreuzberg. Höchste Zeit, den Bezirk mal songgeschichtlich ein wenig aufzuarbeiten.
Den Anfang macht Klaus Hoffmann, der mit seinem »Kreuzberger Walzer« eine einigermaßen romantische Nacht zwischen lyrischem Ich und Dir einigermaßen unverständlich mit einer gepresst rauchigen Stimme besingt.

Dagegen überzeugt das süße »Kreuzberg, meine Liebe« durch seine Ehrlichkeit. »Nicht mal wenn ich wollte, ich könnt’ nicht ohne dich«, singen Rakete Erna über ihren Bezirk. Dass du hier sein, rumlaufen und machen kannst, was du willst. Das nenne ich doch mal eine wahre Liebeserklärung.

Die nächste Erklärung kommt vom eigentlich Zehlendorfer Rapper Prinz Pi. Er singt über die »Königin von Kreuzberg«, die sich die Lunge teert, die Fingernägel mit Edding lackiert und »fast keine Drogen nimmt«, wenn sie mit ihren Eltern essen geht. Und besonders nicht so ist, wie die anderen Mädchen, die alle so individuell sind, dass sie wieder alle gleich seien.

Der Ich-kann-alles-Mann Materia stellt sich vor, wie es wäre, wenn Kreuzberg am Meer liegt: Alle machen Musik. Niemand arbeitet. »Wenn du wirklich arbeiten musst, dann zieh nach Moabit.« Hier ist jeder Geldwäschemillionär.

Eines der bekanntesten Kreuzberg-Lieder löst durch seine melancholischen Klänge sogar Heimweh aus, wenn ich da bin. Bloc Party singen über die Zerrissenheit, die einen in jungen Jahren immer mal wieder begleitet, sehen sich im Schlafzimmer des Fremden, in der U-Bahn Richtung East Side Gallery und weinend am Hauptbahnhof. Das mit der Geografie üben wir noch mal.

Das einzig wahre Lied über Kreuzberg, wie könnte es anders sein, kommt von den Gebrüdern Blattschuss. Vielfach gecovert und in lateinischer Version sogar auf dem Titelblatt Eurer liebsten Kreuzberger Lokalzeitung. Ob Winter oder Sommerloch: ein Hoch auf die »Kreuzberger Nächte«!

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2019.

Die meisten Brunnen sind kaputt

Mitten in der Jahrhunderthitze macht Kiez und Kneipe den großen Schwengelpumpentest Unauffällig stehen sie am Gehsteigrand. Wer nicht bewusst auf sie achtet, sieht sie oft gar nicht. Wahre Kunstwerke sind darunter, zum Beispiel die alten Lauchhammerpumpen aus dem 19. Jahrhundert mit dem Fischkopf, dem Drachenkopf oder dem Pelikan. Berlin hat einen großen Schatz: Es sind […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2019.

Umsonst & draußen

Sommeranfang reimt sich auf Musikvielfalt Und jetzt alle: Wir! Lieben! Die! Fête! »Wie? Und dann spielen die da kostenlos auf den Straßen?« Eltern sind oft ein guter Realitätscheck, wenn man die Bonbons der Gegebenheiten, die zauberhaften Selbstverständichkeiten, die Ja-ja-das-ist-immer-so’s der Berliner Musikszene mal wieder unterschätzt hat. In meiner Heimatstadt gibt es nämlich keine Fête de […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2019.

Stoff für Schallplatten-Junkies

Bei »Lefter Records« in der Gneisenau gibt’s Vinyl aus aller Welt Als ich den Laden an der Gneisenaustraße 114 betrete, läuft gute, laute Soulmusik. Inhaber Erbatur Çavuşoğlu begrüßt mich freundlich, er stellt die Musik leiser und führt mich herum. Obwohl sich das Geschäft halb im Keller befindet, ist es schön hell und gar nicht so […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2019.

Schön sortiert von A bis Z

Tocotronic-Texter Dirk von Lowtzow verrät erneut Privates Es ist Mittwoch, ich bin seit einer Woche wieder in Berlin und freue mich auf die »Aus dem Dachsbau«-Lesung von Dirk von Lowtzow im Kreuzberger HAU. In dieser Kolumne hier habe ich schon einmal über Dirk von Lowtzow erzählt, der als zauberhaftes Sprachtalent die so kunstvoll ausgestalteten, perfekt […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2019.

Mauschelei ohne Not

Mit der Transparenz und der Bürgerbeteiligung ist das ja immer so eine Sache: Einerseits ist es wünschenswert (und wohl auch politischer Wille), möglichst viele Betroffene am Entscheidungsfindungsprozess teilhaben zu lassen, andererseits gilt gerade bei komplexeren Themen, die umfangreiche Einarbeitung erfordern: Viele Köche verderben den Brei. In so einer Situation ist eine Institution wie die Steuerungsgruppe […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2019.

Die Hasenheide ist dicht

Neue Verkehrsführung provoziert Dauerstau Es war seit Jahren ein Defizit in der Hasenheide: Für Radler gab es nur eine Spur vom Hermannplatz bis zum Südstern. Wer in umgekehrter Richtung unterwegs war, musste entweder – verkehrswidrig – den Radweg an der Nordseite benutzen und wurde so zum pedalierenden Geisterfahrer oder – verkehrswidrig – den Gehweg auf […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2019.

Disco, Feiern, Gesellschaftskritik

Frittenbude kommen mit einem neuen Album in den Festsaal Wie viel macht eigentlich ein Name für eine Band aus? Im Falle von Led Zeppelin wäre der Erfolg wohl auch mit einer anderen Bezeichnung nicht ausgeblieben. Pink Floyd? Da wird’s schon interessanter. Und dann gibt es noch Frittenbude, die die Mischung auffallender Name und heftiges Debütalbum […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2019.

Parklets in der Schwebe

Am 30. Januar hat die BVV Friedrichshain-Kreuzberg für ein vorzeitiges Ende der Testphase in der Bergmannstraße votiert. Doch tatsächlich kann der Bezirk den Versuch in der Bergmannstraße nur gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Verkehr vorzeitig stoppen. Und das Bergmannstraßenfest, das damit erhalten werden sollte, soll nach dem Willen der Veranstalter ohnehin in der Kreuzbergstraße stattfinden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom März 2019.

Der Vater aller Mütter

Nach neun Jahren endlich wieder ein Album von Dendemann In der langen Tradition des Deutschrap wird ja bekanntlich gern mal hin und her gedisst und gezankt. Was läge dabei näher, als seine Heimatstadt zum Mittelpunkt der Selbstprofilierung zu machen? Und obwohl mein Herz natürlich an Berlin hängt und die Stadt tausende guter Musiker hat, muss […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom Januar 2019.