Feuerwerk an Ideen und Engagement

Eineinhalb Jahrzehnte stand der Förderverein den Bewohner*innen des House of Life zur Seite

Fragt man Marie Hoepfner nach den Höhepunkten der vergangenen Jahre, muss sie erst ein wenig nachdenken. Aber dann sprudelt es nur so aus ihr heraus: »Der Tag der Inklusion im Mai 2014. Der große Saal war proppenvoll! Jocelyn B. Smith, die hat hier 2017 einen Workshop gegeben! Oder der erste Kalender mit Fotos der Bewohner*innen, toll gestylt und im Abendkleid. Das Motto damals war: Ich bin schön! Das hat mich sehr stolz gemacht!«

Marie hat für den Förderverein House of Life e.V. die kulturellen Veranstaltungen organisiert. Der gemeinnützige Förderverein stand dem House of Life von Anfang an zur Seite, war vom Träger unabhängig und arbeitete komplett ehrenamtlich. Sein Ziel war, wie es ein Mitglied einmal formulierte, »in erster Linie das Leben der Bewohner*innen so schön und angenehm wie möglich zu gestalten«. Sein Zeichen ist die rot-grüne Schleife, die Solidarität mit HIV-Positiven symbolisiert, aber auch an die Hoffnung und das Leben erinnern möchte.

Wichtiges Werkzeug dabei war der große Speisesaal mit seiner guten Akustik, der zu einem einzigartigen Ort der Begegnung wurde, einer Schnittstelle zwischen der Innenwelt des House of Life und der Welt draußen. Aber auch ohne die Zeitschenker*innen wäre nichts gegangen – so hießen die zeitweise bis zu 20 Ehrenamtler, die im Pflegeheim für Abwechslung sorgten.

Und was hat sich der Förderverein in diesen 14 Jahren nicht alles einfallen lassen:
• Das Café Bohne öffnete jeden Samstag und Sonntag die Pforten und servierte Kaffee, Tee und Kuchen.
• Im Computerraum wurden die Bewohner*innen beim Surfen angeleitet.
• Mit Hilfe des Restkartenangebots von KulturLeben e.V. besuchten Bewohner*innen Konzerte, Theateraufführungen und Sportveranstaltungen.
• Im Freizeitraum gab es Billard, Dart, Kicker, Wii-Konsole, im Garten Kräuter-Hochbeet und Naschgarten.
• Der Verein mog61 e.V. veranstaltete im Garten des House of Life jedes Jahr Anfang Mai ein Fest der Inklusion mit Livemusik.

• Im Rahmen der Fête de la Musique am 21. Juni fand jedes Jahr das Sommerfest des House of Life statt, wo auch der »Prize of Life« verliehen wurde.
• Im Juli gab es ein Kennenlern-Picknick und im Herbst zusammen mit mog61 e.V. einen Jahreskalender mit schönen Fotos oder Zeichnungen von Bewohner*innen.
• Ganz viel los war zwischen 2015 und 2018 bei der von »Aktion Mensch« geförderten »Kiez Community« – einem Inklusionsprojekt, das ein lebendiges Netzwerk im Kiez knüpfte. Mit vielen Konzerten, Rikscha-Fahren, Mobilitätswerkstatt, Theatergruppe, Ukulele-Unterricht, Blasorchestergruppe, Kiez-Atlas und Fest der Nachbarn am »European Neighbours’ Day«.
• Insgesamt drei Bücher hat der Förderverein herausgebracht mit Biografien von Bewohner*innen und Interviews mit Pflegekräften, Ehrenamtlichen und mit Angehörigen.

• Das Projekt »Kultur am Mittag« sorgt dafür, dass Kulturveranstaltungen künftig vermehrt auch tagsüber und nicht immer nur abends stattfinden.
Was für ein Feuerwerk von Ideen und Engagement! Das alles ist jetzt vorbei. Der Förderverein hat sein Büro bereits räumen müssen. »Es war etwas Besonderes und das Konzept ist auch aufgegangen«, sagt Marie. »Dass es jetzt so hat enden müssen, ist wirklich traurig.«

Immerhin gibt es einen kleinen Lichtblick, berichtet Antje Lange, die sich von Anfang an intensiv für den Verein eingesetzt hat: Möglicherweise werden die Konzerte und andere inklusive Veranstal­tungen, für die das House of Life bekannt geworden ist, unter dem Dach des Nachbarschaftshauses in der Urbanstraße fortgeführt.

 

Vgl. zum Abschied vom House of Life auch: Ein ganz einzigartiges Projekt

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Für Bedürftige

Neue Corona-Aktion von mog61

Auch wenn jetzt die Kneipen wieder öffnen, ist Corona noch längst nicht vorbei. Der Verein »mog61 – Miteinander ohne Grenzen« hat sich in der Corona-Pandemie bereits stark engagiert, jetzt startet er eine neue Initiative: Noch im Juni sollen an die 300 Care-Pakete an Bedürftige und Obdachlose verteilt werden. Gedacht ist an eine kleine Textiltasche mit Überlebenshilfen in dieser schwierigen Zeit: Haltbare Lebensmittel wie abgepacktes Brot, Wurst und Käse, Schokolade, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta, Toilettenpapier, Desinfektionsmittel – das alles könnte sehr nützlich sein.

Um die Taschen zu füllen, ist der Verein auf großzügige Spender angewiesen. Vor allem Gewerbetreibende dürfen sich angesprochen fühlen, aber auch andere Menschen werden gebeten, die Aktion zu unterstützen. Eine Spendenquittung wird gerne erstellt.

»Die Corona-Pandemie bedroht viele Menschen in ihrer Gesundheit und Existenz und stellt unsere Gesellschaft vor neue Herausforderungen«, sagt mog61-Vorsitzende Marie Hoepfner. »Besonders Menschen mit sozialen Schwierigkeiten sind gefährdet, wie Straßenkinder, Obdachlose und Bedürftige.«

Der Verein, der in Nicht-Corona-Zeiten vor allem durch sein jährliches Straßenfest in der Mittenwalder Straße bekannt geworden ist, hat gleich zu Beginn der Pandemie als Ersatz für physischen Kontakt einen Online-Treffpunkt eingerichtet und inzwischen mehr als 800 Mund-Nasen-Masken genäht, die an soziale Einrichtungen verteilt wurden. Kontakt: 0176 99 743 624 oder info@mog61ev.de

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Maskenpflicht nur im ÖPNV

Berlin macht es wieder einmal anders als alle anderen

Die KuK-Redaktion produziert aktuell ausschließlich im Home-Office, trotzdem sind Mund-Nasen-Masken natürlich Ehrensache! Foto: kuk

Blicken wir ein paar Tage in die Zukunft? Die U 7 morgens im Stoßverkehr, die Leute drängen sich dicht an dicht und jeder hat so ein Stück Stoff im Gesicht. Das wäre für Kreuzberg wohl ein sehr ungewöhnliches Bild! Wie viele werden sich an die Maskenpflicht halten? Im Voraus kann das keiner wissen. Bei Erscheinen der Mai-Ausgabe von Kiez und Kneipe lässt sich die Frage wahrscheinlich besser beantworten.

Über eine verpflichtende Mund-Nasen-Maske im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie war lange gestritten worden. Die Bundeskanzlerin mischte sich ein, die Bundesländer stritten erneut und dann verkündete der Berliner Senat: »Bei der Nutzung des ÖPNV ist ab 27. April eine textile Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.« Ein Schal oder ein Tuch tut es also auch.

Berlin ist bei Redaktionsschluss (Stand: 26. April) das einzige Bundesland, das einen Mund-Nasen-Schutz zwar im ÖPNV, jedoch nicht in Einzelhandelsgeschäften vorschreibt. Dort wird er lediglich »dringend empfohlen«. Das Tragen von Masken in Bussen und U-Bahn wird von der BVG nicht kontrolliert. »Wir sind ein Verkehrsunternehmen, keine Ordnungsmacht«, heißt es. Bußgelder bei Verstößen sind laut dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller ebenfalls nicht vorgesehen.

Ohnehin scheint es in Teilen der rot-rot-grünen Koalition Widerstände gegeben zu haben. Die Linken befürchten offenbar, dass die Maske zu einer »Virenfalle« wird. Bei den Grünen hört man, Masken könnten »auch in falscher Sicherheit wiegen«. Die SPD hingegen will nun nachbessern und die Maskenpflicht wie in anderen Bundesländern auf die Geschäfte ausweiten.

Immer mehr Initiativen im Kiez versuchen sich an der Nähmaschine

Wo man solche behelfsmäßigen Mund-Nasen-Masken tragen muss, ist die eine Frage. Die andere: Wo bekommt man so ein Teil überhaupt her? Die Senatsverwaltung für Wirtschaft verweist auf ein Portal, wo sich Anbieter und Nutzer vernetzen können. Der Senat will diese Woche außerdem 147.000 Masken kostenlos an Bedürftige verteilen. Schon am Montag, 27. April, sollen die meisten davon den Bezirken zugestellt werden. Die Masken sind für diejenigen bestimmt, die keine Möglichkeit haben, sich eigene Masken zu besorgen. Laut Senat können Bürger die Masken bei den örtlichen Rathäusern abholen. Details sind dazu aber noch unklar.

Im Kiez gibt es inzwischen viele Ini­­tiativen, die solche Behelfsmasken aus Stoff selbst herstellen. Dabei gilt, dass sie den Träger nicht vor dem Corona-Virus schützen, unter Umständen aber das Risiko vermindern, dass er andere ungewollt infiziert.

  • mog61 Miteinander oh­ne Grenzen e.V. hat früh begonnen, Masken zu nähen. Sie kommen sozialen Organisationen, Mitgliedern von Risikogruppen, Men­schen mit systemrelevanten Berufen und Geflüchteten zugute und sind kostenlos. Wer noch mithelfen möchte, ist herzlich willkommen. Der Verein freut sich auch sehr über Stoffspenden (vgl. Interview auf Seite 10).
  • Auch das Nachbarschaftshaus Urban­straße will nach mog61-Vorbild G­e­­sichts­masken nähen und sucht Stoffe aus reiner Baumwolle.
  • Bei der WollLust in der Mittenwalder Straße werden ebenfalls hübsche Masken genäht. Der Erlös geht an Kneipen, die wegen Corona schließen mussten, etwa an den UnterRock, an Backbord und Dodo.

Insgesamt entsteht derzeit der Eindruck, dass Masken nicht mehr ausverkauft, sondern hier und da zu kriegen sind. Wenn es nicht um eine Spende geht, sollte man sich aber vor überhöhten Preisen hüten. Als eine fliegende Händlerin am Marheinekeplatz kürzlich das Geschäft ihres Lebens machen wollte, wurde sie prompt als »Krisengewinnlerin« beschimpft.

Kommentar: Fauler Kompromiss

Update: Maskenpflicht jetzt auch im Einzelhandel



Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

Fast wie in der Kneipe

Online-Treffpunkt bei mog61

Marie Hoepfner. Foto: ksk

Marie Hoepfner ist Vorsitzende des Vereins mog61 Miteinander oh­ne Grenzen e.V. Mit ihr sprach Klaus Stark.

KuK: Schick schaust du aus mit Maske! Hast du die selbst gemacht?

Marie: Danke, danke! Ja, das ist eine von den fast 600 Stück, die mog61 inzwischen hergestellt hat. Wir sind zwölf Leute, darunter zwei Jugendliche. Die einen schneiden den Stoff zu, andere bügeln die Falten rein, nähen die Bänder oder machen die Masken fertig.

Für wen sind die Masken bestimmt?

Große Posten gingen an das Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße, die Sozialstation der Diakonie und an die Caritas. Weitere Masken sind für Kitas und Menschen, die Risikogruppen angehören oder in systemrelevanten Berufen arbeiten wie Krankenschwestern und Ehrenamtliche.

Warum macht ihr das?

Mund-Nasen-Masken von mog61. Foto: mog61

Es ist uns wichtig, in Zeiten von Corona unseren Teil beizutragen – auch wenn es nur ein kleiner Beitrag ist. Wir wollen uns solidarisch zeigen und helfen.

mog61 hat wegen Corona auch einen Online-Treffpunkt eingerichtet.

Ja, es geht darum, bei aller sozialer Distanz so etwas wie Nähe zu behalten. Es gibt verschiedene Themen. Mittwochs kann man mit Maike über Dinge reden, die einen belasten, und sich Mut zusprechen lassen. Donnerstags liest Gabi lustige und ernste Geschichten vor. Freitags ist Plauder­ecke mit Hilfsangeboten in der Nachbarschaft.

Kommt der virtuelle Treffpunkt gut an?

Wir machen das ja erst seit drei Wochen, so etwas muss sich etablieren. Aber wir hatten schon viele sehr gute Unterhaltungen. Simone etwa stammt aus Wien und hat erzählt, wie das mit Corona in Österreich läuft. Es ist ein wenig wie in der Kneipe, nur dass jeder sein Bier alleine trinkt.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Mai 2020.

„Miteinander, füreinander, gemeinsam gegen Corona!“

Marie Hoepfner erklärt, wie mog61 für Zusammenhalt in schwierigen Zeiten kämpft

Wirkt inzwischen sehr fremd, ist aber noch gar nicht so lange her. Dieses Jahr wird es wohl kein mog61-Straßenfest in der MIttenwalder geben. Foto: mog61

Durch die Corona-Pandemie hat sich unser Alltag drastisch verändert. Auch der Verein mog61 – Miteinander ohne Grenzen e.V. ist in seiner Tätigkeit stark eingeschränkt. Alle unsere Aktivitäten sind derzeit bis auf Widerruf ausgesetzt. Aber unser Motto »Miteinander sind wir stark« gilt natürlich umso mehr in Zeiten von Covid-19. Wir möchten in dieser herausfordernden Situation zu einem solidarischen Miteinander und einer verlangsamten Ausbreitung des Virus sichtbar beitragen.

Helfen bedeutet im Moment, auf soziale Aktivitäten zu verzichten. Aber helfen kann man auch kontaktlos:

  • Wir sammeln auf unserer Webseite unter »Miteinander, füreinander, gemeinsam gegen Corona!« gute Beispiele, wie man sich gegenseitig beistehen kann.
  • Durch unser Netzwerk bieten wir Hilfen für Einkauf, Gassi gehen, Müll runterbringen und ähnliches an.
  • Wir koordinieren die Unterstützung im Kiez im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Bei uns melden sich viele Menschen, die sich engagieren wollen.
  • Wie beim Straßenfest bieten wir kleine Fahr-ad-Reparaturen kostenlos an. Fahrräder sind im Moment das Fortbewegungsmittel der Wahl.
  • Wir haben »Gabenzäune« eingerichtet für Spenden an Obdachlose und Bedürftige.

Mund-Nasen-Masken, bunt und kostenlos

In der Corona-Krise gibt es einen großen Bedarf an Atemschutzmasken. Wir starten deshalb ein neues Projekt: Mit dem Stoff, den wir freundlicherweise von dem Geschäft »Die WollLust« in der Mittenwalder Straße erhalten haben, näht Marianne kostenlose Mund-Nasen-Masken.

Um mehr und schneller Masken zu produzieren, suchen wir freiwillige Näher*innen und Helfer*innen, die bei der Herstellung Aufgaben übernehmen können. Folgende Arbeitsteilung ist vorgesehen: Maske zuschneiden, falten, bügeln und Maske fertig nähen. Marianne, die für mog61 das Projekt »Nähen ohne Grenzen« geleitet hat, ist gelernte Schneiderin und begleitet euch bis zu der fertigen Maske.

Achtung: Unsere Masken sind weder geprüft noch zertifiziert. Sie bieten keinen Schutz gegen Covid-19, können aber die Verbreitung von Tröpfchen reduzieren und das Risiko einer Schmierinfektion durch Berührung des Gesichts mit den Händen min-dern. Sie entbinden nicht von der Einhaltung der empfohlenen Hygieneregeln wie Abstand halten und sorgfältiges Händewaschen.

Wem es schon im normalen Leben schwer fällt, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, hat es angesichts von Isolation und Ausgangsbeschränkungen nicht leichter. Außerdem vermissen viele sicherlich auch das tägliche Abend-Bierchen in der Eckkneipe.

Mehrmals die Woche online plaudern

Deshalb wollen wir ohne Körperkontakt zusammenrücken und bieten regelmäßig mehrmals pro Woche online eine Video- oder Audio-konferenz an, bei der die Teilnehmer*innen sich unterhalten, Tipps zu Online-Kulturangeboten oder einfach nur Ratschläge gegen die Langeweile austauschen können. Wir wollen damit den Zusammenhalt fördern, die Nachbarschaftshilfe unterstützen und für Unterhaltung sorgen.

Wir sind füreinander da, wir gestalten und sehen nicht nur zu! Wer Unterstützung anbieten will, selbst benötigt oder einen kennt, der welche braucht, meldet sich bitte unter info@mog61ev.de

→ Zum mog61-Maskenprojekt

→ Zum mog61-Online-Kieztreffpunkt

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Mag Lupinen und Glockenblumen

Wildes Kreuzberg: Waldmaus (Apodemus sylvaticus) / Mindestens drei Familien sind im Kiez unterwegs

Apodemus sylvaticus bei nächtlichen Abenteuern. Foto: ksk

An der Kreuzung Mittenwalder / Gneisenaustraße wohnen mindestens drei Mäusefamilien. Die eine ist hinter einem Regenfallrohr gleich rechts vom Edeka-Markt zu Hause. Nachts wagen sich die Angehörigen mutig aufs Trottoir, schnuppern neugierig auf der Baumscheibe herum, wo im Moment schöne gelbe Narzissen blühen, und verschwinden dann wieder schnell in einem kleinen Loch am Verteilerkasten.

Die zweite ist unten an der U-Bahn zugange und scheint eine ziemlich große Sippe zu sein. Wenn man genau hinguckt, sieht man ab und zu ein graues Mäuschen über den Schotter wieseln. Dann machen die Touristen »Ah« und »Oh« (jedenfalls taten sie das, als in Berlin noch Touristen erlaubt waren), schnippen ein Stück Abfall auf die Gleise und die Mäuse freuen sich. Der U-Bahn-Lärm scheint sie nicht zu stören. Ob die beiden Clans sich gegenseitig besuchen, weiß man nicht, aber bei so Mäusen muss man mit allem rechnen.

Die dritte Familie bewirtschaftet das Straßenbegleitgrün oben vor der »Transmitter«-Sprachschule, wo seit letztem Sommer der Verein »mog61 Miteinander ohne Grenzen« Blumen pflanzt. Oder vielmehr zu pflanzen versucht. Denn die Mäuse dort lieben nicht nur die Körner heiß und innig, welche Rentner Herrmann mit vollen Händen an Spatzen verteilt, sondern auch die kleinen grünen Sämlinge. »Lupinen und Sonnenblumen haben sie ratzeputz aufgefressen«, klagt mog-Gärtner K. empört. »Und von den hübschen Glockenblumen, die uns Frau Koll geschenkt hat, ist auch fast nichts mehr übrig!«

Bleibt zu hoffen, dass die Koexistenz zwischen mog61 und den Mäusen dieses Jahr besser funktioniert. Es ist übrigens nicht ganz sicher, welche Spezies es genau ist. Vieles spricht für die Waldmaus. Wer beweisen kann, dass es sich um eine überaus ähnliche, selbst von Experten kaum unterscheidbare Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis) handelt, bekommt eine Tüte Gummibärchen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom April 2020.

Nur von den Obdachlosen ist keiner da

Der Wind bläst kalt ins Gesicht und die Strecke zieht sich: »Nacht der Solidarität« mit mog61 e.V.

Um halb zehn zieht der erste Trupp los. Mit hellblauen Warnwesten, die Taschenlampen griffbereit und – glaubt man den entschlossenen Gesichtern – für alles gerüstet, was da in dunkler Nacht auf einen zukommen mag. Nein, keine Polarexpedition, nur die »Nacht der Solidarität«.

In ganz Berlin wollten 2600 Freiwillige mithelfen, erstmals obdachlose Menschen zu zählen. Mehr als 100 sind im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße versammelt, das als Zählbüro dient. Vom Verein »mog61 – Miteinander ohne Grenzen« ist Marie dabei, als Teamleiterin.

In gewohnter Großzügigkeit gibt es erst mal tonnenweise Butterbrezeln, Kekse und Getränke. Erneut werden wichtige Regeln verkündet: Wir machen keine Fotos! Wir wecken niemanden auf! Wir sprechen sanft und leise!

Zu Maries Team gehören acht Leute, viele kommen aus dem sozialen Bereich. Sie machen sich flüchtig bekannt, Aufgaben werden verteilt. Wer bestimmt den Weg? Wer hält das Licht? Gewissenhaft wird geprobt: »Möchten Sie mit uns sprechen? Schlafen Sie auf der Straße?

«Draußen regnet es glücklicherweise nicht. Es ist eher mild, aber der Wind bläst kalt ins Gesicht. Gute Idee, das mit dem zusätzlichen Pulli. Busse fahren, auf den Straßen ist kaum jemand unterwegs. Ein ganz normaler Wochentag, zwei Stunden vor Mitternacht. Der Zählbezirk südlich des Landwehrkanals zieht sich, wenn man jede, aber auch jede Straße abläuft. Eine Passantin sagt: »Gut, dass ihr das macht!«

Nach zwei Stunden tun tatsächlich die Beine weh. Das Ergebnis: Team »Kreuzberg 8« hat keinen einzigen Obdachlosen entdeckt, nur drei verlassene Schlafstellen, die vielleicht im Sommer benutzt werden. Marie macht das nichts: »Das war nur der Anfang. Mit dem Thema Obdachlosigkeit wollen wir uns künftig intensiver beschäftigen.«

 

Erschienen in der gedruckten KuK vom Februar 2020.

Mit List und Liebe

Märchenhaftes bei Nonne & Zwerg

Otmane Lihiya. Foto: ksk

Viele hatten sich die Tagen zuvor gefragt: Was ist das für ein Märchen, das Otmane vorlesen wird? Ein marokkanisches? Und er hat es selbst als Jugendlicher erzählt bekommen, aufgeschrieben und dann vom Arabischen ins Deutsche übersetzt?

Es war ein wunderbares Märchen, das Otmane Lihiya am 24. November im Souterrain von »Nonne & Zwerg« vorlas. Der Raum war bis auf den letzten Platz besetzt und alle lauschten gespannt der lustigen Geschichte, wie Aicha, die Tochter des Schreiners, den Sohn des Sultans immer wieder an der Nase herumführt und beide am Ende doch ein glückliches Paar werden.

Bei gedämpfter Beleuchtung entführte Otmane einfühlsam in die Welt der Märchenerzähler auf dem »Djemma el Fna« in Marrakesch, beantwortete nach der Pause mit einem leckeren kalten Büffet viele Fragen und am Ende waren alle froh, dass der Verein mog61 Miteinander ohne Grenzen e.V. einen so gelungenen Abend organisiert hatte.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2019.

Wasser marsch!

mog61 sitzt nicht auf dem Trockenen

Der Verein »Miteinander ohne Grenzen – mog61 e.V.« veranstaltet nicht nur das jährliche Straßenfest in der Mittenwalder Straße und organisiert im Sommer eine Bühne zur »Fête de la Musique«. Schon vor Jahren sah mog61 mit Blick auf den Klimawandel auch nach Baumscheiben und anderem Straßenbegleitgrün.

In diesem Sommer beteiligte sich der Verein an der Aktion »Jede Wiese zählt!« des Netzwerks Nachbarschaft und nahm sich besonders der Stockrosen am U-Bahnhof Gneisenaustraße an. Einziges Problem – zumal in einem so heißen, trockenen Sommer: Woher kommt das Wasser zum Gießen?

Die Schwengelpumpe K092 vor der Hausnummer 44 könnte es liefern, die ist aber leider kaputt. Die Lösung kam in Gestalt von Felix Weisbrich, dem Chef des Straßen- und Grünflächenamts des Bezirks: Der stellte unbürokratisch ein Standrohr zur Verfügung, mit dem Wasser aus Hydranten am Straßenrand entnommen werden kann. Die Stockrosen sind gerettet und Vereinschefin Marie Hoepfner sagt: »Wir sind dem Bezirk ganz besonders dankbar, dass er uns geholfen und uns nicht auf dem Trockenen sitzen gelassen hat!«

Erschienen in der gedruckten KuK vom Oktober 2019.

Mit Feuerwehr und Fahrradcheck

In der Mittenwalder ist am 7. September zum siebten Mal großes Straßenfest

Ausgelassene Stimmung in der Mittenwalder Straße beim Fest im vergangenen Jahr. Foto: mog 61

Das Fest ist ganz bewusst nicht-kommerziell – das heißt, die Rostbratwurst ist erschwinglich und die anderswo üblichen Billigprodukte aus Fernost fehlen sowieso. Am Samstag, 7. September, von 12 bis 22 Uhr ist wieder Straßenfest in der Mittenwalder Straße. Zum siebten Mal übrigens – schon eine kleine Tradition.

Organisiert wird das Fest vom Verein »mog 61 – Miteinander ohne Grenzen«. Einer der Höhepunkte ist ein knallrotes Feuerwehrauto der  Wache Urban, an dem vor allem Kinder ihr Vergnügen haben dürften. Es gibt Bachi-Ki-Do-, Aikido- und Capoeira-Vorführungen, ein Kinderprogramm mit Clowndame Julchen und andere spannende Mitmachaktionen. Außerdem den fast schon traditionellen kostenlosen Fahrradcheck.

Dazu natürlich eine große Bühne mit Live-Musik, auf der in diesem Jahr unter anderem die Musikschule BKMZ Musik aus Anatolien präsentieren wird. Das Lesezelt, das letztes Jahr so großen Anklang fand, wird es ebenfalls wieder geben. Die Künstlerinnen Maria M. Hahmann  und Kerstin Zobus stellen im Rahmen der ART Kreuzberg auf dem Fest ihre Werke vor.

Und Essen und Trinken? Erstmals werden in diesem Jahr äthiopische Speisen angeboten. Singhalesisch, italienisch, türkisch, Rostbratwürste sowieso. Bier auch.

Zum siebten Mal

Marie Hoepfner ist Vorsitzende des Vereins mog 61 e.V., der das Straßenfest zum siebten Mal veranstaltet. Foto: ksk

Marie Hoepfner ist Vorsitzende des mog 61 e.V., der das Mittenwalder Straßenfest organisiert.

KuK: Was ist das Besondere am diesjährigen Straßenfest?

Marie: Wir haben zum ersten Mal äthiopisches Essen. Darauf freue ich mich ganz besonders.  Insgesamt sind wir sehr multikulturell aufgestellt: Die türkische Musikschule ist mit dabei. An einem Stand wird ein Friseur die Haare schneiden. Er ist ein Geflüchteter, und wir wollen so zeigen, dass Integration funktioniert.

Was war diesmal am schwierigsten?

Weil die Standgebühren so niedrig sind, melden sich immer wieder Leute an und springen dann in letzter Minute ab. Das ist für uns schwierig zu koordinieren. Außerdem gibt es eine große Baustelle in der Straße. An einer anderen Stelle waren Tiefbauarbeiten geplant, die wurden glücklicherweise verschoben.

Funktionierte der Kontakt mit dem Ordnungsamt?

Seit 2013 werden wir vom Ordnungsamt Friedrichshain-Kreuzberg immer, immer unterstützt. Ohne diese Hilfestellung wäre so ein Fest nicht zu machen.

Wie wird das Straßenfest überhaupt finanziert?

Wir bekommen keine institutionelle Förderung und sind komplett auf Spenden angewiesen. Wichtigster Baustein dabei ist die kräftige Unterstützung durch »Aktion Mensch«. Von Stromnetz Berlin bekommen wir nicht nur den elektrischen Strom, sondern auch den Anschluss umsonst. Das wären sonst mehr als 2000 Euro. Dafür bedanken wir uns sehr.

Gibt es auch wieder den legendären Fahrradcheck?

Ja. Die Idee ist, dass die Leute ihr Fahrrad mitbringen. Wir gucken dann, ob alles in Ordnung ist. Kleine Reparaturen können kostenlos vor Ort erledigt werden, bei größeren Sachen gibt es eine Empfehlung fürs Fachgeschäft.

Kannst du in der Nacht vor dem Fest überhaupt schlafen?

Ja, das geht schon. Es ist ja mittlerweile das siebte Straßenfest, das wir organisieren, und vieles ist inzwischen Routine geworden. Obwohl im letzten Moment immer wieder Probleme entstehen, wo man sie vorher am wenigsten erwartet hat.

Nicht nur für Kinder

»Es geht darum, sich selbst zu finden«, sagt Ralf Bartzsch. Foto: ksk

Wer glaubt, Bachi-Ki-Do sei nur eine Sache von Muskelkraft und von roher Gewalt, liegt ganz falsch. »Es geht darum, sich selbst zu finden«, erklärt Ralf Bartzsch. »Um Fragen wie: Wer bin ich? Bin ich stark? Durch das Training soll Selbstbewusstsein entstehen und

Ausstrahlung, damit man gar nicht erst in schwierige Situationen kommt.«

Der 65-Jährige hat Bachi-Ki-Do begründet und aus anderen chinesischen Kampfkünsten für moderne Zeiten weiterentwickelt. Auf dem Straßenfest gibt seine Kampfsportschule Proben ihres Könnens. 

Gleich daneben breitet der Kranich Dojo vom Mehringdamm seine Matte aus und demonstriert Aikido – eine  traditionelle japanische Kampfkunst, bei der ebenfalls Konzentration, Disziplin und Selbstbehauptung im Mittelpunkt stehen. Und der Capoeira Angola e.V. ist mit einer Kampftanz-Show vertreten. Capoeira stammt aus Brasilien und wurde dort während der Kolonialzeit von aus Afrika verschleppten Sklaven praktiziert.

Außerdem gibt es auf dem mog-Straßenfest wieder viele spannende Mitmachspiele für Kinder mit Clowndame Julchen, Kinder­yoga und einen kreativenTextildruck-Workshop – der ist aber auch für interessierte Erwachsene.

Essen & Trinken

Ethiopia Mandefro  serviert leckere Speisen auf Injera. Foto: privat

Zum ersten Mal ist auf diesem Straßenfest ein Stand mit original äthiopischem Essen vertreten. Ethiopia Mandefro  vom »Little Ethiopia« in der Gneisenaustraße 63 serviert leckere Speisen auf Injera, dem leicht säuerlich schmeckenden  Fladenbrot, das in Afrika traditionell auf einem heißen Stein  gebacken wird. Vegan mit Linsensoße, Grünkohl, Weißkohl, Karotten und Kartoffeln oder mit scharfem Rindfleisch und mildem Hüttenkäse. 

Aber das ist nicht alles: Außerdem gibt es leckere  Gemüse- und Fleischgerichte aus Sri Lanka, gut gewürzte türkische Köfte direkt vom Grill, italienische Kleinigkeiten und natürlich die klassische Rostbratwurst im Brötchen mit Ketchup oder Senf. Und »ganz, ganz viel Kuchen«, wie mog-Chefin Marie Hoepfner versichert.

Und zu trinken? Fassbier ohne Ende, spanische Weine von »Wein & Vinos«, Cocktails, Raki, die üblichen Softdrinks und selbstverständlich Kaffee.

Knallrote Feuerwehr

Das Lösch- und Hilfsfahrzeug (LHF) 16/12 wurde speziell für die Großstadt  entwickelt. Foto: ksk

Auf der Feuerwache Urban in der Wilmsstraße ist neben der  Berufsfeuerwehr auch eine Abteilung der Freiwilligen Feuerwehr stationiert. Mit ihren 19 Mann und einer Frau rückt sie immer aus, wenn die hauptberuflichen Kollegen Unterstützung brauchen. Deshalb müssen Ausbildung und  Qualifikation genauso gut sein wie bei der Berufsfeuerwehr. Die freiwilligen Feuerwehrleute haben ständig einen Piepser dabei und im Alarmfall sind sie innerhalb von 30 Minuten einsatzbereit.

Ihr Schmuckstück und Hauptarbeitsmittel ist ein Lösch- und Hilfsfahrzeug (LHF) 16/12, das speziell für die Großstadt  entwickelt wurde. Es hat einen Löschwassertank mit 1200 Litern, Pumpe, Schaummittel und  jede Menge technische Geräte an Bord. Das knallrote Feuerwehrauto ist eine der Hauptattraktionen dieses Straßenfestes. Kinder können sich die Technik erklären lassen und auch darin herumklettern.

»Natürlich kann es bei so einem Einsatz auch mal gefährlich werden«, gibt der stellvertretende Wachleiter Dominique Schimo Auskunft. »Aber aufgrund unserer Ausbildung ist das ein kalkuliertes Risiko. Im Grunde leben wir hier den Traum jedes kleinen Jungen aus.«

Kultur im Lesezelt

Carpathia-Verleger Robert S. Plaul will Literatur auf die Straße bringen. Foto: ksk

Auch diesmal gibt es auf dem Straßenfest wieder ein Lesezelt. Die Idee stammt vom Carpathia Verlag und stieß im vergangenen Jahr auf große Resonanz. Autoren und Autorinnen von Kleinverlagen im Kiez und anderswo lesen zwischen 15 und 20 Uhr aus ihren Werken, jeder eine halbe Stunde lang. »Wir wollen damit Kultur auf die Straße bringen und gleichzeitig die Vielfalt des Programms unabhängiger Verlage zeigen«, so Carpathia-Chef Robert S. Plaul. Das Programm:

15:00 Nadire Biskin: »Flexen. Flâneusen* schreiben Städte« (Verbrecher Verlag)

15:45 Carsten Zehm: »Operation Romulus« (acabus Verlag)

16:30 Maik Gereckes: »Zerschlagen« (VHV-Verlag)

17:15 Kathrin Wildenberger: »ZwischenLand« (Verlag duotincta)

18:00 Thilo Bock: »Der Berliner ist dem Pfannkuchen sein Tod« (Satyr Verlag)

18:45 Tibor Baumann: »Was du nie siehst« (Carpathia Verlag)

19:30 Marion Alexa Müller: »Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren« (Periplaneta Verlag).

Und weil wir schon bei der Kultur und beim Lesen sind: Natürlich ist auch die KuK-Redaktion auf dem Fest mit einem eigenen Stand vertreten.

Musikprogramm

13:30 Barny and the Pale Blue Dot Arkestra 

(Jazz / Soul / R&B / Rap)

Barny ist ein alter Bekannter, der schon auf früheren Straßenfesten mit dabei war. Jetzt hat er sich eine Band zugelegt. Neben Gesang und Keyboards gibt es nun auch Gitarre, Schlagzeug und Bass.

15:00 Bildung Kultur Musik Zentrum e.V.

(Musik aus Anatolien)

Das BKMZ von Müzik Okulu ist eine Musikschule in der Mittenwalder Straße 15. Es treten Kinder, Jugendliche und Frauen auf und natürlich darf auch getanzt werden!

17:00 Melodi

(Pop und Balladen)

Melodi ist 17 Jahre alt und macht eine Ausbildung als Altenpflegerin. Sie singt auf Englisch – zum Beispiel den berühmten Song »Hallelujah«.

17:30 DJ Mixanthrope

(Afrikanische Musik zum Tanzen)

DJ Mixanthrope kommt aus Frankreich und legt afrikanische Musik auf, die er auf ausgesprochen kreative Weise verändert. Kenner der Szene sagen über ihn: »He loves shaking dancefloors with african voices, electronic beats and tropical grooves.«

19:30 Pirilampos Experimental Flights

(Musik mit südafrikanisch-brasilianischen Wurzeln)

Pirilampos spielten diesen Sommer beim »Karneval der Kulturen«. Meditative Gedichte treffen auf heiße Rhythmen, traditionelle afrikanische Instrumente auf modernen Pop. 

21:00 Orquesta Randalera

(Swing / Latin / Rock / Jazz / Funk)

Das Orquesta Randalera beweist, dass Humor und Musik zusammengehören. Die witzigen spanischen Texte machen sich über das nicht immer einfache moderne Leben lustig, und die Musik reißt selbst den mit, der nicht besonders gut Spanisch versteht.

Die komplette Themenseite mit Plan vom Straßenfest gibt es hier als PDF zum Downloaden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2019.

Den Sommeranfang feiern mit Musik an allen Ecken

Wieder viele Kreuzberger Bühnen zur Fête de la Musique

mog61-Bühne auf der Fête de la MusiqueMusik umsonst und draußen. Die Fête de la Musique fällt 2019 auf einen Freitag. Foto: phils

Mit erfreulich wenig gesperrten Straßen kommt wie immer die Fête de la Musique zum Sommeranfang am 21. Juni aus. Na gut – die Fürbringerstraße (zwischen Mittenwalder und Schleiermacherstraße) hat’s mal wieder erwischt – aber die ist ja auch keine wichtige Durchgangsstraße und dafür steht da dann auch wie schon in den letzten Jahren die vermutlich größte Bühne im Kiez, gemeinsam organisiert vom Verein mog61 e.V. und dem unterRock. Hier gibt es von 16 bis 22 Uhr ein hochkarätiges Programm mit Schwerpunkt Rock. Tipp der Redaktion: Die Potsdamer Band Sonator ganz am Ende. Wenige Meter weiter verbindet das House of Life auch in diesem Jahr die Fête mit ihrem jährlichen Sommerfest. Hier geht es schon um 15:45 Uhr los mit der Verleihung des »Prize of Life«, danach wird mit mehreren Livebands und gutem Essen gefeiert.

Ebenfalls eine feste Größe ist die Bühne auf dem Marheinekeplatz vor dem Matzbach. Das Programm stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest, aber aus gut unterrichteten Kreisen ist zu vernehmen, dass am frühen Abend Berlin Beat Club dort auftreten wird – wer die beste (Rock‑)Musik der Hippie-Ära mag, ist da richtig.

Gerne würden wir an dieser Stelle auf die Webseite der Fête de la Musique verweisen, allerdings ist diese bisher alles andere als vollständig, sowohl bezüglich der Bühnen als auch bezüglich des Programms. Daher ganz kurz und knapp noch ein paar andere Orte in Kreuzberg, an denen in der kürzesten Nacht des Jahres Musik gemacht wird. Überall – wie immer zur Fête – ist der Eintritt frei:

  • Passionskirche (Marheinekeplatz): Chormusik
  • Dodo (Großbeerenstraße): Buntes Programm von Singer/Songwriter bis Pop und Rock
  • Melitta Sundström (Mehringdamm): Nicht nur Pop im wandernden Wohnzimmer »Jesterfield«
  • Gretchen (Obentrautstraße): Blockparty mit Tanzmusik live und vom Plattenteller
  • Regenbogenfabrik (Lausitzer Straße): Kinderprogramm, Drehorgel und mehrere Bands
  • Birgit und Bier (Lohmühleninsel): Blues und Blech
  • Exploratorium (Mehringdamm): Experimentelles mit teils sehr ungewöhnlichen Instrumenten
  • Bona-Peiser-Projekträume (Oranienstraße): Rap, Jazz und Musikprojekte aus dem Kiez
  • Expedition Metropolis (Ohlauer Straße): Folk, Mathrock, Indie
  • Pirata Patata (Kotti): Punk, Indie and more
  • unterRock (Fürbringerstraße): Rock
  • Matzbach (Marheinekeplatz): Rock

Aus Gründen des Lärmschutzes ist um 22 Uhr überall draußen Schluss, aber danach geht für die echten Nachteulen in einigen Locations die Fête de la Nuit drinnen weiter – und das ohne Reue, da der 21. Juni ja 2019 auf einen Freitag fällt. Junction Bar (Gneisenaustraße), Gretchen und Ritter Butzke seien hier als geeignete Party-Locations empfohlen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2019.

Der Kiez hat was auf dem Kasten

Erstaunlich, wie eine kleine Idee plötzlich große Wellen wirft. Erst sollten es ja nur ein paar Kinder aus dem Kiez sein, die ein paar Verteilerkästen in der Mittenwalder Straße verschönern sollten. Inzwischen ist daraus ein ganzes Konzept für den Kiez geworden. Die Presse interessiert sich für das Treiben zwischen Blücher- und Gneisenaustraße. Es sieht nicht so aus, als ob das Projekt in absehbarer Zeit beendet würde. Im Gegenteil. Bunt bemalte ehemals graue Kästen könnten im ganzen Bezirk und vielleicht auch in der ganzen Stadt in Mode kommen. Wenn das passiert, dann hat einer ein Problem – und das ist der Energieversorger Vattenfall. Der ist ob seiner Preispolitik eh nicht besonders hoch angesiedelt auf der Beliebtheitssakala in der Stadt. Er tritt bei Großveranstaltungen gern mal als Sponsor auf, kleinere Projekte werden dagegen arrogant behandelt. Das könnte sich noch rächen.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2012.

Bunte Kästen machen Schule

Projekt der MOG61 bekommt ganz neue Dimensionen

Angefangen hatte alles mit einer Idee, die eigentlich in erster Linie die Mittenwalder Straße ein wenig aufhübschen sollte. Mittlerweile hat sich das Projekt der MOG61 so verselbständigt, dass der ganze Kiez bunter wird. Außerdem sind berlinweit die Medien darauf aufmerksam geworden, dass einige graue Verteilkästen von Post und Telekom plötzlich quietschbunt mit allen denkbaren Motiven erstrahlen.

Die ersten Kästen wurden noch von Grundschülern aus der Reinhardswaldschule bemalt. Sie wurden dabei von dem Künstler Andora unterstützt. Im Sommer waren es dann Fünft- und Sechstklässler, die ihre künstlerische Ader an den Kästen erprobten. Und damit noch nicht genug. Die »Nachfolger« kamen aus dem Abiturjahrgang des Leibniz-Gymnasiums, wo das Kastenbemalungsprojekt sogar zum Objekt des Kunst-Leistungskurses geadelt wurde.

Die Vorsitzende des Vereins MOG61, Marie Hoepfner, stellt sich für die Zukunft sogar eine generationsübergreifende Zusammenarbeit vor. Wer jetzt schon dabei ist, ist Rick Ellis, vielen im Kiez bekannt, als früherer Wirt des »Mrs Lovell«. Doch Rick ist auch Künstler, der sich unter anderem auf das Schildermalen versteht, an großen Zeichentrickfilmen mitgewirkt hat, aber auch schon Zirkus- und Schaustellerwagen bemalt hat. Für ein solches Projekt, in dem es darum geht, die Straßenumgebung bunter zu gestalten, ist er nachgerade die Idealbesetzung.

Wenn es nach der MOG geht, dann sollen Rick und Andora nicht die einzigen Künstler sein, die sich an dem Bemalungsprojekt beteiligen. Im kommenden Jahr sollen auch junge Künstler in die Aktion mit einbezogen werden.

Bislang sind 19 Kästen im Kiez bemalt. Sie stehen in der Mittenwalder, der Fürbringer, der Schleiermacher und der Blücherstraße. Doch das soll längst noch nicht alles sein. Schließlich ist Kreuzberg groß und mit der Bemalung in der Gneisenaustraße warten schon die nächsten grauen Kästen auf ihre Verwandlung in ein buntes Kunstwerk.

Nur Vattenfall bleibt stur

Das ist zwar keine übermäßig teuere, aber sehr effektive Art, das Wohnumfeld zu verschönern. Trotzdem gibt‘s das alles nicht umsonst. Unterstützt wird die MOG61 dabei von Malerbetrieb Peter Dietze, der die Kästen grundiert und Farben zur Verfügung stellt.

Doch selbst, wenn die Idee noch weitere Kreise ziehen sollte, wird es trotzdem ein paar graue Flecken geben. Nicht nur Post und Telekom haben Kästen aufgestellt, sondern auch der Stromversorger Vattenfall. Der hat es bislang abgelehnt, seine Kästen bemalen zu lassen. Es wird vermutet, dass er sie als Werbeflächen nutzen will. Zumindest das wird den Kiez auch ein wenig bunter machen. Allerdings stellt sich die Frage, ob das dann so farbig und fidel wird, wie die jetzige Bemalung.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Dezember 2012.