Baby, you can park my car

Marcel Marotzke hat nicht reserviert

Display eines Parkscheinautomaten: »Kein Vorverkauf!«Kein Vorverkauf und draußen nur Kännchen: Parkscheinautomat mit typisch Berliner Servicebewusstsein. Foto: rsp

Ich habe es schon einmal gestehen müssen: Ich bin Besitzer eines Autos mit Verbrennungsmotor, schlimmer noch: mit Dieselmotor. Zu meiner Verteidigung kann ich allerdings anführen, dass dieses Auto, gerade in letzter Zeit, praktisch nie bewegt wird, außer wenn am augenblicklichen Standort gerade Baumschnitt- oder Dreharbeiten, Umzüge, Straßenfeste, U-Bahnhof-Deckensanierungen oder Erneuerungen der Strom-, Wasser-, Gas-, Telefon- oder Kabelanschlussleitungen stattfinden. Im Schnitt tritt ein solcher Fall zwar alle zwei Wochen ein, aber da sich trotz Park­raum­be­wirt­schaf­tung im Nachbarkiez meistens doch irgendwann ein Parkplatz findet, sind meine automobilen Ausflugsstrecken in Summe vermutlich kürzer als die sporadischen Bewegungsfahrten eines durchschnittlichen Katastrophenschutzfahrzeugs – das dann allerdings auch etwa 40 Liter auf 100 Kilometer verbraucht, weil es Jahrzehnte vor der Ölkrise gebaut wurde.

Neulich war ich dann allerdings doch einmal mit der von mir liebevoll »Dreckschleuder« genannten Karre unterwegs, namentlich in einem Teil Berlins, in dem Park­raum­be­wirt­schaftung nicht wie in Kreuzberg als der letzte Schrei gefeiert wird, sondern seit Jahrzehnten etabliert ist.

Der dortige Park­schein­au­to­mat jedenfalls grüßte mich freundlich mit den Worten: »Kein Vorverkauf!«

Jedes Schild hat seine Geschichte, sagt man, und ich bin sicher, dass das auch für Anzeigen auf Parkscheinautomaten gilt. Was aber ist die Geschichte dieses Satzes? Oder anders gefragt: Wer käme auf die Idee, einen Parkschein im Vorverkauf zu erwerben?

Man stelle sich das vor: Das junge Paar sitzt abends noch bei einem Glas Rotwein zusammen, die Kinder sind schon im Bett, und dann sagt er: »Komm Schatz, lass uns am Samstag doch mal nach Steglitz zum Parken fah­ren!«

»Ach, ich weiß nicht«, sagt sie dann. »Da sind die Parkplätze doch immer so heiß begehrt.«

»Kein Problem, Schatz«, erwidert er, »ich kaufe uns einfach ein Ticket im Vorverkauf!«

Ähnlich wie bei der Deutschen Bahn ziehen dann am Samstag früh die Mitarbeiter des Ordnungsamtes von Automat zu Automat und legen die Disketten mit den Reservierungen ein. Manchmal klappt das natürlich nicht, weil irgendetwas bei der Datenübertragung schiefgegangen ist, und dann zeigt der Automat nur den Hinweis »Parkplatz ggf. freigeben« an oder »Reserviert für berlin.comfort-Kunden«. Immerhin muss man nicht befürchten, dass sich aus betrieblichen Gründen die Straßenreihung ändert und der reservierte Parkplatz plötzlich in Hellersdorf ist, während man doch eigentlich für Spandau reserviert hatte. Trotzdem bestünde natürlich die Gefahr, dass just am geplanten Park­aus­flugs­tag und -ort ein Umzug, Bauarbeiten oder eine Impfgegner-Demo stattfinden.

Wir sehen also: Vorverkauf macht nur Probleme. Rettung ist zum Glück in Sicht. Wie man liest, vergibt die Zulassungsstelle bis auf weiteres keine Termine mehr, so dass sich auch das mit den Parkplätzen bald erledigt hat.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Sinfonie der Großstadt in Textform

Wiederentdeckte Reportagen aus dem frühen 20. Jahrhundert Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts: eine Weltstadt im Werden. Hier gibt es mondäne Klubs und ausschweifendes Nachtleben, Warenhäuser und Sportereignisse, aber auch Prostitution, Kriminalität und große Armut. Der Journalist Hans Ostwald schickt Reporter- und Schriftstellerkollegen als »Sachkenner« in alle Winkel aus, um »Entdeckungsreisen in die nächste Nähe« […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Wildwest in der Körtestraße

Der Kampf um die Fahrradstraße Das Bild im Newsletter des Tagesspiegels entbehrte nicht einer gewissen Dramatik. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann stellte sich mitten in der Nacht in der Körtestraße einem BMW in den Weg. Tatsächlich muss es an jenem Abend zu dramatischen Situationen gekommen sein, als das Bezirksamt auf sehr unkonventionelle Art und Weise das neue […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Karstadt wird Pop-up-Kaufhaus

Ist Signa ein Segen oder ein Fluch für den Karstadt am Hermannplatz? Für die Fraktion der Grünen, der Linken und der PARTEI in der BVV ist das eine klare Angelegenheit. Sie wollen nicht, dass das Unternehmen Signa den Bau am Hermannplatz abreißt und nach historischem Vorbild wieder neu baut.

Der Einfluss der Bezirksverordnetenversammlung ist indes sehr beschränkt, denn seit der Senat das Verfahren an sich gerissen hat, bleibt nicht viel mehr als eine Resolution zu verabschieden. Und die wurde mit 17 zu 11 Stimmen noch nicht einmal mit einer überwältigenden Mehrheit angenommen.

Derweil arbeitet das Unternehmen des österreichischen Investors René Benko unbeirrt weiter an einer Charmeoffensive, die im vergangenen Jahr ihren Anfang nahm. Damals wurde durch den Hinterhof des Kaufhauses eine Radstraße als Verbindung zwischen Hasenheide und Ur­ban­stra­ße angelegt. Hinzu kamen Radparkplätze und eine Fahrradwerkstatt. Signa signalisierte damit, dass es hinter der Verkehrswende steht.

Am 9. September folgt eine weitere Neuerung. Das dritte Stockwerk wird für ein halbes Jahr für eine ziemlich ungewöhnliche Aktion freigeräumt. Zum ersten Mal bietet dann ein Kaufhaus in Deutschland auf einer ganzen Etage Gebrauchtwaren an.

Erschienen in der gedruckten KuK vom September 2020.

Das Blöde ist immer und überall

Ich kam ein paar Minuten zu spät zu meiner samstäglichen kolumnistischen Beratungsstunde. In Mitte war fast alles gesperrt gewesen, weil rund 20.000 Menschen dort allen Ernstes »für das Ende von Corona« demonstriert hatten, wie ich einem Plakat entnehmen konnte. Wie sie sich das vorstellten, war nicht recht verständlich, und dass keiner eine Maske trug, machte ihr eigenartiges Anliegen um so unglaubwürdiger. Immerhin, mit dem Sprechchor »Wir sind die zweite Welle« mochten sie recht haben. Es war erbarmungswürdig.

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Wirecard und die Bankräuber vom Hermannplatz

Es gibt ja so lustige Beispiele für deutsche Redewendungen, die sich keinesfalls und niemals wörtlich ins Englische übersetzen lassen, etwa: »Er macht sich aus dem Staub.« Das gleiche gilt für »Schwer auf Draht sein«. Okay, es klingt etwas angestaubt und für die Jüngeren unter uns: Jemand, der schwer auf Draht ist, ist einfach ein smarter Typ.

Und genau da hätte man es doch merken müssen. Ein Start-up, das sich 1999 den Namen »Wirecard« gab: Da konnte doch schon etwas nicht stimmen. Drahtkarte? Bei mir weckt das bestenfalls die Assoziation zum »Singenden Draht«, der Telegrafenleitung, die über hunderte von Kilometern das dampfende Ross durch die amerikanische Prärie begleitet, durchaus spannend, durchaus innovativ – aber eben im 19. Jahrhundert innovativ.

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Siggi mit der Hupe

Peter S. Kaspar denkt zurück an den KuK-Mitarbeiter Siegfried von Trzebiatowski Und dann war er eines Tages da – unüberhörbar. Die drei Stufen zur Eingangstür der Redaktion waren für Siggi und seinen E-Rolli eigentlich unüberwindbar. Doch er wusste sich bemerkbar zu machen. Seine durchdringende Ballonhupe am Rollstuhl war sein akustisches Markenzeichen im ganzen Kiez. Schon […]

»Rassismus« muss sichtbar werden!

Eine Analyse von mog61 e.V. in Kooperation mit Betroffenen / Zusammengetragen von Marie Hoepfner Der gewaltsame Tod des US-Bürgers George ­Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis schockierte Menschen weltweit und löste zu Recht Debatten aus. mog61 Miteinander ohne Grenzen e.V. möchte mit diesem Beitrag am Diskurs teilnehmen. Obwohl wir Diskriminierungen aller Art ablehnen, widmen […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Viel zu viele sind kaputt

Der legendäre KuK-Schwengelpumpen-Test geht online Sie steht direkt vor dem Puff in der Mittenwalder Straße 43, schaut wegen der vielen Aufkleber etwas vergammelt aus und wenn man nach dem Schwengel greift, merkt man gleich, dass da etwas nicht stimmt. Das ist Schwengelpumpe KB 092. Alteingesessene erinnern sich, dass sie beim ersten Straßenfest von mog 61 e.V. 2013 […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Dinieren statt Parkieren

Mehr als 110 Gastwirte aus Friedrichshain-Kreuzberg, davon etwa die Hälfte aus Kreuzberg, haben bislang von dem Angebot des Bezirks Gebrauch gemacht, eine zusätzliche Sondernutzungsfläche für die Außengastronomie zu beantragen. Für die sogenannten »X-Hain-Terrassen« wird, abhängig von der Größe des Lokals, ein gewisser Teil des Parkstreifens auf der Straße abgesperrt und steht temporär als erweiterte Bewirtungsfläche zur Verfügung – allerdings nur freitags bis sonntags von jeweils 11 bis 22 Uhr. Der Antrag selbst ist kostenlos, lediglich die Kosten für Halteverbotsschilder und Absperrungen müssen selbst getragen werden.

Erschienen in der gedruckten KuK vom August 2020.

Kisch & Co kämpft gegen Verdrängung

Gut 150 Menschen kamen Ende Juni zu einer Kundgebung vor der Oranienstraße 25 zusammen. Die dort seit 23 Jahren ansässige Buchhandlung Kisch & Co ist akut von Verdrängung bedroht. Nachdem Verhandlungen über eine Mietvertragsverlängerung mit dem neuen Hausbesitzer, einem anonymen luxemburger Immobilienfonds, gescheitert waren, steht der Buchladen seit Anfang Juni ohne Mietvertrag, aber dafür mit Räumungsaufforderung da.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Hauptsache nicht in aller Stille

Die Zeiten, in denen nach der überraschenden Schließung eines Ladens oder einer Kneipe nur ein kleiner Zettel mit der Aufschrift »Geschlossen wegen Geschäftsaufgabe« von den Hintergründen kündet, scheinen so langsam der Vergangenheit anzugehören. Initiativen wie »Bizim Kiez«, vor fünf Jahren gegründet, um einen Obst- und Gemüseladen im Wrangelkiez zu retten, haben dafür gesorgt, dass die […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juli 2020.

Die Nacht ist nicht lang genug

Man kann über die Corona-Pandemie und die Social-Distancing-Maßnahmen sagen, was man will, aber zu einem waren sie immerhin gut: Ich konnte mich endlich einmal mit dieser DVD-Box beschäftigen, die vor ein paar Monaten im Sonderangebot war: eine vollständige Sammlung sämtlicher James-Bond-Filme, die bislang erschienen sind und von denen ich tatsächlich einige noch nicht kannte.

Der Film-Marathon brachte im Wesentlichen drei Erkenntnisse:

Erstens: Eigentlich gibt es nur ein bis zwei wahre Bond-Darsteller.

Zweitens: Das ist aber egal. Heutzutage darf offenbar jeder Bond spielen.

Drittens: Die Handlung ist eigentlich genauso beliebig wie die Besetzung.

Aus all dem folgt zwingend, dass es auch genauso gut einen Kreuzberger Bond-Ableger geben könnte, um nicht zu sagen: sollte.

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.

Ungewöhnliche Offenheit

Marie Hoepfner macht eine literarische Entdeckung »Was du nie siehst« von Tibor Baumann ist ein biographischer Roman mit und über Hansi Mühlbauer. Ob ich ein 378 Seiten langes Buch über das Leben eines fremden Mannes, der weder berühmt noch mir irgendwie bekannt ist, lesen möchte, fragte ich mich beim Aufschlagen. Grenzt es nicht an Voyeurismus, […]

Erschienen in der gedruckten KuK vom Juni 2020.